Ein Jahr der Unordnung

[181] Drei Tage später stellte sich der Amtsgerichtsschöppe Hornsack ein und taxierte die vorhandene Wirtschaft auf 1000 Mark Wert. Auf jedes Kind sollte ein Bett und 15 Mark in Geld entfallen, mit Ausnahme des Erstgeborenen, also meiner Wenigkeit, der sollte 30 Mark und kein Bett erhalten. Das Geld mußte an die Obervormundschaftsbehörde eingezahlt werden. Mein Vater mußte unter diesen Bedingungen die Wirtschaft übernehmen. Als Vormund wurde für alle Kinder der Arbeitsgenosse Aloys Schell eingetragen.

Bis Pfingsten blieben wir noch alle zusammen; dann reisten wir gemeinschaftlich auf Besuch nach Meuselwitz, um uns von der kleinen Schwester Elsa zu trennen; denn die Tante hatte sich bereit erklärt, das Mädchen bis auf Weiteres zu behalten, und da es noch der Aufsicht und Pflege bedurfte, war das Kind auch bei der Tante Ernestine am besten aufgehoben. Bis zum Juli beaufsichtigte die Nachbarsfrau Häufig die andere elfjährige Schwester Flora, wusch sie, machte ihr die Haare und alles andere. Sie hatte zwei bayrische Fabrikmädel im Quartier. Diese wischten und scheuerten uns gewöhnlich Sonntags Vormittag die Stube und Kammer, zum Mittag kochte vorläufig der Vater selbst. So lebten wir denn nun dahin. Aber überall fehlte die sorgende Hand der Mutter, Gegewöhnlich legten wir uns ins ungemachte Bett. Die Blumenstöcke gingen ein. Alles ging rückwärts. Überall herrschte Unordnung.

Am 1. Juli verließen wir bereits die ungesunde Wohnung und zogen zu einem Rentier, der in einem hübschen Obstgarten im Westen der Stadt ein freundliches Wohnhaus erbaut hatte. Da[181] aber hatten wir gar niemanden, der sich um unsere Flora bekümmerte. Mein Vater entschloß sich daher, auch sie noch fortzugeben, und zwar zum Onkel Hermann, der das Gut in Breitenhain bewirtschaftete. Die hatten 8 Kühe und 2 Pferde, also eine ganz hübsche Wirtschaft und konnten demnach ein fast 12jähriges Mädchen ganz gut gebrauchen. Allerdings wußten wir nicht, daß sie das Leben noch schlechter und ungeregelter bekommen würde als zu Hause, sonst hätte mein Vater sicher den Schritt nicht getan. Wir erfuhren das freilich erst nach einem Jahre und zwar durch meinen Bruder Felix.

Vorläufig war ich nun mit meinem Vater allein und das war ein großer Fehler; denn wir machten beide nicht viel Worte und gingen jeder seinen eigenen Weg. »Meine Wege sind nicht Deine Wege und Deine Wege sind nicht meine Wege,« so hieß es bald bei uns. Ich wußte schließlich gar nicht mehr, wo er sich aufhielt, wenn er abwesend war, wie dies häufig geschah, bis ich eines Tages in der Fabrik durch Schell die Ursache erfuhr. Mein Vater aß in der Speisewirtschaft von Richter und hatte dort eine Witwe kennen gelernt, mit der er ein Verhältnis angeknüpft hatte. Das mißfiel mir damals sehr. Meine Mutter war noch nicht ein halbes Jahr tot, und schon eine andere! Er hatte aber doch im Grunde recht. Er meinte: »Ledig kann ich ja doch nicht bleiben, weil ich die Töchter noch habe; und wenn ich mein Leben hinfort allein hinbringen soll, dann nehme ich lieber einen Strick und mache ein Ende.« Und ich ging ja auch meine Wege, zu Hause gefiel es mir so allein auf die Dauer auch nicht. Ich machte deshalb in jenem Sommer 1892 das Kreisturnfest in Gera mit, welches drei Tage dauerte. Ebenso war ich um diese Zeit mit dem Turnverein nach Großenstein ausgeflogen, einem Orte in der Nähe Ronneburgs, in dem eine Festlichkeit stattfand. Beim Ball tanzte ich dann sogar eine Tour. Man war ja jung und doch einmal mitten drin. Während dieses Tanzes sah mich ein Mädchen fortwährend an und das bemerkte ich. Es war die Tochter eines Straßenwärters und ihre Mutter war mit der meinigen zusammen in die Schule gegangen. Am nächsten Sonntag kam Tante Böttger zu uns, um einmal nach[182] dem Rechten zu sehen, und da meinte sie zu mir: »Nun, Du hast wohl auch schon ausgetrauert? Man erfährt ja schöne Sachen, Du hast ja schon wiederge tanzt!« Ich antwortete gar nicht darauf. Ich trauere noch heute um meine Mutter. Und wenn ich auch damals die eine Tour getanzt habe, das ist mir keine Entheiligung gewesen.

