Eitelkeit,

[117] welche unter unsern Damen so sehr allgemein ist.

[117] Eitelkeit ist die Eigenschaft, welche für Geringfügigkeiten, die in den Augen eines Vernünftigen durchaus keinen Werth haben, Lob und Bewunderung fordert; sie äußert sich, indem sie ihre eingebildeten Vorzüge zur Schau stellt, und sich dadurch lächerlich macht – Lob ist ihr Streben, und sollte dieses Lob auch aus dem Munde unkluger Menschen kommen oder wohl gar nur Tribut gewöhnlicher Höflichkeit seyn.

Wer hörte sich wohl nicht gern loben, wenn das Lob von einem Manne kommt, welcher Beurtheilungskraft und Aufrichtigkeit besitzt? wer dagegen, wenn er vernünftig ist, verachtet nicht ein Lob, das aus Eigennutz, Schmeichelei oder Thorheit gesagt wird? – letzteres ist sogar in vielen Fällen persiflirende Grobheit!

Jeder Vernünftige wird sich des erstern Lobes freuen, und das andre nicht hören – der oder die Eitle nicht also. Jedes Lob[118] ist ihr angenehm, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelt – mag es nun ihren ausgezeichneten Verstand oder den kleinen Fuß treffen.

Es ist natürlich, daß die Frauenzimmer eitler sind und mit zunehmendem Alter eitler werden als die Männer, indem letztere ihre Zeit besser und ernster eintheilen müssen, als daß ihnen sehr viel Muße zum Nachdenken über Putz, Vorzüge des Körpers und dann besonders über die Größe eigner Liebenswürdigkeit übrig bliebe; auch liegt Eitelkeit viel seltner im Charakter des Mannes!

Einem Frauenzimmer hingegen wird von Jugend auf geschmeichelt, auch der kleinste Vorzug wird aus Licht gezogen und gewöhnlich übertrieben und so wird ihm Lob zur Gewohnheit – zum Bedürfniß. Daher finden Schmeichler und Gecken, welche alles an der Eiteln loben, auch so sehr oft eine gute Ausnahme bei ihr, während der[119] bescheidne junge Mann, welcher durch übertriebenes Lob zu beleidigen glaubt, bei ihr gar nichts gilt.

Emma hat schönes Haar – sie trägt sicher nur selten einen Hut; oder einen zarten Teint und packt deßhalb ihr Gesicht in Schleier ein; sie ist schön gewachsen, weiß aber auch gar wohl durch ihr Kleid die schlanke Figur bemerkbar zu machen; ihr schöner Fuß zeigt sich bei jeder Gelegenheit und wird durch enge Schuhe in gebührenden, wenn auch schmerzhaften Schranken gehalten.

Bist du nun nicht entzückt über die Schönheit des seidenen Gelockes, rührt dich die Zartheit ihrer Haut nicht bis zu poetischen Ergüssen, ist ihr Wuchs nicht göttlich und ihr Fuß das Niedlichste was die Erde trägt – dann bist du ein ganz unempfindlicher Mensch, dessen Kaltblütigkeit der Schönen Thränen erpreßt; du[120] willst ihre Vorzüge nicht sehen, und beleidigst sie!

Aber der Spiegel, ach, der Spiegel!! dieser zeigt ihr Alles in wahrer, lieblicher Gestalt: der rosige Mund, die blendenden Perlen zwischen den Purpurlippen, der sanfte Glanz des Auges, das niedliche Näschen, die blühenden Wangen und das Schelmengrübchen im Kinn treten vor ihm in das wahre Licht – sie ist entzückt über sich selbst, lächelt sich freundlich an und bemerkt so eben, wie ihr Lächeln alle Tage bezaubernder wird.

Ja, der Spiegel ist ein gar lieber Hausrath und wird in hohen Ehren gehalten – die Eitle bringt die längste Zeit ihres Lebens vor ihm zu. Und was sollte sie auch ohne ihn beginnen, wenn späterhin das zerstörende Alter die frischen Reitze, an denen ihre und Andrer Seele hing, verwischt und die Wange bleicht? Wie wäre es in[121] dieser ohne ihn möglich, die letzten Reste der Schönheit zusammen zu halten und das Verlorne durch Schminken, Schönheitspflästerchen und andere unschuldige Mittelchen mit Genauigkeit zu ersetzen – sie müßte wahrhaftig verzweifeln!

