Ramses II. und der große Chetiterkrieg

[454] Das höchste von Sethos erhaltene Datum ist sein 9. Jahr. Viel länger kann er nicht regiert haben; denn von den großen Bauten, die er begonnen hat, ist keiner unter ihm fertig geworden, weder der Säulensaal in Karnak, noch der große Tempel von Abydos, noch sein Totentempel in Theben (Qurna). Auch zeigt seine wohlerhaltene Mumie, daß er im kräftigsten Mannesalter gestorben ist886.

Sein junger Sohn Ramses II. hat sich dieser Bauten sofort tatkräftig angenommen, um so seinem Vater ein seliges Fortleben im Reiche des Osiris und in seinen mit reichem Kultus ausgestatteten Statuen in den Tempeln von Theben, Memphis, Abydos und damit zugleich sich selbst seinen Segen aus der Götterwelt zu sichern. Eine große Inschrift in Abydos erzählt, wie er alsbald nach der Thronbesteigung auf der Rückfahrt aus Theben in Abydos landet, den mitten im Bau stehenden, jetzt vom Verfall bedrohten Zustand des Osiristempels und auch die völlig verfallenen Gräber der alten Könige887 besichtigt und die Vollendung des Baus anordnet. In seiner Rede an die Magnaten erzählt er, wie er, der Sproß des Rê' und Sohn des Sethos, von diesem als ältester Sohn und Thronerbe proklamiert, mit der Krone geschmückt und mit einem Harem ausgestattet sei; so sei er schon im Ei und auf den Armen seines Vaters der eigentliche, von den Göttern eingesetzte Regent des Landes gewesen. In einem gleichartigen Text sagen die Magnaten, als Knabe von zehn [455] Jahren sei er bereits das Oberhaupt der Armee gewesen888. Das alles sind die altüberlieferten Wendungen des offiziellen Stils, denen die langen Antworten der Hofbeamten entsprechen, die ihrer Bewunderung Ausdruck geben für den hochherzigen Entschluß des Königs, der alle seine Vorgänger in jeder Beziehung weitaus übertreffe. Es war eine Verkennung des wahren Charakters solcher Kundgebungen, wenn man sie für geschichtliche Wahrheit genommen und nicht selten ernsthaft geglaubt hat, Ramses sei wirklich der Mitregent seines Vaters oder gar unter ihm schon der eigentliche Herrscher gewesen. Aber eben so verkehrt ist es, daran zu zweifeln, daß er der anerkannte Thronfolger war889, und daß er von einem warmen Pietätsgefühl für seinen Vater beseelt gewesen ist. Da er 67 Jahre regiert hat, kann er bei der Thronbesteigung [456] höchstens einige zwanzig Jahre alt gewesen sein890. In ihm lebte der Geist seines Vaters, und er war entschlossen, dessen Werk im Innern wie nach außen zu erhalten und fortzuführen.

Gleich in den Anfang seiner Regierung müssen nicht nur, wie so oft nach einem Thronwechsel, die üblichen Kämpfe mit Negern von Kuš und mit libyschen Stämmen fallen891, sondern auch ein Raubzug des Seevolks der Šerdana gegen Ägypten, der von der ägyptischen Flotte besiegt wurde. Denn eine Felsinschrift in Assuan vom 26./11. seines 2. Jahres rühmt nicht nur seine Siege über Asiaten, Libyer (Zeḥenu) und Nubier – das würde an sich kaum mehr bedeuten, als daß »Sinear und Chatti, sich vor seinem Ruhm beugend, zu ihm kommen«; zugrunde liegen wird die übliche Gesandtschaft nach dem Thronwechsel, welche die mit dem Vorgänger bestehenden Beziehungen erneuerte –, sondern auch, »daß er die Krieger des großen Meeres des Nordlandes bezwingt (fch), während sie im Schlaf liegen«892. So erklärt sich, daß die Šerdana, die in seinen Feldzügen als eine besondere Gardetruppe erscheinen, charakterisiert durch ihre Waffen – Lanze und langes mykenisches Dolchmesser, Rundschild, Helme mit halbmondförmigem Aufsatz – und durch die ganz eigenartigen Züge ihrer bartlosen Gesichter, als »Gefangene aus den Siegen des Königs« bezeichnet werden893; die [457] gefangenen Piraten aus dem schon früher im ägyptischen Solddienst bewährten Stamme sind also in diese Truppe eingereiht worden. Eine weitere Bestätigung geben Bruchstücke einer Inschrift aus Tanis, die von den »widerspenstig gesinnten« Šerdana und von Kriegsschiffen auf dem Meere reden; das wird sich auf diese Kämpfe beziehn894. Sie mögen wie später so auch damals schon mit den Libyern in Verbindung getreten sein.

