V. Die Zeit bis zum Kriege 1864.

[40] Das kameradschaftliche Band, das die Kampfgenossen in Schleswig-Holstein vereinigt hatte, währte auch über die Kriegszeit hinaus. Es belebte in den Friedenstagen die bewegten Bilder von Kampf und Gefahr, die ernste Männer Seite an Seite nun in der Erinnerung noch einmal an sich vorüberziehen ließen. Die früheren schleswig-holsteinschen Offiziere, die sich in jenen Jahren in Berlin aufhielten, verkehrten viel im Hause meiner Eltern, und wenn dann die Herren im Nebenzimmer rauchend und plaudernd saßen, waren es selbstredend die alten Kriegsgeschichten von 1848/49, um die sich das Gespräch drehte.

Nebenan in meiner Spielecke, wo ich mit meinen Puppen hauste, hörte ich sie von alledem sprechen. Verstandenes, und noch viel mehr Unverstandenes, zog da an meinem Ohr vorüber. Der Gesamteindruck aber war doch der, daß sich mir seit meiner frühsten Jugend das Verständnis einprägte für Heldensinn, Opfermut und Todestreue. Oftmals schlich[40] ich mich dann auch hinein an jenen Abenden und hockte mich, meine Puppe auf dem Schoß, still auf das Fußbänkchen neben meiner Mutter, die mit ihrer Handarbeit bei den Herren saß. Wurde ich da wieder in meine Spielecke verwiesen, dann nahmen die »Holsteinschen Onkels« Partei für mich, und es hieß, die Kleine ist ein Soldatenkind, war ja mit im Holstenland, da hat sie auch ein Recht zuzuhören, wenn sie mag. »Sie ist ja des Trommlers von Kolding Töchterlein.«

So durfte ich dann meist bleiben, und die Eindrücke, die ich empfing, vertieften sich noch dadurch, daß der junge Sohn eines holsteinschen Offiziers tagelang bei uns war, und wir Kinder dann versuchten, in unseren Spielen wiederzugeben, was wir von unseren Vätern gehört hatten.

Ein Gedanke stand damals bei mir fest, ich wollte allen denen helfen, die es im Leben schlecht hatten, um die sich niemand kümmerte, die alle häßlich fanden. Zuerst waren es die armen, abgetriebenen Droschkenpferde, für die ich einst einen »Gnadenstall« bauen wollte, und je nachdem ich älter wurde, wechselte das Objekt.

Der herrlichste Platz in meiner Jugenderinnerung war der große Garten in Lützow mit seinen Wiesen und Teichen, seinen alten Bäumen, seinem Obst und seinen Blumenbeeten. Da an Sommertagen herumzuspielen, war ein herrliches Vergnügen. Ich setzte meinen Stolz darein, von den großen Jungen nicht gefangen zu werden, und knüpfte mir die Zöpfe unter dem Kinn zusammen, damit sie beim schnellen Lauf nicht lang hinter mir herflattern sollten und ich gefangen werden konnte. Aber den ganzen Tag hielt ich das Tollen nicht aus, dazu war ich, bei allem Übermut, ein zu verträumtes Kind. Im Erlenbusch am Wasser, oder auf einem tiefhängenden Baumzweige im dichtesten Laubgewirre suchte ich mir einen Versteck aus, um in aller Stille den oft wunderlichen Gedanken nachzuhängen, die mir durch den Kopf gingen. Als dann aber die Jungen auch diese verschwiegenen Plätzchen entdeckt hatten und mich fortholen wollten, entfloh ich ihnen zu dem nahegelegenen Kirchhof, und da kamen sie mir nicht nach. Eine halbe Stunde später war ich wieder bei ihnen und konnte lustig mit ihnen spielen.

Meinem Hang zum Dichten und Schreiben, der von frühster Jugend in mir steckte, schoben meine Eltern sehr früh einen festen Riegel vor. Mein Vater fürchtete, daß ich, wie er es nannte, ein Blaustrumpf werden könnte, und meine Mutter war besorgt meiner Gesundheit wegen, weil die Menschen ihr immer sagten, ich sei ein so zartes Kind, das vom Lernen zurückgehalten werden müsse. So wurden mir dann alle Versuche, zu dichten und zu schreiben, streng untersagt. Ganz konnte ich es aber[41] doch nicht lassen, und als ich 13 Jahre alt war, bekam ich auch die Erlaubnis, jeden Sonnabend eine Stunde dichten oder eine Geschichte schreiben zu dürfen. Ich weiß, wie mich das beglückte, und wie mich's froh machte, daß mir gestattet wurde, nach Herzenslust meinen jüngeren Freundinnen Geschichten erzählen zu dürfen.