Ohne gerade sinnlich zu seyn, nimmt die Eitle meistentheils die Sinnlichkeit in ihren Sold, und reicht sie damit nicht aus, so muß das heiligste Gefühl ihr als Magd dienen – sie ist in der Kirche nur darum fromm, um den sanften Ausdruck ihres Gesichts, ihren Taubenblick zu zeigen.

Jede neue Mode macht sie mit, ohne eben viel auf ihre Verhältnisse zu achten, ein neues Kleid, welches ihr gut steht, wird durch alle Straßen zur Schau getragen, den neuen Shawl muß alle Welt bewundern.

Ihr Lockenbau (wenn sie nicht gerade die Bescheidene, Kindliche affectirt und das[122] Haar gescheitelt trägt) wird mit einer Sorgfalt ausgearbeitet, welche ihrer Geduld ein schmeichelhaftes Zeugniß giebt. Stundenlang simulirt sie, ob die eine Locke schief oder gerade seyn oder ob eine mehr oder weniger das schöne Haupt zieren soll; auch hier ist der Spiegel unentbehrlich!

Im Concert sitzt sie in der ersten Reihe, und läßt ihre Brillanten, hat sie deren, oder ihre Reitze glänzen – im Theater tritt sie möglichst spät und mit Geräusch in die Loge, um bemerkt zu werden.

Von ihren Talenten kann sie eine Stunde lang plaudern und ist vergnügt, wenn der Zuhörer in das Lob einstimmt; ihre Verdienste um – irgend etwas, sind außerordentlich, sie allein war der eigentliche Hebel dieser oder jener großen Begebenheit.

Erkennst du dieß an, bist du erstaunt über ihren durchdringenden Verstand, entzückt[123] von ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit – dann erhälst du zum Lohne von ihr das Beiwort: artig, verständig, lieb u.s.w. Lässest du dich aber nicht zu Lobpreisungen bewegen, sondern bleibst kalt, dann bist du ein unartiger, ungalanter Stock, und sie zeigt dir sicher diese ihre Meinung bei erster Gelegenheit.

Ein Glück ist es, wenn mit Eitelkeit auch Gutherzigkeit gepaart ist, die Schöne ist dann erträglich und kann in Wahrheit recht liebenswürdig seyn; neigt sich aber ihr Charakter mehr zur Unversöhnlichkeit, zum Schmollen, dann ist fast nicht mit ihr auszukommen, indem man das Unangenehme von beiden Fehlern doppelt fühlen wird.

Es ist leider nur zu wahr, wie ich schon im Eingange bemerkte, daß bei dem weiblichen Geschlechte eine übertriebene Eitelkeit die Wurzel alles Uebels ist.[124]

So entsteht z.B. aus ihr die Liebe zum Putz, die Modesucht, welche so manche Sorge auf das Haupt des zukünftigen Gatten häuft, und nicht selten, da sie im Augenblick mehr verschwendet als zur Bestreitung einer ganzen Haushaltung Monate lang nöthig wäre, die traurigsten Folgen hat: wer wußte nicht Beispiele in Menge von putzsüchtigen Frauen, welche ihren schwachen, nachgiebigen Gatten in Armuth gebracht, ja auch sogar dann ihrer Thorheit nicht entsagt, sondern sich noch mit flimmernden Resten ehemaligen Wohlstandes geschmückt haben? Hierin ist auch der Hauptgrund zu suchen, weßhalb eitle Mädchen wohl momentan gefallen, aber – ihrer Putzsucht halber jeden Mann von einer Werbung um ihre Hand abschrecken, und so ihren Zweck gewöhnlich nicht erreichen. –

Die Eitelkeit ist einem häuslichen, stillen[125] Leben, was doch die Bestimmung des weiblichen Geschlechts ist, gerade entgegen, indem sie das ruhige Wirken im häuslichen Kreise verachtet, in der Welt glänzen will, und daher Concerte, Bälle und Theater, so wie jede rauschende Freude der Ruhe und dem beseligenden Frieden im eignen Hause vorzieht – der Putz selbst, womit sie geschmückt ist, hindert sie, häusliche Arbeiten zu verrichten, indem es Schade um das neue Kleid wäre! Was eine solche Modepuppe für Eindruck auf das Herz eines jungen, wackern Mannes macht, läßt sich gar leicht ermessen.

