Die Nachwirkungen der Krise auf das Geistesleben Ägyptens

[413] Mit der Thronbesteigung Ḥaremḥabs und der Gründung einer neuen, von den Göttern anerkannten Dynastie ist die Zeit der über Ägypten hereingebrochenen Wirren abgeschlossen. Die Spuren der Ketzerei sind vertilgt; Amenophis IV. Echnaten ist »der Feind (Frevler) von Amarna«796, dessen verfluchter Name überhaupt nicht mehr genannt werden darf. Auch seine Nachfolger werden in den Listen des Königskults übergangen, Ḥaremḥab unmittelbar an Amenophis III. angeschlossen und die ganze Zwischenzeit ihm zugerechnet. So erklärt es sich, daß in einer Prozeßurkunde aus der Zeit Ramses' II. Ḥaremḥabs 59. Jahr vorkommt797. Danach werden wir die Zeit vom Tode Amenophis' III. bis zu dem Ḥaremḥabs auf rund sechzig Jahre (ca. 1370-1310) ansetzen dürfen, von denen gut die Hälfte auf Amenophis IV. und seine drei Nachfolger, der Rest auf Ḥaremḥab fällt798.

[414] »Wehe dem, der dich antastet!« heißt es in einem Hymnus auf Amon799; »deine Stadt besteht, aber der dich antastete, ist gefällt. Pfui über den, der gegen dich frevelt in irgend einem Lande ... Die Sonne dessen, der dich nicht kannte, ist untergegangen, aber wer dich kennt, der leuchtet. Das Heiligtum dessen, der dich antastete, liegt im Dunkel, aber die ganze Erde im Lichte.« Die ganze Episode konnte als eine vorübergehende Störung der geheiligten Ordnung erscheinen, nach deren Beseitigung man einfach wieder in die altgewohnten Geleise zurückkehrte. Indessen die wirkliche Gestaltung zeigt ein ganz anderes Bild: auch hier hat sich erwiesen, daß eine Restauration niemals imstande ist, das Geschehene ungeschehn zu machen und die Fäden da wieder aufzunehmen, wo sie abgerissen sind. Durch den Versuch, die tieferen Gedanken, welche in der ägyptischen Religion lebten, gewaltsam zu verwirklichen, ist ein Bruch in die Entwicklung gekommen; mit seinem Scheitern ist ein weiterer Fortschritt unmöglich geworden. Statt dessen gilt es, die altüberlieferten Formen und Anschauungen wiederherzustellen und peinlich zu befolgen, und so legt sich über das geistige Leben des Volks, stetig anwachsend, die starre Wucht der Traditon, die alle freie Bewegung erstickt und die gesamte Zukunft beherrscht.

Eine in vieler Beziehung lehrreiche Parallele bietet der Bildersturm im byzantinischen Reich. Auch dort hat der Widerspruch zwischen dem Monotheismus der offiziellen Kirchenlehre und der Praxis des Kultus zu dem Versuch geführt, die abgöttischen Bilder zu zerstören und die Hauptträger ihres Dienstes, die Mönche, gewaltsam zu beseitigen; und auch dort haben sich nicht wenige Würdenträger der Hierarchie gefunden, die sich dem Vorgehn der Kaiser anschlössen800. Gescheitert ist auch dort das Unternehmen daran, [415] daß man die Kraft der religiösen Empfindungen unterschätzte, die hinter dem volkstümlichen Kultus standen. Das Ergebnis aber ist gewesen, daß der griechischen Kirche fortan ein weiterer Fortschritt verbaut war, wie er im Abendland zunächst zum vollen Ausbau des römisch-katholischen Systems und dann weiter zur Reformation geführt hat; sie ist dauernd an die bis dahin erreichte Gestaltung des orthodoxen Systems gefesselt geblieben, das bei der Restauration wiederhergestellt wurde.

Ohne bedeutende Nachwirkung ist natürlich die Aufrüttelung der Geister durch den mit fanatischer Leidenschaft durchgeführten Religionskampf nicht geblieben. Die lebhaft bewegten Reliefs aus dem Grabe Ḥaremḥabs mit den scharf erfaßten Porträts der Gefangenen gehören noch ganz in die Kunst von Amarna. Als dann der klassische Stil wieder zur Herrschaft gelangte, verrät sich doch in zahlreichen Einzelzügen die Befruchtung durch die revolutionäre Kunst des Naturalismus; nur dadurch ist es möglich geworden, daß er in der Ramessidenzeit noch eine zweite Blüteperiode durchlebt hat.

