XXVII. Reise nach München und Regensburg.

[397] Im verflossenen Jahre 1849 hatte ich die Lesung der von der Leydener Bibliothek entlehnten Bände der großen Blütenlese Amadeddins vollendet und begann nun die Auszüge aus der Blütenlese, deren Titel ›Die Statue des Palastes‹ und die sich unmittelbar an jene anschließt. Die in der Hofbibliothek befindliche Handschrift dieser Sammlung ist aus meiner Kollektion. Wenige Tage vor Ostern 1850 traf ich Leopold v. Neuwall, den früheren Abgeordneten im Reichstage zu Frankfurt, am gleichen Tage war im ›Lloyd‹ die erste Nachricht von der bevorstehenden Aufhebung des Placetum regium erschienen. Er wollte die Möglichkeit einer so unpolitischen Maßnahme gar nicht glauben. Auch Fürst Dietrichstein begriff diesen Mißgriff nicht. Wie konnte Herr von Schmerling seine Zustimmung dazu geben? Am nächsten Tage ging ich zu ihm, um mit ihm bei dieser Gelegenheit auch über die Akademie zu sprechen. Ich begann damit, daß ich ihm sagte, als guter Österreicher erachte ich es für meine Pflicht, ihn von der Mißstimmung zu unterrichten, welche durch die Nachricht von der Aufhebung des Placetum regium und der gänzlichen Trennung der Kirche vom Staat entstanden sei. Herr von Schmerling glaubte selbst nicht an diese Möglichkeit, er meinte, die von der geistlichen Partei gewünschte Aufhebung werde nicht genehmigt werden, es könne sich nur auf die Freiheit der Hirtenbriefe und andere, bloß die innere Macht der Kirche betreffende Maßregeln handeln, die man ohne Gefahr für den Staat freigeben könne.

Die Wahl des Fürsten Schwarzenberg in der Person des Herrn Hübner für den Gesandtschaftsposten von Paris war ebenso glücklich wie die des Freiherrn von Prokesch als Gesandten nach Berlin. Zumeist nahm er bei der Neubesetzung diplomatischer Posten weniger Rücksicht auf Fähigkeit und Talent, als auf persönliches Interesse und Empfehlung, wie zum Beispiel bei der Besetzung des Postens in Florenz mit dem Freiherrn Karl von Hügel oder mit der des Generalkonsulates[397] in Warschau mit dem Oberst Heine, der nur ein mondäner Schwätzer war. Glücklicher waren seine Wahlen im Inneren seines Ministeriums. Dort umgab er sich zumeist mit kenntnisreichen und tüchtigen Männern, wie mit den Herren von Thimig, Biegeleben und dem Freiherrn von Werner, der zwar oft nervös und empfindlich, aber doch ein ausgezeichneter Geschäftsmann, und dessen Schreibweise in gedrängter Kürze das Muster guten Geschäftsstiles war.

