III.

(Edelmann) Kommt auf das Gymnasium zu Altenburg.

[20] § 46. »Von der Schule zu Lauban kam er auf das Gymnasium zu Altenburg, damit Er seiner lieben Frau Mutter und ihrer Versorgung näher wäre. Durch seine natürliche Fähigkeit und fleißige Uebung erwarb er sich hieselbst gar bald die Gewogenheit des damaligen Herrn Directoris Herrn ... Daher Edelmann in Evangelio St. Harenbergs S. 15. 16. 20 ihn seinen lieben Gönner nennt.«

§ 47. Ich habe dieses nicht anders Ursache, denn ich kann mit Wahrheit sagen, daß mir dieser liebe Mann sehr gewogen war, und mich bey meinem nachmaligen Aufenthalte in seiner Inspection (denn es war der annoch lebende Herr Doctor Wilisch, gegenwärtig Superintendens in Freyberg) gerne zum Pfarrer gemacht hätte, wenn ich mich hätte entschließen mögen, mich in Dresden examiniren zu lassen, und mich unter die Rolle der Exspectanten mit einzuschreiben. Warum das nicht geschehen, will ich hernach anzeigen, wenn der Verfasser meiner Lebensbeschreibung auf die Umstände meiner Zurückkunft aus Oesterreich kommen wird. Jezt will ich nur melden, daß ich in Altenburg zu meiner Mutter Bruder ins Haus kam, und zur Information seiner Kinder bestellet wurde. Er war damals Amtmann des deutschen Ordenshauses und Assessor im Consistorio, wurde aber nachmals Rath und endlich Hofrath vom Herzog von Gotha. Er hieß Moritz Wilhelm Haberland, und war ein sehr gutthätiger Mann; ich kann sagen, daß die Zeit über, da ich seine Kinder informiret, welches biß 1719 dauerte, recht gute und erwünschte Tage bei Ihm gehabt, und es war Zeit, daß sich trübseligere einstellten, sonst meine Beine nicht stark genug gewesen seyn würden, dieselben zu ertragen.

§ 48. Er hielt eine sehr strenge, und recht nach meinem Kopfe eingerichtete Kinderzucht und das war zwar ein Glück vor mich, so lange ich da war, inmaßen ich sonst wegen meines jähzornigen Temperaments nicht lange bei Ihm ausgehalten haben würde. Es war mir aber in der Folge meines Lebens, welches ich lediglich durch Unterweisung anderer erhalten mußte, sehr schädlich. Denn ich wollte alles auf den strengen Fuß meines Vettern tractiret wissen, und dadurch habe ich mir manchmal sehr im Lichte gestanden.

Mein Vetter hatte ein größer Vertrauen in meine Geschicklichkeit zu informiren gesezet, als ich damals noch besaß, und übersahe mir, aus Liebe zu meiner Mutter, viele Thorheiten, die Er wohl zu ahnden Macht gehabt hätte, wenn er nicht zu gut gewesen wäre. Mit[21] einem Worte, er machte mich hochmüthig, indem er theils, wenn ich öffentliche Reden hielt, mich wissen ließ, daß ich mich unter meinen Mitschülern am besten gehalten hätte, und daß der damalige General-Superintendens D. Rädel selbst zu ihm gesagt hätte, ich würde wohl mit seinem Kalbe gepflügt haben; theils, wenn ich unter seinem Nahmen Verse machen muste (welches zwar nur einmal geschehen) mich, nebst der übrigen Freundschaft über die Gebühr erhub.

§ 49. Es ist einem jungen, ohnedem ehrsüchtigen Menschen, nichts schädlicher, als wenn man ihm einen Dünkel von sich selbst und seiner Geschicklichkeit in den Kopf sezt. Er wird, wie eine übertriebene Frucht, abgeschmackt, und hat von Glück zu sagen, wenn ihn die Vorsicht bald unter Leute gerathen läßt, die mehrere Fähigkeit besizen, als Er. Diese Gnade wiederfuhr mir nicht sogleich, sondern ich muste mich mit der Thorheit des Dünkels noch eine lange Zeit schleppen, und er wurde nicht eher gedämpft, als biß ich aus Sachsen nach Oesterreich kam.

