Das schickliche Benehmen an Krankenbetten, bei Sterbefällen und Begräbnissen.

[154] »O, lieb', so lang' du lieben kannst,

O, lieb', so lang' du lieben magst:

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst.«

Freiligrath.


Ihr seid mir, meine lieben jungen Damen, nun durch eine Reihe meist heiterer Beschäftigungen, lohnender Pflichten, froher Geselligkeit und schöner Feste gefolgt, tretet nun mit mir auch an eine traurige Pflicht, an eine thränenreiche Feierlichkeit heran, welche durch Gottes Willen leider keinem Menschenleben, auch selbst dem glücklichsten nicht, erspart wird. Ich meine damit die Pflege der Kranken und den Tod, das Begräbnis derjenigen, welche durch die Bande der Verwandtschaft, der Freundschaft zu euch gehören.

Die Krankenpflege ist eine sehr schwere Aufgabe für ein junges Gemüt, es gehört viel Ernst, Nachdenken, Vorsicht und vor allem viel Geduld und Liebe dazu, sich ihr zu widmen. Sobald sie Gott von euch fordert dadurch, daß er einen eurer Lieben auf das Krankenbett legt, macht euch stark, um in opferwilliger Freudigkeit diese schwere Prüfung zu ertragen. Ihr dürft dann nicht in mißfälligem Egoismus an euch selbst und die euch dadurch verloren gegangenen Zerstreuungen und Vergnügungen denken, ihr müßt, wenn es nötig ist, auf jedes, was sich euch in solcher Zeit an Lustbarkeiten bietet, verzichten, dürft es im rechten Zartgefühl den Kranken nicht merken lassen, daß euch solche Entsagung schwer wird, denn Kranke sind vorzugsweise empfindlich und sehr leicht erregt. Und wenn die wirkliche Liebe in euch vorherrscht, da meine ich, wird euch ja auch keine solcher Entbehrungen zu schwer fallen, ihr werdet euren ganzen Sinn nur darauf richten, dem teuren Kranken seine Leiden zu erleichtern und euer Herz zu Gott im Gebet um seine Genesung erfüllen.

Zeigt stets Dienstfertigkeit, zeigt eine freundliche, niemals eine mürrische Miene dem Leidenden, verbergt eure Herzensangst, eure bange Besorgnis um ihn unter einem gesetzten, ruhigen Ernst, damit ihr ihn nicht durch eure[154] Befürchtungen ängstigt; vermeidet jedes erregende Gespräch mit ihm, auch wenn er sich schon in der Genesung befindet, laßt nicht unnötigen Besuch zu ihm ein, unterhaltet ihn selbst nicht zu viel und zu lange durch Erzählungen und vermeidet mit Geschicklichkeit und Umsicht jedes plötzliche Geräusch, was ihn erschrecken könnte. Tretet recht leise auf im Krankenzimmer, hört die Verordnungen des Arztes mit offenem Ohr, merkt sie euch pünktlich und befolgt sie streng. Eine Verwechselung der Medizinflaschen, eine Unregelmäßigkeit im Einnehmen derselben hat oft schon die fortschreitende Genesung beeinträchtigt, wenn nicht gar den Tod des Patienten beschleunigt. Auch in der Nacht versucht es, den festen Schlaf der Jugend so zu besiegen, daß ihr zu den bestimmten Stunden des Medizingebens oder, wenn der Kranke etwas von euch fordert, gleich und schnell bei der Hand seid. Bei ansteckenden Krankheiten gebraucht die nötige Vorsicht, zeigt aber dem Kranken nicht Furcht oder Widerwillen, und ist es durchaus zweckmäßig, daß man euch von der Krankenpflege ausschließt und sie anderen überträgt, so erschwert nicht durch Verzweiflung ihnen und euch selbst diese Rotwendigkeit.

Bedenkt stets, daß Kranke sehr leicht gereizt sind, daß selbst die sanftesten Personen in der Krankheit oft ganz unerträgliche Launen zeigen und dem Gesunden dadurch viel Umstände und Mühen verursachen. Diese zu ertragen, dazu hilft euch nur die Geduld, hilft euch eure Liebe für sie, und diese wird auch erfinderisch sein, ihr werdet euch bestreben, ihnen kleine Freuden zu bereiten, sie nicht warten lassen auf die nötigen Dienste und ihnen alles so zu bereiten und zu erfüllen suchen, wie es für sie am wohlthuendsten ist.

Schwindet aber die freudig belebende Hoffnung zur Besserung des Erkrankten mit jedem Tage mehr, dann habt ihr es doppelt nötig, eure Kraft zu sammeln und in starker Liebe und im gläubigen Aufblick zu Gott dem Sterbenden beizustehen in seiner letzten Not.


»Kommt dir ein Schmerz, so halte still

Und frage, was er von dir will.