Im Turnverein hatte ich einen Freund, den Tischler Rüß. Mit dem war ich damals einig geworden, wir wollten zusammen in die Fremde gehen. Das Leben auf der Walze dünkte uns plötzlich herrlich und angenehm, und jedesmal, wenn ein Fremder zureiste und seine Reise schilderte, entstand neuer Tatendrang und neue Wanderlust in uns. Eines Tages war dann der Schlosser Adam Pfaff aus Neu-Isenburg zugereist und hatte sich in unserm Turnverein als Mitglied angemeldet. Auch er schilderte uns seine Reise, zuerst den Rhein entlang, nach Hamburg, Hannover, Braunschweig, Magdeburg und Leipzig und wußte besonders das Plattenreißen, das Fechten und das Obststehlen in den buntesten Farben zu schildern. Da mußten wir Hand ans Werk legen, ehe das bißchen Sommer noch völlig entschwand. Unser Werkmeister Michaelis hatte eine noch gut erhaltene Reisetasche, die er mir für 3 Mark abließ; ein Riemen dazu wurde auch angeschafft, die gesparten 20 Mark im Sparverein erhoben und nun sollte es fortgehen. Wäre ich doch gegangen. Aber ich blieb schließlich. Und es war erkärlich genug. Ich war eine billige Arbeitskraft. Ich hatte mich gut eingearbeitet, verstand den Hölzerkram perfekt und wußte das Holz bis auf das letzte Bißchen auszunutzen. Herr Thomas hatte gerade eine Bestellung von 3000 Paar Pantoffeln nach Holländer Façon erhalten. Die mußten schnell geliefert werden, und da wollte ich gerade fort. Das war ein Strich durch seine Rechnung. So mußte ich denn ins Kontor kommen, bekam schöne, schmeichelhafte Reden zu hören, erhielt eine Mark Zulage und wurde hoch und teuer gebeten, doch das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen. Draußen sei es doch auch nichts. Überall stocke der Geschäftsgang, und ich hätte doch hier dauernde Beschäftigung. So ließ ich mich breit schlagen. Ich war so dumm und blieb. Als am andern[183] Morgen Rüß mit Stock und Berliner ankam, machte er große Augen. »Ja, ich darf nicht fort, ich bekomme meine Papier nicht.« Er ging nun selbst zu Thomas und gab ihm alle guten Worte, er solle mich doch gehen lassen. Alles umsonst. Er mußte allein abdampfen. Aber in drei Wochen war auch er wieder da; er war nur bis Dömitz an der Elbe gekommen und dann wieder umgekehrt. »Der Peter wollt nicht länger bleiben,« mit dem Liede wurde er bei seinem Wiedererscheinen begrüßt.

Aber eine gründliche Veränderung wurde auf jeden Fall angestrebt. So war ich denn auf etwas andres, merkwürdiges verfallen. Ich war mit meinem Vorturner Hugo Reich übereingekommen, freiwillig zum Militär zu gehen. In das sächsische Schützenregiment Nr. 108 in Dresden wollten wir beide eintreten. Ich war jetzt 18 Jahre alt. Die Gesuche um Einstellungen waren bald geschrieben. Meines Vaters Einwilligungsschein war ebenfalls fertig, und auch Reichs Vormund hatte keine Einwendungen zu machen. Der Absendung lag nichts mehr im Wege. Da wurde an einem Vereinsabend im Turnverein die Angelegenheit noch einmal besprochen. Als der Schreiber Schödel, der Bruder des vorhin erwähnten Mädchens, das mich beim Tanze beobachtete, unser Vorhaben vernahm, meinte er geringschätzig: »Was, bei die Kaffeesachsen wollt Ihr Euch melden? Na laßt Euch nur nicht auslachen. Ich wollte auch erst nach Zwickau, habe mir es aber anders überlegt und mich bei den 94ern in Jena gemeldet. Nächsten Herbst trete ich ein.« Bei einem kurz darauffolgenden Vereinsball waren wieder drei Turner, die als vierjährige Freiwillige nach Rochlitz zu den Ulanen gingen. Auch mit ihnen wurde die Frage diskutiert. Sie plädierten für Sachsen. So waren wir unschlüssig und schwankten hin und her. Schließlich unterblieb die Absendung der Meldung ganz, und wir beschlossen, bis zur ordentlichen Musterung zu warten. Auch darüber habe ich mich später noch manchmal geärgert.

Am 26. Oktober kehrte dann mein Bruder aus Mecklenburg zu uns zurück. Ich verständigte ihn von dem Vorhaben des Vaters, als er mich in der Fabrik aufsuchte; der Vater hatte ihn nur kurz[184] begrüßt und sogleich in meine Fabrik gesandt, wo er auf ihn warten sollte. Er brauchte vorläufig nicht wieder abzureisen, denn er bekam bei uns Arbeit und zwar mußte er mit anreißen, abkürzen und schleifen helfen. Nun hatte ich wenigstens zu Hause einen Gesellschafter. Ich war in dieser Zeit wieder ganz einsam geworden und Sonntags oft keinen Schritt aus dem Hause gegangen. Ich hatte nämlich eine vollständige Lebensgeschichte meines Lieblingshelden Napoleon Bonaparte und die Geschichte der französischen Revolution von Blos in die Hände bekommen; da konnte mich nichts mehr vom Lesen abbringen. Ich ging damals nicht einmal nach dem Speisehaus zum Mittagsessen. Nun hatte ich in Gestalt meines Bruders einen Gesellschafter. Denn ausgehen konnte auch er nicht, da er nur 7 Mark Lohn in der Woche bekam, die er voll dem Vater geben mußte. Der wollte heiraten und konnte dies nicht eher, als bis er die 75 Mark für uns Kinder beim Amtsgericht eingezahlt hatte. Seine Zukünftige kostete ihm auch Geld, wenn er des Sonntags mit ihr ausging. Schließlich mußte auch ich die 36 Mark, die ich im Sparverein liegen hatte und auf die ich mich schon für Weihnachten freute, hergeben. Meine Rechnung, mir ein Paar Stiefel und verschiedenes andere davon anzuschaffen, war damit vernichtet. Zwar beteuerte er uns vielmals, daß wir jeden Pfennig zurückerhalten würden. Es waren aber nur leere Versprechungen.

