Achtes Kapitel.
[252] Heinrich Laube. – Dessoir. – Personaländerungen. – Revolution in Weimar.

Am 18. September 1847 wurde die Bühne in Weimar unter ihrer neuen Administration mit »Emilia Galotti« wieder eröffnet. Als erste Neuigkeit wurden die »Karlsschüler« von Laube gegeben. Um dies zu ermöglichen, hatte man Herrn Ludwig Dessoir von Karlsruhe zu einem Gastspiel eingeladen, der den Schiller gab.

Der Dichter war von der Intendanz aufgefordert worden, sein neuestes Werk dem Personal vorzulesen.

Für mich und meine Frau, die wir Laube seit dem Jahre 1830 kannten, waren die Fortschritte, die er als dramatischer Dichter gemacht hatte, von großem Interesse. Für ein Gastspiel in Breslau hatte mir damals Karl Herloßsohn einen Brief an den noch nicht in weiteren Kreisen bekannten Heinrich Laube mitgegeben. Die Bekanntschaft und der öftere Verkehr mit dem ebenso talentvollen und unterrichteten als liebenswürdigen jungen Manne wurde mir höchst lieb und wert und trug nicht wenig zu der Annehmlichkeit meines Breslauer Aufenthalts bei. Als ich auf meiner Rückreise über Leipzig mit Leopold Voß zusammentraf und dieser gegen mich erwähnte, daß er für seine Zeitung »Die elegante Welt«[252] einen tüchtigen Redakteur suche, machte ich ihn auf meinen jungen Breslauer Freund aufmerksam, und bald darauf nahm Laube die genannte Stelle ein. Jetzt sahen wir ihn mit Freude wieder. Sein charakteristischer Vortrag gefiel uns ungemein. Er wußte die Figuren seines Zeitgemäldes den Schauspielern gegenüber zur klarsten Anschauung zu bringen, und diese benutzten seine Winke bei der Darstellung zum großen Vorteil des Ganzen. Er selbst setzte das Stück mit voller Sicherheit in Szene, und mit Vergnügen sah ich, daß er sich auch auf diesem Boden mit Glück bewegte. So war in einem Zeitraume von siebzehn Jahren aus dem talentvollen, geistreichen Jüngling ein tatkräftiger, bedeutender Mann geworden, dessen Namen man in Deutschland schon damals mit Achtung nannte. Mir fiel bei dieser Gelegenheit ein Ausspruch Goethes ein: »Es ist erfreulich, wenn man in seiner Jugend ein Lorbeerreis hat keimen sehen und findet es in späteren Jahren als kräftigen Stamm wieder, unter dessen Schattendach sich behaglich ruhen läßt.«

Die Vorstellung ging rund und glatt zusammen. Das Stück wurde vom Publikum lebhaft aufgenommen und hat sich lange auf dem Repertoire erhalten.

Was die Leistung des Gastes betrifft, so ersetzte Dessoir durch sein meisterhaftes Spiel reichlich, was ihm etwa an Jugend zu dieser Rolle mangelte. Schade, daß sein Äußeres, bis auf den braunen Rock und das blonde Haar, dem Bilde Schillers gar nicht glich.

