[259] So sind denn schwere Erschütterungen und der schließliche Zerfall des Reichs nicht ausgeblieben. Es kam hinzu, daß Davids Kraft im Alter erlahmte und daß es ihm, wie so vielen Despoten, versagt war, seine vielen Weiber und Söhne in Zucht zu halten. Sein ältester Sohn Amnon wurde von seinem Stiefbruder Absalom erschlagen, weil er dessen Schwester entehrt hatte und der Vater hier nicht eingeschritten war. Absalom flüchtete zu seinem Großvater, dem König von Gešur. Nach geraumer Zeit erwirkte ihm Joab zuerst die Rückkehr, dann auch die volle Begnadigung585. Jetzt konnte er als voraussichtlicher Thronfolger auftreten – »er hielt sich einen Wagen und Pferde sowie 50 Läufer« –; er benutzte seine Stellung, um bei den am Hof Rechtsuchenden Israeliten durch Klagen über die parteiische Rechtsprechung seines Vaters Stimmung zu machen und überall Anhang zu werben. Offenbar hatte er die unter der Polygamie nur zu berechtigte Besorgnis, daß ihm einer seiner Brüder den Rang ablaufen werde. Als alles vorbereitet war, ließ er sich in Hebron zum König ausrufen und fand überall Zulauf. David, völlig überrascht, fühlte sich nicht stark genug, Jerusalem zu halten; er räumte mit seiner Garde und den ihm treu gebliebenen Beamten die Stadt und brachte sich über den Jordan in Sicherheit. Unterwegs gab ein vornehmer Benjaminit Šim'i586 dem Haß gegen den »Blutmenschen«, der Sauls Haus ausgemordet hatte587, drastischen Ausdruck, und David nahm das hin und hinderte sowohl jetzt wie später Joab und seine Brüder, ihn [260] dafür zu bestrafen; es mag, wie in seinem Verhältnis zu Batseba, das Schuldbewußtsein in ihm erwacht sein, so daß er den Aufstand seines Sohnes als die ihm von Jahwe auferlegte Buße hinnahm.
Unter dem Einfluß einen Ratgebers, den David veranlaßt hatte, scheinbar zu den Aufständischen überzutreten, hat Absalom es versäumt, David sogleich zu verfolgen, ehe er zu Kräften gekommen war. So hatte dieser Zeit, im Ostjordanlande, wo er infolge der Siege über die Ammoniter und Aramaeer zahlreiche Anhänger besaß, seine Kerntruppen durch weitere Zuzüge zu verstärken, und erhielt reiche Verpflegung, so auch von Šobi, dem Regenten der Ammoniterstadt. Als dann Absalom mit dem Heerbann Israels den Jordan überschritt, wurde er von Joab bei Machanaim geschlagen. Auf der Flucht verfing er sich im Wald, und da hat Joab seinen ehemaligen Schützling niedergestoßen; unbekümmert um Davids Befehl, ihn zu schonen, hat der grimme Feldherr auch hier die wahren Interessen seines Königs vertreten. David dagegen ließ seinem Jammer über den Tod des Sohnes vor aller Welt seinen Lauf; nur durch ganz energisches Eingreifen hat Joab ihn schließlich gezwungen, sich dem Kriegsvolk zu zeigen, das ihm die Krone wiedergewonnen hatte. Er war eben schon arg senil geworden.
Nach dem Tode des von ihnen erhobenen Königs entschlossen sich die Israeliten, nach Verhandlungen innerhalb der Stämme, David wieder einzusetzen. Aber David ließ durch Vermittlung der von ihm in Jerusalem zurückgelassenen Priester Abjatar und Ṣadoq den Ältesten Judas vorstellen, daß er doch ihr Fleisch und Blut sei, und bot außerdem dem 'Amasa, dem Feldhauptmann Absaloms, die Stelle Joabs an, der ihm durch sein rücksichtsloses Auftreten verhaßt geworden war. So kamen die Judaeer den Israeliten zuvor und holten David über den Jordan nach Gilgal, als von diesen erst ein Teil eingetroffen war. Das führte zu heftigem Streit; schließlich rief ein Benjaminit Šeba' aus Sauls Clan Bekr auf zum Abfall von David und führte die israelitischen Mannschaften fort. David kehrte nach Jerusalem zurück und beauftragte 'Amasa, die Judaeer aufzubieten, [261] mußte dann aber doch Joab mit seiner Kerntruppe hinzuziehn. Joab stieß 'Amasa bei einem Gespräch nieder, wie ehemals Abner, und jagte dann den Šeba' durch ganz Israel. Schließlich warf dieser sich in die Festung Abel in Ma'aka an den Jordanquellen und wurde hier, da der Widerstand aussichtslos war, von der Bevölkerung erschlagen. Es ist begreiflich, daß die improvisierte Erneuerung des Aufstandes erfolglos blieb, zumal bei dem raschen Vorgehn Joabs; zugleich aber zeigen diese Vorgänge, wie tief gewurzelt der Gegensatz zwischen Israel und Juda nicht nur in Benjamin gewesen ist. Ohne Zweifel hat er auch bei Absaloms Aufstand stark mitgewirkt: die Erhebung des Thronfolgers gegen den altersschwachen König hat ihm Luft gegeben588.
David mußte froh sein, sein Reich wiedergewonnen zu haben; er hat das Geschehene nicht bestraft und auch den Šim'i, der ihn an der Spitze der Benjaminiten beim Übergang über den Jordan um Gnade bat, unbehelligt gelassen589. Aus der folgenden Zeit erfahren wir nur, daß er körperlich und geistig immer schwächer geworden ist. Als sein Nachfolger galt Adonia, [262] jetzt der älteste seiner Söhne; auch Joab und Abjatar, die alten Hauptstützen seines Vaters, standen auf seiner Seite. Ihm gegenüber erhob Batseba Ansprüche für ihren Sohn Salomo auf Grund eines Versprechens, das David ihr gegeben habe, als er sie nach Beseitigung ihres Gatten Uria zu sich nahm; und für diesen traten außer ihrem alten Beschützer, dem Propheten Natan, auch die Konkurrenten jener ein, Benaja, der Kommandant der Kreter und Pleter, und der Priester Ṣadoq. Als nun Adonia vor der Stadt ein großes Opferfest veranstaltete, mit zahlreichen geladenen Gästen, erzählten Batseba und Natan dem alten Herrscher, er habe sich dabei zum König ausrufen lassen, und erwirkten von dem auf dem Totenbett liegenden David den Befehl an Ṣadoq und Natan, unter dem Schutz Benajas und seiner Garde den Salomo zum Herrscher über Israel und Juda zu salben und auf den Thron zu setzen. Adonia war vollständig überrascht und unfähig zum Widerstand; Salomo versprach, ihm solle kein Leid geschehn, benutzte aber alsbald einen beliebigen Anlaß, um sowohl Adonia wie Joab umbringen zu lassen, während Abjatar abgesetzt und aufs Land verbannt wurde590.