Dreizehntes Kapitel

Heranbildung von Agitatorinnen

Der Streik in Crimmitschau

[90] Nach zwei Jahren eifriger Arbeit machte sich eine neue Frauenkonferenz notwendig, die wir wieder vor dem Parteitag, der im September 1902 in München stattfand, einberiefen. Hatten wir in Mainz nur erst ganz vereinzelt weibliche Vertrauenspersonen, so waren es jetzt schon mehr als fünfzig. Bedeutsam war es, daß die Frauen sich seitdem in den deutschen Staaten, wo die Vereinsgesetze das zuließen, auch politisch organisiert hatten. So hatten die Wahlvereine in den drei Hamburger Wahlkreisen die stattliche Zahl von über 900 weiblichen Mitgliedern. In zwei sächsischen Wahlkreisen zählte man nahezu an 600 politisch organisierte Frauen. Und so war der Aufschwung auch noch in anderen Wahlkreisen bemerkbar.

Das Vereins- und Versammlungswesen hatte inzwischen für die Frauen eine gewisse Veränderung erfahren. Wo es anging, arbeiteten die behördlichen Organe noch immer mit den rigorosesten Mitteln gegen die proletarischen Frauen, und es ließen sich noch manch böse Stücklein polizeilicher Willkür erzählen. Mit ganz anderem Maß wurde aber beim Bund der Landwirte gemessen, der in seiner Zirkus-Busch-Versammlung ungehindert mit Frauen tagte. Das erregte in der Arbeiterschaft helle Empörung; es kam daraufhin die Verfügung, daß Frauen als Zuhörerinnen im abgesonderten Teil, im sogenannten »Segment«, an politischen Vereinsversammlungen teilnehmen dürfen. Diese kleine Verbesserung wurde natürlich gehörig ausgenutzt.

Noch immer waren unsere alten Forderungen nach Umgestaltung des Vereinsrechts trotz dieser geringen Verbesserung nicht erfüllt, noch immer waren die gesetzlichen Schutzbestimmungen lückenhaft. Es galt also auf dieser Konferenz aufs neue dazu Stellung zu nehmen und sie immer wieder in den Vordergrund zu rücken. Der zweite Punkt der Tagesordnung brachte aber eine neue Frage, die uns sehr ernsthaft beschäftigte:[91] »Wie bilden wir Agitatorinnen heran?« Im Anfange der Bewegung waren eine Anzahl von Agitatorinnen auf den Plan getreten, neue agitatorische Kräfte sind dann aber nicht in gleichem Maße herangereift. Die Konferenz mußte sich allerdings mit Fingerzeigen und Anregungen begnügen. Unser alter Wilhelm Liebknecht sagte einmal, wer agitieren will, muß vor allen Dingen Wissen besitzen. Das ist es. Das politische Wissen, die Kenntnis der sozialen Zusammenhänge den Genossinnen zu übermitteln, das war die schwierige Frage. Unsere Genossinnen sollten ja sozialistische Agitation treiben. Luise Zietz sprach von methodisch geleiteten Vortrags- und Diskussionsabenden in kleinem Kreise. Auch die Genossin Dunker hat in Leipzig mit derartigen Abenden gute Erfolge gehabt.

Andere Genossinnen empfahlen zur Schulung vor allem die Kleinarbeit für die Gewerkschaften, in Werkstubensitzungen und durch die mündliche Propaganda unter den Arbeitsschwestern. Ein allgemein anzuwendendes Rezept konnte die Konferenz nicht beschließen. Die Genossinnen mußten sich eben die Anregungen zunutze machen und sie ausproben, und die Aussprache hat manchen guten Gedanken gebracht. Auch diese Konferenz hat den Zusammenhalt und das Solidaritätsgefühl der proletarischen Klassenkämpferinnen gefestigt, sie in lebendigere, engere Fühlung miteinander gebracht. Sie hat ihrer Arbeit, ihrem Ringen bestimmte Ziele gesetzt und auf Mittel und Wege hingewiesen, die Leistungen zu erhöhen. Nun galt es, für die Durchführung der gefaßten Beschlüsse zu wirken und die gegebenen Anregungen zu erproben.

Das Amt der Vertrauensperson wurde mir aufs neue einstimmig übertragen.


Große Lohnkämpfe standen in dem folgenden Winter und im kommenden Jahre lange Zeit auch für die Frauen im Vordergrund des Interesses.

Der im Winter 1902 ausgebrochene Streik der Weber und Weberinnen in Meerane endete nach 13 Wochen mit einem Sieg der Arbeiter, trotz der Hartnäckigkeit der Fabrikanten, von denen einer protzig erklärte, er werde lieber die Räder seiner Maschinen vergolden lassen, als den Ausständigen irgendwelche Zugeständnisse machen.

