XXIII. In die Arbeit.

[258] Wer das Liebste verloren hat, und wem durch solches Hinscheiden alle Aufgaben genommen sind, die jahrelang sein Leben ausfüllten, der weiß, wie grenzenlos einsam die Tage vergehen, wie zwecklos uns das eigene Dasein erscheint, und wie überwältigend uns die Sehnsucht packen kann nach dem, was wir verloren haben. Das alles habe ich durchgemacht und bis in jede Faser hinein empfunden. Mitten in das tiefe Weh aber leuchtete dennoch Gottes Gnadensonne, und ich blieb mir vertrauensvoll bewußt, daß es seine Hand war, die mich durch das dunkle Tal geleitete. Mein Herz war voll Dank für die treue Sorge, mit der meine Tochter und mein Schwiegersohn mich umgaben, für die Liebe, die mein Enkel mir entgegenbrachte. Unantastbar blieb mir ja auch die Erinnerung an das reiche, tiefe Glück, das mein gewesen. So kam es, daß mir in jener Zeit oft gesagt wurde, es sei ein Strahlen unter Tränen, das mir eigen geblieben wäre aus der Sonnenzeit.[258]

Das Träumen vom vergangenen Glück darf wohl, wenn die Sonne untergegangen ist, wie ein leuchtender Widerschein unser Leben verklären, aber das allein darf es nicht ausfüllen, sonst kann es geschehen, daß ein elementares Sehnsuchsgefühl so mächtig anschwillt, daß es uns entnervt und uns unfähig macht, den neuen Pflichten zu genügen, die wir aus den uns umgebenden Verhältnissen, aus der Hieroglyphenschrift unseres Gottes lesen sollen.

Für einen geliebten Menschen konnte ich nun nicht mehr das ein und alles sein, nun wollte ich versuchen, für viele wenigstens etwas zu sein. Mit offenen Augen wollte ich Umschau halten, um einzutreten, wo sich ein Platz für mich fand, und zuzugreifen, wenn Arbeit sich mir bot. Gebet und Arbeit sind die Heilkräuter der Seele, und das herrliche Wort »Ich diene« kann man erst in seiner ganzen Segensfülle erfassen, wenn man sich freudig mit allen seinen Gaben und Kräften in das stolze und doch so demutsvolle Dienen vertieft. Ohne Zwang, in freudiger Liebe die Arbeit aufnehmen, das gibt nicht nur Befriedigung, es führt auch zu einem gewissen siegesfrohen Vertrauen, das vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckt.

Warum ich darüber so eingehend schreibe und nachher auch von den einzelnen Arbeiten sprechen will, das möchte ich in kurzem Wort ausdrücken. Für solche erzähle ich es, die schweres Leid erfahren haben, um ihnen zu zeigen, wie die Wunden am sichersten heilen, und wie noch immer im Glücklichmachen das Glücklichsein liegt. Und wenn ich dann in knapper Form von den Arbeiten spreche, die sich mir boten, und die gar verschiedenartig waren, je nach den wechselnden Verhältnissen, in die das Leben mich führte, so geschieht es, um dadurch einen kleinen Streifen des großen Arbeitsfeldes zu beleuchten, das sich für uns Frauen bietet.

Der Aufgaben sind viele und Arbeitskräfte dringend nötig. Je nach Begabung, Neigung und je nach Kräften können wir uns das Feld erwählen und werden das Glück zu schätzen lernen, das in einer gesegneten Tätigkeit liegt.

Wenige Wochen nach dem Tode meines Mannes ging ich in die Arbeit.

Junge Mädchen versammelte ich um mich, wir trieben Kunstgeschichte miteinander, und nebenbei war es besondere Freude, in diesen jungen Seelen noch neben der Kunst das Streben nach allem Großen und Edlen zu stärken. Dann hatte ich meine Blinden im Asyl, denen ich vorlas, hatte meine Besuche im Gefängnis und ging in der Armenpflege still meine eigenen Wege. Das Vereinsleben trat an mich heran, es war mir etwas Fremdes und ich wehrte mich dagegen. Das In-Freiheit-sichBewegen,[259] Helfen und Zugreifen, wo es nötig schien, und das selbständige Wirken zog mich mehr an. Mir graute etwas vor dem Eingeengtsein durch Satzungen, vor dem gewissen Zwang, in den man sich fügen mußte, darum lehnte ich im ersten Jahre alle Vereinstätigkeit ab.

