XIV. Ankunft und Leben in Wien (1807).

[169] Den neuen Minister der auswärtigen Geschäfte Grafen Philipp Stadion hatte ich einmal, als ich von London nach Wien zurückgekehrt war und mit meinem Freund, dem Grafen Harrach, durch die Gassen schlenderte, begegnet, war ihm vorgestellt worden und hatte einige Minuten mit ihm gesprochen. Ich wurde von ihm mit aller Humanität, die die Grundlage seines Charakters war, empfangen, und meinen Worten über die Grundlosigkeit der russischen Verleumdungen schenkte er vollen Glauben.

Er meinte allerdings, ich habe mich im Diwan allzu hitzig benommen und für den Augenblick sei es besser, ich bleibe in Wien. Ich bot mich an, meinen unerbetenen Urlaub zur Verfassung eines Memoirs zu verwenden, in dem ich die während meines Aufenthaltes in Konstantinopel und Jassy gesammelten diplomatischen Erfahrungen niederlegen dürfe. Graf Stadion war damit sehr einverstanden und ich schrieb[169] während des nächsten Monates ein französisches Memoire, welches in sieben Abschnitten von dem ›System der Pforte‹, der ›Persönlichkeit der Pforte-Minister‹, den ›Konsulaten‹, von der ›Post, den Kurieren, den Dolmetschen‹, den ›Schiffsfermanen‹ und der ›Familie Murusi‹ handelte.

Nach meiner Aufwartung beim Minister begab ich mich zum Staatsrat Hudelist, den ich bisher nur dem Namen nach kannte. Er war der Nachfolger des mir wohlgesinnten Freiherrn von Collenbach, der inzwischen gestorben war. Wie und wodurch Hudelist zur Stelle des die Staatskanzlei leitenden Staatsrates kam, ist mir noch heute rätselhaft. Er war in Kärnten geboren und hatte seine Laufbahn zuerst als Kellermeister, dann als Privatsekretär bei Kardinal Graf Hrzan in Rom begonnen. Dann war er Gesandtschaftssekretär in Neapel, später in Petersburg, wo er sich vielleicht dem Grafen Stadion durch Fleiß und Sitzfleisch empfohlen hatte. Sein Äußeres war nicht empfehlend, er schielte fürchterlich und hatte eine venerisch zerfressene Nase. Hormayr wurde wegen der Schilderung, die er in seinen Lebensbildern von Hudelist entwarf, des Hasses beschuldigt, aber das Porträt ist sehr getreu. Hudelist war einer der bösartigsten Menschen, die ich je gekannt, sein ganzes Talent war genaue Kenntnis des Kanzleiwesens und einiger Sprachen. Er hatte Macchiavell gelesen und betete ihn als das Ideal aller Politik an. Er hat mir nach dem alten Stürmer am meisten in meiner Laufbahn geschadet.

Das Folgende genügt, um seinen Charakter und sein Wesen mit kurzen Strichen zu umreißen. Ich war bereits vier Monate in Wien, war jede Woche einige Male in die Staatskanzlei gekommen, hatte auch mehrmals bei Hudelist gespeist, er hätte mich also genug kennen können und hätte nicht zu besonderer Überwachung meiner Besuche und zu noch empfindlicheren Mitteln der geheimen Polizei seine Zuflucht zu nehmen nötig gehabt. Ich ahnte nichts dergleichen und erfuhr davon auf höchst sonderbare Weise.

Eines Abends war ich im Theater in der Leopoldstadt auf einem Sperrsitz am Ende der obersten Reihe, als ich etwas an meiner Seitentasche fühlte. Ich griff hin und fand, daß meine große Brieftasche mir fehlte. Sie mußte mir soeben[170] aus der Tasche gezogen worden sein. Ich rief nach dem Polizeikommissär, der aber nicht zu finden war und mußte mich also ruhig mit dem Diebstahl abfinden.

Über die Abwesenheit des Kommissärs entrüstet, ging ich am nächsten Morgen zu Hudelist und beschwerte mich.

