XXV. Die Jahre 1827 bis 1830.

[285] Vor vier Jahren war der Fürst Metternich auf meine Vorstellung, daß die Regierung die Fortsetzung der ›Fundgruben des Orients‹ unterstützen müsse, eingegangen und hatte darüber Vortrag erstattet, und jetzt nach vier Jahren wurde der Vortrag durch die Resolution erledigt, ›daß der Staat für die Fortsetzung nichts tun könne‹. In diesem Augenblick, wo ich alle Hände mit der Arbeit an der osmanischen Geschichte voll hatte, wäre mir der Zuwachs an Arbeit durch die Redaktion der ›Fundgruben‹ nur lästig gewesen, persönlich also lag mir nicht viel an der abschlägigen Resolution, sie kränkte mich nur der Sache und der Ehre der Regierung wegen.[285]

In diesem Jahre wurde der Graf Bray zum Bayrischen Gesandten in Wien ernannt, ein sehr unterrichteter, liebenswürdiger alter Franzose, der ein großes Haus machte und sich im Sinne und Geiste seines Königs mit Gelehrten und Künstlern befreundete. Er lud mich oft zu Tisch und beabsichtigte ursprünglich, bei literarischen Abendunterhaltungen einen Kreis gelehrter Männer um sich zu versammeln. Obwohl ich diesem Plan meinen Beifall zollte, äußerte ich meine Zweifel, ob dies auch dem Fürsten Metternich und dem Polizeipräsidenten genehm sein werde, und hatte offenbar recht, denn es war nie mehr davon die Rede. In Döbling hatte ich im letzten Sommer den vierten Band der osmanischen Geschichte beendet, nun arbeitete ich in der Stadt an der historischen Monographie der ›Geschichte der ersten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1529‹, um durch die Herausgabe das sich im nächsten Jahre vollendende dritte Jahrhundert seit dieser Belagerung zu feiern. Dem Kaiser, der Kaiserin, dem Erzherzog Johann und der Erzherzogin Marie Louise hatte ich schon Werke gewidmet, es schien mir angemessen, nun auch dem Thronfolger durch eine Widmung zu huldigen. Ich bat den Obersthofmeister Graf Bellegarde um die Erwirkung der Genehmigung und dieser antwortete, der Erzherzog nehme zwar für gewöhnlich keine Widmungen an, werde aber für mich sicher eine Ausnahme machen. Die Forschungen führten mich wiederholt in das bürgerliche Zeughaus, um dort die arabischen Inschriften des Totenhemdes, welches damals noch ebenso wie der Schädel für das Kara Mustaphas galt, abzuschreiben. Erst nach dem Drucke machte ich durch die Geschichte der Moscheen Konstantinopels und Adrianopels die Entdeckung, daß Kara Mustapha nicht in Belgrad, sondern in Adrianopel bestattet wurde. Der Schädel war dem Kardinal Kolonitsch mit falscher Angabe verehrt worden! Diesen Betrug deckte ich im vierten Band der osmanischen Geschichte auf.

Im Jahre 1829 starb der alte Stürmer, ich habe keine Lilien auf sein Grab zu legen, will ihm aber auch keine Dornen nachwerfen, obwohl er solche reichlich auf meinen Pfad säte. Sein Nachfolger wurde Ottenfels. Sein erster Vorschlag war, ich solle mich, da ich ja immer eine wirksamere[286] Verwendung suche, zu dem offenen Generalkonsulat nach Smyrna melden. Ich sagte ihm, daß ich schon vor 20 Jahren in Jassy Generalkonsul gewesen, ich könnte diese Stelle kaum als Beförderung erachten, sei auch durch Weib und Kinder an Wien gefesselt. Durch den Austritt Hormayrs war die Stelle des Reichshistoriographen, die nur ein Ehrentitel ohne Gehalt war, erledigt. Ich meinte, sie doch mehr zu verdienen als Schlegel oder Adam Müller, die beide nicht Geschichtschreiber und in der österreichischen Geschichte ganz unbewandert waren. Die Verleihung dieses Titels wäre eine Anerkennung meiner literarischen Verdienste gewesen, ein bloßer Akt der Gerechtigkeit. Die Verweigerung dieses Titels empfanden selbst meine Kollegen als eine große Ungerechtigkeit.