Aber da war nun eine Lücke gekommen in dem Vorstand der kirchlichen Armenpflege und sie fanden niemand, der die Arbeit übernehmen wollte. Ein Herr, der mit meinem Manne von der Synode her gut bekannt war, kam zu mir und stellte mir vor, wie er überzeugt sei, es würde meines Mannes Wunsch gewesen sein, daß ich hilfsbereit hier einträte und den verwaisten Vorsitz übernähme. Da gab ich nach – zwar etwas zaghaft, etwas unsicher fühlte ich mich die ersten Male, und es war mir noch nicht ganz klar, wie ich mich mit den verschiedenen Satzungen abfinden würde.

Die Vorstandsmitglieder waren alle sehr lieb und freundlich, und ich fand mich schneller zurecht, als ich geahnt hatte.

Bitter kalt drohte der Winter von 1902 auf 1903 zu werden. Eine Volksküche in Langfuhr zu gründen, erschien dringend geboten, und das war eine Freude in unserm Verein, solche Arbeiten ins Leben zu rufen. In der dazu nötigen Kochkunst fühlte ich mich aber durchaus nicht sehr beschlagen, und wenn auch eine andere Dame das Überwachen der Küche in die Hand nahm, so wollte doch auch ich genau darin Bescheid wissen. So mußte ich also lernen.

Der Kommandeur des 1. Leibhusarenregiments ließ mich durch seinen Unteroffizier Heinz Lüth in die Geheimnisse der Soldatenküche einführen. Ganz schwer sind diese Dinge ja nicht zu begreifen, und die Kochschülerin des Leibhusarenregiments hatte bald bei ihrem Lehrmeister ausgelernt. Stolz über die neuerworbenen Kenntnisse, widmete ich mich nun mit Feuereifer unserer rasch aufblühenden Volksküche. Eimerweise wurde aus den Volksschulen von uns das Essen für die ärmsten Kinder geholt, und in langen Reihen umlagerten zur Mittagszeit die Leute unsere Küche. Noch ein freundliches Wort mit denen auszutauschen, die sich's in unserm primitiven Eßzimmer schmecken ließen, war mir immer ein besonderes Vergnügen. Zu Kaisers Geburtstag gab es Klöße und Backobst und dabei Freitisch. Da war das Gedränge so groß, daß Schutzleute Ordnung halten mußten, sonst wären wir erdrückt worden.

Eine zweite Sache war seit Jahren in Danzig angeregt, aber noch nicht ausgeführt, ein Soldatenheim. Der Divisionspfarrer und seine Frau baten mich im Frühjahr, ob ich ihnen nicht helfen könne, ein solches zu gründen. Wir grübelten darüber, wie wir es wohl am besten zustande bekämen. Ich dachte an Sproitz, wie ich mir da meine Hausmädchen[260] und die jungen Burschen, wenn sie vom Militär kamen, zusammengenommen, ein kleines Theaterstück für sie gedichtet und es mit ihnen eingeübt hatte. In der Schenke war es dann aufgeführt worden, die Nachbarschaft hatte zugesehen, und aus der Einnahme war irgend etwas Gutes für das Dorf gestiftet worden.

Konnte man das in größerem Stil nicht auch hier versuchen? Der Vorschlag fand Anklang, die Regimentskommandeure unterstützten die Sache, und General von Mackensen interessierte sich warm dafür. Den kleinen Zweiakter – »Deutsche Treue« – hatte ich mir für die Aufführung gedacht, und lebende Bilder mit verbindendem Text aus der Geschichte der Leibhusaren. Mein Lehrmeister in der Kochkunst, Unteroffizier Heinz Lüth, hatte verschiedenes für mich gezeichnet, er war öfter zu mir gekommen, und ich hatte ihn wiederholt gesprochen. Ihn bat ich, seine Kameraden für die Aufführungen zu erwärmen. Wohl wußte ich, daß die Sache dienstlich an die Unteroffiziere herantreten würde, aber ich mag zu solcher Arbeit niemand haben, der nur dem »Muß« folgt. Aus eigener freier Wahl und freudiger Zustimmung soll es geschehen.

