Das Benehmen auf der Straße und in Anlagen.

[106] Ob wir schnell, ob wir langsam gehen: stets sei unser Schritt gleichmäßig und unsere Richtung sei gerade, das heißt, wir dürfen uns nicht im Zickzack fortbewegen, wollen wir nicht zu üblen Deutungen Veranlassung geben. Auch ist es nicht schicklich, die Blicke fest auf den Boden zu heften oder die Augen stets nach den Wolken zu erheben. Ebenso verpönt ist es, anderen ins Gesicht zu starren, oder durch die Fenster neugierige Blicke in die Wohnungen zu werfen. Wir haben uns, mit einem Wort, so zu bewegen, daß wir niemand hindern oder stören, zumal in lebhafteren Straßen, wo der öffentliche Verkehr Störungen an und für sich schon gar nicht verträgt, und dem, der eine solche verursacht,[106] gar leicht Unannehmlichkeiten entstehen können. Bewegen sich doch auf der Straße Menschen aus allen Gesellschaftsklassen. Dem Gebildeten gelten nun auch hier die Gesetze guter Lebensart und nie wird er sie verletzen. Leider aber gibt es auch Leute, die in ihrer Unbildung ein höfliches Betragen als eigene Schwäche betrachten würden und infolgedessen alle Rücksicht beiseite lassen. Nie würde es einem solchen Menschen einfallen, auf dem Fußweg auszuweichen oder Platz zu machen; breitspurig tritt er jedem entgegen, mit der festen Absicht, ihn ›anzurempeln‹, wenn er nicht zur Seite treten sollte, und vergeblich wäre es, nachdem man so angerempelt worden, den anderen zur Rechenschaft zu ziehen; der tätlichen Beleidigung würde die durch Worte verübte folgen. Denkt doch ein solcher Mensch nur an die ihm zustehenden Rechte, nicht an die der anderen, und wenn seine Behauptung lautet: »Der Bürgersteig ist für dich ebenso gut da, wie für jeden anderen,« so denkt er nicht im entferntesten daran, den ›anderen‹ ihr Plätzchen zu bewilligen, solange er vorübergeht. Man tut deshalb besser, solchen Menschen aus dem Wege zu gehen, denn Unannehmlichkeiten hat man stets zu erwarten, will man sein gutes Recht verfechten.

Begegnet man älteren Personen, so überläßt man diesen, besonders wenn es Personen von Rang und Würden sind, den ganzen Bürgersteig, zumal wenn er nur schmal ist; mindestens aber fordert die gute Lebensart, daß man nach der Straße hin ausweicht und ihnen die an den Häusern liegende Seite überläßt. Dies Verhalten gilt übrigens auch beim Begegnen mit Damen!

Damen haben auf sich überhaupt sehr zu achten; weder dürfen sie zu rasch gehen, noch zu langsam. Völlig unschicklich aber ist es, wenn Damen auf der Straße stehen bleiben und sich umsehen. Wird die Aufmerksamkeit einer Dame dutch irgend etwas derartig gefesselt, daß sie zurückblicken muß, so stelle sie sich mit dem Rücken dicht vor das nächste Haus, wende sich aber ja nicht mitten auf dem Bürgersteig um.

Herren, die den ihnen auf der Straße begegnenden Damen keck ins Gesicht sehen, machen sich einer Ungezogenheit schuldig, die nur dadurch übertroffen werden kann, daß jemand eine ihm unbekannte Dame auf der Straße anredet.[107] Wird einer Dame eine derartige Beleidigung angetan, so muß sie sich ihr schnell entziehen, indem sie rasch weiter geht, ohne den Unverschämten eines Blickes zu würdigen. Ist ein Polizeimann in der Nähe, so kann sie in dringenden Fällen selbst dessen Schutz anrufen; andernfalls mag sie einen Wagen nehmen, oder sich in den ersten besten Laden flüchten, oder in ein Haus eintreten, um daselbst einige Minuten zu verweilen, bis der Zudringliche, in dem Glauben, die Dame habe ihr Ziel erreicht, fortgegangen ist.