Ich vermute, daß die Gräfin Purgstall dem Bildhauer Schaller den Gedanken eingab, meine Büste in Marmor zu machen. Nicht weniger als diese Aufmerksamkeit schmeichelte mir ein Beweis meines in England anerkannten Verdienstes um die orientalische Literatur. Sir Alexander Johnstone, der Vizepräsident der asiatischen Gesellschaft in London, machte mir den Vorschlag, die ›Fundgruben des Orients‹ auf Kosten dieser Gesellschaft fortzusetzen, einen gleichen Vorschlag hatte schon früher Graf Romanzoff für die Akademie in Petersburg gemacht, und ich hatte damals Fürst Metternichs Ehrgefühl, eine derartige Hilfe nicht vom Auslande anzunehmen, insoweit rege gemacht, daß er mich befugte, den Antrag dankend abzulehnen und zu schreiben, daß die ›Fundgruben‹ auf Kosten der österreichischen Regierung fortgesetzt würden. Der Vortrag wurde abgelehnt. Diesmal mußte ich nach dem Willen des Fürsten ausweichend antworten.

Der Monat Oktober war für mich ein Monat der Totenfeier und der Trauer durch den Tod meines ältesten Freundes und meiner ältesten Freundin, denen ich innerhalb von acht Tagen das Grabgeleite gab. Am zwanzigsten starb mein edler Freund, der Doktor Graf Karl Harrach, dessen Freunde auch meine Gönner waren. Er war ein genialer, vortrefflicher Mensch, ein höchst origineller Charakter. Unsere Freundschaft war im letzten Jahre dadurch etwas erkaltet,[287] daß er meinen erkrankten Sohn nicht als Arzt besuchen wollte und nicht einmal an dem Konsilium über diesen teilnahm. Sein Charakter war eine Mischung der entgegengesetztesten Eigenschaften. Sehr populär mit Menschen aus den niedersten Volksklassen und doch zugleich höchst aristokratisch, größte Leutseligkeit auf der Straße und klösterliche Abgeschiedenheit in seinem Hause. Ein fröhlicher Tischgenosse bei Mittagsmahlen, aber auf keine Abendgesellschaft zu bringen. Wohltätig für Arme, die er ohne Bezahlung anzunehmen behandelte, besuchte und deren Arzneien er bezahlte, und hart gegen seine Dienstleute, geizig im Haushalt. Er tadelte die Testamente anderer, die bei großen Vermögen nichts für öffentliche Anstalten taten und setzte seinen letzten Willen in vier Zeilen auf, durch welche er sein Vermögen von über zweihunderttausend Gulden den Armen hinterließ, bedachte aber nicht ein einziges Institut, nicht einmal die Elisabethinerinnen, bei denen er in den letzten Jahren Ordinarius gewesen war, besonders. Er kannte die ganze Maschine der Staatsverwaltung und die Gebarung der Armeninstitute genau und wußte besser wie irgend jemand, daß sein Nachlaß an die Pfarren der Stadt verteilt, wie ein Strom im Sande verrinnen würde, ohne daß ihm nach seinem Tod ein besonderer Dank von Privaten und noch weniger ein öffentlicher zuteil würde. Sein ganzes Testament ging von der öffentlichen Meinung unbeachtet spurlos vorüber. Ich erwartete, daß der Bruder des Verstorbenen mich um einen Nekrolog bitten würde, als dies nicht geschah, setzte ich mich hin und schrieb aus Freundschaft einen solchen. Fürst Dietrichstein fand kein Wort daran zu ändern, der Majoratsherr Graf Ernst stand ganz unter dem Pantoffel seiner Frau und diese übernahm die Zensur, sie strich ungefähr zwei Drittel aus lächerlichen aristokratischen Gründen, so daß ich mich nicht entschließen konnte, dieses verstümmelte Bruchstück drucken zu lassen. Ich sandte eine Abschrift an Böttiger, es ist mir nicht bekannt, ob sie im allgemeinen deutschen Nekrolog erschien; um dem Freunde ein Andenken auch nach seinem Tode zu setzen, füge ich das Original hier bei. (B. 28.)

