B. Die Einzelgänger

[88] Wir alle kennen sie, jene, die da ihr eigenes Leben leben. Unbeeinflußt von der Umwelt, gewissermaßen nur nach innen blickend. Häufig allein mit sich und irgendeinem Hobby.

Wenn man sie nach dem Warum fragt, bekommt man die unterschiedlichsten Gründe zu hören – von der »Unfähigkeit, sich anpassen zu können« bis zur Furcht um den Verlust der »goldenen Freiheit«, von »finanziellen Bedenken« bis zur »Wohnungsnot«, von der durch die hohen Scheidungsziffern bewiesenen »Gefährlichkeit der Ehe« bis zur Mark, die nur noch »fünfzig Pfennig wert« ist.

Dann gibt es die »gebrannten Kinder« und schließlich jene, denen der Tod früh den Gefährten nahm, dessen Bild sie nun weiter im Herzen tragen und nicht mehr durch ein anderes ersetzen wollen oder können.

[88] Zuweilen gibt es auch solche, denen die Unrast im Blut sitzt, die ewigen Wanderer, die nirgends seßhaft werden mögen, weil Bewegung ihr Lebensinhalt ist. Die sich von der Sehnsucht in die Ferne treiben lassen und niemanden finden, der die mit Unruhe verbundene Erfüllung dieser Sehnsucht teilen möchte. Denen das Leben zu kurz bemessen erscheint, als daß noch Zeit bliebe für Ruhe und Beschaulichkeit.

Sie alle gehören zur Gruppe der »freiwilligen« Einzelgänger. Die von ihnen gewählte Lebensform genügt ihnen. Vielleicht träumt dieser oder jener davon, später einmal die Klausur aufzugeben und den weiteren Lebensweg zu zweit zu gehen. Sobald man nämlich des Alleinseins müde geworden ist und in die Jahre kommt, da die Werbeschlagzeile von Heiratsinseraten »Zu zweit lebt sich's besser!« zumindest nachdenklich stimmt.

Doch da ist noch eine andere Kategorie. Das sind die »Unfreiwilligen«, die mangels »passender Gelegenheit« einsam bleiben.

Sie leben zurückgezogen, haben wenig oder gar keinen gesellschaftlichen Verkehr, hadern mit sich und der ihnen angeblich unfreundlich gesonnenen Umwelt und vergessen, daß sie nicht selten selbst die Schuld daran tragen, wenn sie zu gemiedenen Eigenbrötlern werden.

Und nur, weil sie nicht die Spielregeln beherrschen, die in der großen menschlichen Gemeinschaft nun einmal gelten.

Ist es ein Wunder, daß Einzelgänger dazu neigen, nach dem Motto »Ich-bin-wie-ich-bin!« zu leben. Sie haben wenig Gelegenheit, gegen gewisse Regeln zu verstoßen. Weniger jedenfalls als andere, die im ruhig und stetig fließenden Golfstrom der Gesellschaft schwimmen und sich dem naturgewollten Gleichmaß, dem Rhythmus des Mit- und Nebeneinanderlebens anzupassen verstehen. Und doch ist das ein Trugschluß. Anstoßen kann man auch als Einzelgänger. Nicht nur Wolken, sondern auch Ecken sind überall. So abgeschieden vermag niemand mehr zu leben, daß ihm jede Beziehung zur Umwelt erspart bliebe.

Echte Eremiten gibt es in unserem Zeitalter nicht mehr. Und so sind denn Wohnungen und möblierte Zimmer nicht mehr »Eremitagen« im Sinne jener Einsiedlerklausen, die – als Nachahmungen echter Vorbilder – während der Frührenaissance in den Parkanlagen großer Schlösser errichtet wurden für den Fall, daß der Schloßherr das Bedürfnis verspüren könnte, sich vom Regieren zu erholen.

Es ist schon so: Auch der fanatischste Einzelgänger entgeht nicht dem Kontakt mit der Umwelt. Und damit der Notwendigkeit, sich zu dieser Umwelt in ein gesundes Verhältnis zu bringen. Das mindeste, was er hat, ist ein Beruf. Der Beruf fordert Kontakt. Und Kontakt hat Gesetze.

[89] Man rufe nicht aus: »Was interessiert mich die Umwelt!« Niemand kann auf die Dauer ohne sie auskommen. Der Briefträger, den man unfreundlich behandelt, weil er statt des ersehnten Schecks eine unerwartete Mahnung bringt, kann durchaus mit jenem Beamten beim Fernmeldeamt befreundet sein, der für die Errichtung des schon längst beantragten Telefonanschlusses zuständig ist. Von der unbestrittenen Zweckmäßigkeit eines verbindlichen Umganges mit Handwerkern – die ja auch Menschen sind und meistens sogar prächtige – ganz zu schweigen.

Vergeßt darum nicht, liebe Einzelgänger, daß auch ihr Menschen unter Menschen seid! Vergeßt vor allem nicht, daß ihr ob eurer Zurückgezogenheit sogar bis zu einem gewissen Grade »verdächtig« seid! Wer allzu zurückgezogen lebt, muß damit rechnen, daß sich die Umwelt erstaunt fragt: »Nanu? Hat er etwas zu verbergen? Oder sind wir ihm etwa nicht gut genug?« Im ersten Falle wird man verdächtiger Mittelpunkt fragender, mißtrauischer Überlegungen und erreicht das genaue Gegenteil dessen, was man erreichen wollte. Im zweiten Falle bildet sich die noch gefährlichere Mauer der Abwehr von seiten jener, die sich plötzlich – wenn auch zu Unrecht – mißachtet glauben von jemandem, den sie vielleicht gern unter sich aufgenommen hätten.

