Die ersten Tage in der Gefängniszelle

[38] Nicht lange Zeit blieb mir, um über meine jüngsten Erlebnisse nachzudenken. Denn kaum hatte mich die Aufseherin eingeschlossen, als sich auch schon der Schlüssel von neuem im Schlosse zu drehen begann. In der geöffneten Tür erschien jetzt wieder die große starke Aufseherin, ein Fräulein Kr., wie ich bald darnach erfuhr, da sich die Beamtinnen untereinander mit ihren Namen anzureden pflegten.

Sie bedeutete mich, ihr die Treppe hinauf zu folgen, wo sie mir eine Mittelzelle im ersten Stockwerk anwies, und mich daselbst einschloß. Diese Zelle, Nummer 37, wie die Nummerbezeichnung auswies, die jeder Türe in weithin sichtbarer Zahl aufgeprägt ist, sollte nun für mehrere Monate mein Wohnraum werden.

Trotz der begreiflicherweise sehr niedergedrückten Stimmung, in der ich mich befand, hielt ich unwillkürlich in dem Raume Umschau, den ich zum ersten Male betrat, und von dem ich noch nicht ahnte, wie lange er mich beherbergen würde.

Eine solche Gefängniszelle ist ungefähr sechs Schritt lang. Ihre Wände sind grauweiß getüncht. Die eine Längswand nimmt ein weißgescheuerter Holztisch mit ebensolcher Bank ein; beides so in die Wand eingelassen, daß Tisch und Bank der Nachbarzelle damit verbunden ist. In gleicher Weise[38] verbunden sind an der gegenüberliegenden Wand die eisernen Feldbetten der aneinander grenzenden Zellen. Auf dem Feldbett, das tagsüber aufgeklappt und mit starken eisernen Haken angehangen wird, liegt eine Strohmatratze mit entsprechendem Keilkissen, sowie eine Wolldecke, die in einen groben grauleinenen Bezug eingenäht ist. Vorschriftsmäßig gehört noch ein grobleinenes weißes Bettuch dazu. Doch habe ich mehrere Monate lang ohne Bettuch auf der bloßen, durch die viele, öfters wechselnde, mitunter auch mißbräuchliche Benutzung hart und brüchig gewordenen Matratze schlafen müssen.

Des Abends, wenn das Feldbett niedergeklappt ist, bleibt zwischen ihm und dem Tische nur ein schmaler Durchgang. Das einzige Fenster des Raumes ist hoch oben, nahe der Decke angebracht, so daß selbst große Personen nicht hinaussehen können, was ohnedem streng verboten ist.

Trotzdem wird dieses strenge Verbot fast allgemein in ausgiebigster und dabei höchst raffinierter Weise übertreten.

Starke quadratische Eisengitter sind vor dem Fenster in die Mauer eingelassen und machen das Gelaß von innen wie von außen als Gefängniszelle kenntlich

Die Türwinkel füllt auf der einen Seite das Rohr der Dampfheizung, auf der anderen das Wasserklosett,[39] dessen Spülvorrichtung von außen aufgedreht wird.

Diese Einrichtung könnte höchst praktisch und der Gesundheit dienlich wirken, nur wird sie leider meist sehr lässig bedient, so daß in den Zellen oft trotz sorgfältigster Lüftung ein recht übler Geruch herrscht.

An der einen Wand ist noch in mäßiger Höhe ein Schränkchenregal befestigt, das zwei Fächer enthält, in denen die nötigen Gebrauchsgegenstände der Insassin untergebracht sind. Im unteren Fach steht der Trinktopf aus weißem Steingut und eine ebensolche Eßschüssel nebst Blechlöffel, während im oberen Fach Gesangbuch und Testament, Kleiderbürste und Kamm ihren Platz finden.

Der Kamm hat mir in der Folgezeit großen Verdruß bereitet. Seltsamerweise war es nur ein Staubkamm, und mir daher ganz unmöglich, mein noch ziemlich langes und sehr dichtes Haar damit auch nur einigermaßen zu schlichten, so daß in kurzer Zeit ein völliger Wirrknoten daraus wurde.

An der einen Seite des Regals hängt an einem Nagel Handbesen und Schaufel, an der anderen ein großes auf Pappe geklebtes Plakat, das die gedruckten Verhaltungsvorschriften für die Gefangenen enthält. Am unteren Ende des Regals ist für Handtuch und Schüsseltuch eine Art Kleiderrechen angebracht. Darunter steht ein irdener Wasserkrug, ein[40] ovales Waschbecken aus Weißblech und ein Sandnapf nebst Lappen zum Putzen desselben, das vorschriftsmäßig wie Silber zu blinken hat.

Eine durch und durch unpraktische, ja geradezu gesundheitsgefährliche Einrichtung. Denn durch das täglich nach Gebrauch vorgeschriebene Putzen dieser Waschbecken mit dem seinen weißen Sand wirbelt ein scharfer, trockener Staub auf, der sich merkbar auf die Lungen legt. Die Folge davon war, daß die meisten Gefangenen über diese Waschbecken schimpften, ja daß es viele sogar vorzogen, sie unberührt zu lassen und statt dessen ihre Eßschüsseln als Waschgefäße zu benutzen, was allerdings weniger schädlich, jedoch im höchsten Grade unappetitlich wirkt.

