In der Lungenheilanstalt

[293] Schon im Jahre 1900 empfahl mir einmal der Arzt, den ich wegen eines Bronchialkatarrhs konsultierte, eine Luftkur, weil dies Leiden nur durch eine solche wirklich gehoben werden könnte. Leider konnte ich damals seinem Rate nicht entsprechen, weil meine Frau zu jener Zeit wieder schwanger war und 1/2 Jahr später meinem Sohne Walter das Leben gab. So verzog sich die Angelegenheit bis zum Sommer 1902. Aus dem Bronchialkatarrh hatte sich inzwischen ein Lungenspitzenkatarrh entwickelt und die Anfangserscheinungen der Tuberkulose waren deutlich zu bemerken. 15 Jahre Fabrikarbeit, das heißt 15 Jahre Staubschlucken – es war ja kein Wunder, daß der gefürchtete Bazillus auch bei mir, der ich von Geburt an schwächlich war, das Zerstörungswerk begonnen hatte. Der Arzt riet mir dringend, mich einer Heilstättenbehandlung zu unterziehen, und ich reichte deshalb bei der Krankenkasse einen diesbezüglichen Antrag ein. Nach 14 Tagen erhielt ich von der Thüringischen Versicherungsanstalt die Nachricht, daß es erst noch einer genaueren Untersuchung bedürfe, bevor meinem Antrage auf Übernahme des Heilverfahrens stattgegeben werden könne. Ich müsse mich deshalb binnen 2 Tagen bei meinem mich behandelnden Arzte zur Untersuchung einfinden. Als ich dem nachgekommen war, mußte noch drei Tage lang die Körpertemperatur gemessen werden. Es stellte sich heraus, daß ich noch fieberfrei war. Dann wurde der Untersuchungsschein vom Arzt an die Versicherung geschickt. Die Krankenkasse hat nun nur das ordnungsgemäße Krankengeld an die Versicherungsanstalt zu leisten, dafür übernimmt diese die Verpflegung in der Heilstätte,[293] welche pro Tag auf 4 Mark festgesetzt ist; die Hälfte des Krankengeldes aber hat die Familie des Versicherten zu beanspruchen. Es vergingen ziemlich 4 Wochen, ich glaubte schon, daß ich abgewiesen sei, als ich eines Tages plötzlich einen großen gelben Schein erhielt, der in allen ähnlichen Fällen folgenden Wortlaut hat: »Wir haben beschlossen, gemäß § 18 des Invalidenversicherungsgesetzes vom 9. Juni 1902 ab Sie in der Sophienheilstätte bei Berka (Ilm) resp. Rittergut München (Thüringen) auf unsere Kosten ärztlich behandeln und verpflegen zu lassen. Sie wollen sich daher bestimmt am festgesetzten Tage zur Aufnahme in die genannte Heilanstalt begeben. Im Falle Sie zur Bestreitung der Reisekosten aus eigenen Mitteln nicht in der Lage sind, werden Ihnen dieselben von Ihrer Krankenkasse auf unsere Rechnung ausgezahlt. Mitzubringen sind die in beifolgenden Bedingungen zur Aufnahme bezeichneten Gegenstände.«

Letzteres waren 6 Hemden, 2 Paar Unterhosen, 10 Taschentücher, 3 Paar Strümpfe, 1 vollständiger Anzug, 1 Paar feste Stiefel oder Schuhe, 1 Paar Gummiüberschuhe für nasse Witterung, 1 Paar Haus- oder Morgenschuhe, 1 Kleiderbürste, 1 Zahnbürste, 1 Nagelbürste, Waschlappen, Seife, Kamm, 1 Überrock je nach der Jahreszeit. Da ein Proletarier kaum je soviel sein Eigen nennt, so muß er sich das meiste davon für diesen traurigen Fall erst anschaffen. Und das ist natürlich gleich eine fast erdrückende Ausgabe, wenn er auch schließlich mit 4 Hemden, sowie ohne Überrock, ohne Überschuhe und auch ohne Nagelbürste ankommt. Denn wieviele unter hundert Proletariern verfügen über 6 Hemden? Heute habe ich sie freilich, aber damals hatte ich nur drei, davon war eins schon oft geflickt, dasselbe galt erst recht von den Überröcken. Ich habe in meinem Leben bis auf den heutigen Tag noch keinen Sommerüberzieher besessen, und jetzt, im 33. Lebensjahre, dem Durchschnittsalter der Fabriksklaven, habe ich erst den zweiten Winterüberzieher. Ich hatte auch nur 5 Taschentücher. Ferner nur ein Paar gute Unterhosen, 2 Chemisetts, davon ein defektes und 3 Kragen. Über Barmittel verfügte ich auch nicht, weil man nur von der Hand in den Mund lebte. Es blieb mir[294] also nichts weiter übrig, als mir das fehlende auf Borg zu nehmen. Ich sprach mit einem ehemaligen Konsumvereinsaufsichtsratsmitglied, der ein Schnittwarengeschäft betrieb. Er gewährte mir bereitwilligst Kredit. Ich nahm mir 4 Hemden, 1 Paar Unterhosen, 1 Leinenvorhemd, 1 Chemisett und 1 Kragen. Nun konnte ich mich wenigstens sehen lassen. Ich machte dann noch ein Gesuch an die Versicherung, daß ich meine Familie mittellos zurücklassen müsse und bat um Bewilligung des vollen Krankengeldes an sie, das 10,50 Mark wöchentlich betrug, wenig genug für eine Frau mit 6 Kindern! Wo soll bei diesen paar Hungergroschen vor allem der Mietzins herkommen? Man soll soviel als möglich in einer Heilstätte jede Aufregung vermeiden, aber was greift mehr an, als die Sorgen um die Lieben daheim?

So war denn der 9. Juni herangekommen. Meine Effekten, denen ich natürlich auch einige Bücher hinzufügte, waren in zwei Hand-Reisekoffern untergebracht. Am Tage vorher war ich noch einmal mit meinen Kindern spazieren gegangen, der kleine Walter war kurz vorher gerade geimpft worden und hatte die Blattern stark. Das kleine Kerlchen dauerte mich sehr. Mit gemischten Gefühlen hatte ich mich früh von meinem Lager erhoben. Morgen würde ich fern von den Lieben, unter kranken fremden Menschen erwachen. Ach wie graute es mir davor! Ich vermied es, meine Frau anzusehen; denn bei derartigen Fällen sitzen bei mir die Tränen locker. Meist drückte ich mich in der Kammer herum, obwohl ich nichts darin zu tun hatte, nur um die Kinder und die Frau nicht immer zu sehen und die Tränen zu verbergen. Aber meine roten Augen verrieten mich doch schließlich. Mancher, der das liest, wird mich für einen weichlicher. Tropf halten. Ich konnte aber nie gegen solch sentimentale Anwandlungen ankommen. Denn ebenso war es vor meiner Abreise zur zweiten und dritten Kur, wo ich mir das ganz fest vorgenommen hatte, keine Tränen zu vergießen; und doch war es mir ebenso gedrückt ums Herz herum und doch stand beim Abschied von den drei ältesten Kindern, als sie zur Schule gingen, schon das Wasser in den Augen und bei den kleinen abermals und beim Abschied von der Frau erst recht. Mein Weib[295] ist ja härter als ich, aber beim Abschiedskuß sind auch ihr die Tränen gekommen. Wenn ich dann endlich mich losriß und tränenden Auges fortstürmte, dann bemerkte ich auch jedesmal meine Frau hinter den Gardinen, wie sie mir nachschaute, um mich noch ein letztes Mal zu sehen. Mit rotgeweinten Augen kam ich jedesmal auf dem Bahnhofe an, löste schnell meine Fahrkarte und beruhigte mich erst allmählich. Wenn sich aber dann der Zug in Bewegung gesetzt hatte und ich am Ende des Bahnhofes an der letzten Barriere durch das Fenster sah, dann standen dort stets meine Kinder bis zum jüngsten, und wenn ich ihnen da noch ein letztes Lebewohl zuwinkte, dann war mir das jedesmal herzzerreißend.

Das Genesungsheim ist von der verstorbenen Großherzogin Sophie gestiftet und dem patriotischen Frauenverein Weimar in Verwaltung übergeben worden. Vorsteher desselben ist zur Zeit ein Pfarrer Ernst in Weimar. Die Anstalt ist auf dem sogenannten Emskopf nicht allzugünstig erbaut, denn sie ist gegen die Winde schlecht geschützt. Von den Patienten und dortigen Einwohnern wird sie einfach »Hustenburg« und die Insassen »Hustenburger« genannt. Im Hauptgebäude sind 100 Patientenbetten und in den Baracken deren 40 aufgestellt. Im ersteren sind Zimmer, die 2 bis 6 Betten fassen, in den letzteren Räume für 10,12 und 18 Betten vorhanden. Außerdem hat die Anstalt 10 offene Liegehallen, die je 12–18 Liegestühle fassen.

Als wir in München – der Haltestelle für die Sophienheilstätte – ausstiegen, waren wir vier Mann geworden. Im Gasthaus München stärkten wir uns noch durch ein Glas Bier. Dann begann der Aufstieg. Nach 10 Minuten schon waren wir an Ort und Stelle, aber der Berg, »Lungenpfeifer« genannt, war uns doch ziemlich sauer geworden. Auf dem Wege tauschten wir unsere Gefühle aus. Jeder wünschte sich schon den Tag der Entlassung herbei. In dem Aufnahmeschein aber steht, daß jeder Pflegling sich für eine Kur von 10 bis 12 Wochen verpflichten muß; wenn er eigenmächtig die Kur verläßt, ist die Versicherung berechtigt, eventuell die verlegten Kurkosten zurückzuverlangen. 10 bis 12 Wochen also sollte uns dieses Gebäude aufnehmen. Bevor wir[296] eintraten, hörten wir den Zug, der uns gebracht hatte, der »Pussel« wird er von den Patienten genannt, schon vor der nächsten Station pfeifen. Ach, wenn er doch uns erst wieder zu den Lieben zurückbringen würde!

Wir wurden von der Oberschwester Lisbeth, einem liebenswürdigen Fräulein, empfangen und zunächst in das Patientenverzeichnis eingetragen. Dann erhielt ein jeder die blaue Taschenspuckflasche, in der sämtlicher Auswurf aufgefangen und dann direkt in die Klosetts entleert wird. Überall, auch bei den Spaziergängen im Freien, ist diese Flasche zu benutzen, geht eine entzwei, so gibt es die Ersatzflasche gratis. Wird ein Patient dabei angetroffen, daß er die Flasche nicht benutzt, so wird er unbarmherzig entlassen, weil das der gröbste Verstoß gegen die Hausordnung ist. Außer der Spuckflasche bekommt jeder Neuangekommene einen 10 Minuten-Thermometer zur Messung der Körperwärme, der damals mit einer Mark bezahlt werden mußte. Heute wird der erste gratis auf Kosten der Versicherung verabreicht, während erst ein zweiter mit 1 Mark von dem Pflegling bezahlt werden muß. Nachdem die Schwester uns noch einige liebevolle Trostworte gespendet hatte, wies sie uns an, im Tagesraum bis zum Kaffeetrinken zu warten. Wir brauchten nicht allzulange zu warten, als 3/4 4 Uhr die sämtlichen Patienten in dem Raume, der mit den großherzoglichen Büsten geschmückt ist, erschienen. Um 4 Uhr kam dann die zweite Schwester Jenny, welche die Küche unter sich hat, und bat zum Kaffee. Der Kaffee ist süß und wird in großen Emaillekannen zum Tisch gebracht. Ferner steht auf jedem Tisch ein Körbchen mit Milchbrötchen. Von einem Wärter erhielt jeder von uns Neuen eine numerierte Steingut-Butterbüchse und dann seinen Platz an der Tafel angewiesen. Alle 4 Tage bekommt der Patient ein Stück Butter. Keiner darf früher seinen Platz verlassen, als bis der vom Arzt ernannte Tischälteste, welcher unter den Pfleglingen den schmeichelhaften Titel »Präsident« führt, durch ein »Mahlzeit« die Tafel aufgehoben erklärt. Nach dem Kaffee wurden wir vom Bademeister nach dem Baderaum beordert, wo jeder Neuangekommene ein Brausebad, jetzt Wannenbad[297] erhält. Nach dem Bad wies uns dann die Oberschwester unser Bett an, das jeden Morgen vom Patienten selbst in Ordnung gebracht werden muß. Ich kam auf Zimmer Nr. 12, das 5 Betten faßte. Im Korridor sind den Militärspinden ähnliche Schränke aufgestellt, in die man seine Effekten unterbringt. Die Koffer oder Reisekörbe werden bis zur Entlassung im Gepäckraum aufbewahrt. Auch der Schrank, ebenso der Schlüssel zu ihm, sind numeriert. Nachdem auch das Einräumen schnell besorgt war, unternahm ich mit den drei andern neuangekommenen Leidensgenossen, die sämtlich ebenfalls zum ersten Male in der Heilstätte waren, einen kurzen Spaziergang um die Anstalt herum und schrieb eine Postkarte mit der Ansicht der Heilstätte an meine Lieben. Kurz darauf wurde zum Abendbrot geläutet. Das geschieht eine halbe Stunde vor dessen eigentlichen Anfang, damit ein jeder Patient noch Zeit hat, seine Körpertemperatur zu messen. Das muß täglich dreimal geschehen: früh, vor dem Mittagstisch und vor dem Abendbrot. Zur Aufzeichnung bekommt man einen in Fächer und Zehntelgrade eingeteilten Zettel. Punkt 7 Uhr fand dann Abendbrot statt. Es gab eine Nudelsuppe als Vorspeise und Kartoffeln mit Goulasch, dazu eine Flasche Bier; wer kein Bier mag, kann solches gegen eine Flasche Limonade umtauschen. Auch Wein oder Milch wird auf besondere Verordnung des Arztes als Getränk zu den Mahlzeiten verabreicht. Jeden Abend, halb zehn Uhr, findet im Tagesraum Andacht statt, an der aber niemand gezwungen wird, teilzunehmen. Es wird dann der erste Vers von dem Choral: »Ich bete an die Macht der Liebe«, mit Klavierbegleitung, gesungen. Dann liest die Oberschwester ein kurzes Gebet, und jeder der Anwesenden drückt den beiden Schwestern die Hand, die dann jedem, als ob sie ihre Kinder wären, »Gute Nacht« wünschen.

In meinem Zimmer lagen mit mir 3 junge Burschen von 15,16 und 18 Jahren und ein 23jähriger Bäcker aus Altenburg. Der 15jährige war ein Fleischerlehrling, der 16jährige ein Weber, der 18jährige ein Schlosser. Mir paßte diese junge Gesellschaft, die allerhand Allotria trieb, nicht; doch ich machte gute Miene zum[298] bösen Spiele, rieb mir Brust und Rücken kalt ab und legte mich ins Bett. Ach, was überkam mich da für eine Sehnsucht nach Frau und Kindern! Die Betten sind aus Eisen mit Stahlfedern überspannt, haben über einem Stück starken Leinen drei schwache Matratzenkissen, über die ein weißleinenes Bettuch gelegt wird, ein schwaches weißes Kopfkissen und eine weiß überzogene Steppdecke, das ist alles. Zu Häupten des Bettes befindet sich an einer Eisenstange eine Blechtafel, die den Namen des Patienten und das Datum seiner Ankunft zeigt. Hinter der Tafel ist ein Haken, an dem das Taghemd gehängt wird. Es wird streng auf dessen Wechsel am Abend gesehen. Mich fror in dem ungewohnten, dünnen Bett die ersten Nächte sehr stark, trotzdem ich mir eine wollene Bettdecke von zu Hause mitgebracht hatte, die ich über das weiße Leinentuch breitete. Ich hatte eben bisher 30 Jahre lang Sommer und Winter in Federbetten geschlafen und jetzt auf einmal nur eine dünne Steppdecke zum Zudecken. In der Mitte des Zimmers steht ein weißgestrichener Tisch mit 2 Wasserkrügen. Jeder Patient hat sein weißes Emaillewaschbecken und 1 Wasserglas zum Mundausspülen. Das geschieht über dem ebenfalls weißen Emailleeimer, in dem früh das verbrauchte Wasser hinausgetragen wird. Vor jedem Bett steht ein kleiner lackierter Holzschemel. Vor den Fenstern sind starke graue Leinen-Zuggardinen angebracht. Selbstverständlich wird bei offenen Fenstern geschlafen. Die Zimmer sind 4 Meter hoch und mit Ölfarbe gestrichen, während der Fußboden gelb gestrichen und die Korridore, Treppen, Speisesaal, Bibliothek- und Schreibzimmer und Tagesräume mit Linoleum belegt sind. Täglich wird gewischt, einmal wöchentlich mit Dustleßöl gewachst. Alles in der Heilstätte wird peinlich sauber gehalten. Ärzte und Schwestern sehen streng darauf. Es sind 4 männliche Wärter und 6–8 weibliche Dienstboten für Küche, Wischen, Putzen vorhanden. An die Anstalt schließt sich eine Dampfwäscherei an. Dann ist noch ein Stallgebäude vorhanden für Schweine, Geflügel, Perl-, Trut-, Haushühner und Enten. Die Schwestern wirtschaften. Von den Speiseresten wird jährlich eine beträchtliche Anzahl Schweine gemästet und an die Berkaer[299] Fleischer verkauft von denen dann der Fleischbedarf zurückgekauft wird. Durch das zahlreiche Hühnervolk wird eine große Anzahl Eier produziert, die, wenn auch nicht den ganzen, so doch einen ziemlichen Teil des Bedarfes decken. Zu der Anstalt gehört außerdem noch ein ansehnliches Wald- und Feldgelände, neuerdings soll Gartenbau angelegt werden, in dem die Pfleglinge in den letzten Wochen ihrer Tätigkeit einige Stunden mit Kurarbeit beschäftigt werden sollen, damit ihre Muskeln allmählich wieder an Tätigkeit gewöhnt werden.