Er sagte mir zuerst höhnische Worte über die Unvorsichtigkeit, eine Brieftasche in der Seitentasche statt in der Brusttasche zu tragen, endlich sagte er: ›Sie können gar nicht wissen, ob der Polizeikommissär nicht zu einem anderen Zweck abwesend war.‹ ›Dann hätte seinen Dienst im Theater ein anderer übernehmen müssen‹, sagte ich. ›Vielleicht‹, antwortete er, ›war er im Theater und hatte Grund, sich nicht zu zeigen.‹

›Er wird mir doch die Brieftasche nicht selbst gestohlen haben oder durch einen Vertrauten haben stehlen lassen?‹ Hudelist zuckte nur die Achseln. ›Dann hat er es auf Ihren Befehl getan, Herr Staatsrat, und ich wende mich an Sie mit der Bitte, mir Briefe und Geld zurückzugeben‹, sagte ich. Ohne ein Wort zu sagen, holte er aus seinem Kabinett die Brieftasche und gab sie mir mit den Worten: ›Nehmen Sie dies als Lektion für die Zukunft.‹ Die Briefe waren alle vorhanden, aber fünfzig Gulden fehlten. Ich ersuchte darum. Hudelist antwortete, davon wisse er nichts, er habe die Tasche so, wie er sie mir gab, vom Polizeikommissär erhalten.

›Wenn mein Geld‹, sagte ich, ›die Belohnung des Vertrauten für den Diebstahl war, so hat er es schlecht verdient, indem er so ungeschickt zu Werke ging, daß ich es sogleich bemerkte. Aber lassen wir das. Wodurch habe ich, Herr Staatsrat, solches Mißtrauen verdient? Da meine Briefe nach Jassy und Konstantinopel durch die Staatskanzlei gehen, kennen Sie durch das Chiffrenkabinett ihren Inhalt.‹

›Sie erhalten‹, antwortete er mir, ›auch Briefe durch fremde Kuriere.‹

›Nur durch solche aus England von alten Freunden und Bekannten‹, sagte ich und kam nochmals auf das Kränkende dieses unverdienten Mißtrauens zurück. Hudelist setzte mir auseinander: der Staat und besonders die Staatskanzlei müsse ihre Beamten und deren Verbindungen genau[171] kennen und alle Mittel, welche die Polizei dazu an die Hand gebe, anwenden. Er habe zwar nichts gefunden, was mir zur Last gelegt werden könne, er warne mich aber vor zu häufiger Korrespondenz mit Ministern und fremden Diplomaten, da mein Briefwechsel mit Reinhard mir bereits die verdiente Rüge in der noch in Jassy erhaltenen Depesche zugezogen habe.

Ich mußte dieses unwürdige Verfahren hinnehmen, da es von meinem direkten Vorgesetzten eingeleitet war. Die Geheime Polizei der Staatskanzlei lag damals ganz in den Händen des Staatsrates. Er wollte mir durch diesen Machtstreich Furcht und Scheu einflößen. Daß er diesen Diebstahl veranlaßte und daß er sich dazu offen bekannte, zeigte, wie wenig er dazu geeignet war.

Eine Beschwerde beim Minister Grafen Stadion unterließ ich, weil ich mir den Kanzleidespoten nicht zum unversöhnlichen und gefährlichen Feind und Gegner machen wollte. Falls ich nicht nach Jassy zurückkehrte, konnte ich nur hoffen, in die Staatskanzlei befohlen zu werden; ich konnte also nur die Lehre ziehen, mit meiner Brieftasche sehr vorsichtig zu sein.

Das Doppelgestirn meiner literarischen Freunde Böttiger und de Sacy blieb mit mir bis zum Tode in treuer Korrespondenz. Seit Reinhards Abreise aus Jassy schrieben wir uns, ich hatte ihm durch einen englischen Kurier den Grund meiner Abberufung ausführlich mitgeteilt. Seit ich aber auf keinem politischen Posten mehr war und er auf seiner Durchreise durch Paris Napoleon so schmählich gehuldigt hatte, stockte unsere Korrespondenz. An ihre Stelle trat die mit dem Grafen von Saurau, mit dem ich meistens durch Reisende Schreiben wechselte.

Graf Saurau war eine Zierde der Steiermark, der letzte große Erbmarschall dieses Landes, der vorletzte seines alten Geschlechtes, das mit seinem Neffen Zeno ausstarb. Er war ein großes politisches Talent, sehr ästhetisch gebildet und hatte schon in frühester Jugend den Weg zu den höchsten Staatsämtern durchlaufen. Zuerst war er Regierungspräsident, dann Polizei- und Finanzminister, hierauf Botschafter in Rußland, dann Statthalter in Steiermark. Später wurde[172] er Statthalter in der Lombardei, kam dann auf den höchsten Posten der Staatsverwaltung, auf den des Obersten Kanzlers, und wurde als solcher ein Gegner Metternichs, der die oberste Regierungsbehörde Italiens gerne, wie einst unter Maria Theresia, mit der Staatskanzlei vereinigt und seiner unmittelbaren Leitung unterworfen hätte. Saurau verhinderte dies. Saurau hätte den Posten des Obersten Kanzlers mit dem weder vorher noch nachher gebräuchlichen Zusatz des Titels ›Minister des Inneren‹ nie ohne Metternichs Zustimmung erhalten. Er erlangte ihn wohl dadurch, daß er die glatte Seite herauskehrte und die Hoffnung gewährte, daß der Fürst in dem neuen Minister des Innern ein williges Werkzeug haben werde.

