Reichstagsauflösung und Faschingswahl

Die Verfolgungen unserer Partei nahmen nach dem kurzen Gaukelspiel der »milden Praxis« wieder an Gehässigkeit und Heftigkeit zu. Die eiserne Disziplin und die feste Haltung der Sozialdemokratie ließ alle bösartigen Pläne der Widersacher scheitern. Weder die Gewalttätigkeiten der Polizei noch die Lockspitzeleien vermochten die Partei zu den in den »höheren Regionen« so heiß ersehnten Unbesonnenheiten und Torheiten zu treiben. Besonders streng wurde gegen die Arbeiter bei den Lohnkämpfen vorgegangen; das Koalitionsrecht wurde fast völlig vernichtet. Bei der ersten Beratung des Sozialistengesetzes hatte Bismarck ausdrücklich versichert, die Bestrebungen der Arbeiter, sich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, sollten unter dem Sozialistengesetz nicht leiden, und Herr von Bennigsen hatte dies unterstrichen und es ohne Widerspruch zu finden, dahin ausgelegt, daß die Arbeiter ihr Koalitionsrecht nicht verlieren sollten. Kaum war aber das Sozialistengesetz in Kraft getreten, als sämtliche Gewerkschaften nebst den meisten ihrer Blätter verboten wurden. 1886 kam dann noch Herr von Puttkamer mit seinem berüchtigten Streikerlaß, worin er die Streiks mit dem politischen »Umsturz« in Verbindung brachte, was er nachher mit dem bekannten Satze begründen wollte, daß hinter jedem Streike die »Hydra der Revolution« lauere. So wurde das Versprechen Bismarcks gehalten, nachdem die reaktionären Gewalten den Polizeiknüppel erst einmal in der Hand hatten.

Im Frühjahr 1886 wurde das Sozialistengesetz zum drittenmal verlängert. Man schien entschlossen, die Sozialdemokraten bei dieser Gelegenheit »Monologe« halten zu lassen. Es kam aber anders. Im Gegenteil gab es recht dramatische Szenen. Die sozialdemokratische Fraktion ließ durch Paul Singer vor dem Reichstage das Bild eines klassischen Lockspitzels erscheinen. Ihring-Mahlow nannte man den Menschen, der, ursprünglich ein Schutzmann namens Ihring, sich als »Techniker Mahlow« in die Berliner Sozialdemokratie eingeschlichen hatte. Er schwelgte in Majestätsbeleidigungen, vertrieb anarchistische Schriften und wirkte für die »Propaganda der Tat«.

Die Enthüllung wirkte verblüffend auf die »staatserhaltenden« Parteien; ich sehe heute noch die langen Gesichter der Konservativen und Nationalliberalen vor mir. Auch die Regierung konnte nun nicht mehr mit der faulen Ausrede kommen, man möge ihr einen solchen Lockspitzel vorzeigen, wie sie sonst getan; jetzt handelte es sich um einen namentlich bezeichneten und etatsmäßig angestellten Beamten, für dessen Treiben als Lockspitzel Zeugen vorhanden waren.[141]

Der »hinterpommersche Grande«, Herr von Puttkamer, der für die Ausführung des Sozialistengesetzes verantwortlich war, mußte nun doch heraus. Diesem Junker fehlte es wahrhaftig nicht an Dreistigkeit, aber auch er war so verblüfft, daß er nur sagte, er sei einer »solchen Schandtat« nicht fähig. Aber bis zur zweiten Lesung hatte er seine Dreistigkeit zurückgewonnen. Er erklärte den Ihring-Mahlow für einen »pflichtgetreuen Beamten« und die beiden Zeugen, die Singer angab, wurden wegen Beleidigung des Lockspitzels zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem die Vorgesetzten Ihring-Mahlow diesem über alle Maßen günstige Aussagen gemacht hatten. Aber die höhere Instanz sprach die beiden Zeugen frei, womit die Anschuldigungen Singers bestätigt waren; Ihring-Mahlow hatte das Gegenteil beschworen, aber das Gericht hatte ihm keinen Glauben geschenkt. Puttkamer verschaffte dem Manne das allgemeine Ehrenzeichen und Beförderung im Staatsdienst.

Aber der Prozeß ließ einen so tiefen Blick in das »System Puttkamer« tun, daß dessen Niederlage nicht mehr bemäntelt werden konnte.

Bald sollte die Zeit kommen, da Puttkamer mit all seiner Dreistigkeit nichts mehr ausrichten konnte.

Um diese Zeit war es auch, als Bismarck im Reichstage einen Ausspruch Bebels über russische Zustände dahin auslegen wollte, daß die deutsche Sozialdemokratie Mord und Totschlag predige. Auch erklärte er es für möglich, daß Karl Marx »Mörder gezüchtet« habe, um sie gegen ihn auszusenden. Daraufhin erklärten die Töchter von Karl Marx, für ihren Vater sei Bismarck eine erheiternde Figur und zeitweilig ein unfreiwilliger, aber willkommener Mithelfer an der proletarischen Revolution gewesen. Wenn er Marx der Züchtung von Mördern beschuldige, so beweise er damit nur, daß Marx recht gehabt, als er gesagt, daß Bismarck bei all seiner Verschlagenheit doch nicht fähig sei, eine große und neue geschichtliche Bewegung, wie die der Arbeiterklasse, zu begreifen.

In der Tat blieb Bismarck stets ein Staatsmann der alten Schule und kultivierte immer noch in bezug auf Volksbewegungen die längst abgetane Auffassung, die der Bundestag seinerzeit unter Metternich aus der Verschwörungszeit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts heraus sich konstruiert hatte. –

Das schon erwähnte Freiberger Urteil gegen eine Anzahl von Teilnehmern am Kopenhagener Kongresse, welches eine Flut von Geheimbundsprozessen hervorrief, hatte sich teilweise darauf berufen, daß der Züricher »Sozialdemokrat« offizielles Organ der Partei. Dieses Verhältnis mußte daher – wenigstens äußerlich – geändert werden und die Fraktion erließ als Parteileitung im Oktober 1886 nachstehende Erklärung:

»Das Urteil der Strafkammer des Freiberger Landgerichts gegen eine Anzahl unserer Genossen, das seinerzeit in den weitesten Kreisen der Bevölkerung[142] das allerpeinlichste Aufsehen machte, ist vom Strafsenat III des Reichsgerichts durch Verwerfung der eingelegten Revision formell bestätigt worden. Es bildet also dieses merkwürdige Urteil von nun an eine Art Rechtsboden für ähnliche Prozesse wie jener in Freiberg, so sehr die reichsgerichtliche Auffassung auch dem Rechtsbewußtsein des deutschen Volkes widerspricht. Als zunächst Beteiligte gezwungen, die Konsequenzen der reichsgerichtlichen Entscheidung zu ziehen, haben wir beschlossen:

1. Den Charakter des »Sozialdemokrat« als offizielles Organ der sozialdemokratischen Partei aufzuheben;

2. die Vollmachten, die seinerzeit die Eigentümer des Blattes der jeweiligen sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages einräumten, in deren Hände zurückzugeben.