Das Alles wußte ich freilich am ersten Abend noch nicht. Ich erwachte ziemlich früh, hatte auch sehr schlecht geschlafen. Unruhige Träume von den Kindern hatten mich während der ganzen Nacht gequält. Um 6 Uhr standen wir auf, rieben uns abermals Brust und Rücken kalt ab und wechselten das Hemd. Nach dem Ankleiden machte man gleich das Bett. Ich stellte mich dazu in den ersten Tagen noch etwas ungeschickt an, lernte es aber so gut, daß mir dann später die Oberschwester, wenn sie mich zufällig zur Zeit ihrer Kontrolle im Zimmer antraf, öfter gesagt hat: »Dicker, ich freue mich allemal, wenn ich Ihr Bett sehe, das beste in der ganzen Anstalt.« Sie liebte es, wenn Decke und Kissen recht glatt und das Bettuch angezogen war. Natürlich schmeichelte mir besonders die Anrede nicht wenig. Aber bald merkte ich, daß »Dicker« fast alle Patienten von den Schwestern genannt werden, wenn auch noch keine Idee davon vorhanden ist. Nach dem Bettmachen mißt man wiederum die Körperwärme und begibt sich in den Tagesraum. Punkt 7 Uhr wird das erste Frühstück eingenommen, das im Sommer in Kaffee und Milchbrötchen, im Winterhalbjahre in Hafermehlsuppe und Milchbrötchen besteht. Dazu kann jeder aus seiner Butterbüchse die Brötchen bestreichen, von denen er soviel essen kann, wie ihm beliebt. Nach dem Kaffee findet Dusche und dann Spaziergang statt. An jenem ersten Morgen mußten wir Neulinge aber im Tagesraum warten, damit wir untersucht würden, wenn die älteren Patienten durch die Sprechstunde waren. Der Oberarzt war bei meiner ersten Untersuchung nicht anwesend, sondern ich wurde von einem jungen Assistenzarzt[300] untersucht. Er konstatierte eine Infizierung beider Lungenspitzen, die sicher wieder ausheilen würden. Er versprach mir vollständige Genesung und händigte mir dann meine Kurvorschrift ein, nach der sich ein jeder zu richten hat. Ich bat ihn dann wegen der Erhöhung des Krankengeldes an meine Familie noch einmal mit der Versicherungsanstalt zu korrespondieren. Denn ich sorgte mich unablässig. Mußte ich mir doch sagen, daß meine Frau sich selbst und 5 Kinder jetzt mit 5,25 Mark ernähren sollte, während ich täglich hinter vollen Schüsseln saß. Und ich bekam auch nicht früher Ruhe, als bis ich die Nachricht von der Bewilligung erhielt, was allerdings ziemlich 3 Wochen dauerte. Und auch das schließlich nur dadurch, daß ich sowohl an die Versicherung wie auch an die Krankenkasse in Gera schrieb, daß ich sofort die Kur unterbrechen müsse, wenn meine Familie nicht unverzüglich in den Besitz von Existenzmitteln gelange.

Die Kurvorschriften sind alle gleichlautend, nur in den besonderen ärztlichen Verordnungen kommen leise Abweichungen vor. Diese lautete bei mir: »Kalte Abreibungen früh und Abends; Dusche: täglich; Brausebad: Sonnabends. Atemübungen nach Vorschrift. Vom 1. bis 2. Frühstück: Spaziergang. Vom 2. Frühstück bis gr 1 Uhr Liegekur.« Bei dieser kann man lesen, schreiben, oder sich sonstwie beschäftigen, auch Unterhaltungsspiele, Dame-, Chalma-, Salta- und Schachspiel sind gestattet; von den genannten Spielen sind eine ganze Anzahl vorhanden. Wer längere Zeit in der Anstalt war und gute Fortschritte gemacht hatte, bekam diese Liegekur gestrichen und erhält dafür entweder Spaziergang oder Kurarbeit. Um 1 Uhr ist Mittagstisch, der durch ein kurzes Gebet von der Schwester eröffnet wird. Er besteht aus einer Suppe, dann abwechselnd Braten, oder Gemüse und Fleisch. Die Fleischportionen sind so bemessen, daß zu Hause davon eine ganze Arbeiterfamilie essen würde. Bei dem Mittagsessen kann man die interessantesten Studien machen. Sowie z. B. die Fleischportionen auf den Tisch gestellt werden, verschlingt mancher seine Suppe förmlich, nur um zuerst den Fleischteller in die Hand zu bekommen und sich das schönste Stück heraussuchen zu können. Der Oberarzt hat[301] schon manchmal diesem Unfug durch Vorstellungen zu steuern versucht; jedoch alle Tage kommen neue Pfleglinge an, und die Gier läßt sich eben dem ungebildeten Proletarier schwer austreiben, solange er sich nicht zu einem höheren Bildungsniveau emporgerungen hat. Es gibt freilich nicht wenige unter den Fabrikproleten, die ohne Anstoß zu erregen, auch an einem Ministerdiner teilnehmen könnten, so kunstgerecht wird von ihnen Messer und Gabel gehandhabt. Beim Mittagstisch, wie überhaupt bei allen Mahlzeiten, muß die größte Ruhe herrschen, alles Sprechen und Klirren mit dem Eßgerät ist zu vermeiden. Und es ist in der Tat ruhig wie in einer Kirche, nur dann und wann hört man ein Hüsteln oder Räuspern. Jeder hat pünktlich zur Mahlzeit zu erscheinen, die wie alle anderen eine Viertelstunde vorher durch Glockenläuten angekündigt wird. Nach diesem Zeichen hat jeder die Liegehalle zu verlassen und sich in den Tagesraum zu begeben. Die Tafel wird ebenfalls wieder durch ein »Mahlzeit« des Tischältesten aufgehoben. Nach dem Mittagstisch bis zum Vesper resp. 3/4 4 Uhr findet die große Liegekur statt, bei der absolute Ruhe herrschen muß. Jede Unterhaltung, sowie Lesen und Spielen ist verboten. Jeder Patient soll versuchen, zu schlafen, um den Verdauungsprozeß zu fördern, oder zum mindesten still zu liegen. Das ist diejenige Kur, welche die meiste Gewichtszunahme hervorruft. Jeder Pflegling wird allwöchentlich einmal gewogen und alle 3 Wochen gründlich untersucht. Es sind Gewichtszunahmen von 1/4 bis 5 Kilo in der Woche zu verzeichnen. Das letztere Gewicht ist bisher freilich nur ein einziges Mal in der Heilstätte dagewesen. Nach dem Abendbrot findet bis 9 Uhr wiederum Liegekur statt, zu welcher Unterhaltung oder Lektüre gestattet ist; leider ist die Beleuchtung in der Liegehalle nicht sehr reichlich. Es ist nur eine einzige elektrische Glühlampe in der Mitte da. Um 9 Uhr packt man seine Decken zusammen, von denen man im Sommerhalbjahre 3–4, im Winter 5–6 erhält. Diese Decken werden in einem eigens dazu eingerichteten Raum über Nacht aufbewahrt. Um 10 Uhr muß alles zur Ruhe und alle elektrischen Lampen ausgeschaltet sein. So geht ein Tag wie der andere dahin.[302]

Am einförmigsten war immer der Sonntag. Alle 14 Tage findet da im Bibliothekraum Gottesdienst statt, der gewöhnlich von Pfarrer Ernst-Weimar, dem Vorsteher der Anstalt, abgehalten wird. Es wird niemand gezwungen, daran teilzunehmen, und nur um Ruhe zu schaffen und das störende Auf- und Abgehen vor den Fenstern zu verhindern, hat der leitende Arzt verfügt, daß der, welcher dem Gottesdienst nicht beiwohnt, Liegekur zu machen hat. Ich finde das ganz in der Ordnung, trotzdem ich nur 2 Mal im ganzen teilgenommen habe. Auch sonst ist alles lärmende, laute Wesen, Pfeifen, Türenwerfen, streng untersagt, wie denn überhaupt der erste Eindruck bei der Ankunft der einer völligen Ruhe ist. Keinen Laut vernimmt man, außer dem Vogelgezwitscher im Sommer. Auch bei dem Zubettgehen ist jedes laute Wesen auf den Treppen und Korridoren zu vermeiden.

Den Mittelpunkt im Anstaltsleben bilden im Grunde die Schwestern. Man wird wohl selten ein paar so liebevolle Wesen wieder finden wie sie, Lisbeth und Jenny. Schon ihr Äußeres ist anziehend, etwas zur Rundung neigend. Wenn ich sie schildern soll, so möchte ich sagen: sie waren überaus tätig, heiter, redselig, liebevoll, fest im Befehlen, aber gut und nachsichtig; religiös, aber nicht bigott.

Die Einführung von Lektüre jeder Art unterliegt der Kontrolle des Arztes. Das letztere wird neuerdings nicht mehr gehandhabt, Nur schlüpfrige und unsittliche Schriften, wie überhaupt auch derartige Reden ziehen Entlassung nach sich. Bei meiner ersten Kur waren sozialdemokratische Zeitungen und Schriften verboten. Der Pfarrer Ernst hatte an einem Sonntage einmal die Post durchgesehen und darunter die »Reußische Tribüne« gefunden. Das Blatt wurde verboten. Trotzdem wurde es heimlich gelesen, ebenso die »Altenburger Volkszeitung«. Frei senden lassen konnte man die Blätter jedoch nicht mehr. Einige bestellten sie beim benachbarten Postamte Tannroda. Mir schickte sie meine Frau allwöchentlich in einem Postpaket. Es machte 5 Pfennige Mehrausgabe aus, denn Berka war glücklicherweiser noch erste Zone und kostete demnach nur 25 Pfennige Porto. Ein eventueller Brief extra hätte sonst[303] auch 10 Pfennige erfordert, in dem Falle wurde er gleich dem Paket beigegeben und was die Hauptsache war, die Geschichte war verdeckt, es konnte niemand hineinsehen.

Die meisten männlichen Kranken der Thüringischen Versicherungsanstalt werden nach Berka gesandt. Eigentümlich ist, daß alle, die früher in anderen Heilstätten waren und dann nach Berka kamen, die Kost in jenen als seiner wie hier bezeichneten. Ich selbst habe gefunden, daß bei meiner zweiten und dritten Kur das Essen einfacher als bei der ersten im Jahre 1902 war. Unser Oberarzt war der – wohlberechtigten – Meinung, daß die Kost so einfach wie möglich sei, damit ein halbwegs gutsituierter Arbeiter sich sie zu Hause ebenso gut weiter leisten kann. Trotzdem ist das nicht möglich. Das Essen ist auch heute noch bedeutend besser und reichlicher, als es sich je ein Arbeiter leisten kann. Der Herr Doktor kennt eben die Arbeiterbudgets doch nicht so genau, sonst müßte er selbst erklären, daß bei den in Thüringen üblichen Arbeitslöhnen eine derartige Beköstigung im Proletarierheim einfach als fürstlich angesehen wird. Es ist unendlich traurig, und ein Mene tekel für die Arbeitgeber daß sich die im Schweiße ihres Angesichts Mühenden nicht einmal ausreichende Nahrung leisten können.

Die Schwester wies mir einen Stuhl in Liegehalle 10, genannt »Zur Gemütlichkeit« an. Mein Nachbar zur Linken war ein Schlosser, der zur rechten ein Weber. Beides waren gemütliche Seelen und namentlich der erstere immer heiter und fidel. Allerdings, er konnte es auch sein. Er war in zwei Krankenkassen; von der Ortskrankenkasse mußte er die Hälfte bekommen und von der Metallarbeiterasse 2/3, so daß seine Frau mit einem Kinde alle Wochen 17,98 Mark als Krankenunterstützung bezog. Ein Glasschleifer aus Altenburg war sogar in 3 Kassen, extra noch in einer Zuschußkasse; dessen Frau erhielt 26 Mark. Da konnte man schon einmal ein Vierteljahr krank sein. Diese Leidensgenossen wissen gar nicht, wie es denen zu Mute ist, die nur 6,7 und 8 Mark für ihre Familien bekommen! So hatte ich nach Beendigung meiner ersten Kur einer jungen Frau in Ronneburg, die 4 Kinder hatte,[304] aber von ihrem Manne verlassen worden und auch lungenkrank war, ein Gesuch um höhere Unterstützung an die Versicherungsanstalt gemacht, als sie sich auf ein Vierteljahr nach der Heilstätte für weibliche Lungenkranke in Römhild begeben mußte. Sie stand bei einer Weberfirma in Arbeit und hatte satzungsgemäß 4,50 Mark wöchentliche Unterstützung aus deren Betriebskrankenkasse zu fordern. Die nach 818 des Gesetzes für die Familie festgesetzte Hälfte betrug bei ihr also ganze 2,25 Mark, davon sollten ihre Kinder von fremden Leuten ernährt werden! Sie wandte sich deshalb an den Bürgermeister. Aber dieser wollte nur helfen, wenn sie ihre Kinder im städtischen Hospital oder Gemeindearmenhause unterbringen würde. Dessen weigerte sich jedoch die Frau, und die Stadt gab daraufhin eben nichts. Auf mein Gesuch hin erhielt sie wenigstens das volle Krankengeld für ihre Kinder. Aber schon ein kleines Kind zu verpflegen, wird im Städtchen ortsüblich mit 4 Mark bezahlt; auf die übrigen 3 Kinder kamen dann nur noch 50 Pfennige. Was für eine Unsumme von Not, Sorge und Kummer mag diese arme Frau in der Heilstätte durchgemacht haben! Sie konnte aber kraft des Gesetzes keine höhere Unterstützung erhalten, weil das Krankengeld nicht höher war. Welcher Vergleich mit 26 Mark pro Woche?

Jede Liegehalle führt ihren besonderen Namen, manchmal sogar hat sie zwei. Die Insassen schließen sich zu Gemeinden zusammen, erheben sogar Steuern, wöchentlich meistens 1–3 Pfennige, ja sie wählen sich sogar einen Bürgermeister, Wachtmeister und Gemeindediener. Von dem Steuergeld erhält jedes Gemeindemitglied bei seinem Abgange ein Bild. Es gab eine Gemeinde Westend, Gabelbach, Erholung, Zentralhalle, Waldfrieden, Hufeisen, Harmonie, Krähwinkel und Eintracht. Die Gemeinde Gabelbach wurde auch »Stehkragenhalle« genannt, weil meistens Kaufleute und zuweilen Privatpatienten darin lagen.

Die ersten Tage unterhielt ich mich in der Halle fast gar nicht mit meinen Nachbarn, sondern beschäftigte mich lediglich in meinen Gedanken mit meiner Frau und den Kindern und verfaßte ein Gedicht: »Heimweh«.[305]

Am zweiten Abend meines Hierseins fand aus Anlaß des Geburtstages des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar eine Abendunterhaltung statt, bei der jeder Teilnehmer eine Flasche Bier erhielt. Zum Vortrag gelangten meistens Gesangsstücke und einige Deklamationen, sowie ein paar Kouplets; ein Altenburger Maurer Namens Taubert, der natürlich nicht organisiert war, tat sich besonders hervor. Als da capo gab er das Flaggenlied zum Besten, das aber von den sozialistisch angehauchten Leidensgenossen natürlich nicht gern gehört wurde. Am nächsten Tage rief denn auch alles, wo irgend eine Gruppe zusammenstand: »Zum Vortrag kommt das Flaggenlied!« Darüber hat sich dann Taubert so sehr geärgert, daß er um seine Entlassung nachsuchte, die ihm, weil er gesund, auch gewährt wurde.

Am nächsten Morgen machte ich die erste Dusche mit. Wie hatten sie mich davor gruselig gemacht, als ich noch zu Hause war! Früh gleich vom Bette aus kalte Dusche – wurde da gefaselt. Sie wird aber erst nach dem ersten Frühstück gegeben, und ist gar nicht so kalt. Im Gegenteil, wenn man sich nach einigen Tagen daran gewöhnt hat, möchte man sie gern noch weiter nehmen und wünscht sich nur dringend, sich und den Seinigen auch zu Hause eine derartige Wohltat leisten zu können. Gewöhnlich wird eine Minute von vorn genommen, dann wird vom Arzt oder Bademeister Kehrt kommandiert und das Wasser läuft den Rücken hinab. Auf das Kommando Gut tritt man weg, eilt zu seinem Kleiderhaken, nimmt das große Badetuch um und reibt sich gründlich trocken, den Rücken läßt man sich von einem Freunde abreiben, dem man den gleichen Gefallen erweist.

