Zerfall des Reichs. Die ersten Könige von Israel

[271] Nach Salomos Tode kam diese Stimmung zum Ausbruch. In Jerusalem folgte ihm sein Sohn Reḥabe'am; aber die Israeliten zögerten mit der Anerkennung. Statt dessen trat eine Volksversammlung in Sichem zusammen, bestehend aus den führenden Ältesten; auch Jerobe'am traf aus Ägypten dazu ein. Ebenso kam Reḥabe'am hin, um die Huldigung durchzusetzen. Auf die Erklärung, man sei bereit, ihm zu gehorchen, wenn er das schwere Joch seines Vaters erleichtere, forderte er drei Tage Bedenkzeit. Die erfahrenen Räte seines Vaters rieten zur Nachgiebigkeit; er aber ließ sich von seinen Altersgenossen zu einer schroff abweisenden Antwort verleiten: »Mein kleiner Finger ist schwerer als die Hüften meines Vaters; mein Vater hat euch mit Geißeln gezüchtigt, ich werde euch mit Skorpionen züchtigen«. Da brach die offene Empörung aus; wie beim Aufstand Šeba's, aber mit ganz anderm Erfolge, sagte Israel sich vom Hause Davids los. Als Reḥabe'am töricht genug war, den Fronvogt Salomos, Adoniram, zu senden, um den Aufruhr zu dämpfen, wurde dieser gesteinigt, und dem König blieb nichts übrig, als in schleuniger Flucht sich nach Jerusalem zu retten.

Damit war das von Saul und David geschaffene Reich zerrissen, der Versuch, Israel und Juda zu einem einheitlichen Volk zu verbinden, für alle Zukunft gescheitert; die verhängnisvollen Wirkungen der Usurpation Davids hatten sich nicht beseitigen lassen. Reḥabe'am hat, gestützt auf die starke Festung Jerusalem, die Herrschaft über Juda behauptet612, aber Israel wieder zu unterwerfen war er viel zu schwach. Über Israel ist dann Jerobe'am zum König eingesetzt worden.

Der Bericht über den Zerfall des Reichs ist im Stil der alten Geschichtsschreibung dramatisch lebendig erzählt, aber inhaltlich [272] durchaus zutreffend und sachlich. Mit ihm schließt ab, was uns von der älteren Geschichtsliteratur Israels erhalten ist. Fortan versagt für zwei Menschenalter die Geschichtsüberlieferung so gut wie ganz. Aufgenommen ist ins Königsbuch lediglich ein ganz dürftiger Auszug aus den Königsannalen, der oft nur aus dem Namen und der Regierungsdauer des Königs nebst einer Angabe über seine Grabstätte besteht. Dazu kommen einzelne Notizen über Kriege und Kultus. Der in der Zeit des Exils schreibende Verfasser des Königsbuchs hat dann eine Kritik über ihr religiöses Verhalten hinzugefügt, die über sämtliche Könige Israels und fast alle von Juda ein verdammendes Urteil fällt, weil sie die Gebote des Gesetzbuchs von 621 nicht befolgt haben, das seit Salomos Tempelbau nur diesen als legitime Kultstätte anerkennt und alle andern als heidnischen Götzendienst betrachtet. Dazu kommt dann der obligate Prophet, der die kommenden Schicksale als göttliche Strafe verkündet, wie vorher schon die Losreißung Israels als Strafe für Salomos angeblichen Götzendienst.

Armselig genug ist freilich die Geschichte der beiden zu Kleinstaaten herabgesunkenen Reiche verlaufen. Jerobe'am und Reḥabe'am haben sich gegenseitig als Usurpatoren betrachtet, und so bestand dauernd Krieg zwischen ihnen, der sich weiter auf ihre Nachfolger vererbte, aber völlig ergebnislos verlief, da beide Staaten zu schwach waren, um etwas zu erreichen. Wie es scheint, haben die Philister die Lage auszunutzen gesucht und die Angriffe gegen Israel erneuert; in der nächsten Zeit hören wir zweimal von Kämpfen gegen sie um eine Festung Gibbeton in den Tälern westlich von Benjamin613.