Metternich fand sich in dieser Erwartung getäuscht, Saurau widersetzte sich nicht nur der Vereinigung der lombardischen Geschäfte mit der Staatskanzlei, sondern als freisinnig denkender Mann auch dem die Jesuiten begünstigendem Obskurantismus Metternichs. Dieser verzieh dem Obersten Kanzler nie, daß er ihn überlistet hatte und bot alle seine immer wachsende Macht auf, Saurau beim Kaiser in Mißkredit zu bringen und zu stürzen. Dies war nicht leicht, weil Saurau dem Kaiser sehr ergeben war und für einen persönlichen, vertrauten Freund des Kaisers galt.

Mit größerem Rechte nahm allerdings zur Zeit meiner Rückkehr aus Jassy diesen Freundestitel Graf Sickingen in Anspruch. Wirkliche Freundschaft aber hatte Kaiser Franz wohl in seinem ganzen Leben für niemanden, alle seine Gefühle waren von kalt berechnender, sich meisterhaft verstellender Regierungskunst beherrscht, der es aber an der Grundlage eines festen und selbständigen Charakters fehlte. Er glaubte zwischen seinen Ministern das Gleichgewicht der Macht zu erhalten, indem er einen gegen den anderen ausspielte, zuletzt war er aber doch nur ihr Spielball und gegen Ende seiner Regierung ein Werkzeug in Metternichs Hand.

Metternich kannte des Kaisers Scheu vor allem, was nur von ferne freisinnigen Ideen günstig schien, und so war es ihm nicht schwer, den Grafen Saurau, dessen Name sogar auf den Listen der Illuminaten stand, als Stütze des Liberalismus zu verdächtigen. Und so wurde Saurau nach fünfzig[173] Dienstjahren in höchsten Stellungen mit dem Stephansorden in Brillanten in aller Ehre und Gnade seiner Stellung enthoben, und da er trotzdem noch weiter dienen wollte, als Gastbotschafter am Familienhofe zu Florenz zur Ruhe gesetzt. Er besaß nicht Geistesgröße genug, den Rest seines hohen Alters in ehrenvoller Muße zu verbringen, sondern zog es vor, in Florenz als der Untergebene seines Feindes weiterzudienen und diesem gerade dadurch einen vollständigen Triumph zu verschaffen.

Ich kannte den Grafen Saurau durch Carl Harrach hinlänglich, um seine Bekanntschaft nicht aus ehrgeizigen Absichten, sondern nur als die eines hochgestellten Landsmannes zu suchen und zu pflegen. Er war zudem der nächste Verwandte der Gräfin Saurau, deren Geschäfte mein Vater verwaltete. Saurau war in Graz Gouverneur, als ich von Jassy zurückkehrte. Schon von Jassy aus schrieb ich an ihn, und unser Briefwechsel wurde auch von Wien nach Graz fortgesetzt.

Meine Aufnahme in Wien war, von Hudelist abgesehen, weit besser, als ich nach den über die Diwan- Sache ausgestreuten Gerüchten erwartet hatte.

Seit geraumer Zeit lebte auch Baron Thugut in Wien und hatte täglich eine kleine Anzahl von Gästen zu Tisch; es waren zumeist ältere Herren, deren Sicherheit und Ergebenheit ihm bekannt war, wie der niederländische Hofrat Limpens, die Botschaftsräte Cachet und Kruthofer, der gelehrte Graf Ossolinski, der Kapitän Ferrari, der Börsenkommissär Weber, welcher die Geldgeschäfte des alten Herrn führte, und einer der größten Neuigkeitskrämer, der zugleich als Kundschafter im Sold der Polizei stand, der Graf Bentzel. Thugut zog mich oft zu dieser Tafel, an der zumeist über Politik und Theater gesprochen wurde; der Gastgeber freilich äußerte sich über Politik nie anders als mit satyrischem Lächeln. Er wußte ebensogut wie alle anderen, daß Graf Bentzel im Dienste der Polizei stand, aber gerade deshalb lud er ihn ein, um jedem unbegründeten Verdachte die Spitze zu nehmen. Bentzels Gegenwart reizte mich zu um so freierer Rede, und ich sprach über Dinge, weil ich wollte, daß die Polizei davon unterrichtet werde. Ebenso[174] schrieb ich keine anderen Briefe als solche, in denen ich meine Meinung so unverhohlen aussprach, wie ich sie Ministern nie ins Gesicht hätte sagen können, weil ich wußte, daß alle meine Briefe durch das Chiffrenkabinett gingen.

