Kapitel IV

Sturz der etruskischen Macht. Die Kelten

[320] Nachdem die Entwickelung der römischen Verfassung während der zwei ersten Jahrhunderte der Republik dargestellt ist, ruft uns die äußere Geschichte Roms und Italiens wieder zurück in den Anfang dieser Epoche. Um diese Zeit, als die Tarquinier aus Rom vertrieben wurden, stand die etruskische Macht auf ihrem Höhepunkt. Die Herrschaft auf der tyrrhenischen See besaßen unbestritten die Tusker und die mit ihnen eng verbündeten Karthager. Wenn auch Massalia unter steten und schweren Kämpfen sich behauptete, so waren dagegen die Häfen Kampaniens und der volskischen Landschaft und seit der Schlacht von Alalia auch Korsika (S. 143) im Besitz der Etrusker. In Sardinien gründeten durch die vollständige Eroberung der Insel (um 260 [500]) die Söhne des karthagischen Feldherrn Mago die Größe zugleich ihres Hauses und ihrer Stadt, und in Sizilien behaupteten die Phönikier während der inneren Fehden der hellenischen Kolonien ohne wesentliche Anfechtung den Besitz der Westhälfte. Nicht minder beherrschten die Schiffe der Etrusker das adriatische Meer und selbst in den östlichen Gewässern waren ihre Kaper gefürchtet. – Auch zu Lande schien ihre Macht im Steigen. Den Besitz der latinischen Landschaft zu gewinnen war für Etrurien, das von den volskischen in seiner Klientel stehenden Städten und von seinen kampanischen Besitzungen allein durch die Latiner geschieden war, von der entscheidendsten Wichtigkeit. Bisher hatte das feste Bollwerk der römischen Macht Latium ausreichend beschirmt und die Tibergrenze mit Erfolg gegen Etrurien behauptet. Allein als der gesamte tuskische Bund, die Verwirrung und die Schwäche des römischen Staats nach der Vertreibung der [320] Tarquinier benutzend, jetzt unter dem König Lars Porsena von Clusium seinen Angriff mächtiger als zuvor erneuerte, fand er nicht ferner den gewohnten Widerstand; Rom kapitulierte und trat im Frieden (angeblich 247 [507]) nicht bloß alle Besitzungen am rechten Tiberufer an die nächstliegenden tuskischen Gemeinden ab und gab also die ausschließliche Herrschaft über den Strom auf, sondern lieferte auch dem Sieger seine sämtlichen Waffen aus und gelobte fortan des Eisens nur zur Pflugschar sich zu bedienen. Es schien, als sei die Einigung Italiens unter tuskischer Suprematie nicht mehr fern.

Allein die Unterjochung, womit die Koalition der etruskischen und karthagischen Nation die Griechen wie die Italiker bedroht, ward glücklich abgewendet durch das Zusammenhalten der durch Stammverwandtschaft wie durch die gemeinsame Gefahr auf einander angewiesenen Völker. Zunächst fand das etruskische Heer, das nach Roms Fall in Latium eingedrungen war, vor den Mauern von Aricia die Grenze seiner Siegesbahn durch die rechtzeitige Hilfe der den Aricinern zur Hilfe herbeigeeilten Kymäer (248 [506]). Wir wissen nicht wie der Krieg endigte und namentlich nicht, ob Rom schon damals den verderblichen und schimpflichen Frieden zerriß; gewiß ist nur, daß die Tusker auch diesmal auf dem linken Tiberufer sich dauernd zu behaupten nicht vermochten.

Bald ward die hellenische Nation zu einem noch umfassenderen und noch entscheidenderen Kampf gegen die Barbaren des Westens wie des Ostens genötigt. Es war um die Zeit der Perserkriege. Die Stellung der Tyrier zu dem Großkönig führte auch Karthago in die Bahnen der persischen Politik – wie denn selbst ein Bündnis zwischen den Karthagern und Xerxes glaubwürdig überliefert ist – und mit den Karthagern die Etrusker. Es war eine der großartigsten politischen Kombinationen, die gleichzeitig die asiatischen Scharen auf Griechenland, die phönikischen auf Sizilien warf, um mit einem Schlag die Freiheit und die Zivilisation vom Angesicht der Erde zu vertilgen. Der Sieg blieb den Hellenen. Die Schlacht bei Salamis (274 [480] der Stadt) rettete und rächte das eigentliche Hellas; und an demselben Tag – so wird erzählt – besiegten die Herren von Syrakus und Akragas, Gelon und Theron das ungeheure Heer des karthagischen Feldherrn Hamilkar Magos Sohn bei Himera so vollständig, daß der Krieg damit zu Ende war und die Phönikier, die damals noch keineswegs den Plan verfolgten ganz Sizilien für eigene Rechnung sich zu unterwerfen, zurückkehrten zu ihrer bisherigen defensiven Politik. [321] Noch sind von den großen Silberstücken erhalten, welche aus dem Schmuck der Gemahlin Gelons Damareta und anderer edler Syrakusanerinnen für diesen Feldzug geschlagen wurden, und die späteste Zeit gedachte dankbar des milden und tapferen Königs von Syrakus und des herrlichen von Simonides gefeierten Sieges. – Die nächste Folge der Demütigung Karthagos war der Sturz der Seeherrschaft ihrer etruskischen Verbündeten. Schon Anaxilas, der Herr von Rhegion und Zankle, hatte ihren Kapern die sizilische Meerenge durch eine stehende Flotte gesperrt (um 272 [482]); einen entscheidenden Sieg erfochten bald darauf die Kymäer und Hieron von Syrakus bei Kyme (280 [474]) über die tyrrhenische Flotte, der die Karthager vergeblich Hilfe zu bringen versuchten. Das ist der Sieg, welchen Pindaros in der ersten pythischen Ode feiert, und noch ist der Etruskerhelm vorhanden, den Hieron nach Olympia sandte mit der Aufschrift: ›Hiaron des Deinomenes Sohn und die Syrakosier dem Zeus Tyrrhanisches von Kyma‹14. – Während diese ungemeinen Erfolge gegen Karthager und Etrusker Syrakus an die Spitze der sizilischen Griechenstädte brachten, erhob unter den italischen Hellenen, nachdem um die Zeit der Vertreibung der Könige an aus Rom (243 [511]) das achäische Sybaris untergegangen war, das dorische Tarent sich unbestritten zu der ersten Stelle; die furchtbare Niederlage der Tarentiner durch die Iapyger (280 [474]), die schwerste, die bis dahin ein Griechenheer erlitten hatte, entfesselte nur, ähnlich wie der Persersturm in Hellas, die ganze Gewalt des Volksgeistes in energisch demokratischer Entwickelung. Von jetzt an spielen nicht mehr die Karthager und die Etrusker die erste Rolle in den italischen Gewässern, sondern im adriatischen und ionischen Meer die Tarentiner, im tyrrhenischen die Massalioten und die Syrakusaner, und namentlich die letzteren beschränkten mehr und mehr das etruskische Korsarenwesen. Schon Hieron hatte nach dem Siege bei Kyme die Insel Aenaria (Ischia) besetzt und damit die Verbindung zwischen den kampanischen und den nördlichen Etruskern unterbrochen. Um das Jahr 302 [452] wurde von Syrakus, um der tuskischen Piraterie gründlich zu steuern, eine eigene Expedition ausgesandt, die die Insel Korsika und die etruskische Küste verheerte und die Insel Aethalia (Elba) besetzte. Ward man auch nicht völlig Herr über die etruskisch-karthagischen Piraten – wie denn das Kaperwesen zum Beispiel in Antium bis in den Anfang des fünften Jahrhunderts der Stadt fortgedauert zu haben scheint –, so war doch das mächtige Syrakus [322] ein starkes Bollwerk gegen die verbündeten Tusker und Phönikier. Einen Augenblick freilich schien es, als müsse die syrakusische Macht gebrochen werden durch die Athener, deren Seezug gegen Syrakus im Lauf des peloponnesischen Krieges (339-341 [415-413]) die Etrusker, die alten Handelsfreunde Athens, mit drei Fünfzigrudrern unterstützten. Allein der Sieg blieb, wie bekannt, im Westen wie im Osten den Dorern. Nach dem schmählichen Scheitern der attischen Expedition ward Syrakus so unbestritten die erste griechische Seemacht, daß die Männer, die dort an der Spitze des Staates standen, die Herrschaft über Sizilien und Unteritalien und über beide Meere Italiens ins Auge faßten; wogegen anderseits die Karthager, die ihre Herrschaft in Sizilien jetzt ernstlich bedroht sahen, auch auf ihrer Seite die Überwältigung der Syrakusaner und die Unterwerfung der ganzen Insel zum Ziel ihrer Politik nehmen mußten und nahmen. Der Verfall der sizilischen Mittelstaaten, die Steigerung der karthagischen Macht auf der Insel, die zunächst aus diesen Kämpfen hervorgingen, können hier nicht erzählt werden; was Etrurien anlangt, so führte gegen dies der neue Herr von Syrakus Dionysios (reg. 348-387) die empfindlichsten Schläge. Der weitstrebende König gründete seine neue Kolonialmacht vor allem in dem italischen Ostmeer, dessen nördlichere Gewässer jetzt zum erstenmal einer griechischen Seemacht untertan wurden. Um das Jahr 367 [387] besetzte und kolonisierte Dionysios an der illyrischen Küste den Hafen Lissos und die Insel Issa, an der italischen die Landungsplätze Ankon, Numana und Hatria; das Andenken an die syrakusanische Herrschaft in dieser entlegenen Gegend bewahrten nicht bloß die ›Gräben des Philistos‹, ein ohne Zweifel von dem bekannten Geschichtsschreiber und Freunde des Dionysios, der die Jahre seiner Verbannung (368 [388] fg.) in Atria verlebte, angelegter Kanal an der Pomündung; auch die veränderte Benennung des italischen Ostmeers selbst, wofür seitdem anstatt der älteren Benennung des ionischen Busens (S. 127) die heute noch gangbare des ›Meeres von Hadria‹ vorkommt, geht wahrscheinlich auf diese Ereignisse zurück15. Aber nicht zufrieden mit diesen Angriffen auf die Besitzungen und Handelsverbindungen der Etrusker im Ostmeer griff Dionysios durch [323] die Erstürmung und Plünderung der reichen caeritischen Hafenstadt Pyrgi (369 [885]) die etruskische Macht in ihrem innersten Kern an. Sie hat denn auch sich nicht wieder erholt. Als nach Dionysios' Tode die inneren Unruhen in Syrakus den Karthagern freiere Bahn machten und deren Flotte wieder im tyrrhenischen Meer das Übergewicht bekam, das sie seitdem mit kurzen Unterbrechungen behauptete, lastete dieses nicht minder schwer auf den Etruskern wie auf den Griechen; sodaß sogar, als im J. 444 [310] Agathokles von Syrakus zum Krieg mit Karthago rüstete, achtzehn tuskische Kriegsschiffe zu ihm stießen. Die Etrusker mochten für Korsika fürchten, das sie wahrscheinlich damals noch behaupteten; die alte tuskisch-phönikische Symmachie, die noch zu Aristoteles' Zeit (370-432 [384-322]) bestand, ward damit gesprengt, aber die Schwäche der Etrusker zur See nicht wieder aufgehoben.

Dieser rasche Zusammensturz der etruskischen Seemacht würde unerklärlich sein, wenn nicht gegen die Etrusker zu eben der Zeit, wo die sizilischen Griechen sie zur See angriffen, auch zu Lande von allen Seiten her die schwersten Schläge gefallen wären. Um die Zeit der Schlachten von Salamis, Himera und Kyme ward, dem Berichte der römischen Annalen zufolge, zwischen Rom und Veii ein vieljähriger und heftiger Krieg geführt (271-280 [483-474]). Die Römer erlitten in demselben schwere Niederlagen; im Andenken geblieben ist die Katastrophe der Fabier (277 [477]), die infolge der inneren Krisen sich freiwillig aus der Hauptstadt verbannt (S. 277) und die Verteidigung der Grenze gegen Etrurien übernommen hatten, hier aber am Bache Cremera bis auf den letzten waffenfähigen Mann niedergehauen wurden. Allein der Waffenstillstand auf 400 Monate, der anstatt Friedens den Krieg beendigte, fiel für die Römer insofern günstig aus, als er wenigstens den Statusquo der Königszeit wiederherstellte; die Etrusker verzichteten auf Fidenae und den am rechten Tiberufer gewonnenen Distrikt. Es ist nicht auszumachen, inwieweit dieser römisch-etruskische Krieg mit dem hellenisch-persischen und dem sizilisch-karthagischen in unmittelbarem Zusammenhange stand; aber mögen die Römer die Verbündeten der Sieger von Salamis und von Himera gewesen sein oder nicht, die Interessen wie die Folgen trafen jedenfalls zusammen. – Wie die Latiner warfen auch die Samniten sich auf die Etrusker; und kaum war deren kampanische Niederlassung durch die Folgen des Treffens bei Kyme vom Mutterlande abgeschnitten worden, als sie auch schon nicht mehr im stande war den Angriffen der sabellischen Bergvölker zu widerstehen. Die Hauptstadt Capua fiel 330 [424] und die tuskische [324] Bevölkerung ward hier bald nach der Eroberung von den Samniten ausgerottet oder verjagt. Freilich hatten auch die kampanischen Griechen, vereinzelt und geschwächt, unter derselben Invasion schwer zu leiden; Kyme selbst ward 334 [420] von den Sabellern erobert. Dennoch behaupteten die Griechen sich namentlich in Neapolis, vielleicht mit Hilfe der Syrakusaner, während der etruskische Name in Campanien aus der Geschichte verschwindet; kaum daß einzelne etruskische Gemeinden eine kümmerliche und verlorene Existenz sich dort fristeten. – Aber noch folgenreichere Ereignisse traten um dieselbe Zeit im nördlichen Italien ein. Eine neue Nation pochte an die Pforten der Alpen: es waren die Kelten; und ihr erster Andrang traf die Etrusker.