Dazwischen ist die Notiz erhalten, daß im 5. Jahre Reḥabe'ams König Šošenq gegen Jerusalem zog und alle Schätze des Tempels und Palastes, darunter auch die goldenen Schilde Salomos, mit sich fortführte. Die Nachricht ist lediglich aus Interesse für den Tempel aufgenommen; aus Šošenqs Siegesinschrift (o. S. 46) wissen wir, daß sein Kriegszug sich gleichmäßig[273] gegen beide Reiche gerichtet und die Oberhoheit Ägyptens über Palaestina vorübergehend noch einmal wieder aufgerichtet hat. Viel mehr als ein Beutezug ist es jedoch nicht gewesen; das stark befestigte Jerusalem hat er zweifellos nicht eingenommen, sondern Reḥabe'am hat seinen Abzug durch Hergabe seiner Goldschätze erkauft.

Jerobe'am hat seinen Sitz in Sichem genommen und diese Stadt sowie Pnu'el im Ostjordanlande befestigt. Jerusalem und sein Tempel hatte für Israel garnichts bedeutet; aber die Idee eines Staatskultus hatte sich durchgesetzt. So hat er Bet-el und Dan, wo Jahwe längst in Stiergestalt verehrt wurde, zu Reichstempeln erhoben. Daneben standen natürlich überall im Lande größere und kleinere Kultusstätten und Altäre, die sich ständig vermehrt haben mögen.

Eine dauerhafte Dynastie hat Jerobe'am nicht geschaffen. Sein Sohn Nadab wurde, als er zu Anfang seiner Regierung mit dem Heere vor Gibbeton lag, von Ba'ša ben Achija aus Išsakar erschlagen und sein Haus in üblicher Weise ausgemordet. Ba'ša hat seine Residenz nach Tirṣa verlegt. Im Krieg gegen Juda versuchte er, Jerusalem von aller Verbindung mit dem Norden abzuschnüren und dadurch lahmzulegen, daß er auf dem Gebirgskamm, 10 Kilometer nördlich der Stadt, eine Sperrfestung Rama erbaute. Da hat König Asa von Juda614 durch Hingabe seiner letzten Schätze die Hilfe des Königs Barhadad von Damaskus erkauft. Damit beginnt die Epoche der Aramaeerkriege, die sich mit kurzen Unterbrechungen fortgesetzt haben, bis beide Staaten, Damaskus und Israel, kurz nacheinander den Assyrern erlagen. Als Barhadad in Israel einfiel und die Städte des nördlichen Galilaea eroberte, mußte Ba'ša den Kampf gegen Jerusalem aufgeben; Asa hat den begonnenen Bau von Rama zerstört und aus dem Material zwei Kastelle zum Schutz Jerusalems, Geba' und Miṣpa, erbaut.

[274] Auch Ba'šas Haus hat sich nicht behauptet; seinen Sohn Ela traf dasselbe Schicksal, das er seinem Vorgänger bereitet hatte. Als der israelitische Heerbann, unter dem Heerobersten 'Omri, wieder vor Gibbeton gegen die Philister lag, wurde Ela in Tirṣa von Zimri, dem einen der beiden Kommandanten der Streitwagen, mitsamt seinen Angehörigen bei einem Gelage umgebracht. Aber diesmal hatte der Mörder kein Glück; 'Omri führte das Heer gegen Tirṣa und erstürmte die Stadt, Zimri gab sich, nachdem er 7 Tage das Regiment genossen hatte, in den Flammen des Palastes den Tod. Neben 'Omri erhob sich noch ein zweiter Prätendent, Tibni ben Gînat; erst als dieser gestorben war, wurde 'Omri allgemein anerkannt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/2, S. 271-274.
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