1. Weihnachten.

[600] 601. Weihnachtsfreuden. »Feste sind für Dienstboten und Kinder« – »Weihnachten kostet nur Geld, man hat fünfzig Menschen zu beschenken und bekommt doch nur unnützes Zeug wieder« – das sind so die beliebten Klagen, die ältere »unpoetische« Leute für das Fest aller Feste bereit haben. Und wenn man ihnen die Wahl stellte – entbehren möchten sie's doch nicht! Nicht nur, weil man aus Gewohnheit Pfefferkuchen und Nüsse ißt und weil der brennende Baum nun mal dazu gehört – im deutschen Weihnachtsfest liegt ein unvergänglicher Zauber und selbst die Nörgler und Unzufriedenen sagen, wenn langsam ein Licht nach dem andern erlischt, in dem Dämmerlicht unwillkürlich die Stimmen leiser und die Freudenbezeugungen ruhiger werden und aus dem grünen Gezweig liebe Gesichter schattenhaft auftauchen, die einst zu uns gehörten und nun so lange schon weit, weit fort von uns sind – »ach, es war doch schön, heut abend!« Kein anderes Fest wie dieses zaubert alte Erinnerungen herauf, keins verbindet die Familienmitglieder so fest zu gemeinsamer Wonne, kein Fest wie dieses öffnet erstarrte und verbitterte Herzen – und keins erschließt die Hände so zum reichlichen Geben! »Weihnachten ist nur einmal im Jahr« und »Geben ist seliger als Nehmen«. Dem andern eine Freude bereiten, eine Ueberraschung, oder einen schon lange gehegten Wunsch erfüllen – das giebt dem Fest die Weihe, das macht glücklich, und keinem, auch nicht dem Aermsten ist es versagt, an diesem Glück teilzunehmen. Auch der Arme kann einen noch Bedürftigeren finden, dem die kleinste Unterstützung eine Hilfe ist – und so vereinsamt ist niemand, daß er nicht eine Menschenseele besäße, der sein Gedenken wohlthäte.

[601] 602. »Was soll ich schenken?« hört man dann wohl zweifelhaft fragen. »Praktische Dinge – das schickt sich nicht, so gut kennen wir uns nicht. Und gegen Luxusgegenstände bin ich im Prinzip!« Ja, wenn immer nur der eigne Egoismus zu Worte kommen soll, wenn man immer nur das thun will, was man nach tausend Seiten erwogen hat und dessen Konsequenzen man hartnäckig verfolgt, wenn man hin und her überlegt, ob es nicht doch verständiger oder sicherer oder für den andern weniger verbindlich wäre, wenn man nichts schenkte – dann beraubt man sich selbst der Vorfreude und bereut am Ende nachher wirklich, daß man sich für die Gabe in Unkosten gestürzt oder sich ein Opfer auferlegt hat. Wer gern schenkt, findet gewiß leicht etwas für den Nächsten Angenehmes. Man muß sich nur ein wenig in dessen Lebenslage und Geschmack hineinversetzen. Und kann man auf nichts »Praktisches« verfallen, weil man die Verhältnisse nicht genau genug kennt – so schenke man ruhig etwas »Unpraktisches«, aber Hübsches, das den Augen und den Sinnen gefällt und das Leben verschönt. Wie herrlich ist es nicht, einmal etwas von des Lebens Ueberfluß zu besitzen, irgend etwas, das wegen seines Preises oder seiner Kostbarkeit oder Empfindlichkeit sonst nur ganz reichen Leuten zugänglich ist – ach, solche Gabe wird niemand übelnehmen, es kommt nur auf die Art an, wie sie gereicht wird! Leute, die keinen Wintergarten besitzen – leider sind sie in der Mehrzahl! – erfreuen sich sicherlich an blühenden Blumen oder knospenreichen Treibhausgewächsen; bescheidene arme Verwandte oder Bekannte, die doch jeder hat, werden gewiß nicht über einen schönen Festbraten, einen Korb voll Wein oder Obst, einige Delikatessen oder Süßigkeiten »beleidigt« sein. Und die erste erstaunte Frage: »Wie kommen nur die daraus, uns so etwas zu senden?« wird durch das begleitende, herzliche Wort in allgemeines Entzücken verwandelt werden: »O wie gütig und liebenswürdig – nun haben auch wir einen reichen Festtisch!«

