Midianiterkrieg. Gide'on (Jeruba'al) und Abimelek

[231] Das Andrängen der Wüstenstämme gegen das Kulturland, das die Israeliten nach Palaestina geführt hat, geht ununterbrochen weiter; hierher mag schon das Vordringen der Ammoniter und Moabiter gegen den Jordan gehören. Eine Sage erzählt, daß König 'Eglon von Moab Jericho besetzt und hier Tribut erhoben habe, bis er von einem Benjaminiten Ehud ermordet wurde523.

[232] Folgenreicher waren die Raubzüge, mit denen die Midianiter von Nordarabien aus Palaestina heimsuchten. Die Schilderung, wie diese Scharen von Kamelreitern alljährlich zur Erntezeit das Kulturland zu beiden Seiten des Jordan ausplünderten, wird ganz zutreffend sein; wie immer in solchen Fällen ist die seßhafte Bevölkerung durch die plötzlich auftauchenden fremden Horden überrascht und zum Widerstand nicht organisiert, und sucht eingeschüchtert Zuflucht in Bergfesten und Höhlen524.

Die Befreiung brachte das Oberhaupt der Tausendschaft Abi'ezer in Manasse, die zu 'Ophra, wahrscheinlich in der Nähe von Sichem, ansässig war. Erhalten sind uns darüber nur einige Bruchstücke von ausführlichen Darstellungen, die sich in der Auffassung stark unterscheiden und aus sehr verschiedenen Zeiten stammen. Das älteste ist das Fragment Jud. 8, 4-21525. Da sind die Midianiter unter den Königen Zebach und Ṣalmunna' über den Jordan vorgedrungen, vermutlich über Betšean, und haben am Tabor die Brüder Gide'ons erschlagen, die in ihre Hände gefallen waren – ob hier ein Abwehrkampf versucht war, an dem auch die Mannschaft von Manasse beteiligt war, ähnlich wie unter Debora, läßt sich nicht erkennen –, und ziehn jetzt mit reicher Beute gemächlich auf der »Straße der Zeltbewohner« heimwärts, der uralten Karawanenstraße auf der Hochfläche im Osten, die sich als Pilgerstraße nach Mekka bis auf die Gegenwart erhalten hat526. Aber Gide'on setzt ihnen an der Spitze des Aufgebots des Clans Ab'ezer, 300 Mann, in Eilmärschen nach, überfällt sie im Lager, nimmt sie gefangen und vollzieht an ihnen die Blutrache; dann nimmt er an den Orten Sukkot und Pnuel, die seiner Mannschaft aus Angst vor der [233] Übermacht der beiden Häuptlinge die Bitte um Brot abgeschlagen hatten, blutige Rache.

Eine andere nur in ganz legendarischer Umgestaltung erhaltene Erzählung527 weiß von einem Siege Gide'ons mit seinen 300 Mann in der Ebene Jezre'-el und von der Abschlachtung von zwei midianitischen Häuptlingen durch Ephraim am »Rabenfelsen« und an der »Wolfskelter«. Ein wirkliches Bild des Verlaufs ist nicht zu gewinnen; sicher ist nur, daß Gide'ons Kämpfe größere Dimensionen gehabt haben müssen, als diese abgerissenen Erzählungen erkennen lassen; sie haben den Einfällen der Midianiter ein Ende gemacht. Aus der Beute läßt er sich die goldenen Nasenringe geben, welche die Midianiter trugen, und hat daraus ein Kultbild Jahwes gießen lassen, das er in 'Ophra aufstellte. Weiter wird erzählt, ihm sei das Königtum angeboten worden, er aber habe es abgelehnt, weil Jahwe der König Israels sei. Das ist die spätere theologische Auffassung, wie sie seit Hosea in unserer ganz einseitig umgemodelten Überlieferung herrschend geworden ist. In Wirklichkeit kann kein Zweifel sein, daß er das Königtum zum mindesten über die Josephstämme gewonnen hat, das sich auf sein Geschlecht vererbte; zu seinem Machtbereich hat auch Sichem gehört.