Für unsere Oper hatten wir in den Damen Agthe – später Frau von Milde – und Haller zwei Sängerinnen gewonnen, wie man sie in der Tat nicht besser wünschen konnte. Es war ein Genuß, diese jungen schönen Talente vereint wirken zu sehen in »Norma«, »Robert der Teufel«, »Martha« usw. In den Herren Götze und Schneider besaßen wir einen wackeren ersten und zweiten Tenor, in Herrn Höfer einen tüchtigen[253] Bassisten. Auch die zweiten Fächer waren genügend, und der Chor durch vierzig weibliche und männliche Mitglieder vertreten. Um ein vollkommenes Ensemble herzustellen, mußte noch ein Bariton gewonnen werden, da ich erklärt hatte, Rollen wie den Don Juan, Vampyr, Bois Guilbert usw. nicht mehr spielen zu wollen. Nach meinen Kräften hätte ich wohl noch einige Jahre das Fach ausfüllen können, aber ich bin stets der Ansicht gefolgt, daß es für alle Teile ersprießlicher sei, wenn der Künstler lieber früher zum Bedauern des Publikums sich zurückzieht, als zu spät. Auch bot mir meine im Drama sich immer mehr ausbreitende Tätigkeit Spielraum genug, meinem Künstlerstreben zu genügen. Wir fanden im Frühjahr 1848 einen wünschenswerten Ersatz in Herrn von Milde, der, wenn ich nicht irre, in Potsdam seine theatralische Laufbahn begonnen hatte und von dort zu uns kam. Die Natur hatte ihn mit einer schönen Gestalt, edlen Gesichtszügen und einer herrlichen Stimme ausgestattet, die von Hauser in München gebildet war. Er war zwar noch Anfänger, aber äußerst strebsam und folgte willig gutem Rate. –

Von den Brettern, die die Welt bedeuten sollen, wende ich mich zur Bühne des allgemeinen Lebens, auf welcher zuweilen ja auch Komödie gespielt wird, nur daß diese Darstellungen ernster und folgenschwerer sind.

Die Prophezeiung Raupachs, daß der finstere Geist der Revolution einst ebenfalls über Deutschland hereinbrechen werde, die er im Anfang der dreißiger Jahre aussprach, sollte zur Wahrheit werden. Wie überall, fing auch in Thüringen der politische Boden an, sich zu bewegen.

Es mochte ungefähr Anfang Januar 1848 sein, als Bürgerversammlungen allabendlich im großen Saale des Stadthauses stattfanden. Eine Rednerbühne ward dort errichtet, auf welcher für und gegen die Regierung gesprochen wurde.[254] Man hatte bei diesen Debatten Gelegenheit, patriotische Gesinnung und manchen wackeren Redner kennen zu lernen. Die Gesellschaft bestand aus Bürgern, Beamten, auch Handwerkern. Demokraten und Konstitutionelle waren hier vereinigt. Hier und da tauchte manches Ungehörige auf, dem die Gutgesinnten entgegen traten. Gleich einer epidemischen Krankheit hatte die Politik das sonst so ruhige Weimar ergriffen, und alles politisierte damals, selbst Frauen und unreife Knaben nicht ausgenommen.

In dieser Zeit wirrer Aufregung fehlte es auch an komischen Szenen nicht. Mit meinem Jugendfreunde Archivar O. aus einer dieser Abendgesellschaften kommend, fanden wir auf der Straße einen Schusterjungen von 14 bis 15 Jahren von Handlangern umgeben. Der kleine Kerl dozierte, welche Rechte dem Fürsten und welche dem Volke zukämen. Dem ersteren bewilligte er gnädigst jährlich tausend Taler Pension und ein Reitpferd, dem Volke sprach er alle Staatseinkünfte und das Herrscheramt zu. Ich mußte herzlich über den kleinen Wühler lachen, aber mein Freund blieb bei dem Unsinn nicht so ruhig. Er sprang in den Kreis und packte den Jungen am Kragen mit den Worten: »Hier auf der Gasse werden keine Beschwerden angebracht; wer etwas zu sagen hat, muß oben die Rednerbühne besteigen; also hinauf mit dir!« Der Junge wand sich wie ein Aal unter der kräftigen Faust meines Freundes, jämmerlich schreiend: »Ach Herr Jeses! Lassen Se mich nur los! Mei Mester meent so, ich will ja gar nischt!« Die Umstehenden, die in dem heftigen Manne einen Polizisten vermuteten, schlichen davon. O. schleppte den Jungen bis zur Tür des Stadthauses, gab ihm dort ein paar tüchtige Ohrfeigen und ließ ihn dann laufen.

