Die zwei Typen von Reisenden

[82] Hier ist die Rede von Reisen, die man zum Vergnügen oder zur Weiterbildung in Gruppen unternimmt. Wer beruflich oder allein unterwegs ist, kann aber sicher auch das eine oder andere des hier Gesagten brauchen. Es gibt selbstverständlich ganz verschiedene Reisende mit ganz verschiedenen Wünschen. Wir glauben aber, daß man, vor allem mit Bezug auf das Sprachverhalten, zwei Typen unterscheiden kann.

Der erste Typus reist, um Neues zu erleben, um fremde Landschaften, Tiere und Menschen zu sehen und zu hören. Er sammelt seine Eindrücke gelassen und bleibt dabei ganz sich selber.

Es gibt daneben einen andern Typus: die Menschen, die sich von Reisen in erster Linie eine Erhöhung des Lebensgefühls versprechen. Sie wollen durch die schöne Landschaft, durch die warme Sonne, durch den roten Wein begeistert und enthemmt werden. Alle diese Ingredienzien sind ihnen eine Art Droge, durch die sie in einen Zustand der Euphorie geraten; was im einzelnen diesen Zustand hervorruft, um welches Land es sich handelt, ob Griechenland oder die Fidschi-Inseln, das ist ihnen nicht so wichtig, Hauptsache, der gewünschte Effekt tritt ein.

Im Zusammenhang damit wünscht sich dieser Typus auch ein Fallen der Schranken zwischen den Menschen. Wieder einmal soll sich die Freude als Stifterin von Gemeinsamkeit bewähren: »Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.« Dieser Wunsch geht oftmals ins Erotische über – auf einer gemeinsamen Wanderung, noch mehr auf einer Kreuzfahrt, da fallen die eigenen und fremden Hemmungen, da ist Amor mit seinem Bogen beständig im Hintergrund präsent, da schießt er, herbeigesehnt oder unerwartet, unter so günstigen Bedingungen wie sonst nie. Ganz allgemein ist eine Reise sicher dazu angetan, die Schranken zwischen den Menschen niederzureißen und Trennendes abzubauen.

[82] Seit Nietzsches »Geburt der Tragödie« besitzen wir für diese beiden Menschentypen ein gutes Wortpaar. Die ersten kann man als die apollinischen bezeichnen: Es sind diejenigen, die ihre Individualität bewahren (und bereichern) wollen; dies tun sie, indem sie besonnen und einigermaßen systematisch das ansehen und anhören, was sie auf ihrer Reise jeweils vor sich haben. Apollo, der Gott des Intellekts, ist ihr Führer.

Die anderen kann man die dionysischen nennen. Für sie ist die Reise – wie Wein, Weib (Mann) und Gesang – ein Mittel, ihre Individualität zu verlieren, oder, positiver gesagt, zu überschreiten, ein wenig »im All aufzugehen«, so weit es halt unsere festgefügte Weltordnung erlaubt. Ihr Leitbild ist Dionysos, der Gott des Rausches, der Schrankenlosigkeit, der Verbrüderung bei aufgehobener Individualität.

Zwischen diesen beiden Gruppen – wenn sie »rein« vertreten sind – muß es fast notwendigerweise zu Konflikten kommen. Die »apollinischen« Reisenden wollen sich auf die Erlebnisse der Reise konzentrieren, sie wollen darum von den andern in Ruhe gelassen werden. Die »dionysischen« andererseits wollen »die Schranken fallen sehen«, sich mit den anderen anfreunden, und dies bedingt natürlich, daß sie ausgiebig mit diesen sprechen. Dies kann nicht gut gehen. Bald gewinnen die beiden die denkbar schlechteste Meinung von einander: Der Apollinische findet den andern aufdringlich, geschwätzig und störend, der Dionysische hält den andern für kalt und menschenfeindlich. Glücklicherweise sind die beiden Gruppen nicht immer rein vertreten, und glücklicherweise sind die meisten Menschen zu Kompromissen bereit. Aber grundsätzlich ist der Konflikt »vorprogrammiert«. Wir geben deshalb im folgenden einige Ratschläge, wie er wenigstens zu mildern ist.

Die Ratschläge für den Dionysiker können sehr allgemein und kurz gehalten werden: Er soll sich, so gut es in seiner erhöhten Stimmung geht, bewußt bleiben, daß es Menschen gibt, die anders reagieren als er, und soll sich nicht gleich mit allen verbrüdern wollen.

