F. Die Kunst zu reisen

F. Die Kunst zu reisen

[410] Daß Reisen wahrhaftig eine Kunst ist, wird einem zumeist erst klar, wenn man wieder zu Hause ist.

Zwei Weisheiten sollte man sich merken, um aus ihnen die entsprechenden Lehren zu ziehen. Zunächst einmal die Tatsache, daß das Vergnügungsreisen durchaus nicht immer erholsam ist. Zum anderen, daß Erholungsreisen recht vergnüglich sein können, sofern man ihre Technik beherrscht und es versteht, sich beim Erholen zu vergnügen, statt sich beim Vergnügen erholen zu wollen.

Die modernen Verkehrsmittel werden gewöhnlich hinsichtlich ihres Reisewertes überschätzt, und zwar nur deshalb, weil sie die schnelle Überbrückung großer Räume ermöglichen. Hundert Pferdestärken unter der Kühlerhaube eines Wagens, zweitausend im Maschinenraum einer modernen Diesellock, dreizehntausend [410] hinter den vier Propellern eines Stratoclippers – verlockt das nicht geradezu, sich heute in vier Wochen das anzusehen, wofür vor zweihundert Jahren noch nicht einmal ein Menschenleben ausgereicht hätte? Und man sieht es tatsächlich, nur – man erfaßt es nicht. Immerhin, man kann mitreden. Man war ja irgendwo, z.B. in Frankreich. Natürlich kennt man den Eiffelturm und den »Nabel der Welt«, das »Café de la Paix«, man stand am Place Vendôme, aber die Säule mit dem Standbild Napoleons war eigentlich gar nicht so wichtig, und daß Chopin im Hause Nr. 12 starb, erfuhren wir – leider – erst später, immerhin, wir standen vor den Häusern der Madame Schiaparelli (und sagen jetzt auch ganz korrekt »S-kiaparelli«), der Elisabeth Arden und träumten vor den Auslagen Boucherons von einer Zeit, da Juwelen noch erschwinglich waren (oder die Männer mehr verdienten). »Schade nur, daß für den Louvre keine Zeit mehr blieb ... Aber wir sollten doch am nächsten Morgen schon früh weiter nach Perpignan. Und für den Louvre braucht man ja doch wenigstens einen halben Tag ...«

Stimmt genau! Wenn man sich nämlich nur jedes zehnte der mehr als dreitausend Meisterwerke ansieht und vor keinem länger als eine Minute stehenbleibt, »schafft« man dreihundert Stück in fünf Stunden.

Und von Paris nach Perpignan sind es auch runde achthundert Kilometer, so daß man schon früh starten muß, wenn man sie an einem Tag schaffen will. Zumal man ja am kommenden Tag in aller Frühe die Grenze zu überschreiten gedenkt. Mittagshafenrundfahrt in Barcelona. Drei Stunden später bei Tortosa über den Kreuzworträtselfluß Ebro. Katalonien liegt hinter, die Provinz Valencia vor uns. Vielleicht schaffen wir es noch bis zur gleichnamigen Hauptstadt. »Habt ihr übrigens unsere Karte mit den Torres de Cuarte bekommen?« Und weiter – wir haben noch viel vor! Nun nach Andalusien. Granada.

»Wissen Sie, der Mulhacen! Schon ein gewaltiger Anblick, mit seinen beinahe 3500 Metern. Überhaupt die Sierra Nevada. Leider reichte die Zeit nicht zu einem Abstecher zur Alhambra. Soll übrigens eines der eindrucksvollsten islamischen Baudenkmäler sein! Wenn man aber schon so weit unten ist, möchte man natürlich auch auf die anderen Namen nicht verzichten – wegen einer 700 Jahre alten königlichen Burg, nicht wahr?«

Natürlich nicht! Also geht es weiter nach Malaga. Und nach Gibraltar. Und nach Cadiz. (»Da haben wir übrigens Humphrey Bogart getroffen!«) Und dann schleunigst wieder nach Norden. Sevilla. Cordoba, Sierra Morena. Nächste Provinz – Neukastilien. Ja, mit Madrid natürlich. (»Schauen Sie, diesen Hut habe ich meiner Frau auf der Gran Via gekauft – ist er nicht bezaubernd?«) Im Manzanares gebadet. Der nächste Tag war dann ziemlich anstrengend. Hinüber nach Aragonien. Saragossa. Noch mal Ebro.

[411] »Eigentlich waren wir jetzt schon restlos fertig, aber wir nahmen uns zusammen und fuhren noch nach Andorra. Spanien kannten wir schon recht gut, und nur wegen dieses Zwergstaates noch einmal hinunterfahren ... Also irgendwie erinnert Andorra ja an Liechtenstein. Na ja, natürlich nicht in der Staatsform. Dieses ist Fürstentum, jenes Republik. Aber sonst so, wissen Sie ...« Müssen wir noch mehr erwähnen? Daß es dann nach Marseille ging, nach Nizza, nach Monaco? Nach San Remo und Genua? Daß es erst auf dem Wege nach Spezia zur Zwangspause kam? Ausgerechnet in Rapallo, wo im Jahre 1922 jener berühmte Vertrag geschlossen wurde, der die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland regelte. In Rapallo stellten sich Kreislaufstörungen ein. Nicht am Motor, nein, am Herzen. Und die Nerven! So fuhr man auf direktem Wege nach Hause. Ganz langsam. Aber es half nicht viel. Am Ende dieser erholsamen Reise stand ein Sanatoriumsaufenthalt. Diagnose: Managerkrankheit.

Aber wir haben alles gesehen. Und wenn wir unsere spanischen Fotos zeigen, sagen wir lächelnd: »Auf den Spuren von Cervantes, Goya und Greco ...«

Nicht alle reisen so. Sie und ich wahrscheinlich nicht. Aber er und sie vielleicht. Weil sie noch nicht gelernt haben, daß Paris schön, aber nicht Frankreich, und Madrid bewundernswert, aber nicht Spanien ist. Daß man die Franzosen, ihre Geschichte und ihre Kultur auch in den Wäldern östlich von Orleans an den Ufern der Loire, etwa in St. Benoit entdecken kann. Und daß ein Bummel am Strand des Cap de la Nao, ein Blick nach Osten, wo man in der Ferne Ibiza und die Pityusen zu ahnen glaubt, eine »tertulia«, ein Gespräch mit Fischern aus Altea mehr von der spanischen Seele verraten als die etwas verkrampfte »Formalidad«, die Höflichkeit im Steinmeer Barcelonas.

Das alles, liebe Leser, wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Es fiel mir nur so ein, als ich über das Reisen nachdachte und mir klarmachte, wie wenig Leute doch eigentlich zu »bummeln« verstehen – abseits der großen Baedeker-Straßen. Und gerade dort ist es fast immer am schönsten.


Koffer haben es in sich! Das, was sie in sich haben, ist zumeist das Falsche. Man merkt es frühestens in dem Augenblick, da der Zug aus dem Bahnhof rollt, da sich schüchtern die erste Ferienfreude bemerkbar zu machen beginnt und man feststellt, daß Adam Smiths »Theorie der ethischen Gefühle« – die im übrigen auch noch zuunterst im Koffer liegt, gleichsam als wolle sie ihre Tiefgründigkeit noch unterstreichen – zwar einen Schlüssel zur philosophischen Erforschung des ökonomischen Liberalismus darstellt, als Reiselektüre mit Agatha Christie jedoch nicht konkurrieren kann. Spätestens wird einem das klar, wenn man die Straße von Messina überquert hat und abends auf einem der Campingplätze bei Catania in strömendem Regen unter sturmgebeugten Palmen und Olivenbäumen steht und immer wieder vergeblich versucht, die Zeltheringe festzubekommen.

[412] Wie gut wäre jetzt zum Beispiel ein warmer Pullover, von dem man annehmen sollte, daß er im sonnigen Süden nichts zu suchen hätte! Oder wenn die Biskaya ihrem Ruf Ehre macht und man sich darauf beschränken muß, dieses Naturschauspiel durch die geschlossenen Bullaugen zu beobachten, statt sich auf der vordersten Bugspitze in wetterfester Kleidung (die zu Hause geblieben ist) einmal gründlich durchblasen zu lassen. Oder wenn man auf einer Hallig beim ersten Versuch, den dunklen Anzug anzuziehen, ängstlich gefragt wird, ob denn auch nichts passiert sei, man sähe so feierlich aus. Und draußen auf den Nordseewellen bei diesen Fragen kugelrunde Robbenköpfe erscheinen, die in ihrem neugierigen Ernst so unsagbar komisch aussehen.