Man kann vermuten, daß der »erste Kriegszug« des Königs, über den wir nichts weiter erfahren – der große Chetiterkrieg des Jahres 5 ist der »zweite« –, einer dieser Kämpfe, vielleicht der gegen die Libyer, gewesen ist; denn die herkömmliche Annahme, daß die Errichtung einer Tafel am Nahr el Kelb im Jahre 4 (o. S. 453) aus einem Feldzug nach Phoenikien stamme, ist ganz unsicher, da der Text dieser Inschrift völlig zerstört ist; sie beweist nur, daß der König damals, wie auch später oft, in Phoenikien gewesen ist und dort die Verhältnisse geordnet haben wird.

Ob Sethos beabsichtigt hat, den Krieg gegen die Chetiter weiter fortzusetzen und auch Naharain (Nordsyrien) wieder zu unterwerfen, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls hat Muwattal sich zunächst passiv verhalten; die in der Inschrift von Assuan erwähnte Gesandtschaft mag Verhandlungen über ein friedliches Abkommen versucht haben. Auf die Dauer jedoch konnte das Chetiterreich dem Vordringen der Ägypter in Syrien nicht untätig zusehn; vor allem den Abfall der Amoriter, die es seit zwei Generationen als rechtlich zu seinem Machtbereich gehörig betrachtete, durfte es nicht ungestraft lassen. So hat König Muwattal sich endlich zu einem energischen Gegenschlag entschlossen. Durch umfassende Werbungen, für die er, wie der ägyptische Bericht es darstellt, alle Geldmittel des Reichs zusammenraffte und [458] erschöpfte, brachte er eine große Armee zusammen. Alle oben S. 443 aufgezählten Gebiete des chetitischen Machtbereichs lieferten Fußtruppen (Lanzenträger und Schützen) und Streitwagen, sowohl die Landschaften Kleinasiens wie die von Nordsyrien (Naharain) bis nach Qadeš (Kinza) hin, das im Gegensatz zu den Amoritern jetzt jedenfalls wieder auf chetitischer Seite stand; an der Spitze ihrer Kontingente zogen die Vasallenfürsten selbst mit ins Feld, darunter auch Muwattals Bruder Chattusil, der Regent des »Oberlandes«895. Ein anschauliches Bild dieser Volksmassen gibt das große Schlachtenbild, das Ramses II., mit Variationen in den Einzelheiten, an allen großen Tempelbauten hat darstellen lassen896. Neben den beiden Typen der Chetiter erscheinen bärtige Semiten mit Haarschopf und andere, die das Haupthaar abrasiert oder ganz kurz geschnitten haben897. [459] Daneben sind die durch Gesichtsbildung und Tracht scharf charakterisierten Beduinen (Šos) zahlreich vertreten; offenbar sind sie in Massen zum Heere geströmt, auch aus dem ägyptischen Machtbereich: da tritt die alte Verbindung der gegen die Kulturländer vordringenden semitischen Nomaden, der Chabiri, mit den Chetitern noch einmal deutlich hervor, die zu der Aramaisierung Nordsyriens und Mesopotamiens geführt hat898.

In diesen Gemälden besteht das Gros der chetitischen Infanterie in der Schlacht bei Qadeš, das beim König vor der Stadt steht, aus zwei Abteilungen von je 8000 und 9000 Mann899. Dazu kommen vielleicht noch einige weitere [460] chetitische Truppen und vor allem das Fußvolk der Hilfsvölker. Die Zahl der Streitwagen aus Chetitern und Bundesgenossen, die Ramses angreifen, schätzt die ägyptische Schlachtschilderung auf 2500, zu denen nachher, wie es scheint, noch weitere 1000 kommen. Das ergibt, wenn die Zahlen annähernd richtig sind, da jeder Wagen mit drei Mann besetzt ist, 10500 Mann. Die Zahlen der Fußtruppen sind keineswegs übertrieben, wie etwa bei den Angaben der Griechen über die Heere der Perser, sondern werden ganz zutreffend sein; der Gesamtbestand des Heeres wird sich somit, auch wenn wir die Zahl der Streitwagen reduzieren, abgesehn vom Troß auf etwa 25-30000 Mann belaufen haben, eine sehr ansehnliche Heeresmacht, wie sie der Orient auch in weit späteren Zeiten infolge der Entfernungen und der Schwierigkeiten der Verpflegung immer nur mit großer Anstrengung hat aufbringen und längere Zeit im Felde halten können.