Etwas mehr Raum erfordern die Richtlinien für den Apolliniker. [83] Er ist also der Reisende, der sich vor allem für die Objekte der Reise interessiert: Um diese zu sehen, reist er überhaupt, und er empfindet es mehr oder weniger als Störung, wenn ein Mitreisender mit ihm gegen seinen Willen ins Gespräch kommen will und sich nicht mehr von ihm löst. Da ist zunächst folgendes zu sagen: Wenn jemand weiß, daß er so reagiert, daß ihm vielleicht die halbe Reise durch gesprächige und sich anbiedernde Mitmenschen verdorben wird – dann soll er die Konsequenzen ziehen und allein reisen. Eine Gruppenreise ist dann einfach nicht das Richtige für ihn; in ihr würde er sich selber und andern zur Last fallen, denn in einer Gruppe gelten mehr oder weniger dieselben Gesetze wie bei einer Einladung: ein Minimum von phatic communion, von Einswerden durch Sprache (siehe oben Seite 45), ist notwendig. Wer das nicht will, soll allein reisen.

Der Apolliniker soll sich davor hüten, den Lehrer – um nicht zu sagen, Schulmeister – zu spielen. Da er darauf aus ist, sein Objekt, das fremde Land, seine Menschen, seine Geschichte, seine Pflanzen und Tiere, zu studieren, hat er sich meist auch gut vorbereitet und könnte beinahe selbst Reiseführer sein. Da ist denn die Versuchung groß, an bestimmten Stellen der Reise das Wort zu ergreifen: »das ist übrigens ein Ginkgobaum, von dem Goethe gesagt hat ...«, oder: »von hier ist es nicht weit bis nach Cosenza, wo bekanntlich Alarich ...«. Sicher werden solche Ergänzungen oft geschätzt. Aber es kann auch ein Zuviel geben. Fast in jeder Reisegruppe gibt es den Typus des älteren Herrn – Frauen schulmeistern viel seltener – der zu jeder Ausführung des Reiseleiters noch eine ergänzende Bemerkung hat. Dies erbittert den Reiseleiter, der seine Information sachlich und zeitlich sorgfältig dosiert hat und jetzt aus der Ordnung kommt. Wir haben es erlebt, daß ein Reiseleiter vom Ende der ersten Woche bis zur Heimkehr mit dem belehrenden Gruppenmitglied kein Wort mehr sprach.

Es kann aber auch den gewöhnlichen Reisenden zuviel werden. In jedem Menschen lebt die Sehnsucht, Dinge zu erleben, die ihm noch nie jemand in Worten vorerzählt hat; wir werden [84] im Abschnitt »Sprachliche Vorwegnahme« (Seite 202 ff.) darauf zurückkommen. Wenn nun die eigene »sprachlose« Schau durch ein anderes Reisemitglied beständig mit belehrenden Worten »verunreinigt« wird, so regt sich in den meisten Menschen die Rebellion. Das zeigt sich etwa an einer schönen Stelle des Romans »Die Rote« von Alfred Andersch. Franziska, die Heldin, hat sich soeben von ihrem Mann Herbert, mit dem sie es nicht mehr aushielt, getrennt. Sie fährt mit dem Zug von Mailand nach Venedig und erblickt an der Strecke ein ganz gewöhnliches Haus, das ihr aber irgendwie anziehend und geheimnisvoll vorkommt:


du bist romantisch, hat Herbert immer zu mir gesagt, wenn ich bat, das Auto zu stoppen, weil ich mir eines dieser Häuser ansehen wollte, irgendwo, er hatte nie einen Blick für sie, er hatte nur Blicke für Kirchen und Palazzi, für seine Palladios und Sansovinos und Bramantes, den ganzen kunstgeschichtlichen Tinnef.


Nachdem Franziska in Venedig angekommen ist, geht sie durch die Stadt und tritt dabei völlig unversehens aus einer Gasse auf den nächtlichen Markusplatz:


Franziska geriet in einen Durchgang, in dem es zog, und stand plötzlich auf der Piazza San Marco. Vielleicht habe ich nie etwas Schöneres in einer Stadt gesehen, gerade jetzt, wo es mich nichts angeht, muß es mir passieren, daß ich in einer Januarnacht auf die Piazza San Marco gerate. Sie mußte sich einen Augenblick lang zwingen, nicht in Tränen auszubrechen.


Warum kann Franziska, die vorher so verächtlich von dem »kunstgeschichtlichen Tinnef« gesprochen hat, über ein Kunsterlebnis zu Tränen ergriffen sein? Weil das Erlebnis des Markusplatzes ein völlig spontanes, von keiner vorausgegangenen sprachlichen Fassung »verunreinigtes« Erlebnis ist. Daß Franziska von ihrem Mann so endgültig genug hat, beruht – der weitere Text zeigt es – hauptsächlich darauf, daß er ihr nie Gelegenheit zu solchem ursprünglichen Erleben gab. Gewöhnliche, unberühmte Häuser wollte er sie nicht ansehen lassen; bei den berühmten lieferte er ihr immer schon die sprachliche Optik (Formulierungen[85] wie »sensualistischer Spätstil«), durch die sie das Erlebte, wenn es so weit war, sehen mußte.