Es gibt eine Theorie, nach der man rechtzeitig mit den Reisevorbereitungen anfangen müsse – am besten mit Hilfe eines Zettels, auf dem man fein säuberlich notiert, was alles mitgenommen werden sollte. Diese Theorie stimmt für die erste Lebenshälfte, solange man noch Erfahrungen sammelt. Hat man sie aber erst einmal hinter sich, dann erübrigt sich ein solcher Zettel. Und man kommt nicht mehr auf die Idee, etwa den Brieföffner mitzunehmen, weil man längst erkannt hat, daß Briefe (sofern man unklug genug ist, sich Post nachschicken zu lassen) auch mit Hilfe anderer spitzer Gegenstände geöffnet werden können. Statt dessen aber vergißt man nicht z.B. eine Taschenlampe, die man immer gebrauchen kann, auch wenn man nicht in einem malerischen Hochgebirgsdorf übernachtet – sei es auch nur, um nachts einen verborgenen Klingelknopf zu suchen. Wer hier gelernt hat, zwischen wirklich Wichtigem und Überflüssigem zu unterscheiden, wird mit wenig Gepäck auskommen und in der Lage sein, sich innerhalb einer Viertelstunde für eine 25000 Meilen lange Reise durch die Vereinigten Staaten vorzubereiten – vorausgesetzt, daß er Paß und Visum in der Tasche hat.

Grundsätzlich sollte man die Zahl der Gepäckstücke soweit wie möglich beschränken. Ein handfester Lederkoffer (der übrigens die Ferne der Welt auch dann ausströmen kann, wenn er nicht über und über mit Kofferplaketten beklebt ist) genügt zumeist. Das, was man während der Reise und für eine Übernachtung an Wäsche und Toilettezeug braucht, verstaut man leicht in einem für diese Zwecke geeigneten »Lord«, einem kleinen Köfferchen, das hübsch aussieht, genügend Platz für derartige Utensilien hat, ein Hemdenfach enthält und außerdem noch eine kleine Aktentasche in Kollegmappenform aufnehmen kann. (Weshalb es sich auch für Geschäftsreisen vorzüglich eignet.)


Und damit wären wir auch schon bei dem Thema Reisegarderobe. Dreierlei sollte sie sein: weise beschränkt, sinnvoll kombiniert und praktisch. Daneben selbstverständlich einfach und unauffällig, eher »sportlich«.

Mit der weisen Beschränkung wollen wir uns eines zu Herzen nehmen: Eine Reise ist kein Umzug. Das gilt vor allem für unsere Damenwelt, auch wenn sie verständlicherweise [413] ein Interesse daran hat, sich so oft wie möglich so nett wie möglich anzuziehen. Aber vergessen wir nicht, daß wir mit Leuten zusammenkommen, die uns und damit unsere Garderobe nicht kennen. Und wir sollten uns grundsätzlich nicht so wichtig nehmen, daß wir fürchten müßten, im Hotel stieße sich alles an, wenn wir nicht zu jeder Mahlzeit in anderem Aufzug erschienen. Wenn unsere Kleidung so ist, wie sie sein soll – unauffällig, gediegen, geschmackvoll –, dann werden wir höchstens angenehm auffallen.

Natürlich kann, wer Zeit, Geld, Koffer und die entsprechenden Möglichkeiten des Ausgehens hat, ein paar Kleider und einen Anzug mehr einpacken, aber nötig – nötig ist das nicht. (Es sei denn, er führe nach England und wüßte genau, daß er in Hofgesellschaft am Derby teilnehmen müßte – dann sollte er natürlich Cut und grauen Zylinder einpacken.) Wenn man vierzehn Tage unterwegs sein will, dann genügen außer der sportlichen Reisekombination zwei elegante Straßenanzüge, ein grauer und ein dunkler, vollkommen! Wer etwas Besonderes tun will und den örtlichen Wäschereien nicht traut, nun, der packe sich eineinhalb Dutzend Hemden ein. Und nur, wenn Sie große Theater- oder gar Opernpremieren vorhaben, dann, meine Herren, versuchen Sie, noch ein Plätzchen für den Smoking zu ergattern. Denn dann kann Madame ein entsprechendes kleines Abendkleid mitnehmen und wird sich freuen.

Etwas anderes wäre es, wenn Sie beabsichtigen, in einem großen Luxushotel zu wohnen. Dann natürlich sind abends Smoking und Abendkleid obligatorisch. Und in dieser Umgebung wird der Herr zum Frühstück, also mittags, stets in einem nicht zu sportlichen Straßenanzug erscheinen, während die Dame ein korrektes Kleid oder ein Kostüm mit Hut wählt.

Überhaupt – Madame! Ihr wird die »weise Beschränkung« noch schwerer fallen als uns Männern. Denn welche Frau brächte es fertig, irgend etwas Kleidsames zu Hause hängenzulassen, wenn es gilt zu verreisen! Da bedarf es unsererseits eines erheblichen diplomatischen Geschicks, wenn wir verhindern wollen, daß der Kleiderschrank bis zum letzten Stück mitwandert – einschließlich der beiden großen Abendkleider aus Duchesse und Brokat. Dabei tun es erfahrungsgemäß ein oder zwei kleine, sportliche Abendgarderoben auch! Aber – auch das merkt man erst, wenn man im Kasino von Monte Carlo oder Evian-les-Bains neben jemandem gesessen hat, der Abend für Abend gleichmütig Zehntausende verspielte und doch nur – einen dunklen Straßenanzug oder ein elegantes Nachmittagskleid trug.

Viel wichtiger als die große ist die kleine Garderobe! Garderobe, die man wirklich tagtäglich trägt, am Strand, beim Wandern, auf dem Tennisplatz, beim Segeln, beim Fischen, vielleicht auf der Jagd. Hemden und hübsche Krawatten für uns Männer, lustige, nette Tageskleider für die Damen. Wer uns an fremdem [414] Ort ausschließlich nach dem Umfang unserer Garderobe beurteilen will, mag uns ohnehin gestohlen bleiben, wenn wir nicht gerade wie Landstreicher auftreten. Aber das tun wir ja nicht. Unser Gefühl für die goldene Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig wird uns, zumindest nach der dritten Reise, schon das Richtige wählen lassen. Im übrigen wissen wir gewöhnlichen Sterblichen fast immer, was uns auf einer Reise erwartet und auf welche Möglichkeiten wir vorbereitet sein müssen. Und nur die wenigen, die damit rechnen dürfen, in Paris von Mrs. Maxwell zu einer Party, an der Riviera von Aga Khan zu einem Gartenfest und in Rom von einem Marchese zu einem Abendempfang geladen zu werden, haben darauf zu achten, daß weder der Frack noch die dazugehörige Wäsche, die Perlen und die flache deckellose Golduhr – weder das ganz große Abendkleid noch die Nerzstola vergessen werden.

Ansonsten aber verzichten wir auf derartige Sachen – nicht etwa, weil wir sie vielleicht nicht hätten, sondern weil es uns zweckmäßig erscheint, statt ihrer für Söhne und Töchter neben den »guten« Anzügen und Kleidern auch praktisches Zeug, leicht waschbar, einzupacken, damit die Junioren getrost überall nach Herzenslust forschen, graben, toben und – sich schmutzig machen können.

Vielleicht sind Sie jetzt ein wenig enttäuscht, liebe Leser, daß wir nicht Konkretes empfohlen haben, dieses mitzunehmen und jenes zu Hause zu lassen. Aber wir wissen ja weder, was Sie für eine Reise gespart haben, noch wohin Sie fahren. Und schon gar nicht – womit und zu welchem Zweck. Wir konnten Ihnen nur empfehlen, sich von der falschen Vorstellung frei zu machen, jedes längere Auftreten an fremdem Ort müsse unbedingt allen dort zufällig Anwesenden einen Überblick über Ihren Kleiderschrank geben. Außerdem ist es ein himmelweiter Unterschied, ob Sie nichts weiter vorhaben, als ein paar Wochen ungestört in Svealand, also Mittelschweden, zu fischen oder aber in Biarritz einer unter tausend internationalen Badegästen zu sein. Im ersten Falle sind für warme Tage Shorts, für kühlere lange Cordhosen das Richtige, während man an den Ufern des Biskaya-Golfes ohne große und weiße Abendgarderobe nur unvollkommen ausgerüstet wäre. Und wer im Winter zum Skilaufen fährt, wird sich dementsprechend für eine kleine verzauberte Berghütte weniger elegant und umfangreich ausrüsten, als wenn er etwa in das exklusive Cervinia führe, das auf italienischer Seite unterhalb des Matterhorns liegt. (Ein Ort übrigens, von dem aus man mittels Lift aufs Matterhornplateau gelangt und von dort in die Schweiz nach Zermatt abfahren kann. In Zermatt steht dann ein kleines Flugzeug bereit, das einen gegen Entrichtung von etwa 80 Schweizer Franken mitsamt den Brettern wieder auf das Matterhorn bringt. Dieses Spiel kann man dann am Tage drei- bis viermal wiederholen – je nach Umfang der Skibeherrschung und des Geldbeutels. Und am Nachmittag fährt man dann wieder nach Italien ab, um in der Hausbar einen Ginfizz zu trinken.)