Inzwischen genoß ich auf der Schule zu Altenburg mehr Freiheit, als mir nüze war. Denn es verstrich kaum ein Jahr, so frequentirte ich die Früh-Lectiones fast gar nicht mehr, und das lezte halbe Jahr ging ich, wie ein Studente, schon bedegnet mit meinen Kindern in die Kirche, und niemand sagte mir was drum. Diese Nachsicht war mir nicht gut. Denn ich nahm, meinem cholerischen Temperamente nach, in meiner Einbildung und Dünkel täglich zu, und wenn mir nicht die liebe Armuth noch den Daumen auf dem Auge gehalten hätte, so würde ich ein unerträglicher Mensch geworden seyn.

§ 50. Unterdessen half ich in dem ersten Jahre meiner Anwesenheit in Altenburg das Lutherische Jubiläum mitfeyern, und dachte zur selben Zeit noch an nichts weniger, als daß ich noch einmal würde weiter sehen lernen, als meine damaligen Schranken gingen. Ich schäzte mich vor tausend andern, die diese Jubelfreude nicht erlebet, recht glückselig, und brannte vor Begierde, die reine Lehre bald selbst mit Ernst und Eyfer vortragen zu helfen, welches auch der Wunsch meiner seligen Mutter war, die aber diese Freude nicht erlebet, und gegenwärtig, wenn sie noch leben sollte, wohl nicht würde ertragen können, was mir Gott nach der Hand gezeiget.

§ 51. Nach Verlauf zweyer Jahre, die ich mit vielen Vergnügen alda zugebracht hatte, fanden meine Eltern und mein Vetter vor gut, mich auch das Gymnasium Academicum meiner Vaterstadt Weißenfels besuchen zu lassen, welches mir nicht gelegen war, indem ich gerne gleich auf Universitäten gegangen wäre. Es fehlte aber meinen guten Eltern noch an Mitteln, mich zu dieser Veränderung gebührend auszustatten,[22] und also muste ich mich noch gedulden, und unterdessen Anstalt zu meinem Abzuge von Altenburg machen.

Es kam mir sehr schwer an, diesen angenehmen und mir so sehr schmeichelnden Ort zu verlassen. Allein es half da kein kläglich thun, und ich schickte mich allmählig zu meinem Abzuge. Ehe ich denselben wirklich antratt, rieth mir mein Vetter, mich bei dem bevorstehenden Examine der Altenburgischen Landes-Kinder, welches in pleno Consistorio geschehen sollte, auch mit examiniren zu lassen, es könnte mir solches, wo nicht dereinst eine gute Pfarre im Altenburgischen, doch zum wenigsten ein klein Stipendium verschaffen, mit welchen ich auf Universitäten gehen könnte.

§ 52. Ich ließ mir den Vorschlag gefallen, und der Generalsuperintendent Rädel nahm es, nebst den übrigen Herrn Consistorialen sehr wohl auf, daß ich, nebst noch einem Ausländer, Namens Werner, uns diesem Examini gutwillig unterwarfen, da es manche unter den Landes-Kindern wohl verbeten hätten, wenn es hätte gehen wollen. Wir hielten uns wohl und wurden mit einem guten Wunsch entlassen.

Kurz vor meinem Abzuge must ich noch einmal und zwar ex tempore disputiren. Der Herr Professor Friese gab einigen, die zu diesen trockenen Scharmützeln Lust hatten, ein collegium disputatorium gratis, und da fügte sichs, daß der ordentlich bestimmte Opponent einmal außen blieb. Der Herr Präses ernannte mich sofort, dessen Stelle zu vertreten. Ich nahm es zwar an, weil ich mich aber im opponiren etwas zu naseweiß aufführte, so bekam ich von dem Herrn Professor noch einen guten Filz mit auf den Weg, der mir nach der Hand noch lange Zeit Dienste gethan.

