Die Gruppengrenzen

[28] Daß man sich der Gruppe etwas anpassen soll und dies in der Regel auch tut, ist bekannt. Mindestens ebenso wichtig ist aber, wie bereits bemerkt, die Frage: Wer spricht mit wem? Beck hat festgestellt, daß an seiner Schule nicht nur die Schüler »saftig« redeten, sondern auch die Lehrer – solange sie unter sich waren. Das heißt: noch wichtiger als der »Stand«, also die soziale Gruppe an sich, sind die Grenzen zwischen den Gruppen. Innerhalb einer Gruppe, sei sie sozial höher oder tiefer gestellt, ist man in der Wortwahl ziemlich frei, Vorsicht und Zurückhaltung sind dagegen dann geboten, wenn im Gespräch eine Gruppengrenze überschritten wird. An Becks Schule hieß das: Gewisse Wörter werden konsequent vermieden, wenn Schüler mit Lehrern sprechen, wenn ältere Schüler mit jüngeren reden, und schließlich, wenn Jungen sich mit Mädchen unterhalten.

Dies kann von der Schulsituation auf die Gesellschaft als ganzes übertragen werden. Es heißt dann: Vorsicht ist beim »Gespräch über die Grenzen« geboten, also dann, wenn man nicht unter seinesgleichen ist. Das heißt im einzelnen: wenn Menschen von verschiedenem sozialen Status miteinander reden, [28] oder Menschen verschiedenen Geschlechts oder Menschen verschiedenen Alters.

Von diesen Gruppengrenzen ist immer noch die wichtigste diejenige zwischen Männern und Frauen. Es gab eine Zeit, wo die Frauen beinahe eine andere Sprache sprachen als die Männer. Gewisse grobe Wörter brauchten ihnen nicht verboten zu werden, denn sie kannten sie gar nicht. Lady Chatterley, in dem bekannten Roman von D.H. Lawrence, lernt die volkstümlichen sexuellen Ausdrücke erst von ihrem Liebhaber, dem Wildhüter; ihr Mann hat sie ihr nicht mitgeteilt. Noch heute gibt es gewisse Nachwirkungen des alten Zustands. So haben in Japan die Frauen bis auf unsere Zeit verschiedene zusätzliche Sprachregeln zu beachten, z.B. bestimmte Höflichkeitspräfixe einzufügen, auf welche die Männer verzichten dürfen – eine japanische Frau, die Männersprache spricht, wirkt unfein, ein Mann, welcher Frauensprache spricht, macht einen gezierten Eindruck.

Mit der weltweiten allgemeinen Frauenemanzipation der letzten Jahrzehnte hat sich überall auch eine sprachliche Emanzipation abgespielt. Die Mehrheit der Frauen ist heute der Meinung – wir sprechen vom Abendland – daß den Frauen auch in der Sprache das gleiche Maß Freiheit zugestanden werden soll wie den Männern. Und tatsächlich gebrauchen viele Frauen heute die gleichen Wörter wie die Männer. Aber eben: unter sich. Wo die Gruppengrenze übersprungen wird, da gibt es auch heute noch für Männer und Frauen gewisse Restriktionen.

Frauen wissen, mehr als die Männer, instinktiv, was sprachlich taktvoll ist. »Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an«, heißt es im »Tasso«. Es kommt in der Tat selten vor, daß ein Mann durch die Redeweise einer Frau schockiert wird; viel häufiger ist sicher das Gegenteil. Wir geben darum hier einige Ratschläge für Männer, was sie im Gespräch mit Frauen vermeiden sollen. Es ist auch heute noch so, daß Frauen auf sprachliche Derbheiten von Männern im besten Fall mit Nachsicht, im schlechtesten mit Abscheu reagieren. [29] Man kann aber noch genauer sagen, wo die besonderen Empfindlichkeiten der Frauen liegen. Frauen hassen im allgemeinen Worte (und Witze), in denen versteckt oder offen eine allgemeine Verachtung des weiblichen Geschlechts (der »Weiber«) zum Vorschein kommt.

Ganz besonders ist es ihnen zuwider, wenn das Geschlechtliche »mechanisiert« dargestellt wird. Dies ist in der Sprache der Männer häufig der Fall. Wahrscheinlich als eine Art Abwehrmechanismus gegen den mächtigen und unüberwindlichen Trieb, der sie zu den Frauen zieht, haben viele Männer die Gewohnheit angenommen, das Sexuelle, besonders den Geschlechtsverkehr mit »mechanisierenden« Ausdrücken zu bezeichnen, als ob es sich dabei bloß um einen maschinellen Vorgang handelte: »ficken«, »bumsen« und so weiter. Diese Wörter sind den meisten Frauen gegen die Natur, weil für sie Geschlechtsverkehr und zärtliches Gefühl untrennbar ist. Daher darf ein Mann einer Frau eine ganze Menge Gewagtheiten sagen; er wird sie nicht beleidigen oder schockieren, solange er nur die »mechanistischen« Wörter vermeidet.

Es gibt dafür eine ganze Anzahl literarischer Zeugnisse4. In Heinrich Bölls »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« erschießt Katharina am Schluß den zudringlichen Reporter, der ihr vorgeschlagen hat, erst einmal zu »bumsen«, und sie berichtet nachher darüber: »Wenn Sie von ihrem vierzehnten Lebensjahr an, und schon früher, in Haushalten arbeiten, sind Sie was gewohnt. Aber dieser Kerl – und dann ›Bumsen‹, und ich dachte: Gut, jetzt bumst's.« Ähnliche Äußerungen von (emanzipierten) Frauen finden sich auch in den Romanen von Karin Struck. – Es ist merkwürdig, daß viele Gegner und Gegnerinnen des »Sexismus«, die oft an viel harmloseren Wörtern Anstoß nehmen, dieses Phänomen der »aufgenötigten Männersprache« kaum thematisiert haben. Liegt der Grund wohl darin, daß diese Sexismusgegner eine völlige Gleichheit der Geschlechter [30] herbeiwünschen und deshalb sprachliche Sonderbedürfnisse der Frau nicht zur Kenntnis nehmen wollen?