Eine weitere Schwierigkeit ist dadurch geschaffen, daß statt des Namens Gide'on im weiteren Fortgang immer nur der Name Jeruba'al erscheint und die Gleichsetzung der beiden Namen ganz den Eindruck erweckt, als seien hier willkürlich zwei verschiedene Persönlichkeiten identifiziert worden528. Indessen irgendwelche [234] Sicherheit ist hier nicht zu erreichen; verdanken wir doch alle weitern Nachrichten ausschließlich dem Umstande, daß der Schlußredaktor noch einen vom Deuteronomisten übergangenen Abschnitt (Jud. cap. 9) in seinen Text eingefügt hat. Dadurch ist uns von dem ältesten israelitischen Geschichtswerk ein größeres Bruchstück erhalten, das ebenso wie die Erzählung von Gide'ons Verfolgung der Midianiter die Vorgänge zwar novellistisch darstellt, aber im Gegensatz gegen die religiösen Phantasien der Späteren eine gesunde Anschauung der realen Faktoren des geschichtlichen Lebens zeigt, so daß die Tradition zur Zeit der Abfassung noch ganz lebendig gewesen sein muß529. Für uns freilich bleibt vieles unverständlich, da uns nur ein Torso erhalten ist und wir die Verhältnisse nicht kennen, die der Erzähler voraussetzt. Mit ein paar Strichen zeichnet er die Lage nach dem Tode Jeruba'als. Alle seine Söhne, angeblich 70, führen, so scheint es, das Regiment gemeinsam; sie wohnen, wie ihr Vater, in 'Ophra, aber auch Sichem ist ihnen untertan. Neben ihnen steht ein Bastard Abimelek, Sohn einer Frau aus angesehenem sichemitischen Geschlecht; daraus, daß sie trotzdem Kebse und Magd Jeruba'als genannt wird, geht deutlich hervor, daß sie und ihr Geschlecht nicht israelitisch war, sondern zu dem kana'anaeischen oder choritischen Clan Chamôr gehörte530. Mit ihnen verbunden sind israelitische Ansiedler, und [235] beiden Elementen gemeinsam war der Dienst des »Bundesgottes« El-brît, in dem man vielleicht mit Recht den Schutzgott des zwischen beiden Volkselementen geschlossenen Vertrages gesehn hat, wenn der Name und Kultus dann auch eine ganz an dere Bedeutung gewonnen hat. Jetzt wendet sich Abimelek an die Sippe seiner Mutter in Sichem, läßt sich von ihnen Geld aus dem Tempelschatz geben, wirbt damit eine Bande, überfällt und erschlägt seine Brüder in 'Ophra und wird darauf in Sichem am »Gottesbaum der Maṣṣeba« zum König eingesetzt531.

Aber die Eintracht dauert nicht lange; die Sichemiten wollen sich dem strammen Regimente Abimeleks und seines Vogts nicht fügen, treiben Straßenraub und werden von einem Parteigänger, Ga'al, der mit seinem Anhang zu ihnen kommt, noch weiter aufgehetzt. Der Fortgang ist sehr lebendig erzählt, mit scharfpointierten Wechselreden, bleibt aber für uns vielfach unverständlich, da die Angaben für uns nicht ausreichen532. Das Endergebnis ist, daß Abimelek die Sichemiten auf dem Felde überfällt und dann zunächst die Stadt erobert und darauf auch [236] das neben ihr gelegene Bollwerk mit dem Tempel des El-brît, in dessen Keller die dorthin geflüchtete Menge den Feuertod findet533. Als Abimelek dann der benachbarten Festung Tebeṣ dasselbe Schicksal bereiten wollte, ist er am Turmtor durch einen herabgeschmetterten Mühlstein erschlagen worden.

Damit bricht unsere Kunde ab. Wenn bei der Einnahme Sichems noch erzählt wird, Abimelek habe die Stadt zerstört und Salz darauf gestreut, so wird das, wie in der Regel bei solchen Angaben, nicht zu wörtlich zu nehmen sein. Allerdings mag er arg in der Stadt gehaust haben, und der Chamôrstamm wird so ziemlich vernichtet worden sein. Aber Sichem besteht weiter als bedeutendste Stadt des israelitischen Gebiets, und ebenso der Kult des Bundesgottes, der, gedeutet als der Gott, mit dem eine Gemeinde einen Bund geschlossen hat, auf die weitere Entwicklung der Religion den größten Einfluß geübt hat.

Wie der Deborakampf steht auch der mit Midian für uns ganz isoliert, und das manassitische Königtum erscheint als eine Episode ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Königtum der folgenden Zeit. Doch werden wir wohl nicht fehlgehn, wenn wir diese Ereignisse ungefähr in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts setzen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/2, S. 231-236.
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