III. Als Sprachknabe nach Konstantinopel (1799).

[34] Nicht mit meiner im Jahre 1797 stattgefundenen Anstellung und dem Laufe meines Gehaltes als Staatsbeamter, sondern mit der Bestimmung nach Konstantinopel begann eine neue Periode meines Lebens durch die wirkliche Beschäftigung im Staatsdienste und eine zweckmäßige Verwendung der Zeit auf Studien. Meine Fortsendung nach Konstantinopel und von da nach Persien, wie ich mir sehnlichst wünschte, hing einzig vom Freiherrn von Thugut, dem damaligen Minister der auswärtigen Geschäfte, ab. Das Wort Jenisch', des alten Kameraden Thuguts in der orientalischen Akademie, in welche beide bei der Stiftung als erste Zöglinge aufgenommen worden waren, hatte kein großes Gewicht beim Minister. Er selbst war von ihm mit der Sendung als Hofkommissär nach Dalmatien zum Besten gehalten worden. Hätte die Sache von Jenisch allein abgehangen, wäre ich längst auf dem Wege nach Persien gewesen, er scheute sich aber, deshalb mit dem Minister zu sprechen, doch als ich ihn bat, mir eine Audienz bei Baron Thugut zu erwirken, tat er dies gern.

Ich wurde, als ich mich melden ließ, vorgelassen und empfangen, der Empfang war aber sehr verschieden von dem, der mir in späteren Jahren im Hause und am Tische des außer Tätigkeit Gesetzten zuteil wurde. Sein Schreibpult stand in der Nähe der Türe, er war aufgestanden und stand, als ich eintrat, hart an dieser. Kaum hatte ich meine Bitte um endliche Entsendung nach Konstantinopel ausgesprochen, als er, ohne ein Wort zu antworten, die Hand an die Klinke legte, um die Türe zu öffnen und mich auf diese Weise zu entlassen. Im selben Augenblicke, als er seine Hand auf die Türklinke legte, hatte ich Geistesgegenwart und Kühnheit genug, ein gleiches zu tun und die Türe festzuhalten. Ich fuhr fort, die Zweckmäßigkeit meiner Sendung nach Persien auseinanderzusetzen. Wir hielten beide in dieser sonderbaren Stellung aus, er die Hand auf der Klinke, ich die Türe zuhaltend. Die Freiheit, die ich mir genommen, mußte ihn überrascht haben, er heftete den Blick seiner großen Falkenaugen nur um so fester und[35] durchdringender auf mich. Ich ließ mich aber nicht aus der Fassung bringen, erst als ich geendet und er noch immer kein Wort gesagt hatte, zog ich meine Hand zurück. Er öffnete die Türe, verbeugte sich und entließ mich, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Diese stumme Audienz machte mir vielen Spaß und war meinem Freunde Harrach Wasser auf die Mühle seines Witzes. Wie er seinen Bruder den Simurgh der Familie nannte, so war ihm Thugut der Simurgh des Ministeriums wegen seiner Unzugänglichkeit und abgeschlossenen Lebensweise. Thuguts größtes Vertrauen genoß damals Graf Franz Dietrichstein, der jetzige Fürst, ein Vetter Harrachs. Dieser empfahl mich ihm und ich bekam die Erlaubnis, mich vorzustellen und meine Sache vorzutragen. Ich erinnere mich noch lebhaft des Hochachtung und Zutrauen einflößenden Eindruckes, der edlen Persönlichkeit des damals noch nicht 30jährigen Mannes mit den großen, freundlichen, blauen Augen, deren Blick ebenso wohltätig wirkte wie der Thuguts unangenehm.

Ich fand bei ihm geneigtes Gehör, das Thugut mir verweigert hatte, er sprach mit Kenntnis und Interesse über die damalige Lage der Dinge in Persien und versprach, meine Bitte zu unterstützen. Dies war der Beginn meiner Bekanntschaft mit dem Fürsten, die, hernach in England fortgesetzt, zur Freundschaft wurde, die sich in meinen guten und schlimmen Tagen immer gleich bewährt hat.

