Das Verhalten auf Reisen und in Gasthöfen.

[123] Bei den hochentwickelten Verkehrsmitteln der Gegenwart kommt jeder leicht in die Lage, eine Reise zu unternehmen, und es sei deshalb auch über das wohlanständige Verhalten unterwegs hier kurz das nötigste gesagt.

Über die notwendige Ausrüstung und über den etwaigen Reiseplan können wir hinweggehen; darüber belehrt man sich am besten aus einem der zahlreichen Reisebücher. Wir wollen nur sagen, was schicklich ist, von dem Augenblick an, wo der Reisende den Eisenbahnwagen betritt. Im Abteil nimmt jeder den Platz ein, der ihm als der beste erscheint, vorausgesetzt, daß er noch frei, noch von keinem anderen Mitreisenden belegt worden ist. Niemand hat das Recht, zu verlangen, daß ein bereits vorher von einem anderen belegter oder eingenommener Platz ihm eingeräumt werde; aber trotzdem wird jeder Herr auf eine mitreisende Dame oder auf eine bejahrte Person so viel Rücksicht nehmen, daß er, wenn diese an ihrem Platz dem Zugwinde oder den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, Abhilfe zu schaffen suchen oder sich gar selbst der kleinen Unbequemlichkeit aussetzen und seinen geschützten Platz preisgeben wird, um besonders eine Dame nicht leiden zu lassen. Reist ein alter Herr mit uns, der einen Platz in der Mitte der Bank eingenommen hat, und sieht man, daß der bejahrte Mitreisende müde ist, so räumt man ihm wulig den Eckplatz ein, damit er ruhen kann. Derartige Rücksichten machen stets einen guten Eindruck. –

In Bezug auf das Schließen und Öffnen der Wagenfenster soll man sich den Wünschen der Mitreisenden fügen; es bestehen hierüber auch noch besondere Vorschriften, die[123] beachtet werden müssen. Man kann wohl verlangen, daß wenigstens auf einer Seite des Zuges ein Fenster ganz oder teilweise geöffnet werde; man kann aber auch verlangen, daß die Fenster auf der einen Seite zu schließen sind, falls sie auf beiden Seiten geöffnet wurden.

Das Handgepäck bringe man so unter, daß niemand dadurch belästigt wird. –

In jedem Zuge befinden sich Wagen, die bestimmte Abteilungen für ›Nichtraucher‹ oder für ›Damen‹ enthalten. Es ist einleuchtend, daß kein Herr das Damenabteil betreten noch im Abteil für Nichtraucher eine Zigarre anstecken darf. Befindet sich eine Dame allein im Rauchabteil, so wird der gebildete Mann, bevor er die Zigarre in Brand setzt, die Dame stets erst um Erlaubnis bitten. Verwehren wird sie es nicht – auch hat sie keine Macht dazu –, aber die ihr erwiesene Rücksicht wird ihr wohltun. –

Mit den übrigen Reisenden ein Gespräch anzuknüpfen, ist stets erlaubt; freilich hängt es von den anderen ab, ob sie darauf eingehen wollen, und sehr bald hat man sich überzeugt, ob es dem unbekannten Nachbar angenehm oder unangenehm ist, ein wenig zu plaudern. Jedenfalls wird dutch eine Unterhaltung die Langeweile der Reise gekürzt, nur muß sich jeder hüten, persönliche Angelegenheiten, weder eigene noch der Mitreisenden, der Erörterung zu unterziehen. Es gibt ja der Stoffe genug, über die man plaudern kann, und die Gegend, durch die man gerade fährt, wird wohl in der Regel den ersten Unterhaltungsstoff bieten. Dann reihen sich daran Vergleiche mit anderen Reisen, erlebte Abenteuer und dergleichen. –

Einen Mitreisenden kann man nach dem Ziel seiner Reise befragen, wenn man von ihm über gewisse Städte, Gasthöfe oder dergleichen Auskunft zu erhalten hofft, und sicher wird niemand eine dahinzielende Bitte ablehnen, sofern er eben selbst in der Lage ist, sie zu erfüllen.

Kommt man in ein lebhafteres Gespräch und findet man aneinander Gefallen, derartig, daß eine nähere Bekanntschaft erwünscht ist, so tauscht man miteinander die Besuchskarten aus und stellt sich gegenseitig vor, wie dies bereits im ersten Teile des Buches, im Kapitel vom ›Vorstellen‹ gesagt ist.[124]

Haben wir einen Imbiß mitgenommen und wollen uns während der Reise damit stärken, so müssen wir es so tun, daß wir dem Nachbar dadurch nicht lästig fallen. Speisen, die einen scharfen Geruch haben, wie alter Käse oder dergleichen, soll man zu diesem Zwecke nicht mitnehmen.

Es ist durchaus keine Beleidigung, wenn wir von unseren Vorräten einem Mitreisenden etwas anbieten, sofern es nur in höflicher Form geschieht und mit wirklich appetitlichen Sachen. Es ist aber auch nicht verletzend, wenn der andere das Gebotene ablehnt. –

Hat man im Gasthause sich eingemietet, so beachte man folgendes: Man belästige die anderen Fremden in keiner Weise, vermeide alles überflüssige Geräusch, wenn man spät nach Hause kommt oder frühzeitig abreisen muß, unterlasse jedes laute Rufen oder Türzuschlagen, kurz, man bedenke immer, daß unsere Nachbarn der Ruhe pflegen wollen. Auf seinem Zimmer vermeide man allzu lautes Sprechen, namentlich über Familienangelegenheiten, da man nicht wissen kann, ob die Wände dicht sind, was in der Regel nicht der Fall ist.

Betritt man des Morgens den Frühstücksaal, so begrüßt man die bereits Anwesenden leicht und setzt sich dann an seinen Platz, ohne sich weiter um diese zu bekümmern. Unsere Wünsche teilen wir dem Kellner mit, der sie mit dem Diensteifer, der diesen Leuten eigen ist, erfüllen wird. –

Wird im Lesezimmer geraucht, so verweilen Damen hier nicht, sondern gehen ins Musikzimmer, das von keinem Herrn mit brennender Zigarre betreten werden darf. Begegnet ein Herr einer Dame auf den Gängen oder auf der Treppe, so wartet der Herr solange, bis die Dame die Treppe erstiegen hat, ehe er selbst hinuntergeht, wobei der Dame die Seite an der Rampe frei zu lassen ist.

Die zum gemeinschaftlichen Aufenthalt bestimmten Räume des Gasthofes, wie Lesezimmer usw. dürfen von jungen Mädchen nur in Begleitung einer Person, der sie anvertraut sind, betreten werden. An der Mittagstafel nehmen sie, wenn die Eltern anwesend sind, zwischen diesen Platz. Geht das nicht an und müssen sie neben einem fremden Herrn sitzen, so haben sie dessen Aufmerksamkeiten, z.B.[125] das Darreichen der Schüsseln, höflich dankend anzunehmen, ohne sich in eine nähere Unterhaltung einzulassen.

Beim Einnehmen der Plätze an der Mittagstafel hat man die zunächst Sitzenden leicht zu grüßen, dann aber jede laute Unterhaltung, das Rufen nach dem Kellner usw. zu vermeiden.

Die Speisen laut zu tadeln, ist nicht anzuraten; was uns nicht schmeckt, mundet vielleicht einem anderen vorzüglich; überdies ist niemand gezwungen, zu essen, was ihm nicht behagt.

Trifft man mit seinem Nachbar wiederholt bei der Mittagstafel zusammen, so ist eine Vorstellung, zumal ja bei regelmäßig wiederholtem Begegnen eine Unterhaltung sich rasch entwickelt, wohl am Platz; bei nur einmaligem Zusammentreffen ist sie nicht geboten.

Wer eine Reise unternimmt, muß ›Geld in seinen Beutel tun‹. Denn es ist besonders dem dienenden Personal gegenüber oft angebracht, es sich durch ein Trinkgeld gefügig und willig zu erhalten, als jeden Groschen sorgsam auf die Wagschale zu legen; viele Verdrießlichkeiten und persönliche Unannehmlichkeiten lassen sich während der Reise, an der Landesgrenze, im Gasthofe usw. durch ein rechtzeitig in die Hand gedrücktes Trinkgeld beseitigen, aber es ist auch nicht nötig, in dieser Beziehung zu viel zu tun. Mit freundlichem Wort gespendet, erfreut das Trinkgeld stets, auch wenn es nicht so bedeutend ist; überdies wiisen die mit Reisenden aller Art täglich verkehrenden Bediensteten in den Gasthöfen und auf der Eisenbahn auf den ersten Blick, wer in der Lage ist, reichlicher zu geben und wer sparsam sein muß; werden sie mit herablassender Freundlichkeit behandelt, so bedienen sie den Reisenden in den meisten Fällen ebenso gut, wie den Nabob. –[126]

Quelle:
Berger, Otto: Der gute Ton. Reutlingen [1895], S. 123-127.
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