III.

Im Restaurant.

[482] 483. Allgemeines. Es ist ein alter hübscher Brauch, daß viele Restaurants und kleinere Gastwirtschaften über ihren Hausthüren einen Sinnspruch haben, mit dem sie ihre Gäste begrüßen.


»Grüß Gott, tritt ein,

bring Glück herein«


ist der wohl am meisten verbreitete Vers, den man mit einiger Phantasie dahin ändern könnte, daß man sagt:


Grüß Gott, tritt ein,

bring gute Sitten mit herein.


Aber gerade hiermit ist es eine eigene Sache, denn viele glauben die gute Sitte zu Hause lassen zu dürfen, wenn sie ins Wirtshaus gehen.

So mancher, der in einem Restaurant bezahlt, was er verzehrt, oder es mit der Aussicht auf bessere Zeiten schuldig bleibt, glaubt damit das Recht zu besitzen, sich so zu betragen, wie er will, und sich von keinem Menschen Vorschriften machen zu lassen. Diese Ansicht ist ebensoweit verbreitet, wie irrig. Schon der Umstand, daß kein Wirt gezwungen werden kann, einem Gast, der ihm aus irgend einem Grunde nicht behagt, Speisen und Getränke zu verabfolgen, sollte den, der für dergleichen Belehrungen empfänglich ist, darüber aufklären, daß er sich in einem Restaurant ebenso zu benehmen hat, wie in guter Gesellschaft – vielleicht sogar noch besser. Denn in einer Privatgesellschaft sind wir mit Gleichgestellten, mit guten Freunden und Bekannten zusammen, die unsere Fehler und Schwächen und kleinen bösen Angewohnheiten kennen und sie, wenn auch nicht übersehen, so doch milder beurteilen als Fremde, die da nicht wissen, ob das, was wir von unserem Benehmen zeigen, Ernst oder Scherz, schlechte Erziehung oder ein absichtliches Sichgehenlassen ist. Deshalb sollte man Scherze, Witze mit den Kellnern oder sonst irgend welche anderen »scherzhaften« Witzeleien, die der großen Menge meistens unverständlich sind, auch nur dann exekutieren, wenn man sich in einer geschlossenen Gesellschaft, in einer chambre séparée befindet?

Eine Frage an das Schicksal: Warum sagt der Deutsche chambre séparée, während der Franzose niemals diesen Ausdruck gebraucht, sondern nur eine chambre particulère kennt? Zum mindesten sollte man niemals den Fehler begehen, von dem chambre séparée zu sprechen, denn chambre ist bekanntlich weiblichen Geschlechts.

[483] 484. Hut ab! Wenn ein Herr ein Restaurant betritt, hat er als erstes, wenn es sich um kein Gartenlokal handelt, den Hut vom Kopfe zu nehmen. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber gegen die einfachsten Gesetze der Wohlerzogenheit wird am meisten gesündigt. In großen Cafés, die einen offenstehenden Ausgang nach der Straße haben, kann man unter Umständen den Hut auf dem Kopfe behalten, aber in Restaurants gehört sich dies nie und nimmer. Die Kopfbedeckung erst dann abzunehmen, wenn man dafür einen leeren Haken an der Wand oder am Garderobenständer gefunden hat, ist nicht gehörig. Mit dem Hute in der Hand kommt man nicht nur durch das ganze Land, sondern auch durch das ganze Lokal, und niemand wird uns durch den Portier deswegen wieder an die frische Luft befördern lassen, weil wir den Hut nicht aufhaben.

Die Damen sind in der in ihren Augen so glücklichen Lage, sich von ihrer Kopfbedeckung, die ja häufig aus einem sehr kleinen, aber sehr kostbaren Nichts mit etwas darum, das noch kleiner, aber noch teurer ist, besteht, nicht trennen zu brauchen. Nur wenn sie nach dem Besuch des Theaters einen Hut aufhaben, der einzig und allein aus einem Kopftuch besteht, werden sie es abnehmen. Schiebt die Dame im Restaurant den Schleier in die Höhe, so ist es besser, diesen bis an die Stirn in die Höhe zu nehmen, als ihn auf der Nasenspitze so balancieren zu lassen, daß nur die Nasenflügel frei sind. Es sieht dies weder schön aus, noch ist es praktisch.

[484] 485. Wahl des Platzes. Will man an einem Tische Platz nehmen, an dem bereits ein Gast oder mehrere sitzen, so ist es nicht mehr als höflich, daß man mit einigen Worten hierfür die Erlaubnis erbittet. Wird sie erteilt, so darf man ruhig »danke« sagen, ohne fürchten zu müssen, daß uns jemand deswegen für grob hält. Nicht jedem ist es angenehm, an seinem Tische Nachbarn zu bekommen, und häufig kann man versuchen, durch eine fromme Notlüge sich die Lästigen fern zu halten.

Man giebt vor, Freunde zu erwarten, für Bekannte, die noch kommen, die Plätze reserviert zu haben und dergleichen. Dies soll man aber nur dann thun, wenn sich an dem Tisch, an dem man selbst vielleicht als einsamer Gast sitzt, noch zwei oder höchstens drei leere Stühle befinden. Hat man aber an dem größten und längsten Tisch, den das ganze Lokal aufzuweisen hat, als einsamer Biertrinker Platz genommen, und stehen noch zwei bis drei Dutzend leere Stühle an derselben Tafel, so können wir zwar lügen, daß diese alle reserviert seien, aber wir können nicht verlangen, daß man uns ohne weiteres glaubt. Alle Lügen, die man im gesellschaftlichem Leben ausspricht, müssen wenigstens den Schein der Wahrheit für sich haben. Höchst rücksichtslos ist es, sich in einem vollbesetzten Lokale Stühle reservieren zu lassen für Bekannte, die vielleicht kommen, aber sehr wahrscheinlich nicht kommen, und so den anderen Besuchern die Plätze zu rauben.

[485] 486. Belegte Plätze. Wird uns bedeutet, daß der Tisch, den wir mit unserer Gegenwart beglücken wollen, nicht mehr frei ist, sagt uns sogar der Kellner, daß er diesen für eine andere Gesellschaft reservierte, so dürfen wir nicht einfach mit einem: »Ach was, das ist mir ganz einerlei« uns dennoch häuslich niederlassen. Wer dies dennoch thut, mache sich einmal klar, was er selbst sagen würde, wenn er seinen Tisch, den er sich bestellte, besetzt fände.

Findet man Stühle mit Garderobe belegt, deren Besitzer für kurze Zeit ihren Platz verlassen haben, so ist es zwar sehr einfach, diese Sachen fortzunehmen und an die Wand zu hängen, und sich dann selbst an dem Tische niederzulassen aber nicht immer ist das einfachste auch das zweckmäßigste, und wenn uns der Besitzer eines von uns an die Wand gehängten Cylinderhutes bei seiner Rückkehr sehr grob wird, haben wir gar keine Ursache, gleiches mit gleichem zu vergelten.

[486] 487. Stammtische sind heilig, wenigstens bei uns in Deutschland, wo ja viele glauben, sie müßten sterben, wenn sie nicht jeden Tag zu derselben Stunde, zu derselben Minute in dasselbe Restaurant gingen, sich dort an denselben Tisch setzten, täglich dieselben Menschen träfen, täglich über dieselben Sachen sprächen, täglich dasselbe Quantum Bier in sich hineingössen und nur darin von der Alltäglichkeit abweichen, daß sie das eine Mal später, das nächste Mal noch später nach Haus kommen »Früher« gehen sie nie fort.

