Cannstatter Tage

Nach Cannstatt zurückgekehrt widmete ich mich nun mit allem Eifer meinen historischen und anderen literarischen Arbeiten und Studien. Es kam mir dabei sehr zustatten, daß ich für drei Jahre aus dem parlamentarischen Leben und Treiben ausgeschieden war. Dies erleichterte mir die geistige Sammlung und Konzentration, deren ich für meine Arbeiten bedurfte. Ich hatte mir ein kleines Zimmer gemietet, wo ich in Ruhe und Abgeschiedenheit den Ausgang meines langwierigen Ehescheidungsprozesses abwarten konnte. Aber zum völligen Einsiedler machte ich mich nicht; das liegt nicht in meinem Naturell. Ich kam die meisten Abende nach Stuttgart, um dort den gewohnten Verkehr mit parteigenössischen und literarischen Kreisen zu pflegen. Dabei durfte ich meine journalistische Erwerbsarbeit nicht vernachlässigen. Außer meinen Beiträgen für den »Wahren Jakob« lieferte ich regelmäßig pro Woche vier Leitartikel; dazu für einzelne Zeitungen und Zeitschriften gelegentlich Feuilletons, historische Abhandlungen und ähnliches. Es fehlte damals in der Partei sehr an Journalisten, die stets auf dem laufenden waren und regelmäßig wie pünktlich bestimmte Arbeiten liefern konnten. Ich hatte also außer meinen historischen Arbeiten noch sehr viel zu tun. Dabei wurde aber auch die politische Agitation nicht vernachlässigt. Ich hielt in Württemberg und außerhalb eine Menge von Versammlungen ab.

Es ist vielleicht hier angebracht, einen Überblick über die öffentlichmündliche Tätigkeit zu geben, die ich für die Ausbreitung unserer Parteibewegung geleistet, von der parlamentarischen Tätigkeit abgesehen. Es gibt eine nicht geringe Anzahl von Parteigenossen, die nicht weniger oder weit mehr auf diesem Gebiete getan, und man kann daraus schließen, welche Mühe aufgewendet worden ist, um unsere Sache zu fördern. Die mündliche Agitation war früher oft mit großen Strapazen verbunden, namentlich wenn abgelegene Orte bearbeitet werden sollten. Weite Märsche oft bei schlechtem Wetter, schlechte Quartiere, mangelhafte Verpflegung, Feindseligkeit der Bevölkerung, angedrohte oder wirkliche Tätlichkeiten bei fanatischen Bauern – solche Dinge mußten eben ertragen werden. Diese Agitationsarbeit mußte durchweg gratis geleistet werden und man mußte froh sein, wenn man seine Auslagen hereinbekam. Gutbezahlte Vorträge gab es früher bei uns überhaupt nicht. Die mündliche Agitation mußte ergänzt werden durch die organisatorische Tätigkeit, die meist sehr mühsam war.

Es hat in der Sozialdemokratie einige weltfremde Gelehrte gegeben, die glaubten, ihre in behaglicher Studierstube ausgesponnenen wissenschaftlichen Erörterungen hätten die sozialistische Bewegung am meisten[173] gefördert. Das ist eine Übertreibung. Diese Erörterungen haben gewiß zur Vertiefung der Bewegung ihr vollgerüttelt Maß beigetragen. Aber was an wissenschaftlicher Kenntnis und Erkenntnis in die Massen drang, hätte seinen Weg nicht finden können, wenn dieser nicht durch die populäre mündliche Agitation erschlossen und geebnet worden wäre.