Weitere Grenzen werden durch Stand und Alter gebildet. Wo immer im Gespräch Standesgrenzen oder Altersgrenzen überschritten werden, dort ist Zurückhaltung im Ausdruck angezeigt, obwohl sich dort nicht so bestimmte Regeln geben lassen wie bei der Mann-Frau-Grenze. Logischerweise ist umso mehr Zurückhaltung geboten, je mehr Grenzen zwischen den zwei Gesprächspartnern liegen. Wenn also ein fünfzehnjähriger Schüler zu seiner vierzigjährigen Lehrerin treuherzig sagt: »Wissen Sie, Frau Reimann, Mathematik scheißt mich eben einfach an«, dann sind nicht weniger als drei Gruppengrenzen vom Gespräch übersprungen: Alter, Geschlecht und Status, und der Gebrauch des verpönten Wortes wiegt entsprechend schwerer.

Es kommt, in diesem Falle und ganz allgemein, noch etwas dazu: Tabuwörter fallen dann besonders unangenehm auf, wenn Sie nicht im Affekt, sondern rein gewohnheitsmäßig gebraucht werden. Wenn jemand einmal ausbricht: »Was sind das für Tröpfe, die bei jedem Furz des Ministeriums gleich in die Hosen machen!«, so ist das eben im Affekt gesagt. Und wie soll man schließlich seine Affekte loswerden, wenn nicht durch Kraftwörter. Im Falle unseres Schülers liegt die Sache anders: Er zeigt durch sein Verhalten, daß er die Besonderheit des gebrauchten Tabuwortes gar nicht mehr spürt, daß er also kein Stilgefühl hat. In seinem Wortschatz fehlen die Ausdrücke für Zwischentöne wie »ist mir unangenehm«, »strengt mich zu sehr an«, »liegt mir nicht«, »ist mir zu abstrakt« und die hundert anderen Möglichkeiten, die einem voll Sprachfähigen zur Verfügung stehen. Das Tabuwort, gewohnheitsmäßig gebraucht, zeigt, daß der betreffende Sprecher kein voll sprachfähiger Mensch ist. So wird das, was ursprünglich die Verletzung eines magischen Gebots war, schließlich zum Anzeiger von sprachlicher Unfähigkeit.

Neben der Primitivität aus Unfähigkeit gibt es auch die Primitivität mit theoretischem Hintergrund. Wenn jemand einen [31] Text schreibt, der von Fäkalwörtern nur so strotzt, so kann das davon kommen, daß er die normale Sprache für falsch, heuchlerisch, verbürgerlicht hält und sie durch einen schockierenden Primitivismus »reinigen« will. Auch hier gilt, was wir schon sagten: daß eine Schockwirkung nur solange zustande kommt, als die Normen an sich bestehen.

Von den »alten« Tabus, die sich letztlich auf magische Vorstellungen zurückführen lassen, haben wir eines noch aufgespart: die Restriktion in bezug auf den Namen.

Selbstverständlich ist es heute nicht mehr so, daß man aus magischen oder religiösen Gründen den Namen einer Person nicht gebrauchen dürfte. Aber noch immer sieht beinahe jeder Mensch seinen eigenen Namen als etwas ganz Besonderes an und ist darum sehr empfindlich, wenn man diesen Namen falsch sagt, verdreht oder damit spielt. Das Vergessen eines Namens ist ein Symptom dafür, daß man in seinem Verhältnis zum Träger dieses Namens einen »Knick« hat: daß sich unangenehme Vorstellungen mit ihm verbinden5. Oder aber, daß man ihn einfach nicht wichtig nimmt. In Gottfried Kellers Novelle »Das verlorene Lachen« wird ein junger Mann namens Jukundus Meyenthal von einer reichen Familie eingeladen. Er glaubt sich von dieser Gesellschaft angenommen und geschätzt. Als es aber ans Abschiednehmen geht, sagten die vornehmen Leute zwar: »Es hat uns gefreut«; »aber«, fährt Keller fort, »der eine nannte ihn Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und keiner sagte: Auf Wiedersehen!«

Das Vergessen oder ungenaue Behalten eines Namens ist also immer ein Zeichen mangelnder Wertschätzung und damit eine Beleidigung. Man soll sich deshalb alle Mühe geben, Eigennamen in ihrer authentischen Form zu behalten. Gefährlich ist auch das spielerische Verdrehen von Namen. Es ist im Grunde nur dann erlaubt, wenn Liebe mit im Spiel ist6. Unter »gewöhnlichen« [32] Leuten soll mit dem Namen nicht gespielt werden. Wenn ein Mann, der mit Namen Jedlicka heißt, von einem Bekannten beständig mit Herr Délicat angeredet wird, wenn jemand, der den Vornamen Hannibal hat und deswegen schon viel Kummer erdulden mußte, zum hundertsten Male damit aufgezogen wird, dann sind Grenzen überschritten, die unter anständigen Menschen hätten beachtet werden sollen. Natürlich ist das Spielen mit dem Namen in manchen Kreisen, zum Beispiel unter Schülern, ein beliebter Zeitvertreib, aber nur ein billiger und aggressiver.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 28-33.
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