§ 53. Endlich ging mein Weg nach Weißenfels, allwo ich, weil mein Vater die Familie noch in Sangerhausen hatte, mensas ambulatorias bey honetten Leuten erhielt, worunter selbst der damalige Superintendens Schuhmann, und der erste Hofdiaconus M. Günther mit waren, deren Liebe und gute Neigung zu meiner Wenigkeit mir die übrigen verdrüßlichen Umstände meines Weißenfelsischen Lebenslaufs noch ziemlich erträglich machten. Es kamen mir dieselben um so viel fremder und ungewohnter vor, je glückseliger und vergnügter meine erst neulich verlassenen Altenburgischen Zeiten gewesen waren. Denn mein armer Vater, der bereits über 8 Jahr Besoldung zu fordern, und beynahe sein ganzes Vermögen am dasigen Hofe zugesezt hatte, konnte mir mit nichts unter die Arme greifen, und es hatte das gänzliche Ansehen, daß alle meine bisher auf das Studieren gewandte Mühe und Fleiß in ihrer kaum aufgegangenen Blüthe wider ersticken sollte. Tausendmahl wünschte ich wohl, daß mich meine lieben[23] Eltern ein ehrlich Handwerk hätten mögen lernen lassen, als daß sie mich dem fatalen Studiren gewidmet und ich mich nicht, als ein fast 22jähriger Kerl geschämet hätte, wider einen Lehrjungen bey manchmal unvernünftigen Meistern abzugeben, so glaube ich, ich hätte die Schulfuchsereyen auf einmal aufgegeben.

§ 54. Wenn ich nach der Hand, überlegt, warum mich die Vorsicht in Weißenfels und hernach in Jena so knapp und unter dem Druck gehalten, so kann ich wohl keine andre finden, als daß sie mich dadurch von den Ausschweifungen der Liebe abhalten wollen, in die ich sonst gewiß gerathen seyn würde, wenn ich die Gegenstände derselben, wie Jupiter seine Leda, mit einem güldenen Regen hätte beträuffeln können. So aber hieß es bey mir Deficiente Pecu, deficit omne Nia. Mein Gemüth suchte keine brutale, sondern eine vernünftige Liebe, und diese zu unterhalten, dünkte mir, ein Liebhaber müsse magnific, freygiebig und auf gewisse Maaße verschwenderisch seyn. Da ich dieses gegen die, so meinen Augen gefielen, wegen Mangel zeitlicher Güter nicht seyn konnte, so unterdrückte ich auch meine Leidenschaften, indem ich mirs vor eine Schande rechnete, gegen eine Persohn, die mir ein Vergnügen machen sollte, nicht auf eine edlere, als gemeine Art, erkenntlich seyn zu können.

Mit einem Wort die Armuth hielt mich zwar von vielen Ausschweifungen: aber auch zugleich vom Studiren ab, indem ich Tag und Nacht Calender machte, und in die zukünftigen Zeiten sahe, wo ich nichts als schröckhafte Finsternissen, und in denselben ein Ungeheuer über das andere gewahr wurde, ohne im geringsten nur einen Anschein der Hofnung zu erblicken, unter dessen Begünstigung ich mir hätte einbilden können, durch alle diese fürchterlichen Gegenstände glücklich hindurch zu kommen.

§ 55. Es mangelte mir zwar nicht an Patronen, die mir mit Worten dienten: Aber ich hatte keinen einzigen, der mich auf eine thätige Art zu poussiren gesucht hätte, sondern ich mußte alles, unter göttlichen Beystand auf meine eigenen Kräfte ankommen lassen, deren ganze Bemühung, zur selben Zeit einzig und allein dahin ging, wie ich bald von Weißenfels wider weg, und nach Jena ziehen möchte. Denn ich war schon über 21 Jahr alt, und achtete es um so viel mehr einmal Zeit zu seyn, höhere Studia zu ergreifen, jemehr ich täglich anderen meiner ehemaligen Schul-und Spiel-Cameraden von Universitäten1... So oft mir ein solcher Kerl begegnete, so oft gab mir mein Ehrgeiz aufs neue die Sporn: Es ging mir aber,[24] wie einem entkräfteten Pferde, das bey solcher Gelegenheit eher umfällt, als es weiter zu bringen. Der Verdruß über die widrigen Aspecten, die sich an meinem Glückshimmel zeigten, eine gute Portion natürliche Ungeduld und der Neid über meiner ehemaligen Mitschüler besseren Glücke, bemeisterten sich meines Gemüths dergestalt, daß es nicht fähig war einen Schluß zu fassen, was es zu thun oder zu lassen hätte.