Solches alles erfuhr ich natürlich erst später. In der ersten Zeit war ich viel zu apathisch, durch all die schrecklichen Erlebnisse seelisch allzusehr niedergedrückt, als daß irgend etwas ein intensiveres Interesse bei mir erwecken konnte. Mechanisch tat ich alles, was man von mir verlangte. Ich hegte nur den einen Wunsch, all diesen Schrecknissen möglichst bald durch den Tod entrückt zu werden. War es auch ganz entschieden ein bei weitem menschenwürdigeres Gefängnis als jener mittelalterliche Polizeigewahrsam, so war es doch immerhin ein Gefängnis. Und obgleich ich den Unterschied in vielen Stücken[41] tatsächlich wohltuend empfand, so rief doch auch wieder die stete strenge Kontrolle und manches andere mehr in erhöhtem Maße den Eindruck der Unfreiheit und dauernder Einkerkerung hervor, ein Eindruck, der durch verschiedene Schikanen noch verstärkt wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben befand ich mich in einer richtigen Gefängniszelle. Denn das Loch, in dem ich ein paar Tage vegetiert hatte, konnte man füglich nicht einmal als Zelle bezeichnen. Hier begann ich zum ersten Mal über mein Schicksal nachzudenken. Dabei wurde mir immer klarer, daß ich mein Leben verfahren, daß ich mich durch meine unüberlegt törichte Gutmütigkeit in eine Lage gebracht hatte, deren Ausgang nur ein furchtbarer sein konnte. So beschloß ich zu sterben, mich dem Tod freiwillig in die Arme zu werfen. Hatte ich im Polizeigewahrsam teils aus Ekel, teils in einem gewissen trotzigen Schrecken über meine gänzlich unerwartete Verhaftung die Nahrungsaufnahme verweigert, jetzt kam System in diese Weigerung. Ich wußte auf einmal genau, was ich wollte, durch Aushungerung meinem Leben ein Ende machen, das mir nach Verlust der Ehre, den ich nunmehr in erschreckender Deutlichkeit vor mir sah, unerträglich erschien.

Ich weiß nicht, ob es viele Frauen gibt, die ebenso denken und empfinden Bei der großen Mehrzahl wird es wohl nicht der Fall sein, wie ich im[42] späteren Verlaufe meiner langen Untersuchungshaft öfters zu beobachten Gelegenheit hatte. Eins aber ist wohl allen, insonderheit den erstmalig Inhaftierten gemeinsam: das furchtbare, trostlose Gefühl, in enger Zelle eingeschlossen, von der Außenwelt abgeschieden zu sein. Dieses Gefühl wird hervorgerufen und stets wach erhalten nicht nur durch die Einsperrung, sondern durch die ganze Umgebung. Das Rasseln der Schlüssel in den Schlössern, das Klappern derselben, wenn draußen im Gange die Aufseherinnen hastig vorbeieilen, sogar das Feststehen von Tisch und Bank, die man nicht beliebig von der Stelle rücken kann – alles verstärkt den Eindruck der Unfreiheit. Ganz besonders aber ist es das kleine vergitterte Fenster, das von ganz da oben fast gespenstig herniederblickt, was auf den Neuling niederdrückend wirkt. Läßt es doch nicht wie andere Fenster einen Ausblick zu in die Welt da draußen, in lachende Gefilde, nicht einmal in den öden Gefängnishof. Will man einen Blick nach dem Firmament tun, will man je nach der Tageszeit Sonne, Mond und Sterne schauen, dann muß man das Fenster offnen. Dann rasselt die schwere eiserne Kette, die es auf und nieder zieht.

Obgleich sonst keineswegs schreckhaft, ließ ich das erste Mal wie in jäher Bestürzung die Kette fallen, und mit einem dröhnenden Ruck sauste das Fenster[43] herunter. Erschrocken sah ich mich um. Die Klappe des kleinen Beobachtungsfensters, das in jeder Zellentür angebracht ist, öffnete sich nicht. Man hatte also wohl nichts gehört, oder doch nicht bemerkt, aus welcher Zelle das Geräusch kam.

Auch diese Beobachtungsfenster, kleine runde, mit Glaseinsatz versehene Öffnungen, die außen mit einer Schließklappe versehen sind, tragen wesentlich dazu bei, das Gefühl der Unfreiheit, des steten Kontrolliertwerdens in den Untersuchungshäftlingen zu verstärken.

Mancher könnte vielleicht glauben – und in der Tat wird solche Ansicht mitunter selbst von Fachleuten ausgesprochen – daß die Untersuchungshaft einen Vorschmack der Strafhaft geben, dem künftigen Sträfling eine Art Vorbereitungsanstalt sein soll, damit er sich nach und nach an das Gefängnisleben gewöhne. In Wahrheit ist aber die Untersuchungshaft für die meisten viel schrecklicher und peinvoller als die Strafhaft. Dazu trägt schon die Unruhe und Ungewißheit erheblich bei, in der sie über ihr endgültiges Geschick schweben. Gewiß freut sich jeder Verurteilte, wenn ihm von der Untersuchungshaft soviel wie möglich als verbüßt angerechnet wird, im allgemeinen aber ist eine sehr lange Untersuchungshaft eine ungleich härtere Bestrafung.[44]

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 38-45.
Lizenz:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon