XVIII.

Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung.

[104] Nach und nach wurde ich in Leipzig heimisch und auch zu den Sitzungen der dortigen Vereine zugezogen, in denen ich bisweilen das Wort ergriff. So geschah es, daß ich Ende April 1849 von den Leipziger Arbeitervereinen zu ihrem Vertreter bei einer von der sächsischen Regierung nach Dresden einberufenen Versammlung von Vertrauensmännern aus Industrie-und Handwerkerkreisen ernannt wurde, welcher der Entwurf eines neuen Gewerbegesetzes zur Beratung unterbreitet war.

Diese Ernennung mußte für mich, wie ich nach der Lage der Dinge wohl vorhersehen konnte, eine unausbleibliche Schicksalswendung herbeiführen. Ich ging nach Dresden, richtete mich daselbst für einen mehrwöchigen Aufenthalt ein, aber schon nach wenigen Tagen erhob sich dort das Volk zu gunsten der vom Frankfurter Parlament ausgegangenen Reichsverfassung, welcher der König von Sachsen seine Anerkennung versagte. So befand ich mich plötzlich mitten im blutigen Kampfe.

Ich habe kurz auf die Novemberereignisse in Wien und Berlin hingewiesen. Schrittweise machte die Reaktion Fortschritte und ihre Triumphe waren entscheidend für das ganze Land. Darüber jedoch sind die Bewegungen in den Provinzen nicht zu übersehen. Es wirbelte und wogte überall. Ortschaften, von denen man vorher kaum gesprochen, wurden zu Mittelpunkten leidenschaftlichen Vorgehens gegen die alte Ordnung, und die Meldungen[104] von Unruhen und Aufständen wechselten mit solchen von heftigen Zusammenstößen zwischen Militär und Volk. In einzelnen Staaten wurde die Todesstrafe von der Volksvertretung in gesetzlicher Form aufgehoben, in Wien wurde das Standrecht an Robert Blum ausgeübt. Auf derselben Seite einer Zeitung stand die Meldung von Vereinsauflösungen und von der Neugründung demokratischer Klubs. Während in Berlin ein Arbeiterkongreß ungehindert tagte, kam es in München zu blutigen Angriffen des Militärs auf das Volk und wurden in Frankfurt, ja in dem sonst so stillen Darmstadt Barrikaden gebaut. Am raschesten traten politische Umwälzungen in den kleinsten deutschen Staaten ein. Die Fürsten von Waldeck und von Sigmaringen sahen sich genötigt, die Flucht zu ergreifen. In mehreren württembergischen Städten fanden republikanische Versammlungen statt. In Dresden und Leipzig waren Freischarenzüge zur Unterstützung der von Windischgrätz bedrohten österreichischen Hauptstadt geplant worden, während man in Berlin einen Kongreß demokratischer Vereine eröffnete und gleichzeitig General Wrangel seinen Einzug in die preußische Hauptstadt vorbereitete. In mehreren anderen Städten, da und dort, wird der Belagerungszustand erklärt, die preußische Nationalversammlung wird gewaltsam aufgelöst, die Bürgerwehr entwaffnet; einige Wochen später aber wird ein Bürgerwehrkongreß in Breslau eröffnet. Dabei herrscht ein kleiner Bauernkrieg in Schlesien. In der Provinz Posen stehen polnische Sensenmänner gegen preußische Soldaten im Felde und in Mecklenburg wird an der alten Feudalverfassung gerüttelt. Deutschland war aus allen Fugen. Dies und nicht der gute Wille der im Absolutismus erzogenen regierenden Herren erklärt es, daß die gestürzte unbeschränkte Alleinherrschaft des Königtums nicht wieder erstehen konnte. Die verfassunggebenden Versammlungen wurden gewaltsam aufgelöst, doch angesichts der überall auflodernden, zum Widerstand geneigten Volksstimmung sah die Reaktion sich genötigt, über eine gewisse Grenze in ihren Triumphen nicht hinauszugehen. Es wurden die schon bewilligten Volksvertretungen nicht vernichtet, sondern in ihren nicht allzugroßen Befugnissen noch geschmälert; die Preßfreiheit wurde nicht aufgehoben, sondern polizeilich und richterlich nach und nach zu einem Schatten verkümmert. Damit wurde aber auch der oppositionelle Geist geschürt, und der Weg zur Wiederaufnahme der[105] gewaltsam unterbrochenen Bewegung blieb infolge dessen offen. Es bedurfte eines sehr geringen Zeitraumes und aus den verworrensten Bestrebungen erhob sich eine starke, geeinigte Nation, die ihre Geschicke in den eigenen Händen hält. Das »tolle Jahr« mit allen seinen Jugendstreichen, seinen himmelstürmenden Anläufen und seiner idealen Begeisterung hatte alle Kräfte des deutschen Volkes wachgerufen, sie geübt in unablässigen Kämpfen und sie dazu befähigt, die Grundsteine zu einer gesicherten Zukunft fest in einander zu fügen. Heute arbeitet dasselbe Volk am Ausbau seiner stolzen Jugendpläne. Der Streit ist freilich nicht aus den Grenzen des Landes gewichen, auf allen Gassen ertönen noch die Schlachtrufe der Parteien; doch Toren nur können darüber erschrecken. Parteikämpfe sind die Zeugnisse von der Gesundheit des Volkes. Mögen sie nur immer kräftiger sich ausleben und möge man sie in aller Freiheit gewähren lassen, so lange sie die Freiheit anderer nicht bedrohen. Was der Verwirklichung wert ist, wird sich verwirklichen; was ihrer nicht wert ist, wird untergehen.