Ueber dieser unangenehmen Gemüths-Stellung erhielt ich durch meinen Vetter aus Altenburg das Zeugniß meines Verhaltens, so Er mir (weil der Hr. Director, bey meinem Abschiede, nicht Zeit hatte mir solches mitzugeben) nachzuschicken versprochen hatte. Der äußere Anblick desselben schien mein beunruhigtes Gemüthe ein wenig aufzuheitern. Allein ich kann nicht beschreiben in was vor Bewegung selbiges gerieth, als ich die ersten drey oder vier Zeilen davon zu Gesicht bekam; ich wuste nicht ob ich wachte oder träumte, und es hätte nicht viel gefehlt, daß ich nicht das unschuldige Papier, aus Zorn und Unmuth in tausend Stücken zerrissen. Denn ich war mir der Dinge keins bewust, die in den Anfangs-Zeilen dieses Testimonii vorkamen, und wurde über die vermeinte veränderte Gemüths-Gestalt, meines so lieb gewesenen Directoris, und über die anscheinende Unbesonnenheit meines Vettern, daß Er ein solch Zeugniß angenommen, recht sehr bestürzt.

§ 56. Nach meiner damaligen, noch wenigen Erfahrung glaube ich auch nicht, daß mir zu verüblen war, wenn ich böse that, da man mich zu schimpfen schien, wo ich glaubte ein Lob verdient zu haben. Ich will den Leser von sich selbst urtheilen lassen, ob Er sich viel anders geberdet haben würde, wenn Er, in Erwartung eines zuverläßigen Zeugnisses seines Wohlverhaltens, den Anfang von folgenden Zeilen zu Gesicht bekommen. Sie waren in Form eines fürstlichen Patents sehr prächtig geschrieben, und mit dem großen Siegel des Gymnasii bezeichnet, und lauteten ihrer Ordnung nach also:


§ 57. Lectori suo benevolo.


S. P. D.


Illustris Gymnasii Fridericiani Director, Professores et Collegae.

Quem varia juventutis conspurcarunt scelera, et inter carcinomata atque inutilia scholae pondera collocarunt merito, hunc demittere tamen bona pace, cique vitae morumque testimonium conscribere, ita ut neque obsit futurae[25] ejus felicitati, si resipuerit, et ad meliorem redierit frugem, neque fides ac conscientia testantium laedatur, heic labor, heic opus est: Nam si vel maxime mordeamus ungues, hiulca tamen, quae chartis illinuntur, sunt omnia, minusque ad numerum rite composita, nisi, mangonium exercere, quod a bonis viris quam longissime abest, et offucias lectori facere velimus. Contra ea cum filium bonae mentis commerito vitae sludiorumque testimonio comitari, eumque magnis litterarum bonarumque artium Statoribus, ea, qua possumus ac debemus, fide commendare jubeamur, sine ullo unguium vulnere fluunt verba, et sponte veluti in suos coeunt numeros, nec scribendi testandique bene de virtute illius atque probitate nobis deesse videntur argumenta. Quod ipsum et nobis accidit, cum juvenem litterarum studiis morumque pariter elegantia omnino probatissimum