Während in unserem Vaterlande die wachsende Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen überall an den Tag trat und man über die Wege der Besserung noch debattierte,[255] brachte der 23. Februar unsern westlichen Nachbarn eine neue Revolution, die dann auch bei uns ein Echo weckte.

Ludwig Philipp war geflohen, Frankreich in voller Revolution, als am 8. März der gefürchtete Gast in einer kleinen Revolte auch in Weimar auftrat. Die Führer der Demokraten, deren Zahl in Thüringen nicht unbedeutend war, obgleich nur wenige an eine eigentliche Republik dachten, hatten die Bauern der nächstgelegenen Dörfer zu einer Volksversammlung nach Weimar berufen. Diese fand am Nachmittag des genannten Tages auf dem großen Markt vor dem Stadthause statt. Aus dem ersten Stock desselben las man die Paragraphen der neuen Staatsordnung vor. Mit den beiden ersten, Preßfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, waren wohl alle Anwesenden, gleichviel ob sie dem Beamten-, Bürger- oder Bauernstande angehörten, einverstanden.

Es fiel mir auf, daß mehrere Landleute Quersäcke oder Ranzen über der Schulter hängen hatten. Um meine Neugierde zu befriedigen, fragte ich einen der Sackträger, wozu die Säcke dienen sollten. Mit wichtiger Miene sagte er: »'s hat merr ener gesaht, daß hinte (heute) das Kammervermegen geteelt werd, un da wullt' äch meenen Teel glich metnehme.« – »Da hat man Euch belogen. Das Kammervermögen soll mit dem landschaftlichen verschmolzen werden.« – »Ach, su is 's gemeent! Da kunnich nur wedder hem gihn; desterwegen bin äch ju norst rinn gekumme.« Der größte Unsinn war zu jener Zeit den guten Leuten glaubhaft zu machen. Nachdem ich noch die Paragraphen »Freie Jagd« und »Ablösung aller Zinsen ohne Entschädigung« vernommen, hatte ich genug und ging mit meinen Gesinnungsgenossen in den Gasthof zum Anker, wo sich Demokraten und Konstitutionelle versammelten. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um das Für und Wider der in der heutigen Versammlung[256] verkündigten neuen Ordnung. Der Streit fing eben an etwas lebendiger zu werden, als ein Demokrat die Tür aufriß und uns zuschrie: »Heraus, ihr Bürger, das Gesindel stürmt das Schloß!« Alle Bürger, welcher Partei sie auch angehörten, sprangen auf und eilten im vollen Lauf unter dem Rufe: »Bürger heraus!« nach dem Schloß, um ihren Fürsten und sein Haus zu schützen. In kurzer Zeit waren über 500 Bürger versammelt, die alle Eingänge zu den fürstlichen Gemächern besetzten. Als Erkennungszeichen, da es bereits zu dunkeln begann, hatte jeder Bürger sein Taschentuch um den linken Arm gebunden. So standen wir nun wie eine Mauer im Fond des Schloßhofs. Der Lärm und das Geschrei waren betäubend, und doch wären fünfzig Bajonette hinreichend gewesen, dem tollen Spuk ein Ende zu machen; aber der gütige Fürst hatte jeden Eingriff des Militärs untersagt. Zunächst versuchten die Minister durch versöhnende Worte und Versprechungen die rasende Menge zu beruhigen, aber alles war vergebens, bis man den Landtagsabgeordneten Amtsadvokaten von Wydenbrugk, den Mann des Volks, herbeigeholt hatte. Dieser wußte durch eine energische Rede die weniger Schlimmgesinnten zum Fortgehen zu bewegen. Als er vom Schlosse herabkam, wurde er von zwei Exaltierten auf die kräftigen Schultern eines großen Mannes gehoben, und unter Jubelgeschrei folgte die größere Menge diesem Triumphzuge, aber die Hefe, der es um etwas ganz anderes zu tun war, als Rechte und Freiheiten zu beanspruchen, blieb. Da übernahmen es die Bürger, in geschlossenen Reihen die zerlumpte Rotte durch die Barriere des Schloßhofs hinauszujagen. Inzwischen waren noch viele Bürger herbeigekommen, so daß die Zahl derselben wohl tausend betrug. Eine Wachtstube wurde im Schlosse errichtet; ein Teil der Mannschaft besetzte die Barrieren, der größere Teil durchzog in Patrouillen die Straßen, um das Eigentum der Einwohner zu schützen.[257] Die Frauen und Kinder kamen mit dem Schrecken davon, denn an wirkliche Gewalttätigkeiten dachten wohl nur wenige in der aufrührerischen Rotte; sie begnügte sich, schreiend und lärmend durch die Straßen zu ziehen und einigen mißliebigen hohen Staatsbeamten die Fenster einzuwerfen. Bis tief in die Nacht hinein mußten wir auf den Beinen sein, und erst als der Morgen graute, durften wir unser Lager suchen.