Ungleich bedeutender und weitgreifender war der Kampf der Crimmitschauer Textilarbeiter um die Einführung des Zehnstundentages.[92] Jahrelang war auf gütlichem Wege versucht worden, zu diesem Ziele zu kommen, immer aber vergebens. Selbst die durch eine Verordnung festgelegte Mittagszeit von 11/2 Stunden für die Frauen, die nebenher auch noch einen Haushalt zu besorgen hatten, wurde nicht gewährt. Fiel es den Frauen ein, dieses Recht zu fordern, so wurden sie glatt entlassen. Die einstündige Mittagszeit reichte nur für sehr wenige, um zum Essen nach Hause zu gehen. Einrichtungen zum Kochen oder Wärmen waren aber in den Fabriken nicht vorhanden. Die gesundheitlichen Schäden waren nicht nur für die Arbeiterinnen selbst, sondern vor allem auch für die Kinder ganz ungeheuer. Starben doch vor Vollendung des ersten Lebensjahres 27,3 Prozent der Kinder, und von den anderen konnten sich nur wenige zu kräftigen Menschen entwickeln.

Der Streik brachte vielen zum erstenmal in ihrem Leben eine Art Ferien. Mütter konnten mit ihren Kindern einige Stunden frische Luft schöpfen. Die Bänke im Bismarckhain waren mit den typischen Webergestalten, hüstelnden, abgezehrten Frauen und Mädchen, mit Häkel- und Strickzeug in der Hand, besetzt. 3126 Männer und 3434 Frauen waren ausgesperrt. Der Zehnstundentag bedeutete nicht nur für die Textilarbeiter in Crimmitschau ein Stück Lebensmöglichkeit, Gesundheit, Familienleben, Bildungsmöglichkeit. Er war für die gesamte Arbeiterschaft von ungeheurer Bedeutung.

Nur wenige besuchten das Wirtshaus. Aber aus Sympathie für die Kämpfenden gaben die Wirte gern ihre Lokale zu Kontrollversammlungen her. Die feste, besonnene Haltung der Arbeiterinnen, die doch zum erstenmal in diesem Kampf standen, war bewundernswert. »Sie sind schlimmer wie die Männer«, meinte ein Fabrikant. Eifrig und zuverlässig waren sie bei ihren Pflichten: Kontrollisten führen, Streikposten beziehen. Manche Arbeiterin brachte dabei den Kinderwagen mit. »Streikpostenstehen sollen wir nicht, aber unsere Kinder dürfen wir doch spazierenfahren«, erklärte eine Frau.

Die Behörden standen natürlich auf seiten der Fabrikanten. Männer und Frauen wurden als Streikposten verhaftet und empfindlich bestraft. 30 Mann Gendarmerie waren in Crimmitschau eingerückt und sorgten mit übergehängtem Gewehr für verstärkten Schutz der Ordnung.

Der Kampf dauerte lange. Anfang August hatte er begonnen, er ging in den Winter hinein und im Dezember war noch kein Ende zu sehen.[93] Aber die Teilnahme der organisierten deutschen Arbeiterschaft an diesem Kampf war sehr stark. Durch Sammlungen wurden die Streikenden vor der bittersten Not geschützt. Ein Weihnachtsfest wurde ihnen von den Arbeitsbrüdern und -schwestern des ganzen Reiches ausgerichtet, das die helfenden Leipziger Genossinnen in einem ergreifenden Bericht festgehalten haben.

Im Januar 1904 kam dann aus dem Streikgebiet die erschütternde Nachricht, daß die Streikleitung zur Verhütung schwerer wirtschaftlicher Schäden, die doch letzten Endes die Arbeiter am empfindlichsten treffen würden, die Ausgesperrten zum Abbrechen des Streiks und zur bedingungslosen Aufnahme der Arbeit auffordern mußte.

Schöne Beispiele von Solidaritätsgefühl gaben bei der Wiederaufnahme der Arbeit die Frauen. Lange nicht alle Arbeiter wurden bei ihrer Nachfrage wieder eingestellt, zum Teil war es wirklich nicht gleich möglich, zum Teil ließ man aber auch diejenigen, deren Führerrolle im Streik bekannt war, die Kapitalistenmacht fühlen und erklärte: »Für Sie habe ich keine Arbeit!« Häufig genug aber traten Frauen zugunsten von Familienvätern zurück. In einem Falle verlangten eine Anzahl Arbeiterinnen die Wiedereinstellung eines Spinners, dem man die Arbeit verweigert hatte. Als man auch ihre Forderung nicht gleich erfüllte, erklärten sie: »Dann bleiben wir auch draußen!« Der Fabrikant, der diese hochwertigen Arbeiterinnen nicht entbehren wollte, rief: »Verfluchtes Weiberpack, holt Euren Spinner, damit endlich Ruhe wird!«

Unterlegen, aber nicht besiegt war die tapfere Arbeiterschaft. Der Crimmitschauer Kampf um den Zehnstundentag war zu Ende, nun aber stand der Kampf um den gesetzlichen Zehnstundentag auf der Tagesordnung.

Quelle:
Baader, Ottilie: Ein steiniger Weg. Lebenserinnerungen einer Sozialistin. 3. Auflage, Berlin, Bonn 1979, S. 90-94.
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