[415] Wenn aber der Kofferraum Ihres Straßenkreuzers so groß sein sollte, daß die Anzahl der mitgeführten Kleidungsstücke keine Rolle spielt, wenn Sie des weiteren glauben, am gleichen Ort nicht zweimal im gleichen Anzug gesehen werden zu dürfen, wenn Sie schließlich zu jenen glücklichen Naturen gehören, deren Nerven nur dann entspannen, wenn sie sich viermal am Tage umziehen, dann – ja dann gibt es etwas sehr Praktisches: diese neuen reiß verschlossenen Kleidersäcke, deren jeder drei bis vier Anzüge knitterfrei aufnimmt. Man kann sie in den Wagen hängen und erspart die Devisen des Anzugbügelns. In diesem Sinne: Gute Fahrt!


Da taucht die Frage auf: Gute Fahrt – womit? Und diese Frage ist berechtigt, denn alle Verkehrsmittel haben ihre Gesetze.

Da wäre zunächst die gute alte Eisenbahn.


Seit das erste Dampfroß seine Jungfernfahrt auf der Strecke Nürnberg – Fürth antrat, sind elf Jahrzehnte vergangen. Damals bezweifelten die Ärzte, daß der menschliche Organismus überhaupt in der Lage sein werde, eine Geschwindigkeit von 30 km/h auszuhalten, und ein zufällig anwesender orientalischer Potentat forderte nach Beendigung dieses Abenteuers allen Ernstes den Kopf des Lokomotivführers. Heute ist die Eisenbahn der Verkehrsträger Nr. 1 und befördert in Westdeutschland nahezu 1,5 Milliarden Menschen mit beachtlichem Komfort und Geschwindigkeiten von 120 km/h.

1,5 Milliarden! Das erzeugt Reibungsflächen. Denn wenn sich nur ein Promille dieser gewaltigen Personenzahl einmal im Jahr schlecht, unhöflich, unfreundlich, flegelhaft benimmt, so werden damit – wenn jedesmal nur ein Mensch belästigt wird, immerhin 1,5 Millionen Mitbürger vor den Kopf gestoßen. Und Arbeitsstimmung, Ferienfreude und das innere Gleichgewicht geraten ins Wanken. Dabei muß das gar nicht so sein. Wenn nämlich ein jeder Reisender berücksichtigen wollte, daß es außer ihm noch andere gibt, die den gleichen Anspruch auf Beförderung seitens der Bahn und auf Rücksichtnahme seitens der Umwelt haben. Dabei wäre es so einfach:

Man drängelt sich an keinem Fahrkartenschalter vor, weil es die anderen, die da geduldig Schlange stehen, gleichermaßen eilig haben.

Man überläßt seiner eigenen Frau die schweren Koffer nicht mit den Worten: »Geh du schon vor, ich muß noch Zeitungen besorgen ...«

Man rammt die Umwelt nicht mit Gepäckstücken, deren Transport man besser einem Gepäckträger überlassen sollte.

Man spielt beim Besteigen eines Zuges nicht seine körperliche Überlegenheit aus, sondern läßt Frauen, Müttern, Alten und Gebrechlichen den Vortritt, selbst wenn die Chancen auf einen Sitzplatz dabei geringer werden.

[416] Man grüßt freundlich beim Betreten eines Abteils.

Man erkundigt sich nach freien Plätzen und respektiert solche, die offensichtlich besetzt sind.

Man belegt seinen Platz mittels eines Gepäck- oder Bekleidungsstückes – eine Zeitung genügt nicht.

Man macht sich nicht über Gebühr auf seinem Platz breit.

Man packt sein Gepäck vor Reiseantritt so, daß man nicht den schwersten Koffer fünf Minuten nach der Abfahrt wieder herunterwuchten muß, weil ausgerechnet in seinen tiefsten Tiefen Lektüre oder Proviant verstaut sind.

Man ist anderen Reisenden, sofern sie dieser Unterstützung bedürfen, beim Heben schwerer Gepäckstücke behilflich.

Man öffnet und schließt Fenster nur nach vorheriger Absprache mit Mitreisenden.

Man überläßt, wenn man das Glück hatte, einen Fensterplatz zu bekommen, diesen auf längeren Reisen auch einmal anderen Fahrgästen.

Man knüpft Unterhaltungen nur dann an, wenn man das sichere Gefühl hat, daß auch der andere gern plaudern möchte.

Man stellt sich auch bei längerer Reise nicht vor – auch nicht im Schlafwagen!

Man lasse sich auch bei Nachtfahrten in einem gewöhnlichen Abteil nicht zu nachlässiger Kleidung verführen! Herren mit Hosenträgern und ohne Kragen sehen ebenso unschön aus wie Damen mit großzügig geöffneten Blusen.

Man wechselt Kleidungsstücke, die während der Nacht getragen werden sollen (leichte Schuhe, Hausjacke etc.) grundsätzlich nicht im Abteil, sondern im Waschraum.

Man führt zu nächtlicher Stunde grundsätzlich keine Gespräche, wenn andere Reisende schlafen möchten.

Man einigt sich mit den Mitreisenden gütlich über die Frage, wann das Licht gelöscht, ob die Heizung abgestellt und wie weit Fenster und Lüftung geöffnet bleiben sollen.

Man deckt sich zum Schlafen mit seinem Mantel zu. Keineswegs alle Schlafenden bieten den Anblick appetitlicher Engel.

Man beansprucht mit seinen Füßen nicht herrisch den Platz unter dem gegenüberliegenden Sitz. Leute mit Lebensart und Humor werden ihre Beine nach lächelnder Absprache gegenseitig nebeneinander verstauen.

[417] Man nimmt Rücksicht aufeinander in zwei- oder dreibettigen Schlafwagenabteilen. Eine kurze höfliche Übereinkunft ermöglicht allen Reisenden sowohl die Abend- als auch die Morgentoilette.

Man bewahrt auch beim Essen im Abteil die Form. Duftende Käsebrote beleidigen die Nasen, feuchter Obstkuchen die Augen der Mitreisenden.

Man wirft Papier und Essenreste weder unter den Sitz noch aus dem Fenster.

Man achtet darauf, daß die eigenen Kinder andere Reisende nicht belästigen.

Man bittet beim Aufsuchen des Speisewagens die anderen Mitreisenden, auf das Gepäck zu achten. Die Bahn haftet nicht!

Man raucht nicht in Nichtraucherabteilen.

Man kann getrost auch im Raucherabteil pro forma um Raucherlaubnis bitten, wenn sich eine alte Dame offensichtlich verirrt hat.

Man trägt während langer Reisen Waschlederhandschuhe – die jedoch zum Essen und Rauchen ausgezogen werden müssen.

Man macht Toilette im Waschraum, nicht aber vor den anderen Reisenden.

Und noch eines:

Man streitet nicht mit den Mitreisenden! Sollten sich wirklich einmal grundlegende Meinungsverschiedenheiten mit anderen Fahrgästen ergeben, so rufe man den Zugschaffner, der einen Streit in den überaus meisten Fällen mit der Weisheit eines Salomo schlichten wird.


Auf hoher See herrschten seit jeher strengere Bräuche. Und zwar nicht nur innerhalb der Besatzung, sondern auch unter den Passagieren. Die Etikette, die dort gepflogen wird, geht auf Zeiten zurück, die lange vor dem Jahre 1807 lagen, da Robert Fulton das erste Dampfschiff erbaute. Und nirgends sind Verstöße so peinlich und unzweckmäßig wie gerade an Bord. Das ist kein Wunder, denn ein Schiff ist räumlich bis zu einem gewissen Grade beschränkt, so daß der Kontakt mit anderen Reisenden notwendigerweise recht eng ist. Rücksichtnahme und Anpassung sind daher unerläßlich.

Je größer das Schiff, um so zahlreicher dürfen, ja müssen die Koffer sein. Andernfalls sieht man uns nämlich an, daß wir noch nicht erfaßt haben, worin die Hauptbeschäftigung während einer längeren Schiffsreise besteht: in ständigem Umziehen! So sind denn große Schiffe ein Eldorado für schöne Frauen, denen ein gütiges Schicksal einen gutsituierten Mann und mit ihm die Möglichkeit zur reichhaltigen Ausstattung diverser Kleiderschränke bescherte.

[418] Wer sich also auf hohe See begibt, braucht hinsichtlich des Umfanges seiner Garderobe keinerlei Hemmungen zu haben. Sowohl für den Transport an Bord als auch für die Unterbringung zahlreicher Kabinenkoffer ist bestens gesorgt. Aber immer hübsch der Reihe nach.