Freiwillig waren am Abend die Bürger zum Schutz des Fürsten und der Stadt herbeigeeilt, offiziell wurde am nächsten Tage durch Magistratsbeschluß eine Bürgergarde gebildet. Diese Maßregel schien nötig, da einer der Volksredner am Tage vorher das Volk abermals, zum 11. März, mit dem Bemerken, daß bis dahin alle Wünsche erfüllt sein würden, eingeladen hatte.

Durch freiwillige Einzeichnung war die Bürgergarde, die unter dem Namen Bürgerwehr ins Leben trat, auf 1600 Mann gestiegen und in vier Bataillone eingeteilt worden. Als Abzeichen trug jeder Wehrmann eine weiße Binde um den linken Arm.

Unterm 9. März erließ der Großherzog ein Schreiben, in welchem er »seinen getreuen Bürgern« den innigsten Dank für die ihm und seinem Hause am verflossenen Abend geleisteten Dienste aussprach und den Antrag des Stadtrats auf Errichtung einer Bürgergarde genehmigte.

Die Bürgerwehr war geordnet, ihr zur Seite stand ein Komitee, mit einem Präsidenten an der Spitze. Der gefürchtete elfte März kam. Schon am Morgen strömten Tausende aus den Nachbarstädten und Dörfern durch Weimars Straßen, doch ihre Mienen sprachen mehr heitere Behaglichkeit als böse Absichten aus. Nur die Jenenser Burschenschafter mit ihren Rotmützen gingen mit wichtigen Gesichtern einher. Mehrere Landleute aus der Nachbarschaft waren mir bekannt. Einen, der mir sogar befreundet war, fragte ich:[258] »Na, alter Märtens, seid Ihr auch unter die Republikaner gegangen?« – »Ach, dummes Zeug! Den Jux will ich mer mit angucke, weiter nischt. Wir Hopfgärtner haben, was mer woll'n, und sin mit unserm Großherzog zufrieden.« So mochte wohl ein großer Teil des Landvolks denken, aber der größere dachte anders. Nachmittags um zwei Uhr begann die Aktion. Der Präsident des Komitees hatte seinen Sitz auf dem Stadthause, und sechs Chargierte, worunter auch ich mich befand, waren ihm beigegeben. Das Rathaus, in welchem der Magistrat sich versammelt hatte, schützte ein Bataillon Bürgerwehr, die drei andern hatten das Schloß besetzt. Was vor demselben vorging, wurde uns von hin und her laufenden Ordonnanzen berichtet. Dort hatten die zur Burschenschaft zählenden Studenten einen römischen Keilangriff gebildet, dadurch die waffenlose Bürgerwehrmauer durchbrochen und waren in den Schloßhof eingedrungen. Bei diesem Gewaltstreich blieb es, und nur das Geschrei nach Freiheit und Gleichheit und Absetzung der unbeliebten Minister wurde wiederholt gehört. Die Zahl der Nichteinwohner Weimars mochte sich wohl auf 6000 belaufen, wovon der größere Teil sich vor dem Rathause befand, wo die Landtagsabgeordneten, der Magistrat und die Stadtverordneten tagten. Auch hier hörte man nur das Geschrei: »Fort mit den Ministern! Unsere Rechte wollen wir haben!« Wir sahen aus dem ersten Stock des Stadthauses den Krawall mit an. Die Menge, die sich wie ein wogendes Meer von Köpfen hin und her bewegte, wurde immer erregter, ihr Geschrei immer tobender, und zum Refrain gestaltete sich endlich der Ruf: »Wydenbrugk muß Minister werden!« Das war unserem Präsidenten, dem strengen Rechtsgelehrten, zu viel. »Hinunter mit Ihnen, meine Herren!« donnerte er uns zu. »Machen Sie dem Volk[259] begreiflich, daß dies unsinnige Verlangen unserer Konstitution ganz entgegen ist.« Sechs gegen dreitausend! Das Rechenexempel schien uns nicht gut lösbar, selbst wenn wir hätten dividieren dürfen; aber wir folgten dem Befehle.