[602] 603. Berechnung der Geschenke. Fremden oder Freunden und Bekannten eine Freude zu bereiten, ist ja schwieriger, als den Menschen im eigenen Hause, die bei Gelegenheit den oder jenen Wunsch äußern, den man sich dann vorsorglich merkt oder notiert. Wer für viele Personen zu sorgen hat, sollte sich rechtzeitig eine Liste anschaffen, auf der Namen, Art der Geschenke und der für jedes bestimmte Preis steht. Nur dann ist es möglich, einigermaßen im Rahmen dessen zu bleiben, was man sich als Summe für jeden einzelnen festgesetzt hat. Was fast niemals mitberechnet wird und daher durch seine ungeheuerlichen Ansprüche die bestfundierten Kassen erschüttert, sind die Ausgaben für die Süßigkeiten, den Tannenbaum, den Tannenbaumausputz (Lichter, Konfekt u.s.w.), sowie Geschenke an Geld und »Futteralien«, welche man den im Hause aus und ein gehenden Lieferanten oder deren Angestellten zu geben pflegt, für auswärts lebende Verwandte Aufmerksamkeiten, Porto für die Weihnachtspakete, Trinkgelder für die Boten, Almosen und Extraunterstützungen an Arme, zu denen man sich im Festtagsrausch leicht verleiten läßt. Man soll das auch nicht bereuen, wer ohne Bedenken giebt, giebt am freudigsten. Aber man sollte für all diese Extraposten einen kleinen Teil der für Geschenke bestimmten Gelder zurückbehalten, in eine besondere Kasse legen oder sonst »vor sich retten« – damit man all diesen Anforderungen gewachsen bleibt und nicht mit Schrecken einsehen muß, daß man trotz aller Ueberlegungen dennoch weit die gesteckte Grenze überschritten hat – eben durch diese »vergessenen« Ausgaben.

[603] 604. Geschenke an Arme. Jede Hausfrau hat wohl »Hausarme«, die ihr durch besondere Beziehung – entweder sind es ehemalige Dienstboten oder solche von Verwandten – besonders am Herzen liegen und denen sie zu Weihnachten eine Freude machen möchte. Sie wird zu dem Zwecke Kleider- und Leinenschrank revidieren, Schuhzeug aussondern und im Kinderzimmer einen Berg derjenigen Spielsachen aufrichten lassen, die entzwei oder unvollständig sind und »fort« sollen. Mit etwas Geschicklichkeit und Muße wird man den Spielzeugen wieder ein etwas anständiges Aeußere geben können – ganz Unbrauchbares gebe man nicht als Geschenk, sondern werfe es in den Müllkasten – das ist auch für die Armen nur Ballast. Ebenso verfahre man mit den Kleidern. Garderobenstücke, die man ablegt, werden meistens alt oder vertragen sein – selbst »ausgewachsene« Kinderkleider sind selten ganz tadellos. Das ist auch natürlich – selten kann eine Hausfrau das fortgeben oder gleich durch Neues ersetzen, was sie selbst noch braucht.

[604] 605. Man schenke nur Brauchbares! Man mache es sich zum Gesetz, nichts Zerrissenes oder Schmutziges zu verschenken. Wäsche, die ausgebessert und sauber gewaschen ist, gestopfte Strümpfe, von Flecken gereinigte und ausgeflickte Kleider, sie erfreuen den Armen ganz anders, als in Fetzen hängende Hemden, hackenlose Strümpfe und ein Haufen unappetitlich aussehender Anzüge und Kleider. Um seiner selbst willen darf man nicht solche Geschenke machen: es ist eine Selbsttäuschung dabei, man will nicht andern etwas Nützliches geben, man will sich selbst von Lumpen befreien und thut noch obenein, als erfülle man eine Pflicht der Nächstenliebe! Wendet man aber einige Mühe auf, die Sachen wieder in Ordnung zu bringen, so daß sie dem Armen wirklich willkommen sind und gleich von ihm benützt werden können, so hat man wenigstens etwas von dem heißen, dargebrachten Dank verdient! Denn wie selten giebt man etwas anderes fort, als Entbehrliches oder Ueberflüssiges – wie wenig kostet es uns an Ueberwindung oder Selbstentäußerung, einen Armen glücklich zu machen! Auch vergesse man nicht, daß die Frauen jener Stände entweder selbst auf Arbeiten gehen oder doch durch ihren Haushalt viele Pflichten haben und deshalb wirklich oft keine Zeit finden, die mit Freuden begrüßten Kleidungsstücke gleich auszubessern. Und da läuft so ein armer Junge wochenlang mit der »neuen«, hinten durchgesessenen Hose herum und erregt den Spott aller – der »gütigen« Geberin hoffentlich Beschämung und Aerger über sich selbst!