Thugut war der Sohn des oberösterreichischen Floßmeisters Tunicotto, der aus Welschtirol stammte und die Kaiserin Maria Theresia von Linz nach Wien gesteuert hatte. Von den Oberösterreichern war Tunicotto in Thunichtgut verballhornt worden. Als die Kaiserin dem Floßmeister die Aufnahme seines Sohnes in die eben errichtete Orientalische Akademie zusagte, bestimmte sie, daß er in Hinkunft nicht ›Thunichtgut‹, sonder ›Thugut‹ heißen sollte. Die Vorbedeutung dieses Namens ging in Erfüllung, denn Thugut hat zumeist gut getan. Gut getan als Internuntius, als er von den Türken Südserbien und die Bukowina herausnegotiierte, gut getan als Minister zu Warschau, in seiner geheimen Sendung zu Maria Antoinette nach Paris, wo er die Flucht des Königspaares vorbereitete, deren Mißlingen nicht seine Schuld war. Gut getan hat er als Nachfolger seines Chefs und Meisters, des Fürsten Kaunitz, im Ministerium der auswärtigen Geschäfte, als fester Steuermann österreichischer Politik im Sturm der französischen Revolution bis zum Siege Bonapartes bei Marengo und zu dem Frieden, der ihn aus dem Ministerium entfernte.

In manchen Dingen freilich tat er nicht gut. Als Sekretär der Staatskanzlei gab er dem Internuntius Brognard über die Unvorsichtigkeit, mit der sich dieser beim Auszuge des russischen Heeres in den russischen Krieg aus Neugierde öffentlicher Beschimpfung ausgesetzt, einen Verweis in so harten Ausdrücken, daß dieser darüber an gebrochenem Herzen starb und Thugut an seine Stelle kam. Er traute sich selbst, weil er in den Laufgräben von Belgrad gekämpft hatte, militärische Kenntnisse zu und warf, voll Mißtrauen gegen die großen Feldherrntalente Erzherzog Karls, diesem die Fußangeln des Hofkriegsrates unter die Füße. Nicht gut war seine Einseitigkeit und Abgeschiedenheit gegen seine Untergebenen in der Staatskanzlei. Depeschen von Residenten und Geschäftsträgern, von denen er annahm, daß sie nichts von Interesse enthielten, ließ er Monate lang uneröffnet,[175] bis der Stoß derselben umfiel und er sie einem Hofrat zur Durchsicht gab.

Vom Grafen Louis Cobenzl wurde ich freundlich empfangen und zu Tisch geladen. Wie wenig ihn, der so lange in Petersburg Botschafter war, das Benehmen der russischen Behörden gegen mich wunderte, bewies er mir dadurch, daß er mit mir zugleich den russischen Botschafter, den Fürsten Kurakin, geladen hatte. Wir kümmerten uns nicht umeinander.

Mit Carl Harrach speiste ich beim Staatsminister Grafen Zinzendorf und beim Fürsten Prosper Sinzendorf, dem Besitzer von Gföhl und der großen Herrschaft Ernstbrunn. Die Vorfahren des Fürsten waren erste Staatsmänner Österreichs gewesen, ihr einflußreichster war der Minister Kaiser Karl VI. Obwohl Kaunitz den Fürsten gerne für auswärtige Dienste verwendet hätte, zeigte dieser keine Lust zum Staatsdienst. Als Sinzendorf einmal bei einem Gespräche über politische Ereignisse sagte ›cela m'étonne‹, antwortete Fürst Kaunitz mit großem Ernst ›Rien ne m'étonne depuis que j'ai vu le soleil.‹ Die Tischgespräche beim Fürsten Sinzendorf bestanden zumeist aus solchen Anekdoten, er selbst war sehr witzig. Er traf seinen Freund Carl Harrach auf dem Graben, als dieser soeben seinen Doktor gemacht hatte und sprach mit ihm. Als er sich verabschiedet hatte und Harrach weiterging, rief er ihm nach ›Charles attends‹ (Charlatan).