Die Welt ist nun einmal neugierig und glaubt ein Anrecht zu haben auf ein Mindestmaß an Wissen vom Nachbarn. Diese Neugierde kann sehr häufig durchaus vernünftigen Motiven entspringen – nämlich dem Wunsch, das eigene Gesichtsfeld und mit ihm möglicherweise auch den Freundeskreis zu erweitern.

Deshalb, meine ich, sollte man der Umwelt den Kontakt nicht unnötig erschweren. Liebenswürdige Verbindlichkeit trägt auch hier eher Zinsen als der allzu deutlich zur Schau gestellte Wunsch, in Frieden gelassen zu werden.

(»Störe meine Kreise nicht!« Diesen Ausspruch tat vor mehr als zwei Jahrtausenden Archimedes, der griechische Mathematiker. Aber er galt nicht der Gesellschaft, sondern einem auf ihn eindringenden Feind, der seine mathematischen Überlegungen unterbrach. Und diese Überlegungen waren außerordentlich klug, wie wir von der Schule her noch wissen. Oder haben wir es schon vergessen? Dann wollen wir uns noch einmal erinnern: Archimedes fand wichtigste mathematische physikalische Formeln und Gesetze. Er hinterließ uns unter anderem die Quadratwurzel und die kubische Gleichung. Die Formeln für Kreis, Ellipse, Parabel und Kugel. Er entdeckte das Brennglas und den Drillbohrer. Er fand das Gesetz des spezifischen Gewichtes, wobei er höchst erfreut »Heureka! – Ich hab's!« rief. Und er erkannte als erster die Bedeutung des Schwerpunktes. In diesem Zusammenhang sprach er: »Gebt mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde!« Auf Grund dieses Ausspruches fühlt sich heute noch mancher stark genug, »die Welt aus ihren Angeln zu heben«. Bislang sind diesbezügliche Versuche glücklicherweise mißlungen.)


[90] Nicht jeder ist also ein Archimedes. Doch so mancher Adam ist sich selbst genug. Aus einem der vorhin erwähnten Gründe. Freiwillig oder unfreiwillig.

Er wohnt vielleicht in einem kleinen, schlichten Zimmer, für das er pünktlich seine Miete zahlt. Ein »möblierter Herr«, wie es sie zu Tausenden gibt.

Um 8 Uhr morgens geht er aus dem Haus. Um 6 Uhr abends kommt er wieder, wenn – ja, da scheiden sich die Geister. Wenn ihm sein Zimmer ein wirkliches Zuhause ist, in dem er sich wohl fühlt, das ihn behutsam aufnimmt und ihm Wärme gibt nach des Tages Last.

Alleinsein kann schön sein, erfrischend und erholsam, wenn man es zu nutzen und zu gestalten weiß. Und es kann gefährlich sein. Weil es geradezu zum »Sichgehenlassen« herauszufordern scheint.

Nicht wahr, niemand ist da, der uns auf die Finger sieht, auf das Haar, auf den Teller. Niemand, der mit einem verbindlichen Hinweis auf die Unordnung unser besseres, nun jedoch verschüttetes Inneres wieder zur Ordnung riefe. Verlockender Gedanke, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, auf keine Seele Rücksicht nehmen zu müssen! Faustisch mit Goethe aufatmen zu können: »Hier bin ich Mensch! Hier darf ich's sein!«

(Bis eines Tages einmal ein Gast kommt, der es mehr mit Schiller hält und sich dabei »mit Grausen wendet«. Wie jener, dem vor zweieinhalb Jahrtausenden unheimlich zumute wurde, als sogar ein Fisch versehentlich den ins Meer geworfenen Ring des Herrschers Polykrates apportierte.)

Das Alleinsein erfordert mehr Disziplin, als man glaubt. Weil jede Kontrolle durch Dritte fehlt. Vermieterinnen schweigen zumeist, solange die Miete pünktlich bezahlt wird. Sie denken sich höchstens ihr Teil. Bleibt also nur die freiwillige Selbstkontrolle, der wir den Film unseres Lebens unterwerfen.

Jeder Adam geht durch dieses Stadium. Es ist der Prüfstein, an dem die Erfolgskurve ausschlägt, nach oben oder nach unten. Aufwärts geht es zumeist langsamer als abwärts. Und weil der Nutzen, den die Korrektheit dem Einzelgänger bringt, nicht immer augenblicklich sichtbar wird, verlieren viele die Geduld. Und merken erst zu spät, daß sie sich ihren Weg durch den beruflichen Alltag selbst unnötig erschwerten, wenn nicht gar verbauten.

Versuchen Sie einmal, nur eine Woche lang, auch in Ihrer »Bude« korrekt zu leben! Und insbesondere Sie, meine jungen Herren! Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter wäre ständig um Sie, sähe und hörte alles – von der nachlässigen Körperpflege bis zur Sorglosigkeit der häuslichen Kleidung, von der lieblosen Art, mit der Sie sich Ihr Essen vorsetzen, bis zu dem (seien wir ehrlich!) noch weniger schönen Stil, in dem Sie es verzehren, von der Unordnung im Zimmer [91] bis zu dem Fehlen der Blumen, von der Lautstärke des Radios bis zur zugeknallten Tür, von der mürrischen Miene, mit der Sie Grüße erwidern, bis zu den Spuren, die Ihre schmutzigen Schuhe hinterlassen.

Sehen Sie, jetzt werden Sie ein bißchen verlegen, und das spricht für Sie! Die gütigen Augen der alten Dame auf sich gerichtet zu wissen, wäre peinlich, nicht wahr? Wenigstens unter diesen Umständen. Aber die ändern wir ja jetzt. Ab heute. Zunächst probeweise für acht Tage. Und dann sehen wir weiter. Während dieser acht Tage lassen wir uns nicht gehen.

