[479] Diese Weltlage hat auch auf die Beziehungen zu Ägypten entscheidend eingewirkt. Chattusil hatte offenbar auch früher schon die Kriegspolitik seines Bruders nicht gebilligt, in der richtigen Erkenntnis, daß die Kräfte des Reichs ohnehin kaum ausreichten, die einzelnen Gebiete zusammenzuhalten und die fortwährenden Raubzüge der Gasgaeer abzuwehren. Auch in Ägypten wird man erkannt haben, daß in dem langen Ringen die Kräfte erschöpft waren und man nicht weiter kommen könne. So ist es etwa im Jahre 1278 zum Frieden zwischen beiden Reichen gekommen. Auch Urchitešub hat sich durch Vermittlung des Königs von Mirâ, eines Vasallen im südöstlichen Kleinasien, an Ramses gewandt und ihn um Hilfe gebeten; aber dieser zog es vor, mit Chattusil abzuschließen [480] und auch seiner Bitte um Unterstützung, vor allem, wie vor alters, mit Gold und Silber zu willfahren937.
Über den eigentlichen Friedensvertrag haben wir keine Kunde938. Er muß vor allem eine Abgrenzung der Machtbereiche enthalten haben. Damit wird zusammenhängen, daß Chattusil den von seinem Bruder abgesetzten Bentesina in Amurru unter den alten Bedingungen wieder einsetzte; das ist offenbar eine Konzession an Ägypten, das dafür auf die Oberhoheit über das Amoriterland und das Orontestal nebst Qadeš (Kinza) verzichtete. An der Küste wird der Eleutheros die Grenze gebildet haben.
Für Chattusil war die Beendigung des Kriegszustandes nur die Vorstufe zu einer festen Allianz mit Ägypten, die seinem Reich dauernd eine gesicherte Stellung gewähren sollte. Nach längeren Verhandlungen939 sandte er die von ihm entworfene [481] Fassung des Vertrages auf silberner Tafel; zur Beglaubigung war auf der Vorderseite das Bild des Königs, den der Gewittergott Tešub umarmt, auf der Rückseite das der von der Sonnengöttin von Arinna umarmten Königin Puduchepa eingefügt. Ramses nahm die Urkunde in seiner Residenz in der Ramsesstadt in Empfang und erwiderte sie durch eine inhaltlich identische Ausfertigung, in der die Zusagen von ägyptischer Seite den gleichlautenden von der anderen vorangehn; stark gekürzt hat er nur die Motive, in denen Chattusil erklärt, daß er das von seinem Bruder Muwattal unterbrochene Vertragsverhältnis der Zeit Subbiluljumas und Mursils wiederherstellen und verbessern will, gemäß dem Friedensverhältnis, das Rê' und Tešub seit der Urzeit zwischen beiden Ländern geschaffen haben. Die Urkunde ist ganz nach dem Muster der zahlreichen chetitischen Verträge aus dieser Zeit abgefaßt, nur daß diesmal beide Staaten vollständig gleichberechtigt nebeneinander stehn. Zwischen beiden Königen und ihren Nachkommen soll in Ewigkeit Friede und Brüderschaft und ein festes Bündnis zu Schutz und Trutz bestehn. Keiner soll das Gebiet des anderen angreifen, wohl aber ihm jederzeit beistehn gegen jeden innern und äußern Feind940. Es folgen Bestimmungen, daß Flüchtlinge, und zwar sowohl vornehme Leute wie geringes [482] Volk941, das in der Fremde Dienste sucht, nicht aufgenommen werden dürfen, sondern zurückgeliefert werden müssen. Im chetitischen Exemplar ist dann hinter der ganz nach chetitischem Muster gestalteten Anrufung aller Götter beider Länder (darunter auch der von Kizwatna, der Heimat der Königin) noch ein Nachtrag zugefügt, der bestimmt, daß solche Flüchtlinge und ihre Familien nach der Rücklieferung in keiner Weise verfolgt und weder ihr Vermögen konfisziert noch sie getötet oder irgendwie verstümmelt werden dürfen. Da gewinnt man einen Einblick in die Verhandlungen: die Forderung ist, ihrer schon im Gesetz des Telibinus (o. S. 28) scharf hervortretenden rechtlich-humanen Gesinnung entsprechend, von den Chetitern gestellt und von den Ägyptern erst nach langem Sträuben bewilligt worden. Ramses hat sie dann angenommen und in seiner Ausfertigung gleich an der richtigen Stelle eingefügt942.