Die Hochzeit des Vaters mit seiner neuen Versprochenen war auf Ende Januar 1893 angesetzt worden. Eingeladen waren zwei Kollegen meines Vaters und sein neuer Schwager Franz. Zwei Tage vor der Hochzeit erlitt ich einen Unfall. Ich war im Begriffe, in demselben Kasten, in dem 1 1/2 Jahre vorher der Werkmeister Tismer verunglückte, den Treibriemen zur Schleiferei mittels eines kurzen Eichenrödels aufzulegen. Beim Abziehen war aber der Rödel den Speichen der Riemenscheibe zu nahe gekommen und war mit aller Kraft empor- und mir an den Backen geschleudert worden, der alsbald wie ein gesottener Pfannkuchen auflief. Ich konnte dagegen nichts andres tun als kühlen. So habe ich denn 2 Tage lang in einem fort zu Hause vor dem Waschbecken gesessen[185] und gekühlt, und dabei tüchtig gefroren. Denn die neue Mutter ging mit auf Arbeit, und da wurde nicht geheizt. Sie arbeitete an den mechanischen Webstühlen. Am Hochzeitstage hatte sich die Beule ziemlich wieder gesetzt, so daß ich ungehindert an der Feier teilnehmen konnte. In uns beiden Brüdern kam aber keine ordentliche festliche Stimmung auf; wir dachten an die Mutter, die ja noch kein volles Jahr tot war, und an die beiden kleinen Schwestern, die in fremden Händen waren. Alle Schnurren, die der neue Schwager oder Onkel heraussteckte, konnten uns nicht heiter stimmen und erst als er von seinen Wanderfahrten erzählte, gewannen wir einiges Interesse. Wir waren schließlich froh, als sich die Gäste entfernten, und der Tag zu Ende war. Mit unserer neuen Mutter aber sind wir nie recht gut ausgekommen. Es gab vielmehr oft Hader und Zank, weil sie uns Kinder nicht verstehen konnte, sie selbst hatte nie welche gehabt.

Am Anfang Februar trat plötzlich bei uns Arbeitsmangel ein. Er machte sich derartig fühlbar, daß der Chef, Herr Thomas, auch uns beiden Brüdern mitteilte, einer von beiden müsse aufhören, am liebsten wäre es ihm, wenn der »Große« gehen würde. Selbstverständlich, denn ich bekam 12 Mark und mein Bruder nur sieben. Das war der Dank für mein Bleiben im Sommer vorher! Damals ein förmliches Anbetteln, damit ich nur ja nicht wegginge und jetzt – hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan und konnte gehen. Aber mein Bruder war doch mein Bruder. »Nein,« sagte er, »der Große war früher hier als ich; ich will ihn nicht verdrängen; da gehe lieber ich.« Jetzt war es auch für ihn ein Glück, daß er sich gleich im Schuhmacherverband als Mitglied angemeldet hatte; nun konnte er wenigstens von dort auf Reiseunterstützung rechnen. An einem trüben Tage im Anfang Februar reiste er ab. Das ganze Königreich Sachsen bis in die Lausitz hinein hat er abgefochten und keine Arbeit erhalten. Dann ist er über Dresden, Meißen, Roßwein, Leisnig, Wurzen nach Leipzig, und von da über Zeitz, Gera, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach, Fulda, Hanau, Offenbach nach Frankfurt am Main gekommen. Dort hat er drei Tage in einer Tonwarenfabrik gearbeitet. Wegen Eintritts von schlechter[186] Witterung mußte der Betrieb jedoch eingestellt werden und das »Tippeln« fing wieder von neuem an. Er wandte sich nun nach Höchst, Mainz, Wiesbaden über Homburg, Büdingen nach Gießen und Kassel. Nirgends Arbeit! Von Büdingen aus schrieb er mir einen Brief, daß er das Laufen und das Fechten satt habe, von Offenbach aus beziehe er keine Verbandsunterstützung mehr und, »die Winde« sei ihm jetzt immer näher in Aussicht gestellt. Wenn er doch bloß Arbeit hätte! Dabei sei er körperlich herabgekommen wie noch nie vorher. Unter der schrecklichen Kälte habe er sehr gelitten. Husten und Schnupfen werde er nicht los. Dabei Matsch- oder Schneewege, und keine ganzen Schuhe. Er gehe wieder nach Mecklenburg in die Ziegelei, da habe er wenigstens satt zu essen. Ich sollte seine Sachen mit dem »Berliner« postlagernd Braunschweig schicken. Ich muß hier noch nachbemerken, daß er in Gera seine Herbergsmarke für den »Berliner« verloren hatte und diese erst in Weimar im Rockfutter wiederfand. Er sandte mir die Marke im Brief und ich löste den »Berliner« in Gera auf der »Heimat« ein. Also soweit war der arme Kerl gekommen. Er wollte freiwillig wieder in die Fronarbeit nach Mecklenburg, nur weil er dort sich satt essen konnte! Vorher aber wollte er mir noch eine Karte schreiben, an welchem Tage ich das Gepäck zur Post geben sollte. Aber es kam keine. Da, am Karfreitag, saß ich Abends gegen 8 Uhr beim Abendessen. Ich aß allein für mich. Der Vater saß auf dem Kanapee und las im »Wähler« und die Mutter lag draußen in ihrer Schlafstube auf dem Bett. Sie hatte wahrscheinlich Kopfschmerzen. Plötzlich klopfte es, und auf das Herein öffnete sich die Türe und mein Bruder Felix trat ein, mit einem grauen unterwegs gefochtenen Rock bekleidet und in der Hand einen »festen« Stock haltend. Er blieb an der Türe stehen. Und der Vater – winkte mit der Hand ab. Er schämte sich deutlich seines heimkehrenden Sohnes vor der neuen Frau. »Na, mit Euch, da kann man Ehre einlegen,« sagte er, zog sein Portemonnaie, gab dem Sohne 15 Groschen und fügte hinzu: »Hier kannst Du doch nicht bleiben, gehe auf die Herberge!« Aber warum hätte er eigentlich nicht hier bleiben können? Wohl, weil der Vater unsere[187] Betten, die entbehrt werden konnten, verkauft hatte? Auch hatte der Bruder mit mir schlafen können. Den ganzen strengen Winter hindurch war er trostlos gelaufen, nun kehrte er heim und – durfte sich nicht einmal setzen! Das kann ich dem Vater heute noch nicht vergessen! Ich rief also Felix zu, er solle unten auf mich warten. Dann nahm ich für ihn Abendbrot mit und erst auf der Straße begrüßten wir uns eigentlich. Darauf begleitete ich ihn nach der Schuhmacherherberge zu Zimmermanns und vertraute ihn deren Obhut an. Hier sättigte er sich, und dann erzählte er mir, daß er an diesem Tage in einem fort von Jena nach hier gelaufen sei. Ein Weg von mindestens 5–6 deutschen Meilen! Und dann dieser Empfang! Hätte das die Mutter gewußt! Sie hatte sich im Grabe herumgedreht. An jedem der beiden folgenden Osterfeiertage lief dann mein Bruder früh am Morgen nach Gera, um dort zu fechten, da er doch etwas zu essen haben mußte; des Abends kehrte er nach Ronneburg zurück. Schöne Osterfeiertage! Und am 3. Ostertag fuhr der Vater mit ihm zum Onkel Hermann, zu dem alten wortkargen Bauer. Dort verdingte er ihn als Knecht. Damit hatte er ihn nun wieder versorgt! Wie freilich, das konnte ich bald aus meines Bruders Briefen sehen, die er mir schickte. Anfang Juni schrieb er mir, ich sollte dem Vater sagen, daß er ihm nicht danke für diese Stelle; wenn er das Leben gewußt und gekannt hätte, wäre er lieber nach Mecklenburg in die Ziegelei gegangen. Bei jeder Arbeit, es könne sein welche es wolle, würde er von den lieben Verwandten angeschnauzt, und Redensarten würden dabei angewandt, schlimmer als bei den Rekruten. Die Hauptsache wäre aber, daß der Vater die Flora sofort nach Hause holen solle, denn sie sei voller Läuse; der ganze Kopf gribbele und wibbele davon. Keine Arbeit mache sie der Tante recht. Sie würde den ganzen Tag gepufft und geschubbst; und vor Mittag bekäme sie selten etwas zu essen. Nüchtern müsse sie in die Schule und nach der Schule sofort wieder arbeiten. Sogar die Mägde pufften das Mädel. Schwerhörig war sie von ihrer langen Krankheit im Jahre 1883 her, dann hatte ihr einige Jahre der Hinterkopf geeitert und dann war wieder der ganze Kopf voll Grind gewesen.[188]