Ein Gegenstück von ihm durch tiefen Ernst und große staatsmännische Kenntnisse war Graf Karl Zinzendorf, der Komtur des Deutschen Ordens in Österreich, als solcher unverheiratet, wie Sinzendorf und wie dieser der Letzte seines Namens. Er war rückwärts sehr verwachsen, ohne vorne schief zu sein und hatte die Eitelkeit, sich Personen, die ihn besuchten, immer in voller Ansicht, nie im Profil zu zeigen, noch weniger sich je von rückwärts sehen zu lassen, so daß ich lange brauchte, bis ich seines Buckels gewahr wurde. Er war ein vortrefflicher Staatsmann des Innern im Geist und Sinn Kaiser Josefs, der ihm seine persönliche Freundschaft schenkte und ihn zum Kammerpräsidenten machte. Er hatte verschiedenen Departements vorgestanden und war[176] jetzt wirklicher Staatsminister. Die Sammlung seiner statistischen und finanziellen Arbeiten, Memoiren, Reisetagebücher und Denkwürdigkeiten bildet einhunderzwei Foliobände. Sie kam nach seinem Tod in die Bibliothek des Staatsrates; ein Auszug aus ihr wäre das schönste Denkmal für diesen humanen und aufgeklärten Staatsmann.

Durch ihn kam ich auch in Berührung mit dem alten Grafen Sickingen, dem einzigen Mann, der je für den Freund des Kaisers Franz gegolten hat. Er hatte zu allen Stunden freien Eintritt in die Zimmer des Kaisers und der Kaiserin.

Regelmäßig zweimal des Tages sah er das Kaiserpaar, zum erstenmal unmittelbar nach dem Mittagmahle, wenn der Kaiser in die Glashäuser auf die Bastei ging, das zweitemal, wenn Sickingen fast regelmäßig dem Abendmahle beiwohnte und das Kaiserpaar unterhielt. Meist ging der Kaiser früher schlafen als die Kaiserin, die dritte Gemahlin, sie blieb noch länger sitzen und ließ sich von Sickingen Stadtneuigkeiten erzählen. Manchmal, wenn Sickingen sehr schläfrig war, ermattete das Gespräch. Eines Abends schlief er ein, die Kaiserin entfernte sich und befahl, ihn schlafen zu lassen. Als Sickingen in der Nacht erwachte, wußte er zuerst nicht, wo er war und mußte im Lehnstuhl den Anbruch des Tages abwarten. Graf Sickingen, der dies selbst erzählte, war ein uneigennütziger und edler Mensch und bedauerte, daß er trotz so nahen Umganges mit dem Kaiser so wenig nützen konnte. Er sagte oft, daß er viel sehen, aber nichts nützen könne, und dies war die reine Wahrheit. Er war ein vortrefflicher Mittelsmann, um den Kaiser von Dingen, die ihm kein Minister vorgetragen hätte, zu unterrichten. Sickingens Freundschaft für den Kaiser war ganz uneigennützig. Er schlug alle Posten ab, die ihm angetragen wurden, sogar das Goldene Vlies.

Bei Graf Purgstall traf ich ausgezeichnete Dichter und Literaten. Er hatte in Breitensee ein Landhaus gemietet, dort speiste ich bei ihm mit Freiherrn von Steigentesch, mit Seckendorff, Mathias von Collin, dem späteren Lehrer des Herzogs von Reichstadt, mit Graf Moritz Dietrichstein, dem nachmaligen Obersthofmeister der Kaiserin und Präfekten der Hofbibliothek.[177]

Dort lernte ich den französischen Botschafter Grafen Andreossy kennen. Die persönliche Bekanntschaft erhöhte meine vorgefaßte Meinung, die ich durch seine Arbeiten über Ägypten von ihm schon hatte. Er wußte den ausgezeichneten Charakter und die seltenen Kenntnisse der Gräfin Purgstall zu würdigen und bewies sich ihr, als nach Ausbruch des Krieges Graf Purgstall und Graf Goeß in französische Gefangenschaft gerieten, als tapferer Freund.

