XXIII. Die Jahre 1821 bis 1824.

[262] Ich schwankte lange, ob ich in diesem Jahre mit dem Schreiben der Geschichte des Osmanischen Reiches beginnen solle, zu der ich unablässig Material sammelte und sieben Jahre lang im Archiv der Staatskanzlei die ganze orientalische Korrespondenz von der Zeit Karl V. und Ferdinand I. bis zum Frieden von Sistowa gelesen und ausgezogen hatte. Ich hätte schon in diesem Jahre damit begonnen, wenn mir[262] nicht immer noch die Möglichkeit vorgeschwebt hätte, nach der Rückkehr des Grafen Lützow doch noch den Internuntiusposten zu erhalten. Diese Rückkehr wollte ich abwarten, um, falls meine Hoffnung sich erfüllte, die Arbeit in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches zu beginnen. Staatsrat Stürmer war zwar mein Feind, aber er hatte keinen Kredit beim Fürsten, der froh war, der Schulmeisterei Hudelists entronnen zu sein und als dessen Nachfolger mit Absicht eine Null und einen Schatten gewählt hatte.

Ein größerer und mächtigerer Gegner war Gentz. Er hatte jetzt die ganze orientalische Politik an sich gerissen und war mir feindlich gesinnt, weil ich nie Anstand genommen hatte, mich über seinen Obskurantismus, Geldgier, Verschwendung und Bestechlichkeit mit Verachtung auszusprechen. Zum Fürsten hatte ich allerdings nie ein Wort gegen Gentz gesagt, während er, wie ich vom Fürsten selbst wußte, keine Gelegenheit versäumte, mich als undankbar und liberal zu verschreien. Zwei willige Werkzeuge in der Hand Metternichs für die türkische und griechische Politik waren Ottenfels und Prokesch, die ich hier bloß ihrer Biegsamkeit und Schmiegsamkeit dem Fürsten gegenüber nebeneinander stelle, ohne den Talenten und dem Charakter des letzteren dadurch den geringsten Abbruch tun zu wollen. Mein Landsmann Prokesch war zuerst Lehrer an einem Kadettenhause, aus dem ihn Graf Clam in den militärischen Dienst versetzte und ihn dem Fürsten Schwarzenberg empfahl. Später wurde er auf seinen Wunsch zur Marine versetzt und vom Fürsten Dietrichstein an Metternich zur politischen Korrespondenz in orientalischen Angelegenheiten empfohlen. Er gewann durch seine Berichte das Vertrauen des Fürsten, indem er die griechische Sache ganz den Ansichten des Fürsten entsprechend darstellte und von der knapp bevorstehenden Vernichtung des griechischen Aufstandes sprach.

Der griechische Aufstand bestärkte den Fürsten Metternich in seinem mir gegenüber schon zweimal geäußerten Entschluß, mich nicht in Konstantinopel zu verwenden. Ich schrieb ausführlich an ihn nach Laibach, wo er dem Kongresse der Großmächte wegen Neapel beiwohnte, meine Ansicht[263] über die Wichtigkeit der griechischen Schilderhebung und meine Meinung, daß es der Pforte nicht gelingen werde, des Aufstandes Herr zu werden. Da diese Ansichten denen des Fürsten entgegengesetzt waren, waren sie nicht geeignet, sein Vertrauen zu erhöhen, besonders da meine Vorschläge, für die Griechen vermittelnd bei der Pforte einzuschreiten, auch von Gentz verworfen wurden. Mein Schreiben blieb unbeantwortet. Eine Gelegenheit, nochmals darauf zurückzukommen, bot mir das Diplom des Schah von Persien, durch welches meine Zueignung angenommen und mir im voraus dafür der Sonnen- und Löwen-Orden versprochen wurde. Auch auf dieses Schreiben bekam ich keine direkte Antwort, sondern ich erhielt das Diplom nur mit ein paar Zeilen von Ottenfels zurück, den der Fürst nach Laibach mitgenommen hatte.

