die Straße.

[333] Wenn wir uns eine Weile ans Fenster stellen und die Vorübergehenden beobachten, so können wir da schon gar vielerlei lernen. Das erste Ergebnis unserer Betrachtung wird der Grundsatz sein, daß niemand auffallen soll. Im Hause, in geschlossenen Kreisen tritt die Individualität, auch in Erscheinung und Manieren, stärker hervor; auf der Straße herrscht das allgemeine Nivellierungssystem. Kein gebildeter Mensch wird dort wünschen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sei es durch Kleidung, Haltung, Bewegungen oder Sprache. Wir sollen also weder allzu rasch gehen – was auch immer ungraziös ist –, noch schleichen, oder steif mit lächerlicher Grandezza dahinwandeln; weder die Arme wie Pumpenschwengel vor- und rückwärts bewegen, noch den Kopf bald nach rechts, bald nach links[333] drehen. Das leise vor sich hin Summen oder Pfeifen, welches manche Herren an der Gewohnheit haben, macht ebenfalls den Eindruck des Unfeinen. Natürliches, ruhiges Gehen ist das erste, was die Straße von uns fordert.

Das zweite ist die Rücksicht auf unsere Mitwanderer, zunächst auf unsere Begleiter. Natürlich ist es da wieder der Herr, der diese Rücksicht auf die Dame, die jüngere Person, welche sie gegen die ältere zu nehmen hat. Dies letztere gilt für alles zunächst zu Besprechende, worin wir, der größeren Einfachheit halber, nur von Herr und Dame reden.

Wie schon öfter erwähnt, ist die rechte Seite die Ehrenseite; folglich läßt der Herr die Dame an seiner Rechten gehen, reicht ihr den rechten Arm. Das erstere indessen kann sich nur auf eine Chaussee, eine Promenade beziehen; auf dem Trottoir geht er an der offenen Seite, ihr die der Häuser lassend, wodurch er sie vor der Berührung des Publikums schützt.

Geht man zu dreien, so gibt man der Person, die man ehren will, den mittleren Platz. Zu mehr als dreien in einer Reihe zu gehen, ist nicht ratsam, da man dadurch das Trottoir, welches für alle Fußgänger be stimmt ist, allein einnehmen würde.

Wird eine Dame auf der Straße gegrüßt, so hat der sie begleitende Herr den Gruß mit zu erwidern, auch wenn er den Grüßenden nicht kennt. Im umgekehrten Fall ist die Dame dazu nicht verpflichtet.

Beim Ausweichen auf der Straße hält man sich stets rechts. Es ist dies eine sehr einfache, leicht zu befolgende Vorschrift; dennoch sieht man, besonders in Mittelstädten, Leute oft aneinander rennen, weil jeder gleichzeitig nach derselben Seite ausweichen will. Daß nach einem solchen kleinen Rencontre, oder wenn wir jemand unversehens auf[334] den Fuß getreten, die Bitte um Entschuldigung notwendig ist, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Jemand auf der Straße anzurufen – mit dem wir vielleicht gern zusammengingen, der aber einen Vorsprung von zwanzig, dreißig Schritt vor uns hat –, ist gänzlich unstatthaft. Treffen wir aber einen Bekannten, mit dem wir ein paar Worte wechseln möchten, so müssen wir uns so kurz wie möglich fassen, denn das längere Stehenbleiben auf der Straße ist für die Beteiligten unangenehm, für den Verkehr störend. Selbstverständlich hat der Herr den Hut abzuziehen und die Cigarre aus dem Munde zu nehmen, solange er mit einer Dame spricht.

Daß ein Herr, der eine Dame nach Hause begleitet, vor ihrer Thür wartet, bis sie eingelassen ist, versteht sich von selbst. Zuweilen aber ist diese Begleitung eine zufällige: sie waren zusammen in Gesellschaft und treffen sich auf dem Heimwege wieder. Die Dame hat überdies ihr Mädchen bei sich, so daß sie des männlichen Schutzes nicht bedarf. Dennoch macht es in solchen Fällen einen sehr sonderbaren Eindruck, wenn er, vielleicht mitten in einer lebhaften Unterhaltung, plötzlich stehen bleibt mit der Bemerkung, daß ihre Wege sich hier trennen. Es erinnert das immer an den Mann, der bei einer ähnlichen Gelegenheit sich plötzlich mit den Worten empfahl: »Gute Nacht, Mamsell, hier wohne ich.« – Weiß die fragliche Dame, daß der Herr in einer anderen Gegend der Stadt wohnt, so wird sie ihn gleich anfangs bitten, ihrethalben keinen Umweg zu machen, da sie ja Begleitung habe; thut sie das aber nicht, so bleibt ihm als höflicher Mann nichts übrig, als mit ihr bis zu ihrer Wohnung zu gehen. Wenn ihm dies lästig erscheint, thut er wohl, sich vor einer solchen Begegnung überhaupt zu hüten.