Morgen früh fangen wir an. Zu diesem Zweck beschimpfen wir uns heute abend selbst – gewissermaßen auf Verdacht. Falls es morgen mit der notwendigen Energie hapern sollte. Wir stellen – so fängt es an – den Wecker nicht mehr auf sieben, sondern auf dreiviertel sieben. Eine halbe Stunde zum Zähneputzen, Rasieren, Brausen, Kämmen, Anziehen, Frühstücken und Aufräumen langt nicht. Irgend etwas kommt da zu kurz. Entweder wird es eine Katzenwäsche. Oder die Kleidung ist unsorgfältig. Oder alles bleibt stehen und liegen. Oder ein, wenn auch kurzes, so doch in Ruhe eingenommenes Frühstück schrumpft zur stehend heruntergestürzten Tasse Kaffee zusammen.

Der Wecker klingelt. Dreiviertel sieben – ja, wie kommt das Biest ... Ach so, acht Tage wollten wir ja ... Eigentlich Unfug – ist bisher auch so gegangen.

Sehen Sie, das war das zweite Ich, das phlegmatische. Wir hätten es gestern abend noch viel energischer zusammenstauchen sollen. Und nun 'raus aus den Federn! (Kurz an Monsieur Coué gedacht, den französischen Apotheker, der zu Beginn dieses Jahrhunderts erkannte, wie stark man sich mit einem eisernen »Ich will! Ich will!« selbst zu beeinflussen vermag. Sein »Couéismus« hat sogar als Heilmethode bei psychischen und organischen Erkrankungen Erfolge erzielt. Also wird er uns auch bei unserem doch wirklich nicht schweren Vorhaben helfen.)

In den Bademantel! Frau Meier guckt ganz entgeistert aus der Küchentür. So früh schon? Und sie glaubt ihren Ohren nicht zu trauen, da sie plötzlich die Worte vernimmt: »Der Morgen sei gut, o mütterliche Betreuerin eines armen Junggesellen! Haltet Atzung und Trunk bereit, denn gleich kehr' ich wieder aus marmornem Bade, des kühle Fluten itzt meiner harren! Fröhlichen Frühschmaus wollen wir pflegen alsdann!«

Natürlich ist das maßlos albern. Doch selbst, wenn Sie nur ein mitleidiges Kopfschütteln ernten, vor dem Spiegel und unter der Dusche haben Sie genügend Zeit, sich auszumalen, was hinter der Stirn Ihrer Wirtin vorgeht, und beim Abwägen dieser unzähligen Möglichkeiten geraten Sie in beste Laune. (So Sie nicht ein Griesgram sind.)


B. Die Einzelgänger

[92] Folgt zum Klange morgendlicher Musik – in knapper Zimmerlautstärke! – das Zeremoniell des Ankleidens. Sorgfältig wird der zum Hemd passende Schlips gebunden. Die Taschentücher, die schon mindestens vier Tage in Hosen- und Brusttaschen stecken, wer den gegen neue getauscht. Ein Blick durch das Zimmer nach Dingen, die abends nicht mehr herumliegen sollten, und die man auch dann forträumen kann, wenn im Mietpreis Bedienung inbegriffen ist.

Und dann wird es Zeit, nicht höchste, nein. Zu hetzen brauchen wir heute erstmalig nicht. Noch ein Blick in die Küche, ein freundliches »Auf Wiedersehen«, eine leise ins Schloß gedrückte Tür. Wir sind in herrlicher Stimmung! Und gerade, da wir aus dem Haus treten wollen, öffnet sich rechts die zum Keller führende Tür. Es erscheint die alte Dame aus dem zweiten Stock, mit einem [93] Eimer Kohlen. Man hörte einmal, daß sie einst bessere Tage gesehen hätte, jetzt aber von einer kleinen Rente leben müßte. Ein Griff an den Hut, ein netter Gruß, und ehe sich das Mütterchen versehen hat, haben wir ihr den Eimer aus der Hand genommen und sind wie der Blitz in den zweiten Stock gesaust. Dann, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, sind wir wieder unten, nicht ohne die alte Dame, die inzwischen etwas mühsam das erste Stockwerk erreicht hat, noch einmal fröhlich zu grüßen.

Fing der Tag so nicht ganz gut an? Einen Menschen in heiteres Staunen versetzt, einem zweiten eine Freude gemacht.

An der Straßenbahn dann höflich und wohlgesittet zur Seite getreten und den weiblichen, besonders den älteren Fahrgästen den Vortritt gelassen, auf einen in erreichbarer Nähe frei gewordenen Platz zugunsten eines Älteren verzichtet und dem Schaffner für den Fahrschein »danke« gesagt.

Im Geschäft zum erstenmal mit heiterem Gesicht erschienen, nach allen Seiten freundlich gegrüßt und zum Erstaunen aller Kollegen, insbesondere aber des Prokuristen, etwas von »Freude an der Arbeit« gemurmelt. Mittags mit Appetit gegessen und den Kolleginnen ein paar liebenswürdige, charmante Komplimente gemacht.

Ja, und abends gehen Sie dann aus dem Büro mit dem Gefühl, daß die Welt gar nicht so uneben ist, wie es zuweilen den Anschein hat. Sehen Sie, ein wenig haben wir schon gewonnen. Doch nun »gestalten« wir uns einmal einen Abend zu Hause. Allein.

Wir geben uns eine »Two-in-one-party«. Wir spielen eine Doppelrolle. Sind Diener und Herr zugleich. Davon weiß noch niemand etwas. Als »Herr« betreten wir ein Lebensmittelgeschäft und suchen ein leckeres Abendessen aus. Der »Diener« trägt es nach Hause. Der »Herr« schließt die Tür auf, wünscht Frau Meier einen guten Abend, und der »Diener« hängt den Mantel auf – auf einen Bügel natürlich. Auch Stoffe sind dankbar, wenn sie es sich abends bequem machen dürfen.