Auch das Heer, mit dem Ramses im Frühjahr seines 5. Jahres (am 9./10., d.i. etwa am 17. April 1294) von der ägyptischen Grenzfestung Sile aus den Fein den entgegenzog, wird ungefähr ebenso stark gewesen sein900. Es war in [461] vier nach Amon, Rê', Ptaḥ und Seth benannte Legionen oder Divisionen gegliedert, deren jede außer einem Regiment Infanterie, bewaffnet mit Lanzen und Streitäxten oder Sicheln, sowie mit großen Schilden, eine Abteilung der Streitwagen umfaßte; dazu kam das Korps der Šerdana, während andere Fremdtruppen nicht herangezogen wurden. Ramses rückte an der Küste Phoenikiens (Ẕahi) vor und sonderte hier eine Elitetruppe als Vorhut ab, die an der Küste des Amoriterlandes entlang ziehn und durch das Eleutherostal zu ihm stoßen sollte; nachher werden sie mit semitischen Namen als na'aruna, »junge Mannschaft«, bezeichnet901. Mit dem Hauptteil der Armee zog er selbst über den Libanon, wahrscheinlich im Tal des Nahr el Kelb902, nach Coelesyrien. Am 9./11. (16. Mai) [462] erreichte er die letzten Vorhöhen im Orontestal, 35 Kilometer südlich von Qadeš903. Seine Annahme, der Feind stehe noch in weiter Ferne in Nordsyrien, erhielt hier scheinbar eine Bestätigung durch zwei beduinische Überläufer, die meldeten, der Chetiterkönig sitze voll Angst im Norden von Tunip im Gebiet von Aleppo, und ihre Stämme wollen ihn verlassen und zum Pharao übertreten. Auf diese Kunde überschritt er bei Šabtuna, dem späteren und heutigen Ribla, den Orontes, rückte mit der Legion des Amon rasch auf Qadeš vor, und schlug sein Lager im Nordwesten der Stadt auf; die drei anderen Legionen sollten in Marschordnung folgen. Aber in Wirklichkeit stand Muwattal mit seinem Heer in Schlachtordnung, verdeckt durch die Mauern der Festung, hinter Qadeš, und die angeblichen Überläufer waren von ihm entsandt worden, um die Ägypter in die Falle zu locken. Erst im letzten Moment erhielt Ramses durch zwei aufgefangene chetitische Spione Kunde von der Lage, in der er sich befand; das Schlachtengemälde zeigt, wie diese durch Schläge zur Aussage gezwungen werden, während der Pharao, im Lager auf goldenem Throne sitzend und von seiner Leibwache umgeben, seinen Offizieren und Beamten Vorwürfe wegen der mangelhaften Aufklärung macht und in höchster Eile seinen Vezir nebst einem berittenen Adjutanten entsendet, um die übrigen Legionen heranzuholen. Aber die chetitischen und semitischen Streitwagen hatten bereits oberhalb von Qadeš den Fluß überschritten und die ahnungslose Legion des Rê' auf dem Marsche überfallen und zersprengt; sie setzten hinter [463] den Flüchtlingen her, durchbrachen den Schildwall, der das Lager der Amonslegion umschloß, und drangen verheerend hinein. Der Schlachtplan Muwattals schien vollständig geglückt, Ramses und sein Heer rettungslos dem Untergang geweiht. Die Königssöhne und ihre Mutter wurden in schleuniger Flucht gerettet, eine Panik ergriff das Heer. Aber Ramses verzagte nicht; mit raschem Entschluß warf er sich auf dem Streitwagen dem Feinde entgegen, im Vertrauen auf seinen Vater Amon, der ihn in der Not nicht im Stich lassen dürfe – in der poetischen Schilderung der Schlacht erzählt er selbst, wie Amon ihm, als er in der Schlacht ganz allein stand, zu Hilfe eilte und seine Hand ergriff. Es gelang ihm, seine Truppen zu sammeln und ihnen Mut einzuflößen. Mit Recht kann er sich rühmen, daß er, und zwar er allein, die Entscheidung erfochten habe, wenn es auch eine gewaltige Übertreibung ist, daß er ganz allein 2500 Wagen der Feinde, die ihn umzingelt hatten, in die Flucht gejagt habe. Hier treten die Gemälde ergänzend und berichtigend ein: sie stellen ihn zwar auch, in üblicher Weise, in riesiger Gestalt dar, wie er vom Wagen aus seine tödlichen Pfeile in die Massen sendet; aber daneben zeigen sie, wie die ägyptischen Soldaten und die Šerdana die ins Lager eingedrungenen Feinde niederstoßen und die Streitwagen sich in langen Reihen den feindlichen entgegenwerfen. Daß das möglich war, beweist, daß eine stramme Disziplin und wirklicher militärischer Geist in der ägyptischen Armee lebte, offenbar in weit höherem Maße als in der chetitischen – eben darum hat diese die offene Feldschlacht vermieden und zur Kriegslist gegriffen. Die Entscheidung ist dann offenbar dadurch herbeigeführt, daß, was alle Gemälde ausführlich darstellen, während die beiden Berichte es übergehn, gerade im richtigen Moment das Elitekorps der Na'aruna, Fußvolk und Wagen, von der Amoriterküste her eintraf; das unerwartete Eingreifen dieses neuen Gegners wird die Wendung herbeigeführt haben. Schließlich haben dann der Vezir und der Adjutant auch die Legion des Ptaḥ im Eilmarsch herangeführt904; [464] doch müssen bis dahin ein paar Stunden vergangen sein. Jedenfalls gelang es, die Feinde aus dem Lager hinauszuwerfen und in die Flucht zu schlagen. Der Chetiterkönig, der inmitten seines Fußvolks vor Qadeš den Hergang überschaute, wagte nicht, dies in die Schlacht zu werfen; aber er entsandte noch einmal ein mächtiges Geschwader von Streitwagen, »die Fürsten von Arzawa, Masa, Arawanna, der Lukka und der Dardani, die von Karkamiš, Karkisa, Aleppo, die Brüder der Chattifürsten, alle zusammen 1000 Gespanne, die sich geradeswegs auf das Feuer (den Pharao) stürzten«. Ramses erzählt, daß da auch sein Wagenlenker Menes, der tapfer an seiner Seite ausgehalten hatte905, den Mut verlor und zur Flucht riet. Aber er harrte aus; in sechsmaligem Ansturm habe er sich auf die Feinde geworfen, bis sie schließlich die Flucht ergriffen. Von den nachsetzenden Ägyptern wurden sie in den Orontes geworfen; viele der hohen Offiziere und Beamten sowie zwei Brüder des Chetiterkönigs fanden dabei den Tod, andere, wie der Fürst von Aleppo, wurden von den am jenseitigen Ufer gelähmt stehenden Mannschaften herausgezogen und gerettet. Das Schlachtgemälde schließt ab mit der Vorführung der Gefangenen und der Aufhäufung und Zählung der den Gefallenen nach ständigem Brauch als Trophäen abgeschlagenen Hände.