Die keltische, auch galatische oder gallische Nation hat von der gemeinschaftlichen Mutter eine andere Ausstattung empfangen als die italische, die germanische und die hellenische Schwester. Es fehlt ihr bei manchen tüchtigen und noch mehr glänzenden Eigenschaften die tiefe sittliche und staatliche Anlage, auf welche alles Gute und Große in der menschlichen Entwickelung sich gründet. Es galt, sagt Cicero, als schimpflich für den freien Kelten das Feld mit eigenen Händen zu bestellen. Dem Ackerbau zogen sie das Hirtenleben vor und trieben selbst in den fruchtbaren Poebenen vorzugsweise die Schweinezucht, von dem Fleisch ihrer Herden sich nährend und in den Eichenwäldern mit ihnen Tag und Nacht verweilend. Die Anhänglichkeit an die eigene Scholle, wie sie den Italikern und den Germanen eigen ist, fehlt bei den Kelten; wogegen sie es lieben in den Städten und Flecken zusammen zu siedeln und diese bei ihnen früher, wie es scheint, als in Italien Ausdehnung und Bedeutung gewonnen haben. Ihre bürgerliche Verfassung ist unvollkommen; nicht bloß wird die nationale Einheit nur durch ein schwaches Band vertreten, was ja in gleicher Weise von allen Nationen anfänglich gilt, sondern es mangelt auch in den einzelnen Gemeinden an Eintracht und festem Regiment, an ernstem Bürgersinn und folgerechtem Streben. Die einzige Ordnung, der sie sich schicken, ist die militärische, in der die Bande der Disziplin dem einzelnen die schwere Mühe abnehmen sich selber zu bezwingen. ›Die hervorstehenden Eigenschaften der keltischen Rasse – sagt ihr Geschichtschreiber Thierry – sind die persönliche Tapferkeit, in der sie es allen Völkern zuvortun; ein freier, stürmischer, jedem Eindruck zugänglicher Sinn; viel Intelligenz, aber daneben die äußerste Beweglichkeit, Mangel an Ausdauer, Widerstreben gegen Zucht und Ordnung, Prahlsucht und ewige Zwietracht, die Folge der grenzenlosen Eitelkeit‹.[325] Kürzer sagt ungefähr dasselbe der alte Cato: ›auf zwei Dinge geben die Kelten viel: auf das Fechten und auf den Esprit‹16. Solche Eigenschaften guter Soldaten und schlechter Bürger erklären die geschichtliche Tatsache, daß die Kelten alle Staaten erschüttert und keinen gegründet haben. Überall finden wir sie bereit zu wandern, das heißt zu marschieren; dem Grundstück die bewegliche Habe vorziehend, allem andern aber das Gold; das Waffenwerk betreibend als geordnetes Raubwesen oder gar als Handwerk um Lohn und allerdings mit solchem Erfolge, daß selbst der römische Geschichtschreiber Sallustius im Waffenwerk den Kelten den Preis vor den Römern zugesteht. Es sind die rechten Lanzknechte des Altertums, wie die Bilder und Beschreibungen sie uns darstellen: große, nicht sehnige Körper, mit zottigem Haupthaar und langem Schnauzbart – recht im Gegensatz zu Griechen und Römern, die das Haupt und die Oberlippe schoren –, in bunten gestickten Gewändern, die beim Kampf nicht selten abgeworfen wurden, mit dem breiten Goldring um den Hals, unbehelmt und ohne Wurfwaffen jeder Art, aber dafür mit ungeheurem Schild nebst dem langen schlechtgestählten Schwert, dem Dolch und der Lanze, alle diese Waffen mit Gold geziert, wie sie denn die Metalle nicht ungeschickt zu bearbeiten verstanden. Zum Renommieren dient alles, selbst die Wunde, die oft nachträglich erweitert wird, um mit der breiteren Schmarre zu prunken. Gewöhnlich fechten sie zu Fuß, einzelne Schwärme aber auch zu Pferde, wo dann jedem Freien zwei gleichfalls berittene Knappen folgen; Streitwagen finden sich früh wie bei den Libyern und den Hellenen in ältester Zeit. Mancher Zug erinnert an das Ritterwesen des Mittelalters; am meisten die den Römern und Griechen fremde Sitte des Zweikampfes. Nicht bloß im Kriege pflegten sie den einzelnen Feind, nachdem sie ihn zuvor mit Worten und Gebärden verhöhnt hatten, zum Kampfe zu fordern; auch im Frieden fochten sie gegeneinander in glänzender Rüstung auf Leben und Tod. Daß die Zechgelage hernach nicht fehlten, versteht sich. So führten sie unter eigener oder fremder Fahne ein unstetes Soldatenleben, das sie von Irland und Spanien bis nach Kleinasien zerstreute unter steten Kämpfen und sogenannten Heldentaten; aber was sie auch begannen, es zerrann wie der Schnee im Frühling und [326] nirgends ist ein großer Staat, nirgends eine eigene Kultur von ihnen geschaffen worden.