Es gab die herrlichsten Spaziergänge nach allen Richtungen hin. Ringsum liegen ausgedehnte Waldungen. Meist sind es Kiefernwälder, in denen, für die Kurgäste von Berka natürlich, nicht für uns arme Hustenburger, die schönsten Promenadenwege angelegt sind. Leider wachte über ihnen ein Forstaufseher, der es uns kaum gönnte, wenn wir auf ihnen wandelten. Es kam öfter zu Zusammenstößen zwischen ihm und uns. Ich kehrte mich nicht daran. Wenn immer es in dem nassen Sommer möglich war,[306] machte ich immer neue Spaziergänge und Ausflüge. Immer von neuem berauschte ich mich an der schönen Natur, an dem Sonnenschein, an dem Ozonduft der Wälder. Es gab in ihnen Stellen, da ging die Lunge wie auf Sammet. Ich habe über meinen ganzen ersten Kuraufenthalt genau Tagebuch geführt, und könnte Tag für Tag meine Spaziergänge und Erlebnisse aufzählen. Doch sind die letzteren meist viel zu kleinlich dazu. Allzu einförmig war ja das Leben hier in der Anstalt.

Eine für mich sehr erfreuliche Abwechselung und Bereicherung bedeutete es, als ich nach etwa 6 Wochen, nach der Abreise des bisherigen Bibliothekars, auf Wunsch der Schwester die Verwaltung der Anstaltsbibliothek bekam. So wachte ich denn eines schönen Tags, Ende Juli, als Bibliothekar auf und habe das Amt nach besten Kräften verwaltet. Der Büchervorrat umfaßt gegen 500 Bände von der verschiedensten Auswahl. Meist natürlich Unterhaltungsliteratur. Es sind religiöse Schriften vorhanden, christliche Volksbücher, von Kürschners Bücherschatz eine Anzahl Bändchen, patriotische Volkserzählungen, Wiesbadener Volksbücher (noch neu), Shakespeares, Schillers und Börnes Werke. Der letztere ist jedenfalls von den Leitern nicht erst geprüft worden, denn der große Spötter würde sonst kaum geduldet worden sein. Bei meiner zweiten Kur fand ich leider nur noch einen Band seiner Schriften vor. Außerdem sind eine Anzahl alte Gartenlauben- und Daheim-Jahrgänge, erstere aus den 50er und 60er, letztere aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts da. Diese sind an Inhalt den heutigen Gartenlauben, wenn auch nicht überlegen, so doch bedeutend interessanter. Auch einige Bände »Deutsche Monatshefte«, Kriegsgeschichten, vom Fels zum Meer, alte Meyer Volksbücher aus den 40er Jahren, ein 45 Jahre altes Brockhaus-Lexikon, alte Goethebändchen, sowie verschiedene andere Romane, Novellen, Reisebeschreibungen meist älteren Datums sind vorhanden. Das meiste wird von den besseren Ständen in Weimar und Berka geschenkt. Schillers Werke, verschiedene wissenschaftliche Natur- und Reisebeschreibungen, Invalidenversicherungsgesetze, Wiesbadener Volksbücher usw. sind von der Versicherungsanstalt[307] gestiftet worden. Besonders interessant waren mir 2 Jahrgänge Didaskalia. Leider fand ich auch diese nicht mehr vor, als ich die zweite Kur antrat. Alljährlich werden ja viele Bücher abgenutzt und wenn sie nicht gerade etwas wert sind, so kommen sie nicht mit zum Buchbinder, sondern werden einfach verbrannt, zumal verfallen diesem Schicksale auch alle solchen, in denen Blätter fehlen. Bei der Abreise eines jeden Bibliothekars müssen alle Bücher abgegeben werden, damit der Nachfolger konstatieren kann, ob alles noch vollzählig vorhanden ist und eventuell fehlende Sachen im Verzeichnis streichen kann.

Am 25. Juli beim Nachmittagsspaziergang fand ich am Waldrande ein rotes Kindermantelett. Etwa 300 Meter weiter sah ich eine Gruppe Damen mit Kindern, die in Berka zur Kur weilten, spazieren gehen. Ich eilte ihnen nach und fragte, ob das Mantelett vielleicht ihnen gehöre. Eine Dame erkannte es als dasjenige ihrer am Bachrande tummelnden Tochter. Sie rief selbige zu sich und händigte ihr ein douceur von 30 Pfennigen für mich ein, welches ich von dem kleinen Bourgeoistöchterchen dankend in Empfang nahm. Ihre gnädige Frau Mutter glaubte vielleicht, sie würde infiziert werden, wenn sie mir das Trinkgeld eigenhändig übergeben hätte. Denselben Tag war ein neuer Leidensgenosse in unsere Liegehalle gekommen, ein gewisser Segelken aus Hannover, der in einer Gothaer Kartonnagenfabrik beschäftigt war. Da ich als Schulknabe, es war vor der Flaschenbierarbeit, ebenfalls etwa 2 Monate in einer Knopfkartonnagenfabrik in Schmölln gearbeitet hatte, ließ ich mich zunächst in ein Fachgespräch mit ihm ein. Im Anfange war er wortkarg, dann aber taute er auf und wurde ein vorzüglicher Gesellschafter, der, wenn er nicht gerade mit dem Porzellanmaler Leube aus Kahla ins Schachspiel vertieft war, die ganze Halle unterhielt. Nicht nur mit schnurrigen und humoristischen Erzählungen, in denen auch der Altenburger Schlosser Clasing etwas leistete, sondern auch in Schwarzkünstlerei, Verschwindenlassen von Geldstücken, Gedankenlesen usw. Er ließ z. B. 4 Zehnpfennigstücke auf den Brüstungsrand legen und einer von uns mußte eins derselben betasten, während er sich abwandte.[308] Dann fühlte er leise über die Geldstücke hin und gab ganz genau an, welches berührt worden war. Einmal wollte er sogar den Clasing hypnotisieren und brachte ihn auch wirklich zum Einschlafen. Unter derartigen Schnurren verging die Abendliegekur ziemlich schnell für uns.

Der 27. Juli war wieder einmal ein Sonntag und zwar ein von der Mehrheit mit Spannung erwarteter, denn in der Kirche zu Tannroda fand ein Gesangskonzert von zwei berühmten Sängerinnen statt, zu dem die Heilstätteninsassen für 20 Pfennige Entree zugelassen wurden. Die Liste lag schon die ganze Woche hindurch zum Einzeichnen aus. Ich hätte ja die Dame zu gern singen gehört, allein meine Freunde hatten beschlossen, an diesem Tage den Paulinenturm auf dem Adlersberge bei Berka, der sonst in gewöhnlichen Ausgehzeiten von uns nicht erreicht werden konnte, zu besteigen, denn des Kirchenkonzerts halber gab es schon um 3 Uhr anstatt wie gewöhnlich um vier Kaffee. Ich wollte ihnen die Teilnahme nicht gern versagen, auch war die Natur mir doch lieber als die Kirche und ich gedachte des jedenfalls von einem hiesigen Patienten gedichteten Liedes, das in der Gabelbachhalle an die Wand geschlagen ist:


»Sonntag! Sonntag! Hört, der Glocken

Lieblich lockender Ton erschallt;

Wie sie dich zur Kirche locken,

Rufen sie mich in den Wald.

So verschieden die Wege auch scheinen

Einem Ziele nur führen sie zu;

Denn das ewig einzig Eine

Suchen wir beide – ich und du.

Zwar verschiedene Wege – doch führen sie zu einem Ziel.

Mir erscheint Gott in dem Rauschen des Waldes

Dir im wogenden Kirchenspiel.«


Am 29. Juli hatte ich ein Rencontre mit einem noch jungen Patienten. Ich stand mit als erster unter der Dusche, als mich plötzlich der junge Dietzel, ein Porzellanarbeiter aus dem Rhöngebirge, zur Seite schob und selbst darunter trat. Ich verbat mir[309] das natürlich, aber da wurde er noch frech und großmäulig. Da ich damals noch nervöser war als heute, regte ich mich über dessen gemeinen Redensarten so auf, daß ich es dem Doktor Litzner meldete, was sonst nicht meine Art ist und was ich auch nicht wieder getan habe. Zum Glück hat dieser dem Burschen nur eine Rüge erteilt; wenn es der Oberarzt gewesen wäre, so hätte das Früchtchen leicht fliegen können.

Am Abend des 30. Juli hielt der zweite Arzt einen Vortrag über die Verhütung der Tuberkulose, über ihre Vererbung bei Kindern, ihre Behandlung und Pflege. Er verlangte die größte Reinlichkeit in jedem Arbeiterhaushalt und betonte, daß wir auch unseren Familien das Schlafen bei offenen Fenstern angewöhnen sollten. Einige Tage später hielt auch der Oberarzt einen ähnlichen Vortrag, da ihn Herr Litzner der vorgerückten Zeit halber abbrechen mußte. Der zweite Vortrag war schon instruktiver; aber seine Statistik hat mir durchaus nicht gefallen. Danach sollen von allen in Lungenheilstätten behandelten Patienten nach 10 Jahren nur noch 7 Prozent am Leben sein! Es sollte mich freuen, wenn ich mich verhört hätte; denn wenn man sich sagen muß, daß nach 10 Jahren von hundert Anwesenden nur noch 7 am Leben sind, so ist das tief niederschlagend. Natürlich schärfte uns der Arzt dringend ein, die Abreibungen, das Mundreinigen, das Baden, die ausreichende Ernährungsweise möglichst fortzusetzen, den Alkoholgenuß zu vermeiden und vor allem den Hemdwechsel weiter zu pflegen. »Sie dürfen einfach nicht einschlafen können, wenn Sie das Hemd nicht gewechselt haben,« rief er uns zu, und wahrlich, er hat durch seine Worte, die in höchster Energie gesprochen waren, auf mich einen so starken Eindruck gemacht, daß es mich seitdem, wenn ich manchmal beim Lesen oder beim Schreiben oder aus anderen Anlässen infolge von Müdigkeit vergessen hatte, das Hemd zu wechseln, nicht im Bett leidet; ich muß wieder aufstehen, und das Versäumte nachholen.

Am 1. August nach dem zweiten Frühstück hörten wir in der Liegehalle eine äußerst laute Unterhaltung im Sprechzimmer des Oberarztes. Wir konnten sogar manchmal einzelne Wörter verstehen.[310] Plötzlich hieß es, der Tischler Maiwald-Gera, ein spezieller Freund von mir, sei mit dem Arzt so heftig zusammengeraten. Maiwald teilte mir dann auch sofort die ganze Auseinandersetzung mit. Der Arzt habe ihn bei seinem Eintritt gefragt: »Hören Sie, Maiwald, Sie haben doch die »Reußische Tribüne« bei der Postagentur Tannroda abonniert?« »Jawohl, Herr Doktor.« »Nun, wissen Sie nicht, daß politische Blätter hier verboten sind?« »Aber Herr Doktor, es treibt doch jedes Blatt Politik, da müßten doch die andern Blätter auch verboten werden.« »Ach, die staatserhaltenden Blätter treiben doch nur eine harmlose Politik, während Ihre Presse aufregend schreibt.« »Ich rege mich über unsere Presse nicht auf, wohl aber über die andere.« »Ach kommen Sie mir doch nicht so dumm. Wissen Sie, daß ich Sie in Ihrem Zustande überhaupt gar nicht mehr in der Anstalt zu dulden brauchte?« »So, wenn das der Fall ist, so möchte ich Herrn Doktor bitten, mich zu entlassen.« »Machen Sie, daß Sie hinauskommen und bestellen Sie sofort das Blatt in Tannroda ab. Ich werde mich auf der Post danach erkundigen.« Das hat denn Maiwald auch nolens volens tun müssen. Aber einige Zeit darauf durften alle Schriften, auch sozialdemokratische, frei befördert werden. Der Vorfall hatte also doch auch sein Gutes gewirkt.

Im übrigen regnete es an dem Tage in Strömen und wir armen Sommerfrischler mußten die meiste Zeit in den Liegehallen zubringen. Ich ging trotzdem einmal bis hinunter zum Rittergut München, und dort bot sich mir ein ergreifender Anblick. Im strömenden Regen hielt ein Töpfergespann, innen und außen voll Töpfe gepfropft. Der Wagen diente aber auch gleichzeitig der ganzen Familie als Wohnstätte und 2 ganz kleine Kinder waren mit dabei, die kränklich aussahen und ebenfalls nur Wagenplandecke als einzigen Schutz gegen die Nässe hatten; sie dauerten mich ganz besonders.

In jenen Tagen gab es auch bei der Abendandacht einmal eine Abwechselung, indem Schwester Jenny dieselbe abhielt. Sie las dabei ein Gedicht vor, das als Anfangs- und Endstrophe jeden Verses die Worte enthielt: »Ich möchte heim!« Damit erweckte sie[311] in aller Herzen eine solche Sehnsucht nach Hause, daß das »Ich möchte heim« uns einige Tage lang gar nicht aus dem Gedächtnis kam. Der 3. August war wieder ein mal ein Sonntag, ein für mich erfreulicher Tag. Denn da hatte ich Sprechstunde beim Arzt. Ich hatte vorher meinen Auswurf 24 Stunden lang ansammeln und zur Untersuchung abgeben müssen. Nun erfuhr ich, daß er bazillenfrei befunden worden war. Ich empfand darüber eine tiefe Freude. War nun doch Aussicht auf sichere Heilung vorhanden!

Am 5. August konnten wir ein Gegenstück zu dem Töpferwagen besichtigen. Ein großes komfortables Automobil, dem ein Herr und eine elegante Dame entstiegen, mußten beim Gasthaus München Halt machen, um ihrem Chauffeur eine Reparatur an der Kilometerfreßmaschine vornehmen zu lassen. Sie nahm einige Stunden in Anspruch. Der Chauffeur teilte uns dabei mit, daß die Herrschaften aus Leipzig seien und heute noch bis Ilmenau fahren wollten, dann sollte die Ausstellung in Düsseldorf besucht und daranschließend eine Rheinreise unternommen werden, um endlich nach Tirol zu auteln und dort in einem schattigen Gebirgsneste für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen. Vor kurzem sei er mit seinem Brotgeberpaar erst einige Wochen in Misdroy und Heringsdorf gewesen. Das ist das Los der oberen Zehntausend, von einem fashionablen Badeort zum andern zu reisen und in den Zwischenpausen noch da und dort bei bester Lebensweise Naturschönheiten mit anzusehen! Wir drei, die wir bei der Maschine standen, wären froh gewesen, wenn wir nur die Mittel gehabt hätten, um unsere Frauen einmal nach der Heilstätte kommen zu lassen, um ihnen auch einmal die Schönheit dieser Landschaft zu zeigen. Aber da sie dabei unbedingt übernachten müssen, was im Gasthaus zu München 1,25 Mark kostet, obwohl das Bett noch extra in der Kammer des Dienstmädchens steht, und da außerdem gegen 5 Mark Fahrgeld nötig sind, so mußte selbst dies unterbleiben. Selbst meine Frau wäre trotz der Kinder gar zu gern einmal hierher gekommen; aber das Geld, das Geld...

Kurz vor dem zweiten Frühstück hatte ich an diesem Tage einen Zusammenstoß mit meinem Schlafkollegen, mit dem ich seit einigen[312] Wochen allein ein kleines Zimmer bewohnte. Er war Kaufmann in Jena, seine Frau war in diesen Tagen in die Wochen gekommen, und er hatte sich deshalb vom Arzt 2 Tage Urlaub geben lassen. Nun hatte ich von einem Bautechniker, der kurz vorher aus der Anstalt flog, noch ein der Lesehalle Jena gehöriges Buch, Krieg und Frieden von Tolstoj, in Händen und um das Porto zu sparen, bat ich den Kaufmann, es mitzunehmen. Er hatte sich auch dazu bereit erklärt, als wir uns plötzlich noch in ein politisches Gespräch über den neuen Zolltarif verwickelten. Hier war nun der Mann, seiner Gesinnung nach Antisemit, besonders borniert. Denn er meinte, nachdem er weidlich auf unsern alten Bebel geschimpft hatte: »Ich will doch lieber für das Pfund Brot einen Groschen oder zwölf Pfennige mehr bezahlen und will wissen, daß wir in Deutschland einen gesunden kräftigen Bauernstand haben, als wenn das nicht der Fall sein würde.« Ich fragte ihn darauf, ob er noch bei vollem Verstande sei, was ich leider bezweifeln und ihm dringend raten müsse, sich in Blankenhain im Irrenhaus einmal auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, denn sonst könne er wirklich nicht so sprechen. Ob er nicht wisse, was das für eine achtköpfige Arbeiterfamilie, wie z. B. bei mir, zu bedeuten habe? Dann müßte ich doch mit meiner Familie einfach verhungern, denn da ich wöchentlich rund 30 Pfund Brot brauche, hätte ich den Agrariern jährlich 188 Mark allein für Brot mehr zu opfern. Wir gerieten so in die Wut, daß er mir schließlich des armen Tolstojs Krieg und Frieden vor die Füße schleuderte, so daß ich schon meinte, es ginge in tausend Fetzen; ich solle nur meinen Dreck selbst besorgen. Dann stürzte er zur Türe hinaus, mir noch einen vernichtenden Blick zuwerfend. Allein im Tagesraum fanden wir uns bald wieder; er bot mir die Hand und meinte, daß wir am besten überhaupt nicht mehr politisieren wollten, da ja keiner dem andern Recht gebe und die Parteianschauungen direkt entgegengesetzte seien. Und dann nahm er das Buch doch noch mit.

