XIV. Meine Reise nach Frankreich.

[145] Die Briefe meines Mannes aus den letzten Oktobertagen sprachen von heftigen Kopf- und Gliederschmerzen und von großer Mattigkeit, endigten aber immer mit der Versicherung: es ist nichts von Bedeutung,[145] in ein paar Tagen werde ich wieder fuchsmunter sein. Diese Schlußsätze konnten mich aber nicht beruhigen, ich schrieb an den Vetter meines Mannes, den Baron Fritz Kaas, der bei der Gardeartillerie stand, und bat ihn, mir über das Befinden meines Mannes genaue Nachricht zu geben.

Eben hatten wir uns an den guten Briefen meines Vaters erfreut, und ich wollte meinen gewohnten Gang in das Lazarett tun, da wurde mir eine Depesche eingehändigt. Vetter Fritz telegraphierte: »Dein Mann an schwerem Gehirntyphus erkrankt, wenn möglich, komme.«

Jetzt war aus der wetterschweren Wolke, die ich seit Wochen mit vollem Bewußtsein über mir hängen sah, der entscheidende Schlag herabgezuckt. Gott sei Dank, daß er mich nicht unerwartet traf. Während mein Mutterchen sich mit dem Onkel Kaas wegen der Abreise, die an demselben Abend erfolgen sollte, verständigte, fuhr ich nach Berlin. Ort und Datum wurde in unsere Karten eingefügt, und zugleich erhielt ich noch Papiere eingehändigt, um mir im Notfall militärische Begleitung zu sichern. Nach der Heimkehr galt es, Abschied zu nehmen im Lazarett. Meinen Schwager, der nicht mehr bettlägerig war, fand ich in dem Versammlungszimmer mit den anderen Offizieren, die im Karllazarett in Pflege waren. Das erschwerte mir die Sache, denn als mein Schwager die Erkrankung meines Mannes und meine bevorstehende Abreise erfuhr, versuchte er mir in hoher Erregung auseinanderzusetzen, daß meine Reise ein Unding sei, weil ich trotz allem nicht bis Paris durchkommen würde. Die anderen Herren stimmten ihm bei und wußten die verschiedensten Namen von Frauen zu nennen, die diesen Versuch gemacht und ihn hatten aufgeben müssen. Ich schüttelte zu allem den Kopf. Mein Mann war todkrank, er brauchte mich, und ich kannte jetzt kein anderes Wollen als: hin zu ihm. »So werde ich selbst mit dir reisen, der alte Onkel findet sich in kriegerischen Verhältnissen nicht zurecht und ist nicht genügender Schutz für dich«, erklärte mein Schwager.

»Sorge dich nicht um mich, ich stehe in Gottes Hand«, antwortete ich ihm, »mir ist nicht bange. Aber du kannst mich nicht begleiten« – ich zeigte auf seine Krücken –, »du brauchst Pflege!«

Diesmal hatte ich nun die Offiziere auf meiner Seite, und mein Schwager sah wohl selbst ein, daß seine Begleitung mich nur am Vorwärtskommen gehindert hätte. Er gab den Gedanken auf und versuchte mich auch nicht länger zurückzuhalten. Tief bewegt gab er mir Grüße für den geliebten Bruder mit.

Von meinem Mutterchen und meinem kleinen blonden Töchterchen Abschied zu nehmen, ging mir ans Herz. Würde ich ihnen den treuen[146] Sohn, den liebenden Vater heimbringen können oder – ich wagte nicht weiter zu denken, denn ich mußte ja tapfer bleiben.

»Halte dich wacker, mein Sonnenkind, und vertraue Gott«, hatte mein Liebling mir scheidend immer wieder gesagt, und ich wollte halten, was ich ihm versprochen hatte, mit Gottes Hilfe würde ich mich ja auch durchringen, das wußte ich.

Die Kleine hatte ganz verweinte Augen, klammerte sich an mich und schluchzte bitterlich. Ihr geliebtes Väterchen krank, und die Mutter fort, das war für ihr Kinderherz zu viel. Wie wurde mir das Scheiden da so bitter schwer! Aber Kindertränen versiegen bald, wenn dem kleinen Gemüt verständnisvoller Trost gebracht wird, und daß das Kind bei meiner Mutter in den besten Händen war, darüber wenigstens konnte ich mich beruhigen.

So fuhr ich denn mit dem alten Onkel in die Nacht hinaus. Dunkel war es um mich her, aber doch eine sterndurchfunkelte Finsternis, und dunkel lag auch die Zukunft vor mir. Aber auch dort leuchteten mir Sterne und erhellten meinen Weg, sie flammten auf an der festen Zuversicht auf Gottes Durchhilfe.

Nach vierundzwanzigstündiger Eisenbahnfahrt kamen wir am nächsten Abend in Saarbrücken an. Ein Teil des Bahnhofsgebäudes war zerschossen, und rund herum biwakierten unsere Truppen. Die noch erhaltenen Räume des Gebäudes waren vollgepfropft von Soldaten, aber als wir eintraten, um uns nach einem Platz umzusehen, standen sofort ein paar Leute auf und wollten uns den ihren geben.