Im übrigen überlassen wir es jedem einzelnen, wie er sich zum »Sozialdemokrat«, der dank dem Vorgehen unserer Gegner sicher seinen großen Leserkreis nicht nur behalten, sondern noch erweitern wird, stellen will.

Die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags.«

Die Redaktion des »Sozialdemokrat« erklärte, daß sie diesen unvermeidlichen Beschluß akzeptiere und hoffe, daß ihre Leser ihr treu bleiben würden. Und die sozialdemokratische Fraktion, hieß es dabei, werde künftig dem Herrn von Puttkamer, wenn er seine Gewaltmaßregeln mit der Haltung des »Sozialdemokrat« rechtfertigen wolle, spöttisch zurufen: »Geht uns nichts an; gehen Sie nach Zürich!« –

Auf der häufigen Hin- und Herreise zwischen Berlin und Cannstatt kehrte ich oft und gern bei lieben Freunden ein. So beim alten Dr. Sy, der erst in Gotha und dann in Jena hauste. Er war ein sehr wohlhabender Berliner und konnte ganz nach seinem Geschmack leben. Er hatte einen prächtigen Humor und es war immer wieder ergötzlich, wenn er seinen Lieblingsvers von dem »revolutionären« Geheimrat von 1848 vortrug:


»Ich bin ja gern Berater,

Verlangt nur keine Tat,

Ich bin Familienvater

Und auch Geheimer Rat!«


Oder wenn er seine Erlebnisse beim Pariser Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 erzählte. Er studierte damals in Paris. Er war dem Gemetzel, das die betrunkene Soldateska Bonapartes in den Straßen von Paris anrichtete, glücklich entkommen und strebte seiner Wohnung zu, die in einer Sackgasse lag. Als er am Eingang der Sackgasse anlangte, fand er dort eine von einigen gamins1 besetzte Barrikade vor und wurde mit dem Geschrei, »Vive le chef de la barricade!«2 empfangen. Man[143] drückte ihm einen alten rostigen Säbel in die Hand und er müßte wohl oder übel den bedenklichen Posten annehmen. Spät am Abend erschien eine reitende Batterie, worauf er sich sofort allein auf der Barrikade sah. Die Batterie feuerte und ein Kartätschenhagel ergoß sich über die Barrikade. Sy hielt es für zwecklos, hier allein einen Heldentod zu sterben, warf den alten Säbel weg und verschwand in seiner Wohnung, wo man nicht nach ihm suchte. Das Brrrr! der auf dem Pflaster dahin rollenden Kartätschen konnte er sehr gut nachahmen.

Sy kandidierte in Thüringen öfter bei den Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie, aber ohne Erfolg. –

Hasenclever hatte sich nach seiner Ausweisung aus Leipzig erst nach Wurzen und dann nach Halle an der Saale begeben. Hier kam ich oft zu ihm, denn wir hatten uns einander sehr genähert. Seine fröhliche joviale Art gefiel mir sehr. Er zog sich sehr gerne in den Schoß seiner Familie zurück und man bemerkte an ihm noch keine Vorzeichen der furchtbaren Krankheit, die ihn uns so bald entreißen sollte. Auch zum alten Liebknecht kam ich des öfteren nach Borsdorf bei Leipzig, der sich nach seiner Ausweisung dort in einem öden alten Gebäude, wahrscheinlich früheren Herrenhaus, aufhielt, während seine Familie des Schulbesuchs der Kinder wegen in Leipzig bleiben mußte. Er tat mir einst sehr leid, als ich an einem schneidend kalten Wintertage ankam und ihn in einem großen kahlen Zimnier vor einem schlechten Ofen frierend sitzen fand. Aber am liebsten machte ich in Nürnberg halt, wo ich mit Grillenberger und seiner liebenswürdigen Frau, Max Kegel, Heinrich Oehme, Karl Oertel und vielen anderen Freunden und[144] Parteigenossen angenehme Stunden verlebte und wo wir oft noch sehr ausgelassen waren. Max Kegel, einer der begabtesten modernen Dichter des Proletariats, war mir schon von Chemnitz her bekannt und ich schätzte seine oft sehr witzigen Verse und seine populären Arbeiterlieder sehr. Er hatte sich aus sehr ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet und die mangelhafte Ernährung, die ihm in seiner Jugend zuteil geworden, mag dazu beigetragen haben, daß er vor der Zeit starb.