[605] 606. Geschenke an Dienstboten. Im eignen Hause verlangen die Geschenke für die Dienstboten am meisten Aufmerksamkeit und Kosten. Besonders in den größeren Städten sind mit den höheren Lohnansprüchen die Wünsche und Forderungen der Leute sehr gewachsen. Die goldenen Zeiten, wo der Dienstbote Martini ein Hemd, ein Paar Schuhe und einen Thaler erhielt, sind vorbei. Gewiß kann man nicht verlangen, daß die Leute sich auch heute noch mit ähnlichem Lohn begnügten – die Auffassungen haben sich eben in jeder Beziehung geändert; man gönnt den Leuten Entschädigung für ihre Arbeit und findet es begreiflich, daß sie sich gut kleiden, Vergnügungen mitmachen und einiges ersparen wollen. Allerdings liegt ihnen die letztere Sorge weniger am Herzen, als die ersteren beiden. Daher wird auch vielfach das Weihnachtsgeschenk »ausbedungen«, in Hamburg z.B. ist dasselbe zu einem Teil des Lohnes geworden. Das sollte niemals sein. Das bißchen Zusammenhang, was noch zwischen Herrschaft und Dienerschaft besteht, wird durch diese geschäftliche Auseinandersetzung am Weihnachtsabend ganz aufgehoben. Man reicht ihnen die festgesetzten fünfundsiebenzig oder hundert Mark hin, hört kaum auf den kühlen Dank, der für etwas Selbstverständliches auch nicht von Herzen kommen kann – und die Weihnachtsfreude für die Mädchen ist vorüber. Auch auf die beim Mieten gestellte Bedingung: »Geschenke für wenigstens sechzig oder siebenzig Mark« sollte man nie eingehen – überhaupt Mädchen mit diesen Forderungen nicht mieten. »There are always as many fish in the sea as are caught.« »Es sind immer soviel Fische in der See, wie man braucht«, sagt das englische Wort. Unbescheidene Mädchen braucht man nicht zu nehmen – es finden sich schon andere.

[606] 607. Richtiges Bemessen. Daß wiederum die Hausfrau dem Mädchen einen »anständigen«, den Verhältnissen der Wirtschaft entsprechenden Weihnachten geben wird, ist selbstverständlich. Ein Mädchen, mit dessen Leistungen man sehr zufrieden ist oder das schon längere Zeit bei uns im Dienst gestanden hat, wird man natürlich reicher versehen, als eine, mit der man im höchsten Unfrieden lebt und von der man sich so bald als möglich zu trennen beabsichtigt. Aber auch diese sollte man nicht zu schlecht wegkommen lassen. Es ist Sitte und gehört zum Anstand, daß man seine Dienstboten am heiligen Abend nicht zu kurz hält, und man selbst würde, wenn man in verächtliche, unzufriedene oder gar traurige Mienen sieht, ein peinliches und beschämendes Gefühl doch nicht unterdrücken können. Es giebt ja Dienstboten, die auch über einen reichbesetzten Tisch noch die Nase rümpfen – man tröste sich dann mit der Hoffnung, daß es ihnen auf der nächsten Stelle schlechter ergehen und sie ihre Undankbarkeit erkennen mögen!

[607] 608. Praktische Geschenke. Um die Mädchen zu blenden und ihnen für wenig Geld einen vollen Tisch zu geben, lasse man sich aber nicht verleiten, ihnen moderne, billige, aufgeputzte und schnell unbrauchbar werdende Sachen zu schenken. Von all den mit Bändern geschmückten Kartons, in denen dünne Wollfähnchen wie Staatskleider »aufgemacht« sind, von all den billigen Schürzen, mit Atlas bezogenen Kästen und flatterigen Putzartikeln kaufe man nichts. Die Mädchen brauchen nicht dasselbe – wenn auch in billigerer Nachahmung – zu tragen wie die Damen; legen sie sich diese Sachen selbst zu, so wird oft ein mahnendes Wort helfen, unterstützen sollte man diesen Hang, als Damen zu gelten, keineswegs. Schon deshalb nicht, weil sie ihr sauer erworbenes Geld an den Tand verschwenden. Damit sei nicht gesagt, daß man ihnen eine einfache Schleife, ein paar Kragen oder eine hübsche Schürze vorenthalten soll – nur den billigen »Schund«, der den Weihnachtstisch »elegant macht«, wie der Verkäufer versichert, soll man fortlassen. Man erkundige sich, ob das Mädchen Wäsche oder ein Kleid nötig habe, und kaufe ihr etwas Solides, Brauchbares, von dem sie Nutzen hat. Lieber ein gutes Geschenk, als fünf schlechte.