Einen Stock oder Schirm sollten die Herren stets nur[335] in der Hand, nie unter dem Arm tragen. Die nach hinten gerichtete Spitze hat schon oft Unglück angerichtet.

Damen haben auf der Straße alles Auffallende noch mehr zu vermeiden als Herren. Langes Stehenbleiben vor den Schaufenstern der Läden, um deren Inhalt zu betrachten, sich nach einem Vorbeigehenden umzudrehen, lautes Sprechen u. dgl. sind schlechter Ton; hübsch ist es auch nicht, wenn eine Dame sich mit Paketen beladet, doch wird die gute Hausfrau sich nicht genieren, kleine Einkäufe selbst nach Hause zu tragen. – Vor einem Gedränge haben Frauen von Natur eine große Scheu und sollten sich auch nie in ein solches mischen, selbst auf die Gefahr hin, irgend etwas Sehenswertes nicht in nächster Nähe betrachten zu können; ebensowenig wird eine Dame bei einem Unfall, der sich auf der Straße zuträgt, stehen bleiben, da sie doch selten helfen kann; der Mann aber sollte nicht vorübergehen, ohne sich zu überzeugen, daß seine Hilfe dabei nicht nötig ist.

Nicht selten kommt es vor, daß in der ja meist ziemlich komplizierten Toilette einer Dame irgend etwas nicht in Ordnung ist. Die Kleiderschnur war vielleicht abgetreten und schlängelt sich nun eine halbe Elle lang hinter ihr her, oder eine Schleife der Mantille hat sich gelöst und tanzt nun, nur noch an einem Faden hängend, auf ihrem Rücken herum. Da finden wir es denn viel richtiger und rücksichtsvoller, die Dame anzureden und mit einem »Verzeihen Sie« auf den kleinen Schaden aufmerksam zu machen, als lächelnd hinter ihr her zu gehen und sie ihrem Schicksal, auch von anderen belächelt zu werden, zu überlassen.

In einen Wagen läßt der Herr die Damen zuerst einsteigen, beim Aussteigen jedoch ist die Reihenfolge umgekehrt: da er (resp. die jüngere Person) den Damen dabei behilflich zu sein hat, muß er den Wagen zuerst verlassen.[336] Selbstverständlich nimmt er, wenn mehr als eine Dame mitfährt, stets den Rücksitz ein; selbst der Papa überläßt der erwachsenen Tochter, der vornehme Herr der Gesellschafterin seiner Frau den Vordersitz in der Equipage. Es fällt unangenehm auf, einen Herrn diesen Ehrenplatz einnehmen zu sehen, während einem weiblichen Wesen der Rücksitz angewiesen ist, und der Tadel trifft unfehlbar den Herrn, der sich eine solche Unhöflichkeit zu schulden kommen läßt.

Beim Reiten mit einer Dame hat der Herr besondere Förmlichkeiten zu beobachten. Da er, als ihr Begleiter, gewissermaßen für ihre Sicherheit einzustehen hat, wird er sich zuerst überzeugen, daß der Sattel und die Anschirrung des Pferdes in Ordnung sind. Dann wird er der Dame beim Besteigen des Pferdes behilflich sein. Ist nicht ein dritter zugegen, um das Pferd zu halten, so faßt er den Zügel mit der linken Hand, während die Dame, das Reitkleid mit der Linken emporraffend, mit der Rechten den Sattelknopf ergreift. Der Herr, an der Schulter des Pferdes der Dame gegenüberstehend, bückt sich nun und läßt sie ihren linken Fuß in seine rechte Hand setzen, worauf er sie sacht zu ihrem Sitz emporhebt, den sie durch einen leichten Sprung ihrerseits erreicht. Alsdann hilft der Herr ihr den linken Fuß in den Steigbügel setzen, ordnet ihr Reitkleid und gibt ihr Zügel und Reitpeitsche in die Hand, worauf er selbst sein Pferd besteigt und seinen Platz an ihrer rechten Seite einnimmt. – In manchen Ländern – jenseits des Oceans – reitet der Herr an der linken Seite der Dame, wo ihre Kleider herabhängen und das größere Gewicht des Körpers sich befindet, wo also die größere Gefahr des Herabstürzens für sie ist und er sie demgemäß besser schützen kann.