Dadurch hatte das arme Kind ein schweres Auffassungsvermögen zurückbehalten, wofür es nun die dummen und hartherzigen Bauern auch noch straften. Mein Bruder schrieb weiter, bei jeder Gelegenheit werde der Schwester zugeschrieen: »Packe Deine Sachen und schere Dich vom Hofe.« Daraufhin mußte der Vater nun doch wohl oder übel der Sache auf den Grund gehen und seine Tochter hinholen, wohin sie gehörte, nach Hause.

Mittlerweile war ich zur ersten Musterung gewesen. Wir hatten im Turnverein meinen Brustumfang ungezählte Male gemessen, denn ich wollte zu gern Soldat werden. Aber ein Vorturner meinte, wirst sehen, es wird nichts; wenn Du dort stehst, mißt Du nicht mehr wie 78 Zentimeter. Und er hatte Recht behalten. »Ein Jahr zurück«, tönte es im Handumdrehen aus dem Hintergrunde hervor. An diesem Tage ist mir noch ein wertvolles Andenken an meine Mutter weggekommen, eine Haarkette aus ihrem Haar, die sie in ihrer Jugend dem Vater hatte machen lassen. Eine bayrische Waschfrau, die meine Stiefmutter in ihren Sachen schalten und walten ließ, habe ich noch heute als Diebin in Verdacht. Am Nachmittag dieses Tages machten wir noch einen Ausflug nach Schmirhau und die sächsische Mühle. Voran zog ein aufgeputzter Rekrut, der einen Hering an seinem Tambourstab bammeln hatte; und mehrere Harmonikas spielten uns die Marschmusik. Auf der sächsischen Mühle wollte mich noch ein angetrunkener Gestellungspflichtiger allen Ernstes erstechen. Und ich hatte ihm wirklich nichts getan; ich war ja von jeher ein harmloser Mensch gewesen. Sieben Jahre später ist gerade dieser mir sehr nahe getreten. Denn er wurde Kassierer und ich Schriftführer des Sozialdemokratischen Vereins von Ronneburg. Und diese Ämter liegen noch heute in unsern Händen.

