Einladung und Dank

[56] In Verbindung mit einer Party können zwei schriftliche Äußerungen nötig werden: die Einladung und der Dankbrief.

Man pflegt heute oft telefonisch einzuladen; das hat den Vorteil, daß man dann gleich die Antwort weiß. Es gibt aber immer noch zahlreiche Situationen – zum Beispiel, wenn es sich um eine sehr große Party handelt, wenn man altere Leute einlädt, wenn die Einladung lange vor dem Einladungstermin erfolgt – bei denen eine schriftliche Einladung angebracht ist. Wie soll diese nun aussehen. Die meisten Leute wählen heute etwas Humoristisches, etwa:


»Juhuu, wir sind umgezogen. Und da möchten wir Euch gerne unsere neue Höhle zeigen. Kommt alle am 22. Mai!«


Darunter eine Zeichnung von zwei Steinzeitmenschen bei einem mühsamen Transport.


Nichts gegen solche Produkte; sie können sogar reizend sein, und ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wir haben aber den Verdacht, daß dieser »Humor« nicht spontan ist, sondern daher kommt, daß die betreffenden Gastgeber sich scheuen, eine schlichte sachliche Einladung zu schreiben, weil sie es nicht können. Darum geben wir im folgenden einige Winke, wie eine solche sachliche Einladung aussehen könnte.

Ob man in der ersten oder dritten Person schreibt, ist nicht [56] so wichtig. Je größer und förmlicher die Party, je älter die Einzuladenden, um so eher die dritte Person. Nicht unterlassen soll man hingegen, dreierlei unmißverständlich klar zu machen:


– Erstens: Bekommt man zu essen?

– Zweitens: Wie soll man sich anziehen?

– Drittens: Ist der Partner mit eingeladen?


Zwar kann man an den Uhrzeiten einigermaßen ablesen, ob man wohl ein Essen bekommen wird oder nicht. Aber es kommt immer noch zu häufig vor, daß jemand in der Hoffnung auf ein solides Nachtessen zu seinem Gastgeber kommt und sich dann bei einigen Sticks und Salzmandeln durchhungern muß – oder daß sich andererseits jemand vor dem vermeintlichen »Glas Wein« mit einem Nachtessen stärkt, um dann mit einem Diner von fünf Gängen konfrontiert zu werden. Besonders bei Anlässen mit dem Titel »Empfang« herrscht oft Unsicherheit, und man hat auch kaum die Möglichkeit einer Rückfrage. Es schadet deshalb nichts, wenn etwas genauer spezifiziert wird: »zu einem Nachtessen«, »zu Cocktails«, »zu einem Glase Wein«, oder meinetwegen: »Ein Imbiss wird gereicht.« Früher sagte man oft sehr gerne, wie man sich anzuziehen hatte:


»Parüre. Den Herren wird Frack mit Distinctionen empfohlen.«


So die Einladung zu einem kleinen Nachtessen 1816 bei Goethe – in Thomas Manns »Lotte in Weimar«. Wir sind bescheidener geworden: Die Damen haben zwar noch Parüre – will sagen Schmuck und festliche Kleidung –, mit den Orden der Herren wird es wohl eher mager bestellt sein. Aber immer noch möchten die Gäste gerne wissen, wie sie sich etwa anzuziehen haben. Nun gibt es zwar auch hier Anhaltspunkte in der Formulierung des Einladungstextes. Ist die Einladung förmlich, so sieht es eher nach dunklem Anzug aus, und umgekehrt. Aber es schadet nichts und hilft dem Gast, wenn der Gastgeber andeutet, wie er sich die Sache vorstellt. Also etwa: »dunkler [57] Anzug« oder »Straßenanzug« oder »Anzug informell«. Auch eine etwas legerere Formel wie »Anzug sommerlich« wird dem Gast sagen, daß er nicht gerade in der schwersten Ausrüstung kommen soll; die Frauen werden sich etwas vornehmen, was zwar nicht gerade ein Fähnchen aber doch etwas Unbeschwertes ist. Zu vermeiden ist: »Anzug beliebig«, denn da ist der Gast wie der im Unsicheren.


Es kann Situationen geben, in denen es unklar bleibt, ob das ganze Paar oder nur der eine Partner eingeladen ist. In einem solchen Fall muß man klar machen, was gemeint ist.


Titel wie Doktor oder Professor schreibt man auf der Einladungskarte besser nicht, hingegen gehören sie natürlich auf die Adresse.


Schließlich muß man noch sagen, ob man eine Antwort erwartet; wenn ja, geschieht das mit der bekannten Formel »U.A.w.g.«, besonders in der Schweiz auch »r.s.v.p.« (répondez, s'il vous plaît). Dem fügt man zweckmäßig die Telefonnummer bei.


So mag denn das ganze etwa so aussehen:

Etwas förmlich:


Marianne und Ulrich Berger freuen sich,

Diana und Heinz Thaler

auf Mittwoch, 24. Oktober 19.30 Uhr zu einem kleinen Nachtessen einzuladen.