So wurde ich endlich zur Reise nach Konstantinopel flott und, obwohl der Internuntius keinen neuen Sprachknaben verlangt hatte, an ihn mit der Weisung geschickt, mir die Vergünstigung der langen Dolmetschkleidung, mit der eine Zulage verbunden war, zu gewähren, sobald ich im Türkischen fest genug. Von Konstantinopel sollte ich nach Haleb gehen, um mich dort im Persischen zu vervollkommnen, und da nach erst nach Persien reisen. Von den letzten Friedensverhandlungen her war Thugut mit Herbert, dem Internuntius, auf sehr gespanntem Fuß. Während Herbert in Wien mit den ersten Fäden einer Friedensverhandlung betraut zu werden erwartete, hatte Kaiser Josef Baron Thugut in die Wallachei geschickt und jetzt war Herbert sein Untergebener. Vor meiner Abreise wartete ich[36] dem Minister auf, um mich zu bedanken und seine Befehle zu erbitten. Diesmal ward ich freundlich empfangen, und Thugut gab mir den Auftrag, eine Handschrift der arabischen ›Tausendundeine Nacht‹ aufzufinden, für die er besondere Vorliebe hatte. Diesmal legte er nicht die Hand auf die Türklinke und entließ mich nach einer Unterredung von einigen Minuten mit einer seiner tiefen Verbeugungen. Das Reisegeld nach Konstantinopel betrug damals 100 Dukaten, die auch für die vier Wochen dauernde Reise erforderlich waren. Heute ist dank der Dampfschiffahrt der Aufwand an Zeit und Geld auf die Hälfte heruntergebracht. Die Diligence war damals in einem zu elenden Zustand, als daß ich mich hätte entschließen können, damit auch nur bis Pest zu fahren. Im Gasthaus ›Beim Wolfen in der Au‹ auf dem alten Fleischmarkt hatte ich zwei nach Konstantinopel fahrende böhmische Glaser gefunden, ich schloß mich an sie als dritter an, es waren gute, beschränkte Leute.

Am 1. Juli 1799 schifften die beiden Glaser und ich uns in Varna mit den zugleich abgehenden Postjanitscharen auf einem griechischen Segler nach Konstantinopel ein. Von diesem Tage an begann ich die Ereignisse jedes Tages mit ein paar Worten aufzuzeichnen.

Erst am fünften Tage nach unserer Abfahrt von Varna fuhren wir in die heilige Mündung des Bosporus ein. Reinster Himmel und leuchtende Sonne übergossen die lieblichen Formen der Uferhügel, die lebendigen Farben der Landhäuser und Kiöschke mit Licht und Glanz, die Symplegaden, die schwarzen basaltischen Felsen am asiatischen Ufer, das flutdurchhöhlte Klippengestade, der Sitz der Harpyen, die Trümmer des alten Klosters von Mauromelos und des byzantinischen Hafens, auf der europäischen Seite die fahlen Ruinen des genuesischen Schlosses und der Riesenberg, auf der asiatischen die weißen Mauern der neuen Schlösser des Kanals. Und inmitten dieses Gedränges von Schlössern und Türmen, von Kiöschken und Gärten, von Landhäusern mit flachen Dächern und vielen Fenstern, von buschigen Hügeln und reizenden Buchten die Wasserstraße des Bosporus, die als blaues Band zwei Erdteile verbindet – ich war geblendet, erstaunt, entzückt. Mit jeder Wendung des Schiffes[37] öffneten sich neue Aussichten auf den sich vorne erweiternden Kanal, auf die sich rückwärts verengende Meeresmündung. Mit Therapia vor Augen schließt sich der Kreis von allen Seiten, ein großer, von Hügeln umuferter Zaubersee. Das Schiff ankerte vor Bujukdere am 5. Juli zu Mittag.

Nachdem aus den mit mir angekommenen Postpaketen das Postgeld herausgenommen, die Depeschen dem Internuntius vorgelegt und die Postjanitscharen nach Konstantinopel abgefertigt waren, wurde ich durch meinen einstigen Kollegen an der Akademie, den Herrn von Brenner, der hier Sekretärdienste versah, dem Internuntius Freiherrn Herbert-Rathkeal vorgestellt. Der Empfang durch ihn, meinen nachmaligen Gönner, war ein Seitenstück zu dem ersten beim Freiherrn von Thugut, nur noch schlimmer; dieser blieb stumm, Herbert aber sprach mich an: ›Je n'ai que faire à vous, je ne vous ai pas demandé à la Cour, j'ai ici assez du monde. Vous n'avez qu'aller vous promener ...‹ Ich berief mich ehrerbietig auf die Depesche, welche mich nicht in Konstantinopel zu bleiben, sondern bloß türkisch eingekleidet zu werden und dann meine Reise nach Haleb fortzusetzen bestimme. Die lange Kleidung, antwortete er mir – er sprach immer französisch und konnte nur mit Mühe deutsch reden – sei eine nur jenen, die sich durch vorzügliches Sprachentalent im Türkischen auszeichnen, gewährte Begünstigung, erst müsse er sich überzeugen, ob ich eine solche verdiene. Während der kleine, ernste Herr sprach, musterte er mit strengen Blicken meinen Kopf, und der Anstoß, den er an meinen ungepuderten und rund abgeschnittenen Haaren nahm, kam zum Ausbruch. Von alter irischer Adelsfamilie stammend, verband er mit abgeschnittenen Haaren nur den Begriff der ›roundheads‹ und mit ungepuderten die Idee eines Jakobiners. Damals war noch die ganze Gesandtschaft bezopft und gepudert.