Am Tage des Begräbnisses meines Freundes Harrach[288] starb Frau Konstanze Spencer Smith, mit der ich seit dreißig Jahren auf ebenso freundschaftlichem Fuße stand wie mit ihrem von ihr geschiedenen Gemahl. Für diese Frau, die von Jugend an in der großen Welt gelebt und so viele Bewunderer gehabt hatte, war das Grabgeleite von nur vier alten Freunden ein sehr bescheidenes, außer mir der Gemahl, ihre Nichte Yerninghouse, Freiherr von Puthon, der letzte ihrer Anbeter, und Herr von Raab, der schon vor achtundvierzig Jahren an ihrer Wiege in Konstantinopel gestanden hatte.

Für die Zueignung des Werkes an den Kronprinzen hatte ich von ihm eine Tabatiere mit seinem in Brillanten gefaßten Bild erhalten. Meine immer wiederholten Vorstellungen über Reformen an der Orientalischen Akademie fanden beim Fürsten ebensowenig Gehör. Pilat hatte den Hofprediger Sedlaczek, den jetzigen Prälaten von Klosterneuburg, zum Direktor der Orientalischen Akademie vorgeschlagen, ich machte dem Fürsten triftige Vorstellungen dagegen, denn der Hofprediger kannte auch nicht einen Buchstaben eines orientalischen Alphabets. ›Das verstehen Sie nicht,‹ sagte der Fürst, ›um ein Orchester zu dirigieren, braucht es keinen großen Meister wie Haydn oder Mozart, ein ganz mittelmäßiges Talent reicht ebenso gut dazu.‹ ›Ganz richtig,‹ entgegnete ich, ›aber er muß doch wenigstens die Skala und den Takt verstehen.‹ Der Fürst schwieg.

In diesem Winter war Prokesch von seiner Reise in die Levante zurückgekehrt und war der Löwe des Tages in der Gesellschaft, besonders auf den Abenden des Fürsten Metternich. Metternich sprach mir von der ägyptischen Reise Prokesch' und über ägyptische Nationalökonomie, dernach alles Land Eigentum Mohammed Alis, wie es zur Zeit des ägyptischen Josef Eigentum des Pharao gewesen. Er war davon ganz eingenommen und entzückt. Ich äußerte meine Zweifel über die Richtigkeit des Prinzips und über die Fülle des Segens, die sich der Fürst und Prokesch davon versprachen. Aber der Fürst und Gentz schworen auf Prokesch' Wort, daß durch das Regierungssystem Mohammed Alis und durch sein Monopol allein dem Lande geholfen werden könne. Der Erfolg hat gezeigt, wer richtig gesehen, und wiewohl[289] später der Fürst selbst seine Meinung über die Ersprießlichkeit des Regierungsystems ebenso wie über die Griechen ändern mußte, so ging doch Prokesch, der damals in die politische Trompete des Fürsten stieß, seines Trompeterlohnes nicht verlustig, er wurde zuerst bevollmächtigter Minister und dann Gesandter in Griechenland.

Ich speiste mit Prokesch beim Fürsten Dietrichstein und er ersuchte mich, ihn dem Grafen Saurau vorzustellen. Saurau lud ihn mit mir zu Tisch. Prokesch war eines der auffallendsten Beispiele der Einwirkung der Gunst Hoher. Ausgezeichnete Eigenschaften und Erlebnisse sind ihm nicht abzuleugnen, trotz dieser hätte er nie seinen Weg gemacht, wie er es getan, wenn er nicht einen guten Teil von vorlauter Anmaßung gehabt hätte. Gerade dadurch gewann er Metternich und er wurde in den engsten Kreis des Fürsten gezogen.