Nach der poetischen Erzählung hat Ramses am nächsten Tage die Schlacht mit gleichem Erfolge fortgesetzt, bis der [465] Chetiterkönig verzweifelt den Widerstand aufgab und in einem demütigen Brief um Frieden bat. Unter Zustimmung seines Heeres gewährt Ramses großmütig die Bitte und kehrt mit seinem Heere nach siegreich erstrittenem Frieden heim in die Stadt seines Namens, die er sich als Residenz an der Ostgrenze Ägyptens gegründet hatte.

So enthusiastisch diese Schilderung gehalten ist, so läßt sich doch auch aus ihr der wirkliche Hergang in den Grundzügen erkennen. Ramses hat durch sein persönliches Eingreifen die drohende Katastrophe in einen glänzenden Sieg verwandelt, auf den er mit Recht stolz sein durfte. Die Wirkung der Niederlage der chetitischen und syrischen Streitwagen läßt sich mit der der persischen Flotte bei Salamis vergleichen: der große Heerzug gegen Ägypten war gescheitert und ein zweites Mal hat das Reich eine derartige Armee so wenig wieder aufbringen können, wie die Perser gegen Griechenland. Chattusil geht denn auch, wo er diesen Krieg erwähnt, ganz kurz darüber hinweg; irgend etwas Rühmliches war davon nicht zu erzählen. Aber auch Ramses hat den Sieg nicht weiter ausbeuten und weder Qadeš erobern, noch etwa nach Nordsyrien ziehn können, schon weil es unmöglich war, die große Armee länger im Felde zu ernähren; er mußte sich begnügen, den Angriff abgewehrt zu haben, und kehrte nach Ägypten heim. Ein vorübergehender Waffenstillstand mag geschlossen sein, der den Chetitern den ungehinderten Abzug gewährte; aber einen demütigenden Frieden zu schließen hatten sie keinen Anlaß, vielmehr haben auch sie ihre Ansprüche aufrecht erhalten. Der Kriegszustand zwischen beiden Reichen hat daher noch länger als ein Jahrzehnt fortbestanden.