Ich versicherte, daß diese Haartracht in Wien allgemeine Mode sei und daß Offiziere sogar bei Hof ungepudert erschienen. Ich würde es ja nicht wagen, dergleichen vorzubringen, da mich ja die nächste Post Lügen strafen könne. Er schüttelte nur ungläubig den Kopf und befahl mir, die Reisekleider abzulegen und um vier Uhr zum Speisen zu[38] kommen. Ich warf mich in die Kampagneuniform, die ich mir nach dem Muster der damals beim Militär vorgeschriebenen hatte machen lassen: grauer Rock mit grünen Aufschlägen. Diese bis dahin bei der Gesandtschaft ungesehene Erscheinung gab als eine eigenmächtige Neuerung abermals Anstoß. Nach sechs Wochen, als durch die Briefe aus Wien meine Aussagen bestätigt wurden, wurden die rundgeschnittenen und ungepuderten Haare und der graue Rock mit den grünen Aufschlägen auch bei der Internuntiatur üblich.

Vorläufig durfte ich in Bujukdere bleiben und bei der Schreiberei für den nächsten Kurier aushelfen. Brenner gab mir am nächsten Morgen den Bericht eines im Lager des Großveziers befindlichen Agenten zum Abschreiben, damit verging der Vormittag. Nach dem Speisen nahte ich mich der liebenswürdigen und geistreichen Tochter des Internuntius, Constance, der 17jährigen Gemahlin des englischen Ministers Spencer Smith. Ich war mit ihr im besten Gespräch, als ihr Vater mit Papieren in der Hand aus seinem Kabinette kam, mit zorniger Miene auf mich losschritt, mich vor der ganzen Tischgesellschaft wegen meiner schlechten Schrift ausschalt und mir die Abschrift zerrissen vor die Füße warf. Ich bekam den Befehl, am nächsten Morgen, als unbrauchbar in der Kanzlei, meine Reise nach dem Gesandtschaftspalais in Pera anzutreten. Am folgenden Morgen fuhr ich zu Boot nach Pera ab. Erst hier entwickelte sich der ganze Zauber des Bosporus durch die Nähe der Landhäuser, an denen das Boot mit Pfeilschnelle, besonders in der ›Teufelsströmung‹, am asiatischen Hafen vorbeischoß. Die Häfen der Dörfer von Lastschiffen des Marktes und von Kajaks Privater umwimmelt, die Landungsplätze der Privatgebäude zu verschlossenen Toren führend, vor diesen hier und da ein schwarzer Verschnittener, die Sommerpaläste der Sultane und Sultaninnen, die mit farbigen und vergoldeten Gittern ins Meer hinausragenden Erker, die goldenen Inschriften auf azurnem Grund, die hohen Zypressen, die Rauchfänge und Minarette gingen wie in einer Zauberlaterne vorbei. Die Aussicht auf die Spitze des Sees und auf die hinter demselben sich entfaltende Kaiserstadt der sieben Hügel eröffnete sich, ein[39] regelloses Bild architektonischer Phantasie, ein hingeträumtes Gemälde aus Tausendundeiner Nacht. Ich stürzte mich ins Meer dieser neuen Eindrücke östlicher Welt. Ein großartiger, lebensfroher oder schwermütiger Eindruck jagte den anderen durch meine Seele. In der Nacht weckte mich zwei Stunden, ehe es tagte, der durch die tiefe Stille von den Minaretten tönende Gebetsausruf des Muesim, der mit den Worten endet: ›Gebet ist besser als Schlaf.‹ Meistens übertragen die in den Moscheen angestellten Muesims den Gebetsausruf ihren Söhnen, deren Silberstimmen von nah und fern als ein vielstimmiger Chor ineinander fallen. Der letzte verhallende Ton lullte mich wieder in Schlaf, bis das Morgenrot heraufzog. Eines Tages ward mir das prächtige Schauspiel einer feierlichen Ausfahrt des Sultans zuteil. Das imposante, reich vergoldete Boot des Sultans ragte, von zwei anderen ebenfalls vergoldeten Kajaks begleitet, als der Bucentaurus des Bosporus. Von dem Uferkiöschke des Serai mit Kanonendonner begrüßt, von den Stückbatterien des Top-Chane, von allen im Hafen liegenden englischen und russischen Kriegsschiffen, deren Flaggen und Wimpel in der Sonne flatterten und deren Mannschaften auf den Segelstangen in den Lüften standen, durchhallte ein lautes Hurra von allen Rahen den Hafen des Goldenen Horns und grüßte den Herrn zweier Erdteile und zweier Meere.