Wenn Sie an Bord gehen, werden Sie gut daran tun, sofort mit dem zuständigen Steward Kontakt aufzunehmen. Stewards entsprechen den Kellnern eines sehr guten Lokals, nicht etwa denen eines Dorfgasthofes. Sie sind fast ausnahmslos Herren und sprechen diverse Sprachen fließend. Sie verstehen eine Menge von Psychologie, und ihr Auge arbeitet mit der Präzision eines Röntgenapparates. Fünfhundert Mitpassagiere mag man über seine wahre Person täuschen können – einen alten Steward kaum. Er kann Ihnen das Leben an Bord zum Paradies machen – und er tut es auch, wenn man es versteht, sich mit ihm gut zu stellen. Ihm ist nichts Menschliches fremd – es empfiehlt sich wirklich, ihn zum Freund zu haben. Das setzt freilich voraus, daß man sich ihm gegenüber einzustellen weiß. Sagen Sie stets »Herr Steward« zu ihm, und vergessen Sie nicht, daß klingender, besser noch knisternder Lohn reiche Zinsen an Bequemlichkeit und Komfort trägt. Dann werden Sie nicht selbst zu ermitteln brauchen, ob Sie Ihren Liegestuhl an Deck auf Steuer- oder Backbordseite (Steuerbord ist die in Fahrtrichtung gesehen rechte, Backbord die linke Schiffseite) aufstellen müssen, wenn Sie im Schatten liegen wollen. Und wenn es angenehm und stetig weht, dann fragen Sie ihn ruhig, ob das nun der Passat oder der Monsun ist. Er wird Ihnen diese regelmäßigen Luftströmungen zwischen zwei Apéritifs gern erklären.

Vielleicht hat er Sie, so Sie ihm als ein fine fellow erschienen, bereits unauffällig dem Obersteward des Speisesaals avisiert, der nun seinerseits alles tun wird, um Ihnen einen netten Tisch mit sympathischen Nachbarn zu besorgen. A propos Tischnachbarn: Wenn Sie die zuweilen etwas anstrengende Ehre haben sollten, Ihren Platz am Kapitänstisch angewiesen zu erhalten, dann erweisen Sie sich dieser Auszeichnung durch vollendete Etikette würdig. Die Kapitäne großer Schiffe, insbesondere der Passagierdampfer, sind nicht etwa rauhe Seebären, sondern besterzogene, vollendete Gentlemen und Kavaliere, die einer hochoffiziellen Abendfestlichkeit an Land mit der gleichen Routine vorstehen würden wie etwa ein Diplomat oder Industriemagnat.

Wir sprachen gerade von Etikette. Da wir uns überall und grundsätzlich so benehmen, daß niemand an uns etwas auszusetzen hätte, braucht über die Selbstverständlichkeit gepflegter Tischsitten auch hier kein Wort verloren zu werden. Eines aber sei erwähnt – die Garderobe. Es liegt in der Natur einer Schiffsreise, daß man für die wohltuende Eintönigkeit auf hoher See einen Ausgleich sucht. Folglich zieht man sich in den höheren Schiffsklassen um – so oft wie [419] möglich. Dieser ständige Garderobenwechsel ist so sehr zu einem festen Bestandteil des Bordlebens geworden, daß jemand, der dieses Spiel nicht mitspielen wollte, zwangsläufig auffiele.


F. Die Kunst zu reisen

Der Tag beginnt in jedem Falle korrekt, wenn auch sportlich. Wer das Frühstück gemeinsam mit den anderen im Frühstücksraum einnimmt, kann sich zwar vormittäglich mit stark sportlichem Einschlag kleiden, darf aber dennoch nicht etwa auf das Jackett verzichten. Auch Damen werden gut daran tun, ein luftiges Kleid zu wählen und nicht etwa in kurzer, dreiviertellanger oder langer Hose zu erscheinen, die todsicher eine verbindliche, aber unmißverständliche Rüge des Stewards einbrächte. Wer diesem ersten Anzug des Tages aus dem Wege gehen will, läßt sich sein Breakfast eben in der Kabine servieren.

[420] Nach dem Frühstück – für Frühaufsteher auch davor – kommt reine Sportkleidung zur Geltung, sofern man die zahlreichen Möglichkeiten sportlicher Betätigung an Bord ausnutzen will – von der Gymnastik über Trockenrudern, Schwimmen im Schwimmbad bis zum Shuffle-Board und anderen Bordspielen. Dem Frühstück folgt mit Sicherheit eine verdiente Liegestuhl-Siesta an Deck, sofern Petrus und Neptun gut gelaunt sind. Und da ist alles erlaubt – Badeanzug, Shorts und Buschhemd auf der Sonnenseite, sportlicher Anzug für Schattenliebhaber.

Mittags zum Lunch im Speisesaal ziehen wir uns schon ein wenig sorgfältiger an. Kleid und Anzug (eventuell mit weißem Leinenjackett), Hemd und Krawatte sind notwendig, wobei sich sportlicher Einschlag und ein Schuß Eleganz die Waage halten dürfen.

Zur Teestunde, zu der es natürlich auch jedes andere Getränk gibt, ist es mit der sportlichen Kleidung vorbei. Jetzt sind das elegante Nachmittagskleid und der entsprechende Straßenanzug an der Reihe. In dieser Aufmachung gehen wir anschließend promenieren – daher der Name »Promenadendeck« – und nehmen vielleicht in der blauen Stunde noch einen appetitanregenden Drink.

Und dann wird es allmählich Zeit, mit einer sorgfältigen Abendtoilette zu beginnen. Denn abends ist – in der ersten und zweiten Klasse auf jeden Fall – kleine abendliche Kleidung notwendig. Nur in der Touristenklasse ist man weniger förmlich. Jetzt kommen abermals die Kleiderkoffer zu ihrem Recht – speziell bei den Damen, die nun nach Herzenslust wählen können. Wir Männer haben es einfacher – wir tragen Abend für Abend den gleichen Smoking, der auch weiß sein darf, wenn es draußen nicht gerade stürmt und bitter kalt ist. Das sind recht feststehende Gesetze. Sie mögen ungeschrieben sein – um so besser tut man daran, sich an sie zu halten. Aber es macht Spaß, denn eine Seefahrt, die ist lustig – weil gesellschaftlich andauernd etwas los ist. Wäre es nicht schade, wenn man sich um die zahlreichen Genüsse verschiedenster Art brächte, die eine aufmerksame Schiffsleitung für das Vergnügen ihrer Gäste ausgeklügelt hat – nur weil man nicht verstand, sich entsprechend vorzubereiten?

Wenn wir unsere Kabine – in niederen Klassen – mit anderen teilen müssen, dann versuchen wir in unserem ureigenen Interesse rechtzeitig, ein harmonisches Verhältnis herzustellen, indem wir all jene Fragen klären, die auftauchen, wenn man mit jemandem längere Zeit zusammenwohnt. Kabinenharmonie ist erste Voraussetzung der Freude an einer schönen Reise.

Oder gehören Sie auch zu jener Kategorie von Globetrottern, die all die an und für sich liebenswerten Umständlichkeiten einer »vornehmen« Gesellschaftsreise scheuen? Die sich statt dessen wochenlang der Ruhe und Ungebundenheit erfreuen wollen? Dann fahren Sie mit einem Frachter! Auch diese Fahrzeuge[421] bieten heute erheblichen Komfort für die wenigen Gäste, die sie in sehr gemütlichen Einzel- und Doppelkabinen aufnehmen können. Hier wird Sie der Kapitän direkten Anteil an dem seemännischen Geschehen nehmen lassen, denn mit zwei Dutzend Passagieren kann er das, nicht aber mit eintausend. Sie werden häufig, wenn nicht gar ständig, an seinem Tisch sitzen. Einen Smoking brauchen Sie kaum, und in jedem Hafen, den das Schiff anläuft, wird man Ihnen helfen, das wirklich Sehenswerte, das in keinem Reiseführer steht, kennenzulernen. Nur eines sollten Sie nicht tun: Fragen Sie weder den Kapitän noch die Offiziere, ob sie schon einmal untergegangen seien. Man wird diese Fragen mit ernstem Gesicht bejahen. Und wenn Sie sich alsdann erkundigen, was Kapitän und Besatzung nach dem Untergang gemacht hätten, wird man Ihnen antworten: »Zu Fuß nach Hause gegangen ...« Und sollten Sie bei schwerer Seekrankheit um Rat bitten, dann wird man Ihnen teilnahmsvoll sagen: »Das sicherste Mittel ist ein halber Liter lauwarmes Maschinenöl!« Und dieser Rat ist gut – denn wenn Sie bisher Neptun den fälligen Tribut noch nicht zollen konnten –, jetzt können Sie es bestimmt. Bringen Sie das Opfer auf Lee, der dem Wind abgewandten Seite des Schiffes. Der Gerechtigkeit halber muß aber erwähnt werden, daß die pharmazeutische Industrie vorzügliche Vorbeugungsmittel gegen See- und Luftkrankheit herausgebracht hat, die auch den störrischsten Magen mit ziemlicher Sicherheit vor Revolten schützen.


Bummler reisen mit dem Schiff. Eilige lassen sich mit 12000 PS durch die Lüfte tragen. Seit die amerikanischen Brüder Orville und Wilbur Wright in Kitty Hawk den ersten Motorflug durchführten, sind kaum mehr als fünfzig Jahre vergangen. Aus den 12 PS jener ersten Flugmaschinen wurden 12000 und mehr, und die Geschwindigkeit von damals 50 km/h stieg auf das Zehn-, Zwölf- und Vierzehnfache bei den heutigen Verkehrsflugzeugen. So ist denn auch die längste Flugreise, verglichen mit anderen Verkehrsmitteln, außergewöhnlich kurz. Paris – New York in weniger als zwölf Stunden!