Ueberhaupt haben wir Deutsche ja einen Hang zum Wirtshaus, den man bei anderen Nationen vergebens sucht, und daran, daß der Deutsche so ist, wie er es nun einmal ist, ist nicht in letzter Linie das Bier schuld. Es macht müde, stumpf und träge und entzieht Männlein und Weiblein der Häuslichkeit.

[487] 488. Das öffentliche Biertrinken der Frauen. Auch die deutsche Frau liebt das Bier und manchmal trinkt sie von diesem edlen Getränk mehr als gut oder, vielleicht richtiger gesagt, als damenhaft ist. Darüber, ob Damen in einem öffentlichen Restaurant Bier trinken dürfen, sind die Ansichten immer noch geteilt, wenngleich die meisten diese Frage mit einem lauten und vernehmlichen Ja beantworten. Daß in Bayern sehr viele Damen Frühschoppen machen und außer dem Inhalt stattlicher Maßkrüge »Weißwürste«, »Dünn- resp. Dickgeselchte« und »Leberkäs« pfundweise in den zarten Mündchen verschwinden lassen, ist eine bekannte Sache, aber keine schöne Sache. Kann eine Dame der Versuchung und der Sehnsucht mach dem Gerstenfast nicht widerstehen, so sei sie wenigstens mäßig und trinke aus offenen Gläsern und nicht aus Bierseideln mit einem Deckel. Es ist kein schöner Anblick, wenn Damen sich gegenseitig einen Ganzen oder einen Halben kommen, sich die Blume zutrinken, mit dem Deckel klappern, mit den Seideln anstoßen, wohl gar in Bier Brüderschaft trinken und sich so benehmen, wie unsere Corpsstudenten es auf der Kneipe thun. Auch macht das Bier stark, die schlanke Figur, die Anmut und Grazie der Bewegungen geht verloren und deshalb sollte schon die Eitelkeit, von der ja kein weibliches Wesen, so lange es lebt, ganz frei ist, dem schöneren Geschlecht wenigstens einen übermäßigen Biergenuß verbieten. Die Herren trinken, weil es ihnen schmeckt, Damen sollten nur trinken, um ihren Durst zu stillen. Ein Frauenmund, dessen Lippen mit Bierschaum garniert sind, lockt nicht zum Kuß, und zu küssen ist, wenn auch nicht gerade der einzige, so doch sicher der schönste Beruf der Frau.

Der Deutsche trinkt, soviel er mag, und noch etwas mehr. Er amüsiert sich nicht, wenn er nicht einen über den Durst trinkt, und nicht nur ganz junge Studenten und Leutnants, sondern auch ernstere Leute renommieren mit dem Kater, den sie am nächsten Tag spazieren tragen.

[488] 489. Bestellen. Hat man sich in einem Restaurant mit List und Tücke einen Platz erobert, so wird der Kellner nach unseren Wünschen und Befehlen fragen. Es ist ebenso unpraktisch wie zwecklos, sich nur solche Sachen zu bestellen, die auf der Speisekarte nicht verzeichnet sind, und den Kellner darüber zur Rede zu stellen, daß man nie das bekäme, was man haben wolle. Nicht der Angestellte, sondern der Wirt setzt die Speisekarte auf, und will man durchaus grob werden, so wende man sich vertrauensvoll an die richtige Adresse und sei nicht so feige, seinen Zorn an einem Unschuldigen auszulassen, der bei seiner Stellung nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen.

Alles erfordert hier auf Erden seine gewisse Zeit, und das berühmte »Tischlein deck dich« erscheint leider nicht mehr. Warten zu können, ohne zu schelten und zu fluchen, den Kellner herunterzureißen, dem Wirt Grobheiten zu sagen, mit lauter Stimme zu erklären, daß man in seinem ganzen Leben diese Schandbude nie wieder mit dem Stiefelabsatz, geschweige denn mit der Fußspitze betreten werde, ist die erste Pflicht, die man von einem einigermaßen civilisierten Gast erwartet. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in einem öffentlichen Gasthause sind wir alle gleich, jeder hat dieselben Rechte und keiner kamt verlangen, daß er außer der Tour bedient und bevorzugt wird. Läßt das, was man sich bestellte, nach unserer Meinung gar zu lange auf sich warten, so beschwere man sich in ruhiger, aber bestimmter Form, unter Vermeidung aller Schimpfworte bei dem Wirt, und in seinem eigenen Interesse wird dieser den Schuldigen ermitteln und den Schaden abstellen. Ebenso soll man verfahren, wenn die Speisen und Getränke schlecht sind: Der Kellner hat das Bier nicht gebraut, das zähe Fleisch nicht eingekauft und die alten Semmeln nicht gebacken.

[489] 490. Mitnehmen von Speiseresten. Die Portionen, die uns gebracht werden, sind unser Eigentum und wir bezahlen sie. Selbst wenn sie, was allerdings ja nicht sehr häufig vorkommt, noch so groß ist, dürfen wir sie ganz aufessen, ohne daß uns deswegen jemand einen Vorwurf machen kann, und andererseits können wir getrost das, was uns zuviel ist, auf dem Teller liegen lassen. Nur Thoren sterben eher, als daß sie dem Wirt etwas schenken, und stopfen in sich hinein, was nur immer geht.

Die Portion gehört uns, aber trotzdem darf man als wohlerzogener Mensch das, was man liegen läßt, nicht mit nach Hause nehmen. Ich kenne ein nicht mehr ganz junges Mädchen, das einen um den anderen Tag in einem Restaurant speist. Sie ißt nur die Hälfte dessen, was ihr an Fleisch und Kompott gebracht wird, und steckt den Rest in eine eigens zu diesem Zweck mitgebrachte Handtasche, um am nächsten Tag es zu Hause zu verzehren. Mit eigenen Augen habe ich es auch einmal gesehen, wie eine Dame ein kaltes Kotelett, von dem sie nur wenige Bissen genossen hatte, sich auf ihren Schoß fallen ließ, auf dem sie schon vorher ein Tuch ausgebreitet hatte und dieses dann mitsamt dem Kotelett in die Kleidertasche steckte. Selbst sehr reiche Damen finden häufig nichts darin, von den Früchten und Süßigkeiten, die als Dessert serviert werden, etwas mit nach Hause zu nehmen unter dem Vorwande, es den süßen Kleinen zu schenken. In den meisten Fällen sind sie selbst die süßen Kleinen, selbst dann, wenn sie weder süß noch klein sind.

Man nimmt nichts mit nach Hause, sondern man giebt zurück, was man nicht verzehrt. Weiß man im voraus, daß eine Portion zu viel ist, so bestellt man sich eine halbe oder für sich und seine Begleiterin zusammen eine ganze.

Man darf dies ruhig thun, ohne in den Verdacht zu kommen, geizig zu sein.

Die Portion, die wir bezahlen, gehört uns, aber trotzdem dürfen wir das, was wir liegen lassen, nicht unserem Hunde vorsetzen und diesen von demselben Teller fressen lassen, von dem wir soeben selbst aßen und von dem andere nach uns essen werden. Will man auch seinem vierbeinigen Freunde ein Diner zu teil werden lassen, so bestelle man dies extra und lasse ihn sein Mahl in einer stillen Ecke verzehren, aber nicht inmitten der anderen Gäste.