Erst nach einem Monat nach meiner Rückkehr von Jassy hielt ich es für rätlich, mich für einige Tage von Wien zu entfernen, um meinen Vater in Graz wiederzusehen. Nur drei Tage blieb ich bei ihm und besuchte dort auch seine drei Gönner, den Grafen von Saurau, die Gräfin Saurau, geborene Gräfin Schlick, und den Prälaten von Admont, Gotthard Kugelmayr. Er war ein aufgeklärter Mann und mit seiner Zeit fortgeschritten, sein Wohlleben gab aber keinem Prälaten des Mittelalters etwas nach. Graf Saurau war sein besonderer Freund und Gönner, er hatte dem Prälaten zu großen Geldvorschüssen für gemeinnützige Unternehmungen, besonders für den Bacserkanal, bewogen und ihm für seine Bereitwilligkeit, dem Staat zu dienen, die Würde eines Geheimen Rates verschafft. Durch verschwenderisches Leben und große Tafeln stürzte der Prälat das Stift in bedeutende Schulden, so daß nach seinem Tode die Aufhebung drohte. Der Nachfolger Benno Kreil hat es als Administrator durch siebenjährige weise Verwaltung und strenge Wirtschaft davor gerettet und sich damit die Würde des Abtes, die er jetzt bekleidet, wohl verdient.

Am 7. Oktober hatte ich eine lange Unterredung mit meinem Chef, dem Grafen Stadion, welche über meine Beschäftigung und meinen Aufenthalt für die nächsten sechs Monate entschied. Da mir eine Wohnung von Michaeli bis Georgi angeboten war, fragte ich, ob ich dieselbe, wenn sich meine Rückkehr nach Jassy noch länger verzögern sollte, nehmen dürfte. Ich bat um Erlaubnis, die Staatskanzlei regelmäßig besuchen und dort alle türkischen Akten vom Beginne der ersten diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Pforte bis zum Frieden von Sistowa lesen zu dürfen. Dies hatte noch kein Beamter der Staatskanzel[178] getan, und doch gewährte ein solches Studium dem Geschäftsmanne ersprießliche Kenntnisse, dem Geschäftsvorsteher reiche Ausbeute. Auch dies bewilligte Graf Stadion.

Schließlich bat ich um die Rückgabe meiner aus der Levante erstatteten Reiseberichte, da ich diese herausgeben wollte. Auch dies wurde mir zugesichert. Es war mir klar, daß diese unmittelbar an den Minister gerichtete Bitte in den Augen des Staatsrates Hudelist eine neuerliche Sünde war, aber ich war aus guten Gründen vollkommen davon überzeugt, daß er mir, wenn ich mich an ihn gewandt hätte, nicht eines meiner drei Ansuchen bewilligt hätte. Ich mietete nach dieser Unterredung eine Wohnung im vierten Stock des großen Michaelerhauses.

Acht Tage später begann ich in der Staatskanzlei die Lesung der Akten in dem mit einem Seitenkabinette versehenen Zimmer auf dem finsteren Gange, wo Freiherr von Collenbach als Staatsrat gearbeitet hatte. Hudelist hatte das auf den Ballhausplatz gehende Zimmer vorgezogen. Dieses kleine Zimmer, das seit dem Tode Collenbachs leer stand, war österreichischen auswärtigen Ministern, welche während ihres Urlaubes in Wien in der Staatskanzlei die neuesten Nachrichten lesen wollten, vorbehalten. Ich wollte meine Lesung bei der frühesten Epoche beginnen, aber Hudelist sagte mir, er wolle mir zuerst die Akten des Passarowitzer Friedens geben lassen, dessen Geschichte und Resultate ich kurz beschreiben möge. Er wollte damit ein doppeltes Ziel erreichen, erstens die indirekte Verweigerung der mir vom Minister erteilten Erlaubnis, dann die Benützung meiner Arbeit, besonders über den Handelsvertrag, zu seiner eigenen Kenntnis, denn er war in allem, was sich auf den Orient bezog, von beklagenswerter Unwissenheit.

So wollte er sich auf eine bequeme Art unterrichten, indem er die von mir in den ersten drei Monaten verfaßten französischen Memoirs und die Zusammenstellung des Inhaltes aller durch den Frieden von Passarowitz bestätigten Verträge nach Materien las und auch dem Grafen Lützow, der ohne alle Kenntnisse orientalischer Belange zum Internuntius ernannt wurde, zu lesen gab.