Ich gebe hier ein Verzeichnis der Orte, an denen ich in meiner vierzigjährigen Parteitätigkeit mündlich für unsere Sache gewirkt habe. Dies Verzeichnis kann auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen.1 Es sind:

Stuttgart, Cannstatt, Gaisburg, Ostheim, Gablenberg, Wangen, Untertürkheim, Obertürkheim, Kapellesberg, Bopser, Hasenberg, Eßlingen, Degerloch, Bothnang, Bonlanden, Münster a. N., Feuerbach, Zuffenhausen, Kornwestheim, Ludwigsburg, Bietigheim, Heilbronn, Nagold, Reutlingen, Eningen, Betzingen, Ulm, Göppingen, Ravensburg, Mengen, Biberach, Wangen i. A., Leutkirch, Gmünd, Aalen, Heidenheim, Ebingen, Plochingen, Hechingen, Lorch, Heubach, Bartholomäi, Muthlangen, Göppingen, Leinzell, Herlikofen, Waldstetten, Hall, Backnang, Rüdern, Waiblingen, Fellbach, Weil heim u. T., Tuttlingen, Oberboihingen, Kaltenthal, Pforzheim, Durlach, Grötzingen, Eutingen, Karlsruhe, Mühlburg, Wohlfahrtsweier, Dill-Weißenstein, Neulußheim, Ettlingen, Bruchsal, Heidelberg, Mannheim, Brötzingen, Weinheim, Gaggenau, Baden-Baden, Lörrach, Konstanz, Kreuzlingen, Zürich, St. Gallen. –

Mainz, Darmstadt, Ludwigshafen, Worms, Kirchheimbolanden, Frankfurt a. M., Höchst, Griesheim, Wiesbaden, Offenbach, Hanau, München, Nürnberg, Fürth, Augsburg, – Bielefeld, Hannover, Halberstadt, Magdeburg, Schöppenstedt, Wolfenbüttel, Schöningen, Seesen, Holzminden, Osterwieck, – Braunschweig, Lehndorf, Gliesmarode, Volkmarode, Querum-Melverode, Klein-Stöckheim, Lamme, Vechelade, Vechelde, Rüningen, Broitzem, Lehre, Essinghausen, Wohltorf, Veltenhof, Klein-Schöppenstedt, Riddagshausen, Schapen, Destedt, Bienrode, Blankenburg am Harz, Timmenrode, Wienrode, Benzingerode, Hüttenrode, Braunlage, Rübeland, Neuwerk, Hasselfelde, Hohegeiß, Zorge, Wieda. – Hamburg, Altona, Ottensen, Wandsbek, Harburg, Kiel, Rendsburg, Schleswig, Eimsbüttel, Nienstedten,[174] Barmbeck, Bergedorf, Lübeck, Kopenhagen. – Bremen, Hastedt, Oberneuland, Hude, Hasbruch, Delmenhorst, Wihelmshaven, Bremerhaven, Verden. – Leipzig, Dresden, Leisnig, Rötha, Chemnitz, Altenburg, Werdau, Zwickau, Crimmitschau, Riesa, Connewitz, Liebertwolkwitz, Knautkleeberg, Groß-Zschocher, Klein-Zschocher, Plagwitz, Lindenau, Eilenburg, Halle, Markranstädt, Reudnitz, Volkmarsdorf, Thonberg, Anger, Stötteritz, Naunhof, Brandis, Erfurt, Apolda, Gera, Gotha, Jena, Eisenach, Schalkau, Lauscha. – Berlin, Moabit, Breslau. – Greiz, Zeulenroda, Bernsgrün, Crispendorf, Cossengrün, Daßlitz, Dölau, Fraureuth, Görschnitz, Hermannsgrün, Irchwitz, Kleinreinsdorf, Kurtschau, Moschwitz, Nitschareuth, Möschlitz, Obergrochlitz, Pöllwitz, Pohlitz, Reudnitz, Remptendorf, Rothenthal, Schönfeld, Tschirma, Wildetaube, Zoppothen.

In Cannstatt hörten, solange das Sozialistengesetz bestand, die Häkeleien mit der Polizei nicht auf. Der gestrenge Herr Oberbürgermeister hatte ein scharfes Auge auf uns und suchte namentlich mir am Zeuge zu flicken, wo er nur konnte. Es schien ihm auch höchlich zu mißfallen, daß er von mir auf der Straße nicht gegrüßt wurde. In seinem Übereifer schlug er manchmal daneben. Einst sollte ich in Hall eine Versammlung anläßlich einer Landtagswahl abhalten und die Hallische Polizei frug in Cannstatt an, ob ich württembergischer Staatsangehöriger sei. Die Cannstatter Polizei verneinte und daraufhin wurde die, Versammlung verboten. Ich besaß aber das württembergische Staatsbürgerrecht und das Verbot wurde in einigen Blättern darob schwer getadelt, dazu die Cannstatter Polizei ob ihres blinden Eifers verspottet. Ich sollte bald empfinden, daß mit so hohen Herrn, wie ein Oberbürgermeister einer Stadt von 28,000 Seelen, nicht gut Kirschen essen ist. Ich wollte mir nämlich das Ortsbürgerrecht von Cannstatt erwerben und reichte ein entsprechendes Gesuch ein. Nach dem Gesetz mußte nur, als württembergischem Staatsangehörigen, nach dreijähriger Ortsansässigkeit das Ortsbürgerrecht gewährt werden. Aber die drei Jahre waren noch nicht um. Als die dem Gemeinderat vorliegenden Bürgerrechtsgesuche verhandelt wurden, ließ der Oberbürgermeister alle bis auf das meinige erledigen; dann erklärte er die Sitzung für geheim und führte dann in längerer Rede aus, daß er dafür sei, mir das Bürgerrecht zu verweigern, denn erstens sei ich ein bekannter Sozialdemokrat und zweitens sei ich in einen Ehescheidungsprozeß verwickelt. Und die Mehrheit der weisen Stadtväter stimmte zu; mein Gesuch ward, allerdings nur mit einer Stimme Mehrheit, abgelehnt. Ein Gemeinderat erklärte gleich, er werde mir von dieser geheimen Sitzung Mitteilung machen. Der Herr Oberbürgermeister hatte wohl geglaubt, ich beabsichtigte, mich in den Gemeinderat wählen zu lassen und in diesem Karpfenteich den roten Hecht zu spielen. Darnach stand mir der Sinn durchaus nicht.

Übrigens wurde später mein Freund Glaser in den Gemeinderat gewählt und hat dort recht fruchtbringende Arbeit geleistet. Das wurde auch[175] von seinen Gegnern anerkannt. Als sich bei seinem Begräbnis der Leichenzug vor seiner Wohnung aufstellte, erschien auch der Herr Oberbürgermeister mit den Gemeindevertretern. Ich stand bei den Familienmitgliedern hinter dem Sarge; indessen waren die Stadtväter so eifrig, ihre Teilnahme zu beweisen, daß sie sich zwischen uns und den Sarg drängten. So können sich die Zeiten ändern.

Kurz vor dem Ende des Sozialistengesetzes hatte ich mit dem Ortsgewaltigen von Cannstatt noch eine Affäre, welche sehr bemerkt wurde. Ein Arbeiter namens Mauthe, der mir sehr anhänglich war, hatte sich wegen Krankheit erschossen und hatte in seinem Testament bestimmt, daß an seinem Grabe kein Pfarrer, sondern ich sprechen solle. Zum Grabredner bin ich nicht geeignet, wie ich mehrfach, namentlich am Grabe Geibs, erfahren, und ich übernahm darum sonst solche Aufträge nicht. In diesem Fall aber beschloß ich eine Ausnahme zu machen.