Kurz darauf war großes Fest und Ball beim russischen Gesandten in Bujukdere, zu dem die ganze Gesandtschaft geladen war, und wo auch ich, als neu aufzuführendes Mitglied derselben, das Gefolge des Internuntius vergrößern sollte. Ich fuhr mit meinen Kollegen am Nachmittag den Weg zurück, den ich vor kurzem herabgefahren und sah mit Entzücken dasselbe Schauspiel des Bosporus wieder im Wechsel anderer Beleuchtung und mit den anderen Szenen des ausruhenden Abends, der für den Türken mit dem Gebetsausrufe zwischen Mittag und Sonnenuntergang beginnt. Am folgenden Tage fuhr ich nach Pera zurück und begann sogleich meine Spaziergänge durch die auf dieser Seite des Hafens gelegenen Vorstädte Pera, Galata, Top-Chane, Chasskoi und Tutawla. Ich machte die Bekanntschaft zweier Männer, die meiner Neugierde hilfreiche Hand boten. Der[40] eine war der um die Topographie Konstantinopels und des Bosporus wie auch um die der Ebene von Troja verdiente Ingenieur Kaufer, der zweite der deutsche Gärtner des Serai, Herr Ensler. Bei diesem lernte ich den Maler Melling kennen, den Herausgeber des Prachtwerkes der Ansichten Konstantinopels und des Bosporus, dieser zeichnete auch mein erstes Porträt in der langen Dolmetscherkleidung. Ich speiste öfters beim Gärtner Ensler, dessen Wohnung im Garten an der Spitze des Serais hart am Gartentor lag. Wenn die Frauen und Odalisken des Harems, durch dieses Tor ausgehend, sich mit ihren schwarzen Verschnittenen einschifften, konnte er sie, selbst ungesehen, recht gut durch die Ritzen einer Wand beobachten. Diese Gelegenheit begünstigte auch mich eines Tages, als einige der schönsten weiblichen Gestalten unverhüllt durch das Torgewölbe watschelten.

Ich hatte Gelegenheit, den neu angelegten Garten des Serai, das neugebaute Kiöschk des Sultans und die Wohnung der Odalisken, als der Harem während des Sommers in Beschicktasch war, zu besichtigen. Der unter der Leitung des dänischen Geschäftsträgers Freiherrn von Hübsch im jämmerlichsten türkischen Geschmacke angelegte Garten mit den vom Gärtner Ensler aus Schönbrunn hieher verpflanzten Ananashäusern fesselte meine Aufmerksamkeit weniger als der goldene Kiöschk. Hier brachte der Sultan Selim, den Tag ruhend und nichtstuend, zwischen seinen Odalisken zu, an seiner Stelle regierten seine Mutter, die Valide, und ihr allmächtiger Obersthofmeister Jusuf. Die Kunde, die ich von dem Innern der Regierung, vom Sultan, von den Persönlichkeiten der Träger der obersten Staatsämter, des Großveziers und des Kapudan-Paschas, der durch die Sultanin unumschränkter Herr der Flotte war, bekam, setzte mich instand, über die Regierung des Osmanischen Reiches ein richtiges Urteil zu fällen.