Bei seiner Rückkehr von Laibach hatte der Fürst als Haus-, Hof- und Staats-Kanzler die höchste Stufe im Staate erreicht. Am 26. Mai wurde diese Amtserhöhung durch ein Handbillett kundgemacht, zugleich auch die Ernennung neuer Hofräte und die des Grafen Mercy zum Geheimen Rat. Am folgenden Tage wartete die ganze Staatskanzlei dem Fürsten auf, um ihm Glück zu wünschen. Er machte eine Ausnahme von seiner Gewohnheit, auf die Rede des Vorstandes nichts oder nur ein paar Worte zu erwidern, und sprach über die Zeitumstände und die ›Vernichtung der Elemente des griechischen Aufstandes‹. ›Vernichtung der Elemente‹ war ein köstlicher Ausdruck, Elemente sind unvernichtbar, und dies hat sich auch im Resultat des griechischen Freiheitskampfes bewahrheitet. Da ich mich noch nicht entschließen konnte, meine große historische Arbeit zu beginnen, beschäftigte ich mich mit kleinen Arbeiten der verschiedensten Art. Für die Gräfin Purgstall besorgte ich die Herausgabe des ›Denkmales auf das Grab der beiden letzten Grafen Purgstall‹. Aus dem persischen Wörterbuch Tergheni Schnuri's schrieb ich alle Bruchstücke des noch unbekannten großen persischen Dichter Abdul Maani ab, sie erschienen im folgenden Jahre unter dem Titel ›Juwelenschnüre‹, zu denen die später erschienenen ›Duftkörner‹ ein Gegenstück bildeten. Ich schrieb eine Erläuterung zu einer Papyrusrolle[264] im Besitze des Münz- und Altertumliebhabers Fontana in Triest, die im nächsten Jahre erschien, aber auch nicht in den Buchhandel kam. Die Übersetzung der Sonette Spencers erschien jetzt in zweiter Auflage und kam in den Handel.

Am Tage nach dem feierlichen Glückwunsch ging ich zu dem Fürsten in sein Kabinett unangemeldet, wie alle Hofräte der Staatskanzlei, und traf ihn schreibend. Ich stellte mich vor ihn und wartete den Augenblick ab, bis er die Feder weglegen würde. Als dies geschah, wollte ich einen politischen Diskurs über die griechischen und türkischen Zustände beginnen, der Fürst kam mir zuvor und sagte: ›Sie wünschen immer tätige Verwendung, ich habe Ihnen eine bestimmt. Ich will an der Staatskanzlei ein statistisches Bureau gründen, ganz nach dem Muster des in Berlin befindlichen, von Hoffmann geleiteten, und Sie sollen der Chef davon sein.‹ Ich fiel über diesen unerwarteten Vorschlag aus den Wolken. Ich antwortete: ›Es ist unmöglich, sich strenger über das zu prüfen, was man imstande ist zu leisten, als dies bei mir der Fall. Zur orientalischen Geschäftsführung, sei es in Konstantinopel, sei es in der Kanzlei, habe ich mich mein Leben hindurch befähigt, in der Geographie der Levante bin ich bewandert, ich kann aber nicht sagen, in Statistik, weil es mit der Statistik in der Türkei sehr schlimm aussieht, aber das statistische Studium des Okzidents, ich will nicht einmal sagen Amerikas, sondern nur Europas und der Staaten des Deutschen Bundes ist mir ganz und gar fremd. Ich habe kein Zahlengedächtnis, was bei einem Statistiker ein Haupterfordernis und, ehrlich gesagt, muß ich bekennen, daß ich zu dieser von Eurer Durchlaucht zugedachten Bestimmung durchaus nicht tauge.‹ Der Fürst erwiderte: ›Sie sollen mit dem mechanischen Anteil gar nichts zu tun haben, Sie sollen nur an der Spitze das Bureau leiten und sich Ihre Arbeiten wählen.‹ ›Im Grunde‹, sagte ich, ›kommt das Ganze doch auf Rechnen und Tabellenentwerfen heraus und daher werden Eure Durchlaucht am besten tun, die Leitung Ihrem Rechnungsreferenten oder Bibliothekar zu übertragen.‹ Der Fürst schlug die Augen gegen mich auf und sagte mit bedeutungsvollem Ausdruck: ›Ich brauche jemanden, dem ich mein Vertrauen nicht[265] nur zur Bewahrung des statistischen Geheimnisses, sondern auch in Geldsachen ganz schenken kann.‹ Auf diese Antwort konnte ich nur schweigen. Was ich dachte, konnte ich nicht sagen, ohne dem Fürsten nicht den Vorwurf von Leichtsinn und Inkonsequenz zu machen.

