Mit Fremdsprachigen

[129] Der Clown Grock, vielleicht der berühmteste aller Clowns, hatte eine Nummer, die noch überwältigender war als alle anderen. Er wollte Klavier spielen, und zu diesem Zweck hatte man ihm einen gewaltigen Flügel bereitgestellt. Als er sich nun auf [129] den Klavierstuhl setzte, bemerkte er, daß er nicht nahe genug an den Tasten war. Was tat er? Er stellte sich hinter den Flügel und schob diesen mit gewaltiger Kraftanstrengung an das Stühlchen heran.

An diese Nummer müssen wir denken, wenn wir das sprachliche Verhalten so mancher Zeitgenossen sehen. Sie machen nämlich die größten und zeitraubendsten Anstrengungen, fremde Sprachen zu lernen, geben sich aber fast gar keine Mühe, ihre eigene Sprache so zu kultivieren, daß sie von Fremdsprachigen gut verstanden wird – was um so viel leichter ist, wie das Schieben eines Klavierstuhls gegenüber dem Schieben eines Flügels.

Viele deutschsprachige Intellektuelle sind völlig ausgefüllt von der – nicht unsinnigen, aber einseitigen – Idee, daß Kommunikation mit Fremdsprachigen nur in deren Sprache stattfinden könne. Sie pflegen darum das Lernen dieser Sprachen – oft mit beachtlichen Resultaten. Nun ist es aber durchaus möglich, daß der Fremde unsere Sprache versteht, vielleicht besser als wir die seine, und sie gerne sprechen möchte. Deshalb gehört es zu den Voraussetzungen der Kommunikation mit Fremden, unsere eigene Sprache so sprechen zu lernen, daß sie von Anderssprachigen so gut wie möglich verstanden wird. Dies wird mit wenigen Ausnahmen gröblich vernachlässigt: Es gibt weder Kurse noch Anleitungsbücher zum Gebrauch der eigenen Sprache gegenüber Fremdsprachigen. Manche Menschen, die ein recht hübsches und phonetisch erfreuliches Englisch sprechen, behandeln ihr eigenes Deutsch so stiefmütterlich, nuscheln und mauscheln daher, daß selbst Landsleute sie nur mit Mühe verstehen.

Etwas ganz besonderes ist die Situation in der deutschen Schweiz. Der durchschnittliche Deutschschweizer, wenn er in der Straßenbahn von hilfesuchenden Fremden angesprochen wird, redet heute entweder die Fremdsprache, oder aber er spricht seinen schweizerdeutschen Dialekt, eine an sich liebenswerte aber vom Hochdeutschen weit entfernte Sprache – so weit entfernt, daß sie von einem uns bekannten deutschen Sprachwissenschafter nicht einmal als Deutsch identifiziert [130] werden konnte, als er zufällig in Schottland auf sie traf. Die Abneigung des Deutschschweizers, Hochdeutsch zu sprechen, hat sich seit etwa 1968 rapid verstärkt. Schuld daran ist nicht etwa eine Änderung im Verhältnis zu Deutschland, sondern die binnenschweizerische Variante des weit verbreiteten Analphabetismus: Es wird immer weniger geschrieben, und dies hat in der Schweiz einen Rückgang der Schriftsprache, also des Hochdeutschen, zur Folge.

So viel ist sicher, daß eine Unterhaltung mit Fremdsprachigen sehr wohl auch auf deutsch geführt werden kann, und daß deshalb jedermann gut daran tut, sein eigenes Deutsch so verständlich wie möglich zu machen.

Hierfür gelten zunächst die gleichen Regeln wie im Verkehr mit Schwerhörigen, siehe den Abschnitt auf Seite 126. Wie diese haben Fremdsprachige Mühe, unsere Artikulation zu verstehen – deshalb deutliche Aussprache, besonders der vernachlässigten Endsilben. Und ebenso haben Fremdsprachige Mühe, unseren zusammenhängenden »Redefluß« in einzelne Wörter aufzuteilen – deshalb überdeutlich segmentieren: Künstliche Pausen zwischen den Wörtern machen.

Dazu kommt noch folgendes: Man soll nicht zu idiomatisch sprechen. Unter einem Idiom versteht die Sprachwissenschaft eine Wendung oder Redensart, deren Sinn aus den einzelnen Wörtern nicht hervorgeht. Wenn ich von einem Literaturkritiker sage, er habe ein Buch »am Boden zerstört«, so wird derjenige, der nur mäßig deutsch kann, wahrscheinlich wissen, was »Boden« und was »zerstören« heißt; er wird kapieren, daß man etwas zerstört hat, aber er wird sich fragen: »wieso am Boden?« Nur der Fortgeschrittene weiß, daß »am Boden zerstören« ein Idiom ist, eine Wendung, die man als Ganzes nehmen muß – wer alt genug ist, dem ist noch bekannt, daß sie aus dem letzten Krieg stammt, wo jeweils gemeldet wurde, feindliche Flugzeuge seien am Boden zerstört worden; das bedeutete also: ›bevor der andere nur anfangen kann, ist er schon erledigt‹ und später noch allgemeiner: ›völlig erledigt‹. Die Kenntnis solcher Idiome, die uns geläufig sind, darf man bei Fremdsprachigen [131] nicht ohne weiteres voraussetzen, und deshalb muß man in ihrem Gebrauch zurückhaltend sein.