Meine schon damals von dem unaufhaltbaren Verfalle des Osmanischen Reiches und dem vergeblichen Bemühen, demselben durch Reformen aufzuhelfen, gefaßte Ansicht war keine andere als die später von dem größten Konservativen der Türken, von Fürst Metternich und Gentz und endlich von der ganzen Welt geteilte.[41]

Was war von einem Großvezier zu erwarten, der sich beim letzten Brande von Pera auf einem Stuhle herumtragen ließ und, statt Löschaktionen zu treffen, nur ›Inschallah‹ wiederholte; was von einem Kapudan-Pascha, dessen Hauptaugenmerk gerade die Spiegelmöblierung des vom dänischen Schiffbauer Rhode gebauten Dreideckers war? Ein großer Mann, von dem die Rettung des Sultanreiches zu hoffen gewesen wäre, war aber weder damals zu sehen, noch ist er seither aufgetaucht.

Zu der geringen Hochachtung, welche mir die nähere Kenntnis dieser Regierung einflößte, kam noch der tiefe Abscheu vor der unnatürlichen Sittenverderbnis der Höchsten und Niedrigsten, besonders der Janitscharen.

Nicht so sehr, um meinen Freund Müller zu befriedigen, welcher mich um Berichte hierüber wiederholt gebeten, als um mich selbst von dem Unglaublichen zu überzeugen, besuchte ich nachts einmal eine Taverne in Galata, wo griechische Knaben Tänze aufführten, deren Zuseher Janitscharen und Galiardschi waren. Die ganze Gesellschaft bestand mit Ausnahme einiger Fremder nur aus drei Klassen: Lotterbuben, die von ihren Liebhabern bezahlt wurden, Männern, welche sie mißbrauchten, und aus Alten, welche zahlten, um von ihnen mißbraucht zu werden.

Der Aufenthalt in Pera war im Sommer höchst unangenehm wegen des Zisternenwassers des Palais und wegen der Mücken, welche es unmöglich machten, ohne Mückengarn im Bett zu liegen.

Mein Chef hatte durch Brenner, dem ich Exemplare des halben Dutzend meiner in Wien in Druck erschienenen Gedichte gegeben, diese zu Gesicht bekommen. Alsbald gelangte ein Billett Brenners an mich mit der Anfrage, ob ich nicht gesonnen wäre, die Befreiung von Akri durch Sir Sidney Smith, den Bruder des Eidams von Baron Herbert, durch ein episches Gedicht zu feiern, da doch die Zeitgeschichte keinen größeren Gegenstand und wirksameren Helden böte. Erwünschter als dieser Vorschlag hätte mir nichts kommen können, um aus ihm nicht nur für einen Landaufenthalt in Bujukdere, sondern auch für die Einkleidung in das lange türkische Gewand Vorteil zu ziehen.[42] Ich antwortete durch den zurückkehrenden Janitscharen, daß ich mich einem epischen Gedicht nicht gewachsen fühle, die Befreiung von Akri eigne sich auch nicht dazu, sondern eher zu einem Gedichte wie Voltaires ›Schlacht von Fontenay‹. In dieser Art würde ich es wohl wagen. Dazu sei mir aber die genaue Kenntnis englischer und türkischer Berichte und auch mündliche Besprechung mit dem Internuntius über Art und Geist des gewünschten Gedichtes nötig. Mit der nächsten Post wurde ich für vierzehn Tage nach Bujukdere berufen. Von diesem günstigen Umschwung der Dinge erhoffte ich Einsicht in diplomatische Berichte und Depeschen, die ersehnte türkische Einkleidung und die Pension in einem armenischen oder halebischen Hause zur besseren Erlernung von Türkisch und Arabisch. Der Internuntius empfing mich freundlich, fast wie ein Vater seinen Sohn, ich erhielt Einsicht in alle auf die Belagerung und Befreiung von Akri bezüglichen Berichte und Noten, mit der Einkleidung war es freilich vor der Hand noch nichts. Kurz nach meiner Ankunft machte mich Baron Herbert mit dem halebischen Armenier Herrn Aide bekannt, er war englischer Barataire und regelmäßiger Genosse der Whistpartie des Internuntius. Aide hatte ein Haus voll teils ganz, teils halberwachsener Mädchen, deren halebische Mutter, eine echte Araberin in schon vorgerückterem Alter, meine an sie gestellte Bitte, mit mir Arabisch zu lesen, auf das zuvorkommenste gewährte. Durch sie lernte ich ›Antar‹ kennen und las ihn mit ihr regelmäßig vormittags einige Stunden.