Ob die Idee des statistischen Bureaus unmittelbar von Metternich ausging, weiß ich nicht, wahrscheinlich hat sie ihm Gentz eingegeben, der beim Kongreß die Erfahrung gemacht hatte, daß er alle notwendigen statistischen Angaben nur von Hoffmann bekommen konnte. Es war zwar schon ein statistisches Bureau in Wien unter der Leitung des Freiherrn von Metzburg im Entstehen, es beschäftigte sich aber nur mit der Statistik des Inlandes. Metternich und Gentz hielten für die Staatskanzlei ein Bureau für nötig, das die Macht aller auswärtigen Staaten abwiegen, zählen und messen könnte. Es lag nahe, dies dem Bureau des Freiherrn von Metzburg zuzuweisen, und ich erwähnte diesen Gedanken bei einer späteren Unterredung mit dem Fürsten; er sagte, davon sei wohl schon lange die Rede, es komme aber nichts zustande, wenn er die Sache nicht selbst angriffe. Er sagte, ich solle nach Berlin reisen, um die Einrichtung dort genau zu studieren, schriftliche Verhaltungsbefehle seien ganz überflüssig, der mündliche Auftrag genüge, er werde mir zur Unterstützung meiner Sendung noch ein Schreiben an den Gesandten Grafen Zichy mitgeben. Es blieb mir nichts übrig, als mich dem Plane des Fürsten zu fügen, da er meine Entschuldigung nicht annahm und ich mir nicht den Vorwurf zuziehen wollte, ich habe eine mir angebotene tätige Verwendung ausgeschlagen. Die Reise nach Berlin kam mir sehr erwünscht, da ich eben um einen Urlaub bitten wollte, um mit meiner Familie auf das Gut meines Schwiegervaters Mitrovic in Böhmen zu fahren. Der Fürst sagte: ›Gehen Sie mit den Ihren dahin und machen Sie von dort den Abstecher nach Berlin.‹ Die Erlaubnis, die nötigen statistischen Werke zu beschaffen, wurde mir sogleich erteilt. Kesaer war darüber sehr unwillig, daß ein Büchereinkauf für die Staatskanzlei durch andere Hände gehen sollte als durch die seinen. Ich warf mich sogleich auf die statistischen Studien, um dem Berliner Direktor nicht als gänzlich Unwissender[266] entgegenzutreten. Ende Juni reiste ich in einer kaiserlichen Kalesche, meine Frau, ihre Mutter und ihre Schwestern begleitend, nach Mitrovic ab. Von dort setzte ich nach einigen Tagen die Fahrt über Prag und Dresden nach Berlin fort.