In diesem Zirkel lernte ich auch Bruno Schönlank kennen, der mir nachher jahrelang von allen Parteigenossen und Freunden am nächsten stand. Er war zehn Jahre jünger als ich, aber wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Er war der am glänzendsten begabte moderne Journalist, den die Partei jemals besessen; sein Auftreten brachte in der sozialdemokratischen Presse eine förmliche Umwälzung hervor, nachdem er gezeigt, daß ein sozialdemokratisches Blatt auch den modernen Anforderungen genügen könne. Als junger Gelehrter war er Amanuensis3 beim Grafen Noer, Prinzen von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und Mitarbeiter an dessen »Kaiser Akbar« gewesen. Den »Doktor mit dem Karbonadlg'sicht« oder auch einfacher den »Doktor Karbonadl« nannten die bayerischen Arbeiter den kleinen wuseligen Mann, weil sein Gesicht – er war Korpsstudent gewesen – fürchterlich zerhackt war. Er hatte damals eine gründliche Arbeit über die Zustände in den Quecksilber-Spiegelbelegen in Fürth veröffentlicht, die viel Aufsehen erregte und auch von den Regierungen benützt wurde. Damals, als ich ihn kennenlernte, begann er die Vorarbeiten zu seinem Werke: »Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren, altnürnbergische Studien«, das erst 1893 erschien. Diese ausschließlich aus handschriftlichen Urkunden herausgearbeitete Darstellung des Arbeiterlebens im alten Nürnberg ist in der sozialdemokratischen Parteiliteratur einzig in ihrer Art, hat aber leider die ihrem hohen Werte gebührende Anerkennung nicht gefunden. Schön lank hat noch eine Reihe tiefgründiger, namentlich volkswirtschaftlicher Aufsatze in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht; später ließ ihn seine journalistische und parlamentarische Tätigkeit nicht mehr zu solchen Arbeiten kommen. Trotz mancher Sonderbarkeiten, die ihm anhafteten und mit seinem körperlichen Zustande zusammenhingen, habe ich mit niemand in allen Dingen mich so gut verstanden, wie mit ihm. Sein vorzeitiger Tod war für mich eine Erschütterung, die ich lange nicht verwinden konnte, umsomehr, als ich allein alle die äußeren und innerlichen Gründe seines Untergangs vollständig kannte. Dieser glänzende Geist verdient eine Monographie.

Im Stuttgarter Parteileben – ich war 1884 nach Stuttgart übergesiedelt – bildeten sich damals schon langsam die Niederschläge, aus denen sich später unvermeidlich die Streitigkeiten entwickelten, die nachher einen so bedenklichen Umfang erreicht und die Sozialdemokratie diskrediert[145] haben. Der Württemberger ist als solcher schon sehr zum Sektenwesen geneigt und das übertrug sich auch auf die Sozialdemokratie, in welcher sich allerlei Gruppen. Konventikel und Cliquen zusammenfanden. Das Sozialistengesetz förderte diese Erscheinungen ungemein und ließ den Intrigen mehr Spiel, als bei einer öffentlichen Parteiorganisation möglich gewesen wäre. Der Zuwachs an Nichtwürttembergern verschlimmerte diesen Zustand noch, denn unter ihnen befanden sich viele, welche die württembergischen Parteizustände nach preußischem oder sächsischem Muster umgestalten wollten und damit nur neues Unheil anrichteten, indem sie auf die württembergische Eigenart keine Rücksicht nahmen. Unter diesen Umständen konnte man sich nicht wundern, daß in Württemberg die Anarchisterei Fuß zu fassen und in die Parteikreise einzudringen vermochte. Ich erinnere mich, daß in einer geheimen Parteiversammlung eine Resolution eingereicht wurde, die mit den Worten begann: »Da Sozialismus und Anarchismus ein und dasselbe sind« ... und die verlangte, daß die Anarchisten als Parteigenossen anzuerkennen seien. Das Treiben der Wirrköpfe, welche den Anarchismus nicht vom Sozialismus zu unterscheiden vermochten, wurde auch aus den kleinbürgerlichen Kreisen heraus gefördert, die sich der Bewegung genähert oder ganz angeschlossen hatten. Unter ihnen befanden sich verschiedene Leute, die sich sehr mutig und opferwillig zeigten – einige kamen wegen Zuwiderhandlungen gegen das Sozialistengesetz ins Gefängnis – aber es befanden sich auch solche dabei, die infolge ihrer »gehobenen« Lebensstellung glaubten, sie seien zur Vormundschaft über die Redakteure und Abgeordneten der Partei berufen und denen man erst durch moralische Tritte vor den Bauch klarmachen mußte, daß es in der Sozialdemokratie »Standesvorrechte« nicht gibt. Verärgert erblickten dann diese »Größen« in den Schimpfereien der Anarchisten über die Sozialdemokratie eine Genugtuung für ihr ramponiertes Selbstgefühl. Es gab auch »verhockte« Leute unter ihnen, die lange auf kleinen Orten gesessen und in ihrer Einsamkeit in wilden Träumen geschwelgt hatten, wie sie die alte Bourgeoiswelt zerschmettern und auf ihren Trümmern als Sieger stolz durch die Weltgeschichte strahlen wollten. In Wirklichkeit waren sie unfähige und unschädliche Abfälle der Bourgeoisie, die in der bürgerlichen Gesellschaft keine Rolle spielen konnten, die Sozialdemokratie aber für geeignet hielten, sich dort als »Größen« aufzutun. Ich faßte diese Elemente als »Sozialhämorrhoidarier« nach jenem berühmten Muster der »Fliegenden Blätter« (der Staatshämorrhoidarius, Jahrg. 1848), auf und erfand ein derbes Witzwort, das eine Zeitlang im Umlauf war und die Herren Anarchisten ungemein gegen mich erbitterte. Namentlich ein ehemaliger württembergischer Kameralverwalter verfolgte mich darum mit grimmigem Hasse.

Unter diesen Umständen riß eine gewisse Zerfahrenheit ein und es war begreiflich, daß die anarchistischen Treibereien die Stuttgarter Sozialdemokratie manchmal in Aufregung bringen konnten, namentlich da einzelne[146] Anarchisten sich als angebliche Sozialdemokraten in die Partei ein schlichen und sie mit Stänkereien aller Arten heimsuchten.

