§. [97] 46.

Es würden sich sehr viele Beispiele von Krankheiten anführen lassen, die im Laufe der Natur durch Krankheiten von ähnlichen Symptomen homöopathisch geheilt wurden, wenn wir uns nicht einzig an jene wenigen, sich stets gleichbleibenden, aus einem feststehenden Miasm entspringenden und daher eines bestimmten Namens werthen Krankheiten halten müßten, um von etwas Bestimmtem und Unzweifelhaftem reden zu können.

Unter ihnen ragt die, wegen der großen Zahl ihrer heftigen Symptome so berüchtigte Menschenpocken-Krankheit hervor, welche schon zahlreiche Uebel mit ähnlichen Symptomen aufgehoben und geheilt hat.

Wie allgemein sind nicht die heftigen, bis zur Erblindung steigenden Augenentzündungen bei der Menschenpocke, und siehe! eingeimpft heilte diese eine langwierige Augenentzündung vollständig und auf immer bei Dezoteux42 und eine andere bei Leroy43.[97]

Eine, von unterdrücktem Kopfgrinde entstandene, zweijährige Blindheit, wich ihr nach Klein44, gänzlich.

Wie oft erzeugte die Menschenblatter-Krankheit nicht Taubhörigkeit und Schweräthmigkeit! und beide langwierige Uebel hob sie, als sie zu ihrer größten Höhe gestiegen war, wie J. Fr. Closs45 beobachtete. Hodengeschwulst, auch sehr heftige, ist ein häufiges Symptom der Menschenpocke und deßhalb konnte sie, durch Aehnlichkeit eine von Quetschung entstandene große, harte Geschwulst des linken Hodens heilen, wie Klein46 beobachtete. Und eine ähnliche Hodengeschwulst ward von ihr unter den Augen eines andern Beobachters47 geheilt.

So gehört auch unter die beschwerlichen Zufälle der Menschenpocke, ein ruhrartiger Stuhlgang und sie besiegte daher als ähnliche Krankheitspotenz eine Ruhr nach Fr. Wendt's48 Beobachtung.

Die zu Kuhpocken kommende Menschenpocken-Krankheit hebt wie bekannt, eben sowohl ihrer größern Stärke, als ihrer großen Aehnlichkeit wegen, erstere sogleich gänzlich (homöopathisch) auf und läßt sie nicht zur Vollendung kommen; doch wird hinwiederum, durch die ihrer Reife schon nahe gekommene Kuhpocke, ihrer großen Aehnlichkeit wegen, die darauf ausbrechende Menschenpocke (homöopathisch) wenigstens um vieles gemindert und gutartiger49 gemacht, wie Mühry50 und viele Andre bezeugen.[98]

Die eingeimpfte Kuhpocke, deren Lymphe, außer Schutzpockenstoff, auch noch den Zunder zu einem allgemeinen Hautausschlage andrer Natur enthält, welcher aus selten größern, eiternden, gewöhnlich kleinen, trocknen, auf rothen Fleckchen sitzenden, spitzigen Blüthen (pimples) besteht; oft mit untermischten, rothen, runden Hautfleckchen, nicht selten von dem heftigsten Jucken begleitet, welcher Ausschlag bei nicht wenigen Kindern auch wirklich mehre Tage vor, öfterer jedoch nach dem rothen Hofe der Kuhpocke erscheint und, mit Hinterlassung kleiner, rother, harter Hautfleckchen, in ein paar Tagen vergeht; – die geimpfte Kuhpocke, sage ich, heilt durch Aehnlichkeit dieses Neben-Miasms ähnliche, oft sehr alte und beschwerliche Hautausschläge der Kinder, nachdem die Kuhpockenimpfung bei ihnen gehaftet hat, homöopathisch vollkommen und dauerhaft, wie eine Menge Beobachter51 bezeugen.