Dies Bündnis, geschlossen um 1278, das die vorderasiatische Welt in zwei friedlich nebeneinander stehende Machtsphären teilte, hat dauernden Bestand gehabt. Eine rege Korrespondenz, von der in Boghazkiöi einige Bruchstücke erhalten sind, entwickelte sich zwischen den Königen, wie in der Amarnazeit; auch die Königinnen, Nofret'ari (Naptera) [483] von Ägypten und Putuchepa von Chatti, wechselten höfliche Schreiben mit warmen Erklärungen ihrer Zuneigung und ihrer Freude über »den schönen Frieden und die schöne Brüderschaft«, die jetzt dauernd begründet war. Noch enger gestalteten sich die Beziehungen, als Chattusil sich im 34. Jahr des Ramses (um 1265 v. Chr.) entschloß – offenbar nach dem Tode der Nofret'ari –, seine älteste Tochter mit reicher Mitgift dem Pharao als Gemahlin zu senden. Ramses stellt das in einer großen, an zahlreichen Stellen aufgestellten Inschrift943 als Ergebnis der Notlage des Chetiterreichs dar, dem sein Gott Tešub – von den Ägyptern durchweg Seth genannt – zürnte und ununterbrochene Dürre sandte (»nicht gibt der Himmel Wasser auf uns«); vergeblich habe Chattusil eine Gesandtschaft nach der anderen an Ramses geschickt, um einen gnädigen Frieden zu erhalten, dieser habe nicht auf ihn gehört, bis er den letzten ihm noch gebliebenen Ausweg ergriff, »auf daß er uns Frieden gebe und wir leben«. Das sind maßlose Übertreibungen, wie sie die Ägypter liebten und wie sie sich in den Inschriften des Ramses ständig weiter ins Ungemessene steigern. Im Fortgang seiner Darstellung schlägt er denn auch einen wesentlich anderen Ton an. Er ist ebenso wie seine Untertanen hocherfreut »über solche unerhörten Dinge«; er betet zu Seth (Tešub) um Zurückhaltung[484] von Schnee und Regen, und sendet seine Magnaten und sein Heer den Gästen nach Phoenikien (Ẕahi) an die Grenze seines Reichs entgegen. Bei schönstem Wetter treffen sie ein, alle Welt, einschließlich der ägyptischen Vasallen, jubelt über das große Wunder, die ägyptischen Truppen schmausen und zechen einträchtiglich mit den chetitischen (den tuhir) zusammen. So trifft die Prinzessin im Januar (Phamenoth) seines 34. Jahres in der Ramsesstadt ein und wird hier unter dem Namen Maatnofrurê' »die die Schönheit des Sonnengottes schaut« zur legitimen Königin erhoben.
Obwohl der Text davon schweigt, wird man doch nicht bezweifeln, daß der Wunsch, das Ehebündnis zu schließen, von Ramses ausgegangen ist: er erneuert dadurch das Verhältnis, in dem ehemals seine Vorgänger zu den verbündeten Dynastien gestanden hatten und durch das damals der Vorrang Ägyptens offiziell anerkannt war. Insofern durfte er die Ehe als einen großen, ihm von den Göttern gewährten Erfolg betrachten. Aber ein tiefgreifender Unterschied besteht trotzdem: während ehemals die fremden Prinzessinnen, mochte ihre Ankunft auch so freudig bekannt gegeben werden wie von Amenophis III. die der Giluchepa von Mitani, doch tief unter der allein die königlichen Ehren teilenden offiziellen Ehegattin des Pharao aus ägyptischem Geblüt standen, wird jetzt die chetitische Prinzessin als »große königliche Gemahlin und Herrin der beiden Lande« anerkannt und auf den Denksteinen des Königs neben ihm dargestellt944.
[485] So geschah es, wie Ptaḥ von Memphis, der Urvater der Götter, seinem Sohn ausspricht, den er als Widder von Mendes im Leibe seiner Mutter gebildet hat, »was unerhört ist seit der Götterzeit und nicht berichtet in der geheimnisvollen Chronik im Bücherhause seit der Zeit des Rê' bis auf dich, daß Chatti und Ägypten eines Herzens sind«. Durch die engen Beziehungen gestaltete sich, wie die Inschrift am Schluß hervorhebt, der Handelsverkehr zwischen beiden Reichen immer enger. »Wenn ein Mann oder eine Frau in ihren Geschäften nach Phoenikien (Ẕahi) gingen, konnten sie ohne Furcht in ihrem Herzen ins Chattiland gelangen, infolge der Größe des Sieges seiner Majestät.«