Die Entwicklung der griechischen Sagendichtung im Vergleich mit der germanischen

[288] Daß die Schöpfung der griechischen Heldensage und ihre Ausgestaltung in epischen Liedern bis in die Blütezeit der mykenischen Epoche hinaufragt, wird wie durch den Inhalt so auch durch die Form, in der die Dichtungen überliefert sind, durchweg bestätigt. Das Metrum, in dem sie, unter Begleitung mit einem Saiteninstrument, gesungen werden, der Hexameter, ist nichts weniger als naturwüchsig, sondern ein künstliches Gebilde, das eine lange, wenn auch im einzelnen nicht erkennbare Entwicklungsgeschichte voraussetzt. Noch deutlicher redet die Sprache. In den großen Epen trägt sie ionisches Gewand; aber darunter läßt sich deutlich eine ältere aeolische Gestaltung erkennen, die in zahlreichen Lautformen und grammatischen Bildungen hervortritt, die auch die ionischen Dichter nach Belieben verwenden564. Und dahinter liegt vielfach noch älteres Sprachgut, das sonst überall vollständig geschwunden ist, wie μέροπες »Menschen« (o. S. 270) oder der Genitiv auf –οιο, oder sich nur noch in abgelegenen Dialekten erhalten hat, wie ἰδέ und αὐτάρ, άναξ und άνασσα im Kyprischen und Pamphylischen – ein Beweis, daß diese Wörter im Epos aus der achaeischen Sprache der mykenischen Zeit entstammen. Dazu kommen die zahlreichen stereotypen Wendungen und Verse, die von den Dichtern immer wieder verwendet werden, und die erstarrten Beinamen der [289] Heroen, die zuweilen in der überlieferten Sage ganz unmotiviert erscheinen, wie z.B. πτολίπορϑος für Odysseus565. Manche Wörter sind nicht nur den Späteren, sondern offenbar schon den Sängern selbst unverständlich gewesen, werden aber verwendet, weil sie zum ererbten Gut der von ihnen erlernten Dichtersprache gehören.

Auch in der Gestaltung des Stoffs steht Altes und Junges nebeneinander. Die Denkweise und die Lebensformen des Ritteradels, unter dessen Herrschaft die Sängerleben und bei dessen Gelagen sie ihre Dichtungen vortragen, bestimmen die Ausgestaltung der einzelnen Szenen. Aber daneben ragen immer die von der Vorzeit geschaffenen Gebilde lebensvoll in die gewandelte Kultur hinein. Man weiß, daß es eine andere und größere, in weiter Ferne liegende Vorzeit ist, die man darstellen will, und bemüht sich, alles fernzuhalten, was eine jüngere Zeit gewandelt oder hinzugebracht hat. So steht neben der jüngeren Bewaffnung unvermittelt die ältere mit dem mykenischen Rundschild, die Helden kämpfen zu Wagen, nicht als Reiter, wie in der Gegenwart; wie in der Ursage führen die Götter Apollon und Artemis und die Heroen Herakles und Odysseus einen kunstvollen Bogen, obwohl der Bogenkampf längst nicht mehr als standesgemäß gilt; auch das ethnographische Bild der Vorzeit, die ehemalige Verteilung der Stämme, hat man peinlich festgehalten und die Namen der Dorier und Ionier so gut wie völlig vermieden. Die Heldendichtung ist eben konservativ wie alle Tradition.

Ein näheres Eingehn auf die Geschichte des Epos muß der Darstellung des griechischen Mittelalters vorbehalten bleiben. Um eine gesicherte Grundlage zu gewinnen, ist es aber unumgänglich, wenigstens einige Hauptmomente bereits [290] an dieser Stelle kurz zu berühren und dabei auch die wichtigste Parallele, die germanische Heldensage, zum Vergleich heranzuziehn566. Sie ist darum so wichtig und aufschlußreich, weil uns für sie die zugrunde liegenden geschichtlichen Ereignisse durch gleichzeitige Zeugnisse bekannt sind und wir daher bei ihr die historischen Elemente von den mythischen und von den freien dichterischen Schöpfungen mit Sicherheit scheiden können567.

Gemeinsam ist beiden Entwicklungen einmal, daß die Heldenlieder, wie auch bei den Serben und Kirgisen und wo sie sonst vorkommen, von berufsmäßigen Sängern, die ihr traditionelles Handwerk erlernt haben, bei Gelagen und Festen mit einer späteren Zeiten sehr monoton erscheinenden Melodie, begleitet von einem primitiven Saiteninstrument, vorgetragen werden; sodann, daß sie sich nicht an den Stellen und bei denjenigen Stämmen entwickelt haben, deren Schicksale den Anstoß gegeben haben, sondern in oft weit entlegenen Gebieten. So hat bei den Germanen die Sage vom Untergang der Burgunderkönige ihre Gestaltung bei den Franken erhalten; und dann hat sie sich weithin bei den germanischen Stämmen verbreitet und tritt uns, wie die übrigen Sagenstoffe auch, am frühesten in der angelsächsischen Überlieferung, dann [291] bei den Skandinaven auf Island und Grönland entgegen, während sie in Deutschland ihre abschließende Gestaltung in Österreich erhält568. In derselben Weise haben die griechischen Heldensagen, die bei den Achaeern des Festlandes entstanden sind, ihre Ausgestaltung an der kleinasiatischen Küste zunächst bei den Aeolern, dann bei den Ioniern erhalten und sind erst von hier aus, als das Epos geschaffen war, durch die Rhapsoden wieder ins Mutterland zurückgebracht worden.