Dann vertauscht der »Herr« die Straßenschuhe mit den Hausslippern – aber bitte nicht mit »Filzpantoffeln« – und vielleicht das Jackett mit der bequemen Hausjacke oder dem Hausmantel. Oben einen Schal hinein, und fertig ist der bequeme »Einzelgänger-Hausanzug«. Jetzt geht der »Herr« ins Bad, wäscht sich Hände und Gesicht, reinigt die Fingernägel und spendiert sich einige Tropfen herbkühles Rasierwasser.

Nun ist der »Diener« wieder an der Reihe. Er deckt den Tisch mit dem bescheidenen und doch liebevoll angerichteten Abendessen, der Flasche Bier (mit Glas bitte!) oder dem Tee daneben. Und bittet den »Herrn« zu Tisch.

[94] Und der »Herr« setzt sich. Ist bei sich selbst willkommener Gast. Weiß zum erstenmal seit langer Zeit, was er ißt. Weil es schmeckt – in dieser freundlichen und plötzlich anheimelnden Atmosphäre.

Er merkt, daß so etwas wie gepflegte Umgebung, Eßkultur und gute Manieren gar keine üble Sache sind – selbst wenn man sie in der »Einsamkeit« pflegt. Wenn er, als Zuschauer gewissermaßen, seine tadellos sauberen Hände betrachtet, wenn er sieht, wie zwischen den Bissen das Besteck gekreuzt auf dem Teller liegt, dann hat er automatisch das Bedürfnis, künftig immer nur so und nicht anders zu leben.

Und er lächelt plötzlich gar nicht mehr bei dem Gedanken an jenes englische Forscherehepaar, das inmitten der afrikanischen Wildnis Abend für Abend in seinem Zelt den Buschdreß gegen Abendkleid und Smoking vertauschte und erst dann formvollendet zur »Abendtafel« schritt. Damit taten zwei kultivierte Menschen nämlich nichts weiter, als auch in ungewöhnlicher Umgebung eine ihnen vertraute Form der Etikette zu wahren, deren strikte Innehaltung keine Frage des Ortes ist, sondern schlichtes Bedürfnis. Bedürfnis, dem Abend als dem Höhepunkt des Tages durch ein festliches Gewand seinen Tribut zu zollen.

Soweit, lieber Freund, können Sie schon am ersten Abend gelangen. Auch wenn Sie allein sind und keinen Smoking besitzen. Und wenn Sie, wie versprochen, acht Tage lang die Energie aufbringen, so zu leben, daß jeder Mensch Sie jederzeit unangemeldet besuchen könnte, daß Sie kein einziges Mal den gütig-prüfenden Blick aus Mutteraugen zu scheuen brauchten, dann haben Sie dreierlei erreicht: Einmal den natürlichen und nur zeitweise ein wenig verschütteten Hang zur Ästhetik wieder freigelegt. Zum zweiten der Umwelt bewiesen, daß auch Einzelgänger ganz vernünftige, umgängliche Menschen sein können (sie brauchen es nur zu wollen) und keineswegs sauertöpfische Sonderlinge. Und drittens haben Sie sich in diesem Stadium bereits Tore geöffnet, die Ihnen sonst verschlossen geblieben wären. Tore zu Menschen, die so zu leben lieben wie Sie seit vierundzwanzig Stunden: in einer Sphäre der inneren und äußeren Gepflegtheit, der Harmonie, der Ruhe, der Besinnlichkeit, der Aufgeschlossenheit für die winzigkleinen Freuden, die der Alltag zu bieten hat, wenn man sie zu finden weiß.

Mit dieser Aufgeschlossenheit wächst zugleich auch das Verständnis für andere. Und ohne die anderen geht es ja nicht. Zumindest nicht ein Leben lang. Ausnahmen sind nur Totogewinner von einer halben Million an aufwärts. Und auch dann geht es nicht, weil Sie es nun nämlich wären, der die Einsamkeit aufgeben, sich anschließen möchte. Natürlich fänden Sie mit einer halben Million augenblicklich Freunde, aber vorwiegend solche, die Sie in ganz dicke Anführungsstriche setzen müßten.

[95] Inzwischen sind jene ausbedungenen acht Tage vergangen, und wir dürfen Ihnen gratulieren. Im großen und ganzen haben Sie ganz wacker mit sich selbst gekämpft. Und sind nun Sieger geblieben – fast. (Wollen wir schamhaft verschweigen, daß Sie einmal noch ein wenig ausgerutscht sind – als Sie nämlich am Sonnabend nachmittag durch Kindergeschrei vor Ihrer Tür aus dem verdienten Wochenendschlaf gerissen wurden, wütend hinausstürzten und die fünfjährige Lotte von nebenan fürchterlich zusammenputzten – wegen der Ruhestörung? Ich weiß, jetzt ist es Ihnen peinlich, und Sie haben es ja inzwischen mit einer Tafel Schokolade wieder gutgemacht. Wer hätte auch wissen können, daß Elfriede aus dem Nebenhaus Lottchens heißgeliebte Puppe einfach unter die Räder eines Autos geschmissen hatte – einfach aus ungezogener Wut! Und welcher junge Mann versteht etwas von den zarten Bindungen eines Kinderherzens an ein schmuddliges Gebilde aus Strohwolle, Draht, Stoff und ein paar Glasperlen?

Eines aber ist Ihnen nachträglich eingefallen: Kinder sind auch Menschen. Nur vergessen das die meisten Erwachsenen. Warten Sie nur, bis Sie selbst – aber Sie sind ja Einzelgänger. Wie lange übrigens noch?)