Am Morgen langte ich in Dresden an und ging sogleich zum Gesandten, dem Grafen Palffy, der mich für den folgenden Tag zum Speisen lud. Ich besuchte Böttiger, der mir die Unmöglichkeit, nur drei Tage und nicht eine volle Woche in Dresden zu bleiben, vorhielt, wie wollte ich in drei Tagen die Galerie, den Antikensaal, die Bibliothek sehen und bei Hof vorgestellt werden. Ich beschloß, jetzt länger zu bleiben, auf der Rückreise nur durchzufahren. Er führte mich zum Grafen Kalckreuth, dem Sohne des preußischen Feldmarschalls, einem liebenswürdigen Schöngeist, der mir seine Equipage zur Verfügung stellte, dann zum Grafen Piatti, dessen Gattin eine Gräfin Apponyi, der mich für den Nachmittag zum Tee bat. Hiezu holte mich Graf Kalckreuth ab und ich traf dort den größten Teil der Dresdener Gesellschaft. Von dort fuhren wir ins Theater, wo ich den Intendanten Freiherrn von Könneritz und den des Berliner Theaters Grafen Brühl kennenlernte. Schließlich gingen wir noch in den ›Liederkreis‹, wo ich schon durch einen Brief des sächsischen Gesandtschaftssekretärs bei dem Legationsrat Pieper, dem Übersetzer Byrons, angesagt war, dort lernte ich neben einigen Dichtern und Literaturen das große musikalische Genie Weber kennen, dessen ›Freischütz‹ soeben seinen Ruhm begründet hatte. Am folgenden Morgen wohnte ich einer Vorlesung Böttigers im Antikensaal bei. Dieser führte mich in das Grüne Gewölbe und in die Gemäldegalerie. Am Sonntag Vormittag holte mich Graf Palffy zum katholischen Gottesdienst in der Hofkirche ab und wir wohnten auf der Diplomatentribüne der Messe bei. Nach dieser wurde ich dem König, der Königin und der Prinzessin Augusta vorgestellt, mittags bewirtete mich Graf Kalckreuth mit zwölf anderen Gelehrten und Dichtern, unter denen Tieck hervorleuchtete, und am Nachmittag fuhren wir nach dem Plauenschen Grund. Am Tage meiner Abreise bewirtete mich Böttiger an einer Tafel von sechzehn Personen, die Speisen[267] waren zahlreich, die Bedienung aber so langsam, daß dieses Mittagmahl volle fünf Stunden dauerte.

Der eigentliche Zweck meiner Reise wurde durch meinen Besuch im statistischen Bureau und meine Unterredung mit dem Vorsteher desselben, dem Geheimen Regierungsrat Hoffmann, erfüllt. Er war von seinem Chef beauftragt, mir nichts von den Einrichtungen der Anstalt vorzuenthalten und hoffte für seine Bereitwilligkeit das Kommandeurkreuz des Leopoldordens zu bekommen, das er auch durch den Freiherrn von Werner erhielt. Das Bureau befand sich in der Lindenstraße 23 zu ebener Erde und im ersten Stock, unmittelbar unter dem Kanzler. Das Personal bestand aus acht Personen, ein Rat für die Bevölkerung, einer für die Ortsbeschreibung, zwei Feldmesser, zwei Kanzlisten, ein Kanzleidiener und der Direktor. Die Besoldung betrug 15.000 Taler, die beiden Räte waren wie der Direktor Geheime Regierungsräte. 1800 Taler waren zum Ankauf von Büchern, Karten und Zeichnungen jährlich bewilligt. Die Kanzleistunden waren von neun bis drei. Die Einteilung der Zimmer und Depots war sehr zweckmäßig. Hoffmann war in seinem Fache ganz ausgezeichnet, aber ungemein pedantisch. Mit zeremoniöser Feierlichkeit führte er mich in sein Bureau ein und stellte mir seine Untergebenen vor. Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Berlin wohnte ich einer Gesamtsitzung der Akademie bei, in ihr interessierten mich am meisten die Gestalten Schleiermachers und Savignys, mich ihnen vorstellen zu lassen, hatte ich keine Gelegenheit.

In Prag traf ich meine Frau, und zwei Tage später waren wir in Mitrovic. Ich berichtete sofort an den Fürsten Metternich über den Erfolg meiner Sendung und arbeitete ein Memoire über die Errichtung eines statistischen Bureaus bei der Staatskanzlei nach dem Muster des Berliner aus.

Am 10. September trafen wir in Wien ein und ich meldete mich am nächsten Tage beim Fürsten, den ich aber nur einen Augenblick sprechen konnte. Ich übergab ihm meine Ausarbeitung und er versprach Tag und Stunde zu bestimmen, um diese zu besprechen und zu beraten. Vier Wochen lang wartete ich, ohne gerufen zu werden; wenn ich mich meldete, ließ der Fürst sich entschuldigen. Die Konferenz[268] fand nie statt, der Plan des statistischen Bureaus war in den Brunnen gefallen. Den Grund habe ich nie erfahren, wahrscheinlich war er ein abschlägiger Beschluß des Kaisers. Es war das einzige Mal, daß dem Fürsten Metternich meine tätige Verwendung in der Staatskanzlei in den Sinn kam. Meine Schriften und die aus Berlin mitgebrachten Tabellen gab ich später an das unter der Leitung meines Freundes Metzburg stehende statistische Bureau ab.