Ich wirkte den Anarchisten in Stuttgart und im Lande mit Erfolg entgegen. Verschiedene, die damals sich den Anarchisten anschlossen oder mit ihnen liebäugelten, haben sich inzwischen zur Partei zurückgefunden. Manche sind sogar mit der Zeit bis zur äußersten Rechten der Sozialdemokratie gekommen. Möge der Himmel es ihnen verzeihen! –

Anarchisten, Heilsarmee und bürgerliche Friedensapostel suchten nacheinander in Stuttgart Boden zu gewinnen. Als Vertreter einer europäischen Friedensliga erschien ein Herr Hodgson Pratt in Stuttgart, der früher ein hoher. Kolonialbeamter in Ostindien gewesen, um hier für die Sache des Friedens zu wirken. Da mich die Sache interessierte, so erschien ich als Zuhörer bei einem Vortrag des oben bezeichneten Engländers. Der Vortrag war fast ausschließlich von der Stuttgarter Hochbourgeoisie besucht; es befanden sich einige bürgerliche Demokraten dabei. Man sah hier den Bankier Pflaum, den Bankier Probst, den Buchhändler Spemann, den Großindustriellen und späteren Abgeordneten Siegle und andere. Bezeichnend war, daß der sogenannte Friedens-Bühler ausgeblieben war mit der Motivierung, er könne nicht erscheinen, da auch Sozialdemokraten eingeladen seien.4 Aus dem Vortrage, ersah ich, daß ich hier weiter nichts zu tun hatte, denn die billige Sympathie all dieser Großkapitalisten für den Weltfrieden war für mich ohne Bedeutung. Interessanter war die dem Vortrag folgende zwangslose Unterhaltung mit einigen, namentlich mit Rudolf Probst, dem ultramontanen Großdeutschen, gegen den Bismarck einst im Zollparlament das bekannte Wort gesprochen: »Der Appell an die Furcht findet keinen Widerhall im deutschen Herzen!« sowie mit Gustav Siegle, dem nachherigen nationalliberalen Abgeordneten für Stuttgart, der interessante Geschichten von dem unglücklichen Dichter und sonderbaren Menschen Heinrich Leuthold erzählte. Siegle hatte ihn an ein nationalliberales Blatt nach Stuttgart berufen und Leuthold hatte angenommen, ohne sich um die Tendenz des Blattes zu kümmern, war aber später durchgebrannt, als er erkannt, daß er an den unrechten Ort gekommen war. Was Siegle von den Lebensgewohnheiten des Dichters erzählte, war sehr interessant, läßt sich aber nicht wiedergeben. Siegle war übrigens ein sehr angenehmer Gesellschafter und hatte nichts von jener albernen Gehässigkeit an sich, die andere nationalliberale »Prominenzen« bei persönlicher Berührung mit Sozialdemokraten zur Schau trugen.

Bald nachher erschien ein Aufruf zur Bildung einer Zweiggesellschaft der Friedensliga für Württemberg, unter den ohne mein Wissen und[147] Zutun auch mein Name gesetzt war. Ich legte dagegen öffentlich Verwahrung ein. –

Im Herbst 1886 war der Reichstag wiederum zusammengetreten und es bereitete sich ein Konflikt der Mehrheit mit Bismarck in der Militärfrage vor. Anfang November ward ich telegraphisch nach Stuttgart zurückberufen, da mein fünfeinhalbjähriger Sohn Willy plötzlich an Diphteritis erkrankt war. In schwerster Sorge um meinen blondlockigen Liebling kam ich nach Hause, denn damals war die ärztliche Kunst gegenüber dieser schrecklichen Seuche fast ohnmächtig. Ich fand ein dahinsterbendes Kind vor, das auch durch den Luftröhrenschnitt nicht gerettet werden konnte und der eintretenden Blutvergiftung sehr rasch erlag. Es waren dies die schrecklichsten Tage meines bisherigen Lebens und ich tappte einige Zeit wie geistesabwesend in der Welt umher.5 Vielleicht war es gut, daß mich die Pflicht bald wieder nach Berlin rief und daß die kommenden Tage voll Sturm und Drang mich ganz in Anspruch nahmen, obschon das bleiche Bild des geliebten Toten mich während des heftigen Wahlkampfes auch auf die schneebedeckten Höhen des Harzes begleitete.

Meine Ehe, in der ich nur dieses Kindes wegen noch ausgehalten, wurde nunmehr zwecklos und ich löste sie nach einiger Zeit auf. Einstweilen sandte ich meine Frau auf ihren eigenen Wunsch zu ihren Verwandten nach Mainz.

Im Januar traf ich wieder in Berlin ein, wo nunmehr der Kampf um die neue Militärvorlage Bismarcks zur Entscheidung kam. Sie wurde veranlaßt, wie die Regierungspresse behauptete, durch die gesamte Situation Europas, die angeblich sehr gespannt war, durch das provokatorische Auftreten des französischen Kriegsministers Boulanger, der an der Ostgrenze Baracken in Masse errichten und in Deutschland Massen von Sprengstoffen aufkaufen ließ, sowie durch den unaufhörlich brodelnden Hexenkessel auf der Balkanhalbinsel. So kam 1886 die neue Heeresvorlage an den Reichstag, nach welcher die Präsenzziffer für den Frieden auf 468000 Mann erhöht und diese wieder für sieben Jahre (Septennat) festgelegt werden sollte.[148]

Die Opposition, welche aus dem Zentrum, den Freisinnigen und der Sozialdemokratie bestand, sah in Boulanger einen Hanswurst und begriff sehr wohl, daß Bismarck mit dieser Vorlage eine Reichstagsauflösung herbeiführen wollte, um sich, da man mit dem baldigen Tode des alten Kaisers Wilhelm rechnete, für die kommende »neue Aera« eine gefügige Mehrheit zu sichern. Mit dem Septennat hätte es sonst wohl auch noch keine solche Eile gehabt.

Die bürgerliche Opposition wollte die neue Präsenzstärke nur auf drei Jahre bewilligen und das Zentrum blieb dabei, obwohl Bismarck ihm den Papst Leo XIII, in den Rücken fallen ließ. Die Sozialdemokratie verwarf die Vorlage gänzlich und stimmte auch gegen den gesamten Militäretat. Bei der Abstimmung über den Antrag auf dreijährige Festsetzung der Präsenzstärke enthielten wir uns der Abstimmung, um dem Antrag der bürgerlichen Opposition die Mehrheit zu sichern.

Es war am 14. Januar 1887, gegen vier Uhr nachmittags, als die Entscheidung fiel. Bismarck hatte eine stolze und herausfordernde Haltung angenommen. Die Herren Staatsmänner zeigten demonstrativ, was mir ein wenig kindlich vorkam, »vor versammeltem Kriegsvolk« die rote Mappe, in deren Zeichen der Reichstag nunmehr getreten war und in der sich die vom Kaiser unterzeichnete Auflösungsordre befand.