»Frölenke«, meinte der eine, »Sie sehen nicht aus, als ob Sie jewohnt wären, uf die harte Bänke zu sitzen. Wir wollen's Ihnen aber janz bequem machen.«

Und wirklich, sie machten mir einen sehr behaglichen Sitz, den sie mit ihren Mänteln ausgepolstert hatten. Eng eingekeilt zwischen unsern braven Soldaten, aber doch verhältnismäßig bequem, habe ich dort die Nacht zugebracht. Am anderen Morgen gingen wir auf die Bahn. Es war der erste Zug, der nach der Kapitulation von Metz dorthin abgehen sollte. Auf dem Bahnhof war ein großes Gewirre von Menschen. Graf Rantzau, ein junger Offizier vom 1. Garderegiment aus Potsdam, der oft in unserem Hause verkehrt hatte, trat mir entgegen. Er hatte am 18. August aus dem heißen Kampf eine Wunde davongetragen, war zur Pflege in der Heimat gewesen und wollte nun wieder zu seinem Regiment zurück, das in Sarcelles vor Paris stand. Sobald er von mir gehört, um was es sich handelte, stellte auch er mir vor, daß es für eine Frau unmöglich sei, jetzt bis Paris durchzukommen. Was konnte ich ihm[147] anderes auf seine Einwände sagen, als die eine Antwort: »Mein Mann ist todkrank, da gehöre ich zu ihm. Furcht kenne ich nicht, ich stehe überall in Gottes Hand.«

»So wollen wir zusammen reisen«, erklärte er, »ich habe denselben Weg.«

Die Begleitung eines Offiziers mußte für uns die Schwierigkeit der Reise bedeutend erleichtern. Ich war sehr dankbar dafür, und so stiegen wir denn zu vieren, denn Graf Rantzaus Bursche war auch dabei, in das von Soldaten überfüllte Abteil. Die Spuren des Krieges, der hier vor kurzem noch gewütet hatte, traten nun zum erstenmal an mich heran. Ich gebe gern zu, daß diese Bilder auf mich als Frau einen tieferen Eindruck machten, als auf diejenigen, die hier schon in Kämpfen gestanden hatten, aber wer das Frauengemüt kennt, wird das auch verstehen. Ich weiß, daß ich damals dachte, ich würde nie wieder so heiterfroh lachen können wie sonst, nie wieder so glückstrahlend sein, wie ich es als Mädchen gewesen und als Frau im geliebten Potsdam. Das alles fand sich aber nachher schnell wieder, nur die Eindrücke sind mir in unauslöschlicher Klarheit geblieben. Sie haben dazu beigetragen, mir für das Elend in der Welt die Augen zu öffnen, und sobald wir diesen Notschrei nur erst erfaßt haben, dann stellt man ja gern seine schwachen Kräfte zur Verfügung, wo es gilt zu helfen.

Hin und wieder hielt der Zug auf freiem Felde, und war dort zufällig ein Barackenlager errichtet, dann schlichen von dort die abgemagerten Gestalten unserer Soldaten, die eben von der Ruhr erstanden waren, an den Zug. Sie wollten etwas hören von der Heimat, vom Kriege, und über die bleichen Gesichter ging ein Leuchten, wenn man mit ihnen sprach oder sie durch einen Schluck Wein oder durch Zigarren erfreute. Herrenlose Pferde, zum Skelett abgemagert, schleppten sich umher und knabberten an den Haufen verschimmelten Kommißbrots, die am Wege lagen. Lange Züge gefangener Franzosen, meist Offiziere, marschierten, von Metz kommend, an uns vorüber. Aus den eingefallenen Zügen und dem trotzigen Blick sprach ein verbissener Grimm. Das Dorf Peltre, das mein Vater in seinen Briefen öfter genannt, stand in Flammen, als wir vorbeifuhren; es sollte angezündet sein, weil Franktireurbanden sich dort festgesetzt hatten. Eine Meile vor Metz hieß es, der Zug könne nicht weiter fahren, wir müßten die letzte Strecke zu Fuß gehen. Um 10 Uhr vormittags waren wir von Saarbrücken ausgefahren, jetzt war es 6 Uhr geworden, als wir uns zu Fuß auf den Weg machten. In Metz war ein Gedränge von Menschen, Freund und Feind wogte durcheinander, und auf dem Marktplatz war das Lazarett aufgeschlagen. Da[148] stand ein Eisenbahnwagen neben dem andern, und darin lagen, Bett an Bett, die Verwundeten und Kranken. Alle Gasthäuser waren überfüllt, keins wollte uns aufnehmen. Endlich fanden wir Unterkommen, denn die rote Kreuzbinde am Arm gab uns das gleiche Recht wie dem Grafen Rantzau als Offizier, Quartier verlangen zu dürfen.

Es war ein saalartiger Raum, in den wir eintraten, zwei lange Tafeln standen darin, an der einen speisten die preußischen, an der andern die französischen Offiziere.