Das Flugzeug ist das jüngste in der Reihe der Verkehrsmittel – und das freundlichste. Betreuung und Service, Transport von Passagieren und Gepäck zum und vom Flughafen sind im Flugpreis einbegriffen, und auch für das leibliche Wohl der Gäste wird ohne Aufpreis gesorgt. Darüber hinaus ist jede Flugreise ein Erlebnis besonderer Art, und nur der gejagte, moderne Mensch, von der Technik ohnehin verwöhnt, pflegt als selbstverständlich hinzunehmen, was doch eigentlich Triumph menschlichen Denkens ist.

Die Betreuung ist auf allen Luftlinien vorbildlich. Da sie Hand in Hand geht mit zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen, sollte sich jeder Fluggast den Anweisungen des Bordpersonals und insbesondere der ausnahmslos bildhübschen Stewardessen widerspruchslos fügen. In diesem Verkehrszweig ist alles, aber auch alles bis ins letzte durchdacht.

[422] Wenn Sie die Maschine betreten, haben Sie zumeist freie Platzwahl unter den 40 bis 80 Sitzplätzen. Vielleicht ist es ganz nützlich, folgendes zu wissen: Je weiter vorn man Platz nimmt, desto näher am Schwerpunkt sitzt man. Diese Plätze sind bei böigem Wetter die ruhigsten. Allerdings haben sie den Nachteil, daß man weniger von der Landschaft sieht, da das Blickfeld durch die Tragflächen eingeschränkt wird. Wer bei schönem Wetter etwas von der Mutter Erde sehen will, der bleibe hinten – wo es ihn allerdings durchschüttelt, falls es bockig wird. (Bei dieser Gelegenheit wollen wir gleich mit der vielverbreiteten falschen Vorstellung von den »Luftlöchern« aufräumen. Natürlich hat die Luft gar keine Löcher. Das plötzliche Durchsacken des Flugzeuges beruht viel mehr auf thermischen Ursachen, d.h. einem plötzlichen Wechsel zwischen Auf- und Abwinden.) Wer ganz großer Pessimist ist, der wählt seinen Platz ganz am Rumpfende – dann sitzt er hinter der »Sollbruchstelle«.

Sobald wir das Flugzeug betreten, fällt unser Blick auf ein Schild, das über dem Eingang zum Crewroom, dem Besatzungsraum, aufleuchtet und die Inschrift trägt: »No smoking!« Warten wir also mit dem Rauchen, bis das Schild erlischt, was zumeist wenige Minuten nach dem Start der Fall ist.

Auf einem zweiten Leuchtschild erscheint vor dem Start die Aufforderung: »Please fasten your seat-belts!« Das ist die Bitte, sich anzuschnallen. Es zeugt keineswegs von Schneid, wenn man diese wohlbegründete Aufforderung unbeachtet läßt. Vielmehr beweist das nur, wie wenig Ahnung der angeblich so Tapfere vom Fliegen hat. Im übrigen sorgen die Stewardessen schon dafür, daß jeder Fluggast dieser Bitte nachkommt. Wer mit den Anschnallgurten nicht Bescheid weiß, dem sind die freundlichen Helferinnen behilflich.

Wenn die Maschine vom Steig- in den Horizontalflug übergeht, dann wird auch dieses Schild zumeist erlöschen. Sollte die Inschrift jedoch nach wie vor aufleuchten, dann hat der Flugzeugführer Ihre Bequemlichkeit nicht etwa vergessen – im Gegenteil! Er weiß, daß er durch böiges Wetter fliegen muß, in dem Sie möglicherweise – bei einem »Luftloch« – plötzlich frei über Ihrem Sitz schweben, was er Ihnen ersparen möchte.

Genieren Sie sich nicht, sich auf Ihrer ersten Luftreise bei der Stewardeß nach folgenden Einrichtungen zu erkundigen:

dem Verstellknopf für die Rückenlehne, mit dessen Hilfe sich der Sitz nach Belieben zurückstellen läßt,

dem Aschenbecher, der unterhalb der Armlehne angebracht ist,

der Frischluftzufuhr oberhalb Ihres Sitzes, deren Strahl sich beliebig richten läßt,

jenen überaus praktischen Tüten, die Ihnen große Dienste leisten, wenn Ihnen wider Erwarten doch schlecht werden sollte und Sie den rettenden Ort im Heck [423] des Flugzeuges nicht mehr erreichen oder besetzt vorfinden. Die Tüten stecken zumeist in ausreichender Anzahl vor Ihrem Sitz im Zeitungsnetz.

Da auch die längste Luftreise nur verhältnismäßig kurze Zeit dauert, ist die Garderobefrage etwa die gleiche wie bei einer Autoreise. Kalt ist es auf keinen Fall. Dagegen könnte Ihnen dann und wann warm werden – teils weil Sie das Fliegen noch nicht gewöhnt sind, teils weil es im Sommer auch im Innern des Flugzeuges recht gut temperiert sein kann. Damen tun gut daran, eine Bekleidung zu wählen, die es ihnen ermöglicht, es sich etwas bequemer zu machen, und Herren, die das Jackett vielleicht abzulegen gedenken, verzichten vorsichtshalber auf Hosenträger.

In diesem Sinne »Hals- und Beinbruch« – das ist der frömmste Glückwunsch, den die Fliegerei kennt.


Wenn Sie nun, statt mit 500 und mehr Stundenkilometern durch die Lüfte zu fliegen, mit 100 Stundenkilometern über die Autobahn fahren, dann erinnern Sie sich bitte all dessen, was wir bereits im Kapitel »Rund um Räder – mit und ohne Motor« gesagt haben. Wenn wir all das, was dort – aus der Erfahrung heraus, daß es notwendig ist! – auseinandergesetzt wurde, beherrschen, werden wir auch ohne Plakette an der Windschutzscheibe ein vollendeter Kavalier am Steuer sein. Und das wollen wir doch, nicht wahr?


Unsere Reise wird über kurz oder lang in irgendeiner Unterkunft enden. Diese kann nun ein anspruchsvolles Hotel sein oder auch nur ein einfacher Gasthof. Und da vergessen viele eines: Gute Hotels sind Stätten der Gastlichkeit!

Sie sind, insbesondere wenn sie den oberen Güteklassen angehören, vom Keller über die Küche bis in unser Zimmer auf unsere Behaglichkeit bedacht. Diese Behaglichkeit unterscheidet sich jedoch von jener zwischen unseren eigenen vier Wänden in einem Punkte beträchtlich: Sie gilt nicht nur uns allein, sondern auch allen anderen, die da vorübergehend wohnen. Verlangen wir also nicht, daß man uns, speziell uns, mehr Aufmerksamkeit widmet als den anderen Hotelgästen. Verlangen wir also auch von den anderen Bewohnern nicht mehr Rücksichtnahme, als wir selbst jederzeit aufzubringen bereit sind. Und deshalb heißt das oberste Gesetz für einen Hotelaufenthalt: Fühle dich wie im eigenen Heim – aber benimm dich, als seist du Gast in fremdem Hause.

Grundsätzlich wird man die Klasse des Hotels seinem Geldbeutel anpassen. Die erschwingliche Höhe eines Zimmerpreises darf uns noch nicht dazu verleiten, trotz beschränkter Mittel sehr »vornehm« wohnen zu wollen – selbst wenn wir diesen Luxus dadurch auszugleichen versuchen, daß wir unser Mittagessen statt im Hotelspeisesaal stehend an der nächstgelegenen Würstchenbude einnehmen. Der Versuch, in dieser Richtung über den eigenen Schatten springen zu wollen, wirkt lächerlich und endet häufig peinlich. Deshalb muß sich jeder, [424] der in ein Hotel oberer Güteklasse zieht, darüber klar sein, daß die außer dem Zimmerpreis entstehenden Kosten eben jener Güteklasse entsprechen. So ist es ungeschriebenes Gesetz, daß man dem Zimmermädchen, dem Liftboy, dem gepäcktragenden Hausdiener und diversen anderen dienstbaren Geistern einen Obolus zukommen läßt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß das Frühstück im Hotel eingenommen wird. Auch mit mindestens einer anderen Mahlzeit sollte man es tun. Das alles aber kostet grundsätzlich mehr, als der Unerfahrene auf Grund des bloßen Zimmerpreises annehmen möchte.

Wenn er aber über die Mittel verfügt, um sich sorglos der nahezu allsichtigen Hotelleitung eines großen, gutgeführten Hauses anvertrauen zu können, so wird er bald Freude empfinden an der sorgfältigen Betreuung, die ihn unauffällig umgibt – vorausgesetzt, daß er nichts Unmögliches verlangt und sich anzupassen versteht.

Müssen wir sagen, daß wir gerade in einem guten Hotel als Neuankömmlinge – besonders dann, wenn wir länger zu bleiben gedenken – gewissermaßen im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehen? Benehmen wir uns also auch hier so, als sei jeder Raum unsere Kinderstube.