Der Divisionspfarrer führte mich in den Speisesaal der Kaserne. »Hier sind die für die Aufführung kommandierten Unteroffiziere«, sagte er und wies auf die Anwesenden.

Aber ich schüttelte den Kopf. »Ich will keine Kommandierten! Ich sage: Freiwillige vor!« Da kamen sie alle, und ganz begeistert wurden sie, als ich ihnen erzählte von den kriegerischen Heldenstückchen, den Taten voll Treue und Opfermut, die sie nun in dem Stück und in den Bildern wiedergeben sollten. Im Eifer des Zuhörens hatten sie mich so dicht umdrängt, daß ich wie ein Gefangener eingeschlossen war, als plötzlich General von Mackensen eintrat und meine angehenden Schauspieler mit einem Ruck Front machten und stramm standen. Über diese lebendige Mauer konnte ich nicht hinüberblicken, denn meine Größe reicht nicht an das geforderte Soldatenmaß.

Lachend befreite mich der General, und nun mußten seine sämtlichen anwesenden Husaren sich im Profil zeigen, denn »die beste Friedrichs des Großen-Nase« sollte festgestellt werden.

Mit wahrer Freude denken wir, die wir uns damit beschäftigten, noch heute an jene Tage des Einstudierens zurück.

Von einem warmen Impuls geleitet, erfaßten die Spielenden die patriotischen Szenen wie etwas Selbstgefühltes, ich möchte sagen, Selbsterlebtes. Daß sie einen nachhaltigen Eindruck hinterließen, davon gaben mir noch spätere Jahre den Beweis. Dreimal fanden die Aufführungen in Langfuhr und Danzig statt. Sie brachten die erwünschten Mittel.[261]

Von da und dort wurde noch dazu getan und dann das Lokal gemietet, in dem noch heute in Danzig das Soldatenheim sich gesegnet weiterentwickelt hat.

Um vor einer falschen Annahme zu bewahren, möchte ich hier und auch für weiteres noch einschalten, daß diese Dilettantendichtungen ganz schlicht, ohne literarischen Wert sind, nur dazu bestimmt, junge, warmschlagende Herzen für große Taten der Vergangenheit zu begeistern. Im Maimonat waren die Aufführungen, und zu gleicher Zeit kam mein Schwiegersohn als Divisionsgeneral nach Schwerin.

Das Zusammenleben mit Tochter und Schwiegersohn und dem heranwachsenden Enkel war mir so teuer geworden, daß alles, was mich in Langfuhr hielt, zurücktrat und ich ohne weiteres Besinnen gern ihrer Aufforderung folgte, mit ihnen in die neue Garnison zu ziehen. Aber bitter schwer wurde mir der Abschied von der mich beglückenden Arbeit und den lieben Menschen dort.

Wunderschön ist Schwerin mit seinen Wäldern und Seen, aber ich hatte wochenlang brennendes Heimweh nach Langfuhr. Aus dem alten Wirkungskreis herausgerissen, in neue, fremde Verhältnisse versetzt, galt es wieder von vorne anzufangen und anderes aufzubauen.

In meinem stillen Langfuhrer Heim erinnerte mich alles an meinen vielgeliebten Mann, nun mußte auch diese kleine und doch so liebe Äußerlichkeit hingegeben werden. Aber ob hier oder da, ich fühle mich doch mit meinen teueren Vorangegangenen in unzerstörbarer Gemeinschaft, und glücklich macht es mich, wenn ich denke, sie hätten Freude an meiner Arbeit.

Es war schwieriger, als ich gedacht hatte, hier in einen neuen Wirkungskreis hineinzukommen. Wohl fand ich bald Einlaß im Siechenhaus, Krankenverein und Kinderheim, aber wo ich so besonders gern hineinwollte, da schlossen sich für mich vorläufig die Türen.

