Jemand ins Gespräch ziehen

[36] Zwei Sekretärinnen einer Fakultät, gescheite, lebhafte und gut aussehende junge Frauen, waren zu einem Semesterschluß-Essen der Professoren eingeladen. Man glaubte, ihnen damit eine Freude zu machen. Befragt, wie es ihnen gefallen habe, brachen sie in laute Klagen aus: »Da gehen wir nie, nie wieder hin!« »Aber warum denn?« fragte man erstaunt, »es sind ja ganz nette Leute, und das Essen war doch vorzüglich.« »Das stimmt alles«, sagten die Damen, »aber es war dennoch gräßlich: Während des ganzen Abends hat keiner mit uns gesprochen.«

Es ging nicht etwa darum, daß die Professoren sich für zu gut hielten, mit den Damen zu reden. Man befand sich in einem demokratischen Land, und die beiden Sekretärinnen waren hochgeschätzt und beliebt. Es war vielmehr so, daß die betreffenden Tischnachbarn einfach nicht im Stande waren, mit den Damen ein Gespräch zu führen.

Bevor wir von der »Therapie«, also von der Kunst, solchem abzuhelfen, sprechen, möchten wir die »Diagnose« noch etwas präzisieren. Das hier Geschilderte ist kein Einzelfall. Uns sind viele Fälle bekannt, wo eine Einladung mißlang, obwohl das Essen auserlesen war, der Wein geeignet, alle in die beste Stimmung zu versetzen, und obwohl die Einladenden wie die Gäste sehr nette Leute waren. Wo trotzdem mehrere Gäste vorzeitig nach Hause gingen, je nach Temperament grimmig oder in Tränen, weil sie nicht zu Worte gekommen waren.

Man könnte meinen, so etwas geschehe nur Kontaktarmen, grauen Mäusen männlichen oder weiblichen Geschlechts, die sich eben in Gesellschaft nicht zurechtfinden können. Das stimmt keineswegs. Die Gabe, sich in einer Gesellschaft im Gespräch durchzusetzen, ist ein eigenes, von anderen Eigenschaften weitgehend unabhängiges Talent. Wir kannten eine Frau, keineswegs eine Führernatur, die sich anderen gern und willig unterordnete, die aber im Gespräch regelmäßig dominierte. [36] Andererseits kennen wir zahlreiche Professoren, die in größter Seelenruhe deutlich und klar ihre Vorlesungen vor Hunderten von Hörern vortragen, die sich aber in einer Gesellschaft nicht mit Worten durchsetzen können.

Es ist also keine Selbstverständlichkeit, daß man in einer Gesellschaft das Wort, wenn man es ergreifen will, auch bekommt. Dieser Tatbestand, der für das menschliche Wohlbefinden wichtig ist, ist auch von einigen »Benimm-Büchern« betrachtet worden, wobei sich diese freilich gern auf die Regel beschränkten, Frauen müßten gut zuhören können1.

In neuester Zeit hat sich auch die Sprachwissenschaft, besonders die Diskurs-Analyse, vermehrt darauf besonnen, daß ein Gespräch zwischen Menschen nicht selten ein Streit um das Wort ist – wenn auch meist ein höflicher. Seit etwa zwanzig Jahren besitzen wir den – vorerst nur englischen, aber sehr nützlichen – Terminus turn-taking. Zu übersetzen ist er etwa mit ›das Drankommen‹; es geht dabei um die Frage: Wer darf in einem allgemeinen Gespräch wann das Wort nehmen?2

Wir stellen noch einmal fest: Für jeden normalen Menschen ist es für das Wohlbefinden in Gesellschaft fundamental wichtig, daß er ein paarmal, kürzer oder länger, zu Worte kommt. Wer einen Abend lang zum Schweigen gezwungen war, weil ihm jedesmal, wenn er etwas sagen wollte, jemand anderes zuvorkam, für den ist der Abend mißraten, auch wenn er noch so gut gegessen und getrunken hat. Er fühlt sich geschnitten, übergangen, zur Seite geschoben. Ob er dann vor allem sich selbst [37] oder eher den anderen Vorwürfe macht, ist gleichgültig; was bleibt, ist das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Das ist eine große Beeinträchtigung des Lebensgefühls, und man sollte meinen, daß zivilisierte Menschen sich davor hüten würden, einem ihrer Mitmenschen so etwas anzutun. Es kommt aber doch immer wieder vor. Wir haben oftmals beobachtet, wie andere niedergeschwatzt wurden – und machten uns dabei Vorwürfe, es nicht verhindert zu haben – und es ist uns auch mehrmals geschehen, daß wir selbst von einer Party in dem geschilderten frustrierten Zustand heimgekommen sind, obwohl wir ganz normal kontaktfreudig sind.