Ich machte mich sogleich an den mir bekannten Bürgermeister eines nahen Dorfes, aus dem mir auch mehrere Bauern bekannt waren. Wie überall, wo sich so ein weißbebindeter Mensch erblicken ließ, schloß man sogleich einen Kreis um mich. »Aber Ihr guten Leute,« sprach ich sie an, »wollt Ihr so eigenmächtig gegen Eure Verfassung handeln? Dem Fürsten nur steht es zu, seine Minister zu wählen, und ist unser Großherzog nicht stets ein gütiger Herr gewesen, der nur das Wohl seiner Untertanen im Auge gehabt? Wollt Ihr ihn in seinem Alter noch so bitter kränken?« – »Nä, nä!« schrien mehrere, »unsern Karl Friedrich un die Frau Grußherzogin hab'n mer alle lieb, den lasse mer nischt tu, aber Wydenbrugk muß Minister werden.« Dabei blieb es.

Immer mehr Volk strömte auf den Markt, und gegen meinen Willen wurde ich bis an das Rathaus vorgeschoben. Da trat eben der Mann des Volks auf den Balkon desselben und wurde mit einem ungeheuern Jubel empfangen. Er machte ein Zeichen, daß er reden wolle, und eine Totenstille lagerte sich sofort über die Massen. Wie ich später erfuhr, war ihm, ehe er jetzt zum Volke sprach, bereits vom Großherzog das Ministerium angetragen worden. Er begann: »Ich bin der Mann der Opposition und gehöre in den Landtag und nicht in das Ministerium; dort kann ich für des Landes Wohl besser wirken als in letzterem. Darum bin ich gewillt, in meiner jetzigen Stellung zu bleiben.« Darauf zog er sich zurück. Er war nicht allein ein hochgebildeter, sondern auch ein streng rechtlicher, edler Mann, dem falscher Ehrgeiz durchaus fremd war. Das Geschrei artete nun in förmliche Tobsucht aus, was ihn bewog, abermals zu erscheinen. Treu[260] habe ich die Worte, die er nun sprach, in meinem Gedächtnisse aufbewahrt: »Se. Königliche Hoheit, unser allergnädigster Großherzog, hat die Gnade gehabt, mir das Ministerium antragen zu lassen. Das und die bewegten Zeiten haben mich bestimmt, auf ein Jahr provisorisch in dasselbe einzutreten.« – »Auf immer! Auf immer!« schrie die rasende Menge. »Provisorisch!« donnerte er mit strengem Gesicht herab. »Noch habe ich meinen Willen auch!« Als wenn der Blitz eingeschlagen hätte, so verstummte jeder Mund; dann setzte er sarkastisch lächelnd hinzu: »Übrigens danke ich Ihnen für das schnelle Avancement.« Allerdings war er vor kurzer Zeit noch Amtsadvokat gewesen und jetzt Minister. Das Volk hatte seinen Willen durchgesetzt, und mit anscheinender Befriedigung verließen die Bauern die Stadt, und die Bürger, die nicht als Wache vor dem Schlosse und Rathause standen, eilten zu ihren Familien. Am 14. März erschien ein großherzogliches Reskript, worin der Rücktritt der seitherigen Minister von Gersdorf, Schweitzer, Thon, von Wegner zur Kenntnis gebracht wurde, kontrasigniert: von Watzdorf, von Wydenbrugk.