In Langfuhr war einer der Unteroffiziere, der zuerst mitspielen sollte, krank geworden und ins Lazarett gekommen. Er bat, daß ich ihn dort besuchen möchte, und als ich dann von den Leuten Abschied nahm, wiederholte er mir immer wieder, ich möchte in Schwerin die Kranken im Lazarett besuchen. Wie gern wollte ich das tun, und hoffte sicher Einlaß zu finden, denn der Divisionspfarrer aus Langfuhr hatte selbst nach Schwerin geschrieben und gebeten, mir den Besuch zu erlauben.

Aber es hieß, das sei noch nie gewesen, könne nicht gestattet werden, es sei denn, daß ich durch den Kommandierenden General hereinkäme. Das wollte ich aber nicht, kein Druck von oben sollte mich hineinführen, nur wenn sich mir die Türen freiwillig und freudig öffneten, wollte ich hineingehen, sonst lieber zurückbleiben.[262]

Wenige Wochen, nachdem mir der Schweriner Divisionspfarrer diesen Bescheid aus dem Lazarett übermittelt hatte, erfuhr ich zufällig, daß ein junger Soldat, der sich das Leben hatte nehmen wollen, dort ein geliefert wäre und man die Ursache seines Selbstmordversuches nicht ergründen könnte, trotz der verschiedenen Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden.

»Wenn sein Mutti an seinem Bette säße, würde sie es schon herausbekommen«, mußte ich immer denken, und das ließ mich die Nacht nicht schlafen. »Ein klein Stückchen Mutti« den Kranken zu werden, das war es ja, was ich ersehnte, was der Antrieb zu meinem Wunsche gewesen war. Ob es sich nicht doch machen ließ, wenn ich persönlich dem Chefarzt auseinandersetzte, wie ich mir die Besuche im Lazarett gedacht hatte?

Am anderen Tage ging ich zu ihm, sagte, daß er sich gewiß eine falsche Vorstellung von meinen Wünschen gemacht habe. Ich wollte mich in keiner Weise in die Pflege mischen, nirgends dreinreden und niemand brauche sich um mich zu kümmern. Nichts anderes wollte ich, als den Kranken einen freundlichen Besuch machen, ihnen etwas erzählen, sie aufheitern und – meinen Hauptzweck konnte ich doch nicht verschweigen – versuchen, ihnen ein Stück Mutti zu sein.

Der Herr Chef hatte mir ganz aufmerksam zugehört und meinte: »Nun hört sich der Vorschlag freilich ganz anders an.«

»Wollen Sie es nicht mit mir versuchen?« Ich hatte ordentlich Herzklopfen bei der Frage und fügte noch schnell hinzu: »Sie können mir ja jeden Tag wieder den Abschied geben.«

Ja, er wollte es mit mir versuchen, schon tags darauf sollte ich kommen und von ihm eingeführt werden. Strahlend war ich, hütete mich aber wohl zu verraten, was den letzten Anstoß zu meinem Kommen gegeben hatte.

Als ich nun am andern Morgen durch meinen gütigen Führer mit den Ärzten und Schwestern im Lazarett bekannt gemacht wurde und dann mit ihm den Rundgang durch die Stuben antrat, kamen wir auch zu dem armen Menschen, der versucht hatte, sich die Kehle durchzuschneiden. Der Selbstmordversuch wurde nicht erwähnt, es hieß nur, er habe sich etwas geschnitten. Doch ich wußte ja Bescheid und sprach gerade länger mit ihm.

Wie wir wieder im Flur waren, gab mir der Chefarzt die Hand: »Gnädige Frau, gestern hatte ich nichts gegen Ihr Herkommen, heute freue ich mich darüber, denn ich glaube, es kann hier zum Segen werden.«[263]

Ich war strahlend und glaube, über das beste Zeugnis aus meiner Schulzeit habe ich mich nicht so gefreut, wie über dieses Wort.

Er sagte mir dann, daß der arme Kerl bei jedem Verhör in fieberhafte Aufregung gerate und nichts aus ihm herauszubekommen sei. Einer Frau gegenüber würde er vielleicht eher zum Sprechen zu bewegen sein; die Schwestern wären vollauf durch die Pflege der Kranken in Anspruch genommen, so möchte ich es denn versuchen, was ich bei ihm erreichen könne.