Aus diesen Kriegsjahren hat Ramses zahlreiche Einzelkämpfe um Festungen an den Wänden seiner Tempelbauten verewigt. Am Pylon des Ramesseums906 sind die im 8. Jahre [466] seiner Regierung eroberten Festungen, ursprünglich insgesamt achtzehn, in langen Reihen ganz gleichförmig schematisiert abgebildet. Die Gefangenen, die von Königssöhnen aus ihnen herausgeführt werden, sind durchweg Semiten mit ihrer verschiedenen Bart- und Haartracht; nur einmal erscheint dazwischen ein Chetiter907. Soweit ihre Namen erhalten und identifizierbar sind, liegen sie fast alle in Palaestina, so Salem, Merom, »die Festung auf dem Berge von Bet'anat Karpu«. Gleichartig, nur viel inhaltreicher ausgestaltet, sind die Darstellungen an der Südwand des Säulensaals von Karnak908; hier sind fünfzehn Festungen abgebildet – meist sind in den Einzelszenen zwei zusammengefaßt und übereinander gestellt –, die der König teils zu Wagen, teils zu Fuß, mit Pfeil und Bogen oder mit Schild und Lanze oder Sichelschwert angreift und einnimmt. Unter ihnen finden sich Akko und ein Uaṣ (oder Quaṣ)-Asru geschriebener Ort, also eine Stadt der auch sonst nicht selten erwähnten Landschaft Ašer in Obergalilaea im Hinterlande des südlichsten Phoenikiens, deren Name später der eines israelitischer Stammes geworden ist909. Danach werden wir auch die übrigen, sonst nicht bekannten [467] Ortschaften in Palaestina zu suchen haben. Mehrere dieser und weiterer gleichartiger Kämpfe sind in anderen Bildern in Luxor und Karnak ausführlicher dargestellt, so Askalon, das bei der Erstürmung um Gnade fleht910, die im Buschwald des Hügellandes gelegene Festung Mutira911, die Burg Satuna, hinter der ein Wald von Laubholz und Zedern liegt – also wohl im Libanon –, in dem ein auf einem Baum Schutzsuchender Flüchtling von einem nachkletternden Bären gepackt wird912. Die Erstürmung einer anderen Feste zeigen die Reste eines Bildes in Karnak913. Besonders eindrucksvoll ist ein Bild in Luxor: eine von den Ägyptern zerstörte Festung, deren Trümmer jetzt in schauerlicher, von keinem Lebewesen betretener Einöde, inmitten wüsten Gestrüpps und abgehauener Baumkronen daliegen – die Stämme wird man als Bauholz mitgenommen haben, für die Äste hatte man keine Verwertung914.

Weiter nach Norden führt uns in der Liste des Ramesseums »die Festung im Land Amuru Dapur«. Auf ihre Bezwingung war Ramses besonders stolz, und so hat er sie in einem großen Gemälde sowohl nochmals im Ramesseum wie in Luxor darstellen lassen915. Danach lag sie, wie üblich, auf einer steilen, befestigten Anhöhe, bei der aber diesmal [468] kein Gewässer angegeben ist, und war besonders sorgfältig gebaut, mit einer Vormauer und einer zweiten, höheren Ringmauer, beide aus Ziegeln regelmäßig geschichtet, mit Türmen und Zinnen, über denen die innere Burg aufragt; auf dieser weht, wie auf Qadeš, eine mächtige Fahne, durch die mehrere lange Pfeile gesteckt sind. Ramses hat auch hier zunächst die feindlichen Wagen und Fußvölker, auf dem Streitwagen stehend, in die Flucht geschlagen; dann aber ist er herabgesprungen und rühmt sich, die Verteidiger der Festung zwei Stunden lang mit seinen Pfeilen überschüttet zu haben, ehe er daran dachte, einen Panzer anzulegen916; er schwört, daß die Art, wie er im Bilde dargestellt ist, völlig wahrheitsgetreu sei. Bei der Erstürmung haben, wie auch sonst vielfach, seine Söhne eifrig mitgekämpft.