Plätze an dem preußischen Tische wurden von den Herren dort gleich für uns frei gemacht. Von dem andern Tische, wo lebhaft hin und her geredet wurde, schallten heftige Verwünschungen zu uns herüber, die nicht den Preußen galten, sondern ihrer eigenen Regierung und ihrer minderwertigen Kriegsvorbereitung. Um das Wort: »Nous sommes trahis«, in allen Schattierungen eines erregten Tonfalls ausgestoßen schien sich an jenem Tische die ganze Unterhaltung zu drehen.

Als es 11 Uhr schlug, sollte zur Ruhe gegangen werden. Den französischen Offizieren wurde ein Zimmer zur Linken des Saales, den preußischen eines zur Rechten angewiesen und mir der Mittelraum, in dem wir gesessen hatten. Das kleine Pferdehaarsofa, das in einer Ecke stand, bekam ich als Lagerstätte, und einen alten Soldatenmantel zum Zudecken. Graf Rantzau unterzog den großen Kamin in meinem Saal und die bis zur Erde herabgehenden Fenster einer genauen Untersuchung, von der er nicht sehr befriedigt schien. Dann schloß er die Tür zu den französischen Offizieren ab und erklärte mir, daß er die Tür zu den preußischen Offizieren unverschlossen lassen würde, damit ich, bei einer etwaigen nächtlichen Störung, mich gleich unter sicheren Schutz stellen könnte. Er selbst machte sich ein Lager auf der Schwelle jener Tür zurecht als ritterlicher Schutz für die Frau seines Kameraden.

Die Nacht verging ruhig. Zeitig war ich auf und räumte in dem, von dem Tage vorher etwas wüst aussehenden Saal alles zurecht für unser Frühstück. Wir verzehrten es eilig, während Gedanken und Gespräch sich nur um den einen Punkt drehte: »Wie kommen wir weiter?«

Die Herren gingen zur Bahn, um sich zu erkundigen, ob und was für Züge heute abgehen würden. Ich blieb wartend an einer Brotbude stehen, umdrängt von ausgehungerten Franzosen und hungrigen preußischen Soldaten. Was ich an kleinem Gelde bei mir hatte, wanderte fort für Brot, das ich gleichmäßig an Freund und Feind austeilte.

Die Herren kamen erfreut zurück. Ein Zug mit Liebesgaben sollte in einer halben Stunde abfahren, und den konnten wir bis Bar le Duc benutzen. Die Herren Delegierten waren mit großer Liebenswürdigkeit[149] darauf eingegangen, uns mitzunehmen. Es war ein kalter Novembertag und ein offener Pferdewagen, der uns zur Verfügung gestellt wurde, aber die Herren hatten dort in der Ecke von Kisten und Decken einen prächtigen thronartigen Platz für mich erbaut. Eine Bulldogge wurde mein Fußkissen, und heiße Schokolade, während der Fahrt bereitet, erwärmte innerlich, so brauchte man nicht zu frieren.

In Bar le Duc mußten wir uns von unseren freundlichen Wirten trennen und stiegen in einen Militärzug, der aber noch eine halbe Stunde auf dem Bahnhof hielt. Zu meiner großen Überraschung trat hier ein Offizier der 18. Division an mich heran, in dem ich den Major von Reibnitz erkannte. Auch er kam aus der Heimat, wohin er sich begeben hatte, um eine Wunde ausheilen zu können, und suchte nun sein Regiment, das er auf dem Wege nach Orleans wußte. Ich erzählte ihm, wie wir uns in Metz vergebens nach der 18. Division erkundigt hätten und niemand imstande gewesen wäre, uns Bescheid zu geben, welche Marschroute die Truppen verfolgten. Major von Reibnitz blieb bis zum Abgang des Zuges bei uns, ich bat ihn, meinem Vater von der Krankheit meines Mannes und meiner Reise zu ihm Mitteilung zu machen und ihn viel tausendmal zu grüßen.

Ehe ich hier weiter fortfahre, möchte ich einen Brief meines Vaters einschalten, der sich auf jene Tage bezieht.

»Troyes, den 7. November. Wir hatten sehr anstrengende Märsche, nachdem wir am 30. Oktober von Metz abgerückt waren. Immer bergauf und bergab ging es, und dabei peitschte uns der Wind unaufhörlich den Regen in das Gesicht. In Bar le Duc wurde Ruhetag gemacht, aber ich konnte die Freude daran nicht genießen, denn ich hatte zu meinem größten Kummer einen Brief vom General von Budritzky erhalten, der mir die lebensgefährliche Erkrankung unseres geliebten Schwiegersohnes mitteilte. Als ich mein Mittag im Hotel des Bahnhofs einnahm, trat Major Reibnitz zu mir heran und meldete mir seine erfolgte Rückkehr nach vollständiger Genesung. Zugleich zeigte er auf den eben abfahrenden Zug und sagte mir: ›Ihre Frau Tochter sitzt darin und fährt zu ihrem schwerkranken Mann nach Gonesse. Sie hat in Metz vergebens versucht zu erfahren, wo Sie wären, und trug mir ihre Grüße für sie auf.‹

Da waren wir uns auf ein paar Schritte nahe gewesen, ohne eine Ahnung davon zu haben, und nun wußte ich mein vielgeliebtes Kind mitten im Kriegstrubel, mit allen Schwierigkeiten einer solchen Reise kämpfend, und in völliger Ungewißheit, wie sie den Gatten finden würde. Das war hart! Ich setzte mich sofort hin und schrieb meinem armen Töchterchen.[150]

Ein paar Tage später habe ich von Budritzky beruhigende Nachrichten von dem lieben Jungen bekommen, doch erfuhr ich noch nicht, ob mein armes Kind glücklich in Gonesse angekommen sei.