Als ich nun am anderen Tage an seinem Bette saß, von seiner Heimat sprach, nach Muttern fragte und mir aus der Zeit erzählen ließ, ehe er zu den Soldaten kam, hatte er jede Scheu verloren, und ich wußte, nun konnte ich langsam weitergehen. Nicht drei Tage hat es gedauert, da lag das Verschleierte klar da, und die Verhöre wurden eingestellt. Für den Armen bedeutete das ein Aufatmen, und im Lazarett waren sie froh über die Klärung.

Täglich, zu welcher Stunde es auch sei, durfte ich nun als ein willkommener Gast das Lazarett besuchen. Und welchen reichen Schatz an Freude hat mir das gebracht! Bei allem, was ich vorgenommen, möchte ich immer wieder betonen, es war gar nicht etwas Schwieriges, etwas Besonderes, es machte sich alles so selbstverständlich, so ohne jede Mühe, daß es gar keine Anerkennung verdient. Das Empfangen war so unendlich viel größer als das Geben.

»Die gnädige Frau müssen doch sehr glücklich sein«, sagte mir einmal einer der Soldaten, und als ich fragte: »Warum denn?«, meinte er: »Ja, so zu wissen, ich brauche hier nur den Kopf in die Stube hereinzustecken, dann freuen sich alle, so was muß doch glücklich machen.«

Das schlichte Wort freute mich innig, denn es zeigte mir, daß ich wirklich, wie ich so gern gewollt, Sonnenstrahlen in ihre Stuben und Herzen bringen konnte.

Meine Rolle als ein Stücklein »Mutti« im Lazarett dehnte sich dann weiter aus, ich wurde Lehrerin. Von den Soldaten auf der Außenstation wollten mehrere diese gewisse Zeit der Muße zum Weiterarbeiten benutzen. Die ließ ich kleine Aufsätze machen und gab sie ihnen verbessert zurück. Wurden diese Leute durch ihr Gebrechen für den Militärdienst untauglich und mußten sich für etwas anderes vorbereiten, dann kamen etliche der Lernbegierigen zu mir ins Haus, um Nachhülfestunden zu bekommen.

Zweimal in der Woche richtete ich mir im Lazarett auf der Außenstation ein paar Extrastunden ein. Da kamen auf eine bestimmte Stube alle die Soldaten, die umhergehen konnten und keine schweren Verletzungen[264] hatten. Aus der vaterländischen Geschichte erzählte ich ihnen, aus den Befreiungskriegen und Heldenstücken und Taten der Treue aus dem letzten Kriege. Ganz schlicht nur war der Vortrag, aber meine Zuhörer waren mit ganzer Seele dabei und ließen sich so prachtvoll für alles Große erwärmen. Habe oftmals denken müssen, wenn ich sah, wie sie in den wunderlichsten Stellungen auf den Bettkanten oder Lehnen saßen und hockten, im möglichst engen Kreise, das wäre ein Bild für Defregger, diese jungen Burschen mit dem Ausdruck gespannten Zuhörens mit der eigentümlichen Stimmung der Lazarettstube.

Sonntags las ich den Kranken, die nicht zur Andacht kommen konnten, ein kurzes Gotteswort vor. Wie reich an Erfahrungen sind für mich jene Jahre geworden, wo ich in Schwerin täglich im Lazarett war! Ich habe gelernt, in den jungen Herzen unseres Volkes zu lesen, habe dort oft die ergreifendsten Geschichten erlebt und mich daran gefreut, welch prachtvoller Geist in unseren deutschen Söhnen lebt.

Um dauernd eine Verbindung zu ermöglichen mit denen, die mir durch diese oder jene Sache im Lazarett näher getreten waren, hielt ich mir den Sonntagnachmittag dafür frei. Von 3–5 konnten die Soldaten kommen, von 5–7 die Unteroffiziere, die noch den Wunsch hatten, zu mir in gewisser Beziehung zu bleiben. Der Abend gehörte der Weiblichkeit. Da war ich in dem Verein »Freundinnen junger Mädchen«, oder richtiger gesagt, von dem Verein eingeladen, um den Abend in ihrem Kreise zu verleben.

Ein Gotteswort mit Erklärung bildete den Anfang, geistliche und Volkslieder wechselten ab, dazwischen eine Teepause, und dann mußte ich eine volkstümliche Geschichte erzählen.

Was für prächtige Mädels waren unter der Schar, und wie habe ich sie lieb gewonnen! Noch heute tausche ich Briefe mit einzelnen von ihnen aus.

Ein kleines scherzhaftes Erlebnis aus jener ersten Zeit in Schwerin möchte ich erzählen. Es gibt in drastischer Form ein Bild von der gewissen Schwierigkeit, mit etwas Neuem durchzukommen, einer Schwierigkeit, die jedoch, sobald man frisch und freudig herangeht, wie von selbst schwindet.

Zuerst, wenn ich dies oder das gern wollte oder die Arbeit auf meine eigene Art anfaßte, hieß es immer: »Es ist ja ganz schön, aber so eigenartig, so außergewöhnlich.« Das klang noch etwas bedenklich, gar nicht fröhlich zustimmend. Aber ich blieb frank und frei bei meiner Behauptung: »Was Besonderes ist es gar nicht, sondern das Allernatürlichste, wie man am leichtesten zum Ziel kommt, ich bin überzeugt, bald denken Sie ebenso.«[265]

Wie überraschend schnell ebnete sich dann alles, wie gut verstanden sie mein Wollen in dem geliebten Schwerin, wenn ich die Arbeit vielleicht auch etwas anders als sie es kannten anfaßte, und wie halfen sie mir alle, hoch und niedrig! Wenn man wirklich etwas schaffen will, kann es nicht nach Schablone gehen, sondern muß je nach Anlage und Auffassung geschehen. Alle Liebe und Freude, die man an der Sache hat, ein Stück seiner eigensten Persönlichkeit muß man hineinlegen, dann geht es mit Gottes Hülfe vorwärts, und man kann auch andere dafür erwärmen.

Nun aber zu meiner lustigen Geschichte! In einer Sitzung im Krankenverein handelte es sich um eine alte Frau, die im Armenhaus war und nach der man sich umtun sollte. Keiner wollte hingehen, es hieß, der Armenvater ließe doch niemand von uns herein, und man setze sich bei einem Versuch nur Unannehmlichkeiten, ja sogar Grobheiten aus.

Das konnte ich mir nicht denken und erklärte, daß ich diesen »Kampf mit dem Drachen« auf mich nehmen wollte.

Tags darauf erschien ich im Armenhause. Im Zimmer hörte ich zwei männliche Stimmen im Gespräch. Auf mein Klopfen erfolgte ein kurzes »Herein!«, und als ich eintrat, sah ich einen älteren und einen jüngeren Herrn, die mich etwas erstaunt musterten.

Der Ältere mußte der »gefürchtete Drache« sein. An den wandte ich mich, trug ihm höflich mein Anliegen vor und nannte ihm meinen Namen. Kaum aber hatte ich den über meine Lippen gebracht, so sah ich, wie der Zorn in ihm aufstieg. Mit gerötetem Gesicht, erhobener Stimme und einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung erklärte er mir: »Hier kommt mir keine Adlige über die Schwelle!« Und noch einmal schmetterte er mir im verstärkten Tonfall sein »Rausschmeißesignal« entgegen.

Ins Bockshorn konnte mich das nun freilich nicht jagen, es war ein lustiges Scharmützel, und ich fragte daher auch ganz harmlos: »Wirklich? Ja, was wollen Sie denn eigentlich tun? Über Ihre Schwelle bin ich nun doch schon gekommen, und mich nun richtig an die Luft zu setzen, daran können Sie doch wirklich nicht denken.« Der jüngere Herr wandte sich zum Fenster, ich sah, wie er das Lachen verkniff. Den hatte ich nun wohl halb gewonnen, denn wenn man das Lachen auf seiner Seite hat, ist man schon ein Stück vorwärts gekommen.