In dem zugehörigen Text wird die Lage von Dapur genauer angegeben als »im Gebiet der Stadt Tunip im Lande Naharain (Nordsyrien)«, mithin ganz im Norden des Amoriterlandes, nördlich von Eleutheros; und zugleich heißt es eine Chetiterstadt und die Verteidiger der Festung sind sämtlich Chetiter, während die Kämpfer im Vorterrain wenigstens in Luxor durchweg als Semiten gebildet sind917. Diese Angaben in Verbindung mit den oben S. 451 erwähnten Urkunden aus Boghazkiöi gestatten den Versuch, ein Gesamtbild des Verlaufs wenigstens in den Grundzügen zu entwerfen. In den auf die Schlacht bei Qadeš folgenden Jahren hat Muwattal, während Ramses in Ägypten blieb, die Amoriter wieder unterworfen, [469] den Bentesina gefangen weggeführt und dabei offenbar in die Festung Dapur, die vielleicht erst er selbst ausgebaut hat, eine chetitische Garnison gelegt, während das Aufgebot der Amoriter in üblicher Weise zur Hilfeleistung verpflichtet war. Im Zusammenhang damit wird der große Aufstand gegen die ägyptische Herrschaft stehn, der jetzt ganz Palaestina ergreift. Diesmal sind es nicht die Beduinen, wie in der Amarnazeit und unter Sethos, sondern die von der seßhaften Bevölkerung bewohnten Festungen des Gebirgslandes und der Küste von Askalon bis nach Akko; der Hauptteil der phoenikischen Küste bis nach Beirut hinauf wird da gegen auch jetzt bei Ägypten geblieben sein918. So mußte Ramses ähnlich wie Thutmosis III. nochmals von vorn beginnen. Im Jahre 8, drei Jahre nach der Schlacht von Qadeš, muß Ramses eine Festung nach der anderen bezwingen. In diesen Kämpfen zeigt sich, welch gewaltige Stoßkraft, ganz wie die Schlachtgemälde es darstellen, in der ägyptischen Armee lag, wie fest sie durch das persönliche Eingreifen des Königs zusammengefügt und mit kriegerischem Geist erfüllt war919: die Truppen, die vor der Stadt den Angreifern entgegentraten, wurden von den Streitwagen überrannt, und dann stürmt das Fußvolk, darunter die Prinzen und die Šerdana, sich gegen die Geschosse und Feldsteine von oben durch große Schilde oder Schutzdächer deckend, die Abhänge hinauf und sucht die Mauern mit Sturmleitern zu ersteigen, die Tore zu sprengen und die Torbalken auszureißen, während die Verteidiger auf den Zinnen mit einem Pfeilhagel überschüttet werden. Wesentlich mitgewirkt hat die Kleinheit all dieser Festungen; die [470] Besatzung fühlt, daß sie der Übermacht nicht gewachsen ist, und so ist sie, wenn die Kräfte erschöpft sind, gezwungen, in demütiger Ergebung die Rettung zu suchen.

Diese Kämpfe mögen sich jahrelang fortgesetzt haben, manche der dargestellten Szenen beträchtlich später fallen als das Jahr 8. Allmählich ist Ramses weiter vorgedrungen, hat Dapur erstürmt und schließlich, noch weiter im Norden, eine gleichartig gebaute Festung »im Lande Qedi im Gebiet von Naharain«920. Unter den Verteidigern findet sich hier auch ein Beduine; weitaus die meisten sind Chetiter; andere sind gleichfalls bartlos, haben aber eine hohe gerade Stirn und einen kurzen Haarschopf. Nach dem Fall der Festung werden die Gefangenen in großen Massen von den Prinzen fortgeführt als Tempelsklaven für Amon von Theben.

Damit hört unsere Kunde auf. Wir wissen nur, daß trotz dieser Erfolge weder Nordsyrien und das Orontestal, noch der Hauptteil des Amoriterlandes921 wieder unter die ägyptische Herrschaft gekommen sind, während Palaestina und das Libanongebiet dauernd behauptet wurden. Eine über Südsyrien und Palaestina handelnde Schrift aus dieser Zeit benennt Simyra nach Ramses922 und bestätigt dadurch, daß diese Festung zum ägyptischen Machtbereich gehörte. So wird das Eleutherostal dauernd die Grenze der ägyptischen Macht gebildet haben.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/1, S. 454-471.
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