Dieses Wanderleben der Sage ist für ihre Gestaltung von entscheidender Bedeutung; erst dadurch, daß sie sich loslöst von dem Boden, auf dem sie entstanden ist, ist die Möglichkeit zu freier Entwicklung und schöpferischer Ausgestaltung durch die Dichtung gegeben. Sie ist nicht mehr stofflich gebunden durch heimische Traditionen, weder geschichtlich noch religiös569; sie wandelt sich in eine interessante Erzählung aus der Vorzeit, in die der Sänger die eigenen Anschauungen und Empfindungen seiner Umwelt hineinlegen, die er immer reicher ausbilden und durch Hineinziehung anderer gleichartiger Stoffe erweitern und vertiefen kann. Dabei bleibt er aber immer gebunden an den Gang der Sage, den Zusammenhang der Tradition, die allen Hörern lebendig vor der Seele steht. In ihn muß, auch wenn der Sänger Neues schafft, seine Darstellung wieder einmünden, so gut wie er von ihm ausgeht; und so erscheint jedes Einzelgedicht, so selbständig es sein mag, doch immer zugleich als ein Ausschnitt [292] aus dem Gesamtgebiet des ererbten Sagenstoffes (des Kyklos).

In der Weiterentwicklung der Sagendichtung sind Germanen und Griechen verschiedene Wege gegangen. Bei den Skandinaven ist die Stufe des Epos nicht erreicht, sondern hier entwickelt sich aus dem ursprünglichen, volkstümlichen Heldenlied die Kunstdichtung der Skalden, welche den Sagenstoff nicht mehr erzählt, sondern als Substrat benutzt, seine Kunst zu zeigen und zugleich eine einzelne Situation psychologisch vertieft auszugestalten. Die Lieder der Edda sind nichts weniger als Vorstufen des Epos; sie entsprechen nicht den Dichtungen der homerischen Aoeden, sondern denen der kitharodischen und chorischen Lyrik der Griechen, eines Stesichoros, Simonides, Pindar, Bakchylides; die Ergänzung bildet, wie dort die genealogischen Epen, so hier die systematische Ordnung des gesamten Sagenstoffs in der Poetik Snorris und in der Völsungasaga.

Deutschland dagegen hat allerdings ein Heldenepos geschaffen. Aber hier ist es eine Neubildung unter der Einwirkung der fremden, lateinischen und französischen Epik; und vor ihm liegt als benutzte Vorstufe eine lateinische Bearbeitung des Stoffes570. Wie wenig hier von einer organisch zum Epos aufsteigenden Fortentwicklung die Rede sein kann, zeigt am deutlichsten die Wahl eines lyrischen Metrums, [293] das an sich infolge seiner strophischen Gliederung für eine epische Erzählung so ungeeignet ist wie nur möglich. Da ist die griechische Entwicklung einen ganz anderen Weg gegangen. Sie besitzt ein festes, seit Jahrhunderten ausgebildetes Metrum, das eine Fülle feststehender Wendungen, Beiworte und Sätze geschaffen hat, die immer wieder stereotyp verwendet werden. Zugleich ist damit die Möglichkeit gegeben, ältere Dichtungen wörtlich oder mit geringen Änderungen in einen neuen Zusammenhang einzufügen. So vollzieht sich hier der Fortschritt vom Einzelgedicht zum großen Epos ohne Bruch, und andrerseits kann dies immer wieder durch neue Einschiebungen erweitert werden. Auf diese Weise ist aus dem Gedicht von der Μῆνις das große Epos vom Kriege gegen Ilion, die Ἰλιάς, erwachsen, das eben darum Vorgänge, die in Wirklichkeit in den Anfang des Krieges gehören müßten – wie den Aussöhnungsversuch, die Vorführung der wichtigsten Helden in der τειχοσκοπία und der Ἀγαμέμνονος ἐπιπώλησις, die ἀριστεία des Diomedes u.a. – in den durch die Μῆνις gegebenen Rahmen einfügt und damit widersinnig ins 10. Jahr des Krieges versetzt571.