Heute ging uns die Weisung zu, in forcierten Märschen Fontainebleau zu erreichen. Wie man so ablauschen konnte, waren die eingelaufenen Nachrichten von Orleans daran schuld. Man befürchtet, daß die an Zahl übermächtige Loirearmee meinen alten Waffengenossen, den General von Tann, ganz abdrücken und dann nach Paris gehen würde. Diesem Anmarsche sollen wir uns vorlegen!«


Um in meiner Reise fortzufahren, möchte ich erzählen, daß wir in dem Militärzuge nur mühsam einen Platz hatten finden können. In einem Abteil, wo die Soldaten mit ihren Gewehren schon teilweise standen, weil kein Raum war, kamen wir unter. Aber auch hier, wie überall auf der Reise bei Freund und Feind, begegnete ich der zartesten Rücksichtnahme. Die Soldaten räumten mir den besten Platz ein, polsterten ihn wieder mit ihren Mänteln aus und waren voll verständnisvollem Mitgefühl für die Frau ihres erkrankten Offiziers.

Gegen Abend kamen wir in Commercy an. Unser Quartier lag in einem Kellergeschoß, und mein Zimmer ging nicht zu verschließen.

Das war unangenehm, doch die Not macht erfinderisch. Das Gewehr des Burschen wurde auseinandergenommen, das Bajonett benutzte ich als Riegel vor die Tür zu schieben, und mit dem Kolben sollte ich an die Wand klopfen, für den Fall einer nächtlichen Störung.

Eine Störung kam freilich, aber nicht durch den Feind, sondern durch unsere Nachbarsleute, die sich als brave Pferde entpuppten und mit den Hufen gegen die Wand schlugen. Der Schreck, den das Klopfen meinen Herren eingejagt hatte, klärte sich bald auf.

Am anderen Morgen fuhren wir nach Epernay und wollten von da aus über Meaux nach Gonesse, doch wurden wir, wegen des starken Bombardements von Paris her, dort nicht durchgelassen, und die Herren schlugen uns vor, wir sollten mit dem Umwege über Reims und Villers Cotterets in das Lazarett fahren. Zugleich aber teilten sie uns auch mit, daß die Stimmung in Reims eine derartig verhetzte sei, daß die Herren sich nicht ohne geladenen Revolver in der Straße zeigen dürften. Auf der Lokomotive mußte immer einer der Herren Bürgermeister von Reims mitfahren, weil die Franktireurs mit Vorliebe die Schienen auf dieser Strecke wegrissen.

Wir mußten also den Weg über Meaux aufgeben und uns zu dem großen Umweg über Reims, Soissons, Villers Cotterets entschließen.[151]

Um Mitternacht kamen wir in Reims an. Totenstille herrschte in der Stadt, man hörte nur den Schall der eigenen Schritte. Vom hellsten Mondschein beleuchtet lag die wundervolle Kathedrale vor uns. Eine einsame Schildwache ging am Portal auf und ab, und hinter ihr, ohne daß der Posten es wohl gewahr wurde, glitt schattenhaft ein Franzose, der die Bewegungen des Mannes nachäffte, aber rasch hinter den hohen Pfeilern verschwand, als wir uns näherten.

Die Herren gingen auf die Etappe, um Erkundigungen einzuziehen, und ich wartete im Gasthaus den Bescheid ab. Die Nachrichten lauteten schlecht, die ich erhielt. Es gingen jetzt keine Züge nach Soissons, Wagen, um dahin zu fahren, seien nicht aufzutreiben, und außerdem wäre der Wald zwischen Soissons und Villers Cotterets wegen der Franktireurs nicht geheuer. Man könnte uns nur raten, umzukehren und noch einmal ein Durchkommen über Meaux, an der Vorpostenkette entlang, zu versuchen.

Den Onkel entmutigte das Hin und Her, er sprach bereits von der Heimreise, wenn uns in Epernay weitere Schwierigkeiten gemacht würden.

In derselben Nacht fuhren wir von Reims zurück und langten beim Morgengrauen in Epernay an.

»Unmöglich, hier weiter zu kommen, wir dürfen Sie nicht durchlassen«, wurde uns klipp und klar gesagt, »selbst die Post darf den Weg nicht mehr benutzen.«

Es kostete Graf Rantzau und mir große Überredung, um den Onkel zu bewegen, mit dem nächsten Zuge nach Reims zurückzufahren und dort noch einmal zu versuchen, ob nicht ein Durchkommen möglich sei.