Eine arge Unsitte der Herren besteht darin, den Stock oder den Schirm wagrecht unter dem Arm zu tragen oder damit herumzufuchteln. Gar oft sind dadurch anderen schon bedeutende Verletzungen zugefügt worden, weshalb wir dringend vor solcher Unvorsichtigkeit warnen!

Geschieht es trotz aller Zurückhaltung, daß wir mit jemand auf der Straße zusammenstoßen, so ist es unsere Pflicht, uns höflich zu entschuldigen, selbst wenn wir sicher sind, daß die Schuld des Zusammenstoßes nicht an uns liegt. Ein höfliches: »Entschuldigen Sie!« oder »Bitte um Verzeihung!« schadet in solchem Falle niemals, genügt aber auch. Damen brauchen sich in solchem Falle überhaupt nur leicht zu verneigen, ohne ein Wort zu sagen.

Begegnen wir auf der Straße einem Bekannten, mit dem wir einige Worte reden wollen – von der Form der Begrüßung haben wir bereits an anderer Stelle gesprochen – so müssen wir mit ihm zur Seite treten, um den Weg frei zu geben, wenn wir nicht vorziehen, neben ihm herzugehen und ihn ein Stückchen zu begleiten, bis das, was wir sagen wollten, gesagt ist.

Gehen zwei Personen miteinander, von denen die eine irgend welche rasche Besorgung in einem Laden oder in einem Hause zu erledigen hat, bei der die Gegenwart des Begleitenden nicht nötig ist, so erwartet der letztere den anderen an der Laden- oder Haustür.

Ist es eine Dame, so wird sie beim Heraustreten von ihrem Begleiter wieder höflich begrüßt, wie sie sich von ihm dutch eine leichte Verbeugung vorher verabschiedet hatte. Diese Höflichkeit wird vielfach mit Unrecht unterlassen, und doch ist sie nur eine Rücksicht, die selbst Ehegatten[108] untereinander nie vergessen sollten; denn es gereicht dem Manne stets zur Zierde, wenn er seiner Frau auch auf der Straße die größte Achtung erweist; je höflicher er sich gegen sie vor den Augen anderer beträgt, einen desto besseren Begriff erhalten diese von seinem Leben in seiner Häuslichkeit.

Gehen mehrere Personen miteinander, so haben sie zu vermeiden, eine den Weg sperrende Reihe zu bilden; jedenfalls haben sie den ihnen Entgegenkommenden Platz zu, nachen.

Unziemlich ist es, den Leuten durch die Fenster in das Innere der Wohnung zu sehen. Gehen wir an der Wohnung guter Freunde oder näherer Bekannten vor über, so können wir wohl einen Blick nach deren Fenster oder Balkon werfen, um uns zu vergewissern, ob wir grüßen sollen oder nicht. –

Jungen Mädchen ist anzuraten, sich nicht allzuviel am offenen Fenster aufzuhalten, weil sie sonst zu der Vermutung Anlaß geben konnten, sie wollten die Aufmerksamkeit Vorübergehender auf sich lenken, was stets zu vermeiden ist. –

Wer sich aber so nahe dem Fenster aufhält, daß er von der Straße aus gesehen werden kann, der darf sich nur im vollständigen Anzuge zeigen. Diese Rücksicht schulden wir unserem eigenen Schicklichkeitsgefühl und dem der anderen. Es ist also besonders Herren angeraten, niemals in Hemdärmeln zum Fenster hinaus zu blicken oder so auf die Straße zu treten.