Durch die Befugnis in der Staatskanzlei wurde meine[179] seit meiner Ankunft in Wien sehr ungeordnete Lebensweise wieder geregelter. Die ersten vier Morgenstunden von sechs bis zehn Uhr verwendete ich auf literarische Arbeiten, die vier folgenden in der Staatskanzlei, den Rest des Tages zu Spaziergängen, für die Gesellschaft oder das Theater. Ich ging oft ins Theater und sprach mit meinen Freunden, den beiden Collin, viel darüber. Mich wandelte die Lust an, meine Kräfte auch in diesem Fache zu versuchen, und ich begann Anfang November den ›Sturz der Barmekiden‹, den ich vor Ende des Jahres vollendete. Ich hoffte, daß mein Stück für die Aufführung am Hoftheater würdig befunden werde, allein Schreyvogel, den ich nicht persönlich kannte, gab ein ungünstiges Votum ab. Später trug sich Korn, einer der Schauspielerdirektoren, mehrmals an, sich für die Wahl der ›Barmekiden‹ bei den Direktoren zu verwenden, ich bat ihn aber, dies nicht zu tun, weil ich nach dem Ausspruche eines so großen Kenners wie Schreyvogel nicht mehr daran glaubte, daß das Stück auf der Bühne Glück haben werde. Mich erschreckte auch der übel gewählte Titel, der so leicht bei den Wienern den Sturz des Stückes auf dem Theater als Witzwort herbeiführen konnte.

Zu Anfang des Jahres 1808 speiste ich beim Prince de Ligne. Die Tafel im Hotel de Ligne auf der Mölkerbastei hatte kaum Raum für acht Personen, aber die Gastfreundschaft des Fürsten lud immer mehr Gäste, so daß man am Tisch so eng saß, wie man am Abend in dem kleinen, niederen Salon sich drängte. Trotzdem war hier der Mittelpunkt der geistreichsten und besten Gesellschaft, besonders von Fremden. Der Fürst hatte den europäischen Ruf des liebenswürdigsten, artigsten Mannes der großen Welt, und seine Familie war eine seltene Vereinigung gesellschaftlicher Talente und gemütlicher Liebenswürdigkeit. Meine Besuche in diesem Salon wurden bald noch häufiger durch die Anwesenheit der Frau von Stael, welche eng mit der Familie des Fürsten verbunden war. Ein Salon wie ihrer, in dem alle Etikette verbannt war, wo die größten Männer des Staates und die Damen des höchsten Adels mit Dichtern und Künstlern, mit Gelehrten und Literaten sich ohne Karten und Musik stets in angeregten Gesprächen unterhielten, war[180] in Wien vordem und seitdem nicht dagewesen. Alle Dienstage und Donnerstage gab es Mittagsmahle und am Donnerstag abends glänzende Gesellschaft. Der Prince de Ligne führte Madame de Stael die hohen Staatsbeamten und den hohen Adel, ihr Reisebegleiter August Schlegel die Dichter und Literaten auf. Ich wurde durch den letzten eingeführt und bat ihn, meine ›Schirin‹ durchzulesen und anzumerken, was ihm mißfiel – – dies tat er sehr gefällig. Sein Bruder Friedrich sah meinen ›Hafis‹ durch, und so danke ich die letzte kritische Durchsicht zweier meiner Werke den Brüdern Schlegel. Frau von Stael deklamierte vorzüglich, ich hörte sie mehrmals in Szenen aus französischen Tragödien, von denen mich keine so hinriß, wie die aus Racines ›Phedre‹.

Niemand war ein größerer Bewunderer theatralischen Talentes als Graf Louis Cobenzl, der oft selbst französische Komödie spielte.

Auch am russischen Hof hatte der Graf oft mit der Kaiserin Katharina in der Eremitage Komödie gespielt, und er war seit langem in ganz Europa als ausgezeichneter Schauspieler bekannt. Mir erschien es sonderbar, wenn ich meinen vorigen Chef, den Haus-, Hof- und Staatskanzler auf den Brettern sah, eine innere Stimme sagte mir, Minister sollten sich mit den Rollen begnügen, in denen sie als Diplomaten Komödie zu spielen haben. Eine der besten Anekdoten aus Graf Cobenzls theatralischer Laufbahn ist die, welche mir sein geheimer Sekretär Hoppe und auch Herr von Stahl, sein Botschaftssekretär in Petersburg, erzählte. Graf Cobenzl spielte in der Eremitage die Rolle einer Köchin, als ihm die Ankunft eines Kabinettkuriers aus Wien gemeldet wurde. Der Graf lief hinaus, um die Depeschen zu übernehmen, aber der ungarische Gardist, der den Botschafter nicht kannte, weigerte sich, dieselben der Karrikatur, die er vor sich sah, zu übergeben. Cobenzl, der gleich wieder auftreten mußte, konnte sich nicht umkleiden, er lief in die Garderobe und hängte das große Ordensband des Stephansordens über den Köchinnenanzug und beglaubigte sich dadurch bei dem Gardisten als Botschafter.