[608] 609. Man bedenke auch die kleinen Kaufleute! Hierbei sei an die kleinen Kaufleute gemahnt, die man gewöhnlich zu allerlei kleinen Einkäufen benutzt und an deren bescheiden erhellten Fenstern man Weihnachten vorübereilt, den großen »Bazaren« und »Kaufhäusern« zu. Der Klempner lötet unsere defekten Kessel und liefert Lampencylinder – Kochtöpfe aber holt man sich aus den »Haushaltungsgeschäften«; im kleinen Manufakturladen kauft man wohl einmal Band und Knöpfe oder Strickwolle – seine bescheidene Auslage zum Fest, auf die er bittend aufmerksam macht, übersieht man geflissentlich: in den großen Häusern ist soviel mehr Auswahl! Mit der Auswahl kann der kleine Kaufmann gewiß nicht konkurrieren; aber mit reellen und einfachen Waren. Und gerade die Stoffe, die man für die Mädchen braucht: Hemdentuch, Schürzenleinwand, fertiges Unterzeug, bedruckte Kattunkleider, fertig- und gutgenähte große Schürzen, wollene Strümpfe – das findet man bei dem kleinen Händler reichlich, so gut und gewiß nicht teuer. Man bedenke doch auch: wie wenig verdient der Klempner am Lampencylinder, wie geringe Prozente der Kaufmann an den sogenannten »Schnittwaren« – weshalb nicht auch ihnen einmal einen größeren Vorteil gönnen an einem reicheren Einkauf? Auch an die Handwerker, die uns im Laufe des Jahres bedienen, und an die »kleinen« Kaufleute denke man zu Weihnachten und mache auch ihnen, die sich mühsam genug heutzutage durchs Leben kämpfen, eine Freude, indem man etwas von dem Geldstrom, der zu Weihnachten in Fluß kommt, in ihre Taschen fließen läßt!

[609] 610. Handarbeiten der Knaben. Daß auch die Kinder daran denken, den Eltern und sich untereinander eine Freude zu bereiten, ist anzunehmen. Knaben werden von den früher sehr üblichen Papp- und Laubsägearbeiten immer mehr befreit, weil sie sowieso schon in der Schule überbürdet werden. Es ist ganz richtig, denn erstens war es eine unnötige Duälerei und zweitens graute aller Welt vor diesen zerbrechlichen, staubfangenden und unbrauchbaren Körbchen, Schlüsselbrettern und Lampentellern. Ein Knabe, der den Trieb zur Arbeit in sich hat, wird auch jetzt noch Zeit finden, eine Kerbschnitzarbeit oder dergleichen zu machen. Ein anderer wird vielleicht sein Taschengeld zusammensparen, um Eltern und Geschwistern eine Kleinigkeit kaufen zu können – das ist ebenso anzuerkennen. Nur den Zwang sollte man bei diesen Dingen unterlassen – nicht fordern: »Du mußt den Großeltern und allen Tanten und Onkeln etwas arbeiten!« Oder entsetzt fragen: »Wie? du hast nichts fertig für Onkel August?« Der unglückliche Junge, in dem in solcher Weise die Stimme der Natur wachgerufen wird, klettert am 23. Dezember angstvoll aus den Federn, durchstöbert alles nach alten Cigarrenkisten, kauft einen Laden leer um passende Mustervorlagen und zeichnet, verzeichnet, verwirft, beginnt von neuem und sägt und leimt, bis am 24. ein qualvolles, schiefgezeichnetes und noch unregelmäßiger ausgesägtes Machwerk – ein Zündholzbehälter, der immer umfällt oder ein zerbrechliches Tintenfaß mit fingerhutgroßem Einsatz – Onkel August in die erfreuten Hände gedrückt wird. Onkel August hat wahrscheinlich den ganzen Cigarrenschrank voll solcher Produkte und wünscht sich nichts sehnlicher, als daß sein Zimmer mal ausbrennt, wenn er fort ist. Jedenfalls steht die Wirkung nicht im Verhältnis zu dem Aufwand von Familienempörung und -Unruhe, falls Onkel August unbeschenkt geblieben wäre.