Im Mai hatte mir Anastasius Grün ein Exemplar seines ›Pfaffe vom Kahlenberg‹ und eines der zweiten Ausgabe seines mir gewidmeten, ›Schutt‹ geschickt. Diese Freundlichkeit erinnerte mich an eine literarische Ehrenschuld. Ich hatte ihn vor zwanzig Jahren gebeten, die Zueignung eines moslemischen Lehrgedichtes anzunehmen, dessen Idee mir schon lange vorgeschwebt, an deren Ausführung ich aber noch nicht Hand gelegt hatte. Auf seine freundliche Zusage hin hatte ich das erste der sieben Bücher, aus denen das Ganze bestehen sollte, noch im Sommer desselben Jahres begonnen. So waren in den Jahren 1831 bis 1834 vier Bücher vollendet worden. Nun suchte ich die Handschrift heraus und vollendete noch im Mai des Jahres das fünfte Buch. Das sechste sollte nach meinem Plane von der sinnlichen Liebe im Gesetz der Araber und Perser, das siebente von der geistigen der Morgenländer, dem Ssofismus handeln, über seine Anlage konnte kein Zweifel obwalten, da die Lehre der Ssofi in dem Gedicht Mashwenj, des großen Mystikers Dschelaleddin Rumi, vorliegt und das bündigste Lehrgedicht darüber, der ›Rosenflor des Geheimnisses‹, von mir selbst übersetzt und herausgegeben war. Nur über die Anlage des sechsten Buches war ich nicht ganz klar, sollte es bloß in einem kurzen Auszug der berühmtesten romantischen Gedichte der Perser, Türken und Araber bestehen, oder nur eines von ihnen behandeln? Ich entschied mich dafür, denselben Weg zu verfolgen, den ich schon in der Schirin eingeschlagen hatte, nämlich die Kunde der mir durch die Geschichte der arabischen Literatur näher bekannten Liebespaare der Araber aufzunehmen, eines der berühmtesten aber besonders zu behandeln. Das konnte kein anderes als Jusuf und Suleika sein, das Epos hatte ich zwar schon meiner[398] Schirin eingewoben, hatte allerdings dort keine Rücksicht darauf genommen, daß keines der anderen Liebespaare so ausschließlich als Muster übersinnlicher, geistiger Liebe gelten konnte wie dieses. Herr von Rosenzweig hatte es im Urtext und in sehr gelungener treuer Übersetzung der Welt vorgelegt. Die Liebe Suleikas erscheint darin, nachdem sie Jusuf den Genuß ihrer Schönheit verweigert, ihr ganzes Leben hindurch als eine treue und rein geistige. Zur Belohnung erhält sie in hohem Alter ihre Jugend und Schönheit wieder, und Jusuf nimmt sie, durch ihre Treue ebenso wie durch ihre Schönheit gerührt, zur Gattin. Aber auch jetzt noch mußte ihre Liebe eine rein-geistige bleiben, dem sinnlichen Genuß trat Jusufs hohes Alter entgegen. Daher gilt von allen berühmten morgenländischen Liebesgeschichten die von Jusuf und Suleika als das einzige Vorbild reiner, geistiger Liebe. Diese Liebe sollte den natürlichen Übergang vom sechsten zum siebenten Buche bilden, das nichts als die Lehre der Ssofis von der göttlichen Liebe zu enthalten bestimmt war. Für das siebente Buch hielt ich es für notwendig, das Werk des großen philosophischen Dichters Ebel Olan durchzulesen, welches den Titel ›Das notwendige Überflüssige‹ hat. Die Leydener Bibliothek hatte mir eine sehr schöne Handschrift geliehen, die Auszüge aus dieser mußten bis zu meiner Abreise nach Steiermark, Ende Juli, vollendet sein. Das Gedicht gehört zu den schwersten der arabischen Sprache und verursachte mir viel Arbeit und Nachdenken.

Nachdem ich vier Wochen in Hainfeld verbracht hatte, fuhr ich zu meiner Tochter nach Gartenau, wo ich meinen Enkel Alexander Bernd aus der Taufe hob. Von da fuhr ich nach München. Mein erster Besuch dort war bei dem Reichsrate von Maurer, dem ich das mir verliehene Komturkreuz des Michaelsordens verdankte. Ich erzählte ihm von meiner Stellung und meinen Verhältnissen in Wien und verhehlte ihm nicht, daß außer dem Wunsche, die seit neun Jahren neuen Werke der Architektur und Kunst in München zu bewundern, mich auch der hierher geführt habe, die musterhafte Einrichtung der Bibliothek kennenzulernen. Nach diesem Besuche bat ich den Adjutanten des regierenden Königs, von diesem, der gerade in Hohen-Schwangau weilte,[399] mir eine Audienz zu verschaffen. In der Bibliothek wurde ich vom Hofrat Lichtenthaler freundlichst empfangen. Trotz der Ferien gestattete er mir die Benützung ihrer Schätze. Ich erklärte ihm sogleich, daß ich diesmal nicht als Leser kommen wolle, sondern nur zum Studium der musterhaften Einrichtungen, da ich den Auftrag habe, über sie dem Ministerpräsidenten Bericht zu erstatten. Lichtenthaler führte mich zum ersten Kustos, dem bekannten Philologen Schmeller, und dann zu dem Geistlichen Schrettinger, der zwar bebereits im Ruhestand war, aber doch noch den von ihm begonnenen Realkatalog weiter bearbeitete. Die Vormittage verbrachte ich zumeist mit der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Münchens. Mein Freund Umbreit führte mich in die Werkstätten von Kaulbach und Schwanthaler. Der regierende König lehnte es ab, mir in Hohen-Schwangau Audienz zu erteilen.