Am 7. August sahen wir von der Liegehalle aus die Patienten ankommen, von denen der eine einen tüchtigen Schwips zu haben schien und wir waren richtig nach der »Absoluten« kaum in den[313] Tagesraum gekommen, als wir schon hörten, daß der Angetrunkene keinen Thermometer genommen habe. Er sei vielmehr noch der Schwester frech und unbotmäßig entgegengetreten, ferner fehlte er sowohl beim Kaffee als auch beim Abendbrot und am andern Tag früh hatte er schon wieder den Fahrschein nach Gera in der Tasche. Seine Kur hatte demnach nicht einmal einen Tag gedauert und außerdem hatte er in der Heilstätte keinen Bissen Nahrung zu sich genommen. Es ist leider traurig, daß noch solche Elemente, die kein bißchen Selbstbeherrschung mehr besitzen, unter der Arbeiterschaft vorhanden sind.

Am Abend war auch der Kaufmann wieder zurückgekehrt. Er sprach wieder ganz freundlich zu mir, und erzählte mir von seiner jungen Frau und seinem Töchterchen, das ihm sehr ähnlich sehen sollte. Seine Frau habe sich gefreut über seine gesunde Farbe, seine weiße Haut, seine vollen Körperformen und seine schönen weißen Zähne, die vorher viel schlechter ausgesehen hätten. Das Tolstojbuch würde seine Frau selbst an seine Adresse besorgen, ich sollte unbekümmert darüber sein. Leider hatte ich am Sonntag darauf schon wieder eine Auseinandersetzung mit ihm, und zwar diesmal wegen der Kirche und des Glaubens. Ich zergliederte ihm die Thesen der mosaischen und der Darwinischen Schöpfungsgeschichte und meinte, daß die letztere doch wohl die richtigere sei. Allein er ließ sich auch hier nichts ausreden, und weil bei mir »jeder nach seiner Façon selig werden kann«, gab ich den weiteren Disput darüber auf.

Am 8. August war wieder ein großer Tag für uns: ein Hofprediger – sein Name ist mir leider entfallen, ich glaube aber, daß er aus Weimar war – hatte für den Nachmittag einen Vortrag über die Palästinareise, die er mit Wilhelm II. gemacht hatte, angekündigt. Selbstverständlich freuten wir uns, einmal etwas Selbstgeschautes über das Mittelmeer und die türkische Bevölkerung und das gelobte Land, »da Milch und Honig floß«, hören zu können. Mit Spannung erwarteten wir das Ende der »absoluten« Liegezeit und rückten unmittelbar nach dem Kaffee im Speisesaal zusammen, um den Vortrag entgegenzunehmen. Der[314] Hofprediger, ein Mann von außergewöhnlich hoher breitschultriger Statur, begann, daß er uns eigentlich seinen Vortrag mit einem echten deutschen Liede, dem herrlichen »Deutschland, Deutschland über alles« habe einleiten lassen wollen, von dem er hoffe, daß wir es alle kennten; im Interesse unserer Krankheit wolle er aber darauf verzichten. Im übrigen beschränkte er sich lediglich auf die Beschreibung der heiligen Stätten und der Kirchen in Bethlehem, Jerusalem und Nazareth. Zum Schlusse richtete der Prediger einen Appell an unsere Seele. Wir sollten in uns gehen und nicht den Zweiflern und Abtrünnigen unser Ohr leihen. Wenn Menschen über solche, die zu Gott beten, lachten, so müßten sie ja auch schließlich über ihre Kinder lachen, die ihre Eltern um irgend etwas bitten. Hierzu möchte ich meinen, daß Elemente, die über ihre zu Gott betenden Mitmenschen lachen, dies nur aus Dummheit tun; ein überzeugter Atheist tut etwas derartiges sicherlich nie. Der Redner gab uns zuletzt noch auf, der Kirche treu zu bleiben und dankbar zu sein für die Wohltaten, die uns kranken Menschen in den Heilstätten geschenkt würden. Ewiger Dank gebühre vor allem noch heute dem alten Kaiser Wilhelm. Damit hatte der Vortrag sein Ende. Der Herr Hofprediger verabschiedete sich schnell von den Schwestern, durch ein Kopfnicken von uns. Seine Gemahlin wartete schon vor der Heilstätte auf ihn. Selbstverständlich wurde der Vortrag nachträglich auch kommentiert, und einige Spötter konnten sich nicht enthalten, zu äußern, daß diese Heilstätten doch größtenteils von den Beiträgen der gesamten Arbeiterschaft aufgeführt und erhalten würden.

Am nächsten Tage erschien plötzlich während des zweiten Frühstücks der Oberarzt bei uns und hielt uns eine Strafpredigt. In der Nähe der »Schönen Aussicht« bei Tannroda sollten am Tage vorher drei Damen belästigt worden sein, die Beschwerde geführt haben. Der Arzt war begreiflicherweise darüber erregt und meinte, daß solche Schlote und Hallunken ihm unbedingt gemeldet werden müßten, das sei keine Denunziation. Es komme sonst schließlich noch so weit, daß für uns eine Einzäunung im Walde gemacht werden müsse, über die wir nicht hinausdürfen. Er wolle[315] unbedingt bis zum Abend die Flegel heraushaben, widrigenfalls er den Versicherungsvorsitzenden Geheimrat Elle-Weimar kommen lassen müsse. Aber wir hörten nichts mehr davon. Es kann ja auch sein, daß andere Burschen die Missetäter gewesen sind. Der Schein sprach allerdings für die Hustenburger.

Am 11. August untersuchte mich Herr Dr. Koppert wieder. Er konstatierte abermals, daß meine Lunge bazillenfrei sei, die Stellen wären ausgeheilt, ich müsse aber trotzdem meine Kurzeit durchhalten. Ich habe mich an diesem Tage über meine Genesung so gefreut, daß ich mit zwei Freunden, Meister und Maiwald, im Walde in die tollste Stimmung geriet und wir schließlich gegeneinander ein richtiges Pilzbombardement, natürlich nur mit ungenießbaren, losließen. Aber der Spaziergang sollte mit einem Mißton enden. Wir saßen später gegenüber dem Martinswerk auf einer Bank und pfiffen den Gassenhauer: »Lebt denn meine Male noch,« als plötzlich der schon genannte sehr jugendliche Forstadjunkt mit seinem kleinen Dachshündchen in Sicht kam. Er blieb auf dem Waldpfade stehen und meinte: »Ich werde Sie pfeifen lernen.« Da ich bei meiner Schwerhörigkeit ihn nicht verstand, beugte ich mich über das Tischchen vor und die Hand am rechten Ohr als Schalltrichter benutzend, frug ich ihn nochmals nach seinem Begehr. Er trat darauf dicht vor den Tisch und wiederholte laut: »Ich werde Sie pfeifen lernen,« worauf Maiwald entgegnete: »Wer hat denn gepfiffen, das war'n doch die da oben.« »Was, die da oben?« entgegnete der Adjunkt, »Sie wollen mich wohl noch hier zum Narren halten, die da oben, stehen Sie auf, aber sofort bitte.« Hierauf sagte Maiwald: »Ach gehen Sie weg und belästigen Sie mich nicht mehr. Ich könnte mich sonst aufregen.« Darauf der andere: »Was, ich soll weggehen, Sie wollen mich wegweisen, mich hier in meinem Revier, in meiner Behausung? Was sind Sie denn mir gegenüber? Sie sind ja nur aus Gnade und Barmherzigkeit hier. Ihr müßt doch froh sein, daß man Euch das Leben läßt, denn ohne uns würdet Ihr verhungern.« Darauf natürlich großer und energischer Protest, indem von uns das Umgekehrte für richtig erklärt wurde. Darauf schrie der Herr: »Ich[316] brauche Sie hier in meinem Revier gar nicht zu dulden. Wenn Sie den Schnabel nicht halten, fliegen Sie raus und ich verklage Sie außerdem noch wegen Hausfriedensbruch. Sie haben meinem Befehle sofort Folge zu leisten.« Unsererseits wurde ihm nachmals bedeutet, uns in Ruhe zu lassen. Das machte ihn aber nur noch wilder. »Was sind Sie gegen mich geschulten Mann? Was glauben Sie wohl, was ich für eine Gewalt über Sie besitze? Ich werde morgen zum Arzt kommen und Sie herauswerfen lassen.« Ich bat nun meine Kollegen, doch abzulassen und ihn stehen zu lassen; allein ich predigte tauben Ohren. Der Skandal ging weiter und der Adjunkt wollte die Namen haben. Schließlich drückte ich mich seitwärts in die Büsche und ging allein nach Hause.

In diesen Tagen – es war am 23. August, einem Sonnabend – reiste auch mein alter Politikus, der Jenenser Kaufmann, ab. Er hatte sich schließlich an den verbissenen Roten gewöhnt, dem er trotz aller Agitationskünste nichts anhaben konnte. Wir sollten uns also von nun an nicht mehr streiten. Seine Frau hatte ihm geschrieben, daß der 23. August für sie der größte Feiertag dieses Jahres sein würde. Er war froh, wie alle anderen auch, die geheilt diese Stätte verlassen, nach langer Abwesenheit die Ihrigen wiederzusehen. Ich begleitete ihn bis zur Bahn. Als seinen Nachfolger bekam ich einen intelligenten und angenehmen Zimmerkollegen in der Person eines Tischlers aus Altenburg, eines geborenen Österreichers, der bereits die zweite Kur machte. Er unterhielt mich besonders des Abends vom Bett aus lebhaft und sprach vor allem sehr viel über Opern. So erklärte er mir den »Tannhäuser«, die »Undine« sowie »Die versunkene Glocke«, welche er mehrmals im Altenburger Hoftheater gesehen hatte.

Dann kam wieder ein Sonntag. Ach, wie ungern hatten wir den, wenn Ausflügler oder die Leute von Tannroda und Berka mit ihren Familien spazieren gingen, und uns an die Lieben zu Hause erinnerten. Meine Frau hatte mir gerade damals wahre Jammerbriefe geschrieben. Kein alter Hund frage nach mir, viel weniger die Genossen und Kollegen. Sie sei sich selbst überlassen mit den vielen Kindern und wachte oftmals vor Sorge und Aufregung[317] in der Nacht auf. Auch sie sei nicht gesund. Sie leide an Schwindel, chronischem Kopfschmerz, Herzdrücken und Luftmangel und wolle Gott danken, wenn ich wieder zu Hause wäre. Am Nachmittag dieses Sonntags war ich mit meinen beiden Spezialfreunden wieder einmal nach Berka spaziert. Weil es Sonntag war, verlockte es uns, in »Stadt Leipzig« ein Glas Bier zu genehmigen. Wir trafen darin einen ganzen Schwarm Hustenburger an. Da war ein Maurer, ein Schneider, der für gewöhnlich »Nieselpriem« genannt wurde und stets ein Bild des alten Liebknecht, in Perlmutter geschnitzt, an seinem Rockkragen trug. Einige Tage später, als er mit dem Assistenzarzt Dr. Litzner am Feldrande stand, hatte er wegen dieses seines Talismans mit diesem eine kleine Wechselrede. Jener frug, auf das Bild deutend, wer das sei. »Nun, kennen Sie den Mann nicht,« entgegnete ihm der Schneider, »das ist der alte Liebknecht.« »Ach, für diese Leute könnte ich mich nicht erwärmen,« antwortete der Arzt. »So? Aber Sie wären der einzige Arzt nicht, der unsern Ideen huldigte,« erwiderte der, »kommen Sie mal nach Berlin, z. B. zu Dr. Freudenberg, da hängt das ganze Sprechzimmer voll solcher Männerbildnisse.«

Am 25. August untersuchten mich abermals beide Ärzte und konstatierten völlige Genesung. Meine Abreise wurde darauf auf den 3. September festgesetzt. Ach, wie schlug mir bei dieser Nachricht das Herz hoch und freudig! Endlich sollte ich meine Lieben wiedersehen. Und wie würde sich meine Familie freuen, wenn sie die frohe Botschaft empfinge? Jetzt hatte ich das Ziel der Genesung erreicht! Und mit frohem Mute erhob ich mich am folgenden Morgen von meinem Lager: in sieben Tagen war ich daheim!

Freilich, ich wäre schon am 28. August gern zu Hause gewesen. Denn da war der 7. Geburtstag meiner ältesten Tochter Hedwig. Merkwürdig – sonst dachte man kaum an die Geburtstage der Kinder. Denn, offen gesagt, vergehen in den Proletarierfamilien solche Tage, ohne daß überhaupt daran gedacht wird. Und es ist ja doch auch nur ein Tag wie jeder andere. Geschenke zu geben ist so wie so nicht möglich. Man ist froh, wenn man zu Weihnachten den Kindern etwas schenken kann; Mann und Frau müssen freilich[318] auch dann auf gegenseitige Geschenke verzichten. Ich persönlich habe zum Beispiel nie in meinem Leben etwas zum Geburtstag geschenkt erhalten, ausgenommen in der Schulzeit von meinem Freunde Ernst Dietzmann ein Buch. Aber bei dessen Geburtstag wurden wir stets eingeladen und mit Kuchen, Torte und dicker Schokolade bewirtet, in der selbst der Löffel stecken blieb. Bei uns zu Hause gabs freilich nichts dergleichen, höchstens eine Extraauslage Hiebe, und als verheirateter Mann ist es auch nicht anders geworden, d. h. Hiebe gibt es nicht, aber manchmal aus irgend einem, meist pekuniären Anlasse, Unfrieden mit der besseren Hälfte. Aber einem mußte und konnte ich wenigstens an jenem Tage eine Freude machen, und zwar dem alten Politikus, dem Kaufmann aus Jena. Nach dessen Abreise hatte ich auf dem Rückweg im Walde sein Zigarrenetui mit dem Bildnis seiner schmucken Frau gefunden, das er höchstwahrscheinlich aus der Überziehertasche verloren hatte. Und ich selbst erfuhr auch eine große Freude. Ich erhielt die Glücksbotschaft, daß mein Freund und Kollege Fuchs, der spätere Werkmeister, unter meinen Mitarbeitern 12 Mark gesammelt und meiner Frau durch den Schlosser Schaller hatte übergeben lassen. Denselben Abend war dann noch in der Liegehalle ein Gesangskonzert. Es war schon ein ganzes Repertoir heruntergeleiert worden, wie: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn«, »Ich kenn ein Tal so wunderschön«, »Ich bin so gern, so gern daheim«. Auch Dr. Litzner klatschte Beifall, als er auf dem Wege nach seinem Abendschoppen in Tannroda vorüberkam. Allmählich wurde dann aber zu Kouplets und anrüchigeren Liedern übergegangen. Ich dirigierte gerade: »Wir sind die Sänger von Finsterwalde«, als der Oberarzt hinter mir stand. Wie ein begossener Pudel schlich ich mich nach meinem Liegestuhl. Der Arzt aber sagte: »Das ist zu toll. Ich habe schon unten in der Aussicht Ruhe geboten und hier finde ich denselben Spektakel. Ich lasse mir wohl ein harmloses Volkslied gefallen, aber solche Lieder leide ich einfach nicht. Überhaupt Leute, die starken Auswurf haben, sollten am besten gar nicht singen. Ich verbitte mir das für die Zukunft und sage das in Ihrem eigenen Interesse.«[319] Am 29. August traf ich auf einer Bank, die nebst einem Tischchen im dichtesten Unterholz angebracht und »Fröhliche Wiederkunft« getauft worden war, mit einem Chinakämpfer zusammen, der beim ostasiatischen Reiterregiment den Spaziergang nach China mitgemacht hatte. Er erzählte mir allerhand Abenteuer. Er trug einen silbernen Ring und eine Uhr, die er von einem Juwelenhändler in Poating-Fu geschenkt erhalten haben wollte, dann sagte er, daß er 24 Meter feinste Seite mitgebracht habe und einmal mit noch 2 Kameraden eine Orgie mit sieben Chinesenmädchen gefeiert habe. Ich habe auch bei meiner zweiten Kur eine ganze Anzahl solcher Vaterlandsverteidiger kennen gelernt, aber etwas Gutes habe ich von keinem gehört.

Am 30. August verfaßte ich eine Begrüßungsadresse an unsern Landesparteitag, der am 31. August in Kahla zusammentrat. Die Mehrzahl der Leidensgenossen aus dem Herzogtum, welche sich hier zur Kur befanden, steuerten zum Porto bei; zugleich rüstete man an diesem Tage schon für das Sedanfest, das in der Anstalt großartig gefeiert werden sollte. Außer einem mächtigen haushohen Scheiterhaufen wurden Buden mit Würfelspiel, Lotto und Radverlosung aufgebaut. Gewinne dafür waren in Berka auf Rechnung der Heilstätte gekauft worden. Es waren sogar einige im Werte von 3–4 Mark darunter. Das Eigenartigste war der Bau des Scheiterhaufens. Er wurde auf dem Stoppelfeld des Rittergutes München, dicht am Bergabhang errichtet. Ich trug lediglich einige Stämme mit zu, die zerschnitten und gespaltet und dann abwechselnd mit einer Schicht Reisig aufgetürmt wurden. der Haufen war schließlich so hoch wie ein kleines Haus; oben auf der Spitze thronte ein Fanal, das man mit einem alten Rock und einem Hut aufgeputzt hatte. Eine riesige Menge Holz war dazu verwendet worden. Ich glaube, in meinem Familienhaushalt hätte ich mit dem Holz ein halbes Jahr und länger heizen können.