Diese Betrachtung mußte ich der Erzählung der Ereignisse voranschicken, deren Zeuge ich war und an denen ich einen persönlichen Anteil nahm.

Ich habe nur einer einzigen Sitzung der oben erwähnten, von der sächsischen Regierung einberufenen Kommission zur Vorbereitung eines den Kammern zu unterbreitenden Gewerbegesetzes beigewohnt. Die Versammlung, in die ich eingetreten war, machte auf mich ganz und gar den Eindruck eines parlamentarischen Körpers. Auf einem erhöhten Platz der Vorstand. Der Präsident, ein namhafter Industrieller, dessen Name mir nicht erinnerlich ist, leitete die Beratungen in einer sympathischen Weise. Unter den Abgeordneten gab es eine Rechte, eine Linke und ein Zentrum. Die Vertreter des Handwerks – und ein solcher hatte sich eben vernehmen lassen – steckten noch tief in den Zunftideen. Dies veranlaßte mich, das Wort zu ergreifen. Ich merkte, daß man auf den neu hinzugetretenen Mitarbeiter – die Versammlung tagte schon seit einiger Zeit, ich verdankte mein Mandat einer Nachwahl – ein wenig gespannt war. Das wirkte anregend auf mich und mein Debüt wurde freundlich aufgenommen. Dabei wäre es wahrscheinlich nicht geblieben, wenn ich Gelegenheit gehabt hätte, öfter in die Debatte einzutreten; ich hätte meinem Naturell nach, ein junges Füllen, den Karren, vor[106] den man mich gespannt, umgeworfen. Dieser einen Sitzung folgte jedoch keine zweite.

Während wir als ruhige Volksvertreter über einen trocknen Paragraphen des Gewerbegesetzes debattierten, begann eine ungewohnte Bewegung in den Straßen. Der Lärm wurde stärker und wilder, und drang durch die offenen Fenster in unsern Saal. Bureaudiener traten erschrocken ein und sprachen mit dem Präsidenten. »Der Sturm bricht los, das Volk steht auf«, murmelte ich vor mich hin. Dieser Ansicht mußte auch der wackre Präsident sein. Denn er hob die Sitzung auf und kündigte uns an, daß er zur nächsten Sitzung persönliche Einladungskarten erlassen werde, da er heute nicht wissen könne, wann diese stattfinden werde.

Als ich auf die Straße kam, hatte der Dresdner Maiaufstand begonnen und ich wurde, um mich eines bald darauf in Sachsen entstandenen Ausdrucks zu bedienen, einer der ersten »Maikäfer.« Ich habe indessen den Blätterfall jenes kampferfüllten Jahres glücklich überlebt und hoffe, noch einige Mal des grünen, des wunderschönen Monats Mai mich zu erfreuen.