Selbstverständlich geschieht der eben geschilderte Verstoß fast immer ohne Absicht. Die Leute lassen sich, wenn die Party im Schwung ist, hinreißen, freuen sich an ihren eigenen Ideen, kommen vom Hundertsten ins Tausendste und achten nicht darauf, daß der Nachbar vielleicht alle Qualen der Frustration durchmacht.

Es zeigen sich in der Konversation zwei Typen von Menschen: Die einen müssen, damit sie weiterreden können, beständig etwas aufgemuntert werden; die anderen reden fröhlich drauflos, unabhängig davon, wie die Hörer reagieren. Die ersten sind die Leidtragenden, wenn die zweiten kein Einsehen haben.

Es gibt verschiedene Typen von Durchsetzung im Gespräch. Den ersten nennen wir »Luthers Tischreden«. Es ist bekannt, daß Martin Luther in der Familie und in Gesellschaft eifrig sprach und die Zuhörer kraft seiner Persönlichkeit und seiner Gedanken stundenlang faszinierte und dominierte. Diese Situation gibt es auch heute oft: Ein berühmter Mensch, Gastgeber oder Gast, sitzt oben am Tisch und hält – mit minimalen Unterbrechungen – einen Vortrag, dem die übrige Tafelrunde ehrfürchtig zuhört. Das mag hingehen, wenn diese Tafelrunde wirklich gekommen ist, um den berühmten Mann/die berühmte Frau zu hören. Es geht aber nicht an, wenn der betreffende Anlaß als gewöhnliche Einladung angekündigt wurde, was wohl der Normalfall sein wird. Wir haben in einem langen Leben [38] nur zwei Menschen angetroffen, denen man bei Tisch ohne Frustrationen einen Abend lang zuhören konnte.

Ist der Fall von »Luthers Tischreden« schon unangenehm, so ist es andererseits noch viel unangenehmer, wenn mehrere »Luthers« da sind, die zusammen das Gespräch monopolisieren und die anderen – und sei es nur eine einzige Person – matt setzen. Je weniger zahlreich die mattgesetzten Personen, um so schwerer trifft sie der Frust des Ausgestoßenseins.

Im Grunde sind sich wohl die meisten Menschen einig, daß es nicht recht ist, wenn in einer Gesellschaft der eine oder andere aus dem Gespräch ausgeschlossen wird. Die einen aber sehen das Problem nicht; die anderen schieben es von sich: Sie denken, es müsse sich jeder selber wehren, oder: »Die anderen« müßten eingreifen, oder: Es sei so gut wie unmöglich, hier etwas zu ändern, oder vielleicht sogar: Man müsse hier der Natur ihren Lauf lassen. Das Resultat, wenn man »der Natur ihren Lauf läßt«, ist dann eben, daß in einer Party ein primitiver Gesprächsdarwinismus herrscht: ein Kampf aller gegen alle mit einem schließlichen »survival of the fittest speaker«, dem ›Überleben des Tüchtigstern‹. Wir sind nicht der Meinung, daß dieses mehr oder weniger tierische Verhalten für den Menschen das Richtige sei, und geben im folgenden Rezepte, wie man es besser machen könnte. Dabei versetzen wir uns nicht an den Platz des Zurückgesetzten, sondern an den Platz eines potentiellen Helfers.

Sicher ist dies: Es ist schwierig, jemand aus seiner konversationellen Isolation zu »retten«. Es braucht nämlich dazu mindestens drei Schritte, die alle nicht leicht sind.


– Zuerst muß derjenige Gesprächsteilnehmer gebremst werden, der die Konversation zu monopolisieren droht.

– Dann muß die Person, die bis jetzt zu kurz gekommen ist, ermutigt werden, selbst das Wort zu nehmen.

– Drittens muß man ihr weiterhelfen, damit sie nicht sogleich wieder »versandet«.


[39] Wir nehmen im folgenden diese drei Phasen nacheinander vor, wobei wir der Einfachheit halber annehmen, nur einer hätte die Konversation monopolisiert und nur einem sei zum Wort und zur weiteren Teilnahme am Gespräch zu verhelfen.