Die öffentlichen Verkehrsmittel, wie Omnibusse,[337] Tram- und Pferdebahnen, geben dem Publikum reichlich Veranlassung, seine Lebensart zu bethätigen; leider aber hat man mehr Gelegenheit, den Mangel derselben zu beobachten. Daß ein Herr oder ein junges Mädchen aufsteht, um einer Dame oder einem Greise, die nur noch einen Stehplatz finden, den ihren anzubieten, gehört immer noch zu den Ausnahmen, während es die Regel sein sollte. Sich in diesen Wagen breit machen, seine Nachbarn durch unruhige Bewegungen belästigen, ohne Rücksicht auf sie Thüren oder Fenster öffnen – das alles sind Dinge, welche denjenigen, der sie begeht, als ungebildeten, taktlosen Menschen erscheinen lassen.

Von der Straße aus treten wir einen Augenblick in die öffentlichen Bureaux ein, um uns auch dort umzusehen.


Auf der Straße

Unsere Beobachtungen werden, fürchte ich, auch hier oft wenig erfreulich sein. An den Post- und Eisenbahnschaltern, in den Steuerbureaux, wo sich oft eine große Menschenmenge drängt, herrscht im allgemeinen noch das[338] Recht des Stärkeren, das Faust- oder Ellenbogenrecht. In solchen Situationen offenbart sich dann die wahre Höflichkeit, die echte Herzensbildung. Der einfache Arbeiter, der einer Frau den Vortritt läßt, oder ihr anbietet, den Brief, das Billet für sie zu besorgen, besitzt dann mehr von jenen Eigenschaften, als der seine Kavalier, der im Salon sich zwar nie einen Verstoß zu schulden kommen läßt, diesem Publikum aber keine Rücksichten schuldig zu sein glaubt. Daß Herren jungen hüschen Mädchen oder vornehmen, einflußreichen Damen solche kleine Dienste leisten, ist kein Beweis für ihre Lebensart; das weibliche Geschlecht haben sie in jeder seiner Vertreterinnen, sowie das Alter, in welcher Gestalt es sich zeigen mag, durch solche Rücksichten zu ehren; erst dann dürfen sie den Namen eines echten Kavaliers beanspruchen.

Wir können, da wir uns einmal in den öffentlichen Verkehrsanstalten und Bureaux befinden, nicht umhin, dabei den Wunsch auszusprechen, daß auch die darin angestellten Beamten sich einer größeren Höflichkeit befleißigen möchten, als dies im allgemeinen der Fall ist. In Frankreich ist das s. v. p. (s'il vous plaît) jedem öffentlich angeschlagenen Ge- oder Verbot beigefügt und wird jeder Aufforderung zum Ein-oder Aussteigen, einen Schein vorzuzeigen u. dgl. hinzugesetzt. Der Postsekretär, dem wir am Schalter einen Brief übergeben, sagt »merci«, und wenn uns jemand eine von ihm erbetene Auskunft nicht geben kann, so entschuldigt er sich. Auch in England finden wir die Beamten, die Polizisten von großer Höflichkeit gegen das Publikum. Nicht selten sieht man einen der letzteren eine Dame durch die sich kreuzenden Fahrzeuge auf die andere Seite der Straße geleiten, und weiß man seinen Weg nicht, so ist man sicher, bei ihm jede Auskunft und Hilfe zu erlangen.

In Deutschland finden wir solche Zuvorkommenheit[339] weit seltener. Die unteren Beamten unserer Verkehrsanstalten, unserer Gerichte und Steuerbureaux pflegen das Publikum in einer kurzen, oft barschen Weise abzufertigen, die jeden gebildeten Menschen verletzen muß und viel dazu beigetragen hat, uns dem Auslande gegenüber den Ruf der Unhöflichkeit einzutragen. Sie scheinen zu glauben, das Publikum sei ihretwegen da, während in Wirklichkeit doch das Gegenteil der Fall ist.


Ist es nötig, auch über unser Verhalten


Quelle:
Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 333-340.
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