Im Laufe des Vormittags langten wir nun zum zweiten Male in Reims an. Deutlich steht mir das schmale Zimmer auf dem Bahnhof vor Augen, in das mich einer der Herren Delegierten vom Roten Kreuz führte, damit ich dort die Antwort erwarten könne, die der Onkel und Graf Rantzau sich von der Etappe holen wollten.

Der Delegierte bemühte sich in liebenswürdiger Weise, mir das peinliche Warten zu erleichtern, und ich gab mir die größte Mühe, nicht in unfreundliches Stummsein zu versinken. Aber meine Gedanken drehten sich jetzt nur um den einen Punkt: »Wie komme ich durch?« Alles andere schien mir weltenweit fern zu liegen.

Da ging die Tür auf und mein Onkel, gefolgt von Graf Rantzau und mehreren fremden Offizieren, trat ein. Er war sehr erregt und rief mir schon entgegen: »Siehst du, die Reise ist ein Unsinn, wir können nicht durch und müssen umkehren. Nun bringe ich dir die Herren mit, damit sie dir das selbst auseinandersetzen.«[152]

Die Herren stellten sich vor und erklärten mir, daß es keine Fahrgelegenheit nach Soissons gebe, daß ich dort kein Quartier finden würde, daß die Häuser zerschossen wären, und daß vor ein paar Tagen im Walde von Villers Cotterets die 1. Sektion der Feldeisenbahnabteilung Nr. 4 von Franktireuren angefallen wäre, es also für uns ausgeschlossen sei, durch jenen Wald zu fahren. Es war eine sehr bewegte Szene. Der Onkel durchmaß mit großen Schritten das Zimmer und warf in alle Reden der Herren und in meine Erwiderungen immer von neuem seinen Entschluß dazwischen: »Wir kehren um.«

Aber ich wußte ja, was für meinen Mann auf dem Spiele stand, darum kämpfte ich mit aller Energie für meine Sache.

»Hilf mir, hilf mir, mein Gott!« drängte sich das stürmische Flehen durch meine Gedanken.

Ich zog meine Papiere hervor, die mir militärische Begleitung sicherten, und bat die Herren, mir diese zu geben.

Sie waren gern bereit dazu, meinten aber, daß sie jetzt keine verfügbaren Truppen hätten und daß ich in Reims abwarten solle, bis sie mir militärische Begleitung mitgeben könnten.

Gegen das Abwarten wehrte sich der Onkel, er wollte jetzt unter allen Umständen umkehren.

Ich aber bat die Herren, mir wenigstens einen Wagen nach Soissons zu besorgen, wie ich unterkäme, wäre mir gleichgültig. Ich wäre in Soissons doch schon meinem Ziele näher und würde da sehen, wie ich von dort weiter reisen könnte.

Graf Rantzau hatte stumm hinter meinem Stuhl gestanden, jetzt beugte er sich zu mir. »Ist es Ihr fester Wille, weiter zu reisen?« fragte er mich.

Ich nickte: »Ja, gewiß. Mein Mann ist todkrank, er verlangt nach mir, da gibt's nur ein Vorwärts.«

Der Graf hatte dafür volles Verständnis. »Ich muß zu meinem Regiment zurück, das dicht bei Gonesse liegt«, sagte er. »Wo ich durchkommen kann, kommen Sie auch durch, das habe ich in diesen Tagen gemerkt. Wollen Sie mit mir allein die Reise fortsetzen?«

Nun konnte ich erleichtert aufatmen und ihm versichern: »Mit Freuden.«

Er wollte mir Mut zusprechen und meinte: »Sie sind ja ein Sonntagskind, darum haben wir bisher Glück gehabt und werden es auch weiter haben.«

In der offenen Tür des Zimmers hatte ein fremder Offizier gestanden, der alles gehört und nun, seinen Namen nennend, an mich herantrat.[153]

»Meine gnädige Frau, ich stelle mich Ihnen zu Diensten«, sagte er. »Ich soll von Soissons Geschütze holen, um sie nach Mezieres zu bringen. In Soissons habe ich Quartier, das steht zu Ihrer Verfügung, und ebenso mein Zug.«

Da war die Rettung aus der Not. Wie ich ihm das dankte! Es kam wieder so etwas über mich von dem alten strahlenden Glücksgefühl, das mich so oft ganz und gar erfüllte. »Wann können wir fahren?« Das war meine nächste Frage. »Die Lokomotive ist geheizt, es kann sofort geschehen«, lautete die Antwort. Nun gab es kein Zögern, ein paar Minuten später saß ich mit dem Onkel, Graf Rantzau und dem Retter aus der Not im Zuge und fuhr mit ihnen nach Soissons, das noch teilweise in Trümmern lag.