[490] 491. Manierliches Essen. Darüber, wie wir Menschen essen sollen, ist schon des längeren und breiteren gesprochen worden. Aber auch hier sei gesagt: man esse nicht so, daß man den anderen dadurch den Appetit verdirbt. Keine Zahnstocher und keine Messer. Die Sauce ißt man, wenn man sie sich als besonderes Gericht zu Gemüte führen will, mit dem Löffel, aber nie und niemals mit dem Messer. Es giebt Leute, die sich das Messer soweit in den Hals bohren, als wollten sie Selbstmord begehen. Sie fahren sich mit der scharfen Klinge in ihrem Rachen herum, daß allen, die es sehen, das Herz vor Angst still steht, sie scheinen das Messer vollständig verschwinden lassen und den Messerschluckern, die man in den Varieté-Theatern bewundern kann, Konkurrenz machen zu wollen. Man ißt nicht mit dem Messer, nirgends und niemals unter keinen Umständen, und ebenso schneidet man mit dem Messer keine Kartoffeln und kein Brot. Sonderbarerweise thun dies die Engländer, die, um mit Fritz Reuter zu reden, uns im Essen entschieden über sind und von denen wir sehr viel lernen können.

Ebensowenig, wie mit dem Zahnstocher oder mit dem Messer, fuhrwerkt man sich mit der Gabel in den Zähnen herum und bemüht sich, die dort bereits vorhandenen Löcher zu erweitern und zu vergrößern.

[491] 492. Die französische Speisekarte. Viele deutsche Restaurants haben die Untugend, nur französische Speisekarten zu führen, weil sie dies für feiner halten und glauben, daß ein französischer Kalbskopf schöner wäre als ein deutscher. Gegen diese Untugend ist schon genug geschrieben und geredet worden, aber eine Besserung und Aenderung wird wohl erst an dem Tage eintreten, da jeder Gast eine deutsche Speisekarte verlangt und das Lokal verläßt, wenn dieser Wunsch nicht erfüllt wirb. So mancher brave Deutsche, der sein bißchen Französisch, das er in der Schule lernte, längst wieder vergaß, sitzt in einem solchen, angeblich feinen Restaurant und liest die Speisenfolge. Würde er aber gefragt: »Verstehst du auch, was du liefest?« so würde er der Wahrheit gemäß mit lautem »Nein« antworten müssen. Man studiert sehr eifrig die Namen, die da auf der Karte stehen, man möchte so gern wissen, was die Ausdrücke auf deutsch bedeuten, aber so unglaublich es klingt, man geniert sich, den Kellner zu fragen, man hat nicht den Mut, sich von diesem mit etwas geringschätziger Miene darüber aufklären zu lassen, daß ein mouton doch weiter nichts sei als ein Hammel und daß sol gleichbedeutend sei mit Seezunge.

[492] 493. Gast und Kellner. Wir genieren uns vor dem Kellner, der an Bildung weit unter uns steht, der zehn Sprachen, aber keine einzige richtig spricht, der den ganzen Tag Verbeugungen macht, aber nicht eine einzige natürliche und elegante dabei fertig bringt, wir genieren uns vor dem jungen Mann, lediglich weil er einen Frack und ein tadellos reines Hemd anhat und die große Kunst besitzt, ein unverschämtes Gesicht machen zu können. Jede andere Nation behandelt die Kellner so, wie es sich gehört. Aber wie in Deutschland die Schutzleute nicht für das Publikum und das Militär nicht für die Civilisten da sind, sondern umgekehrt das Publikum für die Gendarmen und der Civilstand für das Militär, so sind auch die Kellner nicht für die Gäste vorhanden, sondern die Gäste nur für diese. Auf der einen Seite eine falsche Scheu, Schaut und Verlegenheit, auf der anderen Seite falsche Grobheit, das ist die Art und Weise, in der der Normaldeutsche mit den Bediensteten im Restaurant umzugehen pflegt. Zuweilen zeitigt die Rücksicht auf den befrackten Jüngling sonderbare Früchte: ein Ehemann, der mit seiner Frau im Restaurant speist, wird häufig eher seiner Gattin in Gegenwart des Bediensteten eine Unliebenswürdigkeit sagen, als daß er es wagt, dem Angestellten, selbst wenn hierzu berechtigter Grund vorhanden ist, deutlich zu werden. Die deutschen Frauen kennen ihre Männer, sie wissen, daß sie im Zorn nicht Maß zu halten verstehen und daß sie leicht über die Grenzen der Wohlanständigkeit und Wohlerzogenheit hinausgehen. Sie fürchten, daß er im Restaurant eine Scene machen und nicht nur sich, sondern auch seine Begleiterin bloßstellen werde, und diese Furcht vor dem Kommenden läßt sie oft ihren Mann bitten, eine Ungeschicklichkeit und eine Unaufmerksamkeit des Kellners ruhig hinzunehmen und ihn nicht zur Rede zu stellen. Das ist begreiflich, aber es ist nicht richtig, denn ebenso wie wir, die wir für andere Leute arbeiten, je nach unseren Leistungen belobt oder getadelt werden, so muß auch der Kellner sich eine Kritik gefallen lassen, die aber natürlich maßvoll und vor allen Dingen gerecht sein soll. Wer sich alle Bummeleien und Unordnungen ruhig gefallen läßt, alles hinnimmt und schweigend einsteckt, thut weder sich noch den anderen einen Gefallen. Ebenso wie wir für unser Geld gutes Essen zu beanspruchen berechtigt sind, können wir auch eine nicht nur aufmerksame, sondern auch gute Bedienung für das schwere Trinkgeld, das wir geben müssen, verlangen, und Kellner, die bei jedem berechtigtem Tadel ein Gesicht machen, wie die beleidigte Jungfrau von Orleans, haben ihren Beruf verfehlt und müssen darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie besser thäten, sich nach einer anderen passenden Civilkleidung und Civilstellung umzusehen.

[493] 494. Die Erziehung der Kellner ist bei uns, von den feinen Restaurants und Hotels abgesehen, fast durchgängig eine ganz miserable. Die jungen Burschen, die »Piccolos«, lernen so gut wie nichts, niemand bekümmert sich um ihre Ausbildung, der Wirt und das übrige Personal nützt nur die Körperkraft der kleinen Kerle nach Möglichkeit aus und überläßt sie sonst ihrem Schicksal. Von einer richtigen Lehre ist fast nirgends die Rede. Die Kellner, die aus solchen Verhältnissen hervorgehen, verstehen weder von Küche noch Keller etwas, sie haben plumpe Bewegungen und Manieren, halten nicht auf saubere Kleidung und reine Hände, treten wie mit Elephantenfüßen auf, rasseln mit Geschirr und Besteck, unterhalten sich laut miteinander, lachen, treiben Unfug und machen wohl gar halblaute, unverschämte Bemerkungen über die Gäste. Das lächerliche und abgeschmackte Gebilde des deutschen Kellnerfracks ist charakteristisch für die Durchschnittsvertreter dieses Standes. Es ist ein Vergnügen, von einem guten französischen oder italienischen Kellner bedient zu werden, da geht alles am Schnürchen und man giebt deshalb gern das Trinkgeld. Es läge wirklich im Interesse unserer Gastwirte, wenn sie sich etwas mehr um ihre Gehilfen und Lehrlinge bekümmern und der in sozialer Hinsicht sehr wichtigen Kellnerfrage auch ihrerseits energisch und reformierend nahetreten wollten.