Nachdem also auch diese Hoffnung begraben war, kehrte ich zu meinen orientalischen Studien zurück, ich las den Koran und die osmanischen Geschichtsquellen, übersetzte den ersten und zog die zweiten aus. Dazwischen las ich Darus Geschichte von Venedig, den Kain von Lord Byron und Walter Scotts Castle of Kenilworth. Ich zeigte mich wenig öffentlich und in Gesellschaft und verbarg meinen Ärger in der Stille des Landlebens in Döbling und in seiner Umgebung, wo viele meiner Freunde lebten. In den ersten Tagen des Oktober erfuhr ich aus der Zeitung die Ankunft Lord Strangfords, mit dem ich vor zwanzig Jahren in Bath zusammen gewesen. Er hatte in diesen Jahren seinen Weg auf der diplomatischen Laufbahn mit glänzendem Erfolg zurückgelegt, als Gesandter am portugiesischen Hof hatte er sich durch die Verschleppung Don Pedros aus Brasilien einen Namen gemacht und war, seitdem er als Botschafter an der Pforte stand, die Triebfeder der den Griechen günstigen Politik Englands. Unter anderen Umständen würde ich mich beeilt haben, ihn aufzusuchen, da er aber von Konstantinopel kam und die von seinem Hof verfolgte Politik diejenige war, welche ich seit dem griechischen Aufstand in der Staatskanzlei vergeblich predigte, hielt ich es für das Beste, ihn zum Kongresse nach Verona abreisen zu lassen, ohne ihn gesehen zu haben.

Am 10. Oktober erhielt ich ein Billett des Freiherrn von Puthon, an dessen Handlungshaus Lord Strangford empfohlen war, in dem der Lord sich erkundigen ließ, wann mir sein Besuch angenehm wäre. Ich schrieb dem Baron, daß ich aus Klugheit den Lord nicht habe besuchen wollen, daß ich aber jeden Dienstag und Freitag in die Stadt komme und ihn am nächsten Tag im Gasthof ›Zur Stadt London‹ aufsuchen[269] werde. Das Wiedersehen nach zwanzig Jahren war ein sehr freundliches von beiden Seiten. Ich setzte ihm die Ursachen meiner Zurückgezogenheit auseinander und er erzählte mir, daß er sich sofort beim Fürsten Metternich nach mir erkundigt habe. Dieser hatte gesagt: ›Vous le trouverez diablement faché contre moi a cause de la nomination d'Ottenfels‹. ›Hätte ich gewußt,‹ sagte ich, ›daß der Fürst von unserer alten Bekanntschaft unterrichtet ist, so hätte mich nichts abgehalten, Sie sofort zu besuchen.‹ Wir kamen dann auf die Politik des Tages und besonders auf die griechische Frage zu sprechen. Strangford bestätigte, daß Prokesch seine Stellung beim Fürsten hauptsächlich seinen Berichten verdanke, die für die Griechen ungünstig lauteten.

Ende Juni begab ich mich zu meinem Freund und Gönner, dem Fürsten Sinzendorf, nach Ernstbrunn, es war das letztemal, daß ich in diesem schönen Monat des Jahres die ländliche Ruhe dort genießen durfte. Zwei Monate später, am 18. August, starb der Fürst an den Folgen eines Sturzes. Der Kutscher mußte auf Befehl des Fürsten an einer Stelle umkehren, wo er umwerfen mußte, aber der Fürst bestand auf seinen Willen. Er schenkte dem Kutscher nach dem Sturz einen Dukaten, weil er seinen Befehl ausgeführt hatte. Der Fürst hinterließ eine bedeutende Schuldenlast. Da er der Letzte seines Geschlechtes, ging Ernstbrunn nach einem langwierigen Prozeß zwischen den verschiedenen entfernten Verwandten an den Fürsten Reuß über, die Herrschaft Gföhl erbte sein Neffe und seine Schwester Thurn. Keinen seiner Freunde hatte der Fürst in seinem Testament erwähnt. Seine Gemälde und anderen Sammlungen wurden versteigert.