Jo. Christianum Edelmannum Weissenfelsensem

e gremio nostro demittere, deque ipsius moribus atque iudustria quae summa ubique et pertinax plane fuit, testari jubemur. Nam non e longinquo petamus eum laudandi argumenta, aut e triviis plebejorum testimonia corrodamus necesse est: Sed ipsa et corporis et animi bene compositi ratio, Vultusque candor et morum concinnitas, luculentissima testis erit virtutis ejus atque pietatis, quam et Deo et Patronis et Praeceptoribus omni cura ubique exhibuit. Neque enim in se quisquam desiderari passus est, quod ad explendas boni discipuli partes, aut ad devinciendos sibi magnorum Mecaenatum animos pertinere arbitrabatur. Quare et fiebat, ut inter alios, excellentissimi Viri et censoris morum litterarumque sapientissimi, Domini Mauritii Guilielmi Haberlandi, cujus magna apud Principem nostrum consiliorum est auctoritas, Hospitis sui, imo et avunculi benignissimi, amorem et benevolentiam propriam velut sibi conservaret ubique ac integram, dignumque se redderet, cui omnem opitulandi propensionem ab aliis quoque litterarum Patronis sollicitius et sancta mentis religione nunc corrogemus. Quod dum facimus, Deum ter Opt. Max. rogitamus supplices, velit suo numine tam laudabiles optimi juvenis conatus ita prosperare, ut fortunae salebris, in quibus haeret, feliciter emergat, omniaque novercantis fortunae ludibria, ex optimorum Parentum nostrumque omnium voto quam primum eluctetur. Vale in Domino Jesu, L.H. et studio Eddelmannii vere nostri, imo et nostris, si meremur, favere[26] perge. Scriptum signatumque more recepto die VIII ante Cal. Septembr. A.R.S. 1719.

(L.S.)

Christianus Fridericus Wilisch. m.m.


§ 58. Der völlige Zusammenhang dieses wohlgesezten Zeugnisses beruhigte zwar mein Gemüth wieder. Aber er gab mir keine Kräfte weiter zu kommen. Ich lag meinem armen Vater Tag und Nacht in den Ohren, mir fort zu helfen: Allein das war ihm ebenso unmöglich, als einem Krüppel das tanzen. Denn er mußte selber in größter Dürftigkeit in Weißenfels leben und konnte, wenn Er auch Blut geweinet hätte, doch nicht einen Thaler Besoldung, geschweige seine baar vorgeschossenen Gelder kriegen. Es ist uns auch das Haus Weißenfels glücklich, aber vor uns Kinder sehr unglücklich mit etlichen tausend Thalern ausgestorben, und hat den unsterblichen Nachruhm hinter sich gelassen, daß es uns seelig gemacht, denn seelig sind die armen, doch nur in der Hofnung, die manchen bey seinen gar zu bedrängten Umständen nicht recht in den Kopf will.

Mir ging es so, daher als ich vor Augen sahe, daß ich mit sammt meinem Vater in Weißenfels endlich zum Bettler werden würde, lag ich der Mutter (die nebst der Großmutter und meinem jüngsten Bruder noch in Sangerhausen lebten) aus allen Kräften an, den Vater zu bereden, in andere Dienste zu gehen.

§ 59. Es fügte sich also, daß er durch Vermittlung des 2ten Bruders meiner Mutter, des Pagenhofmeisters in Eisenach, Hofnung erhielt, Rentschreiber am dasigen Hof zu werden. Er muste also unumgänglich dahin reisen. Allein es hielt so hart ein paar Thaler von der fürstlichen Cammer herauszubetteln, daß wo ich ihm nicht noch 2 Gulden mitgegeben hätte, die mir mein Vetter aus Lauban, nebst Tuch zu einem Kleide, geschickt, Er nicht fortgekommen seyn würde.

Dieses Tuch kam mir doch nicht zu gute. Denn mein Vater hatte mir ein schon fertiges Kleid gekauft, wovon wir das Geld noch schuldig waren, mithin mußte das neue Tuch zu Gelde gemacht werden, und ich mich mit dem alten Kittel behelfen. Ich war doch damit zufrieden nachdem ich die Hofnung hatte, daß meine liebe Eltern nun bald in bessere Umstände gerathen würden, und wer war froher als ich, da mein Vater aus Eisenach wieder zurück kam und ich vernahm, daß Er wirklich als Rentschreiber daselbst war verpflichtet worden.