Am 27. September verließ ich München im Eilwagen und fuhr nach Regensburg. Ich wollte dies sowohl wegen seiner deutschen Altertümer als wegen der Walhalla kennenlernen, und von dort die Donau herab nach Wien fahren. Auf der Fahrt überdachte ich die Vollendung meines Lehrgedichtes ›Jusuf und Suleika‹ und meinen Bericht über die Einrichtungen der Münchener Bibliothek an den Fürsten Schwarzenberg.

Der geschichtliche Ruhm der alten Reichsstadt Regensburg, einst der Sitz des deutschen Reichstages, hatte mich schon längst angezogen. In den Sälen, wo einst die Versammlungen des Reichstages stattfanden, sah ich alte Wandgemälde und besonders alte Tapeten, die wohl bis ins zwölfte Jahrhundert hinaufreichen dürften, die aber mit ihren merkwürdigen alten Inschriften noch nirgends beschrieben worden sind. Noch am gleichen Abend schrieb ich darüber an Herren von Maurer und fragte an, ob denn noch kein Akademiker diese Werke alter Kunst, welche vielleicht bald verwittert sein werden, seiner Aufmerksamkeit für wert erachtet habe. Vermutlich sind diese Wolltapeten niederländische Arbeit, obwohl die Inschriften alle deutsch sind, leider sind sie durch die Zeit zumeist unleserlich geworden und nur wenige vermochte ich zu entziffern. Der Gegenstand dieser[400] Kunstwerke sind fröhliche Schwänke aus altdeutschen Sagen. Eines dieser Bilder fiel mir besonders auf, weil sein Stoff orientalisch und offenbar durch die Kreuzzüge aus dem Morgenlande herübergekommen ist. Es ist der Schwank von dem losen Weibe, welches sich von ihrem Buhlen vor den Augen ihres Mannes umarmen lassen wollte. Sie stieg auf einen Birnbaum und erhob dort großes Geschrei, daß sie von dort aus ihren Mann im Genusse verbotener Liebe sehe. Sie stieg herab und bewog ihn hinaufzusteigen, als er oben war, brachte sie ihren Buhlen aus seinem Versteck und ließ sich von ihm umarmen. Der Mann war außer sich, und als er herunterstieg, sagte sie, daß alles Blendwerk des Birnbaumes sei, wie sie sich ja selbst überzeugt hatte, denn auch sie sei allein. Auf der alten Tapete hockt der Mann auf dem Baum und spricht ein paar eingewirkte Worte zu dem Weibe, das ihm seine Dummheit vorwirft. Im Interesse der Kunst und Literatur wäre es sehr zu wünschen, daß diese Bilder mit ihren Inschriften abgezeichnet und veröffentlicht würden, ehe die Tapeten ganz zugrunde gehen.

Nachdem ich Dom, Donaubrücke und Reichstagsgebäude besichtigt hatte, blieb mir nur mehr die Gemäldesammlung im Palaste des Fürsten Taxis und die neue Familiengruft zu besehen übrig. Nachmittags fuhr ich zur Walhalla, die meine Erwartungen erfüllte. Am nächsten Tage fuhr ich mit dem Schiff nochmals an ihr vorbei und konnte den Blick nicht von diesem Tempel deutschen Ruhmes abwenden, bis ich ihn aus den Augen verlor. Ich blieb einen Tag in Linz und besuchte den Verwandten meiner seligen Frau, Rittmeister von Sonnenstein. Am folgenden Morgen setzte ich die Fahrt nach Wien fort und traf auf dem Dampfschiffe den Grafen Moriz Dietrichstein und verschiedene andere Bekannte.

Am 1. Oktober ging ich um zehn Uhr zu Fürst Schwarzenberg, um ihm über meine bibliothekarischen Forschungen in München zu referieren. Diesmal sollte meine Geduld auf eine noch härtere Probe gestellt werden als je zuvor. Erst um fünf Uhr nachmittags ging ich fort, ohne vorgekommen zu sein. Fürst Dietrichstein gab mir den Rat, überhaupt nicht mehr hinzugehen, dies hätte ich aber nur tun können,[401] wenn Fürst Schwarzenberg nicht mein Vorgesetzter gewesen wäre, aber ich faßte den Entschluß, nie mehr sieben Stunden zu warten, sondern schon früher davonzugehen.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 397-402.
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