Ein Zug von etwa zweihundert Personen, durchweg Arbeiter und Arbeiterinnen, geleitete den Toten nach seinem Grab auf dem Staigfriedhof über dem Neckar. Dort angelangt, sah ich, daß doch ein Geistlicher am Grabe erschienen war. Nach meiner Ansicht hätte er den Wunsch des Toten respektieren sollen; dessen Verwandte hatten ihn bewogen, zu dem Begräbnis zu kommen. Zugleich sah ich aber auch, daß der Polizeikommissär von Cannstatt mit einem Trupp Schutzleute am Grabe aufmarschiert war. Ich hatte etwas von einem Einschreiten der Polizei läuten hören und richtete an den Kommissär die Frage, ob er mir das Reden am Grabe meines Parteigenossen verbieten wolle.

»Jawohl, Herr Blos«, erwiderte er, »ich habe den Befehl dazu.«

Ich drehte mich um und sagte in ruhigem Tone zu den Umstehenden:

»Dann habe ich hier nichts mehr zu tun!«

Ohne ein weiteres Wort verließ ich sogleich das Grab und den Friedhof und die ganze Menge der Leidtragenden folgte mir. Es blieben nur die Polizei, der Geistliche, der Totengräber und die drei oder vier Frauen, die bei jedem Begräbnis als eine Art Klageweiber erscheinen, zurück.

Der Geistliche begann, nachdem das Leichengefolge verschwunden, seine Rede und führte sie tapfer zu Ende. Nach dem Zeugnis der Zuhörer soll sie sehr schön gewesen sein.

Wir versammelten uns in einer Wirtschaft. Ich sagte dort, daß wir uns nach meiner Auffassung zwar nicht gegen das Strafgesetz vergangen hätten, denn wir hätten den Friedhof verlassen, bevor der Geistliche seine gottesdienstliche Handlung begonnen. Aber es werde wohl doch etwas nachkommen. Und es kam auch etwas nach.

Die Herren Pietisten und Mucker – in Württemberg geht Pietismus und Nationalliberalismus vielfach ineinander über – erblickten in dem Verlassen des Kirchhofes eine »Störung einer gottesdienstlichen Handlung« und steigerten sich gegenseitig in eine unbezähmbare Wut hinein. In den Lokalblättern erfolgten grimmige Hetzereien und Denunziationen. Sogar die dicke Rößlewirtin, die unter allen bürgerlich-demokratischen[176] Elementen von Cannstatt die meiste Ungeniertheit besaß, sagte mit bedenklicher Miene zu mir: »So weit hätten Sie nicht gehen sollen!« –

Der Oberbürgermeister, der zur nationalliberalen Partei gehörte, glaubte dieser Strömung Rechnung tragen zu müssen und erließ sechzig Strafmandate an die ermittelten Teilnehmer am Auszuge aus dem Friedhof. Diese wurden wegen »groben Unfuges« mit je fünf Mark Strafe belegt. Einige der Strafmandate erhielten eine kurze Begründung; so wurde ein biederer Schuhmacher beschuldigt, er habe im Leichenzug eine helle Hose getragen und dadurch die Gefühle der Leidtragenden – die doch auch »groben Unfug« verübt haben sollten – verletzt.

Mehrere bezahlten die Strafe; ich aber erhob Einspruch. Das Amtsgericht Cannstatt setzte die Strafe von fünf auf drei Mark herab und der Oberamtsrichter suchte diesem Urteil eine »witzige« Begründung zu geben, womit er aber seine eigene Jurisprudenz bewitzelte. Ich brachte alsdann die Sache vor das Landgericht Stuttgart, welches mich kostenlos freisprach.

So war wiederum eine Aktion des Stadtgewaltigen gegen mich verunglückt, während die Mucker, die ein so großes Geschrei gemacht, klatschend aufs Maul geschlagen waren.