Bei der Abendliegekur kam ich mit meinem Nachbar Segelken noch in ein interessantes Gespräch über den Untergang der Republik Venedig durch Napoleon Bonaparte, und schließlich kamen wir auch auf das in der Nähe von uns gelegene weimarische[320] Schloß Kranichfeld zu reden. Segelken erzählte mir, daß Napoleon dort 1806 oder 1807 im Quartier gelegen habe. Es sei ein Attentat auf ihn geplant gewesen, aber durch den Schloßkastellan Witzmann, dem Großvater des jetzigen Besitzers, verraten worden. Zum Dank dafür habe Napoleon das Schloß konfisziert und dem Kastellan zum Geschenk gemacht. Ob das wahr ist, kann ich auch heute noch nicht kontrollieren. Aber meine Neugierde nach dem Schloß war geweckt, und so wurde beschlossen, am nächsten Tage, dem letzten Sonntag meines Aufenthaltes, dem Schlosse einen Besuch abzustatten. In Gesellschaft meiner Spezialfreunde, sowie der Kollegen Leube und Segelken gings sofort nach dem Kaffee los. Die Familie des Besitzers betrieb in dem Schlosse eine Restauration. Wir waren äußerst erstaunt, an den Wänden die Bilder unserer beiden Parteiführer Bebel und Liebknecht im schmucken Rahmen hängen zu sehen. Außerdem waren 6 junge Damen, darunter einige Leipziger, zur Sommerfrische anwesend, mit denen wir uns prächtig amüsierten. Von den hochgelegenen Fenstern des rechten Balkonzimmers aus hatten wir eine herrliche Aussicht auf das Ilmtal. Im Hintergrund am Horizont stand der Kickelhahn bei Ilmenau. Allzuschnell entschwand die Zeit, ja wir hatten uns beinahe schon zu lange aufgehalten. Unglücklicherweise verliefen wir uns auch noch etwas, und so kamen wir mit einer Verspätung von 5 Minuten auf unserer Hustenburg an. Die Schwester Lisbeth stand wie zufällig vor der Türe. Sie war wenig über unser Zuspätkommen erfreut, und wollte es uns erst durchaus nicht glauben, daß wir uns verlaufen haben sollten. »Geht doch, solchte alte Kerle, die schon ein Vierteljahr da sind und verlaufen, das macht doch weiß, wem Ihr wollt!« Als ich ihr aber nachher beim Ohrenausspritzen im Laboratorium den Sachverhalt nochmals klarlegte, glaubte sie es. Die andern meinten, sie habe unser Ausbleiben schon dem Dr. Litzner gemeldet gehabt. Ich hörte aber nichts von der Sache.

Am nächsten Morgen war der große Tag des Sedanfestes erschienen. Vormittags ging ich nach Berka, um für Frau und Kinder einige kleine Geschenke einzukaufen. Beim Nachmittagskaffee,[321] der diesmal um 3 Uhr gereicht wurde, erhielt jeder Mann drei Biermarken. Zum Vogelschießen kostete das Los 10 Pfennige. Ich nahm nur eins, und 50 Pfennige verspielte ich am Roulette. Dafür gewann ich nur ein Stück Seife. Ein anderer, Winkler-Sonneberg gewann dagegen Schlag auf Schlag. Er schenkte mir aus Mitleid ein Messer, von denen er mehrere gewonnen hatte. Zweimal mußte er seine Gewinne in sein Zimmer schleppen, weil er schon Taschen und Hände übervoll hatte. Im Lotto verspielte ich 20 Pfennige und gewann 2 Schüsseln und 1 Flasche Parfüm. Zum Abendbrot erhielt jeder Mann 2 Rostbratwürste. Ich aß nur eine, die zweite verteilte ich unter die zahlreich erschienenen armen Tannrodaer Kinder. Das Schönste war der Brand des Scheiterhaufens am Abend. Das gab einen grandiosen Anblick. Das Feuer muß weithin sichtbar gewesen sein. Die ganze Feier nahm sich aus, als ob wirklich da ein kleines Städtchen Schützenfest hätte. Der Oberarzt hatte dazu Weimarer Herrschaften zu Besuch empfangen. Ich glaube, sogar der Vorsitzende des Heilstättenvorstandes, Geheimer Regierungsrat Elle, war anwesend, ebenso eine Menge Damen und Herren aus den Regierungskreisen, wie ich durch andere hörte. Gegen Abend sprach ein Patient noch einen selbstverfaßten Prolog; nach Einbruch der Dunkelheit fand eine Illumination und Rotfeuer statt. Gegen 1/2 11 Uhr war alles wieder still und wir verfügten uns in die Klappe.

Am 2. September war endlich mein letzter Tag in der Hustenburg angebrochen. Bei der Schlußuntersuchung konstatierten die Ärzte, daß meine Lunge vollständig gesund sei. Aber ich sollte die kalten Abreibungen weiter machen und nicht zuviel Fleisch, sondern mehr Pflanzenkost essen. Ich beruhigte den Arzt darüber, da ein Proletarier schon an und für sich nicht zuviel Fleisch zu sich nehmen kann; das verhindert schon der leere Geldbeutel. Dann packte ich mit leichtem Herzen meine Koffer und übergab die Bibliothek an meinen Schlafkollegen Wagner. Die Nacht über schlief ich sehr unruhig. Vierundzwanzig Stunden später würde ich in den Armen meiner geliebten Frau ruhen. Endlich brach der Morgen an. Ich verabschiedete mich von Ärzten, Schwestern und[322] Kameraden, lief nach Berka, wohin der Bäcker, der jeden Morgen mit Geschirr die Brötchen bringt, meine und der anderen beiden abreisenden Kollegen Gepäck mitgenommen hatte und bald führte das Dampfroß »Pussel« uns unsern heimischen Penaten entgegen. Wenn es keine Lungenheilanstalt gewesen wäre, hätte man rufen können, die schönen Tage in Aranjuez seien nun zu Ende. Das Wiedersehen zu Hause brauche ich nicht zu beschreiben, das kann sich ein jeder selbst ausmalen. Aber ich will hier noch 2 Statistiken anfügen, erstens über die Speisen während der ersten Kur und zweitens über meine Lektüre während dieser Zeit; die meisten der Bücher hatte ich mir selbst von zu Hause mitgebracht, natürlich nur solche, die ich noch nicht gelesen hatte. Aus der Speisekarte kann jeder ersehen, daß schon ein sehr reichlicher Arbeitslohn nötig wäre, wenn der Entlassene zu Hause dieselbe Kost weiter nehmen wollte.[323]


In der Lungenheilanstalt

In der Lungenheilanstalt

In der Lungenheilanstalt

Weitere Fortsetzung kann ich mir ersparen, da immer dasselbe wieder an die Reihe kam.

Und nun meine Lektüre: Gorki: »Mein Reisegefährte«*, »Makar Tschudra«*, »Konowalow«*, »Tschelkasch«*, »Foma Gordjejew«*, »Sechsundzwanzig und Eine«*, »Ehepaar Orlow«*; Hildebrandt: »Reise um die Erde«*; Knopf: »Die Bekämpfung der Tuberkulose«*; Loti: »Islandfischer«*; Kleist: Werke; v. Ense: »Derfflinger«*; Weber: »Demokritos«; Telman: »Unheilbar«*; Korolenko: »Der blinde Musiker«*; Heyse: »Zwei Gefangene«; Kennan: »Sibirien«; Kleist: »Prinz von Homburg«; Bleibtreu: Dies irae; Schiller: »Über naive und sentimentale Dichtung«; Heinrich Seidel: »Erzählungen«; Kleist: »Marquise v. O.«; Tolstoj: Krieg und Frieden«; Elise Schweichel: »Dunkle Nächte«; dieselbe: »In Fesseln«; Kirchbach: »Das Leben auf der Walze«; Wasgauerzählungen; Arnold: Novellen; Bube: »Sagenkranz für Thüringen«; Wolf: Novellen; Ludwig Börne: Sämtliche Schriften; Viebig: »Das tägliche Brot«; Petöfi: Gedichte*; Lenau: »Albigenser«*; Dodel: »Moses oder Darwin«*. Ich glaube, daß dies eine ziemlich respektable Leistung ist. Etwa die Hälfte der genannten Schriften waren mein Eigentum, und zwar die mit dem Stern angemerkten. Ich habe kurz darauf auch »Jena oder Sedan«, »Die Waffen nieder« und »Jörn Uhl« gelesen und ich muß sagen, die beiden letzteren waren Ereignisse in meinem Leben. Dasselbe kann ich auch über Hegelers »Pastor Klinghammer« sagen.

Nun war ich wieder zu Hause. Während meiner Schonzeit bemühte ich mich ernstlich um einem gesünderen Beruf. Alles vergeblich. Was soll man also anfangen? Kurz, das eiserne Muß, den Hunger von der Familie fern zu halten, trieb mich schließlich[325] doch wieder nach der alten Arbeitsstätte, in die Fabrik. Das Springen und Laufen früh zum Arbeiterzug nahm wieder seinen Anfang. Der Ärger über meine Widersacher in der Fabrik und die Rackerei infolge neuer Lohnreduktionen seitens des Meisters quälten mich wieder so wie vorher. Obgleich mir meine Frau himmlische gute Worte gab, meine Gewerkschafts- und Parteiämter niederzulegen, konnte ich das doch nicht mit meiner Gesinnung vereinbaren, zumal das folgende Jahr ein Wahljahr wurde.

Schon bei den ersten Versammlungen, die ich wieder besuchte, wurde die kommende Reichstagswahl – es war die von 1903 – besprochen und wir Vorstandsmitglieder hatten nun natürlich die Hauptarbeit zu leisten. Je näher die Wahl heranrückte, desto mehr Arbeit gab es, desto öfter hatten wir Sitzungen. In den letzten Wochen immer mehr als zwei. Dabei hatte ich außerdem noch alle Korrespondenzen zu erledigen, Redner zu bestellen, Berichte und Artikel zu schreiben. Und je mehr das alles meine Zeit in Anspruch nahm, desto mehr schimpfte auch die Alte wieder. Auch hieß es, an den Sonntagen mit hinaus aufs platte Land und Flugblätter tragen. Und wieder bekam ich dabei stellenweise das fürchterlichste Elend zu sehen. Im Winter ist es stets noch größer als im Sommer. So sah ich auf einer Tour, die die Orte Reichstädt, meines Vaters Heimat, Frankenau und Hartha umfaßte, im Hirtenhause des Rittergutes Reichstädt, einer etwa 150 Jahre alten Lehmhütte mit kleinen runden Schiebfensterchen, ungedielten Räumen und Strohdach, eine Arbeiterfamilie mit 9 Kindern am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr um den Tisch herumsitzen; die Kleinen stippten ihre trockenen Brotstücken in die Zichorienbrühe, während die Eltern stumm vor sich hinbrüteten. Dasselbe Elend traf ich in Hartha an. Auch hier saßen die kleinen Dingerchen mit trockenem Brot und dunkler Brühe am Tische beim Morgenmahl, während ihre Mutter, ein abgehärmtes, abgemagertes und abgerackertes Weib, schon mit Arbeit beschäftigt war. Da ich regelmäßig jedes Jahr im Herbst ihnen unseren Agitationskalender gratis brachte, lernten die Leute mich allmählich kennen und faßten Vertrauen zu mir. Da hat mir eines Tages auch diese Frau ihre Leidensgeschichte[326] erzählt: Schwere Arbeit, alle Jahre ein Kind, der Mann ein Säufer. Selten gab er ihr Geld von seinem kargen Lohne, gewöhnlich nur Schläge. So mußte sie allein durch Lohnarbeit bei den Bauern – 50 bis 70 Pfennige bei 14 Astündiger Arbeitszeit – die Kinder ernähren. So wurde sie hart, so hart, daß jede mütterliche Zärtlichkeit für ihre Kinder erstorben schien. Eines Nachts kam der Mann wieder einmal total betrunken nach Hause. Sie schimpfte, ließ ihn anfangs überhaupt nicht ein, dann nur in die Stube, damit er auf dem alten Sofa seinen Rausch ausschliefe; als sie aber früh aufstand, hing er tot an der Türklinke. Sie habe ihm keine Träne nachgeweint. Mir aber standen die Tränen in den Augen. Da war ja mein Jammerleben noch golden dagegen zu nennen. Unsereiner fand wenigstens Trost bei einem Buche, damit träumte man sich aus dem engen Dasein in eine höhere Welt hinein; aber hier war nur grenzenloses Elend, Not, Unwissenheit und Stumpfsinn. Ich war stets froh, wenn ich wieder zur Tür hinaus war; doch den ganzen Tag über kamen mir die arme Frau mit ihren Kindern nicht aus dem Sinn. Dann wieder kam man zu reichen Bauern, die im Überfluß schwelgten, wo Schinken, Würste und Fleisch frei im Hausflur herum hingen. Am letzten Sonntag vor der Wahl war die Arbeit besonders gehäuft. Vormittags besorgte ich meine Tour mit Flugblättern und Stimmzetteln und um 3 Uhr Nachmittags hatte ich in einer Volksversammlung in Gessen zu referieren. Es fanden an diesem Tage allein 6 Versammlungen in unserem Bezirk statt. Das Material zu meinem Vortrag entnahm ich zum größten Teile dem Handbuch für Reichstagswähler. Als Vorsitzender fungierte dabei ein Freund von mir, ein Klempner von Beruf, der lange Jahre in Berlin gearbeitet und dort die Arbeiterbildungsschule besucht hatte. Er war Vegetarier und Abstinenzler zugleich. Was er trotzdem am Tage der Wahl per Rad für Strapazen überstanden hat, war staunenswert. Ich konnte das am besten beurteilen, da ich gegen Abend den gesamten Aufsichts-, Kontroll- und Schlepperapparat vom Wahlbureau aus mit zu leiten hatte. Er verlor wegen seiner Beteiligung am Tage der Wahl seine Arbeit und[327] mußte wieder nach Berlin gehen, wo er heute noch lebt und sogar Mitglied der theosophischen Gesellschaft geworden ist. Meiner Ansicht nach kommt diese Wissenschaft erst einmal in Frage, wenn einst die sozialistischen Endziele verwirklicht sind, wenn ein glücklicheres, freieres Menschentum geschaffen ist, und der Dämon Kapital aufgehört hat, zu existieren. Mein Landstraßen-Philosoph Schuchardt hatte mir kurz vor dem Wahltage ein Flugblatt aus Gotha geschickt, das in einem Bilde und einem Dialog zeigte, wie ein reicher Grundbesitzer einen armen Kuhbauern zur Abgabe einer agrarischen Stimme ködern wollte. Ich schrieb sofort an unser Zentralkomitee, das Flugblatt auch bei uns auszugeben; es geschah und hat Wunder bewirkt. Unser Buchwald wurde mit 1200 Stimmen Mehrheit gewählt; nachher allerdings wurde seine Wahl wieder für ungültig erklärt, angeblich weil der Minister von Helldorf gegen die Kandidatur des Bundes der Landwirte und für einen Freikonservativen eingetreten war!! Wer lacht da nicht?

Alljährlich werden von der Versicherungsanstalt am Jahresschluß Fragekarten über den augenblicklichen Zustand der Patienten versendet. Ein jeder hat die schon frankierte Karte umgehend beantwortet zurückzusenden. Schon auf meiner zweiten Fragekarte mußte ich erklären, daß sich mein Gesundheitszustand wieder verschlimmert habe. Es war ja freilich kein Wunder. Kommt man in die alten Ursachen der Krankheit, d. h. in den Fabrikstaub zurück, so treten nach längerer oder kürzerer Zeit auch die alten Wirkungen wieder ein. Etwa 14 Tage nach der Einsendung meiner Karte – am 14. Januar 1904 – erhielt ich ein mittels Steindruck hergestelltes Schreiben der Versicherung, welches mich direkt zu einer zweiten Kur aufforderte. Und da mein mich behandelnder Arzt mir eine solche schon im Sommer vorher geraten hatte, so stellte ich meinen Antrag auf abermalige Aufnahme in eine Lungenheilanstalt. Er wurde schnell und prompt berücksichtigt. Schon für den 10. März 1904 wurde ich abermals nach der Sophienheilstätte einberufen. Abschied und Abreise vollzogen sich ebenso programmwidrig wie das erste Mal. Auf dem Bahnhofe[328] stand diesmal zum Abschied auch mein Freund Klecha. Er kannte meine Gefühle, als er mir den Reisekorb, den ich mir diesmal von meiner Schwester geliehen, in den Salonwagen vierter Klasse tragen half. Er ist gleich mir erfüllt von glühendem Wunsche nach Bildung, auf die er ebenso wie ich verzichten mußte. Denn auch er mußte die Gymnasiumbank in Untertertia mit dem Schraubstock und Kehrbesen vertauschen. Er kann viel bessere Verse machen als ich und hat mich erst in die Geheimnisse der Metrik eingeführt. Schon am Ende meiner ersten Kur schrieb er mir einmal: »Wie wird sich Dein armer Magen und Deine arme Lunge krümmen, wenn sie wieder Proletarierkost und Proletarierluft aufnehmen müssen!« Sie haben sich gekrümmt, und schnell genug war es wieder so weit, daß ich abermals die Bazillenvernichtungsstätte aufsuchen mußte.