Verbindliches Wesen, das bereits dem Gepäckdiener gegenüber beginnt, verrät mehr gute Lebensart als etwa der herrische Befehl: »Tragen Sie mal das Gepäck 'rein!« Auch Diener sind Menschen – mit dem Anspruch auf Höflichkeit und ein nettes »Bitte!« oder »Danke!«, das nicht minder geschätzt ist als ein Trinkgeld. Die Engländer erfreuen sich in der ganzen Welt als Reisende großer Beliebtheit, obwohl sie mit ihren »gratuities« sehr sparsam sind – ganz im Gegensatz zu uns Deutschen. Der Grund ist einfach: Wir geben Trinkgelder – jene aber sind höflich.

Man muß es leider betonen: Hotelhallen sind geschlossene Räume, und der Hut sollte beim Betreten unbedingt vom Kopf in die Hand wandern. Auch der teuerste Borsalino macht aus einem Neuankömmling keinen Herrn, wenn er an der Rezeption noch auf dem Kopf sitzt.

Auch sonst gelten all jene Gesetze der Höflichkeit und Rücksichtnahme, die überall Gültigkeit haben. Personal behandeln wir korrekt. Das Zimmermädchen ist nicht unsere Kammerzofe und der Kellner nicht unser Diener. Auch im Hotelfahrstuhl haben wir den Hut selbstverständlich in der Hand, und bei Tisch benehmen wir uns genauso formvollendet wie sonst auch. Den Damen gebührt die gleiche höfliche Zuvorkommenheit wie überall, und Kartoffeln werden in fremder Umgebung ebensowenig mit dem Messer geschnitten wie daheim. Die Kleidung muß der Umgebung angepaßt sein, so daß sich entsprechend ausstatten wird, wer nicht aus dem Rahmen fallen und sich wohl fühlen will.

In unseren Zimmern benehmen wir uns so, als seien wir im Gästezimmer eines [425] befreundeten Hauses. Die Tatsache, daß wir für seine Benutzung einen angemessenen Preis bezahlen, berechtigt uns noch nicht dazu, mit der Einrichtung sorglos umzugehen. Auch wir wären zu Recht verärgert, wenn man uns ein Zimmer anböte, in dem deutliche Spuren anzeigen, daß der Vorbenutzer stets mit Nagelschuhen auf der Couch lag, die Schuhe zum Schnüren auf die mit Chintz bezogenen Sessel stellte und den Fußboden zum Aschenbecher beförderte.

Bei der Anmeldung, die mit dem Ausfüllen des Anmeldeformulars verbunden ist, hüte man sich vor falschen Angaben. Und ganz besonders in Damenbegleitung! Wer stapeln will, der tue es immer nach unten – nie nach oben! Denn der Mann hinter der Rezeption, der fünf Sprachen spricht und Prominente vom vergötterten Filmstar über Industriemagnaten und Politiker bis zum weltberühmten Schriftsteller begrüßt hat, merkt bereits nach der ersten Stunde, ob der »Großkaufmann« wirklich ein großer Kaufmann oder nur ein kleiner Buchhalter ist. Wobei der Buchhalter nur dann klein ist, wenn er sich großzumachen versucht.

Vergessen wir auch nicht, daß das Zimmerpersonal sich bereits am ersten Abend ein genaues Bild von unseren tatsächlichen Verhältnissen machen kann. Diese Leute wissen sehr wohl aus der Ausstattung eines Reisenden zu erkennen, wie es tatsächlich um ihn bestellt ist.

Die Tatsache, daß der Inhalt unserer Koffer dem Personal zwangsläufig bekanntwerden muß, sollte uns dazu veranlassen, besonders auf Reisen nur gute, d.h. saubere, gepflegte und geschmackvolle Sachen mit uns zu führen. Wer also zu Hause mollige, aber nicht sonderlich hübsche Filzpantoffeln bevorzugt, wird auf einer Reise gut daran tun, sie durch gefälligere Slipper zu ersetzen – schon aus Gründen der Eitelkeit. Man vergesse auch nicht einen hübschen Hausmantel. Es sieht nicht sonderlich gut aus, wenn man zur Nacht- oder frühen Morgenstunde durch die eleganten Hotelkorridore wandelt – einen Regenmantel über dem Nachtgewand.

Mit einem Wort: Versuchen wir, uns dem jeweiligen Stil und Niveau des von uns gewählten Hotels unauffällig anzupassen. Genauso wie wir andere stören könnten, indem wir aus der Reihe tanzen und mit Bergschuhen und offenem Hemd im abendlichen Speisesaal erscheinen – ebenso könnten uns einmal andere auf die Nerven gehen, die sich gerade dann ähnlich unpassend benehmen, wenn wir in der gepflegten und dezent-eleganten Atmosphäre eines erstklassigen Hotels Erholung suchen.

Und diese Hotels sind nun einmal Stätten raffinierter, zuvorkommender Gastlichkeit, aber nur dann, wenn alle Gäste entsprechend auftreten – innerlich wie äußerlich.

Wer aber während eines arbeitsreichen Jahres auf Grund seiner exponierten [426] beruflichen und gesellschaftlichen Stellung laufend streng nach der Etikette zu leben hat, wird vielleicht das Bedürfnis empfinden, in den wohlverdienten Urlaubswochen jedem Zwang, jeder Förmlichkeit, jeder Kleidervorschrift weitgehend auszuweichen. Er wird jedes Luxushotel meiden und sich statt seiner für einen behaglichen, biederen und doch blitzsauberen Gasthof entscheiden, um aufatmend mit Faust ausrufen zu können:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!


Eine blendende Idee, nur Gasthöfe sind keine Hotels! Das wird leider häufig vergessen. Es gibt Leute, die allen Ernstes erwarten, sie könnten an einen einfachen Gasthof die gleichen Ansprüche stellen wie an ein international geführtes Hotel. Sie bemängeln das Fehlen eines zum Zimmer gehörigen Bades ebenso wie die Kürze der Speisekarte, sie ärgern sich über Toiletten, in denen Fliesen durch sauberes Holz ersetzt sind, und möchten den Besitzer eines mit dem ersten Sonnenstrahl krähenden Hahnes gern wegen ruhestörenden Lärmes belangen. Sie verlangen ausgerechnet im Gasthof zum »Schwarzen Ochsen« französische Küche und lächeln verächtlich, wenn statt wertvollen Porzellans biederes Steingut auf den Tisch kommt. Den auf den umliegenden Hängen wachsenden Wein nennen sie Rachenputzer und schwärmen sinnlos von der köstlichen Blume eines Bourgogner Château-Châlon.

Warum nur? Fürchten sie sich plötzlich vor ihrem eigenen Mut, mit dem sie wenige Tage zuvor planten, einmal in eine ganz andere Umgebung, unter ganz andere, einfache, gerade Menschen zu gehen? Oder ist es die Reaktion auf die ein wenig bittere Erkenntnis, daß sie gar nicht mehr verstehen, einfach zu leben? Daß sie verlernt haben, Menschen unter Menschen zu sein? Wer hätte nicht schon Gelegenheit gehabt, diese Unglücklichen zu beobachten. Wenn sie versuchen, schlicht zu werden, sich an kleinen Dingen zu erfreuen und den durchaus nicht immer leichten gesellschaftlichen Ballast abzuwerfen. Häufig gelingt es ihnen nicht, das Korsett, das sie sonst zu tragen gewohnt waren, abzulegen. Ihre Nörgeleien sind gar nicht immer ernst gemeint, sie sind zumeist nur der mißlungene Versuch, auch hier, in anderer Umgebung, immer noch durchblicken zu lassen, wer sie eigentlich seien. Wen aber interessiert das in einem kleinen Dorfgasthof schon? Dort entscheidet nicht, was wir sonst sind. Dort will man wissen – wenn man überhaupt etwas wissen will –, was von uns übrigbleibt, wenn wir ohne den Hintergrund unseres gesellschaftlichen Rahmens, unserer geschäftlichen Büros, unseres hochmögenden Freundeskreises, unserer eleganten Kleidung dastehen. Ganz schlicht als Men schen. Und irgendwie ist es symbolisch, wenn wir den chromblitzenden Wagen für die Dauer unseres Aufenthaltes schlicht in die Tenne fahren.

Deshalb wollen wir uns anpassen, wenn wir einmal für einige Zeit die Ebene wechseln. Und nie vergessen, daß diese andere Ebene keineswegs niedriger ist[427] – hoch und niedrig sind absolut relativ –, sondern nur eben anders. Und es fällt uns keine Perle aus der Krone, wenn wir dort eine Zeitlang einfach leben. Wir tun es freiwillig, und es wird uns nicht schaden, wenn wir wirklich so sind, wie wir sein sollten – natürlich. Andernfalls würden jene, bei denen wir uns erholen wollen, keineswegs in Ehrfurcht erstarren, sondern lächeln. Und mit Recht!


Camping – das moderne Wandern. Man sollte meinen, daß sich modernes Zeltwandern nicht mit der Etikette vertrüge. Will man nicht gerade allen Fesseln entfliehen, wenn man in ungeduldiger Vorfreude auf ferne Gegenden oder gar ferne Länder einpackt, was man für diese jetzt wieder modern gewordene Art naturverbundenen Reisens und Wanderns benötigt?