§ 60. Man wird ungeschworen glauben, daß ich nun alles, was[27] in meinem Vermögen gestanden, gethan haben werde, um meinen Vater, nebst der übrigen Familie nun vollends fortzuschieben und wirklich nach Eisenach zu bringen. Allein es schien, als wenn mein guter Vater in Weißenfels angewachsen und von seiner Stelle nicht zu bewegen gewesen wäre.

Die Furcht, daß er bey längerer Verweilung wider um seinen Dienst kommen möchte, die daraus entstehenden betrübten Folgen vor mich, sammt der gegenwärtigen armseeligen Gestallt, in welcher ich mich erblickte, zu einer Zeit, wo ich eines Beystandes von außen, mehr als jemals bedurfte, schlugen mich dergestalt darnieder, daß ich aller meiner Kräfte benötiget war, mich der Verzweiflung zu entreißen.

§ 61. Ich war an Kleidern und Wäsche ziemlich kahl, und wurde täglich kahler, da ich niemanden hatte, der meine Sachen in baulichen Wesen erhalten hätte, und ich viel zu unmuths und ungeduldig war, mich selbst mit Ausbesserung derselben aufzuhalten. Allein es half dahier kein Murren und scheel sehen, meine Lumpen wolten gebessert seyn, mein Unmuth muste dem Ehrgeize weichen, und weil ich mich täglich unter honetten Leuten sehen lassen muste, und die Ehre hatte mit selbigen zu speisen, so suchte ich alle meine Gedult und Geschicklichkeit zusammen, meine schlechte Equipage zum wenigsten in einem reinlichen und unzerlumpten Zustande zu erhalten.

Ich war daher untröstlich, als mir mein einziges, ohnedem in sein ursprüngliches Nichts sehr stark eilendes Kleidchen, von einem meiner Cameraden, Namens Mahn, in des H. Professor Büttners Collegio Astronomico, von hinten zu ganz mit Dinte begossen wurde, daß ich ungefehr die Gestalt desjenigen armen Teufels vorstellen mochte, dem Dr. Luther einmal aus heiliger Ungeduld das Dintenfaß an den Kopf geworfen.

§ 62. Es fehlte nicht viel, dieser Zufall hätte mich vor Aergerniß krank gemacht: Allein er muste erst noch schlimmer werden und zwar durch meine eigene Schuld. Ich hatte gesehen, daß man die Dintenflecke mit Citronensaft aus der Wäsche oder leinenen Zeuge auszumachen pflegte, und also gedachte ich diese Cur mit meinem befleckten Kleide auch vorzunehmen: Allein, ich machte zu meinem äußersten Verdruß, Uebel dergestalt ärger, daß das ganze Kleid, von hinten zu, völlig verdorben wurde. Denn anstatt der mittelmäßigen Dintenflecke, die ich mit einer kleinen Sündfluth von Citronensaft vertilgt hatte, zeigten sich nun große gelbe Flecke, und meine Hülle sah nicht anders aus, als wenn sie noch eine Reliquie von dem Mantel des Socrates gewesen wäre, den die Xantippe einmal mit einer gewissen Lauche eingebeizt.[28]

§ 63. Diese Umstände machten mich fast melancholisch, weil ich weder meine Collegia, noch meine Tische anders, als in einem verschabten Mantel besuchen konnte, zu welchem Aufzuge, da ich, als ein Gymnasiast, den Degen doch nicht weglegen durfte, mir weiter nichts, als noch ein Schieß-Prügel fehlte, so hätte ich einen Hamburger Friedens-Soldaten agiren können.

Endlich fand mein Vater, dem meine Melancholie zu Herzen ging, einen Tuchscheerer, der die Kunst Flecke auszumachen, besser verstund, als ich, und es hieß noch dazu, der Herzog Christian, als mein hoher Pathe, wollte mir (weil ich meine Personen, bey denen damals auf dem Schlosse vorzustellenden Comödien gut gespielet hatte) ein neues Kleid machen lassen, so bald die Livrée würde geliefert werden.