Meine Morgenstunden waren nun den Kanzleiarbeiten, der Lesung des ›Antar‹ und den Gesprächen mit der alten Frau, die Abendstunden mit dem Spaziergange auf dem Kai von Bujukdere mit jungen Mädchen gewidmet. So lernte ich morgens Arabisch, abends Neugriechisch sprechen.

Die Lesung des ›Antar‹ war mir lehrreich in bezug auf arabische Sitte, indem er mich ganz mit dem Geiste arabischen Rittertums durchdrang und ich darin zu meinem Erstaunen viele Berührungspunkte mit dem europäischen fand. Die über die Helme heruntergeschlagenen Tüllbänder hatte ich auf alten Gemälden als Helmbinden gesehen, und Zenteas aus einem vom Himmel gefallenen Donnerkeil geschmiedetes[43] Schwert, auf dessen Wellenlinien Straßen von Ameisen herumzulaufen schienen, brachte mir die geschliffenen Meteorsteine und verzierten Damaszenerklingen ins Gedächtnis. Solche Bemerkungen teilte ich immer gleich meinem Chef mit, der für alles Wissenschaftliche sehr empfänglich war, und die Vollendung des seiner Tochter gewidmeten Gedichtes der Befreiung von Akri setzte mich so sehr in seine Gnade und Gunst, daß er mir drei Tage vor dem Ende meines Landaufenthaltes, der von zwei auf vier Wochen ausgedehnt worden war, die Bewilligung gab, türkische Kleidung zu tragen und im Frühjahr nach Haleb abzugehen.

Als ich aus Bujukdere nach Pera zurückkam, ließ ich mir sogleich vom Schneider die langen Kleider anmessen. Am 8. September ging ich zum erstenmal in türkischer Kleidung aus, den Kalpak, welchen die Dolmetsche und die Doktoren tragen, auf dem Kopf.

Ich machte beim ersten Dolmetsch der Gesandtschaft, Herrn von Vollenburg, einem gelehrten Orientalisten, die Bekanntschaft eines persischen Derwisches. Er war der erste Perser, den ich seine Muttersprache sprechen und ›Hafis‹ lesen hörte. Im Besitz des Diwans desselben und eines Kommentars faßte ich den Entschluß, ihn ins Deutsche zu übersetzen.

Der September, der Monat, den ich sonst in Weidling verbracht hatte, wurde auch hier einer der schönsten Ferienmonate meines Lebens durch eine Partie, welche die Baronin Hübsch mit ihrer Gesellschaft nach den Prinzeninseln arrangierte. Am Tage nach dem Posteingange fuhr ich nach Bujukdere und kam gerade zu einer Lustfahrt nach den schönen Fluren von Hunkiar-Iskelessi zurecht. Zum erstenmal betrat ich den Boden Asiens, beim Aussteigen aus dem Kajak warf ich mich zu Boden und küßte die Erde als die meines geistigen Vaterlandes. Am nächsten Tage fuhr ich in einem Beschtschifte, einem fünfrudrigen Kaik, mit Baronin Hübsch und ihren Töchtern nach den Inseln. Luftige Pinien, milde Luft, von den Düften des Laudanum, der Melissen und würziger Kräuter durchschwängert, ein liebliches Paradies reicher griechischer Familien, die hier die schönen Frühlings- und Herbsttage[44] verbrachten und in jenem das Fest des ersten Mai, als das der Geburt der schönen Jahreszeit, in diesem das der Penachia mit Tanz und Musik feierten. Wir wohnten auf der zweitgrößten der Inseln, auf Chalki; sie ist die reichste an romantischer Schönheit durch die zu dem Kloster führende herrliche Zypressenallee und die malerischen Buchten, bei deren südlichster der mit Schlacken und buntem Gestein besäte Abhang des Hügels alle Spuren eines Erzberges trägt, wovon sie den Namen hat.