Die ew'ge Liebe schickt dir keinen

Bloß darum, daß du mögest weinen.«

E. Geibel.
[155]

Der Tod ist nicht bloß für das Alter zu berücksichtigen, er gibt auch schon der Jugend viele und ernste Mahnungen. Unser ganzes Leben ist ein Gang in den Tod, jeder verlebte Tag, jede schnell dahineilende Stunde bringt ihn uns näher, wir erfahren beständig, daß uns befreundete, daß uns auch nur oberflächlich bekannte Menschen abscheiden. Der Tod sucht jedes Haus auf, und ruft nicht allein die Greise, er rafft auch blühende Kinder und hoffnungsvolle Jungfrauen dahin, daher soll die ernste Trauer um einen teuren Toten nicht nur ein pietätvolles Denken an ihn sein, sondern auch eine stete Erinnerung im Verkehr mit den uns noch Gebliebenen. Auch sie können uns genommen werden in wenigen Stunden.

Ein Todesfall in der Familie muß dem Bekanntenkreise entweder durch die Zeitungen, durch ihnen zugesandte, gedruckte Anzeigen, oder auch durch beides bekannt gemacht werden; man vergesse dabei nicht, die Stunde des Begräbnisses anzugeben, denn es ist Sitte, daß oft diejenigen, die nicht zu den näheren Freunden gehören, aber doch in bekannten Beziehungen zu dem Toten oder seiner Familie stehen, demselben beiwohnen wollen.

Den nächsten Verwandten oder Freunden aber zeige die junge Dame den Tod eines ihrer Eltern z.B. noch außerdem durch einige schriftliche Worte an. Es ist die Pflicht des guten Anstandes, die Fürsorge des sein Gebildeten für diejenigen, welche man an solchem Trauerfall zu nahe beteiligt glaubt, um sie bloß durch gedruckte Worte zu erschrecken. Dem Geschriebenen kann eine vorbereitende Einleitung vorangehen, und die Schreiberin berücksichtige dieselbe jedenfalls. Weder in mündlicher noch schriftlich vorbereitender Anrede an sie beginne sie mit: »Erschrecken Sie nicht u.s.w.«, sondern schreibe z.B.: »Es ist diesmal leider eine traurige Begebenheit, die mich zu Ihnen führt,« oder: »Bereiten Sie sich darauf vor, durch diese Zeilen von mir heute ein Ereignis zu erfahren, das uns alle in tiefe Trauer versetzt hat und das auch Ihr teilnehmendes Herz mit uns führen wird.«

In diesen ersten schriftlichen Worten wird es die in solchen Fällen sehr bedrängte Zeit erfordern, sich möglichst kurz auszudrücken, später aber sorge die Leidtragende mit[156] seinem Verständnis für das Schickliche, daß die entfernten Teilnehmenden schriftlich noch ein Bild der letzten Tage und Stunden des Dahingeschiedenen erhalten, sie wird ihnen dadurch wohlthun und ihnen den Schmerz um sie lindern helfen.

Zu dem ersten vorbereitenden Briefe an nahe Verwandte schon schwarzgeränderte Couverts und Schreibbogen zu nehmen ist nicht ratsam, da man besorgen muß, daß der plötzliche Schreck darüber ihnen nachteilig werden könnte. Während der Trauerzeit wird man sich jedoch am liebsten solches Schreibmaterials bedienen.

Die Besorgung des Traueranzuges ist eine Pflicht der Schicklichkeit, welche der gute Anstand auch dem auf das tiefste gebeugten Herzen sogleich nach dem Todesfall auferlegt. Die Tochter ziehe gleich in den nächsten Stunden nach dem Hinscheiden der Eltern, Großeltern wo möglich ein schwarzes Kleid an, entferne jeden Goldschmuck und jede bunte Farbe von ihrem Anzug, denn die eigentlichen Trauerkleider, Umhänge und Hüte sind oft nicht so schnell beschafft. Am Tage des Begräbnisses ist es aber wohlanständig, im vollständigen Traueranzug zu erscheinen.

Die Trauer um Vater oder Mutter dauert ein Jahr; sechs Monate gehören der tiefen Trauer mit schwarzem Kreppschleier am Hut, Kreppkragen und Manschetten, in den folgenden sechs Monaten können weiße, glatte Kragen und Manschetten zum schwarzen, später auch zum dunkelgrauen Kleide getragen werden.

Die Trauer um Großeltern dauert nur sechs Monate, drei davon in tiefer, drei in halber Trauer, um entferntere Verwandte richtet sich die Trauer nach dem Verwandtschaftsgrad, oft auch nach dem Bedürfnis des eigenen Herzens. Dienstleute, die sich bei einem Sterbefall im Trauerhause befinden, erhalten schwarzes Zeug zum Kleide oder Geld, um sich ein solches zu kaufen.