Leider war damit die Sache nicht zu Ende. Denn ein Cannstatter Fabrikant, ein Franzose, wurde von den pietistischen Fanatikern, die sich sonst so viel auf ihr Christentum zugute tun, so lange bearbeitet, bis er Entlassungen vornahm. Vier Familienväter, die an dem Auszug aus dem Friedhof teilgenommen, wurden brotlos gemacht. Ich ließ durch einen französischen Professor, der damals in Stuttgart lebte, an das Gerechtigkeitsgefühl des Fabrikanten appellieren, was nicht ohne Erfolg blieb. Dazu kam nun, daß das Landgericht in unserem Verhalten keinen »groben Unfug« entdecken konnte. Die entlassenen Arbeiter wurden wieder eingestellt mit einer Ausnahme, bei der eine persönliche Abneigung des Fabrikanten im Spiel war. Im übrigen war dieser Mann ebenso grundlos gemaßregelt worden wie die anderen.

Aber diese Scherereien und Plackereien konnten meine historischen Arbeiten nicht beeinträchtigen. Diese waren auf Grund meiner langjährigen vorbereitenden Studien so rasch vorgeschritten, daß die ersten Hefte meiner völkstümlichen Geschichte der französischen Revolution schon im Sommer 1888 erscheinen konnten. Das Werk wurde so gut aufgenommen, daß ich ganz überrascht war. Das Werk war in einigen Partien, da es noch unter dem Sozialistengesetz erschien, sehr vorsichtig gehalten, um ein Verbot zu vermeiden und dem Verleger einen großen Verlust zu ersparen. Dies wurde von einigen »guten Freunden« mißgünstig ausgenutzt. Nachdem ich dies Werk vollendet, ging ich sogleich an die Vorbereitungen für meine Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849. Dies Buch betrachte ich als mein Hauptwerk. Schon in meiner Jugend hatte ich den Entschluß gefaßt, diese Bewegung, von der ich so viel gehört und so viele Spuren gesehen, zu studieren und zu schildern. Lange Jahre hatte[177] ich dafür Materialien gesammelt und in Unterhaltungen mit vielen, an jenen Ereignissen beteiligten Parteigenossen Verständnis für die bunten Erscheinungen des »Völkerfrühlings« zu gewinnen gesucht. Karl Marx, Wilhelm Liebknecht, Bernhard Becker, Robert Schweichel, Amand Goegg, Moritz Rittinghausen, F. W. Fritzsche, Paul Stumpf und viele andere waren mir dabei entgegengekommen. Aber auch manche Achtundvierziger außerhalb der Partei kamen mir freundlich entgegen. Ich nenne nur Temme, Guido Weiß und Karl Mayer. Diese alten Demokraten, die mehr oder weniger an den Idealen ihrer Sturm- und Drangperiode festhielten, waren frei von den spießbürgerlichen Vorurteilen gegen den Sozialismus. Viele von ihnen haben während des Sozialistengesetzes nicht zu unterschätzende Beiträge zur Unterstützung von dessen Opfern geleistet. Sie waren unsere politischen Gegner, aber sie waren der Überzeugung, daß uns Unrecht geschah. Wenn wir von albernen Philistern geschmäht und, wo es diesen möglich, schikaniert wurden, brachten uns diese alten Demokraten, unter denen sich hochangesehene Leute befanden, persönliche Achtung und häufig gesellschaftliche Bevorzugung entgegen. Das soll nicht vergessen sein, nachdem diese alte Demokratie nunmehr leider völlig ausgestorben ist. Die junge Demokratie hat sich mit den Zeiten geändert.

Nunmehr knüpfte ich mit den bekannten, in Schwaben damals noch lebenden Achtundvierzigern Verbindungen an, um meine Informationen über jene große Bewegung durch Schilderungen von Augenzeugen zu vertiefen. Es gab Parteigenossen, die dies nicht begriffen und hinter mir her tuschelten, ich habe mich »der bürgerlichen Demokratie genähert«. Als aber nachher mein Werk erschien, gestanden sie doch zu, daß ich eine historische Lücke im Interesse der Partei ausgefüllt hatte.

Den alten Demokraten muß ich nachsagen, daß sie mein Werk förderten nicht obgleich, sondern gerade weil ich Sozialdemokrat war. Sie haben dem Werke auch nachher viel Anerkennung angedeihen lassen, obgleich die Fehler und Schwächen ihrer Partei darin stark kritisiert waren.