In demselben Jahr 1893 fand plötzlich auch Reichstagswahl statt, die infolge Auflösung des Reichstags wegen Ablehnung der Militärvorlage anberaumt wurde. Damals wohnte in unserem Hause parterre der frühere Vertrauensmann der Partei, Schuhmacher Nikolaus. Mit ihm kam ich schon immer zusammen und was wir da zusammen sprachen, ist leicht zu erfassen. Stets bildete[189] die bevorstehende Wahl den Gegenstand unseres Gesprächs. Ob der alte Nikolaus konfessionslos war, kann ich nicht sagen, aber seine Ehe ist nicht kirchlich eingesegnet worden. Ganz natürlich kamen wir überein, daß ich mich am Tage vor der Wahl für seinen Landbezirk mit am Verteilen der Flugblätter und Stimmzettel beteiligen sollte. Als dritten Mann gewann ich noch unsern Werkmeister Michaelis. Gleich früh nach 6 Uhr rückten wir ab; denn wir hatten ein großes Feld zu belegen: Großenstein, Baldenhain, Mückern, Korbußen, Pöppeln und Staulitz. Außer Stimmzetteln und Flugblättern führten wir auch noch sogenannte Hundertmarkblüten mit, die auf der Rückseite eine Darlegung der Belastung des Volkes durch die Militärvorlage und die Aufforderung, Buchwald zu wählen, enthielten. Diese Blüten verloren wir meistens in den Bauerngütern da, wo das Gesinde auf und ab ging. Es kam häufig vor, daß ich bei der Verteilung in ein längeres Gespräch kam. So hatte ich mit dem Schuhmacher Krieg in Großenstein eine halbstündige Auseinandersetzung über die russische Kriegsgefahr. Schon damals sagte ich 20jähriger Bursche diesem doppelt so alten Schuhmachermeister, daß die russische Armee nur auf dem Papier stünde und die russischen Unteroffiziere kaum die Bildung unserer Unteroffiziere hätten. Dann kam ich in ein größeres Gut, wo der Bauer mich nur höhnisch anlächelte. Er begleitete mich wortlos bis ans Hoftor, jedenfalls sah er in mir einen Spitzbuben. Erst als wir auf der Straße angekommen waren, rief er aus der gegenüberliegenden Dorfschmiede dem Schmiedegesellen zu: »He Schmidt, namm emol dan sein Denger ab und verbrann 'se, mer trenken nochmittoge ae poor.« Aber der kannte mich schon, der hatte vorher in Ronneburg gearbeitet und wir waren Sonntags oft zusammen gewesen. Er hatte in Osterode in Ostpreußen beim 18. Infanterieregiment gedient und war ein durch und durch gediegener Junge. der in politischer Beziehung schon wußte, wo Barthel den Most holt. Er entgegnete deshalb auch dem Bauer: »Nee, nee, davor danke ich, das ist mein Freund, und der braucht diese Blätter gerade heute noch sehr notwendig.« Da mußte dann der Bauer mit langer Nase abziehen. In Baldenhain kam ich nachher[190] zu einem noch größeren Bauer. Auch da bekam ich keine Antwort. Dann kamen wir nach Mückern. Im ersten Hause hieß es gleich: »Na, endlich kimmt der richtige, uff dan hum 'mer schon gelauert. Ich wehle Buchwald'n, die Versicherung gab' ich der.« Dann kamen ich und Michaelis (wir waren zusammen, Nikolaus hatte das andere Viertel) beim Gemeindevorsteher vorbei. Bei dem traute ich mich wegen meines jugendlichen Alters noch nicht hinein. Daneben aber stand ein altes armseliges Gut aus lauter Lehmstock erbaut. Hier schien der Bauer schwer mit dem Dasein kämpfen zu müssen. Dort ging ich hinein und zum Gemeindevorsteher begab sich Michaelis. Als ich in die große und lange, aber sehr niedrige Wohnstube des Bauernhofs trat, stand ein hoher vierschrötiger Mann von ungefähr 30 Jahren im Hintergrunde neben dem Tische, und am Ofen machte sich eine junge blasse Frau zu schaffen, während ein alter Mann, anscheinend der Vater des Bauern, auf dem alten Sofa saß und im Gesangbuch studierte. Ich wünschte guten Morgen und legte meinen Zettel auf den Tisch. Schon wollte ich mich zum Gehen wenden, als der Bauer, der mich in einem fort gemustert und meinen Gruß auch nicht erwidert hatte, endlich die Sprache fand. »Vun wan sind 'sen?« schnauzte er mich an. Ich sagte: »Von Buchwald.« »Wie alt sin 'n Sie?« Ich machte eine Notlüge und erwiderte 22 Jahre. – »Da verstehn Sie doch noch gar nischt vun der Sache.« – »Ich werde schon etwas davon verstehn!« »Nahm Se Ihre Wische wedder mit un machen Se, daß se naus kumm.