Es war eine gute Botschaft, die wir hier empfingen, wir hörten, daß durch den gefährlichen Wald am anderen Vormittag um 11 Uhr eine Munitionskolonne mit Bedeckung gehen sollte. Ein Fuhrwerk für den nächsten Tag wurde aufgetrieben, und so konnten wir uns denn dankerfüllt sagen, daß wir dicht vor dem Ziel standen. Ein herrlicher Sonntagmorgen war es, als wir beim Geläute der Kirchglocken aus Soissons hinausfuhren. Die dort weilenden Offiziere gaben uns bis zum Weichbilde der Stadt das Geleite, denn weiter durften sie sich nicht entfernen. Von da ab wollte es mit dem Fahren nicht recht vorwärts gehen. Der französische Kutscher behauptete, das Handpferd ginge auf der verkehrten Seite, er müsse umspannen. Als wir aber auch nach diesem Plätzewechseln nicht rascher vorwärts kamen, bedeutete Graf Rantzau dem Kutscher, daß sein Bursche, der mit geladenem Gewehr neben ihm säße, die Zügel nehmen und er vom Bock herunterfliegen würde, wenn er jetzt nicht zuführe.

Unsere Schimmel setzten sich nun auch wirklich in einen mäßigen Trab, aber das Ende war doch, daß wir den Wald dreiviertel Stunden zu spät erreichten. Die Kolonne war längst weg und nichts mehr von ihr zu entdecken.

Jetzt hieß es umkehren und die nächste militärische Bedeckung abwarten oder ohne Schutz durchfahren. Der Onkel sprach sich mit großer Bestimmtheit für das erste aus, Graf Rantzau legte die Entscheidung in meine Hand, und was hätte ich anders sagen können als: vorwärts – durch!

Ich möchte hier noch ein Wort über den Onkel sagen, der mir in treuester Fürsorge während der Reise zur Seite gestanden hat. Es könnte manchmal den Anschein haben, daß er etwas zu zaghaft gewesen sei, und da möchte ich einer falschen Auffassung vorbeugen. Er fühlte sich verantwortlich[154] für meine Sicherheit und entschied daher oft anders als ich, die nur vorwärts drängte.

Auch diesmal mußte der liebe Onkel nachgeben, denn wir waren ja zwei gegen eine Stimme. Das Verdeck des Wagens wurde heruntergeschlagen, damit man sich umsehen konnte, die Herren luden ihre Revolver, und mir gab der Onkel einen sogenannten Totschläger, der in seinem Besitz war, ein kurzer Gummistab mit eisernem Kopf oben und unten.

Nun ging es in den Wald hinein, der zu beiden Seiten des Weges ein paar Meter abgeholzt war, damit die Überfälle der Franktireurs nicht bis zum letzten Augenblick durch das Gehölz verdeckt waren. Keiner sprach von uns ein Wort, jeder spähte nach rechts und links, ob nichts Verdächtiges zu entdecken sei. Aber der Wald blieb stumm, er belebte sich nicht, und wir kamen glücklich durch, trotzdem wir erst am Ende des Waldes die Kolonne erreichten. In Villers Cotterets erfuhren wir, daß tags darauf ein Zug nach Gonesse ginge, wenn die Franktireurs nicht wieder die Schienen aufgerissen hätten.

Sie hatten diesmal keinen derartigen Versuch gemacht, und am Montag früh saßen wir in dem Zuge, der uns nach Gonesse führen sollte. Acht Tage war ich jetzt unterwegs, und während dieser ganzen Zeit hatte ich keinerlei Nachricht von meinem Manne gehabt. Jetzt, nachdem der andauernde Kampf um das Durchkommen, der alle Kraft und Gedanken in Anspruch genommen hatte, vorüber war, trat die Frage, wie ich meinen geliebten Mann finden würde, mit ihrer ganzen quälenden Sorge wieder an mich heran. Wir hatten unterwegs telegraphisch unsere Ankunft anmelden können, denn wir mußten von der Bahn abgeholt werden, da wir nicht wußten, in welchem Haus wir meinen Mann suchen sollten.

Gonesse selbst liegt eine ganze Ecke vom Bahnhof entfernt, und nie vergesse ich die folternde Spannung der halben Stunde, während deren wir, auf Abholung wartend, vor dem Bahnhof hin und her gingen.

Graf Rantzau war noch bei uns geblieben. »Ich gehe nicht eher zu meinem Regiment, bis ich Sie nicht sicheren Händen übergeben habe«, sagte er.

Ich dankte ihm stumm, sprechen konnte ich nicht, mir war der Hals wie zugeschnürt. Aber dann jubelte ich doch laut auf, als auf der Chaussee im schnellsten Trabe ein Wagen herankam und der Offizier, der sich weit herausbog, ein weißes Tuch schwenkte.

Ich erkannte nun auch meinen Vetter, sah seinen frohen Gruß und wußte, das konnte nur gute Botschaft sein.[155]

Eine halbe Stunde später hielten wir vor einem kleinen Hause, frisches Grün war auf den Weg gestreut und eine Girlande hing über der Tür. Es war der Willkommen der preußischen Offiziere für die erste deutsche Frau, die sie in der Kriegszeit hier begrüßten.

Als ich nun aber über die Schwelle trat und mein Mann mir schon entgegenkam, da feierten wir ein glückstrahlendes Wiedersehen! Darüber kann ich nicht viel sagen, jedes warmschlagende Herz wird es mir nachfühlen!

