Götter mit Eigennamen. Fremde Einflüsse

[160] Für die bisher besprochenen Götter ist es bezeichnend, daß sie (mit Ausnahme des Hadad und der Tnt von Karthago) keine wirklichen Individualnamen tragen, sondern nur nach ihrem Machtbereich oder ihren Funktionen benannt werden. Eben deshalb behält ihr Wesen etwas Unbestimmtes; wie ihre Zahl sich ständig vermehren kann, können sie andrerseits immer in den Allgemeinbegriff der Elîm (Elohîm) oder auch des El oder Ba'al, der Göttermasse oder der Gottheit übergehn, während dabei doch durch die Formen des Kultus ihre Persönlichkeit festgehalten wird.

Auch bei den nomadischen und halbnomadischen Stämmen sind Eigennamen ihres El, wie Kamoš bei den Moabitern, Milkom bei den Ammonitern, Jahwe bei den Israeliten nicht gerade häufig. Umgekehrt aber kennen wir auch in Phoenikien eine Anzahl Götter mit Eigennamen, die freilich meist undeutbar [161] sind und ganz seltsam aussehn, also vielleicht auf eine vorsemitische Bevölkerung zurückgehn362. Aus diesen Gestalten setzt sich, im Anschluß an die Hauptgottheiten, das vermutlich ständig anwachsende Pantheon der einzelnen Städte zusammen. Derart werden auch die oben S. 119 besprochenen sieben Kabiren, die »großen Götter« von Berytos, die Erfinder der Schiffahrt, zu beurteilen sein. Größere Bedeutung hat nur noch der vor allem in Sidon, aber auch sonst überall verehrte und, wie die zahlreichen mit ihm gebildeten Personennamen zeigen, außerordentlich populäre Ešmûn, der Gott der Heilkunst (Asklepios)363. Nach Sanchunjaton war er der Sohn des Συδυκ (»des Gerechten«, δίκαιος, d.i. Ṣadîq) und Bruder der Kabiren; er deutet seinen Namen, der in Wirklichkeit ganz anderen Ursprungs sein wird, daher als »der Achte«364.

[162] Neben den Gottheiten, die von der gesamten Gemeinde des Stammverbandes oder des aus diesem erwachsenen Staates anerkannt und von ihm an den Kultstätten durch Opfer und Feste verehrt werden, sichern sich die einzelnen Familien und ihre Glieder den göttlichen Schutz durch im Hause aufgestellte und verehrte Götterfiguren von Ton oder Metall. Bei den Israeliten kennen wir diese Hausgötter unter dem Namen Teraphîm (wobei wieder der diese Mächte zusammenfassende Plural auch zur Bezeichnung des Einzelwesens dient); aber wie sich diese Kultformen seit alters überall auf Erden finden, haben sie ohne Zweifel in gleicher Weise auch in Phoenikien und Syrien bestanden, und kleine Götterfiguren finden sich denn auch überall in den Ruinen der Städte, teils ägyptische und ägyptisierende, darunter vor allem Puppen des auch in Ägypten bei der Masse der Bevölkerung äußerst populären Bes, teils Figuren der üppigen Göttin des Geschlechtslebens wie in Babylonien, unbekleidet und bekleidet, häufig aber mit Haartracht und Schmuck nach ägyptischen Vorbildern.

Wie die Kultur Ägyptens hat auch seine Religion allezeit auf die phoenikische eingewirkt; wie die Göttinnen seit alters nach ägyptischem Vorbild gebildet werden und die Göttin von Byblos ganz mit Ḥatḥor und Isis verschmolzen wird, haben auch in der Folgezeit ägyptische Götter vielfach in Phoenikien und auf Cypern Eingang und weite Verbreitung gefunden, so Horus, Osiris, Isis sowie Bastit und im Hauskult Bes; auch Thout ist als Erfinder der Schrift und der Symbole sowie aller Weisheit und Theologie übernommen worden365. Dagegen tritt babylonischer Einfluß, so vielfach derselbe auch postuliert worden ist, selbst in der Amarnazeit nur wenig hervor366 – denn [163] die vorhin erwähnte Übernahme der Gestalt der Göttin des Geschlechtslebens geht ebenso wie in Cypern in weit frühere Zeiten zurück –; zu größerer Bedeutung ist er erst durch das assyrische Großreich gelangt.

Ganz unsicher ist, ob die den Westsemiten und der babylonisch-assyrischen Welt gemeinsamen Götter Hadad und Dagon babylonischen Ursprungs sind; dem sumerischen Pantheon gehören sie nicht an, erscheinen vielmehr hier als Eindringlinge aus der Fremde367. Dagon (Dagan) ist in Babylonien seit der Mitte des 3. Jahrtausends nachweisbar, gelegentlich dann auch in Assyrien, und als Hauptgott in dem Fürstentum Chana unterhalb der Chaborasmündung. Dann finden wir ihn als Hauptgott der Philister in Gaza und Ašdod368, und in diese Gegend gehört bereits der Dynast Dagantakala der Amarnazeit, mit rein assyrischem Namen. Auch Sanchunjaton kennt den Gott Δαγών in der phoenikischen Göttergeschichte, und erklärt ihn, vielleicht richtig, als »Getreidegott«369; inschriftlich ist er nicht nachweisbar. Wie sein sporadisches Auftreten zu erklären ist, bleibt völlig dunkel; vielleicht stammt er von einer Bevölkerungsschicht wie die Amoriter, die sich im 3. Jahrtausend gleichmäßig nach Ost und West ausgebreitet hat.

Auch der Gewittergott Hadad scheint erst durch die Amoriter nach Babylonien gekommen zu sein und ist dann, wohl durch Gleichsetzung mit einem sumerischen Gott, hier wie in [164] Assyrien einer der angesehensten Götter geworden. Dargestellt wird er ganz wie bei den Chetitern Tesub, auf dem Rücken eines Stieres stehend, mit Beil und Blitzbündel. Wie die Gestalt mag auch der Name der vorsemitischen Bevölkerung Syriens entstammen. In der Amarnazeit ist er weit verbreitet, nicht wenige Eigennamen (so der des Königs Rib-addi oder Rib-hadad von Byblos, »Streiter Hadads«) sind mit ihm gebildet370; bei den Edomitern heißen mehrere Könige Hadad wie der Gott.

Bei den Aramaeern ist Hadad vielfach der Hauptgott, so in Bambyke und in dem Fürstentum Ja'udi oder Sam'al (Sendjirli) am Fuß des Amanos, aber auch in Damaskus, wo er daneben den Namen Rimmôn trägt371, den Hadad auch bei den Assyrern als Beinamen (in der Form Ramân) führt. Bei anderen Aramaeern steht dagegen der Himmelsgott Be'elšamêm an der Spitze des Pantheons, so in Ḥamât und später in der hellenistisch-römischen Zeit in Palmyra, bei den Nabataeern und sonst weithin. In den Königsinschriften von Ja'udi und von Ḥamât folgt auf den Hauptgott eine Reihe weiterer Götter372; sehr zu beachten ist, daß unter ihnen keine weibliche Gottheit genannt wird, auch nicht 'Attar, so bedeutsam diese sonst seit alters auf aramaeischem Gebiet hervortritt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/2, S. 160-164.
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