« »Nun, wenn Sie die Blätter nicht behalten wollen und darauf bestehen, dann nehme ich sie auch wieder mit.« Ich begab mich wieder an den Tisch, und während ich nach den Zetteln griff, meinte er in feindseligem Tone: »Elender roter Hund!« Als ich mich aber umgedreht hatte, gab er mir gar einen Stoß ins Kreuz, daß ich bis an die Stubentüre flog. »Na, nur sachte!« erwiderte ich, aber schon sprang er mir nach. »Ihr elende rote Gesellschaft, ihr looft 'n Leuten blus zur Last rum; nischt mache wullt ihr faule Bande. Du roter Halunke, ich dreh' Dir das Genick rum.« Da stürzte ich über den Hof nach dem Tor, und gerade als ich dort heraustrat, kamen zum Glück von links Nikolaus, von rechts[191] Michaelis heran. Denen teilte ich in kurzen Worten den Vorfall mit. Der Bauer stand noch schimpfend auf dem Hofe und brüllte: »Ihr revolutionäre Bande, Ihr Umstürzlerrasse, macht, daß Ihr aus 'n Dorfe 'naus kommt!« »Ei, ei,« rief nun der alte Nikolaus hinein, »das ist aber seine Bildung, so ein alter großer Flegel, schlägt so einen abgemagerten schwächlichen Arbeiter. Schämt Euch, wo habt Ihr denn Eure Bildung gelernt, wohl bei'n Soldaten?« Da ergriff der Bauer ein Ortscheit, wie sie an den Wagen hängen, und wollte auf uns einhauen. Aber dicht am Hause lag ein Haufen Ziegelsteine, und Michaelis ergriff einen solchen, hob ihn wie zum Wurfe und schrie dem Bauer zu: »Komm' man blos raus, es ist Dein Unglück, Du bist sofort eine Leiche.« Da wich der Sozialistenfresser zurück und begnügte sich mit Schimpfen. Wir waren dann bald ohne weiteren Zwischenfall mit dem Dorfe fertig und wandten uns nach Korbußen. Dicht hinter jenes Bauers Gut führte der Weg vorbei. Da stand der plötzlich wieder in seinem Obstgarten. Wir hatten gar nichts gemerkt und gingen unseres Weges, als plötzlich ein Stein geflogen kam. Nun bombardierte er uns also mit Steinen. Doch da wurde Michaelis wütend Am Wege war ein Steinhaufen angeschüttet, und von dem aus wurde nun der Bauer wieder beworfen. Da nahm er schleunigst Reißaus, nicht ohne noch einige Male »Mordbrenner« zu schreien. In Korbußen, wo wir unser Frühstück aßen, erkundigten wir uns nach dem Grobian. Er war noch jünger als wir dachten. 27 Jahre zählte er, hatte bei der Gardefußartillerie gedient und war überall als roh und brutal bekannt. Ich schrieb dann über dieses Vorkommnis einen Artikel in unsrer sozialdemokratischen Zeitung, dem »Wähler«. Es war das erste Mal, daß ich schriftstellerte; heute freilich ist es nicht mehr zu zählen. In Korbußen Pöppeln wurde ich noch einmal von einem Bauer abgewiesen. Er meinte, daß er schon genug Wahlakten habe; er wolle nun nichts weiter mehr wissen. Dann kam ich zum Pastor. Ein Fräulein empfing mich. »Hier bringe ich für den Herrn etwas zu lesen, die Reichstagswahl betreffend.« Sie wollte nach den fettgedruckten Namen sehen, die hatte ich aber wohlweislich mit der Hand verdeckt. Ich reichte es[192] ihr und entfernte mich. Als ich aber durch den Hof war und eben auf die Straße treten wollte, kamen mir meine Sachen wieder zum Fenster herabgeflogen. Im letzten Dorfe Naulitz wurden wir überall gut aufgenommen. Nur im Gasthofe bei meinem früheren Arbeitskollegen Wandberger hatten wir eine Auseinandersetzung. Ein Ronneburger Schneider quasselte da das Blaue vom Himmel herunter. Er meinte, Baumbach, den Nationalliberalen, könne er nicht wählen, weil der für die Militärvorlage sei und dadurch neue Steuern verursache. Den Freisinnigen wolle er nicht wählen, weil mit dem auch nichts los sei, und den Sozialdemokraten Buchwald dürfe er nicht wählen, weil er Geschäftsmann sei; also wähle er gar nicht. Solchen charakterlosen Blödsinn, wie dieser Handwerksretter zum Besten gab, habe ich seitdem kaum wieder gehört. Als wir nach Ronneburg zurückkamen, hörten wir dann noch andere Abenteuer erzählen. In Gauern habe ein Bauer einen unserer Flugblattverteiler direkt erschießen wollen. Der aber war gerade ein handfester Kerl, der dem Bauern im Handumdrehen seinen Schießprügel entrissen und in die Mistjauche spendiert hatte, da habe der Bauer sich dann nichts weiter getraut. Heute sind übrigens die Altenburger Bauern auch in dieser Beziehung sanfter geworden.