Von einem Trauerhause bleibt jede laute Lustbarkeit fern. In der Trauerzeit fröhliche Feste mit Gläserklang zu feiern, ist unschicklich. Ebenso unziemlich ist es, wenn die junge Dame sich in tiefer Trauer an öffentlichen Vergnügungsorten zeigt. Man setzt in solchem Fall leicht Herzlosigkeit und Leichtsinn bei ihr voraus, und sie verliert bei Fremden den guten Ruf der Wohlanständigkeit.[157]

Die Trauervisiten muß die Leidtragende empfangen, auch wenn ihr dieselben recht schwer werden, besonders in der ersten Zeit der Betrübnis. Aber es ist immer wohlthuender, ihre Freunde und Bekannte nach solchem Ereignis im Zimmer zu empfangen, als ihnen vielleicht nachher am dritten Ort zu begegnen oder auf offener Straße ihr Beileid zu empfangen. Bei diesen Visiten vermeide die sie Empfangende wie diejenige Dame, welche eine sogenannte Kondolenzvisite zu machen hat, jedes andere von dem eigentlichen Gegenstande des Besuches abweichende Gesprächsthema.

Man stattet Trauervisiten nach dem Grade des Verhältnisses, in dem man sich zu den Leidtragenden befindet, in den ersten acht Tagen bis vier Wochen ab, Trauernde erwidern dieselben erst nach längerer Zeit.

Bei solchen Visiten im Sterbehause vermeide es die Besuchende, zuerst viel über den Todesfall zu fragen und Einzelheiten desselben wissen zu wollen. Sie berücksichtige mit Zartgefühl den Schmerz der Leidtragenden, der sich durch die Wiederholung des Traurigen erneut; ebensowenig sind teilnehmende Fragen, wie sich nun die Zukunft der Ueberlebenden gestaltet, statthaft, diese Fragen tragen oft den Stempel der Neugier und sind darum sehr lästig.

Neigt sich die Trauerzeit ihrem Ende zu, kann die junge Dame sie bei dem Anlaß eines eintretenden freudigen Familienfestes zwar nicht ganz ablegen, aber doch aussetzen. Sie kann auf einer Hochzeit z.B. für die Stunden der Feier im farbigen Festkleide erscheinen, darf aber nicht in solchem Fall durch ausgelassene Fröhlichkeit unter den anderen Hochzeitsgästen sich hervorthun, denn man setzt in einem zartfühlenden Menschen, wenn er auch die äußere Trauer augenblicklich nicht trägt, doch die unvergessene Stimmung des Ernstes voraus.

Bei jedem Begräbnis, dem sie als Teilnehmende beiwohnt, kleide die junge Dame sich in Schwarz, sie entferne farbige Blumen und Federn von ihrem Hut. Bei dem Eintritt in die Trauerversammlung begrüße sie die Leidtragenden nicht mit vielen Worten, ein stummer Händedruck und ihr Erscheinen selbst werden ihre Teilnahme genugsam bekunden. Blumen oder Blumenkränze, als letzte Liebesgabe für den Toten, sind bei solcher Feierlichkeit nicht zu vergessen.[158]

Indem ich nun meinen lieben, jungen Leserinnen, die mir bis hierher freundlich gefolgt sind, ein Lebewohl sage, kann ich es nicht unterlassen, sie noch auf eine Lebensstellung, deren Schicklichkeitsaufgaben und Pflichten aufmerksam zu machen, von der keine einzige mit Bestimmtheit weiß, ob sie ihr nicht beschieden ist, denn gar manches junge Herz blickt hoffnungsfreudig und siegesgewiß in die Zukunft und muß dennoch in kommenden Jahren den Kranz der Entsagung tragen.

Ich meine damit diejenige Stellung im Leben, welche die alternde, die unverheiratete Jungfrau einnehmen muß.

Ob sie es sich auch von frühe an angelegen sein läßt, ihre häuslichen Pflichten in den Regeln der Wohlanständigkeit zu befolgen, so wird doch nicht jeder Jungfrau die Hand eines Mannes geboten, an dessen Seite für sie ein häusliches Glück, eine sichere Lebensstellung zu erwarten steht, und nicht eine jede ist dazu berufen, als Gattin und Mutter in diese bestimmte Wirksamkeit zu treten.

Also suche die edle Jungfrau nicht allein im ehelichen Glück ihre Bestimmung, sondern vergegenwärtige sich stets, wie schwer dasselbe oft ihre früheren Jugendgefährtinnen drückt, wie viel Trübsal auch in ihm eintreten kann, sie befestige statt dessen in sich die Einsicht, daß auch andere Lebensstellungen ihr Befriedigung bieten können. Das Leben der Unverheirateten kann sich beglückend und harmonisch gestalten, sobald eine Jungfrau nur den Trieb in sich fühlt, nicht nur für sich selbst, sondern im weiten oder engeren Kreise zu schaffen.

Tragt, meine Freundinnen, mit sittlicher Würde, mit edlem Selbstgefühl euer bestimmtes Los und, das ist die erste Bedingung dazu, es euch zu erleichtern, schafft euch einen Wirkungskreis, der euch Thätigkeit, Befriedigung gewährt.

Und der Hafen, der sie aufnimmt, ist Ruhe des Gemütes in Gott durch das Bewußtsein treu erfüllter Pflichten.

Ihn gebe Gott euch allen, meine lieben Jungfrauen.


Clara Ernst.[159]

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 154-160.
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