So schildern uns die Alten diese Nation; über ihre Herkunft läßt sich nur mutmaßen. Demselben Schoß entsprungen, aus dem auch die hellenischen, italischen und germanischen Völkerschaften hervorgingen17, sind die Kelten ohne Zweifel gleich diesen aus dem östlichen Mutterland in Europa eingerückt, wo sie in frühester Zeit das Westmeer erreichten und in dem heutigen Frankreich ihre Hauptsitze begründeten, gegen Norden hin übersiedelnd auf die britannischen Inseln, gegen Süden die Pyrenäen überschreitend und mit den iberischen Völkerschaften um den Besitz der Halbinsel ringend. An den Alpen indes strömte ihre erste große Wanderung vorbei und erst von den westlichen Ländern aus begannen sie in kleineren Massen und in entgegengesetzter Richtung jene Züge, die sie über die Alpen und den Hämus, ja über den Bosporus führten und durch die sie das Schrecken der sämtlichen zivilisierten Nationen des Altertums geworden und durch manche Jahrhunderte geblieben sind, bis Cäsars Siege und die von Augustus geordnete Grenzverteidigung ihre Macht für immer brachen. – Die einheimische Wandersage, die hauptsächlich Livius uns erhalten hat, berichtet von diesen späteren rückläufigen Zügen folgendermaßen18. Die gallische Eidgenossenschaft, an deren Spitze [327] damals wie noch zu Cäsars Zeit der Gau der Biturigen (um Bourges) stand, habe unter dem König Ambiatus zwei große Heeresschwärme entsendet, geführt von den beiden Neffen des Königs und es sei der eine derselben Sigovesus über den Rhein in der Richtung auf den Schwarzwald zu vorgedrungen, der zweite Bellovesus über die graischen Alpen (den kleinen St. Bernhard) in das Potal hinabgestiegen. Von jenem stamme die gallische Niederlassung an der mittleren Donau, von diesem die älteste keltische Ansiedlung in der heutigen Lombardei, der Gau der Insubrer mit dem Hauptort Mediolanum (Mailand). Bald sei ein zweiter Schwarm gefolgt, der den Gau der Cenomaner mit den Städten Brixia (Brescia) und Verona begründet habe. Unaufhörlich strömte es fortan über die Alpen in das schöne ebene Land; die keltischen Stämme samt den von ihnen aufgetriebenen und fortgerissenen ligurischen entrissen den Etruskern einen Platz nach dem andern, bis das ganze linke Poufer in ihren Händen war. Nach dem Fall der reichen etruskischen Stadt Melpum (vermutlich in der Gegend von Mailand), zu deren Bezwingung sich die schon im Potal ansässigen Kelten mit neugekommenen Stämmen vereinigt hatten (358? [396]), gingen diese letzteren hinüber auf das rechte Ufer des Flusses und begannen die Umbrer und Etrusker in ihren uralten Sitzen zu bedrängen. Es waren dies vornehmlich die angeblich auf einer anderen Straße, über den pöninischen Berg (großen St. Bernhard) in Italien eingedrungenen Boier; sie siedelten sich an in der heutigen Romagna, wo die alte Etruskerstadt Felsina, von den neuen Herren Bononia umgenannt, ihre Hauptstadt wurde. Endlich kamen die Senonen, der letzte größere Keltenstamm, der über die Alpen gelangt ist; er nahm seine Sitze an der Küste des adriatischen Meeres von Rimini bis Ancona. Aber einzelne Haufen keltischer Ansiedler müssen sogar bis tief nach Umbrien [328] hinein, ja bis an die Grenze des eigentlichen Etrurien vorgedrungen sein; denn noch bei Todi an der oberen Tiber haben sich Steinschriften in keltischer Sprache gefunden. Enger und enger zogen sich nach Norden und Osten hin die Grenzen Etruriens zusammen und um die Mitte des vierten Jahrhunderts sah die tuskische Nation sich schon wesentlich auf dasjenige Gebiet beschränkt, das seitdem ihren Namen getragen hat und heute noch trägt.

Unter diesen wie auf Verabredung gemeinschaftlichen Angriffen Angriff der verschiedensten Völker, der Syrakusaner, Latiner, Samniten und vor allem der Kelten brach die eben noch so gewaltig und so plötzlich in Latium und Kampanien und auf beiden italischen Meeren um sich greifende etruskische Nation noch gewaltsamer und noch plötzlicher zusammen. Der Verlust der Seeherrschaft, die Bewältigung der kampanischen Etrusker gehört derselben Epoche an, wo die Insubrer und Cenomaner am Po sich niederließen; und eben um diese Zeit ging auch die durch Porsena wenige Jahrzehnte zuvor aufs tiefste gedemütigte und fast geknechtete römische Bürgerschaft zuerst angreifend gegen Etrurien vor. Im Waffenstillstand mit Veii von 280 [474] hatte sie das Verlorene wiedergewonnen und im wesentlichen den Zustand wiederhergestellt, wie er zu der Zeit der Könige zwischen beiden Nationen bestanden hatte. Als er im Jahre 309 [445] ablief, begann zwar die Fehde aufs neue; aber es waren Grenzgefechte und Beutezüge, die für beide Teile ohne wesentliches Resultat verliefen. Etrurien stand noch zu mächtig da, als daß Rom einen ernstlichen Angriff hätte unternehmen können. Erst der Abfall der Fidenaten, die die römische Besatzung vertrieben, die Gesandten ermordeten und sich dem König der Veienter Lars Tolumnius unterwarfen, veranlaßte einen bedeutenderen Krieg, welcher glücklich für die Römer ablief: der König Tolumnius fiel im Gefecht von der Hand des römischen Konsuls Aulus Cornelius Cossus (326? [428]), Fidenae ward genommen und 329 [425] ein neuer Stillstandsvertrag auf 200 Monate abgeschlossen. Während desselben steigerte sich Etruriens Bedrängnis mehr und mehr und näherten sich die keltischen Waffen schon den bisher noch verschonten Ansiedlungen am rechten Ufer des Po. Als der Waffenstillstand Ende 346 [408] abgelaufen war, entschlossen sich die Römer auch ihrerseits zu einem Eroberungskrieg gegen Etrurien, der jetzt nicht bloß gegen, sondern um Veii geführt ward. – Die Geschichte des Krieges gegen die Veienter, Capenaten und Falisker und der Belagerung Veiis, die gleich der trojanischen zehn Jahre gewährt haben soll, ist wenig beglaubigt. [329] Sage und Dichtung haben sich dieser Ereignisse bemächtigt, und mit Recht; denn gekämpft ward hier mit bis dahin unerhörter Anstrengung um einen bis dahin unerhörten Kampfpreis. Es war das erstemal, daß ein römisches Heer Sommer und Winter, Jahr aus Jahr ein im Felde blieb, bis das vorgesteckte Ziel erreicht war; das erstemal, daß die Gemeinde aus Staatsmitteln dem Aufgebot Sold zahlte. Aber es war auch das erstemal, daß die Römer es versuchten sich eine stammfremde Nation zu unterwerfen und ihre Waffen über die alte