[494] 495. Unarten der Kellner und Wirte. Es giebt Kellner, die es persönlich übelzunehmen scheinen, wenn wir ihre Dienste in Anspruch nehmen, die das, was wir ihnen auftragen, mit hochnäsiger Miene einem Unterbeamten übermitteln, die indigniert die Nase rümpfen, wenn wir nicht den Schloßabzug zu 50 Mk. die Flasche, den sie uns sehr empfehlen, sondern nur ein edles Gewächs für einen ganzen Thaler aussuchen, die entrüstet sind, wenn der Gast es wagt, in ihrem Restaurant eine seiner eigenen Cigarren, die in der Uckermark oder sonst irgendwo in Deutschland geboren sind, zu rauchen, und die zahllose andere Untugenden besitzen. Leider Gottes laßt das Publikum sich das gefallen, und je mehr man hinnimmt, desto mehr wird einem von diesen Leuten geboten. Häufig stehen die Wirte in dem großen Restaurant auf demselben Standpunkt, sie fassen es als eine persönliche Beleidigung auf, wenn man ihnen direkt einen Auftrag giebt oder sich von ihnen irgend welche Vorschläge erbittet. Sie wenden sich entrüstet ab und schicken ihren Oberkellner, um mit uns zu verhandeln. Die ganze Thätigkeit der Wirte besteht sehr häufig lediglich darin, daß sie von Zeit zu Zeit durch das Lokal gehen und den dort versammelten Gästen eine Verbeugung machen, die auch nicht immer von übertriebener Höflichkeit ist, so daß man sich nicht selten fast verpflichtet fühlt, um Verzeihung zu bitten, daß man den Mut hatte, geboren zu werden, und es wagte, seine Räumlichkeiten zu betreten. Zuweilen vergessen die Wirte vollständig, daß sie doch bis zu einem gewissen Grade lediglich von dem Gelb ihrer Besucher leben, und wenn das Wort: »Wes Brot ich esse, des Lob ich singe« auch zuweilen übertrieben ist, so gehört es sich doch, daß der, der von uns lebt, uns gegenüber zum mindesten höflich und aufmerksam ist. Es ist viel leichter, seine Gäste so zu behandeln, daß sie nicht wiederkommen, als so, daß sie immer von neuem das Lokal aufsuchen, und nur sehr reiche oder sehr dumme Wirte führen beständig ihren Gästen, die sich über irgend etwas beklagen, gegenüber das Wort an: »Wenn es Ihnen bei mir nicht gefällt, kann ich Ihnen nur den Rat geben, in Zukunft fortzubleiben.« Wer aber nicht wiederkommt, hat dann immer Freunde, die ebenfalls fernbleiben, und diese besitzen auch ihrerseits wieder gute Bekannte, und so geht die Sache weiter, wenn auch nicht gerade bis an das Ende der Welt, so doch zuweilen bis an das Ende des Restaurants, das eines Tages eine herrliche Pleite macht.

[495] 496. Das Trinkgeld, das man giebt, soll nicht nur im Verhältnis zu der Höhe der Gesamtrechnung, sondern auch zu der Zahl der Gäste, die bedient wurden, stehen. Zwei Herren, die zusammen zwei Flaschen Wein, jede zu 35 Mk., tranken, brauchen weniger Trinkgeld zu geben, als eine große Gesellschaft von 14 Personen, von denen jeder so viel verzehrte, daß der Preis bei der Rechnung derselbe ist. Hieran soll auch der denken, der vielleicht für alle anderen mit bezahlt, und demgemäß seine Gabe einrichten.

Auch den anderen Kellnern, die uns bei Tisch nicht bedienten, die aber im Augenblick des Aufbruches herbeistürzen, um Schirme und Stöcke zu reichen, Mäntel anzuhalten, und um sich mit dem denkbar größten Interesse darnach zu erkundigen, ob die Cigarren auch noch brennen, für diese Dienste eine Gabe zu verabreichen, ist mehr als überflüssig. Wer es will, soll es thun, die Kellner werden sich sicher dafür bedanken, aber auch sie werden es selbst zuweilen übertrieben finden.

[496] 497. Die Unterhaltung in einem Restaurant ist wie überall in einer Gesellschaft. Man spricht nicht übermäßig laut, man brüllt nicht, man erzählt keine unanständigen Geschichten so, daß sie überall verstanden werden müssen, und die Damen, die über die Mitmenschen zu Gerichte sitzen, sollen dies so leise thun, daß nicht unparteiische dritte aufmerksam werden. Selbst in der Chambre séparée gehört es sich, mit dem, was man sagt, vorsichtig zu sein: schon vor mancher Thür stand ein Lauscher und nicht alle Wände sind so solide gebaut, daß sie keine Stimmen hindurchlassen. Man lacht nicht übermäßig laut, man spuckt nicht auf den Fußboden, man wirft die Cigarrenasche nicht auf den Teppich und versucht nicht, wie weit man sie durch das Lokal schleudern kann. Ist eine Gesellschaft von Herren und Damen vereint, so dürfen selbst bei der zwanzigsten Sektflasche die Herren keine ausgelassenen Scherze mit einander treiben. Was in den eigenen vier Wänden durchaus unanstößig ist, erregt in der Oeffentlichkeit leicht Aergernis.

[497] 498. Tischnachbarn. Sitzt man mit fremden Personen zusammen an demselben Tisch, so muß das eigene Taktgefühl uns sagen, ob wir uns bei einer passenden Gelegenheit an der Unterhaltung der anderen beteiligen dürfen oder ob dieses nicht angebracht ist. Es ist immer von Fall zu Fall zu unterscheiden und allgemeine Regeln lassen sich nicht geben. Nur das eine sei gesagt: man beginne ein Gespräch, auf dessen Anknüpfung man vielleicht aus Langeweile sehnlichst wartet, nicht damit, daß man sich in einen Streit als dritter hineinmischt, Frieden zu stiften versucht oder gar bei Meinungsverschiedenheiten seine Ansicht als die alleinseligmachende zum besten giebt. Auch in einem Restaurant sollte man nie über Politik und Religion sprechen und überhaupt nur über solche Sachen reden, die in keiner Art und Weise die anderen verletzen oder kränken können. Niemals darf eine Unterredung von einem Tisch zum anderen gehen: man ruft sich nicht Worte oder ganze Sätze durch das Lokal zu, ebensowenig wie man sich mit lauter Umständlichkeit einander zutrinkt.

[498] 499. Das Treffen von Bekannten. Kommen oder gehen Bekannte, während wir selbst noch sitzen bleiben, ober treffen wir bei unserem Kommen Freunde an, so haben wir diese auch dann, wenn wir nicht die Absicht haben, uns zu ihnen zu setzen, zu begrüßen. Häufig trifft man auch Leute, mit denen man lieber nicht zusammenträfe. »Um Gottes willen,« sagt der Mann zu seiner Frau, »dort oben rechts in der Ecke sitzt X. mit seiner Frau, thu' mir den einzigen Gefallen und sieh nicht hin, denn wenn die sehen, daß wir sie sehen, nehmen sie es uns auf den Tod übel, daß wir uns an einen anderen Tisch setzten. Ich bitte dich, sieh nicht hin.«

Aber die Frau sieht natürlich doch hin, einmal, weil sie wissen will, ob X. wirklich da ist, zweitens interessiert es sie, wo X. sitzt, denn wenn sie nicht hinsehen soll, muß sie dies doch genau wissen, sonst wäre es ja immerhin möglich, daß sie zufällig nach der Richtung sähe, wo X. ist, und das darf sie ja nicht. Drittens aber interessiert sie Frau X.: sie muß erstens wissen, was hat sie an, und zweitens, welchen Hut hat sie auf, und drittens, wie steht ihr der Hut? Sie hofft das Schlechteste, aber mit eigenen Augen muß sie sich davon überzeugen, ob ihre Hoffnungen sich auch erfüllen. Sie sieht hin, sie wird wiedergesehen, sie wird erkannt, aber mit einemmal kennt sie nun Frau X. nicht, sie thut, als hätte sie den Gruß nicht bemerkt.

Jemanden zu sehen und ihn doch nicht zu sehen ist eine große Kunst, die nur wenige beherrschen. Gewöhnlich fällt dieses Uebersehen sehr kläglich aus, die Beteiligten merken auf zwanzig Schritte Entfernung die Absicht und werden mit Recht verstimmt.