In derselben traurigen Stimmung, wie das erste Mal fuhr ich meinem Bestimmungsorte entgegen. In den Wäldern bei Berka lag noch der Schnee. Wieder wie das erste Mal waren wir vier neue Ankömmlinge, drei Arbeiter und ein Bahninspektor, aber freilich nur von den thüringischen Nebenbahnen. Die Schwester Lisbeth empfing uns ebenso freundlich wie früher. »Sie sehen nicht schlecht aus,« meinte sie zu mir. Dann wartete ich wie einst im Tagesraum; eine halbe Stunde später ging ich wie einst zum Kaffeetrinken, wo mich mein Freund Meister begrüßte, der ebenfalls, und zwar schon seit dem 8. Februar wieder in der Heilstätte war. Zum Glück war in seiner Liegehalle eben ein Stuhl und zwar dicht neben ihm, freigeworden. Es war diesmal Liegehalle und Gemeinde Waldfrieden und Meister war ihr Bürgermeister. Als 14 Tage später ein Geraer Glaser abging, wurde ich Vizebürgermeister und später nach Meisters Abgang sogar selbst Bürgermeister. Ich kam diesmal auf Zimmer 5 zu liegen, das nur 3 Betten faßte. Meine Schlafkollegen waren ein Obermeister aus Weimar und ein Zuschneider aus Arnstadt. Der Obermeister, ein Bayer von Geburt, war ziemlich gesprächig. Er erzählte gleich am ersten Abend aus seiner früheren Stellung in einer Kasseler Waggonfabrik einen für mich interessanten Fall. Da hatte ein Tischler[329] den ersten Mai gefeiert, aber nicht durch Arbeitsruhe, sondern dadurch, daß er Morgens in Feiertagskleidern mit einem roten Schlips an seiner Hobelbank stand, um für den Weltfeiertag zu demonstrieren. Als der Chef, ein Herr Kommerzienrat, durch den Saal ging, um zu sehen, wer fehlte, erblickte er auch den Demonstranten. Er fragte ihn, ob ihm die rote Farbe gefalle, und als dieser bejahte, rief er meinen Schlafkollegen, den Meister und ordnete an, daß der Platz des Tischlers mit rotem Tuch ausgeschlagen würde. Der Befehl wurde ausgeführt, aber am Sonnabend darauf erhielt der Tischler seine Kündigung. Sancta simplicitas!

Bei der Untersuchung am nächsten Tage frug mich der Oberarzt Dr. Koppert: »Nun, Bromme, sind Sie schon wieder hier? Wie lange ist denn das her, daß Sie fort sind?« Ich erwiderte: »Fast zwei Jahre, Herr Doktor.« »Was, schon 2 Jahre? Mir ist, als ob es erst vor 4 Wochen gewesen ist.« Bei der Untersuchung meinte er, daß ich meine Kurvorschrift gut befolgen solle, dann würde schon wieder Heilung eintreten.

Unter meinen diesmaligen Leidensgenossen war auch mein ehemaliger Nachbar in Ronneburg, Richter, der Winkeladvokat, den ich schon bei der Schilderung des Kollex erwähnte. Ich war geradezu erschrocken, als ich eines Tages nach dem Kaffeetrinken meine Butterbüchse wegsetzte und dabei im Gedränge auf Richter stieß. Wie sah der aus! Gerade als ob man ihn eben in den Sarg legen wollte! Sein Lebenswandel hatte sich bitter an ihm gerächt. Er hatte die Nächte hindurch gezecht, war aber trotzdem Morgens um 7 Uhr bei der Arbeit, die er glänzend leistete. Er sollte nach Aussage seines Chefs ein Sortierer gewesen sein, wie man selten einen findet. Ich selbst habe das beim Genossen Reichardt gesehen, dem ehemaligen Mausefallenkompagnon, der dann die Zigarrenfabrikation betrieb und für den Richter Sonntags Vormittags sortierte. Das Sortieren ging bei ihm so schnell, daß man ihm kaum mit den Augen folgen konnte; dabei verwechselte er nie eine Farbe. Alle 5 bis 6 Schattierungen des Tabaks lagen geordnet da, als wären sie zusammen gefärbt. Aber dafür machte Richter auch[330] jeden Montag blau und manchmal auch Dienstags noch. Einen Montag Nachmittag hat er von 3 bis 8 Uhr im Bergschlößchen Restaurant zu Ronneburg 27 Glas Lagerbier getrunken! Dabei priemte er und rauchte die stärksten Mexikozigarren; schließlich war er auch noch geschlechtlich unmäßig. Neben seiner Frau hatte er immer noch 1 –2 heimliche Liebsten. In seiner Winkeladvokatur machte er die tollsten Dinger. Einen besonders dummen Bauer brachte er um mehr als 2000 Mark; auch meinen Kollegen Fuchs, von dem er 2 Bände »Deutsches Recht« für 26 Mark gegen Ratenzahlungen kaufte, betrog er, indem er nach der ersten Rate die beiden Bände auch an jenen Bauer für 40 Mark in bar verkaufte und an Fuchs nichts weiter bezahlte, der seinerseits gegen ihn nichts machen konnte, weil er ihm das Werk auf Treu und Glauben und nicht gegen Handschrift gegeben hatte. Als Richter dann mit einer verwitweten Gutsbesitzerin eine Hypothekensache machte, bei der er die Frau abermals prellte, schlug das auch unter uns dem Fasse den Boden aus. Wenn er auch zur Maifeier den Bürgermeister, die Schutzleute und Gegner in noch so schönen satirischen Parodien verspottete, es half ihm nichts mehr. Alle Sympathien für ihn waren dahin, zumal er auch noch mehr derartige Sachen auf dem Kerbholze hatte. Es kam der Antrag, ihn aus der Partei auszuschließen und ich selbst mußte für seinen Ausschluß stimmen. Für die Hypothekensache bekam er vier Monate Gefängnis, die ihn vollends aufrieben. Dazu hatte er und seine Frau mit 2 Kindern nun bittere Not zu leiden. Als er dann wieder eine Stelle in Wintersdorf erhielt, war wieder eine Betrugsanklage eingegangen, die abermals mit vier Monaten endete. Inzwischen hatte ihm der mörderische Bazillus bereits einen Lungenflügel vernichtet, und so kam er, gebrochen an Leib und Seele, auf der Heilstätte an. Die ersten Tage konnte er nur umher schleichen. Er hatte immer Fieber, das sich oft bis auf 39 Grad steigerte. Dabei mußte er einige Tage im Bett liegen. Da dichtete er die Schwestern und die Ärzte an. Eines Vormittags frug mich Schwester Lisbeth im Waschhause, wo sie in den Vormittagsstunden tätig war, ob ich meinen Freund Richter schon besucht hatte. Ich entgegnete,[331] daß die Freundschaft meinerseits nicht so weit her sei. Er erholte sich aber bald zusehends. In der Liegehalle legte er sich natürlich neben mich. Husten und Auswurf hatte er fast nie, seine Lunge war anderswie fortgegangen. Seine Stimme klang anfangs wie aus dem Grabe; aber Schwester Jenny gab ihm täglich Vormittags und Abends ein Glas Eierkognak, eine Vergnüstigung, die vor und nach ihm kaum einer wieder gehabt haben wird. Das machte ihm die Stimme wieder klar, so daß er nach einigen Wochen seinen Tenor wieder hatte und wie eine Heidelerche sang. Er bekam belegtes Frühstück und auch sonst taten Ärzte und Schwestern alles, was sie konnten. Ich spreche von den Ärzten und möchte da bemerken, daß diesmal ein neuer Assistenzarzt Herr Dr. Landgraf da war, ein ehemaliger Marinearzt, ein sehr freundlicher, liebenswürdiger Mann und guter Arzt, den ich hochschätzen gelernt habe.

Als sich Richter etwas herausgemausert und wieder Stimme und Farbe bekommen hatte, wurde er übermütig, erzählte Schrullen und Schnurren, bei denen er allerdings auch manchmal auf schlüpfrige Thematas geriet und unterhielt damit nicht nur unsere Liegehalle und seine 5 Schlafkollegen, sondern die ganze Gesellschaft. Deshalb hatte er auch immer eine ganze Korona von Anhängern um sich. Sie waren so vernarrt in ihn, daß er wie ihr Häuptling erschien. Er konnte den Tag 4 Mal ins Freie gehen, so waren auch 4 Mal seine Schuhe gewichst; damit brauchte er selber sich nicht abzugeben. Er hatte dazu seine Dummen, pardon, seine Leute. Dabei gerierte er sich stets als gewichtiger Parteigenosse, gab Agitationsabenteuer und alles Mögliche zum Besten, und wenn ich in der Nähe stand, war stets sein letzter Satz: »Is nich wahr, Willy?« Ich bestätigte seine Renommistereien gewöhnlich, obwohl ich meistens gar nicht auf die Quasselei gehört hatte, nur um ihn schnell los zu werden, indem ich gewöhnlich nickte. Aber die Kollegen riefen dann manchmal, wenn ich nicht dabei war: Is nich wahr, Willy? Das waren diejenigen, die Menschenkenntnis hatten, seine Phrasen durchschauten und ihm wegen seiner Zoten nicht gern zuhörten. Was er sich alles herausnahm, war einfach bewundernswert. Am Abend sang er im Tagesraum[332] nach Klavierbegleitung, trotzdem ihm von der Schwester das Singen verboten war. Dann hektographierte er während der »Absoluten« seine Parodien und verkaufte die Sachen für 10 Pfennige das Stück. In dem ersten dieser Liedchen lobte er die Anstalt über alle Maßen, in der zweiten verspottete er die Straßen Berkas mit ihrem sächsisch-weimarischen Schlamm und in der dritten hatte er einige heitere Vorkommnisse aus der Anstalt verewigt. So war z. B. ein armer Waisenknabe aus dem Rhöngebirge durch Vermittelung eines Geistlichen hierhergekommen. Sein Vater war ein Säufer gewesen. Der Knabe war 15 Jahre alt, etwas verwachsen, kaum 3 Käse hoch und ein bißchen beschränkt. Er lernte hier von den Patienten nicht viel Gutes. Er hatte nichts weiter zu tun, als die Schweine zu füttern, deren Stall zu reinigen, die Hühner einzutreiben, die Liegehallen auszukehren und den Hund Peter spazieren zu führen. Eines Sonnabends passierte ihm das Unglück, daß ihm acht Schweine entflohen, als er gerade beim Reinigen war. Vier wurden sofort wieder eingefangen, die übrigen jagten in den Wald. Alles machte dann mit Jagd auf die Flüchtlinge; drei konnten auch an demselben Abend noch erwischt werden; aber das vierte blieb verschwunden, bis es sich am andern Morgen von selbst wieder einstellte. Auch diese Szene hatte Richter im Verse verewigt. Er nahm für seine Dinger, in denen es Stellen gab, wo man sagt: »Reim dich, oder ich freß dich«, an die 4 Mark ein. Bei ihm zu Hause aber war bittere Not. Einer seiner Brüder, ein Tanzlehrer in Berlin, sandte zwar seiner Familie wöchentlich 6 Mark und auch ihm dann und wann etwas. Auch später hat ihn dieser Bruder erhalten, als er aus der Heilstätte mit Ach und Krach herausflog. Man hatte ihn hier vor allem deshalb gern, weil er die ganze Gesellschaft unterhielt und ihnen die Grillen verscheuchte. So hatte erz. B. für unsere Halle ein sogenanntes Ortsstatut verfaßt, nach dem er sich selbst als Gerichtsrat wählen ließ, und als welcher er dann bei Vergehen, unanständigem Betragen, Beleidigungen usw. regelrechte Gerichtsverhandlungen abhielt. Zu solchen Verhandlungen fanden sich dann vor unserer Halle eine Menge Zuschauer ein; alles[333] was Abends keine Liegekur hatte, kam und hörte dem Gaudium zu, wie Richter seine Anklagereden hielt und die Missetäter zu Geldstrafen verknackte, nachdem zwei andere hatten als Schöffen ihre Gutachten abgeben müssen.

Aber im Mai – es war gerade der zweite Sonntag – nahm alle Herrlichkeit mit Richter ein schnelles Ende. Es war nicht durch Arbeiter, sondern durch Privatpatienten aus Kaufmannskreisen, von denen auch stets einige da waren, dem Oberarzt mitgeteilt worden, daß Richter sich gelegentlich in großen Reden über die Anstalt und ihren Betrieb aufgehalten hatte. Auch ich war bei der Untersuchung darüber mit als Zeuge verwickelt, habe da aber dem Arzt offen gesagt, daß es Richter sicher mehr darauf angekommen sei, sich reden zu hören, als wie zu hetzen. Ich kannte ihn doch wie meine Westentasche. Doch es half nichts. Er wurde wegen Bruchs der Disziplin entlassen. Aber wenigstens als Erwerbsunfähiger, so daß er Anspruch auf Invalidenrente hatte. Übrigens zog Richter noch einen seiner Getreuen nach sich: ein gewisser Mierig ging an dem Tage, wo Richter abreiste, kurz entschlossen zum Arzte und verlangte ebenfalls seine Entlassung, weil Richter weggemußt hätte. Der leichtsinnige Tor! Er erhielt sie auch sofort.

Aber ich bin mit der Schilderung Richters den Ereignissen während meiner zweiten Kur vorausgeeilt und muß nun wieder zurückgreifen. Mich drückte es fortwährend, daß ich gerade zu einer Zeit in der Heilstätte sein mußte, wo zu Hause die Wogen der Wahlbewegungen anfingen zu rauschen. Am 15. April fand Landtagswahl statt, an der ich schon nicht teilnehmen konnte, und vierzehn Tage später wurde unsere Reichstags-Ersatzwahl vorgenommen. Sollte ich auch dabei fehlen? Mir ließ es keine Ruhe. Ich fieberte ordentlich. Ein Genosse und Freund schrieb mir zwar: »Unterbrechen Sie Ihre Kur nicht, ohne die eine Stimme geht es schließlich auch.« Aber ich teilte doch schließlich den Freunden in Ronneburg mit, daß ich versuchen würde, zu kommen, wenn mir die Partei das Fahrgeld bewilligen würde. Mein Wunsch wurde mir gewährt und mir gleichzeitig mitgeteilt, daß ich dann wieder[334] mit im »Generalstab«, d. h. Wahlkomitee, tätig sein müßte. Als meiner Absicht unter den Hustenburgern bekannt wurde, hörte man die verschiedensten Ansichten darüber. Die Einen wunderten sich über meine Begeisterung, die anderen bezeichneten es einfach als Frechheit, einen Mann wie Dr. Koppert vor ein solches Dilemma zu stellen. Zu politischem Zwecke Urlaub zu fordern, sei mehr als stark. Ich konnte aber auf niemand hören, sondern mußte meiner Überzeugung und meinem innersten Drange folgen. Eines Tages wartete ich auf den Oberarzt und brachte mein Anliegen vor. »Ja, in diesem Falle kann ich Sie nicht zurückhalten, das ist ein gesetzliches Recht, was Sie ausüben wollen.« Ich war erstaunt und erfreut über diese Konsequenz und muß dem Arzt dafür heute noch Dank und Anerkennung zollen. Als dann aber die Schwachmütigen vernahmen, daß mein Urlaub anstandslos bewilligt sei, rissen sie die Mäuler auf. So bin ich denn eines Donnerstags abgefahren und Sonnabends zurückgekehrt. Freitags fand die Wahl statt. Dieser Tag scheint jetzt der beliebteste Wahltag für die Gegner zu sein, weil er für die Arbeiter der ungünstigste sein soll. Am Wahltag hatte ich wiederum die Besetzung der einzelnen Ortschaften mit unseren Aufsichtsposten vorzunehmen. Der Apparat funktionierte auch diesmal vorzüglich; aber die Genossen meldeten bald schon, daß die Aussichten auf Sieg gegen das letzte Mal gesunken seien. Viele Wähler seien verzogen; auch würde überall gegen uns bedeutend rigoroser vorgegangen als je vorher. Meinem Schwager Tänzler z. B., der Kontrolle fuhr, wurde in Posterstein der Pneumatikreifen durchstochen, während er sich ins Wahllokal begab. Ein junger Genosse fuhr in der Stadt auf einem Handwagen eine große Kiste umher, die an allen 4 Seiten mit dem großen Plakat: »Jeder bleibe seiner vorjährigen Stimme treu!« beklebt war. Der Stadtwachtmeister konfiszierte ihm einfach diese Kiste. In einer Anzahl Ortschaften wurden unsere Genossen überhaupt nicht ins Wahllokal gelassen, weil sie sich nicht als Altenburger ausweisen konnten. In Hilbersdorf saß der Wahlvorsteher ganz allein im Wahllokal, als einer unserer Kontrollfahrer ankam. Er hatte also mit der Urne ganz nach Belieben schalten und walten[335] können. In einem andern Orte wurden unsere Genossen wie die Räuber behandelt, denn die Bauern am Tische des Wahlbureaus unterhielten sich untereinander in der unflätigsten Weise über von uns gestellte, natürlich unwillkommene Aufsichtsorgane. So sagte einer: »Gorge, hast Du auch Deine Fra eingeschlussen, daß sie nicht von den Strolchen vergewaltigt wird.« Dann ein anderer: »Die Kerle sullt mer mit 'n Dreschflegel naushaue.« Die Folge war, daß auch eine Mehrheit von 327 Stimmen für den Konservativen herauskam. Aber das nächste Mal, mit neuen Listen – und der Kreis Sachsen-Altenburg ist wieder unser. Erst spät Nachts am Wahltage kehrte ich nach Hause zurück und am anderen Morgen, noch ehe ein genaues Telegramm über die Resultate herein war, mußte ich wieder abdampfen. Dieser Abschied war mir schon leichter. Bei meiner Ankunft in Berka wurde ich von einigen abgeholt. Sie teilten mir mit, daß sie am Abend vorher in unserer Halle zur Feier des Wahlsieges illuminiert hätten, worauf ich ihnen wehmütig erwiderte, daß sie dann höchstwahrscheinlich die Niederlage illuminiert hätten, wie es sich denn auch sehr schnell danach herausstellte.