In der Bibliothek des Klosters zur Heiligen Dreifaltigkeit, die ich in einem elenden hölzernen Verschlage fand, entdeckte ich nur zwei bekannte Komödien des Aristophanes, ein Stück des Libanios und eine byzantinische Bullensammlung. Von Chalki aus besuchte ich die anderen Inseln, Prinkipo und Antigone, und auch das gegenüber nächst der asiatischen Küste gelegene Kastell Lucian und Maltepe. Im letzten Orte, dessen Namen »Schatzhügel« so lockend für den Altertumsforscher ist, fand ich nur die Ruinen einer alten Kirche mit zwei Inschriften. Ich ritt noch drei Stunden landeinwärts zu dem nur von Griechen bewohnten Dorf Bakal-Köi. Der Versuch, ein Stück eines Cippus mit einer Inschrift zu kaufen, mißlang, und fast wäre ich von den alarmierten Bewohnern gesteinigt worden. Nach einer angenehm verbrachten Woche kehrte ich nach Pera zurück. Da es an Räumen mangelte, wohnte ich nicht im Gesandtschaftspalais, sondern am Abhange seiner Terrasse in einem soliden hölzernen Haus. Mit mir wohnte dort der Capo Schiavoni, der Kapitän Marinkovich, ein viel belachter Dalmatiner. Sein rotes breites Gesicht mit der gepuderten Perücke erschien mir immer wie das eines Löwen. Ein Auge hielt er immer mehr oder weniger geschlossen. In der Kanzlei diktierte er die Briefe für die Schiffskapitäne seinem Handlanger, dem jungen Caprara, dann nahm er den Brief und machte, ohne ihn zu lesen, aufs geradewohl Beistriche und Punkte. Er wohnte im oberen Stocke dieses Hauses, ich im unteren zwischen vier hölzernen Wänden ohne Ofen oder Kamin, so daß ich mich im Winter mit der Wärme eines mir verhaßten Kohlenbeckens begnügen mußte.[45]

Ich begann meine Tagesordnung, die ich seitdem, außer gesellschaftliche Pflichten zwangen mich, Ausnahmen zu machen, regelmäßig beobachtet habe. Ich ging um neun Uhr schlafen und stand um vier Uhr auf. Die drei ersten Stunden des Tages widmete ich schriftstellerischer Arbeit und Studien. Jetzt gehörten sie der Übersetzung des ›Hafis‹, die ich zum Teil schon versucht und jetzt während der ersten vier Monate meines Aufenthaltes in Konstantinopel vollendete. Von sieben bis zehn Uhr vollendete ich die mir zugeteilte Arbeit für die Kanzlei, nahm dann meine Stunden beim Chodsch, dem türkischen Lehrer der Sprachknaben bei der Gesandtschaft, und ging darauf in die gleich auf der anderen Seite des Hafens gelegene Bibliothek Abdul Hamids, in der mich Herr von Vollenburg eingeführt hatte, oder begleitete ihn auf seinen Geschäftsgängen, um das Innere der Stadt kennenzulernen. Um vier Uhr war Tafel beim Internuntius, und die Abendstunden verbrachte ich in der Gesellschaft. Meine Forschungen und Studien in der Bibliothek betrafen die humanistischen Wissenschaften und die schöne Literatur ebenso aus Geschmack und Neigung wie aus dem Grunde, weil ich Werke dieser Art ohne Schwierigkeiten erhielt, die mir sicher begegnet wären, wenn ich diplomatische oder juridische Handschriften verlangt hätte. Ich forschte allen Quellen osmanischer Geschichte, Anthologien und Dichterbiographien nach, deren Titel ich aus Hadschi Chalfa kannte. In keiner Bibliothek, wo ich später gearbeitet, tat ich es mit solchem Eifer und seliger Erbauung wie in der Abdul Hamids.

Mit Herrn von Vollenburg besuchte ich auch die Ingenieurschule in Chassköi und die Druckerei, wo gerade das große türkisch-persische Wörterbuch des Burhani Hatii fertig geworden. Dort legte ich mit dem Ankauf einer Abhandlung über die Wasser Konstantinopels den Grund zu meiner Sammlung aller in Konstantinopel gedruckten Werke. Diese seither vergriffene und sehr selten gewordene Abhandlung diente mir als Leitfaden auf meinen topographischen Spaziergängen. Auch auf den Büchermarkt führte mich Herr von Vollenburg. Die damals gekauften drei türkischen Werke, eine Enzyklopädie von zwölf Wissenschaften,[46] die chronologischen Tafeln Hadschi Chalfas und der Lehrmeister des Beischlafes, sind die drei Grundlagen, auf welchen sich später meine bis zu einem halben Tausend vermehrte Sammlung orientalischer Handschriften in enzyklopädischer, historischer und philologischer Richtung aufgebaut hat. Neben Bibliothek, Druckerei und Büchermarkt ergriffen mich auch alle anderen großen öffentlichen Gebäude und Anstalten mit lebendigstem Interesse.