Auf religiösem Gebiet haben die Ideen von der Allmacht des Sonnengotts, aus denen die Lehre Echna tens erwachsen ist, in den großen Sonnenhymnen der Gräber der Folgezeit, so auch in dem Ḥaremḥabs in Sakkara, und ebenso z.B. im 15. Kapitel des Totenbuchs, einen sehr lebendigen, [416] tiefempfundenen Ausdruck gefunden, aber jetzt natürlich wieder im Anschluß an die alten Sonnengötter Rê-Ḥar'achte, Atum-rê', den weltschöpfenden Urkäfer Cheperi, und verbunden mit den übrigen Mächten des großen Götterkreises wie Thout, Ḥatḥor, Ma'at der Göttin der Wahrheit und des Rechts, die der Welt und dem Toten den belebenden Nordwind sendet, und weiter mit Osiris und den herkömmlichen Formen des Totendienstes. Auch in den Hymnen auf Amon wird seine Identität mit der sichtbaren Sonne stark betont; in einem Gebet unter Ḥaremḥab an ihn, den Götterkönig, heißt es geradezu: »er kennt den, der ihn kennt, belohnt den, der ihm dient, schirmt den, der ihm folgt; er ist Rê', sein Körper der Sonnendiskus (aten), er besteht in Ewigkeit«801. Aber er ist mehr als die Sonne; er ist die beherrschende Erscheinungsform des Urgotts, aus dem alle anderen hervorgegangen sind, und doch eine von ihnen allen geschiedene Persönlichkeit, zugleich geheimnisvoll, auch in seinem »verborgenen« Namen802, und sichtbar im Götterbilde mit allen ihm zukommenden menschlichen und tierischen Attributen, in seiner Inkarnation in dem heiligen Widder, und verhüllt in dem Fetisch, der in dem Kasten des Naos, den profanen Blicken entzogen, in der Götterbarke auf den Schultern der Priester vor die andächtige Menge hinausgetragen wird und Orakel erteilt. Für die thebanischen Dynasten bleibt er der Reichsgott, wenn er diese Stellung auch tatsächlich mit dem Ptaḥ von Memphis und mit Atum-rê' von Heliopolis teilen muß, und erhält als solcher Filialen in den Tempeln Nubiens und der Oasen. Trotzdem ist er, außer an diesen Kultusstätten, niemals wirklich populär geworden; für die Massen des Volks bleibt Rê' selbst der Götterkönig [417] und Weltenherr, an den alle tieferen religiösen Empfindungen ansetzen.

Für die Gebildeten ist der von Echnaten so schwer empfundene Gegensatz zwischen dem in der Praxis herrschenden Polytheismus und dem theoretischen Monotheismus durch die orthodoxe Theologie überwunden. Sehr anschaulich gelangt das innere Wesen der ägyptischen Religion in einem Gebet Ramses' IV. zum Ausdruck, in dem er den Osiris von Abydos um Verdoppelung seiner Lebensdauer bittet: »denn Du,« so ruft er ihn an, »bist der große Herr von Heliopolis (Atum-rê'), der große Herr von Theben (Amon), der große Herr von Memphis (Ptaḥ)«. Alle Götter de Kultus sind für den Wissenden nur Erscheinungsformen des Einen, ganz wie im Christentum die drei Götter der Trinität doch nur Ein Gott sind. Eben in diesem logischen Widersinn offenbart sich die untrügliche Wahrheit der in den heiligen Büchern des Thout niedergelegten Offenbarung, die man als Mysterium hinzunehmen und auszudeuten hat, so gut man es vermag. Nur um so eifriger werden daher alle Formen der Einzelkulte festgehalten, der Schwerpunkt der Religion wird in die peinliche Befolgung der seit Ewigkeit unverbrüchlich festgestellten Zeremonien des Kultus verlegt und diese werden immer weiter ins Absurde ausgesponnen. Um ihre Auslegung haben die folgenden Generationen bis in die griechische und römische Zeit hinein sich eifrig bemüht; aber einen neuen Gedanken sucht man in der ungeheuren religiösen Literatur, die uns aus diesen Epochen erhalten ist, vergebens; immer aufs neue werden in entsetzlicher Monotonie lediglich die alten Formeln und Mythen und Deutungen wieder vorgetragen.

Nur auf einem Gebiet war noch ein Fortschreiten möglich, auf dem der Magie und des Aberglaubens. Zu allen Zeiten war es für das ägyptische wie für jedes auf gleicher Stufe stehende Volk unzweifelhaft, daß Wissen und Spekulation magische Kräfte verleiht und der »Weise« in erster Linie ein Zauberer ist, der Wunder tun kann; jetzt greift das Zauberwesen immer weiter um sich. Zahlreiche Zauberpapyri [418] zur Abwehr oder zur Dienstbarmachung der Gespenster und Ungeheuer, der Krokodile und Schlangen, zur Sicherung gegen feindliche Umtriebe und umgekehrt zur Schädigung der Gegner sind auf uns gekommen; von den Zeiten der neunzehnten Dynastie bis auf den Sieg des Christentums und noch darüber hinaus steht kein Zweig der ägyptischen Literatur so in Blüte wie dieser. Stark beeinflußt ist er von dem Zauberritual des Totendienstes und den dabei verwendeten Amuletten. Dazu kommt das Suchen nach dem geheimnisvollen Namen des Urgottes, durch den man alle Götter und Gespenster zwingen kann; und diesen gestaltet man am wirkungsvollsten durch eine absolut sinnlose Zusammenstellung beliebiger Buchstaben. Von dieser großen Entdeckung – die vielleicht durch das Bekanntwerden die fremden Sprachen Asiens und Afrikas sowie der Kafti beeinflußt ist, die auch sonst zu Zauberzwecken verwendet oder geradebrecht werden – wird in diesen Texten der ausgiebigste Gebrauch gemacht bis tief in die christliche Zeit hinein, da konnte jeder Nachfolger die Vorgänger noch überbieten.