Nebenbei gesagt ist es eine ganze Menge: Zelt, Luftmatratze, Zelttisch, Klappstühle oder Sessel, Benzin- oder Spirituskocher, Topfgarnitur, Teller und Bestecke, Trinkbecher, Kaffeeflasche, Wasserbehälter, Vorratskasten, Frischhaltebeutel, Zeltlaterne, Holz- oder Gummihammer, Reinigungsgerät, Kleiderbügel, Zeltspaten, Schlafsäcke oder Decken. In dieser Aufzählung fehlen natürlich noch all jene Sachen, die anspruchsvolle Zeltwanderer für selbstverständlich halten – von Salzstreuer, Eierbecher und Teesieb über Zitronenpresse, Kaffeeservice und Kompottschale bis zur elektrischen Zeltbeleuchtung, der Auto-Kühlbox und dem aufblasbaren Campingboot.

Nun, man kann zwar viele Fesseln abstreifen, sobald man sich mit Auto, Motorrad oder Fahrrad auf Campingfahrt begibt. Wir lassen zu Hause die mahnende Uhr, das störende Telefon, die bedrückende Hast des Alltags. Aber das gute Benehmen führen wir auch hier mit uns. Wir empfinden es ja ohnehin nicht als Fessel.

Wir werden nämlich bald merken, daß andere, und zwar viele Tausend, den gleichen Wunsch wie wir haben: »Am Busen der Natur« neue Kräfte für den Alltag zu sammeln und sich so recht in Licht, Luft und Sonne zu baden. Nachts hinter der Zeltwand das Murmeln eines Baches oder das gleichmäßige Rauschen der Wellen eines Meeres zu hören. Morgens selig schlaftrunken dem ersten Vogellied zu lauschen. Beim ersten Sonnenstrahl barfuß durch taufrisches Gras zu laufen. Keinen Schlips tragen zu müssen. Sich selbst ein Hühnchen am Spieß zu braten und dann aus der Hand zu verzehren – solche und ähnliche Freiheiten sind hier gestattet –, statt sich à la carte ein Kalbsmedaillon auf Reis zu bestellen.

Leider haben die Übervölkerung unseres Globus einerseits und die Achtlosigkeit eines großen Teils der Menschheit andererseits dazu gezwungen, dieses »Zurück zur Natur« – freilich in etwas anderem Sinne, als es dem Philosophen Rousseau vorgeschwebt hat – in


F. Die Kunst zu reisen

[428] gesunde Bahnen zu lenken. Und wer einst, als eine Campingreise noch Zeltfahrt hieß, nach Gutdünken durch die Lande wanderte, ohne sich an bestimmte Routen zu halten, tut das heute auf ganz bestimmten Pfaden, die sich quer durch Europa ziehen. Einerseits ist das zwar ein Nachteil, denn es läßt auf Organisation schließen, der wir ja entfliehen wollen. Andererseits hat es seine Vorzüge, da es den Naturgenuß ermöglicht, ohne zum Verzicht auf moderne zivilisatorische Errungenschaften zu zwingen.

Wir sprachen von der Achtlosigkeit der Menschheit.

Da gibt es irgendwo wunderschöne einsame Plätze, auf denen der Mensch sich vom Alltag erholen, sich auf sich selbst besinnen und Schönheiten genießen kann. Und er tut es auch – auf seine Weise. Nur – wenn er seine Zelte abbricht, künden Papierreste und Eierschalen, Konservenbüchsen und Glasscherben, geknickte Blumen und abgebrannte Lagerfeuer von seiner Art des Naturgenusses. Was vor [429] ihm ein Kleinod war, ist nach seinem Besuch aller Jungfräulichkeit, aller unberührten Schönheit beraubt. Und der nächste, der dorthin kommt, sieht zunächst einmal, daß ein herrliches Fleckchen Erde von gefühlloser Hand verschandelt wurde. Und er fragt sich mit einer leisen Wehmut, ob denn die Natur nicht für alle da sei. Ob denn jeder der gar nicht mehr so zahlreichen einsamen Plätze immer nur einmal besucht werden könne, um dann für lange Zeit seiner ursprünglichen Schönheit beraubt zu bleiben.

Wenn jeder, der auf Zeltwanderfahrt geht, daran dächte, daß nach ihm vielleicht noch andere kommen – mit dem gleichen Anspruch auf Erholung, dem gleichen Recht auf Genuß der unberührten Natur –, dann hätte man das Camping nicht zu organisieren brauchen. Leider aber lassen viele Menschen bei ihren Wanderfahrten dieser Art alles, aber auch alles zu Hause, was sie im täglichen Leben ihrer Umwelt an Rücksicht entgegenbringen würden.

Deshalb ist es ganz gut, daß sich Naturfreunde fanden, die die Campingbewegung in ihrer modernen Form ins Leben riefen. Sie ist frei von Zwang, aber sie veranlaßt doch alle diejenigen, die in ihr zusammengeschlossen sind, sich gewissen Regeln zu unterwerfen, deren Achtung wir einander schuldig sind.

Die Gemeinde derer, die Zelt oder Wohnanhänger dem modernsten Hotel vorziehen, ist riesengroß, und sie wächst von Jahr zu Jahr. Der europäische Spitzenverband ist die »Fédération Internationale de Camping et Caravanning, Paris«. Ihr ist in Deutschland der »Deutsche Camping-Club« (DCC) angeschlossen, der 16 Landesgruppen zählt. Der ausgezeichneten Arbeit dieses Verbandes ist es zu danken, wenn Naturfreunde heute in fast allen europäischen Ländern DCC-Campingplätze vorfinden, die in glücklicher Synthese zwischen freier Natur und moderner Zivilisation Wanderungen und Erholung ermöglichen und sich wohltuend vom zuweilen beängstigenden, zuweilen beengenden Komfort luxuriöser Reiseziele unterscheiden, ohne deshalb primitiv zu sein.

Die überaus meisten Zeltplätze des europäischen Kontinents liegen inmitten der Natur und bieten doch Bequemlichkeiten, auf die der moderne Mensch nicht mehr verzichten möchte. Da gibt es Parkplätze und besondere Abstellplätze für solche, die im Wohnwagen reisen. Da gibt es selbstverständlich keimfreies Trinkwasser. Da findet man sämtliche sanitären Anlagen – vom WC bis zu Dusch- und Baderäumen. Da fehlen weder elektrisches Licht noch Einkaufsgelegenheiten. Andererseits aber kann man auch auf dem eigenen, offenen Feuer kochen. Manchmal ist sogar ein Postamt in der Nähe, und auf ganz modernen Plätzen kann man sein Fahrzeug betreuen lassen. Und überall ist Platz für erholsame Spiele wie Federball und Tischtennis.

Ist es angesichts dieser zum Teil supermodernen Ausstattung ein Wunder, daß sich immer mehr Leute entschließen, Ferien einmal so zu machen, statt in bewährter [430] Manier in einen modernen Kurort oder ein abgelegenes Gebirgsdorf zu fahren? Gerade aber weil sich diese Art des Wanderns in immer breiteren Kreisen durchsetzte, ist es nötig, daß man sich rechtzeitig vornimmt, auch hier trotz der Naturverbundenheit gewisse Gesetze der Rücksichtnahme nicht außer acht zu lassen.

Nach den Erfahrungen, die alte Zeltler und routinierte Campinghasen auf zahlreichen Fahrten gesammelt haben, mögen auch in diesem Rahmen einige Bitten ausgesprochen sein, deren Befolgung jedem Campingfreund zugute kommt und die Gefahr mindert, daß diese so reizvolle Art des Wanderns eines Tages infolge ihrer Vermassung reizlos wird.

Da wäre zunächst die DCC-Zeltplatz-Ordnung:

Sie umfaßt zwölf Punkte, deren jeder eigentlich selbstverständlich ist und zur Harmonie auf den Campingplätzen beiträgt, ohne in irgendeiner Form einen Zwang darzustellen.

1. Sportliches, kameradschaftliches und rücksichtsvolles Verhalten sowie die Beachtung von Ordnung und peinlicher Sauberkeit sind selbstverständliche Pflichten aller Zeltplatzbenutzer.

2. Bei Ankunft meldet sich der Zeltreisende sofort beim Platzwart an, wobei er einen Personalausweis abgibt und seine Gebühr entrichtet. Beim endgültigen Verlassen des Platzes meldet er sich ab. Statt des Personalausweises kann ein angemessener Geldbetrag als Sicherheit eingefordert werden.

3. Den Weisungen des Platzwartes ist unter allen Umständen Folge zu leisten.

4. An Wochentagen hat ab 22 Uhr, an Samstagen und Sonntagen ab 23 Uhr völlige Ruhe auf dem Zeltplatz zu herrschen.

5. Das Umgrenzen der Zelte mit Gräben ist verboten.

6. Der Lagerplatz ist von seinem Benutzer vor der Abreise in Ordnung zu bringen, andernfalls kann der Platzwart die Herausgabe des Personalausweises versagen.