Soviel an dieser Stelle über Adam, den Einsamen. Nun – auch Eva bleibt manchmal allein. Wie der Zufall so spielt. Doch bei Eva sieht es in vieler Hinsicht anders aus als – wenigstens vor acht Tagen – bei Adam. Das wollen wir gerechterweise zugeben.

Eva war noch keine zehn Jahre alt, als sie bei der Mutter bereits die ersten hausfraulichen Gehversuche unternahm. Als sie das erste Geschirr säuberlich abtrocknete und dann – fallen ließ. Als sie, auf dringende Bitte, die Genehmigung zu ihrem ersten Backversuch bekam. Als sie sich die erste viel zu große Schürze umband und den Staub anders verteilte. Immerhin stellte sie zur gleichen Zeit bereits fest, daß ihr die Haarschleife links besser stünde als in der Mitte. Daß Grün dem Teint schade und das Röckchen der Puppe Erika plissiert besser aussehe als glatt. Sie lernte früh, mit Blumen umzugehen, und übte den Ernst des praktischen Lebens mehrere Jahre in ihrer Puppenwohnung.

Eva zieht also, wenn es eines Tages so weit ist, mit mehr praktischen Kenntnissen hinaus ins feindliche Leben als Adam. Kenntnissen wohlgemerkt, die es ihr leicht machen, sich rasch und ohne große Mittel ein gemütliches Zuhause zu schaffen. Sie bringt von Natur aus ein Gefühl mit für Gemütlichkeit. Sie weiß instinktiv um die Wirkung eines kleinen Sträußchens, einer heiteren Decke, eines lustigen Kissens.

[96] Und deshalb ist über die »einsame Eva« hier eigentlich nichts Grundsätzliches zu sagen. Das meiste von dem, was für Adam gilt, gilt auch für sie.

Vielleicht dürfen wir empfehlen, als »möblierte Dame« jenes Fingerspitzengefühl gegenüber der Wirtin aufzubringen, das Vermieterinnen immer zu vermissen behaupten. Tatsache ist, daß viele Hausfrauen, die zur Zimmervermietung gezwungen sind, lieber männliche als weibliche Untermieter nehmen. Der Grund ist einfach: Alleinstehende Frauen sind viel selbständiger als alleinstehende Männer. Ein Mann mit schmutzigem Hemd ist ohne die Wirtin oder die Adresse der nächstgelegenen Wäscherei hilflos. Eine Frau dagegen vermag, wenn sie ihr kleines Heim hat, spielend für sich selbst zu sorgen. Das ist eine Gabe, die sie den Männern voraus hat. Zu sorgen, zu betreuen, Gemütlichkeit zu schaffen, Ordnung zu halten – das ist ihre naturgegebene Stärke.

(Und deshalb ist der frauliche Hang zur Ehe nichts anderes als der Drang zur restlosen Ausschöpfung dieser Fähigkeiten. Wenn man den Frauen zuweilen nachsagt, sie drängten in den Hafen der Ehe, weil sie dort geborgen seien, so ist das eine gedankenlose Formulierung. Sicherlich sehnen sich die meisten – und nicht nur die jungen – Mädchen nach einem Ehepartner, weil sie in der Ehe die Erfüllung dessen sehen, wovon sie träumen: die Möglichkeit, eine Familie selbst umsorgen zu können, und nicht so sehr umsorgt zu werden.

Jedes vernünftige junge Mädchen – und die vernünftigen sind in der absoluten Mehrzahl! – weiß ganz genau, daß auch eine Lebensgemeinschaft ein gerüttelt Maß an Pflichten, Sorgen, Arbeit und Gedanken bringt. Daß sie Verständnis und Anpassungsvermögen erfordert und nichts mit den wirklichkeitsfernen Traumbildern zu tun hat, die eine sensationsfreudige Presse mit erstaunlicher Regelmäßigkeit beschwört. Da erscheinen spaltenlange Berichte von der soundsovielten Eheschließung einer »Dame der Gesellschaft« mit einem Multimillionär, aus denen lediglich hervorgeht, daß die vorangegangenen vier Ehen, ebenfalls natürlich mit Millionären, noch nicht genügend Tantiemen abwarfen. Die geistig gesunde Frau aber liest das alles – was bleibt ihr übrig? –, nimmt die Tatsachen ebenso zur Kenntnis wie etwa das Happy-End eines schlechten Romanes – und lächelt. Lächelt und geht weiter ihrem Beruf nach.)

Der Frau also fällt leicht, was dem Manne Schwierigkeiten macht: Atmosphäre zu schaffen. Es fällt der Eva, die allein ist und nur für sich zu sorgen hat, noch leichter, da sie ihre freie Zeit mit niemandem zu teilen braucht.

Ja, und hier, in dieser naturgegebenen Fähigkeit, liegt bei der »möblierten Dame« eine gewisse Gefahr. Keine große, beileibe nicht! Aber doch eine gewisse Reibungsfläche. Denn – auch die Vermieterin ist eine Frau und eine Hausfrau dazu. Jede Hausfrau aber hat grundsätzlich ihre eigenen Ansichten über Hausfrauenarbeit. Es ist dies ein Zeichen der fraulichen Persönlichkeit, des weiblichen [97] Individualismus. So wie jeder Autofahrer an der letzten Vollendung in der Fahrkunst des anderen zweifelt, so findet jedes weibliche Wesen an der Haushaltsführung der nächsten Bekannten dieses und jenes, was sie anders machen würde.

Merkst du, »einsame Eva«, worauf ich hinauswill?