Die Geldangelegenheiten der Gräfin Purgstall machten mir Sorge. Sie waren durch Veruntreuungen eines mit unbeschränkten Vollmachten versehenen Verwalters, durch Prozesse und schlechte Verwaltung so heruntergekommen, daß sie die Pension als Witwe eines Gubernialrates annehmen mußte und mit dem Gedanken umging, ihren Witwensitz Hainfeld zu verkaufen. Vor dieser traurigen Notwendigkeit rettete sie das großmütige Legat des Gemahles ihrer Nichte Lord Ashburton. Durch alle diese Sorgen wurde mein Verdruß[270] über meine politische Laufbahn sehr in den Hintergrund gestellt. Ottenfels war zum Internuntius und Hofrat vorgeschlagen worden, der Kaiser unterschrieb die Ernennung zum Internuntius, die zum Hofrat nicht, ob aus Gerechtigkeitsgefühl oder aus Mißtrauen gegen die Wahl bleibt fraglich. Über diese Ernennung schrieb ich einen wutentbrannten Brief an den Fürsten, der ihm nur neue Waffen gegen mich in die Hand gab, denn ich rechtfertigte durch ihn nur den Vorwurf gegen mein leicht aufbrausendes Wesen, das er als Hauptgrund für meine Nichtverwendung zu diplomatischen Geschäften angab. Dieser Schlag war der empfindlichste in meiner ganzen Laufbahn. Einige Tage später suchte ich diesen Brief durch einen an Gentz gut zu machen. Zwei Monate früher erwähnte ich gegen Pilat eines meiner Memoires über orientalische Fragen, dessen Kenntnis für Gentz nützlich sein könnte, und als er mich darum ersuchte, sandte ich es ihm bereitwilligst. Dies war das einzige Mal, an dem ich mit Gentz schriftlich verkehrt hatte. Nun richtete ich dieses Schreiben an ihn, das er artiger und offener beantwortete, als ich erwartet hatte. Die Rechtfertigung der vom Fürsten getroffenen Wahl mit dem ›Glücke, das mit seinem Geiste fast immer Hand in Hand geht‹, so daß Gentz ›die Inspiration desselben ohne weiteres Grübeln als die Bürgschaft des guten Erfolges betrachtete‹, ist an diesem Briefe das Merkwürdigste.

Ich warf mich nun wieder auf Mitenebbi und seine Übersetzung und auf das Studium der Neuplatoniker, zugleich las ich das ›Gülscheni Ras‹ (Rosenflor des Geheimnisses), ein Grundwerk persischer Lehre, das ich später übersetzte. Ich hatte die Reichshistoriographen und andere Geschichtsschreiber vollendet und begann nun für die osmanische Geschichte die Werke von Europäern zu lesen und auszuziehen. Die Versendung des ›Denkmal auf das Grab der beiden letzten Grafen Purgstall‹ an die Bibliotheken, gelehrten Gesellschaften und Freunde nahm viel Zeit in Anspruch. Fünf Wochen nach der Ernennung des Internuntius hatte ich eine Unterredung mit dem Fürsten Metternich, den ich abermals um tätige Verwendung bat. Er erklärte mir, daß er mich in seinem Leben nicht in der diplomatischen Laufbahn[271] verwenden und um so eher an mich denken werde, wenn ich nichts begehre.

In den ersten fünf Monaten des Jahres 1825 las ich die noch nicht ausgezogenen Reichshistoriographen und andere namhafte Geschichtsschreiber, außer diesen die großen englischen, wie Hume, Robertson, Gibbon. Damals war viel Fanatismus für die griechische Sache in der Luft, den ich nie geteilt, wohl aber den endlichen, für die Griechen günstigen Erfolg vorausgesagt hatte.