Der folgende Tag war der erste Mai und zufällig ein Sonntag. Ich hatte in meiner trüben Stimmung, aber ganz unabsichtlich einen roten Schlips angelegt. Als ich die Treppe herunterkam, begegnete mir gleich Schwester Lisbeth: »Natürlich, Dicker, zur Feier des Tages muß eine rote Schleife angelegt werden! Na, das kann aber jeder machen wie er will,« sagte sie. Ich entgegnete, daß in die Maifeier stets bei mir ein bitterer Wermutstropfen falle, daß es der Todestag meiner Mutter sei, die nunmehr 12 Jahre in der Erde liege. Da war sie still. Am Nachmittag ging ich ganz allein den Hardtwald entlang. Ich kam mir heute am Weltfeiertage ganz einsam und verlassen vor. Ich saß dann lange auf einer Bank am Felsenvorsprunge, und die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser des schnellfließenden Ilmflusses, so daß es in hundert Lichtern schillerte und glitzerte. Dann sah ich vor mir an dem Stamm einer Kiefer einen prächtigen schwarz-weiß-rot gefiederten Buntspecht hämmern. Ich regte und rührte mich nicht und hatte[336] so den seltenen Genuß, den fröhlichen Vogelzimmermann etwa 10 Minuten lang zu beobachten, wie er hurtig an der Rinde rund um den Baum herumpickte, dann und wann ihn einmal am Boden umkreiste, um sein Handwerk immer von neuem aufzunehmen. Ich konnte es ganz deutlich sehen, wie er die Würmer und Larven aus der Borke herausholte. Manchmal wurde er auch ungeduldig und hieb einen richtigen Splitter heraus, um zu der gesuchten Beute zu gelangen. Erst als ich mich erhob, merkte er die Anwesenheit eines fremden Geschöpfes und flog davon. Es gibt hier übrigens auch große Schwarzspechte, die stets handgroße Löcher in die Tannen und Fichten graben.

Am nächsten Tage hielt der Oberarzt wieder einmal eine Rede während des zweiten Frühstücks. Er machte die Pfleglinge darauf aufmerksam, daß er nur noch in den seltensten Fällen Urlaub erteilen, namentlich nie die absolute Liegekur ausfallen lassen werde. Es würde zuviel Unfug mit der freien Zeit getrieben. Die Frauen daheim würden veranlaßt, sich auf das nötigste einzuschränken, damit sie die hier weilenden Herren Gatten wenigstens etwas mit Geld versehen könnten. Das werde dann nur in den Kneipen verjuxt. Und das sei nicht nötig.1 Der schöne Wald ist manchem zu langweilig. Aber Sie sollen sich hier langweilen, um Ihre Nerven einigermaßen zu beruhigen, damit diese wieder gestählt werden für den schweren Kampf ums Dasein draußen in der Welt. Er müßte es als den schlimmsten Egoismus bezeichnen, wenn man hier unnötigerweise Geld für Speisen und Getränke ausgebe, da doch jeder ausreichend verpflegt werde. Also er würde vorläufig keinen Urlaub mehr erteilen. Auch die Besuche sollten eingeschränkt werden. Und was hätte das für Zweck, schon nach 3–4 Wochen Frau und Kinder hierher kommen zu lassen? Und gewöhnlich seien das gerade diejenigen, die vorher am meisten gebarmt hätten.

Am Nachmittage gingen wir wieder an der Ilm spazieren, als wir plötzlich eine Anzahl Engländer, die in Tannroda in der Sommerfrische[337] weilten, in der Ilm herumwaten und nach Forellen angeln sahen. Mir war das etwas ganz Neues und Unfaßbares. Ich dachte an Onkel Bräsig, ich hielt es für höchst zweifelhaft, daß unter diesen Umständen die Forellen beißen würden. Die Tommys kannten das Geschäft aber besser als ich. Sie singen schon ihren Bedarf. Mit neidischen Blicken sahen wir manchmal zu, wenn sie im Garten ihres Hotels frühstückten und sich hintennach die unvermeidliche Sheckpfeise anzündeten. Sie hatten auch eine Anzahl junger Damen mit, die oftmals wie rasend und toll mit ihren Zweirädern auf der Landstraße herumsausten. So verrückt habe ich kaum jemals einen Mann radeln sehen. Sie machten dabei noch allerhand Kunststücke, legten die Beine auf die Lenkstange, fuhren ohne zu lenken und ähnliche Tricks. Im Walde sah man sie höchst selten, ihr Element war Wasser. Dafür kamen aber andere Kurgäste oftmals vor unseren Liegehallen vorbei und besichtigten die Heilstätte. Ihnen schien das freilich nicht so schrecklich, wie einst einem aus meiner Heimat ankommenden Patienten. Als der die Pfleglinge auf den Liegestühlen liegen sah, glaubte er, daß auch während der Nacht in den offenen Liegehallen geschlafen werden müßte. Er rückte deshalb noch an demselben Abend aus und kam am andern Tag nach Hause. »Nee, da draußen auch noch unter freiem Himmel schlafen, das mache ich nich mit,« hat er nur gesagt. Es ist häßlich eingerichtet, daß gerade in den von der Natur am schönsten ausgestatteten Gegenden, in den Bädern und Sommerfrischen mitunter die größte Armut herrscht, weil diese Gegenden meist nur geringe oder gar keine Industrie haben. Wir trafen manchmal alte Holzsammlerinnen in den Wäldern und wenn wir dann sagten: »Mutter, frühstücken Sie denn auch nachher,« so erhielten wir zur Antwort: »Da muß man erst etwas haben; ich habe nichts und bin froh, wenn ich mich wenigstens einmal am Tage satt essen kann.«

Die Langeweile wird in der Heilstätte auf mancherlei Art vertrieben. Eine Anzahl macht aus dürren Tannen- und Fichtensprossen, aus Zapfen, Moos und künstlichen Blumen Blumenkörbchen, ein andrer Teil beschäftigt sich mit Deckenknüpfen, zu[338] denen richtige mit Nägeln beschlagene Rahmen nötig sind, wieder ein Teil fertigt Schnitzereien an, einzelne machen Papierblumen und anderes mehr. Ich habe keine Luft zu solcher Bastelei, das habe ich merkwürdigerweise von meinem Vater nicht ererbt. Aber während meiner dritten Kur beendigte ich das vorliegende Buch.

Eine andre meiner Zerstreuungen waren diesmal Spaziergänge mit einem Gutsinspektor, so nannte er sich wenigstens. Denn gewöhnlich werden bei uns diese Leute, wenn sie erst, wie dieser, 26 Jahre zählen, Verwalter genannt. Er stammte aus Ospreußen, wo sein Vater eine Brauerei gehabt hätte; zwei seiner Onkels seien Domänendirektoren in hochfürstlichen Häusern. Richter hatte ihm den Namen »Mistrat« gegeben, worüber er sich weidlich ärgerte; er konnte aber nichts dagegen haben, denn seinerseits nannte erz. B. meinen Freund Meister, den offenkundigen Sozialdemokraten, immer »den Bombenschmeißer«, was sich dieser freilich nach langer Geduld einmal mit den Worten verbat: »Passen Sie auf, daß ich Ihnen nicht noch einmal eine Handbombe ins Gesicht schmeiße.« Wenn er sein Leiborgan »Die deutsche Tageszeitung« las und Richter stand gerade in der Nähe, so rief der mitunter höhnisch aus: »Knutenörtel« oder »des Dreschgrafen Nachfolger«! »Inspektor« nennt er sich und »Mistrat« ist er, hinter den Mägden auf dem Felde stehen und Wadenstudien treiben, dann und wann auch einmal von hinten handgreiflich werden, das ist die Kunst dieser modernen Fronvögte.« Gewöhnlich kehrte sich dann Kuno heftig gegen ihn und drohte dem großsprecherischen Linksanwalt. Er fragte ihn aber trotzdem selbst um Rat und ließ ihn sogar einmal einen Brief schreiben, um wieder Barmittel flüssig zu machen. Er hatte nämlich im Jahre vorher eine Stelle auf einem hinterpommerschen Gute übernommen gehabt. Bis dahin war er meist in der Provinz Posen und Westpreußen gewesen. Als er den neuen Posten antreten sollte, erbat er sich noch für die drei ersten Tage Urlaub, die ihm auch gewährt wurden. Allein, als sie abgelaufen waren, wurde ihm bedeutet, nun gar nicht erst anzutreten. Er bekam dann Stellung in Münchenbernsdorf bei Weida, und von dort aus strengte er Klage an, die aber[339] noch kein Resultat gezeitigt hatte, als Richters Brief abging. Nach 14 Tagen aber trafen 108 Mark als Entschädigung ein. Bisher war der Inspektor sehr arm dran gewesen, so daß ich ihm manchmal ein Glas Bier bezahlen mußte, wenn wir einkehrten; und obgleich ich deshalb von Richter und Meister verspottet wurde, so tat ich dies doch gern; denn ich lernte auf unsern Spaziergängen von ihm mancherlei erfahren, was ich vielleicht sonst nicht gehört hätte. Der Mann hatte – wenigstens nach seinen Schilderungen – schon ein Vermögen verreist, war in Argentinien und Südbrasilien gewesen, wo er die Kaffeeplantagen studiert habe. Dann sei er nach Westindien gedampft. Die Fahrt habe 440 Mark gekostet; er sei der einzige Deutsche auf dem Dampfer, und nur noch etwa 5 junge Franzosen außer ihm die einzigen europäischen Passagiere gewesen. In den Abendstunden habe er mit denen auf Deck häufig die Marseillaise gesungen und auch mir sang er den ganzen Text des feurigen Liedes: »Allons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivée« vor. Ich begleitete ihn dann zuweilen. Auf Haiti habe er die Tabak- und Zuckerrohrplantagen besichtigt und natürlich auch die Liebe der Negerinnen und Mulattinnen studiert. Über den Getreidebau der nordamerikanischen Farmer meinte er, daß die lange nicht so intensiv wirtschafteten wie die Landwirte bei uns in Deutschland. Die Halme ständen dort kaum viertels so dicht als hier. Aber nicht nur fachwissenschaftliche Angelegenheiten über Getreide- und Rübenbau teilte mir Kuno mit, sondern auch allerhand diskrete Dinge aus dem Leben auf den großen ostelbischen Rittergütern erfuhr ich durch ihn. Selbstverständlich äußerte auch ich überall meine Meinung dazu. Er erzählte, daß die ostelbischen Arbeiter nur eine Passion hätten, den Schnaps. Im Dorfkruge werde überhaupt nur Fusel verschenkt. Bier gebe es nur in besseren Restaurants. Wie weit das stimmt, kann ich nicht kontrollieren. Bei den drallen Mägden habe er sich manche Freiheit erlauben können. Er habe auf einem westpreußischen Gute, wo 100 polnische Arbeiterinnen beschäftigt waren, nur 2 Schwestern abwechselnd seine Gunst geschenkt, derjenigen, welche dran gewesen war, habe er dann am Tage leichtere[340] Arbeit gegeben, die habe erst später auf das Feld zu kommen brauchen. Seitdem er Geld hatte, blieb er öfter während des Frühstücks im Gasthaus München und speiste dort. Er bezahlte dann auch für den dortigen Gutsinspektor Bier und sprach mit ihm in unserer Gegenwart über die Arbeitsverhältnisse auf dem Gut: »Sie lassen Ihre Leute hier schon um 6 Uhr ausspannen? Das ist bei uns nicht Mode, da wird bis um 8 Uhr Abends gearbeitet«, das und ähnliches äußerte er dann. Wenn er danach aber hinaufkam, waren diese Auslassungen wie ein Lauffeuer verbreitet. Dann ging es ihm schlecht, und namentlich Richter kühlte sein Mütchen an ihm. Er mußte dann viel verschlucken. Da sagte einer: »Dort schimpft er über die Arbeiter und hier mästet er sich von den Arbeitergroschen.« Es kamen auch Tage, wo er nichts erzählte, wenn wir spazieren gingen. Dann schnitt er sich oft ein beliebiges Stämmchen im Walde ab und markierte das Gerwerfen: »Hier sehen Sie, Sie roter Umstürzler, was für Kraft noch in der deutschen Landwirtschaft schlummert,« meinte er dann nach gut gelungenen Würfen zu mir.

Eine Woche vor Pfingsten frug ich bei Dr. Landgraf an, ob ich nicht jetzt schon heimreisen könne. Er bat mich jedoch, auszuhalten. Die Zeit des Aufenthaltes sei der Krankheit entsprechend ohnehin noch sehr kurz bemessen. Meine Frau schrieb aber zurück, daß sie es satt habe, so allein mit den Kindern zu sitzen, die doch auch gern einmal gerade zu Pfingsten spazieren gehen möchten. Als ich dann davon sprach, daß ich, wenn irgend möglich, meinen Beruf wechseln wolle, gab er mir sogar noch 3 Wochen Schonung, anstatt wie gewöhnlich zwei. Die Abreise wurde darauf auf Freitag vor Pfingsten festgesetzt. Wir waren 5 Mann, die froh waren, wieder nach der Heimat und unter die Menschen zurückkehren zu können. In der Heilstätte ist man doch förmlich von der Welt abgeschnitten. Der einzige Verkehr mit ihr ist die Post, die aber auch nur eingeschränkt verkehrt, z. B. werden Sonntags keine Pakete bestellt, und am Karfreitag und einem Osterfeiertag wird überhaupt nicht bestellt. In Weimar hatten wir ziemlich 2 Stunden Aufenthalt, die wir gründlich benutzten. Unser[341] Ziel war der berühmte Park. Gleich hinter den Ruinen des ehemaligen Lusthauses, in dem im 18. Jahrhundert manches frohe Fest gefeiert wurde, erhebt sich das einzige Shakespearedenkmal in Deutschland. Mir war der Anblick besonders wert; so sah ich den Großen von Angesicht zu Angesicht. Vom Shakespearedenkmal aus wandten wir uns über die Ilmbrücke nach Goethes alten Gartenhaus. Wie befangen dünkte ich mich, als ich in den kleinen Räumen umherging, wo der Dichterfürst einst an seinem Faust gearbeitet hatte. Ich sah im Geiste, als ich vor dem alten Schreibtisch stand, seine Manuskripte darauf liegen, betrachtete mir das altertümliche Feldbett, die wenigen Gemälde und die Gardinen, die seine Freundin, die Freiin von Stein, eigenhändig gestickt hat. Im Erdgeschoß stand noch ein alter Regenschirm von riesigen Dimensionen. Merkwürdig, wie so ein altes Stück Zeug, weil es von einem der größten Menschen, die die Erde je getragen hat, benutzt wurde, auf unsereinen wirkt. Doch meine Zeit war gemessen. Ich mußte weg, sogar die elektrische Bahn zur Rückfahrt benutzen. Am Museum sah ich noch die herrlichen Statuen und Monumente. Ich wäre gar zu gern hineingegangen. Aber der Eintritt ist nur Sonntags frei, und um 50 Pfennige zu opfern, war Geld und erst recht Zeit doch zu knapp. Und so gings bald mit sausender Geschwindigkeit der Heimat entgegen. Mir schlug das Herz höher über das Wiedersehen zu Hause. Aber was nun? Das war wieder die große Frage. Abermals in die Fabrik, in die Wesselmannbude – das war schließlich doch wieder das traurige Ende.

Doch nur noch einen Monat hielt ich es darin aus. Dann bekam ich die Influenza. Als ich mich krank meldete, meinte der Fräsermeister Nüchtern zu mir: »Wie lange wird es dauern – ein Jahr und Sie sind abermals auf Ihrer Hustenburg.« Leider hat er Recht behalten. Als ich nach 5 Wochen wieder gesund war, beschloß ich, nicht wieder bei Wesselmanns anzufangen. Ich erhielt Arbeit an 2 Bolzenbänken im Ronneburger Automobilwerk. Aber ich war sowohl im Lohnverhältnis als auch in sanitärer Beziehung nur aus dem Regen in die Traufe gekommen. Auch waren die Herren[342] schnell auf den angeblich gemeingefährlichen Charakter meiner Persönlichkeit aufmerksam gemacht worden. Sie wollten jedenfalls vermeiden, daß ich auch ihnen einmal den Fabrikinspektor auf den Pelz rücken ließ, und beschlossen, mich abzuschieben. Ich werde meine Erlebnisse in der Fabrik in einem der letzten Kapitel beschreiben. Die Herren schützten Mangel an Arbeit vor, trotzdem sie auf den Automobil- Ausstellungen zu Leipzig und Berlin gute Aufträge erhalten hatten. Vielleicht war ihnen auch der Lohn für mich zu hoch. Ich arbeitete in Akkord und legte soviel hin, daß sie mir nicht unter 19 Mark wöchentlich auszahlen konnten. Sie wollten 12 Mark-Leute haben. Meine Frau ließ den Kopf hängen, als ich mit der Nachricht nach Hause kam, daß ich wieder ohne Arbeit sei. Ich mußte drei Wochen Arbeitslosenunterstützung vom Verband in Anspruch nehmen. Dann versuchte ich mich als Provisionsreisender für eine erzgebirgische Manufakturwarenfirma. Aber dies unordentliche Leben war erst recht nichts für meine Gesundheit, ernährte mich obendrein auch nicht. Um das Unglück voll zu machen, erkältete ich mich noch dabei und holte mir abermals die Influenza. Drei Wochen lang mußte ich wieder das Bett hüten. Zudem hatte die ungesunde Arbeit in der Automobilbude (dicht neben meinen Maschinen war die Schmirgelschleifscheibe), meine Lunge schnell wieder so geschwächt und angegriffen, daß der Arzt meinen Zustand jetzt für höchst bedenklich erklärte und mich abermals Antrag auf Übernahme des Heilverfahrens stellen ließ. Zum dritten Male mußte ich kurz darauf meine Familie verlassen und die Lungenheilanstalt aufsuchen. Nach Wochen der Arbeitslosigkeit und Krankheit nun diese neuen Einschränkungen für die Familie! Mir brach wirklich bei diesem dritten Abschied bald das Herz.