Dunkler Anzug.

U.A.w.g. Tel. 8251694.


Oder etwas weniger formell:


Liebe Diana, lieber Heinz,

Ulrich und ich würden uns freuen, Euch am Mittwoch, 24. Oktober

18–20 Uhr bei uns zu sehen.

Informeller Cocktail.


[58] Die Antwort auf eine Einladung braucht nicht schriftlich zu sein.


Hingegen gibt es etwas anderes, was man, wenn immer möglich, schriftlich machen sollte. Im Deutschen sagt man Dankbrief, das klingt offiziell; im Englischen besteht seit langem der Ausdruck bread-and-butter letter – der Brief, mit dem man für das Butterbrot dankt – eine legere Formulierung, welche zeigt, daß es sich um eine Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit handelt. Natürlich kann man auch telefonisch danken; aber der geschriebene Brief ist eine viel größere Höflichkeit und macht wegen der Mühe, die er gekostet hat, und wegen seiner Dauerhaftigkeit – man kann ihn »hinter den Spiegel stecken« – bedeutend mehr Freude. Darum schreibe, wer es kann, ein Briefchen – es darf ganz kurz sein; aber man soll sich nicht schämen, ein bißchen »Pedal« zu geben, wenn man es ehrlicherweise kann. Etwa:


Liebe Diana,

Lieber Heinz,


Wir sind noch erfüllt von der Erinnerung an den schönen Abend bei Euch und danken Euch nochmals ganz herzlich für die liebevolle Aufnahme und die Genüsse, die Ihr uns geboten habt. Wir sind ja fast unanständig lange geblieben; das mag Euch gezeigt haben, wie sehr es uns bei Euch gefallen hat.


Mit den herzlichsten Grüßen Eure


Oder vielleicht:


Liebe Frau Boltz,

Lieber Herr Boltz,


Wir danken Ihnen beiden noch einmal von Herzen für die freundliche Aufnahme und für die vielfältigen Genüsse, die Sie uns mit graziöser Selbstverständlichkeit geboten haben. Der Abend bei Ihnen war wunderschön, und wir werden ihn lange in Erinnerung behalten – nicht zuletzt die Führung durch Ihren Garten und die spannenden Erzählungen von Ihren Erlebnissen aus aller Welt.


Mit herzlichen Grüßen und Wünschen


[59] Nebenbei: Der Dankbrief ist auch eine sehr gute Gelegenheit, Blumen zu senden. Man kann sie auch vorausschicken – das scheint uns etwas früh. Oder man kann sie mitbringen; dann aber gehen sie im Empfangstrubel leicht unter oder werden verwechselt. Blumen, zusammen mit einem netten Dankbrief, bleiben am besten in der Erinnerung haften.


ZU BEACHTEN


In einer Gesellschaft darf kein Gesprächsdarwinismus herrschen, kein »Überleben des Tüchtigsten«. Bescheidenen oder Ungeschickten muß man zum Wort verhelfen.


Konversation heißt: Nicht selbst drauf losreden, sondern dem Anderen das Stichwort geben.


Es ist erlaubt, dem Tischnachbarn Fragen zu stellen.


Das Gespräch muß mit den Speisen zusammenstimmen.


Eine – ganz kurze – Tischrede ist erwünscht.


Beim Vorstellen nicht die nackten Namen nennen, sondern den beiden Personen etwas Information über einander geben.


Im Gespräch dürfen sich nur vorübergehend separate Männer- und Frauengruppen bilden.


Ein schriftlicher Dank macht mehr Freude als ein mündlicher.

Fußnoten

1 Ein trotz seines Alters von fast hundert Jahren faszinierendes und lustiges Buch, welches sich des Gegenstandes annimmt, ist: »Die Kunst der Unterhaltung – wovon soll ich reden?« (nachgedruckt bei Rogner & Bernhard, München 1978) von der berühmten Constanze von Franken, die später durch ihr Buch »Der gute Ton in allen Lebenslagen« in weiten Kreisen buchstäblich tonangebend geworden ist.


2 Eine Einführung in diese Art der Fragestellung und allgemein in die Analyse von Konversationen gibt die Studie von Klaus P. Schneider: »Small Talk«, Marburg 1988, ein streng wissenschaftliches Buch, das aber von ganz konkreten alltäglichen Äußerungen ausgeht, etwa vom Gespräch über das Wetter. Von der Benachteiligung der Frauen in der Konversation handelt Karsta Frank: Sprachgewalt, Tübingen 1992.


3 Hamburger Ausgabe, Band 10, Seite 547


4 Sein bekanntestes Buch ist »Argonauts of the Western Pacific« (1922), in dem er das sprachliche und außersprachliche Verhalten der Bewohner der Trobriand-Inseln im Pazifik untersucht.


5 Man vergleiche dazu das Kapitel über die Grußformeln in: Richard Weiss, Volkskunde der Schweiz, Erlenbach-Zürich, 1946 u. öfters.


Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 56-60.
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