Vor einigen Monaten hatte ich die nähere Bekanntschaft des Grafen Kolowrat gemacht, dem ich ein Exemplar der Belagerung Wiens überreichte und der mich wohlwollend und freundlich empfing. Diese gute Aufnahme war mir um so willkommener, als er in dem Rufe stand, Literatur und Literaten zu lieben und weder durch Metternich noch durch Saurau, die ihn beide haßten, das geringste für mich zu erreichen war, jener wollte, dieser konnte nicht. Wäre ich damals schon besser mit ihm bekannt gewesen, ich hätte ihn für mein Schauspiel ›Die Assassinen‹ interessiert, das ich dem Fürsten Metternich zur Zensur übergeben hatte und das er mir mit dem Bemerken, er habe gegen die Aufführung nichts einzuwenden, zurückgab. Ich gab es Deinhardstein, dem Theatersekretär und Redakteur der Jahrbücher und der Polizeihofstelle, und bekam es mit dem Bemerken zurück, daß es in Anbetracht der darin erwähnten geheimen Verbindungen durchaus nicht auf das Theater gebracht werden dürfe. Ich machte dem Fürsten gegen den Ausspruch seines Handlangers die begründete Vorstellung, daß die dem Thron und Altar gefährliche Lehre der Assassinen und die Greuel, zu denen sie führte, in meinem Stück mit all ihren verderblichen Folgen dargestellt sei. Er verteidigte den Ausspruch des Grafen Sedlnitzky aus dem Grunde, daß die zum Bösen[290] geneigte menschliche Natur sich diesem ohne Rücksicht auf den Abscheu, den der Verfasser einflößen will, hingebe.

Nach wie vor schrieb ich auf das freimütigste an die Gräfin Purgstall, und dies führte die höchst unangenehme erste Szene mit meinem Chef herbei. Im Jahre 1814 hatte er mich über die Art, wie ich an Böttiger über Hudelist geschrieben hatte, zur Rede gestellt, aber es war damals zu keiner heftigen Erklärung gekommen und sechzehn Jahre lang waren aus verletztem Briefgeheimnis gegen mich keine neuen Anklagen erhoben worden. Ich überbrachte dem Fürsten meine Anzeige von Bouriennes Werk für die Jahrbücher. Er legte sie beiseite und überraschte mich mit dem Vorwurf, daß ich die Meinung geäußert habe, er sei mit den französischen Ordonanzen, welche die Revolution vom Juli 1830 herbeiführten, einverstanden. Er spreche das letztemal mild zu mir (das wiederholte er dreimal), er wünsche keine neue Hormayriade. Ich wollte mich eben rechtfertigen, als der Türhüter den russischen Gesandten ansagte und dieser eintrat. Ich begab mich sogleich zu meinem Freund, dem Hofrat Kreß, welcher in der geheimen Sektion als Referent der deutschen Geschäfte und die Interessen der Diplomaten der fremden wie der einheimischen zu vertreten hatte. Ich erfuhr, daß in einem meiner Briefe eine Stelle über die Julirevolution, an die er sich nicht mehr genau erinnerte, gestanden habe. Sie sei ihm gar nicht besonders aufgefallen. Später erfuhr ich, daß die Stelle aus meinem Brief vom 6. August hieß: ›This is a fine result of the lessons given at Johannisberg to Count Apponyi, I should think, this event must bring the Prince to Vienna. Gentz will be petrified, I dare say, unless he sees a congress at the end of it. As all things are acting on us only by contraries, I am doubly glad of it for two reasons, the first, because the censure won't be harsher as before, the second, because the Jesuits have lost their game in France and can not of course play it higher here, as they have already done.‹ Am dritten Tage danach war ich wieder beim Fürsten, um die Sache weiter zu erörtern. ›Ich weiß nun den Grund der Anschuldigung Eurer Durchlaucht, es ist eine Stelle, deren ich mich auf Ehre nicht mehr genau erinnere, aus einem Briefe an die Gräfin Purgstall.[291] Diese ist eine alte Frau, die in einem Winkel von Steiermark auf ihrem Schlosse lebt, die nicht aus ihrer Bibliothek und von ihrem Sopha wegkommt und welche sich durch politische und literarische Neuigkeiten den Geist frisch erhält. Sie ist ein Whig und mag also in diesem Sinne nach England geschrieben haben, dafür kann unmöglich ich verantwortlich gemacht werden.‹ Der Fürst gestand, daß der Grund seines Unwillens eben dieser Brief sei, durch den ich mich eines ›Dienstverbrechens‹ schuldig gemacht hätte. Er lehnte alle Verbindung mit dem Duc de Polignac, den er nur als Knaben gekannt habe, ab, und mit dem er in gar keiner Verbindung stehe. Ich protestierte feierlich dagegen, daß mir, was höchstens ein ›Dienstversehen‹ als ›Dienstverbrechen‹ ausgelegt werde, das Gespräch wurde auf beiden Seiten heftig. ›Wenn Sie sich solcher Dienstverbrechen schuldig machen, gebe ich Ihnen die Freiheit‹, sagte der Fürst. ›Die gaben mir Durchlaucht längst, indem Sie mich nicht beschäftigten‹, erwiderte ich. ›Wenn Sie auf diesem Wege fortfahren, ziehe ich Ihnen den grünen Rock aus.‹ ›Den können Durchlaucht mir nicht ausziehen, sondern nur der Kaiser, der ihn mir angelegt.‹ Die Unterredung wurde durch den Sekretär der Expedition mit Stücken zur Unterschrift unterbrochen. Ich verließ den Fürsten und fuhr in die Schwimmschule, um meinen Ärger zu verschwimmen. – Ich sah den Fürsten erst nach meiner Rückkehr aus Hainfeld. Ich hatte dahin schon früher Urlaub genommen und besuchte meine Freundin mit Frau und Kindern. In der Ruhe des Landlebens unterschrieb ich Ende September das Nachwort zur Geschichte des Osmanischen Reiches. Ich dankte Gott dafür, daß ich dieses große und mühevolle Werk nun vollendet hatte und ging in den Garten. In Graz fand ich den neuen Gouverneur, der sich für die Verschönerung von Graz ebenso bemühte, wie später für die von Gleichenberg, den Grafen Wickenburg. Auch mit ihm war ich auf einem freundschaftlichen, doch nie so vertrautem Fuße, wie mit seinem Vorgänger, dem Grafen Hartig. Dem Erzherzog Johann hatte ich versprochen, die Präsidentschaft der Versammlung der Naturforscher, welche im nächsten Jahre in Wien tagen sollte, zu übernehmen.[292]