Auf den Aufstand in Dresden war niemand vorbereitet. Er war nichts anderes als ein Zornesausbruch aufgeregter Gemüter und es bedurfte des Zusammentreffens mancherlei verhängnisvoller Umstände, um ihn möglich zu machen. Deshalb hat dieser Aufstand, der sich in seiner germanischen Gründlichkeit sechs lange Tage hinzog, etwas Typisches für deutsche Verhältnisse und deshalb darf ich mir auch als ein in alle Phasen desselben direkt Eingeweihter auch eine Schilderung dieser Vorgänge erlauben.

Die erste Mainummer der von mir redigierten »Verbrüderung« brachte unter dem Titel »Worauf wartet ihr noch?« einen mit B. unterzeichneten Artikel, der wie folgt beginnt: »So lange es sich nur um die Reichsverfassung handelte, erwarteten wir vom deutschen Volke keine Erhebung, denn es gibt nichts Widersinnigeres als durch eine Revolution einen König zwingen zu wollen, daß er eine Krone annehme. Jetzt ist die Frage eine andere: Steht es den Fürsten zu, mit den Vertretern des Volkes zu spielen und sie auseinander zu jagen, wenn es ihnen so beliebt? Das Volk hat das Recht, seinen Abgeordneten in Frankfurt die entschiedene Mißbilligung ihres bisherigen Verhaltens kund zu geben; wir, die Wähler, haben das Recht, sie zurückzuberufen oder sie auseinander zu jagen, wenn sie nicht gehen wollen, aber den Fürsten steht dieses Recht nicht zu. Indem wir die Frankfurter Versammlung[107] unterstützen, unterstützen wir die Volkssouveränetät, und nichts anderes.« Der Artikel, der uns heute nicht in allen Punkten unanfechtbar erscheint, schließt mit den folgenden Sätzen: »Die hannöversche Kammer ist aufgelöst, die sächsische Kammer ebenfalls, die Fürsten wollen mit ihren vorsündflutlichen Ministern regieren, der Mut ist ihnen gewachsen, je mehr der passive Widerstand des Volkes zur Komödie geworden. Es bleibt der Reaktion nichts mehr übrig als sich nach einem Sibirien für die Volksführer umzusehen, oder sie samt und sonders zu Pulver und Blei zu begnadigen. Angekündigt ist uns die Herrschaft der Knute schon, worauf warten wir noch?« Aus diesen letzten Sätzen spricht die Stimmung der Zeit. Sie waren voll berechtigt. Man durfte das schwer Errungene nicht ohne Widerstand der wachsenden Reaktion preisgeben, wollte man dieser nicht die historische Berechtigung zur Rückkehr in die Tage des absoluten Königtums und zur härtesten Verfolgung der deutschen Einheitsbestrebungen zusprechen.

Zur Kennzeichnung der Situation in Dresden sei hier noch folgendes angeführt: Der König von Sachsen hatte nach Auflösung des Landtags dem Ministerium versprochen, die deutsche Verfassung anzuerkennen. Da erschien ein preußischer Kourier, der König von Sachsen nahm sein Wort zurück und die Minister reichten ihre Entlassung ein. Deputationen bestürmten den König, um ihn zur Anerkennung der Verfassung zu bewegen, allein er wies sie hartnäckig zurück, indem er den oft gehörten Einwand erhob, daß die Reichsverfassung nicht geeignet sei, die Einheit zu begründen, sondern nur Zerstückelung hervorrufen könne. Er erklärte, daß er in dieser Frage ganz im Einverständnis mit dem König von Preußen handle. Das Volk aber, in allen seinen Schichten, mit Ausnahme der ganz geringen Minderheit, die ihre Parole vom Hofe anzunehmen gewohnt war, wollte die Reichsverfassung, und so wuchs die Volksaufregung mit jeder Stunde.

Quelle:
Born, Stephan: Erinnerungen eines Achtundvierzigers. Berlin, Bonn 1978, S. 104-108.
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