Auch bei dieser Reichstagswahl ließ ich mir keine Versammlung entgehen. Einmal sprach da auch Edgar Steiger, der damalige Redakteur der »Neuen Welt« in Leipzig, heute wohl Kunstkritiker in München. Nach dem Vortrage saßen wir um den großen runden Tisch im »Fürstenkeller« beisammen und tauschten über dies und jenes unsere Ansichten aus. Dann kam das Gespräch auch auf die Geistlichen, und ein Arbeiter sagte: »Die glauben doch selber nicht, was sie dem Volke erzählen,« worauf Herr Steiger antwortete: »Es gibt Ausnahmen, die wirklich glauben, das weiß ich ganz genau; denn ich bin der Sohn eines solchen Mannes. Mein Vater hat in der Schweiz ein Pfarramt. Er glaubt vollständig alles, was er seiner Gemeinde predigt.« Dem stimmte einer von der Tischrunde zu, indem er behauptete, auch der Diakonus Klein, der inzwischen an die Stiftskirche nach Altenburg versetzt war, sei ein[193] wirklich gläubiger Mann gewesen. Und das konnte ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

In der letzten Woche vor der Wahl fand auch eine gegnerische Versammlung im Schützenhaus statt. Auch diese wollte ich gern besuchen. Doch allein zu gehen, war mir zu riskant, denn ich war ja noch »minderjährig«. Ich bekam aber einen Gefährten und zwar den Gehilfen meines Barbiers. Dieser ein junger Schlesier aus der Nähe von Waldenburg war voller Enthusiasmus für die Arbeiterbewegung. In der Schuhmacherherberge hielt er allabendlich bei seinem gewohnten Glase Bier wahre Agitationsreden. Emil Hofmann hieß er, und war sogar nach 2 Jahre jünger als ich. Als wir ankamen, waren schon eine ganze Anzahl Arbeiter anwesend. Der Zigarrenmacher Hötzel verlangte nach dem Vortrag das Wort. Sofort aber hieß es vom Bureau: »Diskussion findet nicht statt.« Da zogen sich die Arbeiter alle nach dem Büfett hin. Als dann die Gegner ein Hoch auf ihren Kandidaten Rittergutsbesitzer Iwan Baumbach ausbrachten, schrieen in den Zwischenpausen die Arbeiter immer laut: Buchwald, unmittelbar darauf erschallte dann: Hoch, und so nahm sich das aus, als heiße es: Buchwald hoch! Hier passierte uns als Minderjährigen nichts. Bald darauf aber sprach in der Talmühle zu Gessen der Redakteur Wilhelm Leven von der »Reußischen Tribüne« in Gera. Natürlich mußten wir auch dort dabei sein. Ich befand mich im Hintergrunde und mußte stehen. Sonst war nur noch ein freier Stuhl da, und zwar am Tische der Gendarmerie. Diesen benutzte frecherweise mein Freund, der Barbier. Am Tage darauf erschien bei ihm die Polizei und stellte seine Personalien fest; dann erhielt er vom Amtsvorsteher in Kauern ein Strafmandat von 3,50 Mark. Ich lachte ihn nun aus, hätte er sich nicht zu den Gendarmen gesetzt, so wäre er auch frei ausgegangen. In Altenburg muß man nämlich 21 Jahre alt sein, bevor man eine politische Versammlung besuchen darf.

Über 2000 Stimmen gewannen wir bei dieser Wahl gegenüber derjenigen von 1890.

In dieser Zeit hatte ich mir vom Konfektionär Rauh in Gera[194] einen Anzug für 40 Mark auf Abzahlung gekauft. Da kam alle 14 Tage der Kassierer und wenn ich dem eine Mark bezahlte, war er zufrieden. Ich wäre nun mit diesen 40 Mark Schulden nach einem Jahre fertig gewesen und hätte mir etwas anderes schaffen können, wenn ich dem Vater nicht mein Spargeld hätte geben müssen. Da brauchte ich notwendigerweise auch noch ein Paar neue Schuhe, denn mit meinen mußte ich mich allmählich schämen. Neue Schulden wollte ich aber nicht machen, und so verlangte ich eines Sonntags kurzer Hand 12 Mark vom Vater, mit dem Bemerken, daß ich mir dafür ein paar Stiefeletten und einen Hut kaufen wollte. Da kam ich aber schön an. »Was, Du Lump, bezahle Du mich erst,« schrie er mich an. »Was bist Du mir nicht noch alles schuldig für Deine Equipierung als Kellnerlehrling in Leipzig! Den Koffer hast Du mir auch noch nicht bezahlt und ungezähltes Andere: Hätte ich Dich Taugenichts nur 1883 sterben lassen, da wäre es besser gewesen.« Also so stand's, im Vorjahre waren wir seine besten Kinder gewesen, als wir ihm aushalfen, und jetzt waren wir Lumpen. »Kriegt denn der etwas von Dir?« mischte sich die Stiefmutter ein. »Ach wo, der mag erst mich bezahlen,« antwortete er. »Mach lieber, daß Du mir aus den Augen kommst,« brüllte er schließlich noch. Das aber ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich ging sofort und machte mir Quartier beim Schneider Hofmann aus. Ich nahm eine Kammer für mich allein und bezahlte dafür 50 Pfennige in der Woche mehr als die anderen Logisleute, 4,50 Mark für Mittagsessen und Schlafen, während Butter, Brot und Zukost extra bezahlt werden mußten. Allerdings brauchte ich nun ziemlich 2 Mark mehr, als wenn ich zu Hause gewesen wäre; doch das hätte sich alles einrichten lassen, wenn – mir nicht gerade da ein neues Unglück bei der Arbeit zugestoßen wäre. Eines Tages brachten die Trömelschen Zimmerleute Fensterbretter an, in die auf der Fräsmaschine, auf der ich damals die Trittflächen der Pantoffel- und Schuhhölzer aushöhlte, Wasserkehlen eingefräst werden sollten. Nun war aber die Maschine zu dieser Arbeit nicht eingerichtet; auch war nicht angegeben, wo ich die Bretter hätte beim Einschneiden der Fräsmesser ansetzen können,[195] und so mußte das alles aus freier Hand geschehen. Tief sollten die Kehlen auch sein, so hieß es also, beim Einschneiden aufpassen. Dazu waren die Bretter zufällig außergewöhnlich breit und lang, sodaß ein Mann keine rechte Gewalt mehr über sie hatte. Deshalb sollte auch der Zimmergeselle mit festhalten. Aber der war plötzlich weg und spionierte in der Bude umher. So wollte ich's allein machen. Beim Ansetzen schlug nun das Brett zurück und ich streifte mit dem Finger an die weit vorstehenden Messer, die mit rasender Geschwindigkeit, sie machten 1200 Touren in der Minute, im Betrieb waren. Das vordere Glied des linken Zeigefingers hing sofort senkrecht herab. Ich mußte sofort zum Arzt, der es amputierte und die Wunde vernähte. Bei diesem Nähen habe ich wirklich die Engel im Himmel singen hören. Anders kann man den Schmerz nicht gut beschreiben. Da hatte ich mir in den paar letzten Wochen vorher nun doch einige Mark gespart, um mir ein paar Stiefeletten zu kaufen, und jetzt holte es der Teufel wieder doppelt und dreifach; denn von 6 Mark Krankengeld kann man nicht leben. 4,50 Mark brauchte ich Kostgeld; so konnte ich für Frühstück, Vesper und Abendbrot nur fünfzehn Groschen ausgeben, die ganze Woche heißt das, und diese hat sieben Tage. Also brauchte ich das Spargeld rasch wieder auf und machte auch noch Schulden dazu. Ja, wenn ich noch die Mutter gehabt hätte!