In der Heilkunde hat es an Zaubersprüchen und an den naiven Heilmitteln der »Dreckapotheke« niemals ganz gefehlt; aber jetzt dringt auch hier die magische Formel immer weiter vor, die medizinischen Schriften seit der neunzehnten Dynastie sind voll davon und stehn dadurch tief unter den viel sachlicher verfahrenden Werken der älteren Zeit. Eifrig gepflegt wird, ebenso wie in Babylonien, die Kunde der Vorzeichen. »Die Ägypter«, sagt Herodot, »haben mehr Vorzeichen herausgefunden als alle anderen Menschen. Denn wenn ein Vorzeichen eintritt, schreiben sie auf, was daraus folgt, und wenn später etwas Ähnliches vorkommt, glauben sie, daß die Folge die gleiche sein wird.« »Auch das haben sie herausgefunden, welchem Gott jeder Monat und jeder Tag gehört und wie sich je nach dem Geburtstag die Schicksale eines Jeden gestalten, wie er sterben und welcher Art er sein wird.« Solche Tagwählerei war begreiflicherweise seit alters im Schwunge; ein Papyrus der zwölften Dynastie aus Kahun [419] verzeichnet zu jedem der dreißig Monatstage, ob er »gut« oder »böse« sei803. Jetzt wird auch diese Wissenschaft weiter ausgesponnen: ein Buch, das uns in der Abschrift eines Schülers aus der Ramessidenzeit großenteils erhalten ist, gibt zu jedem Tage der zwölf Monate des Jahres genau an, was man an ihm tun oder lassen soll, ob man ausgehn darf oder zu Hause bleiben und nicht arbeiten soll u.s.w., und motiviert das ausführlich durch die mythologischen Ereignisse, die sich an ihm abgespielt haben804.

So wird das geistige Leben Ägyptens immer mehr in Fesseln geschlagen. Wohl fehlt es auch in der Folgezeit nicht an Äußerungen echter Frömmigkeit, vor allem in den Grabschriften, und ebensowenig an Lehrschriften, die die Normen einer anständigen Lebensführung und die von Gott gegebenen Gebote der Moral – denn in der Ethik tritt in der Literatur aller Völker die Persönlichkeit des Einzelgottes völlig in den Hintergrund gegenüber dem allgemeinen Begriff der Gottheit, des Urhebers der sittlichen Weltordnung – eingehend und wirkungsvoll darlegen. Aber neue Ideen zu schaffen, fortzuschreiten über das Erreichte hinaus, ist das Ägyptertum nicht mehr imstande. Dreimal im Verlauf seiner langen Geschichte – und darauf beruht die einzigartige Stellung, die es in der Geschichte der Kulturvölker einnimmt – ist es befähigt gewesen, nach Epochen der inneren Zersetzung sich neu zu erheben und unter Wahrung des altererbten Gutes eine neue höhere Gestaltung seiner Kultur voll innerer Lebenskraft zu schaffen. Ein viertes Mal ist es ihm nicht mehr beschieden gewesen. Wohl folgt auf die Krisis von Amarna nochmals ein neuer Aufschwung unter den Ramessiden, der zeigt, wie gewaltige Kräfte in Staat [420] und Volk noch lebendig waren. Aber innerlich zehrt diese Zeit doch nur vom Geschaffenen, das bis in seine letzten Konsequenzen durchgebildet wird. So vollzieht sich in der Epoche der neunzehnten und zwanzigsten Dynastie das Ausleben der großen Kulturschöpfung der achtzehnten Dynastie, bis sie, nicht nur äußerlich erschöpft, sondern innerlich morsch geworden, in sich zusammensinkt.

Die religiöse Krisis unter Echnaten und das Scheitern seines Reformversuchs bildet den Wendepunkt der geistigen Entwicklung Ägyptens. Die Nachwirkungen des Bruchs konnten nicht mehr überwunden werden; auch die Restauration unter der sechsundzwanzigsten Dynastie hat wirklich Lebenskräftiges nicht mehr zu erzeugen vermocht, ihr Ideal liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Rückkehr zu der Urzeit der Pyramidenerbauer. Die alten Formen, innerlich ausgehöhlt, blieben unverändert bestehn805; wie sie uns in stereotyper Monotonie in den Tempeln der Ptolemaeer und der römischen Kaiser entgegentreten, hätten sie sich noch ungezählte Jahrhunderte hindurch weiter fortsetzen können, wenn nicht schließlich eine von außen hineinbrechende Bewegung dem ganzen inhaltlos gewordenen Treiben ein Ende gemacht hätte.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/1, S. 412-420.
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Meyer, Bettina

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