Du wohnst möbliert und hast mit dem Mietpreis das Wohnrecht erworben. Ein verbrieftes, gesetzlich verankertes Recht. Aber noch etwas ist dazugekommen, das jedoch nur sehr oberflächlich in Paragraphen gezwängt ist: die Gastpflicht! Stell dir vor, Eva, du wärst eines Tages gezwungen, ein dir gehörendes Heim mit einer Untermieterin zu teilen. Würdest du nicht auch erwarten, daß dieser neue Gast in deinen vier Wänden sich dir ein wenig anpaßte? Dem Rhythmus deines Alltags? Daß er seine Wünsche und Forderungen in maßvollen Grenzen hielte und nicht revolutionierend in dein Leben träte? Daß er takt- und rücksichtsvoll wäre, wo es billigerweise erwartet werden kann?

Die Miete für einen Wohnraum umschließt das Recht zu seiner Benutzung. Sie umfaßt darüber hinaus die Inanspruchnahme weiterer Einrichtungen der Wohnung, etwa des Bades, der Küche und vielleicht eines Kellerteils. Sie berechtigt den Mieter bzw. die Mieterin jedoch nicht zu einer grundsätzlichen Veränderung all dessen, was er vorfand. Sicherlich würde es das Aussehen des Zimmers beträchtlich heben, wenn man das ein wenig altmodische Bett durch Zuhilfenahme einer soliden Säge in eine moderne, niedrige Couch verwandelte. Nur – weiß die Vermieterin, ob nicht deine Nachfolgerin einmal gerade auf ein Bett spekuliert, weil sie auf anderen Möbeln nicht schlafen kann?

Und Koffer auf dem Schrank geben möglicherweise Kratzspuren. Wie nun, wenn es ein alter, echter Schrank ist, der deiner Wirtin aus einer Zeit verblieben ist, da sie noch nicht zu vermieten brauchte?

Es gibt so Möglichkeiten, das, was uns nicht gehört, zu schonen. Und wenn du, liebe Eva, eines Tages ausziehst in eine neue, vielleicht eigene Wohnung, dann scheidest du von deiner »Zimmermama« mit freundlichen, guten Worten. Begleitet von ihren herzlichen Wünschen. Und behältst in ihrer Erinnerung einen Ehrenplatz als diejenige Untermieterin, hinter der das Zimmer nicht neu tapeziert bzw. gemalt werden mußte, obwohl du so lange darin gewohnt hast.

Aber das weißt du ja, da dir die Ordnung im Blut liegt (im Gegensatz zu Adam, der allerdings Besserung versprochen hat).

Du würdest nicht ...


versuchen, deiner Wirtin klarzumachen, daß ihre Haushaltsführung bei weitem schlechter wäre als die in deinem Elternhaus –


[98] aus möglicherweise größerer Bildung das Recht zu einer albernen Überheblichkeit ableiten –


durch kategorisch vorgetragene Forderungen Wohn- oder sonstige Wünsche durchsetzen wollen –


jede Anpassung an die spezielle Gesetzmäßigkeit eben jenes Haushaltes vermissen lassen –


darauf bestehen, nachts zu baden, wenn du weißt, daß das Bad neben dem Schlafzimmer deiner Wirtsleute liegt, die einen leisen Schlaf haben –


an irgendwelche Küchenvorräte der Hausfrau herangehen, weil dir die deinen gerade ausgegangen sind, und seien es auch nur Salz und Pfeffer –


stundenlang das Telefon blockieren, wenn du weißt, daß andere einen Anruf erwarten oder selbst telefonieren wollen –


grundsätzlich alles stehen- und liegenlassen, nur weil die Bedienung im Mietpreis inbegriffen ist –


taktlose Bemerkungen machen über gewisse, deiner Meinung nach antiquierte oder lächerliche Angewohnheiten deiner Mitbewohner –


den verwöhnten Wirtinnenhund mit Verachtung strafen, weil du für Dackel schwärmst, während jenes arme, vierbeinige Wesen nur der Steuermarke nach ein Hund ist –


in deinem Zimmer zwischen Schrank und Wand eine »Rumpelecke« einrichten, in der leere Flaschen, Schuhkartons, Packpapier und Bindfadenreste ein trauriges Stilleben führen –


den Zwischenraum in deinem Doppelfenster zur Speisekammer befördern und dort angebrochene Fischbüchsen, wanderlustigen Käse und schimmelnde Brotreste aufbewahren –


auf polierten Tischplatten bügeln –


Kaffeekannen ohne Untersatz auf den Tisch stellen –


mit einer Kochplatte auf dem Tisch hantieren –


feuchte Kleidungsstücke über Stühle oder Sessel legen.


Das alles und noch vieles mehr würdest du nicht tun, liebe Eva, nicht wahr? Denn dir macht es Freude, auch dein kleines privates Dasein so zu gestalten, daß es jeder Kritik standhält. Und du kennst ja die zahlreichen kleinen Kniffe, mit denen man auch als Einzelgänger sacht und reibungslos durch den Alltag gleitet. Du kennst die Zauberwirkung des harmonischen Vierklanges Takt – [99] Höflichkeit – Rücksichtnahme – Hilfsbereitschaft. Als Frau ist es dir naturgegebenes Bedürfnis, bei allem, was du tust und sagst, ein wenig das Herz mitsprechen zu lassen.

Und deshalb wirst du bald mehr sein als nur »möblierte Dame«, die in einem Hause der Not gehorchend geduldet wird. Du wirst, bei allem gesunden Abstand (den Menschen um so mehr halten sollten, je enger sie zusammenleben), bald ein gern gesehenes, anerkanntes Mitglied der Wohnungsgemeinschaft sein, weil sich in deinem Wesen, deiner Anpassungsfähigkeit, deiner Sauberkeit und deinem Ordnungssinn jene Korrektheit widerspiegelt, die auch den Mißtrauischsten über kurz oder lang gewinnen muß.