Wieder im März, am 21., mußte ich antreten. Als ich Nachmittags ankam, empfing mich Schwester Lisbeth ebenso freundlich als früher. Zu meiner großen Freude hörte ich auch, daß Dr. Landgraf noch hier sei. Als nach der »absoluten« Ruhe die Pfleglinge in den Tagesraum traten, meinten die mit mir gekommenen Neulinge, daß die alle gar nicht so krank aussähen. Mir fiel dabei[343] ein Vorfall aus meiner ersten Kurzeit ein: Da kamen an einem Sonntag einmal Ausflügler aus Weimar, blieben an den Liegehallen stehen und wunderten sich laut über unser gutes Aussehen, worauf der Schlosser Brisgen in seinem westfälischen Dialekt erklärte: »Wir sind doch auch gar nicht krank. Wir haben bloß die Schwindsucht.«

Unter den Patienten traf ich wieder viele alte Bekannte, die schon das erste oder zweite Mal mit mir hier gewesen waren. Ich kam auf Zimmer 17 zu liegen, wo in den andern 3 Betten zwei Altenburger und ein Geraer Genosse meine Schlafkollegen waren. Der Geraer war mir schon von früher her bekannt, weil er eine Ronneburgerin zur Frau hatte.

Am Abend überfiel mich wieder ein tiefes Heimweh. Ich saß brütend auf dem Holzschemel in meinem Zimmer und dachte sorgenvoll an Frau und Kinder zu Hause. Denn jetzt war noch ein Söhnchen mehr, der kleine Kurt, den ich im Vorjahre, vor meiner Reise zur zweiten Kur, als Andenken zu Hause gelassen hatte. Er war dann am 18. November geboren worden. Das war auch ein bittertrauriger Brief gewesen, den mir damals meine Frau schrieb, um mir die »freudige« Nachricht ihrer »guten« Hoffnung mitzuteilen. Ich lag hier in einer Lungenheilanstalt und bekam als Trost die Aussicht, daß zu Hause ein neues Familienglied auf dem Wege war! Und wie jammerte meine Frau darüber! Sie war ganz untröstlich. Nun aber ist der Kleine da und ich wünsche, daß er auch groß werden möge. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen; nur, wenn ich wieder nach Hause komme, wird er mich nicht mehr kennen. Und er schaute doch schon alle Minuten nach mir, wenn ich daheim war, damit ich ihn hätscheln und tragen sollte. Meine Frau schimpfte freilich darüber, weil ich ihn so sehr damit verwöhne.

Auch diese erste Nacht habe ich wie bei jeder Kur sehr gefroren und schlecht geschlafen. Die dünne Steppdecke hier ist nun einmal nicht so schwer wie die Federbetten zu Hause. Als sich am Abend mir die neuen Kollegen vorstellten, meinte der Schlosser Herfurth aus Altenburg: »Ich bin nun 7 Wochen da, es kommt mir aber[344] vor, als ob es 7 Monate wären. Der andere, Trommler, war Anstreicher, schon 57 Jahre alt und ebenfalls aus Altenburg. Er hatte auch schon 2 Kuren, und zwar in Sulzhayn im Harz gemacht. Mein dritter Schlafkollege war der Maurer Koch aus Gera. Er konnte sich absolut nicht in die Heilstättenverhältnisse einleben, ihm gefiel vor allem die Kost nicht, denn er war kinderlos und hatte sich stets bessere Nahrung leisten können. Auch sonst paßte ihm das ganze Leben hier nicht, und dazu sollte er auch noch 4 Wochen Verlängerung bekommen. Alle Tage mußten wir hören: »Ich kann nicht essen; es steht mir bis oben rauf; am liebsten würde ich morgen fahren.« Seine Frau schrieb auch immer: »Komme nur, ich will froh sein, wenn Du wieder zu Hause bist, es ist gar nichts so allein zu leben.« Mit 10 Wochen fuhr er denn auch glücklich nach Hause.

Am zweiten Tage untersuchte mich Dr. Landgraf. Er konstatierte, daß die ungesunde Arbeit in der Automobilfabrik nicht ohne schwere Schädigung für meine Lunge gewesen sei. Diesmal dürfe ich nicht daran denken, früher zu reisen. Ich müßte meine drei Monate voll aushalten. Wegen der kaum überstandenen Influenza erhielt ich vorläufig keine Dusche, sondern wöchentlich ein Wannenbad und Sonnabends Brause. Diesmal kam ich in die Liegehalle »Gemeinde Hufeisen« und erhielt statt Decken einen Liegesack. Es ist das etwas Neues, er ist wärmer, aber unbequemer als Decken; anfangs kam er mir wie ein Dowescher Sicherheitspanzer vor. Die ersten 6 Wochen hatten wir unter der ungünstigen Witterung zu leiden. Wir haben im April an manchem Tage alle vier Jahreszeiten erlebt: Sonnenschein, Regen, Sturm und Schnee Noch am 1. Ostertage, Ende April, tobte Frau Holle nach Herzenslust, und ich hatte doch einige Tage vorher einen Artikel »Osterzauber« verfaßt! Zu alledem hatte ich damals noch an schweren Rückenkarbunkeln zu leiden.

Ich wurde auch diesmal von den Kameraden wieder bestürmt, Gesuche um Sonderunterstützungen für sie zu machen. Namentlich auch von ledigen Burschen, die gehört hatten, daß ein Altenburger lediger Mann 4,50 Mark aus einer Zuschußkasse pro Woche erhielt,[345] trotzdem sein Vater einen hohen Lohn bekam. So glaubten auch sie, etwas fischen zu können, natürlich ohne Erfolg. Selbst mein verheirateter Genosse Herfurth erhielt, weil er in einer Zuschußkasse war, nur die Hälfte des satzungsmäßigen Krankengeldes. Trotzdem bekam seine Frau mit 3 Kindern immer noch 13,20 Mark, während die meinige bei 6 Kindern mit 10,50 Mark auskommen mußte. Sogar an die Bezirkskommandos mußte ich mitunter Gesuche richten, weil angeblich die Krankheit während der Militärzeit der Betreffenden entstanden sein sollte.

Ich habe auch bei dieser Kur wieder erfahren müssen, was mir so oft auch schon in den Fabriken vorgekommen ist, nämlich, daß so viele gebildet sein wollende Arbeiter die Wunder der Naturwissenschaften nicht fassen können. Ihr geistiger Horizont ist noch zu engbegrenzt, als daß sie Zeiträume, wie z. B. die der Steinkohlenformation oder der Juraperiode begreifen können. Ich frug damals einen politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter – er war freilich noch verhältnismäßig jung – wie lange er wohl meine, daß die Steinkohlen in der Erde liegen. Er antwortete: »Na, mindestens 2–3000 Jahre.« Als ich ihm darauf erklärte, daß die indische und japanische Schöpfungsgeschichte mit Hunderttausendmillionen Jahren rechne, da erklärte er das für Blödsinn und gebrauchte die Redensart, welche von so vielen Arbeitern mir bei gleichen Anlässen wiederholt wurde: »Das Papier ist geduldig.« Ich las ihnen einmal einen Artikel über die Kraft der Sonne vor, worin die Menschheit als unverständig hingestellt wird, weil sie mit dem Sparpfennig Steinkohle so wüstete, während sie die kolossale Sonnenkraft unbenutzt verloren gehen lasse; das wurde alles als Blödsinn bezeichnet. Häufig endeten solche Gespräche mit den Worten: »Ich interessiere mich hauptsächlich nur für gewerkschaftliche und politische Fragen. Die Naturwissenschaft kann ich nicht fassen und übrigens, was geht es uns an, wenn die Sonne nicht benutzt wird? Solange wie wir leben und noch einige tausend Jahre darüber hinaus wird es noch Steinkohle geben.«

An regnerischen trüben Tagen ist man natürlich genötigt, sich[346] den ganzen lieben langen Tag in der Liegehalle herumzudrücken. Da ist es dann eine große Erleichterung für alle, wenn ein sogenannter Spaßmacher mit in der Halle liegt. Zum Glück hatten wir diesmal einen kleinen Knopfmacher aus Schmölln mit in unserer Gemeinde Hufeisen, der der reinste Clown war. Er konnte Gesichter und Grimmassen schneiden wie selten einer; man mußte laut auflachen, wenn man ihn bloß anschaute. Er hatte eine Witwe geheiratet, die ihn nach Aussagen von Landsleuten an Körpergröße und Körperfülle um das doppelte überlegen war, und 2 Kinder mit in die Ehe gebracht habe. Diese hatte ihn durchaus nicht fort lassen wollen, als die Einberufung nach der Heilstätte eingetroffen war. Sie schrieb ihm dann Brief auf Brief, als er hier war, und der kleine Knirps war ganz gerührt über ihre Liebe. Erhielt er eine solche Sehnsuchtsepistel, so war er einige Zeit ganz tiefsinnig, aber länger als eine Stunde hielt das nie an. Dann brach der Humor bei ihm wieder durch. Zumal als er zum Gemeindediener gewählt worden war und ihm die Insignien, ein großes Holzschwert und ein langer Nachtwächterspieß überreicht worden waren, war er unser Mann. Da fühlte er sich ganz in seiner Rolle. Nach 14 Tagen Amtszeit wurde er deshalb sogar mit einem aus buntem Papier zusammengeklebten Orden dekoriert. Das Schönste aber war, wenn ein Neuling in die Halle einzog. Mit welch wichtiger Amtsmiene der Gemeindediener da die Vorstellung der Hallen-Behörde vollzog. »Hier der Herr Bürgermeister! da der Herr Staatsanwalt!! dort der Herr Polizeiwachtmeister!!! und hier – meine Wenigkeit –– Gemeindediener!!!! Dann fuchtelte er einige Male mit seinem Holzsäbel in der Luft herum, verzog das Gesicht, daß der Neuling laut auflachen mußte, warf sich in die Brust und schritt stolz erhobenen Hauptes auf seinen Platz.

Aber es gab auch viele, viele Stunden in der Halle, in denen man verzweifeln konnte. Da war ein Arbeiter aus der Fahrzeugfabrik Eisenach, der hatte fast immer Fieber. Die reichliche Hälfte seiner Kurzeit hatte er schon im Bett verbracht. Er war Vater von zehn Kindern, die alle am Leben waren. Erst vierzig Jahre alt[347] aber ein harter, gefestigter Mann, zwar leicht erregbar, aber auch unendlich gutmütig. Zuletzt ging es ihm anscheinend besser. Jedoch eines Morgens, kurz vor meinem Weggange, hatte er wieder Fieber und mußte abermals ins Bett. Darob war er ganz untröstlich und klagte bitterlich: »Ich bin rein zum Pech geboren. Alles, was ich anfange und mir vornehme, schlägt fehl. Es ist am besten, ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf. Ein gutes Gewehr habe ich noch zu Hause. Anders wird es auch nicht. Aber allein gehe ich nicht. Meine Frau und die unerwachsenen Kinder nehme ich mit. Sie sollen nicht in der Welt umhergestoßen werden. Ich kann das Elend nicht länger mit ansehen.« Und dann weinte und schluchzte der starke, wetterfeste, ernste Mann. Auch mir kamen die Tränen. Mit den Worten: »Mir geht es nicht viel anders,« wandte ich mich ab, und ging aus der Halle.

Mein nächster Nachbar in der Liegehalle war diesmal ein 19 Jahre alter Tischler Helmbrecht aus Göttingen, der zuletzt in der berühmten Spielwarenstadt Sonneberg in Fron gestanden. Er hatte vor seiner Unterbringung in der Heilstätte wegen Lungenblutens schon 5 Wochen im dortigen Krankenhaus gelegen und war, trotzdem er gut genährt aussah, doch sehr schlimm dran. Ich konnte im Vergleich zu ihm laufen wie ein Rebhuhn. Mit 19 Jahren war er am Rande des Grabes! Und dieser junge Mensch war ein gebildeter Kopf, organisiert und auch in Parteisachen gut bewandert. Ich bewunderte sein scharfes Gedächtnis. Er gab Episoden aus seinem kurzen Handwerksburschenleben mit solcher Schärfe wieder, daß man glaubte, sie selbst greifbar vor sich zu erleben. Las er irgend ein Buch oder einen Zeitungsartikel, so erzählte er mir den Inhalt bis auf das i-Tüpfelchen wieder. Aber alles Lesen hob ihn nicht über die Verzweiflung über sein junges verfehltes Leben hinweg. »Ich habe nicht getanzt, nicht gespielt, nicht gesoffen, nicht geliebt, keine Nachtschwärmerei getrieben, mein einziges Vergnügen war in längeren Zwischenpausen eine Theatervorstellung oder ein gutes Buch und doch nagt und kratzt in mir der heimtückische Bazillus. Was trägt die Schuld? die Lehre! Ich habe rackern müssen von früh 5 bis Abends 7 Uhr.[348]

In der Mittagsstunde und Abends bis 1/2 8 Uhr mußte ich für die Meisterin Wege besorgen, Wasser holen, Holz spalten, Morgens für Mann, Frau und Kinder Stiefel wichsen Das klang während der Frühstücks-, Mittags- und Vesperpause alles so süß, wie zufällig von den Lippen der Meisterin: »Heinrich, da fällt mir ein, willst Du nicht das und das gleich mal besorgen?« Denn während der Arbeitszeit durfte sie mich nicht benutzen. So nahm sie mich eben in meinen wenigen Mußeminuten in Anspruch und tagtäglich außer Sonnabends mußte ich noch jeden Abend von 1/2 8 bis 1/2 10 Uhr zur Fortbildungsschule. Frische Luft kannte ich gar nicht mehr. Ich würde noch zufrieden gewesen sein, wenn ich wenigstens satt zu essen bekommen hätte. So aß die ganze Meisterfamilie mit ihren 3 Kindern und uns 2 Lehrlingen für sage und schreibe 10 Pfennig gehacktes Fleisch zum Abendbrot. Die Kinder bettelten dann: »Mama, gib mir.« Die Meisterin aber antwortete: »Ja doch, Ihr dummen Kerls, aber erst müssen doch die Lehrlinge ihren Teil haben.« Das klang so gerecht, und wenn wir dann noch hungriger als wir gekommen, heraus waren, dann lachten sie sich eins und aßen und ließen es sich wohl sein. Ist es da ein Wunder, wenn einem die Schwindsucht packt? In unserer Familie war noch niemand lungenkrank außer mir. Aber ich wollte die Lehre nicht verlassen; denn mein Vater hätte mich kaputt geschlagen. – Was soll das nun für mich für ein Leben in Zukunft werden? Wenn ich bloß noch 10 Jahre älter wäre oder wenn ich mein Leben genossen hätte, dann möchte es noch sein. Und nun diese Anstalt? Was hatte ich mir darunter vorgestellt! Wie hatte ich auf sie gehofft! Jetzt bin ich sechs Wochen hier und ebenso schlecht dran als wie ich gekommen bin. Nach der geringsten Anstrengung habe ich Fieber. Immer liegen, den ganzen Tag liegen! Was soll das? Wenn es wenigstens helfen tät. Ich würde gern alles genau befolgen. Am besten ist für mich ein Revolver. Verzweifeln muß ich, verzweifeln!« Aber auch solch Klagen strengte ihn an. Er jappfte ordentlich danach Ich hatte eine Anzahl guter Bücher mit, die verschlang er alle, Oftmals blieb er bis zuletzt in der Halle liegen. Ich beobachtete ihn dann[349] manchmal einige Minuten. Er stierte wie geistesabwesend vor sich hin, mitunter standen ihm die Tränen in den Augen. Er dauerte mich sehr. Und doch, ging es mir vielleicht anders? Wie lange noch und auch ich bin an der Reihe. Sechs Waisen und eine Witwe, mein teuerstes, mein kostbarstes dann allein gelassen, dem Elend preisgegeben! Welch schrecklicher Gedanke! Und die vielen, die unzähligen, welche ebenso klagen. Welch ungeheurer Jammer in der Welt![350]

1

Wahrlich nicht. Ich habe das oft voll Ingrimm und Empörung erlebt. Welche Brutalität und Ausbeutung der eigenen Familie liegt darin.

Quelle:
Bromme, Moritz Th. W.: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Frankfurt a. M. 1971, S. 293-351.
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