Der Namensaufruf für die Abstimmung in zweiter Lesung begann; die Festsetzung der Präsenzziffer auf drei Jahre wurde mit 186 gegen 154, die Friedenspräsenzstärke von 468000 Mann, wie sie Bismarck verlangt, mit 183 gegen 153 Stimmen angenommen. Damit hätte Bismarck vorläufig zufrieden sein können. Aber er wollte die Auflösung und fürchtete vielleicht. Zentrum und Freisinnige möchten bei der dritten Lesung umfallen und doch das Septennat bewilligen.

Darum erhob sich der Reichskanzler sofort, nachdem das Ergebnis der Abstimmung in zweiter Lesung vom Präsidenten bekanntgegeben worden. Er entnahm der roten Mappe das Aktenstück, welches die kaiserliche Verfügung enthielt. »Der Reichstag ist aufgelöst!« rief er in den Saal hinein, indem er seine Stimme möglichst erhob.

Man konnte aus seiner Betonung erkennen, welche grimmige Freude und Genugtuung ihm dieser Akt bereitete.

Niemand war überrascht, aber der Reichstag ging in großer Bewegung auseinander. Von unserer Fraktion kam ein Teil – Singer, Liebknecht, Bebel waren dabei – in einem Restaurant der Leipziger Straße zusammen und wir beschäftigten uns mit den Möglichkeiten der Neuwahl. Wir waren alle überzeugt, daß wir unsere Mandate behaupten und noch einige dazu erringen würden.

Aber es sollte ganz anders kommen. Obschon wir schon im Jahre 1878 die demagogischen Künste Bismarcks an uns erfahren hatten, kannten wir seine Tricks immer noch nicht.

Die Neuwahlen waren auf Fasching den 21. Februar angesetzt, wovon sie den Namen Faschingswahlen haben. In der Tat glich die Wahlbewegung,[149] welche sich zwischen dem 14. Januar und dem 21. Februar 1887 abspielte, einem Karneval oder, wenn man lieber will, einem Hexensabbat. Die Attentatswahlen von 1878 wurden womöglich noch überboten.

Schon vor der Reichstagsauflösung hatte man vorbereitende Maßnahmen getroffen. Über Frankfurt am Main wurde der »kleine Belagerungszustand« verhängt und am Weihnachtsabend erhielten die von der Polizei als Opfer ausersehenen Sozialdemokraten, darunter eine Menge Familienväter, das Ausweisungsdekret, das ihren Kindern so gewissermaßen an den Weihnachtsbaum gehängt wurde. Dies Verfahren des »christlichen« Junkers von Puttkamer erregte eine tiefe Empörung auch in den der Sozialdemokratie fernstehenden und feindlich gesinnten Kreisen. Bald darauf wurde auch über Offenbach und Stettin der »kleine Belagerungszustand« verhängt.

Nationalliberale und Konservative traten zusammen und schlossen das berüchtigte Kartell, um sich im Wahlkampfe gegenseitig zu unterstützen. Nationalliberale Geschichtsschreiber haben nachher behauptet, die »energische Agitation« der Kartellparteien habe das Resultat der Faschingswahl gebracht. Dies ist eine grobe Lüge, denn das Resultat wurde mit ganz anderen Mitteln erreicht.

Selbstverständlich wurde bei den Wahlen der Polizeidruck ausgeübt, der unter dem Sozialistengesetz gewöhnlich war. Die bürgerlichen Oppositionsparteien hatten dies natürlich weniger oder gar nicht zu empfinden; auf die Sozialdemokratie aber wurde mit aller Macht gedrückt. Dazu kam aber noch die Mache der offiziösen und der den Kartellparteien ergebenen Presse, welche alles aufbot, um in Deutschland einen Kriegsschrecken zu verbreiten, weshalb die Wahl von 1887 auch zutreffend als Angstwahl bezeichnet worden ist. Die ungeheuerlichsten Lügen wurden verbreitet; es hieß, große russische und namentlich französische Heere stünden an der Grenze, im Begriff, über das verratene und von der Reichstagsmehrheit im Stich gelassene Deutschland herzufallen. Ich folge hier einer aus dem frischen Eindruck dieses Treibens heraus geschriebenen Darstellung: Man verbreitete Nachrichten über großartige französische Rüstungen, über gewaltige Pferdeankäufe, über die Anfertigung von Melinitbomben und den Ankauf von Pikrinsäure. Diese letztere lieferte das gutmütige Deutschland, ebenso wie die Brettermassen zu den angeblichen großartigen Barackenbauten Frankreichs an dessen Ostgrenze von nationalliberalen Schwarzwälder Holzhändlern geliefert wurden. Um die Angst der Massen vor dem drohenden Einbruch der Franzosen auf den Gipfelpunkt zu treiben, wuchsen die Kriegslügen mit dem Herannahen des Wahltages. Massenhaft wurden Karten verbreitet, auf denen die Übermacht der Franzosen an der Grenze verzeichnet stand, Bilderbogen führten dem geängstigten Volke vor Augen, wie Frauen von französischen Soldaten mißhandelt und den Bauern die letzten Stücke Vieh aus den Ställen geholt wurden. Börsenmanöver, welche die Kurse zum Stürzen[150] brachten, steigerten die Kriegsfurcht. Der Umstand, daß starke Abteilungen von Reservisten und Landwehrmännern mitten im Wahlkampf, zu ganz ungewöhnlicher Jahreszeit, eingezogen wurden, um die Übungen mit dem mittlerweise fertiggewordenen neuen Gewehr zu beginnen, trug auch sein Teil dazu bei. Dazu kam als letztes Druckmittel das Pferdeausfuhrverbot, das den Glauben erweckte, der Krieg stehe unmittelbar vor der Türe. Wäre dies wirklich der Fall gewesen, so hatte die Auflösung des Reichstages gar keinen Sinn, denn für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg wäre es vollständig gleichgültig gewesen, ob die höhere Präsenzstärke der Armee auf drei oder auf sieben Jahre bewilligt wurde.

Übrigens hat 1889 der französische Kriegsminister Ferron in der Untersuchung gegen Boulanger ausgesagt, Frankreich habe 1887 nicht einen Mann mehr als sonst an der Grenze stehen gehabt.

Indessen wird, wenn einmal eine solche Erregung da ist, der größte Unsinn am leichtesten geglaubt, und redeten sich Millionen ein, die Reichstagsmehrheit müsse beseitigt werden, um Deutschland vor dem von Frankreich drohenden Überfall zu retten.