Merkt man bei dem Betreten eines Restaurants, daß ein dort anwesender Bekannter von uns nicht gesehen werden will, sei es seiner Begleitung wegen oder aus einem anderen Grunde, so ist es keineswegs witzig, ihn dennoch zu begrüßen und ihn in die denkbar größte Verlegenheit zu bringen.

[499] 500. Musizieren. Man sollte sich in jedem Restaurant so benehmen, wie man möchte, daß auch alle anderen es thäten, und wenn jeder handelte, so wäre der Aufenthalt dort angenehmer, als er es jetzt manchmal ist. Ein Gast hat die Verpflichtung, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, denn alle haben dasselbe Recht. Ohne Einwilligung der anderen darf niemand sich z.B. an das im Lokal befindliche Klavier setzen, das meist noch den Vorzug hat, greulich verstimmt zu sein, und stundenlang einen Gassenhauer nach dem anderen herunterleiern und zwischendurch zur Abwechslung irgend was von Wagner oder einem anderen berühmten Komponisten zu spielen, der sich noch im Grabe dreimal umdrehen würde, wenn er diese »Bearbeitung« seiner Werke hörte. Für sehr viele genügt es vollständig, daß sie sich selbst »herrlich« amüsieren; ob sie dadurch den anderen jede Freude am Dasein rauben, ist ihnen einerlei. Eine Erfindung, die dazu angethan ist, Gäste rasend zu machen, ist das Orchestrion oder der Musikautomat, der für 10 Pfennige und unter Umständen sogar für einen alten Hosenknopf die »Mondscheinsonate«, den »Mann mit dem Coaks« und den »Rixdorfer« zum besten giebt. Wer Sehnsucht hat, diese holden Töne zu hören, muß vorher bei allen anderen Gästen anfragen. Es ist wenig rücksichtsvoll, nur um sich selbst einen Ohrenschmaus zu verschaffen, anderen Ohrenschmerzen zu bereiten. Zu empfehlen ist es auch, daß solche Musikliebhaber das Restaurant zu jenen Stunden besuchen, in denen sie die einzigen Gäste sind.

Wer sich in einem öffentlichen Restaurant an ein Klavier setzt, ohne hierzu aufgefordert zu sein und ohne die Einwilligung aller zu haben, darf sich nicht beschweren, wenn die anderen ihm grob werden oder ihn für einen bezahlten Klavierspieler halten und demgemäß behandeln. In einer Stadt, deren Namen hier nichts zur Sache thut, ließ einmal ein Offizier, der sich gar nichts Böses dabei dachte, einem etwas angeheiterten Studenten, der das Piano bearbeitete und den er für einen Angestellten hielt, ein Glas Bier bringen. Bezecht, wie der Bruder Studio war, faßte er dies als persönliche Beleidigung auf, es kam zu einem Wortwechsel und 48 Stunden später zu einem Duell, bei dem der Offizier erschossen wurde.

Vereine und Gesellschaften, die für ihre regelmäßigen Zusammenkünfte in einem Restaurant ein besonderes Zimmer angewiesen erhalten haben, dürfen sich hier natürlich freier und ungezwungener benehmen, als es die anderen Gäste in dem gemeinsamen Raum können. Aber auch sie sollten sich so benehmen, daß nicht das ganze Haus von ihrem Lärm und Singen widerhallt. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, daß nicht jeder Unbeteiligte sich mit allen Anzeichen des Entsetzens bei dem Kellner erkundigt, was denn das für ein Verein sei.

[500] 501. Die Vereinsmeierei. Bei dieser Gelegenheit mögen einige Worte über die bei uns in so hoher Blüte stehende Vereinsmeierei gesagt sein. Der Deutsche fühlt sich nicht glücklich, wenn er nicht wenigstens einem Verein angehört. Er hat die Wahl und die Qual, welchem der zahllosen Vereine er beitreten will. Es giebt Skatvereine, Kegelvereine, Rudervereine, Segelvereine, Touristenvereine, Radfahrervereine, leider Gottes auch Lesevereine, die wenig lesen und noch weniger Bücher kaufen, sondern meistens Kaffee trinken und Handarbeiten machen; es giebt Brieftaubenvereine, Pferdezuchtvereine, Briefmarkenvereine, Kunstvereine, Rauchvereine, Musikvereine, die beständig den Paulus singen; es giebt Wagnervereine, Goethevereine, Schwimmvereine, Turnvereine, Eislaufvereine, Nähvereine für innere und äußere Mission, die für Negerknaben und solche, die es werden wollen, fortwährend wollene Socken stricken. Es giebt »Kränzchen«, es giebt Vereine für jeden Beruf, kaufmännische Vereine und Diskutiervereine, es giebt einen Verein der kohlensauren Jungfrauen und der Kaltmamsellen. Es giebt Alpinistenvereine Rennvereine, Fußballvereine, Tennisvereine, Golf- und Croquetvereine, es giebt Taubenvereine und Vereine für das Taubenschießen. Es giebt Tierschutzvereine und Vereine zur Ausrüstung von Nordpolexpeditionen, es giebt einen Antigrüßverein und in Berlin einen Verein der Sandalenträger. Es giebt einen Verein der Vegetarianer, einen Antialkoholistenverein und leider sehr viele Vereine die sehr viel Alkohol trinken. Es giebt einen Verein für Reformoberkleider und einen für Reformunterkleider, es giebt Vereine zur Ablösung der Neujahrskarten und Vereine für die Abschaffung der Ehe. Es giebt Junggesellenvereine, alte Jungfernvereine, Kindervereine, Jünglingsvereine, es giebt einen Verein der dicksten Männer und einen Verein, in den nur Kahlköpfe aufgenommen werden. Es giebt Beamtenvereine, Offiziersvereine, Kolonialvereine, Flottenvereine und Stenographenvereine. Es giebt Vereine zur Hebung der Sittlichkeit, zur Vermehrung des Fremdenverkehrs, und außerdem giebt es Verschönerungsvereine, die in einer Stadt nie etwas verschönern, weil sie sich über das »Was« beständig veruneinigen. Es giebt Wegeverbesserungsvereine, Stadtverordnetenvereine und Vereine, die für das Waisenhaus Cigarrenspitzen und Staniol von leeren Weinflaschen sammeln. Es giebt Kriegervereine, Militärvereine, Invalidenvereine, Vaterstädtische Vereine, historische Vereine und einen Verein der Bibliophilen. Es giebt heraldische Vereine, numismatische Vereine, Wappenvereine und es giebt zahllose Ansichtspostkartenvereine. Es giebt einen Verein der Vogelfreunde, Vereine gegen das Tragen der Korsetts und Vereine gegen Hausbettelei. Es giebt aber auch Anti-Antibettelvereine und Automobilvereine. Es giebt Pistolenvereine und Florettvereine, es giebt Vereine zur Aufdeckung der Hünengräber, zur Hebung der Medaillen und zur Förderung der Plakate. Es giebt einen Schneeballenverein und viele Vereine, die gemeinsam ein Lotterielos spielen, aber weder vor noch nach dem Tode ihrer Mitglieder auch nur das geringste gewinnen. Es giebt Künstlervereine, Dilettantenvereine, Amateur-Photographenvereine und einen Verein der Selbstmörder, es giebt Whistvereine, Schachvereine und Vereine zur Besserung verwahrloster Kinder. Es giebt Hundevereine und einen Verein der Temperenzler, es giebt evangelische, katholische und griechische Vereine, Kirchen-, Schul- und Bürgervereine. Es giebt einen Verein der Auswanderer und einen Verein zur Erleichterung der Verkehrsmittel. Es giebt Vereine über Vereine, und wenn der Deutsche nicht weiß, welchem dieser vielen Vereine er angehören soll, so gründet er einen neuen Verein, der sich über seine Existenzberechtigung zwar nicht im klaren ist, aber sich darüber keine grauen Haare wachsen läßt.