Nordgrenze der latinischen Landschaft hinübertrugen. Der Kampf war gewaltig, der Ausgang kaum zweifelhaft. Die Römer fanden Unterstützung bei den Latinern und den Hernikern, denen der Sturz des gefürchteten Nachbars fast nicht minder Genugtuung und Förderung gewährte als den Römern selbst; während Veii von seiner Nation verlassen dastand und nur die nächsten Städte, Capena, Falerii, auch Tarquinii ihm Zuzug leisteten. Die gleichzeitigen Angriffe der Kelten würden diese Nichtteilnahme der nördlichen Gemeinden allein schon genügend erklären; es wird indes erzählt und es ist kein Grund es zu bezweifeln, daß zunächst innere Parteiungen in dem etruskischen Städtebund, namentlich die Opposition der aristokratischen Regierungen der übrigen Städte gegen das von den Veientern beibehaltene oder wiederhergestellte Königsregiment, jene Untätigkeit der übrigen Etrusker herbeigeführt haben. Hätte die etruskische Nation sich an dem Kampf beteiligen können oder wollen, so würde die römische Gemeinde kaum im stande gewesen sein die bei der damaligen höchst unentwickelten Belagerungskunst riesenhafte Aufgabe der Bezwingung einer großen und festen Stadt zu Ende zu führen; vereinzelt aber und verlassen wie sie war, unterlag die Stadt (358 [396]) nach tapferer Gegenwehr dem ausharrenden Heldengeist des Marcus Furius Camillus, welcher zuerst seinem Volke die glänzende und gefährliche Bahn der ausländischen Eroberungen auftat. Von dem Jubel, den der große Erfolg in Rom erregte, ist ein Nachklang die in den Festspielen Roms bis in späte Zeit fortgepflanzte Sitte des ›Veienterverkaufs‹, wobei unter den zur Versteigerung gebrachten parodischen Beutestücken der ärgste alte Krüppel, den man auftreiben konnte, im Purpurmantel und Goldschmuck den Beschluß machte als ›König der Veienter‹. Die Stadt ward zerstört, der Boden verwünscht zu ewiger Öde. Falerii und Capena eilten Frieden zu machen; das mächtige Volsinii, das in bundesmäßiger Halbheit während Veiis Agonie geruht hatte und nach der Einnahme zu den Waffen griff, bequemte nach wenigen Jahren (363 [391]) [330] sich gleichfalls zum Frieden. Es mag eine wehmütige Sage sein, daß die beiden Vormauern der etruskischen Nation, Melpum und Veii an demselben Tage jenes den Kelten, dieses den Römern unterlagen; aber es liegt in ihr auf jeden Fall eine tiefe geschichtliche Wahrheit. Der doppelte Angriff von Norden und Süden und der Fall der beiden Grenzfesten war der Anfang des Endes der großen etruskischen Nation.

Indes einen Augenblick schien es, als sollten die beiden Völkerschaften, durch deren Zusammenwirken Etrurien sich in seiner Existenz bedroht sah, vielmehr unter einander sich aufreiben und auch Roms neu aufblühende Macht von den fremden Barbaren zertreten werden. Diese Wendung der Dinge, die dem natürlichen Lauf der Politik widersprach, beschworen über die Römer der eigene Übermut und die eigene Kurzsichtigkeit herauf. – Die keltischen Scharen, die nach Melpums Fall über den Fluß gesetzt waren, überfluteten mit reißender Geschwindigkeit das nördliche Italien, nicht bloß das offene Gebiet am rechten Ufer des Padus und längs des adriatischen Meeres, sondern auch das eigentliche Etrurien diesseit des Apennin. Wenige Jahre nachher (363 [391]) ward schon das im Herzen Etruriens gelegene Clusium (Chiusi an der Grenze von Toskana und dem Kirchenstaat) von den keltischen Senonen belagert; und so gedemütigt waren die Etrusker, daß die bedrängte tuskische Stadt die Zerstörer Veiis um Hilfe anrief. Es wäre vielleicht weise gewesen dieselbe zu gewähren und zugleich die Gallier durch die Waffen und die Etrusker durch den gewährten Schutz in Abhängigkeit von Rom zu bringen; allein eine solche weitblickende Intervention, die die Römer genötigt haben würde einen ernsten Kampf an der tuskischen Nordgrenze zu beginnen, lag jenseit des Horizonts ihrer damaligen Politik. So blieb nichts übrig als sich jeder Einmischung zu enthalten. Allein törichterweise schlug man die Hilfstruppen ab und schickte Gesandte; und noch törichter meinten diese den Kelten durch große Worte imponieren und, als dies fehlschlug, gegen Barbaren ungestraft das Völkerrecht verletzen zu können: sie nahmen in den Reihen der Clusiner teil an einem Gefecht und der eine von ihnen stach darin einen gallischen Befehlshaber vom Pferde. Die Barbaren verfuhren in diesem Fall mit Mäßigung und Einsicht. Sie sandten zunächst an die römische Gemeinde, um die Auslieferung der Frevler am Völkerrecht zu fordern, und der Senat war bereit dem billigen Begehren sich zu fügen. Allein in der Masse überwog das Mitleid gegen die Landsleute die Gerechtigkeit gegen die Fremden; die Genugtuung ward von der Bürgerschaft verweigert, ja [331] nach einigen Berichten ernannte man die tapfern Vorkämpfer für das Vaterland sogar zu Konsulartribunen für das Jahr 364 [390]19, das in den römischen Annalen so verhängnisvoll werden sollte. Da brach der Brennus, das heißt der Heerkönig der Gallier die Belagerung von Clusium ab und der ganze Keltenschwarm – die Zahl wird auf 70000 Köpfe angegeben – wandte sich gegen Rom. Solche Züge in unbekannte und ferne Gegenden waren den Galliern geläufig, die unbekümmert um Deckung und Rückzug als bewaffnete Auswandererscharen marschierten; in Rom aber ahnte man offenbar nicht, welche Gefahr in diesem so plötzlichen und so gewaltigen Überfall lag. Erst als die Gallier im Anmarsch auf Rom waren, überschritt eine römische Heeresmacht die Tiber und vertrat ihnen den Weg. Keine drei deutsche Meilen von den Toren, gegenüber der Mündung des Baches Allia in den Tiberfluß, trafen die Heere aufeinander und kam es am 18 [390]. Juli 364 zur Schlacht. Auch jetzt noch ging man, nicht wie gegen ein Heer, sondern wie gegen Räuber, übermütig und tolldreist in den Kampf unter unerprobten Feldherren – Camillus hatte infolge des Ständehaders von den Geschäften sich zurückgezogen. Waren es doch Wilde, gegen die man fechten sollte; was bedurfte es des Lagers, der Sicherung des Rückzugs? Aber die Wilden waren Männer von todverachtendem Mut und ihre Fechtweise den Italikern so neu wie schrecklich; die bloßen Schwerter in der Faust stürzten die Kelten im rasenden Anprall sich auf die römische Phalanx und rannten sie im ersten Stoße über den Haufen. Die Niederlage war