Befinden wir uns zufällig am Fenster und werden wir von einem vorübergehenden Bekannten gegrüßt, so müssen wir den Gruß freundlich erwidern, uns aber dann vom Fenster zurückziehen. Unschicklich ist es, vom Fenster aus ein Opernglas derartig auf die Vorübergehenden zu richten, daß letztere das bemerken; ist man durch Kurzsichtigkeit gezwungen, sich eines Augenglases zu bedienen, so muß dies in einer Weise gebraucht werden, daß niemand es merke, er werde einer Musterung unterzogen! –

Haben wir in Parks oder Anlagen uns auf einer Bank niedergelassen, und nähert sich uns ein bekannter Herr oder eine bekannte Dame, so müssen wir uns erheben, wenn wir angeredet sein wollen. Bleiben wir sitzen, so drücken wir[109] dadurch den Wunsch aus, nicht angeredet zu werden und der Vorübergehende wird es alsdann bei dem einfachen Gruße bewenden lassen. Haben wir uns aber erhoben, und wünschen wir, daß der Vorübergehende sich zu uns setze, so müssen wir eine darauf bezügliche Einladung aussprechen. Unterlassen wir das, wird der andere stehen bleiben und stehend mit uns sprechen, oder aber er wird, wenn er selbst den Wunsch hegen sollte, sich zu uns zu setzen, uns das sagen. Wir haben dann, natürlich vorausgesetzt, daß Platz vorhanden, den Wunsch in einer solchen Form zu gewähren, als wäre er durchaus gegenseitig. Eine Ablehnung würde eine empfindliche Beleidigung sein. –

Begegnen wir auf der Straße Bekannten oder Freunden in Begleitung von uns fremden Personen, und wollen wir mit unseren Bekannten etwas reden, so haben wir die anderen zunächst um Entschuldigung zu bitten, wegen der verursachten Störung, ehe wir unseren Freund ein wenig beiseite ziehen, um ihm mitzuteilen, was wir zu sagen haben. Ist es aber nicht von Wichtigkeit, und werden wir nicht eingeladen, mitzugehen, so haben wir uns mit einem einfachen Gruß zu begnügen und vorüber zu gehen.

Junge Mädchen haben beim Spazierengehen auf sich und ihre Haltung besonders zu achten, denn sie sind überall einer schärferen Beobachtung ausgesetzt. Deshalb sollen sie niemals allein sich bewegen, sondern stets in Begleitung der Mutter oder einer anderen älteren Person. Sind auch noch junge Herren in der Gesellschaft, so dürfen sie ja nicht sich mit diesen absondern und mit ihnen wenig betretene Wege gehen; das wäre für den Ruf der jungen Mädchen das gefährlichste, was es geben kann. –

Junge Mütter, die ihre Kleinen vor sich spielen lassen, können sich in solcher Lage wohl auch mit einer leichten Handarbeit beschäftigen, doch muß das nicht so auffallend geschehen, als wollten sie mit ihrem Fleiße prahlen. Auch große elegante Kleider dürfen hierbei nicht angelegt werden.

Mangelt es in den Anlagen an Sitzplätzen und sieht ein Herr eine anscheinend ermüdete Dame, die mit den Augen einen freien Platz vergeblich sucht, so hat er der Dame den seinigen anzubieten; hierbei darf er eine etwaige, doch nur[110] der Form wegen gegebene Weigerung nicht annehmen, vielmehr muß er sich sofort mit höflichem Gruß empfehlen, worauf die Dame dann sicherlich Platz nehmen wird.

Finden große öffentliche Feste statt, bei denen auf den Straßen ein großer Menschenzusammenfluß erfolgt, so müssen Damen sich hüten, ins Gedränge zu kommen. Lieber mögen sie ihre Schaulust zügeln, wenn sie nicht von einem Wagen aus das Schauspiel betrachten können, denn abgesehen davon, daß ihre Kleidung in dem Gedränge leicht beschädigt werden kann, so müssen sie stets bedenken, daß der Janhagel, der in jeder Stadt zu finden ist, sich derartige Gelegenheiten nie entgehen läßt, um seine unanständigen Streiche gegen alle Bessergekleideten auszuführen. Sicherlich dürfen erwachsene Damen bei solchen Gelegenheiten viel eher Unannehmlichkeiten von so bedeutendem Umfange erwarten, daß sie statt des gehofften Vergnügens meist nur schweren Ärger bekommen.

Quelle:
Berger, Otto: Der gute Ton. Reutlingen [1895], S. 106-111.
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