[610] 611. Handarbeiten der Mädchen. Von kleinen Mädchen wird ja ohne weiteres angenommen, daß sie den Trieb zur Nadel und zum Faden haben und gar nicht anders »können«, als alle zum Hause Gehörigen zu beschenken. Im allgemeinen hat die Voraussetzung wohl recht und selten giebt es ein schwarzes Lamm unter den weißen, das keine Arbeit fertig bekommt und Fußschemel und Kaffeewärmer erst zum heiligen Pfingstfeste abliefert. Es ist ja gewiß peinlich – besonders wegen Tante Line, die ihr doch selbst wieder sechs Paar Hosenbeine gestickt hat – aber das arme, kleine, schwarze Lamm sollte nicht so gänzlich deswegen verurteilt werden! Mit ein wenig Nachhilfe und freundlichem Zureden wird es im nächsten Jahr schon rechtzeitig ein Deckchen abliefern und je älter und verständiger es wird, desto mehr wird es sich unter die Ansprüche beugen lernen, die die Familie nun mal glaubt, an die Fingerfertigkeit kleiner Mädchen stellen zu dürfen, und das schwarze Lamm wird mit gesenktem Köpfchen »mittrotteln«, vielleicht etwas langsam und unwillig – aber es kommt doch nach!

[611] 612. Dankesbriefe der Kinder. In vielen Familien heißt es: »Wir schenken den Kindern nur Vernünftiges, Praktisches – Spielzeug können die Verwandten geben.«

Meistens sind die Verwandten so gut. Das Kistenauspacken und das Erwarten und nachher all das Durcheinander aus dem Tisch – »von Großpapa dies – und von Großmama das –« das erhöht den Reiz und die Freude noch besonders. Auch bedanken sollen sich Kinder und es empfinden, daß man sich in Güte und Liebe ihrer Wünsche erinnerte. Aber man zwinge sie nie, sich während der Festtage zu langen »Dankesbriefen« niederzulassen, in wortreichen Wendungen Dankesgefühle, die sie in dem Augenblick sicher nicht haben, zu sammeln und ausführlich den Weihnachtsabend, die Bescherung und ihre Geschenke zu beschreiben. »Lieber, guter Onkel und liebe, gute Tante! Ich danke so viel-, vielmals für den schönen Ankersteinbaukasten. Wir haben keinen. Ich habe mich so gefreut. Mama sagte immer, er wäre zu teuer. Sonst habe ich noch Robinson Crusoe gekriegt« – o, die armen Dinger! Welche qualvollen Ergüsse! Wie viel lieber gäbe man für drei solcher Briefe die Geschenke vom letzten, von diesem und vom künftigen Jahre hin! Ich spreche nämlich aus Erfahrung. Aus bitterer, schmerzlichst gewonnener Erfahrung! Das älteste Kind oder die Mutter sollte einen Brief aufsetzen und jedes Kind sollte kurz Dank und Namen anfügen. Ach, welch eine Erlösung für das ganze Haus; denn alle leiden unter der Verstimmung und Saumseligkeit der unglücklichen, jungen Korrespondenten!

Sollen aber all diese Aengste vermieden werden, so müssen vor allen Dingen Großeltern, Onkel, Tanten und Basen sich mit dieser Art ehrfurchtsvollster Dankesbezeugungen bereit erklären und nicht postwendend zurückantworten: »Deine Kinder, liebe Emmy, fassen sich ja sehr kurz. Waren unsere kleine Gaben nicht gelegen – oder waren sie gar überflüssig?«

Dann hätte man zu früh gejubelt und abermals lagerten sich düstere Schatten um das festlich geschmückte Haus!