§ 64. Die Freude war unaussprechlich bey mir, als mir wirklich von dem Schneider das Maaß darzu genommen wurde: Allein es gleichte auch nichts meinem Verdrusse, als ich sehen muste, daß bald darauf alles, biß auf die Hundejungen neu gekleidet ging, und ich noch nach wie vor in meiner alten Montur aufziehen muste.

Hätte ich damals nur 16 Groschen in meinem Vermögen gehabt, so hätte ich dem Herzog unfehlbar den Possen gethan, und wäre Ihm unmittelbar vor Aufführung einer Comödie, in welcher ich eine Hauptperson vorstellen muste, davon gegangen: Allein als ein Bettler zu reisen, kam mir gar zu schimpflich vor, und weil zumal mein Vater, der meinen Vorsaz wohl merkte, mich auch vor toll genug hielt, selbigen auszuführen, alle sein möglichstes that mich in diesen verdrüßlichen Umständen wieder zufrieden zu sprechen, und mir insonderheit die Versicherung gab, daß mir die Princessin Wilhelmine, des Herzogs Schwester jährlich 10 Thaler auf Universitäten zuzuschießen versprochen, deren ich mich nicht allein verlustig machen würde, wenn ich vor Aufführung der Comödie davon gehen sollte, sondern Ihm selber auch des Herzogs größte Ungnade zuziehen, so wartete ich dieses Schauspiel vollends ab, und erhielte mir dadurch nicht allein die Gnade der Princessin, sondern es wurde mir auch, da ich schon in Jena war, noch ein neues Kleid nachgeschickt.

§ 65. Ehe ich aber Weissenfels verlassen konnte, muste ich doch nothwendig erst wissen, woher einige Mittel zu nehmen, einen kleinen Anfang zu meiner künftigen academischen Haushaltung zu machen. Denn von meinen armen Eltern konnte ich, in ihren damaligen bedrängten Umständen schlechterdings nichts hoffen. Ich nahm also meine Zuflucht zu meinem Vetter in Altenburg, stellte Ihm meine mittellosen Umstände, und meiner Eltern Unvermögen vor, und wie[29] mich solche hinderten, mein Studiren weiter fortzusezen. Er war von einem sehr mitleydigen Naturell, daher, ob mir schon in Altenburg, niemand was zu geben schuldig war, so brachte Er es doch, in Ansehung meines ehemaligen Wohlverhaltens in dortigen Examine, dahin, daß mir von dem dasigen Consistorio 20 Meißnische Gulden zum Geschenke ausgezalet wurden.

§ 66. Mein Vetter übermachte mir solche ohne Verzug, und wie ich sie erhielt, so weiß ich nicht, wie mir geschahe: Freude, Dankbegierigkeit, Hofnung, Lob und Preiß vor so gnädige göttliche Hülfe. Betrübniß über die bedrückten Umstände meiner Eltern, und insonderheit meines Vaters, der nicht so viel Geld in Weissenfels erlaufen konnte, daß er nur zur Antretung seines Dienstes in Eisenach hätte reisen können, samt der Vorstellung, wie es mir bey so betrübten Aspecten aus Universitäten ergehen würde, preßten mir die heißesten Thränen aus, und ließen mich lange in einer sehr tiefen Betrachtung. Doch wie mich die gegenwärtige und bisher genossene göttliche Hülfe, auch an künftiger Versorgung meines armen Lebens nicht zweifeln ließ; also zog ich endlich auch mit getrostem Muthe nach Jena, bezahlte von meinem wenigen Gelde noch etliche Thaler Schulden in Weissenfels, und wurde, um mir freye Collegia in Jena zu verschaffen, vom Herrn Superintendenten Schumann mit folgendem Testimonio Paupertatis versehen.


§ 67. Domino Lectori Honoratissimo


Salutem ac Amorem officiosissimum.