vollständig; von den Römern, die den Fluß im Rücken gefochten hatten, fand ein großer Teil bei dem Versuch denselben zu überschreiten seinen Untergang; was sich rettete, warf sich seitwärts nach dem nahen Veii. Die siegreichen Kelten standen zwischen dem Rest des geschlagenen Heeres und der Hauptstadt. Diese war rettungslos dem Feinde preisgegeben; die geringe dort zurückgebliebene oder dorthin geflüchtete Mannschaft reichte nicht aus um die Mauern zu besetzen und drei Tage nach der Schlacht zogen die Sieger durch die offenen Tore in Rom ein. Hätten sie es am ersten getan, wie sie es konnten, so war nicht bloß die Stadt, sondern auch der Staat verloren; die kurze Zwischenzeit machte es möglich die Heiligtümer zu flüchten oder zu vergraben und, was wichtiger war, die Burg zu besetzen und notdürftig mit Lebensmitteln zu versehen. Was die Waffen nicht tragen konnte, [332] ließ man nicht auf die Burg – man hatte kein Brot für alle. Die Menge der Wehrlosen verlief sich in die Nachbarstädte; aber manche, vor allem eine Anzahl angesehener Greise mochten den Untergang der Stadt nicht überleben und erwarteten in ihren Häusern den Tod durch das Schwert der Barbaren. Sie kamen, mordeten und plünderten, was an Menschen und Gut sich vorfand und zündeten schließlich vor den Augen der römischen Besatzung auf dem Kapitol die Stadt an allen Ecken an. Aber die Belagerungskunst verstanden sie nicht und die Blockade des steilen Burgfelsens war langwierig und schwierig, da die Lebensmittel für den großen Heeresschwarm nur durch bewaffnete Streifpartien sich herbeischaffen ließen und diesen die benachbarten latinischen Bürgerschaften, namentlich die Ardeaten häufig mit Mut und Glück sich entgegenwarfen. Dennoch harrten die Kelten mit einer unter ihren Verhältnissen beispiellosen Energie sieben Monate unter dem Felsen aus und schon begannen der Besatzung, die der Überrumpelung in einer dunkeln Nacht nur durch das Schnattern der heiligen Gänse im kapitolinischen Tempel und das zufällige Erwachen des tapfern Marcus Manlius entgangen war, die Lebensmittel auf die Neige zu gehen, als den Kelten ein Einfall der Veneter in das neu gewonnene senonische Gebiet am Padus gemeldet ward und sie bewog das ihnen für den Abzug gebotene Lösegeld anzunehmen. Das höhnische Hinwerfen des gallischen Schwertes, daß es aufgewogen werde vom römischen Golde, bezeichnete sehr richtig die Lage der Dinge. Das Eisen der Barbaren hatte gesiegt, aber sie verkauften ihren Sieg und gaben ihn damit verloren. – Die fürchterliche Katastrophe der Niederlage und des Brandes, der 18. Juli und der Bach der Allia, der Platz, wo die Heiligtümer vergraben gewesen und wo die Überrumpelung der Burg war abgeschlagen worden – all die Einzelheiten dieses unerhörten Ereignisses gingen über von der Erinnerung der Zeitgenossen in die Phantasie der Nachwelt und noch wir begreifen es kaum, daß wirklich schon zwei Jahrtausende verflossen sind, seit jene welthistorischen Gänse sich wachsamer bewiesen als die aufgestellten Posten. Und doch – mochte in Rom verordnet werden, daß in Zukunft bei einem Einfall der Kelten keines der gesetzlichen Privilegien vom Kriegsdienst befreien solle; mochte man dort rechnen nach den Jahren von der Eroberung der Stadt; mochte diese Begebenheit widerhallen in der ganzen damaligen zivilisierten Welt und ihren Weg finden bis in die griechischen Annalen: die Schlacht an der Allia mit ihren Resultaten ist dennoch kaum den folgenreichen geschichtlichen Begebenheiten beizuzählen. Sie ändert [333] eben nichts in den politischen Verhältnissen. Wie die Gallier wieder abgezogen sind mit ihrem Golde, das nur eine spät und schlecht erfundene Erzählung den Helden Camillus wieder nach Rom zurückbringen läßt; wie die Flüchtigen sich wieder heimgefunden haben, der wahnsinnige Gedanke einiger mattherziger Klugheitspolitiker die Bürgerschaft nach Veii überzusiedeln durch Camillus' hochsinnige Gegenrede beseitigt ist, die Häuser eilig und unordentlich – die engen und krummen Straßen Roms schrieben von dieser Zeit sich her – sich aus den Trümmern erheben, steht auch Rom wieder da in seiner alten gebietenden Stellung; ja es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieses Ereignis wesentlich, wenn auch nicht im ersten Augenblick, dazu beigetragen hat, dem Gegensatz zwischen Etrurien und Rom seine Schärfe zu nehmen und vor allem zwischen Latium und Rom die Bande der Einigkeit fester zu knüpfen. Der Kampf der Gallier und Römer ist, ungleich dem zwischen Rom und Etrurien oder Rom und Samnium, nicht ein Zusammenstoß zweier politischer Mächte, die einander bedingen und bestimmen; er ist den Naturkatastrophen vergleichbar; nach denen der Organismus, wenn er nicht zerstört wird, sofort wieder sich ins gleiche setzt. Die Gallier sind noch oft wiedergekehrt nach Latium; so im Jahre 387 [367], wo Camillus sie bei Alba schlug – der letzte Sieg des greisen Helden, der sechsmal konsularischer Kriegstribun, fünfmal Diktator gewesen und viermal triumphierend auf das Kapitol gezogen war; im Jahre 393 [361], wo der Diktator Titus Quinctius Pennus ihnen gegenüber keine volle Meile von der Stadt an der Aniobrücke lagerte, aber ehe es noch zum Kampf gekommen war, der gallische Schwarm nach Kampanien weiterzog; im Jahre 394 [360], wo der Diktator Quintus Servilius Ahala vor dem collinischen Tor mit den aus Kampanien heimkehrenden Scharen stritt; im Jahre 396 [358], wo ihnen der Diktator Gaius Sulpicius Peticus eine nachdrückliche Niederlage beibrachte ; im Jahre 404 [350], wo sie sogar den Winter über auf dem Albanerberg kampierten und sich mit den griechischen Piraten an der Küste um den Raub schlugen, bis Lucius Furius Camillus, der Sohn des berühmten Feldherrn, im folgenden Jahre sie vertrieb – ein Ereignis, von dem der Zeitgenosse Aristoteles (370-432 [384-322]) in Athen vernahm. Allein diese Raubzüge, wie schreckhaft und beschwerlich sie sein mochten, waren mehr Unglücksfälle als politische Ereignisse und das wesentlichste Resultat derselben, daß die Römer sich selbst und dem Auslande in immer weiteren Kreisen als das Bollwerk der zivilisierten Nationen Italiens gegen den Anstoß der gefürchteten Barbaren [334] erschienen – eine Auffassung, die ihre spätere Weltstellung mehr als man meint gefördert hat.