[612] 613. Andere Darbietungen der Kinder. Wo es in den Schulen Sitte ist, daß die Kinder für die Eltern fromme und gereimte Wünsche in der bequemen Muttersprache, oder in bedeutend unbequemerer französischer oder englischer Sprache auswendig lernen, deren Texte möglichst kalligraphisch auf dekorierte Bogen geschrieben werden, steht ja wenigstens ein Geschenk fest. Das zweite sind Schneelandschaften auf Papier und gewiß giebt es in kinderreichen Familien wenigstens ein Kind, das ein sorgfältig eingeübtes Klavierstück vorträgt oder mit den Geschwistern die Weihnachtslieder hübsch eingeübt hat. Und mit der kleinen oder größeren Dosis Verblendung, die den Eltern in gütigster Vorsorge mit jedem Kind geschenkt wurde, werden gerade diese künstlerischen Leistungen überaus befriedigen und über sonstige Unvollkommenheiten an rein technisch hergestellten Dingen – wie Lampenteller oder Tablettdecken – hinwegsehen lassen.

[613] 614. Ehepaare untereinander werden sich meistens nützliche oder als dringend wünschenswert empfundene Gegenstände schenken. Man sagt oft: »Bei Ueberraschungen kommt nicht viel heraus«, worunter der galante Deutsche meistens einen Ueberfall der Schwiegermutter versteht. In diesem Fall aber und in gutem Sinne angewendet, kommt oft sehr viel bei Ueberraschungen heraus. Es ist sehr hübsch, den praktischen Bestand des Weihnachtstisches durch die Erfüllung irgend eines Wunsches zu heben und dem andern etwas Besonderes zu bescheren, was vielleicht an Luxus streift.

[614] 615. Nicht immer bloß »Nützliches«! Nicht jedem Mann ist es leider möglich, endlich die so lange ersehnte Diamantbrosche zu erstehen – und nur wenige Frauen können vom Wirtschaftsgeld so viel ersparen, um die Büste für das Bücherbord oder den schönen Kupferstich anzuschaffen. Aber irgend ein kleiner Kunstgegenstand, oder ein Werk, ein Buch, oder sonst etwas, was nicht absolut »nötig« ist, sollte auf keinem Weihnachtstisch fehlen. Selbst die praktischste Frau nimmt gern etwas für den eignen Gebrauch oder den Schmuck des Hauses, und auch materielle Männer, die ja heutzutage überhaupt auf dem Aussterbeetat stehen (?), werden nicht über einen kleinen Luxusartikel murren. Gefällt aber das zugedachte Geschenk gar nicht, ist es doch wieder eine mißlungene Ueberraschung, so wird der Gebildete – besonders wenn er das »Goldene Buch der Sitte« bis hierher gelesen hat – nicht unverhehlt seinem Mißfallen Ausdruck geben und dem andern über seine Wahl ganz Glücklichen unverblümt sagen: »O wie greulich! Was soll ich nur damit? Was für eine unnütze Ausgabe! Wie kommst du auch gerade darauf? Das wollen wir nur gleich wieder hintragen!« Der um seiner Freude so Betrogene und Enttäuschte wird sehr gekränkt und traurig sein. Und das soll doch niemand am heiligen Abend! – Zum Tadeln, Auseinandersetzen und Unzufriedensein ist ja noch immer Zeit genug – vor allem wird man, wenn man seinen Aerger mit Selbstüberwindung niedergekämpft hat, am nächsten Tage die Sache schon leichter ansehen und in ruhigerer Weise den beliebten »Umtausch« vorbereiten können.

[615] 616. Geschenke an Verwandte. Beschenkt man sich noch mit den übrigen Verwandten, so sollte man auch hier nicht die Mühe scheuen, sich brieflich oder mündlich nach ihren Wünschen zu erkundigen, eventuell auch den Obolos bar opfern, um zur Anschaffung eines größeren Gegenstandes mitzuhelfen. Verwandte oder Freunde aber zum heiligen Abend mit einem Geschenk zu überraschen, von dem man von vornherein weiß, daß sie es ärgern oder kränken wird, das sollte man wirklich nicht. Zu einem schlechten Spaß oder zu einer Bosheit, zu denen einem wohl mal das Gelüste aufsteigen kann – denn wir sind ja alle Menschen – zu deren Ausführung man es aber nie kommen lassen sollte, ist doch das Christfest viel zu heilig. Und soviel Pietät soll sich der »Aufgeklärte«, vor allem der wirkliche Gebildete bewahren, daß er das feierliche und schöne Fest durch keine häßliche That und keine kleinliche Regung entheiligt. Freude soll man bereiten und empfinden – das kann nur der, dessen Herz und Sinne von egoistischen oder bitteren Gedanken frei sind.

Quelle:
Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Berlin, Stuttgart [1901], S. 600-616.
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