Die Kuhpocken, deren eigenthümliches Symptom es ist, Armgeschwulst52 zu verursachen, heilten nach ihrem Ausbruche, einen geschwollenen, halb gelähmten Arm53.[99]

Das Fieber bei der Kuhpocke, welches sich zur Zeit der Entstehung des rothen Hof's einfindet, heilte (homöopathisch) ein Wechselfieber bei zwei Personen, wie Hardege der jüngere54 berichtet, zur Bestätigung dessen, was schon J. Hunter55 bemerkt hatte, daß nicht zwei Fieber (ähnliche Krankheiten) in einem Körper zugleich bestehen können. –

In Fieber und in Hustenbeschaffenheit haben die Masern viel Aehnlichkeit mit dem Keichhusten und deßhalb sah Bosquillon56, daß bei einer Epidemie, wo beide herrschten, viele Kinder, welche die Masern bereits überstanden hatten, vom Keichhusten frei blieben. Sie würden alle und auch in der Folge, vom Keichhusten frei und durch die Masern unansteckbar geworden sein, wenn der Keichhusten nicht eine, den Masern nur zum Theil ähnliche Krankheit wäre, das ist, wenn er auch einen ähnlichen Hautausschlag, wie die letztern bei sich führte. So aber konnten die Masern nur Viele, und nur in der gegenwärtigen Epidemie von Keichhusten, frei erhalten.

Wenn aber die Masern eine, im Ausschlage, ihrem Hauptsymptome, ähnliche Krankheit vor sich haben, können sie dieselbe ohne Widerrede aufheben und homöopathisch heilen. So ward eine langwierige Flechte, durch den Ausbruch der Masern, sogleich gänzlich und dauerhaft (homöopathisch) geheilt57, wie Kortum58 beobachtete. Ein äußerst brennender, sechsjähriger frieselartiger Ausschlag im Gesichte, am Halse und an den Armen, von jedem Wetter-Wechsel erneuert, ward von[100] hinzu kommenden Masern zu einer aufgeschwollenen Haut-Fläche; nach dem Verlauf der Masern war das Friesel geheilt und kam nicht wieder59.


42

Traité de l'inoculation, S. 189.

43

Heilkunde für Mütter, S. 384.

44

Interpres clinicus, S. 293.

45

Neue Heilart der Kinderpocken, Ulm 1769. S. 68. und specim. Obs. No. 18.

46

Ebendaselbst.

47

Nov. Act. Nat. Cur. Vol. I. Obs. 22.

48

Nachricht von dem Krankeninstitut zu Erlangen, 1783.

49

Dieß scheint der Grund des so wohlthätigen, merkwürdigen Ereignisses zu sein, daß, seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpockenimpfung, die Menschenpocken nie wieder unter uns weder so epidemisch, noch so bösartig erscheinen, wie vor 40–50 Jahren, wo eine davon ergriffene Stadt, wenigstens die Hälfte und oft drei Viertel ihrer Kinder durch den jämmerlichsten Pest-Tod, verlor.

50

Bei Robert Willan, über die Kuhpockenimpfung.

51

Vorzüglich Clavier, Hurel und Desormeaux, im Bulletin des sc. médicales, publié par les membres du comité central de la soc. de médecine du département de l'Eure, 1808. So auch im Journal de Médecine continué, Vol. XV. S. 206.

52

Balhorn, in Hufeland's Journal. X. II.

53

Stevenson in Duncans Annals of medicine, Lustr. II. Vol. I. Abth. 2. No. 9.

54

In Hufeland's Journ. der pr. Arzneik. XXIII.

55

Ueber die vener. Krankheit. S. 4.

56

Elements de médec. prat. de M. Cullen, traduits P. II. I. 3. Ch. 7.

57

Oder wenigstens dieß Symptom hinweggenommen.

58

In Hufeland's Journal XX. III. S. 50.

59

Rau, über d. Werth des homöop. Heilverfahrens, Heidelb. 1824. S. 85.

Quelle:
Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Auflage, Ulm 1958, S. 97-101.
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