Als ich nach meinem Wahlkreis Braunschweig-Blankenburg kam, wo man mir die Kandidatur für den Reichstag wieder übertragen hatte, sah ich gleich, daß die Kartell-Strömung eine überwältigende geworden war. Sämtliche Parteien schlossen sich gegen mich zusammen.

Die Agitation wurde mir fast unmöglich gemacht; denn wo das Sozialistengesetz nicht ausreichte, wurden die Versammlungslokale verweigert oder abgetrieben und geheime Zusammenkünfte waren sehr gefährlich. Natürlich fanden sie trotzdem statt, aber sie konnten die öffentliche Agitation nicht ersetzen. Ich kam damals zum ersten Male auf den zum Wahlkreise gehörenden Teil des Harzes. Es war gleich zu bemerken, daß hier der größte Teil der Bevölkerung von dem Kriegsschwindel mitgerissen oder eingeschüchtert war. Ein Lokal war nicht zu bekommen mit Ausnahme von Hohegeiß und Zorge. Hohegeiß ist das höchstgelegene Dorf des Harzes und ich stieg mit einem aus Berlin gebürtigen Parteigenossen, der mir für diese Tour als Begleiter zugeordnet war, im tiefen Schnee und zum großen Teil zu Fuße nach diesem Ort hinaus. Ein Fuhrwerk war nicht zu bekommen und für die ganze Tour wäre es auch zu teuer gewesen. Dabei mußten wir noch unser Gepäck tragen. Als wir endlich bei einem schneidigen eisigen Winde den Eingang von Hohegeiß erreichten, glitten wir auf dem Glatteis aus und rollten die abschüssige Straße hinab. Ich hatte meinem durchfrorenen Begleiter einen Grog in Aussicht gestellt, aber es war nur schlechter Schnaps aufzutreiben.

In dem bezeichneten Wirtshause fand ich eine zahlreiche Versammlung vor; aus Zorge, Wieda und Walkenried waren Parteigenossen gekommen, ohne den weiten Weg und den tiefen Schnee zu scheuen, die meisten in dürftiger Kleidung, dem Frost ausgesetzt. Viele Frauen waren dabei. Ich wurde mit Begeisterung empfangen, was meine etwas trübe gewordene[151] Stimmung sehr hob. Aber die Versannutung konnte nicht wie gewünscht abgehalten werden, denn alsbald erklärte die anwesende Gendarmerie, es sei in der Anmeldung der Versammlung ein Fehler gemacht worden und ich dürfe nicht sprechen. So unterhielt ich mich dann mit den Anwesenden, so gut es ging, vielfach belästigt von der horchenden Polizei, die sich einmischte, wenn das Gespräch »politisch« zu werden drohte. Nach und nach verliefen sich die Leute. Die letzten, etwa ein Dutzend Männer und Frauen, nahm ich mit auf mein Zimmer, wohin zu folgen ich der Polizei untersagte und worein sie sich fügte. Wir saßen lange bei irgend einem warmen Getränk zusammen.

Als die letzten fortgegangen – es war zwölf Uhr vorbei – erschien der Wirt und nun wurde mir erst offenbar, warum er das Lokal hergegeben hatte. Er brachte mir ein sehr umfangreiches Aktenbündel, das die Belegstücke eines von ihm verlorenen Prozesses enthielt, und verlangte, daß ich es noch in der Nacht durchstudieren und sehen solle, »ob nicht noch was zu machen sei.« Ich lehnte natürlich unwillig ab, hatte aber noch eine lange Predigt zu ertragen, die sich wie von einem wiedertäuferischen Schwarmgeist anhörte.

Andern Tags war ich in Zorge, wo der Saal zum Weißen Roß uns von dessen Besitzer Wallich, der wie nachher seine Gattin immer getreulich bei uns aushielt, gerne zur Verfügung gestellt wurde. Aber die geplante Versammlung wurde von der Polizei vereitelt. Grimmig saß ich in der Wirtsstube und sann nach, was zu tun. Da wandte sich ein alter biederer Bauer zu mir, der Bürgermeister des Ortes. Er galt für einen Achtundvierziger. »Heute Abend ist die Gendarmerie fort«, sagte er; »halten Sie denn mit ihren Leuten keine Besprechung ab?« – »Sie meinen eine geheime Versammlung«, erwiderte ich. »Nun, wenn ich dabei bin, ist sie doch nicht geheim«, sagte er und sah mich eigentümlich lächelnd an. Ich verstand; der Achtundvierziger war erwacht. Die Besprechung fand natürlich am selben Abend statt. Der Alte war da und hörte uns lächelnd zu.

Anderen Tags fuhr ich nach Walkenried, wo ich keinen Parteigenossen finden konnte. Dafür sah ich mir die Ruinen des berühmten Klosters an, das 1523 von den aufständischen Bauern zerstört worden ist. Es war eines der herrlichsten Bauwerke des Mittelalters, die Bauern dachten freilich nur an die Lasten, die ihnen das reiche Kloster auferlegte. Sie stürzten durch ein um eine Linde geschlungenes Seil den Turm mit der großen Glocke um und der Turm erschütterte in seinem Fall das Gewölbe der hohen Klosterkirche so, daß es nach und nach einfiel. Das graue, von Efeu dicht überwucherte Gemäuer bezeugt noch die einstige Großartigkeit des Baues. Dies Kloster war so reich, daß man sagte, wenn seine Mönche nach Rom reisten, könnten sie jede Nacht auf eigenem Boden Quartier nehmen. Hier weilte ich von da ab sehr oft mit Vorliebe und versenkte mich in die Sagen und die Geschichte des Ortes.[152]

Als hier die aufständischen Bauern unter den Waffen standen, sagte ihr Hauptmann, der Schäfer Hans Arnold aus Barthelfelde, spöttisch zum zusehenden Grafen Ernst V. von Hohnstein:

»Sieh, Bruder Ernst, ich kann den Krieg führen, was kannst Du?« Ergrimmt antwortete der Graf: »Sei nur ruhig, Hans, das Bier ist noch nicht in dem Fasse, darin es gären soll.« – Das wäre dem Gräflein beinahe übel bekommen, aber die auch im Revolutionszustand gutmütigen Bauern ließen ihn laufen. An diese Dinge und an den Wechsel der Zeiten dachte ich, um mich über die trübselige Gegenwart zu erheben, als wir nach Wieda fuhren, von wo man mir geschrieben, daß dort eine Versammlung stattfinden solle. Als ich vor dem bezeichneten Gasthause vorfuhr, sagte mir der Wirt im gröbsten Ton, bei ihm kämen solche Dinge nicht vor. Endlich fand ich ein Dutzend Parteigenossen in einer kleinen Wirtschaft. Kaum war ich eingetreten, als schon ein Gendarm hereinbrüllte: »Die Versammlung ist aufgelöst!« Ich lachte ihn aus, aber die Besprechung war vereitelt, denn dieser Hüter der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ging mir nicht mehr von der Seite, bis ich abfuhr.