7. Eine Haftung für Unfälle oder abhanden gekommenes oder beschädigtes Eigentum von seiten der Lagerverwaltung besteht nicht.

8. Der Zeltplatz darf von Zeltgästen, die ihre Anmeldung ordnungsgemäß vollzogen haben, betreten werden. Tagesgäste oder Besucher haben sich beim Zeltplatzwart zu melden, bevor sie den Platz betreten.

9. Der Zeltplatz soll nur in entsprechender, schicklicher Bekleidung verlassen werden (Badeanzug allein genügt nicht).

[431] 10. a) Radfahren auf den Zeltplätzen ist streng untersagt. Die Fahrräder sind an einem besonders bezeichneten Abstellplatz unterzubringen.

b) Bewegungsspiele und besonders Ballspiele sind nur auf einem hierfür bebestimmten Platzteil statthaft.

c) Offenes Feuer ist nur an einer hierfür bezeichneten Kochstelle zulässig.

11. Gebühren: Der Zeltplatz ist berechtigt, Gebühren zu erheben. Er setzt diese unter Berücksichtigung der vom DCC gegebenen Richtpreise fest.

12. Verstöße gegen die Zeltplatzordnung oder gegen gegebene Anweisungen durch den Zeltplatzwart haben sofortigen Platzverweis zur Folge. Verstöße gegen Ruhe, Ordnung und Sicherheit können eine Strafanzeige nach § 366 StGB nach sich ziehen.

Gewiß, es ist eine in ihrer Diktion typisch deutsche Verordnung – bar jeden Charmes. Aber man darf feststellen, daß keines der Ge- und Verbote unsere Freiheit in nennenswerter Weise beschneidet. Und wenn ein jeder von uns soviel natürlichen Sinn für Anstand, Kameradschaftlichkeit, Entgegenkommen, sportliche Fairneß und Rücksichtnahme aufbringt, wie er ihn von den anderen erwartet, wird uns die Natur all ihre Schönheiten offenbaren, ohne daß es uns auch nur einen Augenblick lang stört, wenn sich außer uns noch einhundert andere Urlauber ihrer erfreuen.

Außer der paraphierten Ordnung gibt es aber noch ein paar Punkte, die wir gern beherzigen wollen, weil wir anderen für gleiche Rücksicht dankbar sind: Wir treffen vor Eintritt der Dunkelheit auf dem Zeltplatz ein. Warum sollten wir zu nachtschlafender Zeit die gemütliche Ruhe anderer durch Aufbauarbeiten stören? Entsprechende zeitliche Dispositionen sind auf jeder Erholungsreise möglich!

Da ein Campingplatz keine Rennbahn ist, fahren wir im Schritt. Und die Hupe existiert nicht!

Wenn wir uns auf Campingfahrt begeben, ist unsere Zeltausrüstung sauber und sportgerecht, unser Fahrzeug gepflegt – wir selbst sind dem Charakter der Fahrt entsprechend sportlich angezogen.

Wäsche trocknen wir auf dem hierfür vorgesehenen Trockenplatz. Auch die hauchigsten Pariser Dessous sind kein geeigneter Wimpelschmuck. Wir zeigen uns den anderen gegenüber grundsätzlich nicht in Unterbekleidung. Weiblichkeit in knappen Unterkleidern ist ebenso fehl am Platze wie jener Mann, den ich morgens um sechs Uhr unrasiert mit wirren Haaren und langen Unterhosen gähnend aus seinem Zelt treten und nach dem Wetter Ausschau halten sah.

[432] Auf dem Wege zum Waschraum trägt man Bademantel oder Trainingsanzug. Wer im Auto schläft, bringt innen Vorhänge an, was sich mittels kleiner Saughalter leicht bewerkstelligen läßt.

Zu anderen sind wir so freundlich und hilfsbereit, als seien wir eine große Familie, die sich bestens versteht.

Da unsere Kinder an diesem romantischen Leben viel Freude haben werden, achten wir darauf, daß andere durch ihren verständlichen Übermut nicht belästigt werden.

Im übrigen: Sauberkeit und nochmals Sauberkeit! Wir verlassen unseren Zeltplatz grundsätzlich so, wie wir selbst ihn vorzufinden wünschen.

Wer sich an diese Punkte hält, wird bald bemerken, daß Camping eine sehr heitere, erholsame Angelegenheit sein kann, wenn sich jeder dazu entschließt zu berücksichtigen, daß außer ihm noch andere Erholung suchen.


Abschließend dürfen wir vielleicht noch jenen ein paar Ratschläge geben, die absolute Ruhe haben wollen und daher nicht Campingplätze aufsuchen, sondern irgendwo allein bleiben:

1. An manchen schönen Stellen, die zum Zelten einladen, stehen Schilder mit der Aufschrift »Zelten verboten!«. An dieses Verbot wollen wir uns in jedem Falle halten. Zumeist handelt es sich um letzte Reste von Naturschutzgebieten, die in ihrer ganzen unberührten Schönheit erhalten bleiben sollen.

2. Wer sein Zelt irgendwo aufbauen will, sollte nach Möglichkeit den Grundstückseigentümer um Erlaubnis bitten. Wenn er das höflich tut und zugleich versichert, daß er nichts beschädigen und nichts verunreinigen werde, darf er in den meisten Fällen mit der Genehmigung rechnen. Eines muß er natürlich auch tun – seine Versprechungen halten!

3. Niemand wird Anlagen, Pflanzen, Zäune u.ä. beschädigen, sondern größtmögliche Sorgfalt gegenüber fremdem Eigentum walten lassen.

4. Der Takt gebietet, gegenüber fremdem Eigentum die Sitten der Bevölkerung zu achten.

5. Höflichkeit ist, wie überall, auch hier der Schlüssel, der Herzen und Häuser anderer öffnet.

6. Lärmen ist kein Zeichen von Fröhlichkeit! Freuen kann man sich auch, ohne daß es andere stören muß.

7. Wer sein Zeltlager neben anderen Zeltwanderern aufschlagen will, wird zuvor selbstverständlich fragen, ob er nicht stört. Vielleicht sind jene so einsamkeitsbedürftig, [433] daß sie allein bleiben möchten. Und vielleicht werden wir eines Tages ebenfalls dankbar sein, wenn andere uns fragen, ehe sie sich neben uns niederlassen.

8. Wir entfernen uns von unserem Lagerplatz nur in anständiger Bekleidung und verzichten auch in größter Hitze darauf, im Badeanzug oder Bikini im nächstgelegenen Dorf Einkäufe zu machen.

9. Vorsicht mit offenem Feuer! Seine Macht ist nur wohltätig, solange wir es bewachen. Das wußte schon Schiller, der nie in seinem Leben gezeltet hat.

10. Holz – wir brauchen ohnehin nicht viel – sammeln wir. Keinesfalls besorgen wir es uns mittels einer Axt. Erstens ist das Schlagen von Bäumen strafbarer Holzfrevel, zweitens brennt grünes Holz nicht. Und Zäune sind ebenfalls tabu!

11. Bevor wir uns schlafen legen oder das Zelt abbrechen, löschen wir das Feuer nicht nur sorgfältig, sondern beseitigen auch die Spuren der Feuerstelle.

12. Abfälle, Papier, Konservenbüchsen, Glasscherben und ähnliche unerfreuliche und gefährliche Dinge werden sorgfältig und genügend tief vergraben, so daß sie niemand das Auge oder den Fuß verletzen können.

13. Menschliches wird dezent, hygienisch und mittels Spaten vergraben.

14. Zum Abschied danken wir dem Besitzer des Geländes, der uns ein paar schöne Stunden oder Tage ermöglichte. Er wird sich angenehm berührt fühlen und finden, daß Zeltler durchaus keine Landstreicher zu sein brauchen, sondern sehr gute Manieren haben können.


Und nun, liebe Camping-Freunde, viel Vergnügen, glückliche Reise, schönes Wetter und gute Erholung!

In Deutschland von Allensbach am Bodensee bis zur »Solitude« an der Flensburger Förde.

In Belgien von Bredene bei Ostende bis Remouschamps bei Spa.

In Frankreich von Saint Jean de Luz am Atlantik bis Sète am Mittelmeer.

In Italien von Abbazia di Piona am Lago di Como bis Sciacca, der Hafenstadt auf Sizilien.

In Österreich von Bischofshofen an der Salzach bis Zell am See.

In der Schweiz von Horgen am Züricher See bis Genf am Lac Leman oder Locarno im Tessin am Lago Maggiore.

In Spanien von Algeciras bei Gibraltar – wo man im Hof des Straßenwärterhauses [434] sein Wasser aus einem Ziehbrunnen holt – bis Sardinero bei Santander am Golf von Biskaya.

Und wem diese »klassischen« Länder noch nicht genügen, der kann ebensogut nach Dänemark oder Finnland, Großbritannien oder Nordirland, Jugoslawien oder Luxemburg, den Niederlanden oder Norwegen, nach Portugal oder Schweden reisen. Denn auch diese Länder haben bereits mit der systematischen Unterstützung des Camping-Wanderns begonnen.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 410-435.
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