Während der Krankenzeit ging ich täglich fleißig spazieren. Ich hatte mir aus der Leihbibliothek einige gute Romane geholt, außerdem hatte ich Kennans »Sibirien«, Darwins »Theorie« und Bebels »Frau« von einem Freunde geborgt; mit diesen Büchern setzte ich mich auf irgend einen Feldrain oder unter einen Busch und las eifrig. Es war ja im Juli, eine Erkältung also ausgeschlossen. Das waren dann schöne und genußreiche Tage, trotz der Nahrungssorgen. Nur eins ärgerte mich, daß ich an dem Ende Juli in Ronneburg stattfindenden Gauturnfest nicht teilnehmen sollte. Schließlich aber nahm die Heilung einen über alles Erwarten schnellen Verlauf und ich konnte wenigstens die Freiübungen mitmachen. Es nahm sich freilich wunderlich genug aus, wenn der[196] dicke Däumling, in dem mein Finger steckte, beim Ausfall oder Hochstoßen der Arme in die Luft gestreckt wurde. Das war mein letztes Fest im bürgerlichen Turnverein. In demselben Jahre 1893 entstanden, und zwar zuerst in Gera, die ersten Arbeiterturnvereine, in deren Bewegung auch ich bald eintrat.

Vielleicht eine Woche nach dem Turnfest fand das Schützenfest statt und gerade während dieser »großen Woche« wurde mein Freund, der politische Barbierjüngling Hofmann, von seinem Meister entlassen. Er reiste nicht gleich ab, hatte aber auch kein Geld mehr. Mitleidig wie ich immer war, ließ ich ihn einige Male bei mir im Bette schlafen. Früh morgens ließ ich ihn dann heimlich zur Haustüre hinausschlüpfen. Danach konnte eine Woche vergangen sein, als meine Wirtin mich einmal beiseite nahm und mir mitteilte, daß ich »Läuse« habe. Ich war wie vom Donner gerührt. Wo sollten die herkommen? »Ja, ich habe heute morgen wieder eine in Ihrem Bett gefunden und vorige Woche war es auch schon einmal der Fall. Vielleicht haben Sie mit einem Frauenzimmer verkehrt?« So eine Zumutung. War mir im Leben noch nicht eingefallen. Aber bald wußte ich, wer mir die Viecher als Andenken hinterlassen hatte. Das Hemd, welches ich trug, warf ich gleich weg. Die Hosennähte und übrige Leibwäsche puderte ich mit Zacherlin ein und gab alle schmutzige Wäsche sofort zur Waschfrau. Damit war ich denn meine Läuse auch sofort los; wenn ich aber noch heute daran denke, juckt es mich, sogar jetzt beim Niederschreiben scheint es zu beißen. Seitdem aber, wenn ich mich bei meinen Wirtsleuten über irgend etwas beklagte, oder sonst eine unzufriedene Miene aufsteckte, hieß es sofort: »Das ist wohl der Dank für Ihre Läuse?« Das wollte ich mir nun doch nicht oftmals sagen lassen. Ich sah mich deshalb nach einem anderen Quartier um, und fand solches bei dem in der Nachbarschaft wohnenden Genossen Franz Jahn, der im Sparverein Vorstandsmitglied war und auch sonst mit an der Spitze der Arbeiterbewegung am Orte stand. Bei Jahn logierte nur noch dessen Schwager, ein Tischler, der in Schmölln gearbeitet hatte und mit im Turnverein war, den ich mithin also auch schon gut kannte.[197]

So war der Sommer und der Herbst 1893 vergangen. Mir ging es auch pekuniär wieder besser, und ich schaffte mir darum damals auch meinen ersten Winterüberzieher an. Wie fühlte ich mich stolz darin! Während der Weihnachtsfeiertage kam mein Bruder Felix einmal und besuchte mich. Er schlief mit in meinem Logis, hielt sich überhaupt mehr bei mir als zu Hause auf. Bei einem Vergnügen trafen wir auch mit dem neuen Schwager des Vaters wieder zusammen. Er war nur etwa 8 Jahre älter als ich und verkehrte meist mit jüngeren Leuten. Wir suchten dann mit ihm noch ein Restaurant auf und bald war er mit Felix in ein langes Gespräch verwickelt, wobei er diesen bewog, noch als Maurer zu lernen. Er selbst war zu jener Zeit Polier und würde schon alles Weitere veranlassen. Er besorge ihm sofort einen Ausnahmelohn. Im ersten Lehrjahre freilich würde er nur 6 Mark, im zweiten aber 9 Mark und im dritten Lehrjahre schon 15 Mark pro Woche erhalten. Aber wenn er dann ausgelernt habe, könne er hinkommen, wo er hin wolle, überall würde er sein Geld verdienen. Mein Felix war einverstanden und trat zu Ostern an. Von seinem 19. Lebensjahre bis zum 22. war er also wieder Lehrling! Es ist ihm freilich schwer gefallen, sich im ersten Jahre mit 6 Mark durchzuschlagen; aber er hat es durchgehalten und hintennach nie zu bereuen gehabt. Er ist dann nach der Lehrzeit nochmals in die Fremde gegangen, und hat nun freilich anders leben können als damals in Mecklenburg; denn das Bargeld, was er dort in einem halben Jahre bekam, erwarb er nunmehr in 14 Tagen, aber gespart hat er in der Fremde trotzalledem nichts.[198]

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 181-199.
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