Die Tusker, die den Angriff der Kelten auf Rom benutzt hatten um Veii zu berennen, hatten nichts ausgerichtet, da sie mit ungenügenden Kräften erschienen waren; kaum waren die Barbaren abgezogen, als der schwere Arm Latiums sie mit unvermindertem Gewicht traf. Nach wiederholten Niederlagen der Etrusker blieb das ganze südliche Etrurien bis zu den ciminischen Hügeln in den Händen der Römer, welche in den Gebieten von Veii, Capena und Falerii vier neue Bürgerbezirke einrichteten (367 [387]) und die Nordgrenze sicherten durch die Anlage der Festungen Sutrium (371 [383]) und Nepete (381 [378]). Mit raschen Schritten ging dieser fruchtbare und mit römischen Kolonisten bedeckte Landstrich der vollständigen Romanisierung entgegen. Um 396 [358] versuchten zwar die nächstliegenden etruskischen Städte Tarquinii, Caere, Falerii sich gegen die römischen Übergriffe aufzulehnen, und wie tief die Erbitterung war, die dieselben in Etrurien erweckt hatten, zeigt die Niedermetzelung der sämtlichen im ersten Feldzug gemachten römischen Gefangenen, dreihundertundsieben an der Zahl, auf dem Marktplatz von Tarquinii; allein es war die Erbitterung der Ohnmacht. Im Frieden (403 [351]) mußte Caere, das als den Römern zunächst gelegen am schwersten büßte, die halbe Landmark an Rom abtreten und mit dem geschmälerten Gebiet, das ihm blieb, aus dem etruskischen Bunde aus- und in das Untertanenverhältnis zu Rom treten, welches inzwischen zunächst für einzelne latinische Gemeinden aufgekommen war. Es schien indes nicht ratsam dieser entfernteren und von der römischen stammverschiedenen Gemeinde diejenige kommunale Selbständigkeit zu belassen, welche den untertänigen Gemeinden Latiums noch verblieben war; man gab der caeritischen Gemeinde das römische Bürgerrecht nicht bloß ohne aktives und passives Wahlrecht in Rom, sondern auch unter Entziehung der Selbstverwaltung, sodaß an die Stelle der eigenen Beamten bei der Rechtspflege und Schatzung die römischen traten und am Orte selbst ein Vertreter (praefectus) des römischen Prätors die Verwaltung leitete – eine hier zuerst begegnende staatsrechtliche Form der Untertänigkeit, wodurch der bisher selbständige Staat in eine rechtlich fortbestehende, aber jeder eigenen Bewegung beraubte Gemeinde umgewandelt ward. Nicht lange nachher (411 [343]) trat auch Falerii, das seine ursprüngliche latinische Nationalität auch unter der Tuskerherrschaft sich bewahrt hatte, aus dem etruskischen Bunde aus und in ewigen Bund mit Rom; damit war ganz Südetrurien in der einen oder [335] anderen Form der römischen Suprematie unterworfen. Tarquinii und wohl das nördliche Etrurien überhaupt begnügte man sich durch einen Friedensvertrag auf 400 [351] Monate für lange Zeit zu fesseln (403).