So war die Agitation auf dem Harze beinahe vollkommen lahmgelegt, obwohl die Bevölkerung hier vielfach unabhängiger ist als anderswo. Denn viele Harzer arbeiten entfernt von ihrem Wohnort oder treiben auswärts Handel. Die Bauern in der Ebene um Braunschweig waren durch den Kriegslärm verhetzt, wie noch nie, und maßen uns die Schuld an dem ganzen Unglück bei. Dies erfuhr ich zu Destedt bei Braunschweig, wo ein etwa dreihundertpfündiger Bauer mich belehren wollte, daß die Franzosen tatsächlich im Begriff seien, in Deutschland einzufallen. Es gelang mir zwar, seinen hohen Ton etwas herunterzustimmen, aber ich sah wohl, wie er die übrige Bevölkerung in Furcht hielt.6

Da eine Stichwahl nicht erwartet werden konnte, so hielt ich die Partie bei uns für verloren. In der Tat hatte der Bismarcksche Trick hier seinen Erfolg wie an so vielen anderen Orten. Wir unterlagen mit 10659 Stimmen gegen 14837, welche der damalige Stadtrat und spätere Bürgermeister Retemeyer erhielt. Die Welfen erhielten 686 Stimmen.

Immerhin hatten wir im ersten Wahlgang fast 4000 Stimmen mehr erhalten, als 1884. Das gab uns die unverwüstliche Zuversicht, daß unsere Sache in siegreichem Vordringen begriffen sei, wenn wir für den Moment auch das Mandat eingebüßt hatten. Der Theorie, welche neuerdings[153] von neunmalweisen Leuten aufgestellt worden ist, daß nämlich ein Dutzend Abgeordnete die Geschäfte der Partei im Reichstage ebensogut besorgen könne, wie drei Dutzend, kann ich in ihren Konsequenzen durchaus nicht zustimmen, namentlich nicht für die Fälle, in denen die sozialdemokratischen Stimmen den Ausschlag geben.

Der Ausfall der Braunschweiger Wahl entsprach dem Ausfall im ganzen Reiche. Die Sozialdemokratie gewann im ersten Wahlgang nur sechs Mandate, wozu bei den Stichwahlen noch fünf kamen, so daß sie mit elf Mandaten in den Reichstag einzog, den sie mit fünfundzwanzig verlassen hatte. Die Freisinnigen erwiesen sich bei den Stichwahlen wie gewöhnlich als unzuverlässig und ließen sich mit dem »roten Gespenst« ins Bockshorn jagen.

Aber die Sozialdemokratie hatte 763000 Stimmen erhalten, 213000 Stimmen mehr als 1884. Darin zeigte sich die wachsende Stärke der Bewegung, wenn auch, dank der bekannten Wahlkreisgeometrie, mehr als die Hälfte ihrer Mandate verloren gegangen war. Der deutsche Michel hatte sich selbst eine Rute gebunden, indem er etwa hundert Nationalliberale in den Reichstag kürte, die nun mit den Kraut- und Schlotjunkern zusammen die bekannte Kartell-oder Hurra-Majorität bildeten. Diese bewilligte gleich das Septennat, sowie eine Erhöhung der Branntweinsteuer um jährlich hundert und der Zuckersteuer um vierzig Millionen; dazu die bekannte Liebesgabe für die großen Schnapsbrenner von vierzig und für die Zuckersieder von dreißig Millionen im Jahr. Bald darauf wurden auch die Getreidezölle von drei auf fünf Mark erhöht.

Die Wähler der Mehrheit sahen nun ein, daß die Gefahr, in der sich das Vaterland befunden, nicht bei den Franzosen gelegen hatte, und machten recht lange Gesichter.

Für mich hatte die »Faschingswahl« in Braunschweig ein recht nettes Nachspiel.

In dem dicht bei Braunschweig gelegenen Bauerndorfe Schandelah war für mich eine einzige Stimme abgegeben worden. Alsbald erschien in den Braunschweiger Blättern eine Erklärung, welche die Runde durch die Presse machte:


»Schandelah.


Hierdurch erkläre ich die von mir am 21. ds. Mts. abgegebene Stimme für W. Blos (die einzige, welche derselbe hier bekam) für null und nichtig. Ich sage mich frei von jeder Verantwortung und Verpflichtung gegen die Sozialdemokratie, und nachdem ich eine ganz andere Anschauung von der Sache gewonnen habe, trete ich der nationalliberalen Partei bei und gebe meine Stimme nachträglich Herrn Stadtrat Retemeyer.

Schandelah, im Februar 1887.

Emil Opitz, Leinenhändler.«
[154]

Diese Erklärung, die viel belacht wurde, begeisterte meinen Freund Rudolf Lavant, den sozialistischen Dichter in Leipzig, zu schönen, tiefempfundenen Versen, die im »Wahren Jakob« erschienen und hier der Vergessenheit entrissen werden sollen:


»Hier stehe ich, ich kann nicht anders.«

Wie viel der Länder auch dein Auge sah,

Wo du dich wandernd auch umhergetrieben –

Du sahest nichts, ist dir von Schandelah

Die Existenz noch unbekannt geblieben.

Der Name wird auf Sturmesschwingen nun

Durch alle Gau'n des Vaterlandes brausen –

Nur das ist etwa noch bekannt zu tun:

In Braunschweig liegts, im Amte Riddagshausen.