Da die Nachrichten aus den Nachbarländern wie überhaupt aus ganz Deutschland immer trüber wurden, so beschloß man nun, die Bürgerwehr zu bewaffnen. Die ursprüngliche Zahl der Wehrmänner hatte sich auf 800 Mann vermindert, und noch ehe der Sommer herankam, hatte jeder sich auf eigene Kosten uniformiert und bewaffnet. Die Unbemittelten waren zu diesem Zwecke von der Kameradschaft reichlich unterstützt worden. Das Bataillon sah in seinen kurzen grünen Waffenröcken mit schwarzen Samtkragen und Aufschlägen und gelben Metallknöpfen, Käppis und Ledergurt, an dem die Patrontasche befestigt war, sowie grauen Beinkleidern recht stattlich aus. Die Sache wurde nun ganz militärisch gehandhabt, und jeder freute sich auf die Übungsstunden; selbst Fünfzigjährige, zu denen ich ebenfalls gehörte,[261] wurden wieder frisch und entwickelten jugendliches Feuer und gelenke Kraft. Weib und Kinder, Schwestern und Bräute sahen mit Lust und Freude unserem Soldatenspiele zu. Auch alte Mütterchen und Greise wankten an ihrem Stabe herbei, um ihre Enkel in Reih' und Glied zu bewundern. Der Platz, wo wir zumeist exerzierten, war die große, schöne Sternwiese, Goethes Gartenhause gegenüber. Was würde wohl der alte Herr zu diesem Treiben gesagt haben? Wahrscheinlich die Worte, die er zuweilen in den Theaterproben anwendete, wenn er mit der Leistung zufrieden war: »Nun, das wächst ja recht erfreulich heran!« Die Ruhestunde wurde zu heiterem Gespräche, vor allem jedoch zur Leibesstärkung benutzt. Zuweilen sah auch das Fürstenpaar, das stets mit einem donnernden Hoch empfangen wurde, sich das Exerzitium und das frohe Gewühl an.

Jeder solcher Übungstag war für die Bewohner Weimars ein Fest. Das Korps umfaßte gleichmäßig den Bürgerlichen wie den Adligen. Mit klingendem Spiel zog man nachmittags aus, mit klingendem Spiel kehrte man abends wieder heim. Aber nicht nur an das Paradespiel, auch an den Ernst eines möglichen Kampfes dachte man; wöchentlich wurden ein- bis zweimal Schießübungen nach der Scheibe abgehalten, wobei wohl jeder den Wunsch hegte, die tötende Kugel niemals gegen seine Landsleute senden zu müssen.

Schutz dem Fürsten, dem Gesetz und dem Eigentum, das war der Wahlspruch der Männer, die bewaffnet in Reih und Glied standen, und diesen Pflichten ist die Weimarische Bürgerwehr, die glücklicherweise zu ernster Aktion nicht gelangte, bis zu ihrer Auflösung (1852), die nicht von der Regierung angeordnet wurde, sondern auf eigenen Antrieb geschah, treulich nachgekommen.

Diese kleine Skizze der Weimarischen Revolution möge genügen. Um meine Leser nicht länger mit politischen Dingen[262] zu ermüden, verlasse ich das Drama, das damals auf der Weltbühne zur Darstellung kam, und kehre auf die Bühne zurück, auf der ich mich heimischer fühlte.

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 252-263.
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