Ohnehin hatte ich mir das Ergebnis der historischen Forschungen von Marx und Engels zu eigen gemacht, welche mir Entstehung. Wirkung und Niedergang der Bewegung von 1848 erklärten. Nach der Niederlage traten, namentlich in der Flüchtlingschaft, die Gegensätze zwischen den Elementen, welche die Bewegung getragen, schärfer hervor. Marx und Engels, mit ihrer überlegenen Einsicht in die Notwendigkeit des historischen Entwicklungsganges, sahen die Revolution, die aus einer wirtschaftlichen Krisis entsprungen, mit der nachher eintretenden Prosperität in den wirtschaftlichen Zuständen beendet, womit sie auch recht behielten, während bürgerliche Demokraten, in vergeblicher Hoffnung auf die Wiederkehr der Volkserhebung von 1848, sich mit Verschwörungen plagten. Andere warfen die Ideale von 1848 in die Rumpelkammer und schlossen sich den herrschenden Gewalten an.[178]

Der alten Demokraten, deren Umgang ich suchte, waren nicht mehr viele. Aber der Umgang mit ihnen war interessant und man konnte viel lernen von den Leuten, die in der Heimat die politische Katastrophe mitgemacht und im Exil einen harten Kampf ums Dasein geführt hatten. Der Dichter Moritz Hartmann hat nicht ohne Grund das Exil »Die Heimat der Guten« genannt. Die Geringschätzigkeit, welche vorlaute Epigonen gegenüber den Achtundvierzigern zur Schau tragen, habe ich nie geteilt.

Allerdings mußte man sich bei der Sammlung historischen Materials vor den vielen Aufschneidern in acht nehmen, die sich unter den Achtundvierzigern umtrieben. Diese Aufschneider, meist an den Ereignissen von 1848 wenig oder gar nicht beteiligt, waren auch die Träger der vielen Legenden, die aus der Revolutionszeit auf uns überkommen waren. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, sei darauf verwiesen, daß nicht etwa nur am Biertisch, sondern auch in ernsten Büchern behauptet wurde, die Besatzung der Festung Rastatt sei 1849 von dem bekannten Herrn von Corvin an die Preußen verraten und die vereinbarte Kapitulation sei von den Preußen gebrochen worden. Aufschneiderei und Legendenkultus hatten es so weit gebracht, daß in demokratischen Kreisen diese Dinge fast allgemein geglaubt wurden. Als ich nach sorgfältigem Studium der Sache diese Legenden zerstörte und die historische Wahrheit vorführte, waren einige alte Demokraten fast böse darüber. Sie hatten sich zu sehr an die Legenden gewöhnt, die natürlich interessanter waren, als die nüchterne Wahrheit.

Durch meinen Verkehr mit den schwäbischen Achtundvierzigern bekam ich ausgedehnte Beziehungen zur literarischen Welt Schwabens überhaupt.[179]

Fußnoten

1 Die Orte, wo ich mehr als fünfundzwanzig Versammlungen, resp. Vortrage gehalten, sind fett, wo zwei bis zehn, gesperrt gedruckt. Die Wahlversammlungen rechne ich zur politischen Agitation, da dort weniger für meine Person, als für die Parteigrundsätze gewirkt wurde. In Stuttgart-Cannstatt, wo ich mich mit einer Unterbrechung während mehr als dreißig Jahren aufgehalten, gehen die Versammlungen in die Hunderte; darunter sind viele historische und wissenschaftliche Vorträge. In den letzten Jahren war ich durch eine Cliquenherrschaft, die ein gewisser Westmeyer errichtet hatte und deren leitenden »Original-Genies« mein Spott hätte unbequem werden können, fast ganz am öffentlichen Auftreten innerhalb der Partei am Orte verhindert.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 2. Band. München 1919, S. 181.
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