Es ist eine Eigentümlichkeit unserer Gesellschaft, daß sie fast keine anerkannten Mittel besitzt, jemand, der unablässig redet und andere nicht zu Worte kommen läßt, zum Schweigen zu bringen. Es gab Ansätze dazu in der englischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. Dort war zum Beispiel das Ansprechen von Personen innerhalb der Mittel- und Oberklasse streng geregelt: Man durfte im Prinzip niemand ansprechen, dem man nicht vorgestellt war. Geschah es trotzdem, so konnte der, der nicht willens war, das Gespräch aufzunehmen, mit einiger Härte sagen: »I don't think we have met«, also etwa: ›So viel ich weiß, sind wir uns noch nie (sozial) begegnet‹, d.h.: ›Sie sind mir ja nicht vorgestellt worden.‹

Dies scheint uns heutigen Menschen hochmütig, wenn nicht brutal. Es steckt aber ein interessanter Kern darin: die Idee nämlich, daß nur reden darf, wer von seinem potentiellen Gesprächspartner auch die Erlaubnis dazu bekommen hat. Wie man einen lästigen Sprecher abstellt, ist heute ein schwer lösbares Problem, auf das wir in dem Kapitel »Auf Reisen« (Seite 82) zurückkommen werden. Schwer ist es darum, weil es keine gesellschaftlich geregelte Form gibt, in der dieses »Bremsen« vor sich gehen kann. Man muß also individuell vorgehen und sein Vorgehen auch individuell verantworten.

Es ist klar, daß man nicht einfach sagen kann: »Sie haben nun genug geredet, Herr X., geben Sie jetzt den anderen auch eine Chance«. So etwas kann allenfalls ein besorgter Ehepartner seinem Gespons – im Sinne einer Notbremse – zurufen; zu einer Regel aber läßt es sich gewiß nicht machen. Man muß also indirekt vorgehen. Dies kann etwa so geschehen, daß man ein Stichwort aufgreift, dieses zum Thema macht, und es dann der Person zuspielt, der man das Wort geben möchte. Also zum Beispiel: »Herr X. (der Dauerredner), Sie haben da eben vom Hammerklavier gesprochen; also ich möchte schon seit langer Zeit [40] wissen, was das eigentlich ist. Da kann uns ja gewiß Frau K. als Pianistin Auskunft geben – sagen Sie uns doch, Frau K., was ist nun eigentlich ein Hammerklavier?«

Zur Not geht es auch ohne Stichwort. Man fällt dem »Sprecher« in die Rede, etwa so: »Aber nun etwas ganz anderes – unser Freund L. ist, wie ich höre, eben von Feuerland zurückgekommen; es wird sicher alle interessieren, was er da gesehen und erlebt hat.«

Oder, wenn vorher ein Thema zu Tode geritten worden ist: »Meint Ihr nicht auch, wir haben nun für heute genug von Politik gehört; ich hätte nun eine andere Frage: Wie steht es eigentlich mit ...« Damit ist zwar das Wort noch niemand bestimmtem zugespielt, aber der Bann des Dauerredners ist doch mindestens gebrochen.

Es dürfte klar sein, daß solche Eingriffe in den Gang der Konversation nicht jedem zustehen: Am leichtesten wird man sie akzeptieren, wenn sie von Personen mit einiger Autorität – Hausfrau, Hausherr, geschätzter Besuch – ausgehen. Es sind denn auch gerade diese, für die eine Einladung neben Freuden und Rechten auch Pflichten einschließt.

Eine weitere Möglichkeit, den Bann des Dauerredners zu brechen, besteht darin, daß man eine Gegen-Konversation beginnt. Es ist klar, daß in einer Gesellschaft von zehn und mehr Leuten mehrere Konversationen nebeneinander her laufen können und sogar sollen: Eine einzige Konversation kommt leicht auf »Luthers Tischreden« heraus, was, wie gesagt, keine wünschenswerte Situation ist. Das Beginnen von Zweit- oder Drittkonversationen ist nicht ganz einfach; am besten wendet man sich an einen unmittelbaren Tischnachbarn mit einer Äußerung oder Frage, woraus sich dann eine Zweier- oder mehrfache Konversation ergeben kann.

Solange zwanzig Personen an einem Tisch sitzen, ist es klar, daß mehrere Konversationen möglich und sinnvoll sind. Wie verhält es sich, wenn weniger da sind? Hier hat sich unter Kundigen eine Regel herausgebildet: Wenn es fünf oder mehr sind, darf man eine zweite Konversation beginnen. Allerdings [41] kommt es aber auch noch auf die Situation an. Eine triviale, unnötige Zweitkonversation zu beginnen, wenn ein interessantes Gespräch im Gange ist, ist eine große Sünde. Wenn mich mein Nachbar in der interessantesten Unterhaltung plötzlich fragt: »Sitzest Du bequem?«, so muß ich alle meine Höflichkeit anstrengen, um nicht ärgerlich zu antworten. Wir meinen also nicht, daß man bei über fünf Gästen auf jeden Fall eine Zweitkonversation anfangen soll, sondern eben nur dann, wenn man jemandem zum Wort verhelfen will.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 36-42.
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