Was der Deutsche thut, betreibt er gründlich, in vielen Dingen lautet seine Devise: Entweder fix oder nix. Und so widmet er seinem Verein denn auch einen nicht unbedeutenden Teil seiner freien Zeit und seines Geldes. Denn Geld kosten sie alle, alle, alle, der eine mehr, der andere weniger, aber unter den zahllosen Vereinen, die existieren, ist auch nicht ein einziger, der von seinen Mitgliedern nicht irgend eine klingende Münze als Beitrag fordert. Die Bestimmung dieses Geldes ist bei den vielen Vereinen verschieden, sehr häufig lautet der hiervon handelnde Paragraph: Alle einkommenden Gelder werden am Stiftungstage vertrunken.

[501] 502. Vereinsmeierei und Wirtshausleben. Vereine, die ihre Zusammenkünfte in einem Privathause haben, sind selten, wie die schwarzen Diamanten oder die schwarzen Perlen. Die meisten haben ihre Sitzung in einem Restaurant, und schon dieser Umstand bringt es mit sich, daß die Männer häufiger ins Wirtshaus gehen, als zur Lösung der sozialen Frage und zur Aufrechterhaltung des Deutschen Reiches unbedingt erforderlich ist. Daß der Gatte, der den ganzen Tag in seinem Geschäft thätig war, abends zu Hause bei den Seinen bleibt, ist viel weniger wichtig, als daß er pünktlich zu der Vereinssitzung kommt, denn wer nicht rechtzeitig erscheint, muß Strafe zahlen, und das Leben ist schon sowieso so teuer, daß man sparen muß, wo man nur irgend kann.

Daß es billiger wäre, zu Hause zu bleiben, die Strafe, die für das Nichterscheinen festgesetzt ist, zu bezahlen, aber dafür das Geld für 10 Glas Pilsener à 30 Pfennige zu sparen, macht er sich nicht klar. Wozu gehört man zu einem Verein, wenn man nicht hingeht, und wenn man hingeht, warum soll man nicht trinken, denn um zu trinken ist man doch im Vereine! So zieht sich die Vereinsmeierei durch das Leben der Gesamtheit und eines einzelnen, wie der berühmte rote Faden durch das Tauwerk der englischen Marine. Ohne Vereine geht es nicht und niemand wird imstande sein, irgend etwas zu ändern.

In der neuesten Zeit haben ja auch die Damen von Zeit zu Zeit ihre Klubabende, die natürlich ebenfalls in einem öffentlichen Restaurant abgehalten werden: ihnen die Berechtigung abzusprechen, wäre thöricht, aber man soll diese Zusammenkünfte der Damen nur nicht damit begründen, daß man sagt: warum sollen die Frauen nicht auch einmal in der Woche in die Kneipe gehen, wenn der Mann sich dort täglich auf hält?

Es giebt Männer, die täglich dreimal ins Wirtshaus laufen, die ohne Frühschoppen umkommen, ohne Abendschoppen von 6–8 Uhr nicht leben können und da glauben, verderben zu müssen, wenn sie nicht gleich nach dem Abendessen wieder in die Kneipe gehen, um den männermordenden Skat, den sie nur für die Dauer der Mahlzeit in ihrem Stammlokal unterbrachen, zu Ende zu spielen.

[502] 503. O, über dieses Skatspielen in einem öffentlichen Restaurant! In den großen Restaurants und Cafés befinden sich wohl überall besondere Spielzimmer, und wer diese aufgesucht hat, kann dort natürlich den Karten huldigen, soviel er will. Aber man sollte nicht mitten in einem Restaurant, wo rechts und links, vor und hinter uns andere Gäste sitzen, die uns zusehen und zuhören, zu den Karten greifen. Denn wenn der Deutsche spielt, so spielt er so, daß man es nicht nur sieht, sondern auch hört.

Hat er gute Karten, so stößt er einen Freudenschrei aus, hat er schlechte, so entschlüpft ein lauter Fluch dem Gehege seiner Zähne. Spielt ein Partner nicht die Karte aus, die er erwartet hat, so schlägt er dröhnend mit der Faust auf den Tisch und macht den andern herunter. Jedem verlorenen Spiel folgt eine lange Leichenrede, jeder gewonnenen Schlacht entweder ein Loblied auf den, der die Karten gab, oder auf die eigene Weisheit, die die Sache so fein fingerte, daß der Sieg errungen wurde. Ohne Wortstreit, ganz ohne Uneinigkeit, geht es bei dem Spiel nicht zu, und auch sonst wird nicht ängstlich jedes Geräusch vermieden; in der Freude seines Herzens, die blanke Zehn seines Gegners mit dem Aß decken zu können, wird die Karte, mit einem so lauten Geknall auf den Tisch geworfen, daß die übrigen Gäste erschrocken zusammenfahren und nach dem Ausgang flüchten, weil sie an eine Gas- oder Dynamitexplosion denken.

Hazard sollte man in einem öffentlichen Restaurant noch seltener als nie spielen: einmal ist es verboten und dann ist es dazu angethan, nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch den Unwillen der andern Gäste herauszufordern, die dem, was sie auf dem Herzen haben, häufig in Worten Luft machen, die zuweilen üble Folgen nach sich ziehen.

Kartenspielende Damen in einem Restaurant sind nicht immer ein erfreulicher Anblick, und wenn es irgend geht, sollten Damen es vermeiden, die Karten in der Oeffentlichkeit in die Hand zu nehmen.

Wo drei brave Deutsche zusammensitzen, ist der Skat – oder in Süddeutschland und Oesterreich der Tarok – fertig, und wenn drei Ehepaare sich in einem Restaurant treffen, so werden womöglich zwei Skattische gegründet: an dem einen spielen die Männer, an dem andern die Frauen. Schön ist etwas andres, aber es ist immer noch besser, als wenn die Männer, rücksichtsvoll, wie sie häufig in Gegenwart andrer gegen ihre Frauen sind, sich absolut nicht um diese kümmern, ruhig ihren Skat dreschen, und es ihren Damen überlassen, wie sie sich die Zeit vertreiben wollen.

Niemand darf, wenn unbekannte Dritte Karten spielen, als Zuschauer an den Tisch heranrücken, »kibitzen«, gute Ratschläge erteilen, die gewöhnlich nicht einen halben Pfennig wert sind, seiner Freude oder Verwunderung über das Spiel irgendwie Ausdruck geben, und wenn irgend etwas nicht seinen Beifall findet, auf seinem Stuhl hin und her rutschen, Grimassen schneiden und sich krümmen, als hätte er wenigstens zwölf Löffel Ricinus im Magen.

[503] 504. Andere Spiele. In einem Kaffeehaus ist im Gegensatz zum Restaurant das Spielen mehr üblich und gebräuchlich, und namentlich sind es da Schach und das Domino, die in Betracht kommen. Schach nennt man den König der Spiele, und auch das Domino gilt als viel feiner und vornehmer als der Skat. An diesen beiden Spielen können sich ruhig Damen beteiligen, ohne daß irgend jemand auf den Gedanken kommen würde, darin etwas Unpassendes zu finden, und selbst die Französin, die niemals in einem Restaurant eine Karte zur Hand nimmt, spielt in dem Café stundenlang ihre Partie Domino. Während die Eltern Karten spielen, dürfen die Kinder nicht aus Langeweile Räuber und Soldaten spielen, sich hinter den Garderobestücken fremder Gäste verstecken, unter den Tischen herumkriechen, Stühle und andere Dinge umwerfen und sich nicht so betragen, daß jeder sie zum Teufel wünscht.