Von Zeit zu Zeit las ich mit Carl Harrach in den Abendstunden persisch, nun aber auch mit Graf Rzewuski[181] arabisch. Sein eigentlicher Lehrer war der syrische Priester Arida, der ihm regelmäßige Stunden gab. Graf Rzewuski hatte, wie fast alle Polen, großes Sprachtalent. Er diente im Husarenregiment Kienmayer und war wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und seiner Freigebigkeit sehr beliebt. Außer seinem Talent für Sprachen und Musik hatte er Vorliebe für Mathematik und Astronomie, die allergrößte aber für Pferde, auf die er viel mehr Geld ausgab, als das ansehnliche Vermögen seiner Gattin und der noch größere Reichtum seiner eigenen Eltern eigentlich erlaubten.

Im Sommer wohnte ich in Weidling im Hause der Orientalischen Akademie und wurde mehrmals von Graf Seckendorff, dem Herausgeber des ›Prometheus‹, und Mathias Collin besucht. Seckendorff war ein gutmütiger, biederer Deutscher, schwerfällig von Gestalt und Benehmen. Auch Freund Collin war untersetzt und kurzhalsig. Trotzdem folgten sie mir auf meinen Spaziergängen ins Gebirge.

An einem Julitage ritt ich mit Graf Rzewuski nach Weidling, und wir ließen uns auf einer Wiese nieder, um auszuruhen. Der Graf fragte mich um Rat, wie er sich am besten um die orientalische Literatur verdient machen könne. Ich schlug ihm eine Zeitschrift vor und entwickelte ihm die ersten Linien des Planes der ›Fundgruben des Orients‹, die wir eingehend berieten. Im folgenden Jahre traten sie ins Leben. Sie standen auf einem größeren und liberalerem Fuße als die nach ihrem Aufhören begonnenen Zeitschriften der asiatischen Gesellschaften von Frankreich und England, welche nur Artikel aufnahmen, die in der Sprache des Landes geschrieben waren. Die ›Fundgruben‹ waren allen gebildeten Sprachen Europas für Aufsätze über orientalische Materien offen.

In Weidling arbeitete ich den ganzen Plan aus und schrieb die Vorrede des ersten Bandes. In diesem Sommer beschäftigte ich mich mehr mit Literatur als im vergangenen, in dem ich die politischen Memoirs geschrieben hatte. Nach dem unruhigen politischen Treiben der letzten Jahre fühlte ich mich in der ländlichen Stille sehr glücklich.

Die erste Kustosstelle der Hofbibliothek war erledigt, ich hatte an den Grafen Stadion nach Preßburg, wo er zum[182] Landtage weilte, geschrieben und ihn gebeten, sich dafür zu verwenden, daß ich dieselbe erhalte, wenn ich nicht mehr auf meinen Posten nach Jassy zurückkehren sollte. Dies wäre ein Beweis dafür, daß ich nicht wegen einer Ungnade des Kaisers abberufen wurde. Ich hatte nicht erwartet, daß der Graf während des Landtages Zeit fände, meinen Brief zu beantworten. Diese Antwort ist das glaubwürdigste Zeugnis dafür, daß er die russischen Intrigen richtig beurteilte und meinem Benehmen in Jassy volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. (Beil. 26.) In den letzten sechs Wochen dieses Jahres arbeitete ich an meinem dramatischen Gedicht ›Mohamed‹. Eine paradoxe Äußerung der Frau von Stael brachte mich dazu. Sie behauptete, Propheten seien die dankbarsten Charaktere für Tragödien, und der wahre Mohammed müßte auf der Bühne eine ganz andere Wirkung hervorbringen als Voltaires ›Mahomet‹. Ich bemerkte, daß er dann mit seinen Weibern oder wenigstens mit einigen von ihnen vorgeführt werden müsse, was aber dem tragischen Effekt kaum dienen dürfte. Ich versuchte ihren Gedanken in einem dramatischen Gedicht auszuführen, welches wirklich ein treues Charakterbild Mohammeds und seiner Genossen ist.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 169-183.
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