Auch im nördlichen Italien ordneten sich allmählich die durch und gegen einander stürmenden Völker wieder in dauernder Weise und in festere Grenzen. Die Züge über die Alpen hörten auf, zum Teil wohl infolge der verzweifelten Verteidigung der Etrusker in ihrer beschränkteren Heimat und der ernstlichen Gegenwehr der mächtigen Römer, zum Teil wohl auch infolge uns unbekannter Veränderungen im Norden der Alpen. Zwischen Alpen und Apenninen bis hinab an die Abruzzen waren jetzt die Kelten im allgemeinen die herrschende Nation und namentlich die Herren des ebenen Landes und der reichen Weiden; aber bei ihrer schlaffen und oberflächlichen Ansiedelungsweise wurzelte ihre Herrschaft nicht tief in der neu gewonnenen Landschaft und gestaltete sich keineswegs zum ausschließlichen Besitz. Wie es in den Alpen stand und wie hier keltische Ansiedler mit älteren etruskischen oder andersartigen Stämmen sich vermischten, gestattet unsere ungenügende Kunde über die Nationalität der späteren Alpenvölker nicht auszumachen; nur die Raeter in dem heutigen Graubündten und Tirol dürfen als ein wahrscheinlich etruskischer Stamm bezeichnet werden. Die Täler des Apennin behielten die Umbrer, den nordöstlichen Teil des Potals die anderssprachigen Veneter im Besitz; in den westlichen Bergen behaupteten sich ligurische Stämme, die bis Pisa und Arezzo hinab wohnten und das eigentliche Keltenland von Etrurien schieden. Nur in dem mittleren Flachland hausten die Kelten, nördlich vom Po die Insubrer und Cenomaner, südlich die Boier, an der adriatischen Küste von Ariminum bis Ankon, in der sogenannten ›Gallierlandschaft‹ (ager Gallicus) die Senonen, kleinerer Völkerschaften zu geschweigen. Aber selbst hier müssen die etruskischen Ansiedelungen zum Teil wenigstens fortbestanden haben, etwa wie Ephesos und Milet griechisch blieben unter persischer Oberherrlichkeit. Mantua wenigstens, das durch seine Insellage geschützt war, war noch in der Kaiserzeit eine tuskische Stadt und auch in Atria am Po, wo zahlreiche Vasenfunde gemacht sind, scheint das etruskische Wesen fortbestanden zu haben; noch die unter dem Namen des Skylax bekannte um 418 [336] abgefaßte Küstenbeschreibung nennt die Gegend von Atria und Spina tuskisches Land. Nur so erklärt sich auch, wie etruskische Korsaren bis weit ins fünfte Jahrhundert hinein das adriatische Meer unsicher machen konnten, und [336] weshalb nicht bloß Dionysios von Syrakus die Küsten desselben mit Kolonien bedeckte, sondern selbst Athen noch um 429 [325], wie eine kürzlich entdeckte merkwürdige Urkunde lehrt, zum Schutz der Kauffahrer gegen die tyrrhenischen Kaper die Anlage einer Kolonie im adriatischen Meere beschloß. – Aber mochte hier mehr oder weniger von etruskischem Wesen sich behaupten, es waren das einzelne Trümmer und Splitter der früheren Machtentwickelung; der etruskischen Nation kam nicht mehr zu gute, was hier im friedlichen Verkehr oder im Seekrieg von einzelnen noch etwa erreicht ward. Dagegen gingen wahrscheinlich von diesen halbfreien Etruskern die Anfänge derjenigen Zivilisation aus, die wir späterhin bei den Kelten und überhaupt den Alpenvölkern finden (S. 214). Schon daß die Keltenschwärme in den lombardischen Ebenen, mit dem sogenannten Skylax zu reden, das Kriegerleben aufgaben und sich bleibend ansässig machten, gehört zum Teil hierher; aber auch die Anfänge der Handwerke und Künste und das Alphabet sind den lombardischen Kelten, ja den Alpenvölkern bis in die heutige Steiermark hinein durch die Etrusker zugekommen.

Also blieben nach dem Verlust der Besitzungen in Kampanien und der ganzen Landschaft nördlich vom Apennin und südlich vom ciminischen Walde den Etruskern nur sehr beschränkte Grenzen; die Zeiten der Macht und des Aufstrebens waren für sie auf immer vorüber. In engster Wechselwirkung mit diesem äußeren Sinken steht der innere Verfall der Nation, zu dem die Keime freilich wohl schon weit früher gelegt worden waren. Die griechischen Schriftsteller dieser Zeit sind voll von Schilderungen der maßlosen Üppigkeit des etruskischen Lebens: unteritalische Dichter des fünften Jahrhunderts der Stadt preisen den tyrrhenischen Wein und die gleichzeitigen Geschichtschreiber, Timäos und Theopomp entwerfen Bilder von der etruskischen Weiberzucht und der etruskischen Tafel, welche der ärgsten byzantinischen und französischen Sittenlosigkeit nichts nachgeben. Wie wenig beglaubigt das einzelne in diesen Berichten auch ist, so scheint doch mindestens die Angabe begründet zu sein, daß die abscheuliche Lustbarkeit der Fechterspiele, der Krebsschaden des späteren Rom und überhaupt der letzten Epoche des Altertums, zuerst bei den Etruskern aufgekommen ist; und jedenfalls lassen sie im ganzen keinen Zweifel an der tiefen Entartung der Nation. Auch die politischen Zustände derselben sind davon durchdrungen. Soweit unsere dürftige Kunde reicht, finden wir aristokratische Tendenzen vorwiegend, in ähnlicher Weise wie gleichzeitig in Rom, aber schroffer und verderblicher. [337] Die Abschaffung des Königtums, die um die Zeit der Belagerung Veiis schon in allen Staaten Etruriens durchgeführt gewesen zu sein scheint, rief in den einzelnen Städten ein Patrizierregiment hervor, das durch das lose eidgenossenschaftliche Band sich nur wenig beschränkt sah. Selten nur gelang es selbst zur Landesverteidigung alle etruskischen Städte zu vereinigen und Volsiniis nominelle Hegemonie hält nicht den entferntesten Vergleich aus mit der gewaltigen Kraft, die durch Roms Führung die latinische Nation empfing. Der Kampf gegen die ausschließliche Berechtigung der Altbürger zu allen Gemeindestellen und allen Gemeindenutzungen, der auch den römischen Staat hätte verderben müssen, wenn nicht die äußeren Erfolge es möglich gemacht hätten die Ansprüche der gedrückten Proletarier auf Kosten fremder Völker einigermaßen zu befriedigen und dem Ehrgeiz andere Bahnen zu öffnen – dieser Kampf gegen das politische und, was in Etrurien besonders hervortritt, gegen das priesterliche Monopol der Adelsgeschlechter muß Etrurien staatlich, ökonomisch und sittlich zu Grunde gerichtet haben. Ungeheure Vermögen, namentlich an Grundbesitz, konzentrierten sich in den Händen von wenigen Adligen, während die Massen verarmten; die sozialen Umwälzungen, die hieraus entstanden, erhöhten die Not, der sie abhelfen sollten, und bei der Ohnmacht der Zentralgewalt blieb zuletzt den bedrängten Aristokraten, zum Beispiel in Arretium 453 [301], in Volsinii 488 [266] nichts übrig als die Römer zu Hilfe zu rufen, die denn zwar der Unordnung, aber zugleich auch dem Rest von Unabhängigkeit ein Ende machten. Die Kraft des Volkes war gebrochen seit dem Tage von Veii und Melpum; es wurden wohl einige Male noch ernstliche Versuche gemacht sich der römischen Oberherrschaft zu entziehen, aber wenn es geschah, kam die Anregung dazu den Etruskern von außen, von einem andern italischen Stamm, den Samniten.


Quelle:
Theodor Mommsen: Römische Geschichte. Berlin 1923, Bd. 1, S. 320-339.
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