[294] Im Gegensatz zu diesem Auseinandergehn in der formalen Gestaltung tritt die Übereinstimmung auf stofflichem Gebiet umso stärker hervor. Die geschichtlichen Stoffe, die den Anstoß zur Bildung der germanischen Heldensage gegeben haben, sind entstanden in einem Zeitraum von knapp zwei Jahrhunderten und sind sogleich in die volkstümliche Tradition übergegangen: es sind die Ostgoten Ermanarich († gegen 375) und Vidigoia (Witige), von dessen Tod im Theißgebiet durch die Sarmaten Priscus auf seiner Gesandtschaftsreise zu Attila durch gotische Lieder erfuhr572; der Untergang der Burgunder von Worms durch die Hunnen (435); Attilas Tod bei Nacht (453), den das Gerücht sogleich seiner neuen Gemahlin Ildiko zuschrieb, an deren Seite er nach einem wüsten Gelage tot im Bett gefunden wurde, während die offizielle Version im Klagelied bei der Leichenfeier, dem Cantus funereus, den gewaltsamen Tod ausdrücklich bestritt573; sodann die Sagen von Theodorich (488-526) [295] und vom Untergang des Thüringerreichs unter Herminafrid durch die Sachsen und die Franken unter Theuderich II. (Hugdietrich) und den Verrat des Iring im Jahre 531; dazu kommt noch die Sage von Walther von Aquitanien und seinem Kampf am Wasgenstein, deren geschichtliche Wurzel uns nicht mehr faßbar ist. Geschichtliche Sagen hat auch die Folgezeit in Fülle erzeugt, und an Karl d. Gr. hat sich in Frankreich noch einmal ein ganzer Sagenkreis, freilich von sehr anderem Charakter, angeschlossen; die germanische Heldensage dagegen entstammt ausschließlich der Völkerwanderungszeit und hat deren Denkweise und Charakter bewahrt. Dabei ist jedoch stark zu betonen, daß es keineswegs besonders wichtige oder gar die bedeutsamsten Ereignisse der Epoche sind, die in der Sage festgehalten werden; vielmehr weiß sie nichts von den Kämpfen mit Rom, der Invasion der römischen Provinzen und überhaupt vom Römerreich oder etwa von der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Das große Hunnenreich Attilas hat sie festgehalten; aber von Theodorich kennt sie nur den Kampf mit Odoaker (später durch Hermanarich ersetzt) und macht ihn und seine Gefolgsleute (Hildebrand) zu schutzsuchenden Flüchtlingen am Hofe Attilas. Auch der Untergang des kurzlebigen Burgunderreichs von Worms (413 bis 435) durch Aetius und die Hunnen (von der Sage durch Attila ersetzt) war nur eine Episode ohne große Bedeutung; von der Ansiedlung des Volks in Savoyen (443 durch Aetius) und dem großen Burgunderreich der Folgezeit weiß sie nichts. Das Volk ist ihr gleichgültig: sie hat, wie es der Sage geziemt, nur Interesse für das Schicksal der Könige, deren Namen sie treu bewahrt, die sie aber zu Brüdern macht und in der Burg Attilas, der sie um ihres Schatzes willen zu sich lockt, umkommen läßt. Damit wird die Sage von Attilas Ermordung verbunden; Ildiko (Grimhild) wird zu ihrer Schwester und vollzieht für sie die Rache. Zu einem großen Sagenkreis und [296] damit zu vollem inneren Leben dagegen erwächst die Sage durch die auf fränkischem Boden alsbald, spätestens etwa im 6. Jahrhundert, vollzogene Verbindung mit der dem Gebiet des Mythus entstammenden Sage von Siegfried und Brunhild nebst dem Nibelungenhort im Rhein und der Gestalt Hagens. Die beiden Sagen werden aufs engste miteinander verschmolzen: der Burgunderkönig Gunther wird zum Gemahl Brunhilds, seine Schwester Kriemhild, gegen alle naturwüchsige Sagenanschauung, zur Witwe Siegfrieds, der Schatz, den Attila erbeuten will, zum Nibelungenhort, der Nibelungenname auf die Burgunderkönige übertragen, Hagen auch in ihre Katastrophe als ihr Bruder oder Gefolgsmann eingeführt. Wie der innere Widerspruch, der so in die Sage gekommen ist, zu der gewaltigen Umgestaltung und Vertiefung der älteren Überlieferung in der deutschen Weiterbildung des Sagenstoffs geführt hat – wohl der großartigsten Schöpfung der gesamten Sagendichtung der Weltliteratur –, haben wir hier nicht zu verfolgen; und ebenso bedarf es nur eines kurzen Hinweises darauf, wie die Sage immer wieder weitere Stoffe in ihren Bereich hineinzieht, z.B. in der deutschen Fortbildung die Helden aus anderen Sagenkreisen, die so zu einem großen Ganzen zusammenwachsen, vor allem Theodorich (Dietrich von Bern), aber auch Walther von Aquitanien und Iring von Thüringen, die ebenso wie jener und wie auch Hagen an Attilas Hof versetzt werden. Dazu treten dann noch Gestalten aus der Gegenwart, wie der Markgraf von Bechelaren und schließlich die sächsischen Markgrafen Gero († 963) und Eckewart († 1002), sowie der Bischof Pilgrim von Passau (971 bis 991).


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/1, S. 287-296.
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