Dieser Herbert ist der extreme Typus des Apollinikers mit allen seinen Schwächen. Zu spontanem Erlebnis nicht mehr bereit, »sieht« er nur noch, was er vorher im Baedeker gelesen hat, und er zwingt auch seine Mitmenschen, dasselbe zu tun. Und dies heißt natürlich auch, daß er nur das »Berühmte« sieht und für »Unberühmtes«, aber vielleicht Sehenswertes, das man am Wege findet, kein Auge hat. Viele handeln so: Sie schließen auf der Reise so lange die Augen – real oder im Effekt – bis das kommt, was der Prospekt oder das Reisehandbuch ihnen als sehenswert geschildert hat. Nicht alle sind glücklicherweise so; viele haben auch ein Auge für die »Schönheiten am Wege«. Aber ebensovielen ist der Drang zum Belehren eigen, von dem wir nun genauer wissen, warum er fatal werden kann. Es ist also jedem Apolliniker geraten, sich zu beschränken: eine Belehrung pro Tag muß genügen.

Auf der anderen Seite muß dem Apolliniker auch das Recht zugesprochen werden, sich gegen Anbiederer und Verbrüderer angemessen zu verteidigen. Aber eben: Was ist angemessen? Im Kapitel »In Gesellschaft« wurde bereits gesagt, daß unsere Kultur kein anerkanntes, höfliches Mittel besitzt, Menschen zum Schweigen zu bringen. Wenn ich nun zum Beispiel von einem Schiff aus, das auf dem Fluß dahingleitet, die Gegend mit ihren vielen Einzelheiten ansehen will – was kann ich tun gegen einen Menschen, der dauernd auf mich einredet und mein Interesse gefangen nehmen will? Soviel wir wissen, gibt es leider nur zwei Wege, beide leicht brutal. Der erste besteht darin, daß ich hartnäckig schweige. Es wirkt weniger aggressiv, wenn ich dabei ein Buch oder eine Zeitung vor mir habe – merkwürdigerweise verstehen es manche Menschen, daß einer nicht gestört sein will, wenn er liest, wogegen sie es kaum verstehen, daß einer nicht gestört sein will, wenn er eine Landschaft ansieht. Der seinerzeit berühmte Schweizer Reiseschriftsteller Hans Schmid gab schon vor achtzig Jahren dies Rezept: Man solle eine recht fremdsprachige Zeitung, z.B. den »Budapesti [86] Hirlap« kaufen und (scheinbar) drin lesen; dann habe man einige Chancen, unangesprochen zu bleiben. Allerdings gibt es aufdringliche Gefährten, die selbst dieses Signal nicht richtig deuten und meinen, eine Konversation sei doch sicher auch der besten Lektüre vorzuziehen. Gegen die hilft wohl nur eisiges Weiterschweigen.

Der andere Ausweg besteht darin, daß man – so höflich, wie unter den Umständen möglich – erklärt, daß und warum man sich nicht auf ein Gespräch einlassen wolle. Etwa so: »Sehen Sie, ich schau mir halt am liebsten ganz still die Landschaft an – ohne zu reden.«

In beiden Fällen wird der »Reisekamerad« mit Sicherheit beleidigt sein. Dies ist bedauerlich. Es ist aber noch bedauerlicher, von jemand, den man nicht zum Gesprächspartner will, andauernd geplagt zu werden. In der ersten Szene von »Homo Faber« beschreibt Max Frisch, wie sein Held auf einem Langstreckenflug vom Sitznachbarn unermüdlich angegangen wird, bis er schließlich bei einem Zwischenhalt in eine Toilette flüchten muß. Das ist niemandem zuzumuten. Sollte jemand ein besseres Rezept wissen als die beiden hier mitgeteilten, d.h. sollte er eine (bewährte) Art und Weise kennen, einen unerwünschten Sprecher abzustellen, ohne ihn zu kränken, dann möge er uns das bitte mitteilen. Bis dahin muß die Kränkung des Ansprechers in Kauf genommen werden. Wenn jemand nach dem zweiten Signal nicht merkt, daß man im Augenblick ein Gespräch nicht wünscht, dann muß er eben beleidigt werden; es ist schlechthin unvermeidlich.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 82-87.
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