Das gleiche gilt auch von schwer durchschaubaren Wörtern. Ein Beispiel dafür: In einem Englischkurs für Deutschsprachige war auch ein Engländer anwesend. Es war zu einer Diskussion gekommen, ob ein bestimmter englischer Satz korrekt sei, und der Leiter fragte den Engländer auf deutsch: »Würden Sie das beanstanden?« Darauf der Gefragte in fröhlichem Ton: »Ja, ja, das würde ich schon beanstanden.« Später stellte es sich heraus, daß er das Wort »beanstanden«, das ihm noch nicht bekannt war, gedeutet hatte als: ›anständig, d.h. korrekt finden‹. In Wirklichkeit bedeutet es bekanntlich ›unrichtig finden‹, also das Gegenteil. Aber es ist tatsächlich schwer, dieses Wort aus seinen Teilen richtig zu interpretieren.

So wird es auch für jemand, der mit der deutschen Umgangssprache nicht gut vertraut ist, schwer sein, das Wort »durchgedreht«, welches ›verrückt‹, ›verwirrt‹ bedeutet, richtig zu verstehen, weil es aus den Teilen »durch« und »drehen« nicht erklärt werden kann. Deshalb unsere Richtlinie, man möge möglichst nur solche Wörter verwenden, welche »durchsichtig« sind, sich also aus ihren Teilen erklären lassen. Dies ist nicht so schwer, wie es scheint, wie es auch für einen Vater oder für eine Mutter ohne weiteres möglich ist, sich einem Kind sprachlich anzupassen und im Gespräch mit ihm schwierige Wörter zu vermeiden. Die Sprachwissenschaft nennt dieses Anpassen des eigenen Sprachinventars an die Situation »code switching« (Umschalten des Codes), und das »code switching« ist eines der natürlichsten Dinge von der Welt.

Auch wenn man das Gespräch mit einem Fremdsprachigen auf deutsch führt, kann man doch guten Willen und Charme bekunden, wenn man bei Gelegenheit ein paar Brocken der fremden Sprache mit einem freundlichen Lächeln einmischt. Am wichtigsten ist vielleicht das Wort für »danke«; darum geben wir es hier in einigen Sprachen (Kursiv bedeutet: betont; Kenner mögen die unwissenschaftliche Schreibung verzeihen):


[132] italienisch: grazie tante

spanisch: »muchas gracias«

portugiesisch: »obrigado«,

jugoslawisch: »hvala«,

französisch: merci beaucoup

englisch: thank you very much

russisch: »spassiva«

japanisch: »arrigato goseimas«,

chinesisch: »schjeschje«.


Diese Wörtlein und ein paar ihresgleichen wirken bereits Wunder. Wer sich mit einer fremden Sprache näher vertraut machen will und nicht gerade in einen Kurs gehen möchte, wird normalerweise zu einem der bekannten Sprachführer greifen, wie sie von zahlreichen Verlagen angeboten werden. Diese, wenn vor Gebrauch seriös durchstudiert, sind bereits eine große Hilfe. Man muß sich nur bewußt sein, daß sie in der Regel drei Fehler haben:


1. Sie setzten meist voraus, daß der Mensch allein reise, haben deshalb nur die ich- und keine wir- Formen. Man wird deshalb zusätzlich in Erfahrung bringen müssen, wie die Plurale, zum Beispiel: »Wir möchten gerne«, heißen.

2. Sie sind »herrisch« und bestehen weitgehend aus Befehlen. Höfliche Anreden, Dank und Lob müssen deshalb zusätzlich gelernt werden.

3. Sie sind kommunikativ einseitig, indem sie nur das aufführen, was der Reisende spricht, aber nicht, was er etwa als Antwort erhalten könnte. Man muß sich deshalb bei der Vorbereitung die möglichen Antworten vorstellen.


Zum Trost ist zu sagen, daß schon geringe Kenntnisse einer fremden Sprache sich als sehr nützlich erweisen können; wir möchten also trotz des zu Anfang Gesagten jedermann ermuntern, sich wenigstens etwas mit der zu erwartenden Sprache zu beschäftigen. Dabei kommt es auch auf die einzelnen Länder [133] und Menschen an. Französisch- und englischsprachige Menschen sind mehrheitlich wenig geneigt, eine fremde Sprache zu sprechen, während Griechen und Italiener eher willens und gewohnt sind, ein Gespräch auf deutsch zu führen.


Schließlich gibt es zwischen Vertretern verschiedener Kulturen nicht nur die Verschiedenheit der Sprache. Es kommen dazu sehr viele Unterschiede in den »behaviour patterns«, d.h. in den einzelnen Verhaltensmustern. Hier greifen wir, als wenig bekannt aber wichtig, die Proxemik heraus. Dieser Begriff, der von lateinisch proximus ›ganz nahe‹ abgeleitet ist und seit etwa zwei Jahrzehnten existiert, bezieht sich auf die Frage: Welcher räumliche Abstand zwischen zwei im Kontakt befindlichen Menschen wird von den Angehörigen einer gegebenen Kultur als richtig und angenehm empfunden?9

Die Proxemik hat wissenschaftlich bestätigt, was die meisten von uns instinktiv schon gespürt haben: Während es nördlichen Menschen, etwa Engländern oder Skandinaviern, richtig und normal erscheint, vom Gesprächspartner einen Abstand von etwa einem Meter einzuhalten, gehen südliche und östliche Menschen viel näher an ihren Partner heran – bis in die »olfactory bubble«, die ›Geruchsblase‹, wie es die englischsprachige Forschung nennt, die unsichtbare Kugel also, innerhalb derer man den Partner riecht; dazu kommen Berührungen an Unterarm, Schulter, Rücken.

In den Wandelhallen der UNO soll man deshalb oft das folgende Schauspiel zu sehen bekommen: Ein, sagen wir Engländer und, meinetwegen, ein Araber sind in einem angeregten Gespräch begriffen. Nun kann man beobachten, daß sich die beiden im Verlauf von etwa einer Stunde – wie ein tanzendes Paar – einmal um das ganze Rund der Wandelhalle bewegt haben: Der Engländer ist alle paar Minuten ein bißchen zurückgewichen, als ihm der andere zu nahe auf den Leib rückte, worauf jener [134] zu dem ihm gemäßen Abstand nachrückte, worauf dieser wiederum – und so weiter.


Ein guter Bekannter, Universitätsprofessor, erzählte, wie er in einem kritischen Augenblick Gelegenheit hatte, die Proxemik auszuprobieren:


Als ich an der Universität für ein bestimmtes sprachliches Vorexamen zuständig war, meldete sich eines Abends für meine Sprechstunde ein Student aus dem mittleren Osten an, ein unruhiger, gehemmter und zu Ausbrüchen neigender Mensch. Die Sekretärin warnte: »Herr X. hat sich gemeldet, geben Sie acht, daß er Ihnen nichts zuleide tut!« Er kam denn auch wirklich, und als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann er sich bitter über eine angebliche Ungerechtigkeit zu beschweren. Er nahm dabei eine so ausfällige und drohende Haltung ein, daß mir sehr unbehaglich wurde: Hat er jetzt »den Dolch im Gewande«, und was soll ich jetzt tun? Da besann ich mich auf die Proxemik: ich ging mit meinem Kopf ganz nahe an den seinen heran – bis tief in die »olfactory bubble« – und legte zudem die Hand auf seinen Arm. Und, o Wunder, der Wütende beruhigte sich und ging nachher ganz freundlich auf die Vorschläge ein, die ich ihm machte.


ZU BEACHTEN


Man kann mit vielen Fremdsprachigen auch deutsch reden.


Dann muß das Deutsch aber deutlich, gut segmentiert und durchsichtig sein.


Einige kleine Höflichkeiten in der fremden Sprache wirken Wunder.


Sprachführer sind immer noch sehr nützlich, vor allem, wenn man ihre Fehler kennt.


Die Proxemik beachten!

Fußnoten

1 Margaret Engeler, Das Zürcher Konzertleben – Meinungen, Moden Medien, Stäfa bei Zürich 1990.


2 Adolf Guggenbühl, Der schweizerische Knigge, Zürich 1933 u. öfters.


3 Für einführende Bemerkungen siehe E. Leisi, Praxis der englischen Semantik, Kapitel 4: ›Bedeutungsanalyse‹.


4 Wir verweisen hier in erster Linie auf Linus Geisler, Arzt und Patient – Begegnung im Gespräch, Frankfurt/M. 1987, eine vorbildliche Darstellung, in der alle Aspekte, sogar die wechselseitige Deutung von Mienenspiel und Gebärden, Platz finden. Empfehlenswert ist auch F. Meerwein, Das ärztliche Gespräch, 3. Auflage, Bern, Stuttgart 1986, das sich allerdings mehr auf Grenzsituationen und grundsätzliche Entscheidungen bezieht.


5 E. Kowalski, Die Magie der Drucktaste, Wien und Düsseldorf 1976.


6 Wir haben diese Dreizeiler dem Buch »The Japanese Haiku« von Kenneth Yasuda entnommen und sie (ohne genaue Beachtung der Silbenregeln) aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.


7 Aus dem wundervollen Büchlein von Herbert Schöffler, Kleine Geographie des deutschen Witzes, Göttingen 1955 u. öfters. Und der Satz heißt für die, die ihn bis jetzt nicht verstanden haben: »Na, jetzt wirds aber tüchtig hüglig«.


8 N. Trubetzkoij, Grundzüge der Phonologie, Prag 1939


9 Über die Proxemik orientiert mit ausführlichen Literaturangaben das bereits zitierte Buch von Linus Geisler, Arzt und Patient – Begegnung im Gespräch.


Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993.
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