[504] 505. Kinder im Wirtshause. Kinder gehören ebensowenig in ein Restaurant wie junge Hunde. Bis zum vierzehnten Jahr sollte man den Kindern überhaupt keinen Alkohol in irgend welcher Form und Gestalt zu trinken geben und auch, wenn man sie in dem Lokal nur mit Selterswasser, Schokolade und ähnlichen Erfrischungen ernährt, ist die Tabaksluft, die sie einzuatmen gezwungen sind, für die jungen Lungen nicht zu empfehlen, und außerdem hören sie oft mehr, als ihnen gut ist. Kinder, die noch im Kinderwagen herumgeschoben werden müssen, mit in eine Kneipe hineinzunehmen, ist die reine Sünde und das Herz kann einem fast stillestehen, wenn man abends um 12 Uhr oder noch später prügelnswerte Eltern in angeheitertem Zustand nach Hause gehen sieht, während der eine Teil der Familie den Kinderwagen mit dem schreienden Säugling vor sich hinschiebt. Wer Kinder hat, hat auch gegen diese Pflichten, und der Wunsch, einen Abend in dem Restaurant zu verleben, darf nicht dazu führen, sich dieses Vergnügen dadurch zu erkaufen, daß man die Gesundheit der Kleinen auf das Spiel setzt.

[505] 506. Biertrinken der Kinder. In einigen Gegenden Deutschlands giebt es Väter, die stolz sind, wenn ihr zwölfjähriger Junge drei Glas Bayrisch trinken kann, ohne umzufallen, und die ihren Nachkommen Unterricht im Biertrinken geben, wie andere Väter im Latein oder sonstigen brotlosen Künsten. Wenn die Eltern ihr Thun damit entschuldigen, daß sie sagen: »was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«, so mag ihnen hierauf erwidert werden, daß es auch gar nicht unbedingt nötig ist, daß Hans dies lernt. Erstens lernt sich so etwas leider Gottes schon von ganz alleine und dann kann man auch ein tüchtiger, ja selbst ein bedeutender Mensch werden, ohne daß man jeden Tag zehn Liter Bayrisch trinkt.

Es giebt sogar Menschen, die allen Ernstes behaupten, es ginge ohne Bier viel besser als mit. Daß der Bayer dies nicht glaubt, ist selbstverständlich; jedes Land hat seine Spezialität, ohne die der Bewohner sich das Dasein nicht denken kann. Der Sachse stirbt ohne ein Schälchen Heeßen, der Pommer muß Kartoffeln essen, der Norddeutsche trinkt Grog mit viel Rum, aber mit wenig Wasser, der Westfale ist unglücklich, wenn er nicht seinen Pumpernickel in der Hand hat, am Rhein werden die Kinder einem allerdings unverbürgten Gerüchte zufolge mit einer Flasche Liebfrauenmilch in der Hand geboren, der richtige Berliner kann ohne Weißbier nicht atmen und so ist es auch bei allen anderen deutschen Bundesstaaten.

[506] 507. Mäßigkeit ist eine schöne Tugend, und die Welt geht nicht unter, wenn man im Trinken so mäßig ist, daß man sich nicht betrinkt. Trunkene Gäste machen allen anderen den Aufenthalt im Restaurant ungemütlich und benehmen sich meistens so, daß man sich verwundert frägt: »Wie ist nur so etwas möglich?«

[507] 508. Streit mit Angetrunkenen. Das Falscheste, was es giebt, ist, in einem Restaurant mit Angetrunkenen oder Angeheiterten Streit anzufangen oder sich mit ihnen in irgend einen Wortwechsel einzulassen. Wird man irgendwie belästigt, sind die Trunkenen zudringlich oder unverschämt gegen die Damen, so ist das einzig richtige, sich den Wirt herbeirufen zu lassen und von diesem die Entfernung der Störenfriede zu verlangen. Wird unsere Bitte nicht erfüllt, so haben wir kein Recht, dies zu befehlen, sondern müssen dann selbst fortgehen, wenn uns der längere Aufenthalt nicht paßt. Der Verständige wird natürlich zu unterscheiden wissen zwischen einer Anulkung eines Betrunkenen und einem harmlosen Scherz eines Angeheiterten. Er wird im letzteren Falle nicht alles gleich übelnehmen und sich auf das energischste verbitten, angesprochen zu werden, sondern, wenn er einigen Humor besitzt, auf den Scherz eingehen und so häufig den Störenfried viel eher los werden, als wenn er in jedem Wort einen Casus belli findet.

[508] 509. Die Rechnung bildet bei jedem Besuch eines Restaurants den Anfang des Finale, das häufig mit Trompeten und Pauken aufgeführt wird. Unsere Kellner sind, soweit sie nicht betrügen, alle ehrlich – eine weise Behauptung, die niemand bestreiten wird. Man kann sogar sagen: sie sind fast alle ehrlich, aber trotzdem braucht man sich nicht ohne weiteres auf das zu verlassen, was sie uns aufschreiben. Namentlich in einem Bierrestaurant sieht eine Rechnung, die der Kellner uns auf einem Bon überreicht, häufig folgendermaßen aus:

50

30

75

1.20

2.60

70

––––

6.10


Und dabei soll der Mensch sich noch etwas denken können. Man weiß weder, wofür die 75 Pfennige sind, noch was die einsame 5 bedeutet, aber man sagt sich: »I wo, das wird schon seine Richtigkeithaben« und bezahlt. Man wagt es nicht, sich zu erkundigen, was die einzelnen Posten bedeuten, weil man fürchtet, dem Kellner dadurch ein Mißtrauensvotum zu geben, und nur ausnahmsweise entschließt man sich, nachzurechnen. Und doch sollte man dies wenigstens immer thun, denn auch die Kellner sind Menschen und können irren, und manchmal irren sie sich sogar absichtlich, selten nur zu ihren Ungunsten. Zuweilen findet man auf seiner Rechnung ganz eigentümliche Sachen, und während einer Ausstellung in Paris bestand der neueste Tric der Kellner darin, daß sie auf jede Rechnung als ersten Posten das Datum setzten und dieses mit addierten.

Selbst der reellste Frackträger, der gleichzeitig an mehreren Tischen bedient, kann zuweilen nicht wissen, was er dem einzelnen brachte, und kann die verschiedenen Posten miteinander verwechseln. Nachrechnen darf jeder, aber sein Erstaunen über die teuren Preise darf man nur dem Wirt gegenüber ausdrücken. Häufig ist es aber auch da besser, den Mund zu halten, wenn man nicht eine schnöde Antwort erhalten will. in Oesterreich ärgerte ich mich einmal darüber, daß ich für vier winzig kleine Schnitten kalten Rostbraten ohne jede Zuthat 2 Gulden, in deutschem Gelbe Mk. 3.60 bezahlen mußte, und als ich den Wirt fragte, warum er nicht für jede Schnitte 2 Gulden forderte, da dann doch entschieden noch mehr verdient würde, gab er mir zur Antwort: »Mein Herr, bei mir verkehren nur Herrschaften, denen es auf 2 Gulden garnicht ankommt, und wenn Ihnen meine Preise zu teuer sind, kann ich Ihnen nur raten, mich in Zukunft nicht wieder zu beehren.« Das that ich denn auch, und da ich seitdem nie wieder für vier Scheiben Fleisch 2 Gulden bezahlte, habe ich im Laufe der Zeit große Ersparnisse gemacht. Leider sind sie mir inzwischen wieder abhanden gekommen, und hieraus folgt, daß es ganz einerlei ist, wofür man sein Geld ausgiebt, und ob man den Rostbraten billig oder teuer bezahlt.