Am Tische des englischen Ministers Spencer Smith traf ich den eben angekommenen Gesandten von Ragusa, den Grafen Cabogha, der früher in Wien gewesen und Baron Thugut näher gekannt hatte. Vier Wochen später hatte er seine Antrittsaudienz an der Pforte, und da er mich unter sein Gefolge aufnahm, genoß ich das erwünschte Schauspiel einer feierlichen Audienz und der Bekleidung mit dem Kerake, dem türkischen Zeremonienkleid. Das Kerake ist das mittlere bei solchen Gelegenheiten ausgeteilte Ehrenkleid, das vornehmste und kostbarste ist der Pelz, ein mit Hermelin oder Zobel ausgeschlagenes Winterkleid, das Kerake ist ohne Pelzfuter ein Sommerkleid, das niedrigste, der Kaftan, ist ein bloßer, gelb und weiß gestreifter Überwurf aus grobem Zeug. Diese Ehrenkleider hatten feste Taxen, um die sie sogleich nach der Audienz den Juden und Armeniern verkauft wurden, welche sie mit Gewinn von einigen Piastern dem Zeremonienmeister zurücklieferten. Die Pelze wurden vom leichtesten Hermelin bis zum schwersten Zobel von 200 bis 300 bis zu 2000 bis 3000 Piastern bezahlt. Das Kerake brachte 25, der Kaftan, den die Dienerschaft erhielt, 5 Piaster. Kaum ward das letzte Wort der Audienz gesprochen, als die ganze Gesandtschaft von Tschauschen wie eine Herde Vieh mit ›Gsch-gsch‹ aus dem Saale getrieben wurde.

Einen Monat später wohnte ich der Audienz des englischen Botschafters Lord Elgin im Serai bei, welche mit außerordentlicher Pracht stattfand.

Die Audienz des englischen Botschafters an der Pforte, beim Kaimaben und im Serai, beim Sultan hätte früher stattgefunden, wenn nicht die Etikettefrage, wie der bisherige Minister Spencer Smith dabei zu behandeln sei, sowohl[47] vonseiten der Pforte als von der des Botschafters Anstand gefunden hätte. Endlich wurde ausgemacht, daß der Botschafter beim Kaimaben auf einem Lehnstuhl, der bisherige Minister auf einem Taburett sitzen solle. Dies war der Beginn von sehr unangenehmen, dem Gange der Geschäfte schädlichen Reibungen zwischen Spencer Smith und Lord Elgin, dessen kleinlicher Geist auf die beiden Brüder Smith, welche den Allianzvertrag mit der Pforte als bevollmächtigte Minister abgeschlossen hatten, eifersüchtig war und denselben alle möglichen Prügel unter die Füße warf. Diese Zwietracht führte auch bei meiner ägyptischen Reise eine sehr merkwürdige Katastrophe herbei.

Am 7. Februar kündigte mir Freiherr von Herbert an, daß die durch die abgeschlossene Konvention von El-Aarish demnächst zu erwartende Räumung und Eroberung Ägyptens ihm die Möglichkeit an die Hand gebe, meinen Reisewunsch vorläufig durch die Sendung nach Ägypten zu befriedigen, und er wolle mir die Untersuchung der Geschäftsführung der Konsulate, von welchen seit der Besetzung durch die Franzosen kein Bericht eingelaufen war, auftragen. Zwei Tage später befahl er mir, meine Instruktion selbst zu entwerfen, auch Graf Cobenzl, sagte er, habe dies getan, als er im Alter von neunzehn Jahren seine diplomatische Laufbahn als Gesandter in Dänemark antrat.

Am folgenden Tage verlautete meine Reise unter der Marke einer wissenschaftlichen nach dem Archipel. Von Spencer Smith erhielt ich Aufträge und Briefe an seinen Bruder.

Ich traf die Reisevorbereitungen, schaffte mir die Kleidung eines Tataren, das ist eines Kuriers, mit blauen Pluderhosen, kurzer Jacke, gelbem Kalpak an und schiffte mich ein. Der Wind war ungünstig und blieb es auch noch am 16.; da der Südwind andauerte, faßte ich den auch von Baron Herbert gebilligten Entschluß, meine Reise bis zu den Dardanellen zu Land anzutreten.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 34-48.
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