Jeder allein lebende Mensch kann über Nacht Hilfe und Beistand brauchen, körperlichen ebenso wie seelischen. Wenn es eines Tages so weit ist, daß man jemandem sein Herz ausschütten, ihn um eine Hilfeleistung bitten oder auch nur um Rat fragen möchte, dann ist es gut, sich eine treue Seele rechtzeitig gewonnen zu haben. Mag es auch nur das mütterliche Herz einer Wirtin sein, das da noch schlägt, wenn ein anderes vielleicht schon lange ausruht.


Ein heikles Thema: Bindung ohne Verbindung? Torquato Tasso war ein italienischer Renaissancedichter, dessen dramatisch-bewegtes Leben Goethe zu seinem gleichnamigen Werk anregte. Ihm legte Johann Wolfgang, in Anlehnung an Tassos Schäferspiel »Aminta«, die Worte in den Mund: »Erlaubt ist, was gefällt!«

Eines der mißverstandensten Zitate der deutschen Literatur. (Man möge diesen zweifelhaften Superlativ verzeihen. Doch es gibt eine ganze Anzahl falsch gedeuteter klassischer Aussprüche – dieser aber ist in der Tat der falschest gedeuteten einer. Die Prinzessin korrigiert ja dann bei Goethe auch, indem sie verbessert: »Erlaubt ist, was sich ziemt ...« und den Rat gibt, »bei edlen Frauen anzufragen«.)

Nicht wenige Menschen glauben, daß erlaubt sei, was ihnen gefällt. So wollten vermutlich weder Goethe noch Tasso den Ausspruch verstanden wissen. Eine solche Auffassung müßte zwangsläufig zum Chaos der Sitten führen, wobei sich »Sitte« keineswegs nur auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander zu beziehen braucht. Erlaubt kann letztlich nur sein, was die Umwelt nicht vor den Kopf stößt. Was sich in den Rahmen der Gesetze – auch der zahllosen ungeschriebenen! – harmonisch einfügt.

Wie also steht es mit jenem Komplex, der da unter der Flagge »Freundschaft«, »Verhältnis«, »Liaison«, »Flirt« segelt? Ein heikles Thema, nicht wahr? Sie[100] meinen vielleicht, das sollte man der Entscheidung jedes einzelnen überlassen. Hier müßte »chacun à son goût« handeln und selig oder auch unglücklich werden.

Irgendwo stimmt das natürlich. Denn Etikette soll immer nur Rahmen sein, niemals beengende Fessel. Und Menschen, die da reif und selbständig sind, haben durchaus das Recht, sich jede Einmischung in ihre privatesten Angelegenheiten nachdrücklichst zu verbitten. Eine Frau, die für sich selbst sorgt, im beruflichen Leben erfolgreich und zudem eine Persönlichkeit ist, darf sich sehr wohl ihr Leben nach ihrem Geschmack gestalten. Mit und ohne Partner. Es kommt nur auf das »Wie« an.


B. Die Einzelgänger

Und da prallen die Meinungen aufeinander.

So hart, daß es schwerfällt, eine generell gültige Lösung zu finden.

[101] Feststeht, daß sich die Strenge der Auffassung über den erlaubten Grad der Beziehungen zwischen den Geschlechtern im Laufe der letzten Jahre gelockert hat. Äußere Gründe wie Frauenüberschuß, Emanzipation und Gleichberechtigung haben diese Entwicklung ermöglicht. Das jedem Krieg auf dem Fuße folgende »moralische Tief« trieb sie voran. Mißverstandene Ergebnisse neuerer psychologischer Forschungen kamen hinzu. Und die von Generation zu Generation früher einsetzende körperliche Reife tat ein übriges.

Dies alles bedeutet, auf das Problem »Liaison« bezogen, nicht, daß nicht dann und wann ein »Verhältnis« trotz des gegenteiligen Scheins dennoch von Verantwortungsbewußtsein, sittlicher Reife, Achtung vor dem anderen und damit von wirklichem »Anstand« getragen sein kann. Zwei Menschen, einander zutiefst zugetan und doch zu selbständig, zu stark, zu eigenwillig, um Beruf und Freiheit aufzugeben, können sich wohl eng aneinanderschließen. Wir begegnen derartigen Verbindungen häufig. Allzu häufig – leider. Denn jene Fälle, in denen die seltenen moralischen Voraussetzungen einer solchen Verbindung gegeben sind, gehören zu den Ausnahmen.

Es ist nicht damit getan, generell den Pflichten auszuweichen. Vergessen wir niemals, daß unsere abendländische Kultur auf dem Fundament des Christentums steht, einem Fundament, das unweigerlich untergraben wird, wenn eine Entwicklung wie die gegenwärtige in gleichem Maße fortschreitet. Sie muß zwangsläufig über kurz oder lang ein Gefüge erschüttern, das die Menschheit westlicher Denkungsart in ihrem kulturellen Wachstum als das einzig Wahre und Gottgewollte erkannt hat.

Denken wir stets daran, daß Familie und Elternhaus und mit ihnen die Ehe die Bausteine eines Staates sind. Und so bringt das Leben auch Pflichten mit sich, denen dieser und jener nur allzugern aus dem Wege geht.

Man kommt hier um ein Wort an die Herren der Schöpfung nicht herum. Männer lieben die Jagd. Auf Erfolg, Reichtum und – Frauen. Sie alle spüren in sich den Drang nach Eroberung. Und sie jagen dem vermeintlichen Glück mit der gleichen Intensität nach wie dem tatsächlichen. Ein Teil von ihnen ist darüber hinaus noch maßlos eitel und glaubt, »Erfolge« sichtbar erringen zu müssen, um in den Augen der Umwelt zu steigen.