Ueble Laune ist sehr oft die Folge gekränkter Eitelkeit; diese ist dann eine wahre Krankheit und verbittert der Eiteln selbst und Andern das Leben. Leider nimmt das Uebel immer mehr zu, denn die Vernachlässigungen und also Verdrießlichkeiten vermehren sich für die Eitle von Jahr[126] zu Jahr, während ihre Reize nach Verlauf des Culminationspunctes der Schönheit, und mit diesen die Lobpreisungen ihrer Verehrer, ja diese selbst, sich verringern. Es ist traurig, wenn sich ein junges Mädchen in einer Zeit, wo ihr Herz noch für alles Schöne, für jede Lebensfreude empfänglich ist, der üblen Laune ergiebt, und sich so die glückliche Jugendzeit aus Eitelkeit, die ihr ganzes Herz eingenommen hat, verdirbt. Vorstellungen bewirken hier selten Besserung, denn die Eitelkeit fühlt nur die Wahrheit des ihr gespendeten verdienten oder auch unverdienten Lobes, nicht aber diejenige Wahrheit, nach deren Anerkennung sie sich unglücklich fühlen müßte. –

Wie ferner Coquetterie, Rechthaberei, Empfindlichkeit und noch so mancher andere Fehler aus Eitelkeit entstehet, habe ich in den früheren Blättern[127] berührt – und will diese Folgen hier übergehen.

Aber gerne möchte ich es jedem jungen Mädchen so recht eindringend aus Herz legen, daß sie dieser Leidenschaft, der verderblichen Eitelkeit, so früh als möglich entgegenarbeite, jeden Eindruck derselben, der nur zu oft das weibliche Gemüth auf Abwege führt, durch Ueberlegung des Verstandes zu verlöschen suche, damit sie nicht später, hingerissen von dem Opferdampfe der Schmeichelei, ihr wahres Wohl, ihr schönstes Ziel: im freundlichen, stillwirkenden, häuslichen Leben einem Manne durch Genügsamkeit, Fleiß und Treue die Tage zu versüßen, verfehlet, und daß nicht anstatt des Friedens – Leidenschaft, anstatt ruhigen Glückes nur der Schmerz enttäuschter Hoffnung später ihr Herz erfüllt.

Wie schön ist die sinnige Hausfrau im einfachen Gewande, umgeben von Liebe[128] und Zufriedenheit, geliebt von den Ihrigen und geachtet von der Welt – wie bedauernswerth dagegen die Eitle, welche die größte Zeit ihres Lebens an nichtigen Tand verschwendet, ihr Herz vernachläßiget hat, und nun, dein Gatten zur Seite stehend, ihm anstatt einer Stütze, nur eine Quelle von Verdruß ist, wenn der Taumel der Leidenschaft verschwindet und klare Ansicht den Sinnenreiz verdrängt.

Durch die Bemerkung, daß ein Mädchen eitel ist, muß sich ein junger Mann jedoch keineswegs von ihr abgestoffen fühlen und sie meiden – die Eitelkeit selbst schadet ihm fast nie, wenn er sie zu behandeln versteht. Was zu loben ist, kann er ja getrost loben, und übertreibt er hierin ein wenig, aber mit Verstand, so wird ihm dieß nie übel genommen – alle Frauenzimmer hören sich gar gern loben,[129] die Eiteln aber lauern bei jedem Worte, ob es nicht Lob enthalte; merkst du dieß, so lobe sie immerhin, laß dich nicht etwa durch den Zweifel, daß du sie nur dadurch noch mehr verderben würdest, abhalten – es ist in dem Stücke schon deßhalb nichts mehr zu verderben, weil die Schöne den gestreuten Weihrauch schon gewohnt ist, und deine Worte nur als gewöhnliche Anerkennung ihrer Vorzüge betrachtet, so wie sie im Gegentheil dein Schweigen für muthwillige, wohl gar boshafte Kränkung hält.

Besonders hüte dich aber, ihre schwache Seite mit Witz oder Spott angreifen zu wollen; eine einzige sarkastische Rüge ihrer Eitelkeit vergiebt sie dir nie, denn du tastest ihr Höchstes an – so wie die Stolze durch Geringschätzung, die Kokette durch Verachtung, die Spröde durch Nichtachtung oder die Zanksüchtige durch Kaltblütigkeit[130] – so wird die Eitle durch Spott in höchsten Zorn gesetzt, und es ist nur zu wahr, daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich ist, denn sie wird nie ganz befriedigt.

Es möchte wohl hier nicht an unrechter Stelle seyn, etwas über die


Quelle:
Hoffmann, Karl August Heinrich: Unentbehrliches Galanterie-Büchlein für angehende Elegants. Mannheim 2[1827], S. 117-131.
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