Wir saßen beim lodernden Feuer am Kamin, der, in Ermangelung von Holz, mit Möbelstücken geheizt wurde. Von Paris her donnerten unausgesetzt die Schüsse, man hörte, wie jeder einzelne aufschlug und explodierte, und doch wirkte das alles nur wie ein Traum, die frohe Wirklichkeit des Beisammenseins drängte alles andere zurück.

Nachdem die ersten bewegten Augenblicke vorüber waren und ich meinem Kranken nun von unserm kleinen Liebling daheim und ihren drolligen Einfällen erzählte, da war auf einmal wieder – ich wußte selbst nicht wie – das glückliche Lachen da.

Mein Mann legte mir die Hand auf den Arm. »Kind, dich wieder lachen zu hören, ist für mich Lebenselixier«, sagte er.

Wie oft habe ich noch an dies Wort denken müssen in späteren Tagen! Es wurde zu einer erziehenden Kraft in meinem Leben.

Als ich meinen geliebten Kranken abends zur Ruhe gebracht hatte, sprach ich mit den Ärzten über seinen Zustand. Sie gestanden mir, daß sie vor einer Woche alle Hoffnung auf seine Genesung aufgegeben hätten, jetzt aber die augenblickliche Gefahr beseitigt sei. Sie machten es mir zur Pflicht, ihn nie eine Sorge merken zu lassen und ihm in gleichmäßigem Frohsinn immer zur Seite zu bleiben. Eine möglichst rasche Abreise hielten sie für nötig, um ihn aus dieser nervenaufregenden Umgebung herauszubringen. Ich sollte den Versuch machen, wie mein Mann das Fahren und das Zusammensein mit anderen Menschen vertragen könnte. Prinz Hohenlohe, General der Gardeartillerie, war so liebenswürdig, uns Pferde und Wagen zu geben, und so machten wir denn am anderen Vormittag einen Ausflug nach einem Schlößchen, das etwa eine Stunde von Gonesse lag und der Prinzessin Mathilde gehörte. Franktireurs hatten es völlig verwüstet. Ein Teil der Möbel und Bilder waren zertrümmert, Kasten mit einer großen Muschelsammlung herausgerissen, der Inhalt auf den Fußboden zerstreut, und die kostbare Ledertapete hing in Fetzen von den Wänden herunter. Ein Stück davon nahm ich mir zum Andenken mit, und mein Mann ließ damit später den Sitz meines Spinnstuhls überziehen.[156]

Die Ausfahrt war meinem Kranken gut bekommen. So sollten wir denn unser Mittag mit mehreren der Offiziere, die in Gonesse waren, einnehmen.

Das war ein wunderliches, mir unvergeßliches Mittagessen. Zur Freude der Herren hatte der Tisch, um die deutsche Frau zu ehren, ein Tischtuch bekommen. Das war ein Luxus, der ihnen sonst hier nicht gewährt wurde, ebensowenig wie die Milch zum Nachmittagskaffee, den die einzige Kuh, über die der Stab verfügte, dazu hatte hergeben müssen. Das Eigenartige unseres Zusammenseins hier in Feindesland gab auch der angeregten Unterhaltung das Gepräge. Kriegsbilder, voll tiefen Ernstes, und dann wieder heiterfrohe Worte mischten sich durcheinander.

Mir war strahlend zumut und dabei doch voll zitternder Sorge, genau so widersprechend in den Gefühlen, wie das Bild, das uns umgab. Ein mit allem Luxus ausgestattetes Zimmer, der Tisch mit frischem Grün und Rosenknospen überschüttet, feinstes Porzellan, dazwischen aber auch gröbstes Geschirr und im lodernden Kamin wieder Möbelstücke als Brennholz, dazu andauernd die donnernden Schüsse von Paris her, die als dumpfe Kriegsmelodie unsere Gespräche begleiteten.

Der nächste Tag war grau und trübe, ein dichter Nebel umschleierte die ganze Gegend und eine wunderliche Stille herrschte, denn die Kanonen von Paris schwiegen. Wir frühstückten mit den Offizieren beim Prinzen Hohenlohe, es sollte dort festgestellt werden, wie wir am besten und schnellsten heimreisen könnten.

Der Prinz riet, den kürzesten Weg an der Vorpostenkette entlang zu fahren und zwar sofort, um den Nebeltag zu benutzen, wo die Strecke nicht beschossen wurde.

»Ich gebe Ihnen einen zuverlässigen Kutscher und meine schnellsten Pferde«, sagte mir der Prinz, »es kann sein, daß ein paar versprengte Franktireurs versuchen werden, Sie zu beunruhigen, dann verlassen Sie sich auf den gewandten Kutscher und die Zuverlässigkeit der Pferde.«

Eine halbe Stunde später rollte der Wagen mit uns davon, die Offiziere, die uns noch mit den Tüchern von der Rampe aus Abschiedsgrüße winkten, verschwanden bald unseren Blicken in dem dichten Nebel. Eine geraume Weile ging es im ruhigen, aber dabei doch flotten Tempo vorwärts. Alles war still um uns her, die ganze Welt schien verschlafen und verträumt zu sein, und das Gehölz uns zur Seite zeichnete sich nur in dunklen Umrissen aus dem Nebel ab. Da wurde es plötzlich lebendig, Hufschlag und Knacken von Zweigen, und gleich darauf tauchten, wie aus der Erde gewachsen, einige Blusenmänner aus dem Nebel auf. Einer[157] von ihnen war zu Pferde, schwenkte seinen Säbel und brüllte uns an: »Arrêtez! Arrêtez!«

In demselben Augenblick sauste auch die Peitsche unseren Pferden um die Ohren, und in langen Sätzen jagten die Falben mit dem Wagen vorwärts.