Praesentium Exhibitor, Dominus Johannes Christianus Edelmann, hactenus in Illustri Augusteo, quod Leucopetrae floret, studiis incubuit strenue. Vitam egit litterarum cultore dignam; Modestia, quam etiam summi mortales non spernunt, egregie ornatus est. Discedit hinc, non ut indulgeat genio, aetatemque oblectet vanitatibus, sed ut eruditione ac litteris animurn magis magisque locupletare possit. Ast vero, quod dolendum, paupertate premitur summa, ac fortuna ita depressus est, ut humi semper jacere oporteat, nisi erigatur a Patronis. Parentes quidem habet adhuc superstites probos ac honestissimos, sed destituti auxilio, praestare hoc filio optimae spei non valent. Utrique commiseratione digni. In Deo autem spem collocant suam et haec non erit irrita. Me quod attinet, rogo Deum, calidissimis suspiriis, ut excitare velit[30] Maecenates in pressas optimi Juvenis Musas promptos. Addo votum omnes ac singulos, quos modestus, probus ac ingeniosus Edelmannus experietur Fautores ac Benefactores, Deus T.O.M. beet felicitate exoptatissima. Scrib. Weissenfelsae d. 29. April 1720.

(L.S.) Joh. Michael Schumann

Consil. Eccl. Consistorii Saxo Querfurth Adsessor,

Pastor et Superintendens.

m. ppr.


§ 68. Ich habe nach der Hand meine Betrachtungen über dieses Zeugniß gehabt, und mich verwundert, daß ein Mann, der andere so geschickt zum Wohlthun zu ermuntern weiß, und selbst gestehet, daß ich mich in so bedaurungswürdigen Umständen befunden, selbst so wenig thätige Liebe gegen mich blicken lassen. Denn außer zweyen Mahlzeiten, die ich, Zeit meines halbjährigen Aufenthalts in Weissenfels, wöchentlich bei ihm genossen, und die ich auch mit allen schuldigsten Dank erkannt, hätte ich mir zum wenigsten einen Gulden zum Zehrpfennig von Ihm vermuthet, den ich nach der Hand wohl manchem gereichet, der es weniger, als ich, damals bedürftig gewesen. Allein ich bekam nichts, als die Calidissima suspiria mit auf den Weg, die Er in obstehende Zeilen versteckt, die mir aber keine Suppe kochen, viel weniger einen Ofen wärmen konnten. Ich bin aber bald aus dem Wunder kommen, als ich nach der Hand vernommen, daß Avarus ein Dorfpriester, Avarior ein Stadtpfarrer und Avarissimus ein Superintendens heiße, und freue mich jetzt von Herzen, daß mich die Vorsicht diese gradus comparationis nicht passiren lassen.

§ 69. Meine Reise von Weissenfels nach Jena, gieng zu Fuße, und mein Vater gab mir das Geleite ungefehr eine Stunde von der Stadt, allwo er mit Thränen von mir Abschied nahm, und mich, weil Er keinen Heller mehr im Vermögen hatte, um etliche Groschen bat. Das Herz im Leibe hätte mir brechen mögen, daß ich mich nicht im Stande sah, Ihm, meiner Schuldigkeit nach, recht kräftig unter die Arme zu greifen. Denn weil ich in Weissenfels etliche Thaler Schulden bezalet, die sonst mein Vater, wenn Er im Wohlstand gewesen wäre, hätte bezalen müssen, so bestund mein ganzer nach Jena mitgenommener Reichthum etwa noch in 12 Thalern, und davon hinterließ ich meinem armen Vater, meines Behalts etwa 2 Gulden, wovor Er mir tausend Seegen anwünschte, und unter vielen Thränen seinen Weg nach der Stadt wiederum zurück nahm.

§ 70. Wir folgen nunmehro wider der Anleitung unsers Lebensbeschreibers, dessen Text in der Folge also lautet:

Fußnoten

1 Hier ist eine Zeile im Manuscript weggeschnitten.


Quelle:
Edelmann, Johann Christian: Selbstbiographie. Berlin 1849 (Faksimile-Nachdruck Stuttgart, Bad Cannstatt 1976), S. 31.
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Selbstbiographie
Joh. Chr. Edelmann's Selbstbiographie Geschrieben 1752: Herausg. Von C. R. W. Klose (German Edition)
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