Damit wäre ein wesentlicher Punkt angeschnitten: die mangelnde Achtung vor der Frau. Entstanden einesteils aus dem Bewußtsein der körperlichen und – zuweilen – auch geistigen oder materiellen Überlegenheit. (Andererseits aber, das muß der Gerechtigkeit halber ebenfalls berücksichtigt werden, aus der Bereitwilligkeit eines Teils der Weiblichkeit.) Männer wollen glücklich gemacht werden. Um andere glücklich zu machen, sind sie häufig zu bequem. Frauen dagegen ist [102] das Glücklichmachen anderer von der Natur aufgegeben. Und sie erledigen sich dieser Aufgabe häufig zu früh und in der falschen Form. So geben sie nicht selten aus vollem Herzen, um dann doch mit leeren Händen dazustehen und – allein.

Man kann über die Problematik der engen Beziehungen zwischen Mann und Frau, über ihre Berechtigung ebenso wie über ihre Verwerflichkeit unterschiedlicher Meinung sein. Eines aber ist klar, und das sollte jede Frau berücksichtigen, ehe sie ihre Entscheidung trifft: Hier zahlt sie die Rechnung, nicht der Mann! Auch dann, wenn dieser sich formaljuristischer Verpflichtungen durch pünktliche monatliche Überweisungen korrekt entledigt. Die Frau zahlt nämlich mit dem Verlust, zumindest mit der Minderung ihres Rufes. Und Ruf, guter Ruf, ist Kapital, das man zumeist nur einmal ausgeben kann. Kapital, das vielleicht gerade dann unersetzlich ist, wenn der Mann auftaucht, an dessen Seite man den Rest des Lebens in legitimer Gemeinschaft zurücklegen möchte.

Sicherlich wird man nicht alle verdammen dürfen, die da den bequem erscheinenden Ausweg wählen. Doch man wird ihnen raten müssen, diese ihre ureigenste Angelegenheit auch als solche zu behandeln, wenn schon keine andere Lösung möglich scheint. Andere leben anders, und weil sie anders – und damit korrekter – leben, denken sie auch anders. Warum diese anderen vor den Kopf stoßen durch öffentliche Zurschaustellung von Verstößen gegen sittliche Fundamente, die vielen heilig sind?

Deshalb noch eine Bitte an die Männer: Schweigt über eure »Erfolge«! Denkt daran, daß eine eurer flüchtigen, aber schönen Erinnerungen das Glück anderer zerstören könnte, wenn ihr damit prahlt!

Und wenn ihr euch mit einer Partnerin liiert, dann seid beide diskret. Es gibt Dinge, die nur die unmittelbar Beteiligten etwas angehen. Widersteht der Versuchung, die anderen durch unmißverständliche Doppelsinnigkeiten auf die Pikanterie eurer Situation aufmerksam zu machen. Vielleicht würde man euch im Hinblick auf äußere Schönheit oder sonstige Gaben eures Partners sogar beneiden, und ihr könntet euch eures Besitzes doppelt freuen. Doch sicherlich nicht lange. Denn Neid erweckt nicht selten Mißgunst. Und das Gegenteil wäre erreicht.

Schließlich sollten wir Männer eines nicht vergessen: Was wir heute von einer Frau bedenkenlos erwarten, wenn nicht gar zügellos fordern, hat möglicherweise gestern ein anderer von einer anderen verlangt, der wir morgen begegnen. Wie nun, wenn uns eben diese Frau mehr sein könnte?

Die Erfahrung hat gelehrt, daß die männliche Toleranz gegenüber dem, was das andere Geschlecht tun und lassen darf, fast immer eine Ausnahme gewahrt wissen möchte: die wirklich Zukünftige.

[103] Der Autor eines Buches mit ähnlichem Thema hat kürzlich die These aufgestellt, »guter Ruf« werde wieder »modern«. Diese recht zynische Behauptung geht, glaube ich, völlig an der Tatsache vorbei, daß »guter Ruf« eigentlich in weiten Kreisen – und zwar bei arm und reich – nie unmodern war. Daß die während des Krieges und in den ungeordneten Nachkriegsjahren aufwachsende Generation vielfach weder Kraft noch Halt fand, um den mannigfachen Versuchungen der verwirrenden Zeiten zu widerstehen, ist tragisches Geschick. »Mode« aber war es doch wohl kaum. (Um wieviel geistreicher war da doch jener Franzose, der einmal sagte, es gäbe Frauen, die frönten ihrer Tagend wie andere einem Laster.)

Dürfen wir daher denen, die sich miteinander verbunden haben, ohne aneinander gebunden zu sein, einen Rat geben?

Nicht alle halten für richtig, was euch selbstverständlich erscheint. Stoßt daher die anderen nicht vor den Kopf, auf daß sie euch nicht ablehnen. Seid diskret in Fragen, in denen man zumindest zweierlei Meinung sein kann. Gebt euch in der Umwelt so, wie es die Umwelt erwarten darf: als Damen und als Kavaliere! Und diese benehmen sich nun einmal in der Öffentlichkeit jederzeit so, daß auch die in ihren Anschauungen absolut konservative alte Frau Kommerzienrat Tugendfroh daran nichts auszusetzen hätte.

Das Rezept hat jeder in der Hand: Solange Damen wirklich Damen sind, bleiben nämlich auch die Kavaliere zumeist echte Kavaliere. Sollten sie es wider Erwarten aber noch nicht sein, dann werden sie es! Sehr schnell sogar. Und man braucht dabei gar nicht an Maupassant zu denken, der in wenig galanter Weise sagte: »In der Liebe sind wir Männer die gutgläubigen Wilden und die Frauen die geschickten Kaufleute!«

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 88-104.
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