Das geschah alles so blitzschnell, daß man kaum zur Besinnung kam. Aber den Arm hatte ich doch noch meinem Mann um den Hals geworfen, um seinen Kopf herunterdrücken zu können, im Fall der Franktireur von der Schußwaffe Gebrauch machen sollte. Angstvoll spähte ich nach rückwärts und ließ den Blusenmann nicht aus den Augen.

Ich sehe noch immer seinen vorwärts hastenden Braunen, dem er mit der flachen Klinge über den Schenkel hieb, um ihn anzutreiben, und sein zorniges Gesicht dabei. Immer wütender brüllte er sein Arrêtez, und immer heftiger fuchtelte er mit dem Säbel hin und her. Es war eine tolle Hetzjagd auf der Chaussee, unser Wagen schleuderte dabei hin und her, während die Falben mit voller Macht ausgriffen und wie die Vögel dahinflogen. Prachtgäule waren das, der Braune hinter uns her konnte es ihnen nicht gleichtun, seine Spannkraft erlahmte, und immer größer wurde der Raum zwischen ihm und uns.

Endlich gab sein Reiter das vergebliche Rennen auf und verschwand völlig im Nebel. Nun konnten wir auch unseren dampfenden Pferden ein gemäßigtes Tempo gönnen. Gott sei Dank, auch diese Gefahr war gnädig vorübergegangen!

Die Nacht brachten wir in Meaux in einer Bretterbude zu, und von da aus ging es mit dem großen Verkehrszug nach Straßburg. Im Dom und in den Häusern der zerschossenen Steinstraße saßen noch die feindlichen Kugeln, auch auf der Straße lagen sie umher. Ich sammelte mir einige davon zum Andenken und bewahre sie. Als Briefbeschwerer verarbeitet, stehen sie in meinem Zimmer, zusammen mit einer kleinen Zeichnung, die von einem der Herren gemacht wurde, ein Bild unserer Fahrt im Pferdewaggon von Metz aus. Auch der Totschläger, meine Waffe aus dem Walde von Villers Cotterets, fehlt ebensowenig wie der Spinnstuhl mit der Ledertapete in dieser Sammlung.

Jetzt waren alle Hindernisse mit Gottes Hilfe überwunden. Er hatte mich geschützt, geleitet und mir durchgeholfen, nun winkte die Heimat in nächster Nähe, die wir zwei Tage später glücklich erreichten.

Ich will, ehe ich weiter fortfahre, noch ein Wort über meine Reise einschalten. Sie mag vielleicht, so in der Friedenszeit erzählt, diesem oder jenem als etwas Außergewöhnliches erscheinen, und diesen Eindruck möchte ich verwischen, denn es war das Einfachste und Natürlichste von[158] der Welt. Eine jede Frau in meiner Lage, die ihren Mann liebt, hätte genau dasselbe getan. Schwierig war es auch gar nicht, ich fühlte mich ja sicher in Gottes Schutz und habe auf der Reise nur immer wieder erfahren dürfen, wie Offiziere und Soldaten, ja auch die Franzosen voll Rücksicht für die Frau eines erkrankten Offiziers waren und mir in jeder Weise weiter halfen.

So war und bleibt mein Herz nur von Dank erfüllt, wenn ich an diese Reise zurückdenke.

Wie strahlte unsere Kleine, als sie ihren bärtigen Vater wieder umarmen konnte, sie war ganz blaß vor Erregung, als sie ihm entgegenlief, und mein treues Mutterchen, wie glücklich war sie, uns beide nun wieder geborgen bei sich zu haben. Ein Bild, das in Gonesse über meines Mannes Bett gehangen, und das sich immer in seine Fieberphantasien gemischt – Daniel in der Löwengrube –, hatte mein Mutterchen für meinen Kranken besorgt. Ich hatte ihr von Gonesse aus geschrieben, wie mein Mann dies Bild liebte und wie es ihm in schweren Stunden viel gewesen, nun bewegte und erfreute ihn dies Geschenk sehr. Das Bild mußte seitdem immer in unserem Schlafzimmer hängen.

Mein Schwager, der wieder zu uns gezogen war, konnte jetzt, auf einen Stock gestützt, schon ganz leidlich gehen, und ich weiß, mit welchem frohen Stolz es mich erfüllte, wenn ich nun mit meinen beiden Genesenden, den heimgekehrten Kriegern, in Potsdam spazieren gehen konnte.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 145-159.
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