Und der Hausvater? Der schien etwas betreten, rieb sich den Kopf und gestand: »Nee, das werde ich wohl nicht tun.«

Bis jetzt hatte ich noch immer drei Schritte Entfernung zwischen uns eingehalten, nun aber, da mein Dortbleiben mir ziemlich gesichert[266] erschien, kam ich näher und erkundigte mich, warum wir »Adligen« es denn so arg mit ihm verdorben hätten.

Da bekam ich eine lange Geschichte von einem adligen Fräulein zu hören, die ihm bei ihren Besuchen im Armenhause viele Querelen und seine Pflegebefohlenen aufsässig gemacht hätte. Ganz in Wut hatte er sich dabei hineingeredet, und da darf man den Stürmenden ja nicht unterbrechen, sondern muß warten, bis er sich den Ärger von der Seele heruntergewälzt hat. Erst wenn er sich richtig ausgeknurrt hat, kann man vernünftig mit ihm reden. So schwieg ich denn auch ganz geduldig, bis er wirklich über diesen Fall nichts mehr zu sagen hatte, dann aber stellte ich ihm die Frage: »Und nun nehmen Sie an, daß ich genau so bin wie jenes adlige Fräulein?«

Ein erstaunter und zugleich prüfender Blick traf mich. Dann schüttelte der Alte den Kopf. »Ja, so sehen Sie mir eigentlich gar nicht aus.«

Nun war ich schon ein gut Stück weiter, denn der Hausvater schien Vertrauen zu gewinnen. So erzählte ich ihm denn, daß ich im Siechenhause auch erst Schwierigkeiten gehabt, wenn ich mir die Männer oder die Frauen alle zusammengeholt hätte, um ihnen gemeinsam etwas vorzutragen, daß dies aber jetzt sehr gut ginge. In das Lazarett, so berichtete ich ihm weiter, hätten sie mich zuerst überhaupt nicht hineinlassen wollen, nun aber wäre ich alle Tage da. So hätte ich gemeint, wenn er auch zuerst unwirsch über meinen Besuch sein würde, nachher ließe er mich doch ein.

Sehr aufmerksam hatte er zugehört und verschiedentlich dazu genickt, jetzt meinte er: »Ich werde Sie mal was sagen. Wenn es Ihnen denn partu Vergnügen macht, zu den Ollerchens zu gehen, dann man immer zu, schaden kann es nichts, aber nützen auch nichts, denn die Olschen fahren bald ab. Das Lazarett ist was andres. Da liegt denn so ein junger Soldat, und dann kommt solch eine weiche Frauenstimme und Frauenhand, die wickelt ihn ja rein um den kleinen Finger. Ins Lazarett können Sie gar nicht genug gehen. Man immer rinn mit Ihnen, immer rinn!«

Dabei kam wieder eine bezeichnende Handbewegung, diesmal jedoch bedeutete sie kein »raus«, sondern ein »rein«. Denn scheinbar mühte sich die Hand, in einen vollgepfropften Koffer noch etwas ganz tief hineinzuzwängen.

Meine stumme Hülfe, der jüngere Herr, konnte das Lachen nicht mehr zurückhalten, und ich stimmte lustig mit ein.

Das störte den Hausvater nicht, er fuhr ruhig fort: »Aber hier, da habe ich nur so den Abschaum, dafür sind Sie mir eigentlich zu schade.«[267]

»Wenn ich selbst nun aber denke, daß ich für so etwas gar nicht zu schade bin«, warf ich ein.

Er blieb bei seinem Kopfschütteln, gab aber nach: »Ich werde mir meine Gesellschaft darauf ansehen, und die nicht gar zu toll schwarz sind, können Sie ja besuchen.«

»Eins müssen Sie mir noch versprechen«, drängte ich ihn, »Sie dürfen die Menschen hier drinnen nicht mit Ihren schwarzen Augen angucken, sondern mit meinen hellen, die finden nämlich immer noch was Gutes in den Menschen, wenn auch viele nur das Schwarze sehen.« – Er versprach's. So bin ich in das Armenhaus gekommen, und so sind der Hausvater – der gefürchtete Drache – und ich die besten Freunde geworden.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 258-268.
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