In diesem Jahre kam die alte Forderung Englands an Österreich zur Auszahlung. Es handelte sich um eine Forderung von vier Millionen Pfund oder vierundzwanzig Millionen Gulden, welche England Österreich zur Führung der französischen Revolutionskriege geliehen hatte und nun zurückforderte. Canning war an Stelle Lord Castlereaghs Finanzminister geworden, war dem Fürsten Metternich persönlich nicht sehr geneigt, und wie sich später herausstellte, war es ihm mit dieser Forderung nicht einmal sehr ernst, er wollte nur dem Fürsten Ungelegenheiten machen. Schon im Jänner dieses Jahres traten die Staatsminister zu einer Konferenz zusammen, um zu beraten, ob Österreich wirklich die Zahlung zu leisten habe. Die Grafen Zichy und Stadion verneinten es absolut, Metternich war entgegengesetzter Meinung. Fürst Dietrichstein, dem die mit England geschlossenen Verträge am besten bekannt waren, wurde mit der Durchsicht aller darauf bezüglichen Schriften und Urkunden und der Abfassung eines Gutachtens beauftragt. Er arbeitete den ganzen Winter hindurch in der Staatskanzlei, und das Resultat dieser Arbeit war, daß, nachdem Österreich seit jenen Verträgen mit England im offenen Kriegszustande war, der alle Friedensverträge aufhebt, alle Verbindlichkeiten als erloschen zu betrachten seien. Diese Meinung teilte sogar Gentz. Bald darauf mischte sich aber das Haus Rothschild mit der Anerbietung großer Summen ein und kam unmittelbar mit Metternich und Gentz in Berührung. Fürst Dietrichstein sagte zu Gentz: ›Sie werden sehen, daß, obwohl das Recht auf unserer Seite, das Ende vom Lied sein wird, daß wir zahlen.‹ Gentz antwortete: ›Ich glaube, Sie haben Recht.‹ Und der Fürst hatte Recht. Metternich stellte[272] dem Kaiser die Zahlung als Ehrenschuld dar und sie erfolgte. Wie wenig die englischen Minister damit gerechnet hatten, bewies die spätere Verhandlung im Parlament, bei der der Minister diese vier Millionen als ein ›God-sent‹ bezeichnete.

Je näher der 9. Juni, den ich mir zum Beginn des Schreibens der osmanischen Geschichte vorgenommen, herankam, desto fleißiger war ich in meinen Vorbereitungsstudien, im Archiv brachte ich täglich einige Stunden des Vormittags zu, die türkischen Akten lesend. Diese waren damals noch geteilt: die Berichte der Internuntien und die Weisungen an diese waren in der alten Registratur der Staatskanzlei, die türkischen Staatsschreiben im Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Viele der letzten fand ich in den Akten der alten Registratur und schaffte sie brevi manu ins Hausarchiv, wo sie erst von dieser Zeit an ordentlich registriert wurden. Die Akten selbst waren in größter Unordnung. Unter den Korrespondenzen mit den Paschas von Ofen fand ich einen Brief Ignatius von Loyolas an Kaiser Ferdinand über die Einführung der Jesuiten in Wien. Man ahnte im Archiv gar nicht, daß noch ein Schreiben des heiliggesprochenen Stifters der Jesuiten vorhanden war. Ich arbeitete täglich von vier bis zum Frühstück um sieben Uhr, und gleich nach dem Frühstück bis zehn oder elf, also täglich sechs bis sieben Stunden, in denen ich nie mehr als sechs bis sieben Seiten zustande brachte. Von Zeit zu Zeit lief ich einige Minuten in den Garten, um Geist und Augen zu erfrischen.

Damals brachte ich auch mit der Straußschen Druckerei das Geschäft der persischen Talikschrift in Ordnung. Sie wurde nach meiner Anleitung durch den Stempelschneider gegossen. Die Übersetzung Marc Antons hatte ich in den Jahren 1818 bis 1820 vollendet. Das Abzeichen des Sonnen- und Löwen-Ordens in Brillanten, den ich dafür bekam, mußte ich mir auf eigene Kosten anfertigen lassen, wahrscheinlich hatte der Botschafter die Dekoration selbst behalten. Mein Wort, die Übersetzung drucken zu lassen, mußte trotzdem eingelöst werden. In Wien gab es keine Talikschrift, ich verpflichtete mich der Druckerei gegenüber, alle Stempel, die nicht nach meinem Sinne geschnitten wären, auf meine Kosten so lange schneiden zu lassen, bis ich mit ihnen zufrieden[273] sei. Dies hat beträchtlich viel Zeit und Geld gekostet, aber die Schrift war trotz einiger Unvollkommenheiten die beste bisher erschienene.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 262-274.
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