Bald nach meiner Rückkehr wurde die Heirat des Fürsten Metternich mit der Gräfin Melanie Zichy erklärt, ich wünschte ihm Glück dazu und hoffte, damit die Scharte meines Briefes an die Gräfin Purgstall ausgewetzt zu haben. Ich hatte mich aber geirrt. Danach hatte ich gegen Ende des Jahres noch eine lange Unterredung mit dem Fürsten über literarische Gegenstände. Gentz hatte als Zensor der Jahrbücher einen Aufsatz Hormayrs bloß wegen des Verfassers gestrichen. Als Deinhardstein die Redaktion der Jahrbücher übernahm, hatte er den Fürsten gefragt, wie er es mit Hormayr, der immer ein eifriger Mitarbeiter gewesen, halten solle, und der Fürst hatte gesagt, das sei Sache der Zensur, wenn seine Aufsätze nicht zensurwidrig, könnten sie aufgenommen werden. Der Aufsatz war eine trockene historische Dissertation ohne alle Ausfälle. Deinhardstein hatte sich mehrmal an Pilat gewendet, doch dieser hatte nie mit dem Fürsten gesprochen, so nahm ich mich der Sache an und erhielt das ›admittitur‹ gegen Gentz' Verbot. Ich lenkte das Gespräch auf den ›Letzten Ritter‹ von Anastasius Grün, dessen Bekanntschaft ich vor kurzem gemacht hatte. Ich sagte, es mache der Zensur Ehre, dieses schöne Gedicht durchgelassen zu haben, obwohl einige Stellen die Pfaffen treffen. Der Verfasser sei ein Graf Auersperg, ein reicher Gutsbesitzer in Krain, ein sehr liebenswürdiger junger Herr. ›Durchlaucht sollten ihn kennenlernen, dazu gibt ihm nicht nur seine Geburt, sondern sein großes poetisches Talent einen Anspruch.‹ ›Kaufen Sie mir das Buch‹, sagte der Fürst. In Mailand hatte mir der Fürst auch aufgetragen, ein Buch zu kaufen, ich hatte es nie bezahlt bekommen, ich antwortete daher: ›Ich werde Ihrem Bibliothekar den Auftrag Eurer Durchlaucht überbringen.‹ Der ›Letzte Ritter‹ wurde gekauft und der Gräfin Melanie Zichy gesendet. Ob er gelesen wurde, habe ich nie erfahren.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 285-293.
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