Im wüsten Trubel irdischen Gewühls

Schien es verloren nahezu zu gehen,

Im Brennpunkt patriotischen Gefühls

Wird es fortan für jeden Reichsfreund stehen.

Und widerhallen wird, was hier geschah,

Frohlockend wiederholt, in allen Fernen!

Berlin und Hamburg! Blickt auf Schandelah!

Hier könnt ihr eure Bürgerpflichten lernen.


Hier war noch unvergiftet die Natur,

Hier war noch dumpfig nicht das Salz der Erde,

Im ganzen Dorf gabs einen Roten nur,

Ein räudig Stück in einer Hammelheerde.

Und wie der Eine jenem Saulus glich,

Der gen Damaskus zog in finsterm Grimme!

Denn: »Opitz, Opitz, was verfolgst du mich?«

Drang aus der Höhe zu ihm eine Stimme.


Und wie dem Saulus wurde diesem auch

Das starre Auge wunderlich gefeuchtet,

Er fiel sogleich erschüttert auf den Bauch

Und war von dieser Stunde an erleuchtet.

Nur eines hat den braven Mann gequält

Und ihm geraubt des deutschen Herzens Frieden:

Daß er den Blos, den bösen Blos gewählt,

Bevor ihm die Erleuchtung noch beschieden.


Da griff er dann zu seinem Schreibekiel,

Der ganzen Welt es deutlich zu vermerken:

»Dank jenem Rufe, der von oben fiel,

Sag ich mich los von Satans schwarzen Werken.[155]

Daß Blos ich frevelnd meine Stimme gab,

Bevor mich um die großen Tage schufen,

Verfolgt mich wie ein Vorwurf bis ins Grab

Und somit sei sie hierdurch widerrufen.


Ich weiß, euch fröstelts – also lächelt nicht!

Schon sind bedenklich eure Reih'n gelichtet.

Doch ists der Anfang nur vom Volksgericht,

Das euch unfehlbar ganz dereinst vernichtet.

Und eher nicht verschwindet unser Weh,

Bis unser Land, im Süden wie im Norden,

Vom Kap Arkona bis zum Bodensee,

Ein einz'ges großes Schandelah geworden.«


* * *


Um diese Zeit kamen in den Wahlkämpfen die Witze mit meinem Namen auf, der ja dazu sehr geeignet ist. Ich will nur zwei verzeichnen. Meine Wähler sagten oftmals: »Wählt blos!« Indem sie die Betonung auf das »wählt« legten, wollten sie sagen, daß wenn die Arbeiter nur alle wählten, ich auch gewählt werden müßte. Schließlich eigneten sich auch andere Parteileute dieses Schlagwort an. Als nun ein Postbeamter auf die Frage, wen er gewählt habe, lachend antwortete: »Ich habe blos gewählt!« nahm dies der sonst so joviale Herr von Podbielski als Leiter des Reichspostamts tragisch und ließ gegen den Mann ein Disziplinarverfahren einleiten, das auch zu einer Bestrafung führte. Daß im Reichstage ausdrücklich auf die scherzhafte Bedeutung der Wortes hingewiesen wurde, konnte Herrn von Podbielski nicht bekehren.

Ein harmloses Witzwort, das durch alle Zeitungen ging, kam später auf, als mein nationalliberaler Gegenkandidat Orth und der freisinnige Winter hieß. Da proklamierten, sagte man, die Nationalliberalen: »Wählt in diesem Winter blos Orth!« – Die Freisinnigen: »Wählt an diesem Ort blos Winter!« und die Sozialdemokraten: »Wählt an diesem Ort und in diesem Winter Blos!« – Und dieser wurde auch gewählt.[156]

Fußnoten

1 Straßenjunge.


2 Hoch lebe der Befehlshaber der Barrikade!


3 Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter.


4 Ein Hohenlohescher Hofrat, der zwischen Freikonservativen und Demokraten hin und herpendelte und als Reichstagsabgeordneter sich bemerkbar machen wollte, indem er öfter vom Weltfrieden sprach. Er korrespondierte auch mit Gambetta. Die Presse widmete diesem Herrn eine unverdiente Aufmerksamkeit.


5 Der Klatsch verfolgte mich auch in diesem Augenblick. Als ich am Tage nach dem Tode meines Sohnes die Anmeldung auf dem Standesamt besorgte, bemerkte der mich begleitende Parteigenosse Baßler, daß ich auf den Beinen schwankte, eine Wirkung der Nachtwachen bei der Pflege und der mangelhaften Nahrung, die ich zu mir hatte nehmen können. Er forderte mich auf, in einer nahen Wirtschaft durch einen Schluck Wein mich zu stärken, was ich auch tat. Dies wurde bemerkt und dahin ausgelegt, daß ich auch in diesem Moment die »Wirtshausläuferei« nicht hatte aufgeben können. Auch der »Trost« einiger Bekann ten, daß ich ja für neue Nachkommenschaft sorgen könne, war mir mehr als widerlich. Dagegen wurde mir auch viel zarte Teilnahme erwiesen und es soll bei mir unvergessen sein, daß mehrere schone und tiefempfundene Trostbriefe bei mir eingingen, wenn es in solchen Fallen auch, wie Liebknecht richtig bemerkte, einen wirklichen Trost nicht gibt und nur die Zeit Beruhigung schaffen kann.


6 An diesen Bauer mußte ich denken, wenn mir der joviale Landgerichtsdirektor Baumgarten, freisinniger Abgeordneter für Holzminden-Gandersheim, von den Braunschweiger reichen Bauern erzählte. In einem Dorfe bei Braunschweig sollte eine neue Kirche gebaut werden. Der Pfarrer und einige Bauern zeichneten ihre Beitrage in die ausgelegte Liste. Der reichste Bauer des Ortes, Piepenbrink mit Namen, sah die Liste, ärgerte sich, daß er nicht obenan stand, strich die Namen durch und schrieb darunter: »Piepenbrink bezahlt die Kirche alleine!« – Das ist, sagte Baumgarten dann lachend, die Notlage der braunschweigischen Landwirtschaft. Dieser entschiedene Demokrat stimmte manchmal ganz allein von seiner Fraktion mit uns im Reichstage.


Quelle:
Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2 Bde, 2. Band. München 1919, S. 157.
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