[3] In den Ausführungen des ersten Bandes über den »Stadtstaat als Geburtsstätte des Sozialismus« ist dargelegt worden, welche Rolle in dem sozialen Denken des Griechen der Glaube an die Allmacht des Gesetzes gespielt hat, die Überzeugung, daß die machtvolle Persönlichkeit, die die Klinke der Gesetzgebung in die Hand bekommt, das ganze Volksleben in neue Bahnen zu zwingen vermag. Es ist ganz die ja auch recht eigentlich auf dem Boden der Stadtstaatkultur erwachsene Anschauungsweise der Renaissance, die das wohlgeordnete Gemeinwesen wie ein harmonisches Kunstwerk erscheinen läßt und dem Staatskünstler die Fähigkeit zuschreibt, durch sinnreiche Vorkehrungen die störenden Eingriffe menschlicher Leidenschaft und Schwäche unschädlich zu machen. Das eigenwüchsige geschichtliche Leben des Volkes tritt dabei gegenüber der Bedeutung der Verfassung ganz in den Hintergrund. Wie man von den früheren Gesetzgebern glaubte, daß sie ihren Staat frei ausgesonnen und dann ins Leben eingeführt hätten, so sollte das auch in der Gegenwart wieder möglich sein.
Daher bleibt der Idealismus der griechischen Sozialphilosophie in der Schätzung dessen, was die menschliche Vernunft und der Staat vermögen, um das Güterleben in ihrem Sinne zu regeln, in nichts hinter den modernen Optimisten zurück, die angesichts der großartigen Fortschritte auf allen Lebensgebieten die Gemüter mit überspannten Hoffnungen auf die Möglichkeit und Leichtigkeit noch unendlich viel gewaltigerer Umgestaltungen erfüllt haben. Wie im Zeitalter Bellamys, so begegnen wir auch in der hellenischen Sozialtheorie des 4. Jahrhunderts v. Chr. den denkbar höchsten Vorstellungen von der Macht menschlicher Vernunft und menschlicher Institutionen. Mit derselben gesteigerten Empfindlichkeit für die schmerzlichen Gebrechen der bestehenden Gesellschaft verbindet sich auch hier dasselbe ungemessene Vertrauen auf die Fähigkeit des Menschen, alle jene Gebrechen zu heilen, dasselbe ungeduldige Verlangen nach einem schnellen und radikalen Heilverfahren.
Wurde doch gerade hier diese Richtung der Geister von allen Seiten [4] her gefördert und genährt durch die tatsächliche Entwicklung des staatlichen Lebens! Welch ein unaufhörlicher Wechsel der Verfassungsformen in diesem Mikrokosmos der kleinstaatlichen Hellenenwelt, die – um ein Wort Ciceros von den griechischen Inselstaaten zu gebrauchen – »samt ihren Institutionen und Sitten gewissermaßen auf den Fluten zu schwimmen« schien!1 In solch ewigem Wandel der Dinge, inmitten gewaltiger Erschütterungen und Umwälzungen, die oft genug die Grundfesten der Gesellschaft wanken machten, mochte in der Tat das Staatswesen wie ein beliebig zu gestaltender Ton in der Hand des »Gesetzgebers« und seine Umgestaltungsfähigkeit eine unbegrenzte erscheinen, mochte die Vernunft sich förmlich dazu gedrängt fühlen, mit Bewußtsein eine neue Grundlegung von Staat und Gesellschaft als ihre eigene freie Schöpfung zu vollziehen.
Angesichts der Fülle von Entwicklungsformen, welche die unerschöpflichen Triebkräfte des politischen und sozialen Lebens der Hellenen erzeugt hatten, ohne doch auf die Dauer eine gesunde Gestaltung desselben herbeizuführen, verzweifelte die Sozialphilosophie daran, daß die Leiden der Gesellschaft durch gewöhnliche Mittel geheilt werden könnten, während sie anderseits eben aus jener unerschöpflichen Gestaltungskraft eines heftig pulsierenden geschichtlichen Lebens die Hoffnung entnahm, die in fortwährender Umbildung begriffene Staats- und Gesellschaftsordnung vollends aus den Angeln heben und nach einem freigeschaffenen Gedankenbild neu aufbauen zu können. Inmitten des allgemeinen Zerfalles der überkommenen wirtschaftlichen, sozialen, politischen Ordnungen, eines Zerfalles, aus dem sich doch nirgends eine hoffnungsreichere Neugestaltung erheben wollte, empfand die Theorie den unwiderstehlichen Drang, die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft durch einen solchen Gedankenbau zu überbrücken: durch das Idealgemälde einer anderen und besseren Ordnung der Dinge, der die Zukunft gehören sollte, an der sich die Gemüter wieder aufzurichten und zu stärken vermochten.
Die Theorie versprach den Weg zu einem neuen Dasein zu zeigen, in welchem alle abstoßenden Züge des gegenwärtigen Lebens in ihr strahlendes Gegenbild verwandelt erscheinen, in welchem alles, was die Welt von heute bedrückt, verschwinden soll, alles was die Edelsten ersehnt, zur Wahrheit und Wirklichkeit geworden ist. Denn diese, die führenden Geister der Nation selbst sind es, denen wir auf solchem Wege begegnen. [5] Bei ihnen war mit der Anlage zur Abstraktion, Deduktion und Konstruktion die Richtung auf den sozialen Utopismus von selbst gegeben, der für den Größten unter ihnen ganz die Bedeutung jener Konfessionen hat, von denen Goethe redet, die den Dichter von den Zuständen befreien, die auf seiner Seele lasten2. Und sie kamen dem eigenen Bedürfnis ebenso, wie dem der Zeit entgegen, indem sie mit der schärfsten, rücksichtslosesten Kritik des Bestehenden umfassende Organisationspläne zum Aufbau einer neuen, besseren Staats- und Gesellschaftsordnung verbanden. So entstand das Zukunftsbild des wahrhaft guten, des »besten« Staates.