[509] 510. »Irrtümer«. In einigen Restaurants und fast in allen Cafés herrscht die Unsitte der Zahlkellner. Muß man diesen aufzählen, was man genossen hat, so ist es wohl selbstverständlich, daß man hierbei ehrlich zu Werke geht und nicht, wenn man drei Kuchen gegessen hat, nur zwei bezahlt, weil der dritte erstens sehr klein war und zweitens scheußlich schmeckte. Auch soll man nicht, wenn man von den Zehnpfennigstücken nahm, behaupten, man hätte sich aus der oberen Etage des Kuchenkorbes, in der die Fünfpfennigstücke wohnen, verproviantiert, und wenn man nach Verlassen des Lokales merkt, daß man versehentlich zu wenig bezahlt hat, so ist es nur anständig, wieder umzukehren und den Schaden gutzumachen, nie aber darf man dies auf einen der folgenden Tage oder gar auf einen gelegentlichen Zeitpunkt verschieben, denn dann ist aufgeschoben gleichbedeutend mit aufgehoben.

Wer zu wenig zahlte, soll sich ebenso eifrig bemühen, sein Geld loszuwerden, wie derjenige, der zu viel gab, nicht eher ruht und rastet, bis er das seine wieder hat. Keinem Menschen wird es einfallen, hiermit bis zu einem gelegentlichen Zeitpunkt zu warten.

[510] 511. Zeitungsmarder. Bevor wir an den Aufbruch aus dem Restaurant denken, wollen wir uns noch mit einer Spezies von Gästenbeschäftigen, die sich mit Recht großer Beliebtheit erfreuen: es sind dies die Zeitungsmarder. Sie lassen sich, sobald sie ihren Platz eingenommen haben, gleichzeitig alle Journale und Zeitungen geben, die sie im Laufe des Nachmittags zu lesen gedenken. Natürlich können sie sie nicht alle gleichzeitig in die Hand nehmen, und doch thäten sie dies am liebsten, um sicher zu sein, daß kein anderer ihnen etwas fortnimmt. Sie hüten sie wie Hannchen ihre Küchlein: sie stecken einige Zeitungen in die Paletot- oder Hosentaschen, legen einige unter ihre Kaffeetasse, noch andere auf einige Stühle und auf diese wieder ihre Beine, einige Zeitungen klemmen sie sich unter den Arm und den Rest legen sie unter jenen Teil ihres Körpers, auf dem der normal gebaute Mensch zu sitzen pflegt. Diese Zeitungsmarder glauben, daß sämtliche Zeitungen im ganzen Lokal nur ihretwegen gehalten werden, und sie fassen es als persönliche Beleidigung auf, wenn ein anderer auch nur den Versuch macht, eins ihrer Blätter für wenige Sekunden in die Hand zu nehmen.

Diese Leute handeln gegen ihre Mitmenschen ebenso liebenswürdig wie zuvorkommend und verdienten, daß sie von den andern in gleicher Weise behandelt würden.

[511] 512. Rücksichten gegen andere Gäste. Wer an den Garderobeständer tritt, um für den Nachhauseweg seine Kleidungsstücke zusammenzusuchen, soll sich bemühen, nicht alle andern dort hängenden Hüte und Mäntel zur Erde zu werfen. Hat er dennoch, wenn auch unabsichtlich, einen Zusammenbruch des ganzen Garderobeständers herbeigeführt und ein Chaos von Hüten, Mänteln, Pelerinen, Umhängen, Muffen, Boas, Spitzenshawls, Spazierstöcken und Regenschirmen verursacht, so gehört es sich, daß er sich bei den Besitzern der in den Staub gesunkenen Herrlichkeiten entschuldigt und sich selbst bückt, um die Sachen wieder aufzuheben. Es genügt nicht, daß man einen Kellner herbeiruft und zu diesem sagt: »Sie, heben Sie den Kram da mal wieder auf.«

Der Weg bis zur Thür ist zuweilen nur kurz, aber häufig derart versperrt, daß man die Geschmeidigkeit eines Schlangenmenschen besitzen müßte, um sich zwischen allen Stühlen und Tischen hindurchzuwinden. Sehen wir, daß jemand an unserm Platz vorbei will, so haben wir ihm dies zu erleichtern, unsere Füße, die sich Gott weiß wo im Lokal aufhielten, heranzuziehen und uns so dünn wie nur möglich zu machen.

Die Hindernisse auf der Welt sind bekanntlich dazu da, um überwunden zu werden, aber wenn uns bei dem Verlassen des Lokals ein Herr im Wege sitzt, so dürfen wir ihn nicht einfach mitsamt dem Stuhl aufheben und ihn auf den Tisch stellen. Die größten Körperkräfte geben hierzu kein Recht. Es wäre auch nicht schicklich, den Herrn mitsamt dem Stuhl umzuwerfen und über ihn hinwegzuschreiten, und nicht immer ist es angebracht, das lebendige Hindernis durch einen energischen Rippenstoß darauf aufmerksam zu machen, daß es zur Seite rücken soll.

Ganz besonders Damen gegenüber ist diese Methode nicht zu empfehlen, und eine Riesendame oder eine englische Miß würde unter Umständen mit einigen Boxerstößen, die an unserm edlen Haupte nicht vorbei gehen, antworten.

Natürlich dürfen wir bitten, uns Platz zu machen, und wenn dies geschehen, oder wenn die andern aus eigener Initiative und angeborner Liebenswürdigkeit zur Seite rücken, so haben wir dafür zu danken und als Herr den Hut zu lüften. Auch die Damen müssen »danke« sagen, und wenn ihnen gegenüber die Liebenswürdigkeit anderer auch ganz selbstverständlich ist, müssen sie dennoch nichts als selbstverständlich hinnehmen.

[512] 513. Gesellschaften in einem Restaurant. Die Geselligkeit stellt heutzutage an viele größere Anforderungen, als man in den Räumen der eigenen Wohnung erwidern und erfüllen kann. So hat es sich nach und nach immer mehr eingebürgert, daß man seine Gesellschaften nicht daheim, sondern in einem Restaurant giebt.

Wie alles auf Erden, hat auch dieses seine zwei Seiten, von denen die eine gut, die andere schlecht ist. Sehr leicht erweckt ein Fest in einem Hotel den Anschein, daß die Gastgeber sich möglichst auf einmal aller ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen entledigen möchten, und die böse Welt hat hierfür den Ausdruck »Eine allgemeine Abfütterung« erfunden. Aber für die Wirte ist dies in vieler Weise so schön bequem, und deshalb thun sie, was sie nicht lassen wollen.

Wer in einem Restaurant ein Fest giebt, hat mit dem Wirt nur das Menü und die Weine zu bestimmen, das Zimmer auszusuchen, in dem gespeist werden soll, für die Ausschmückung der Tafel seine Wünsche zu äußern, die Tischordnung zu machen und zu bestimmen, in welcher Art serviert werden soll. Alles andere kann er getrost dem Gastwirt überlassen.

Als Gastgeber in einem Restaurant benimmt man sich genau so, wie als Wirt im eigenen Hause, und auch der Gast darf sich nicht so betragen, als befände er sich in einem öffentlichen Hotel, sondern nur, als wäre er in einer geschlossenen Gesellschaft. Er speist nicht auf seine Rechnung, sondern auf Kosten anderer, und infolgedessen darf er nichts laut tadeln, die Kellner nicht anfahren und sich unter keinen Umständen extra Speisen und Getränke kommen lassen. Er hat mit den Angestellten überhaupt nicht zu sprechen und etwaige Wünsche nicht diesen, sondern seinen Gastgebern mitzuteilen.

Wünsche haben aber darf ein Gast nicht, sondern er muß und wird stets zufrieden sein mit dem, was ihm von seinen Wirten geboten wird.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 482-513.
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