In meinen Kinderjahren bis zu meiner Einsegnung war ich viel im Hause des Großonkels. Oft wunderte ich mich darüber, daß er schon am frühen Morgen einen Orden um den Hals trug, und ich fragte ihn danach.

»Es ist der erste Orden, den ich bekommen habe, der ›pour le mérite‹«, antwortete er mir; »er ist mir der liebste, und darum trage ich ihn immer.« Dann erzählte er mir von der Schlacht bei Heilsberg.

Zwölf Jahre war der Großonkel gewesen, als er nach seiner Einsegnung zu Kolberg als Junker bei dem Dragonerregiment von Werther, aus dem später das Ostpreußische (heute 3.) Kürassierregiment gebildet wurde, eintrat und am 15. August 1796 dem Könige Friedrich Wilhelm II. bei der Standarte den Eid der Treue leistete. Vierzehnjährig wurde er Sekondeleutnant und benutzte, neben seiner angestrengten Tätigkeit im praktischen Dienst, seine freien Stunden, um sich wissenschaftlich fortzubilden, namentlich studierte er Geschichte.

Am 23. Dezember 1806 erhielt er als Leutnant die Feuertaufe bei Gurzno, wo er, hocherfreut an den Feind zu kommen, das Kommando über 70 Pferde gegen eine weit überlegene Schar führte, die sich sehr bald zur Flucht wandte.

Der Oberst von Bülow (der spätere Feldmarschall Graf Bülow von Dennewitz), der hinter dem Gefechtsfeld gehalten und die Attacke beobachtet hatte, reichte ihm danach die Hand und erklärte: »Ich werde Ihrem Regiment mitteilen, wie kühn und entschlossen Sie die Kavallerie geführt und den überlegenen Feind angegriffen haben.«

Ein Rekognoszierungsritt, zu dem ganz besonderer Mut, Vorsicht und Gewandtheit gehörte, wurde ihm dann einen Tag nach der Schlacht von Eylau aufgetragen, um den General von L'Estocq über die Stellungen der russischen wie der französischen Armee zu unterrichten. Der junge Leutnant erreichte seinen Zweck, er erhielt von den russischen Offizieren die nötige Auskunft über Stärke und Stellung der Truppen und über Benningsens Entschluß, am 8. Februar bei Pr.-Eylau abermals eine Schlacht anzunehmen. Auf schneebedeckten Wegen, die oft durch Dörfer führten, die der Feind besetzt hielt, langte er nach einem Ritt von sieben Meilen in Roßkitten an, um dem General Bericht zu erstatten. Die Rekognoszierung war mit so viel Kühnheit und Geschick ausgeführt, daß[42] sie ihm reiches Lob einbrachte. Aber der Glanzpunkt seiner kriegerischen Tätigkeit aus jener Zeit war dann am 10. Juni das Gefecht bei Heilsberg.

Die Zietendragoner und Towarcys warfen nach mörderischem Gefecht die Kürassiere auf ihre Infanterie zurück und drangen in die feindlichen Batterien, wo sie die Bedienungsmannschaften niederhieben.

Die feindliche Infanterie hatte sich gesammelt und Karrees formiert. Zweimal sprengten die Zietendragoner das Karree. Der junge Leutnant Wrangel, der bei diesen Angriffen die Schwadron geführt hatte erhielt einen Schuß in die linke Schulter, blieb aber trotzdem auf seinem Platze.

Dies Gefecht brachte ihm den Orden pour le mérite, eine für seinen Rang seltene Auszeichnung.

Das Regiment Zietendragoner, das sich im Kriege so bewährt hatte, wurde in zwei Regimenter geteilt. Das Ostpreußische Kürassierregiment (heute Nr. 3) und die westpreußischen Dragoner (heute 4. Kürassierregiment) gingen daraus hervor. Der Großonkel kam zu den Kürassieren, wurde 1808 Premierleutnant und 1809 Stabsrittmeister. Wie eng er in den Jahren 1813 und 14 mit seinem Regiment, insbesondere seiner Schwadron, verknüpft blieb, und welche Heldenstückchen er da ausgeführt, das habe ich schon früher erzählt.

Aber nicht nur von dem will ich berichten, was er als großer Mann geleistet, und was die Geschichte aufbewahrt hat, sondern auch Züge aus seinem täglichen Leben möchte ich bringen, in denen sich seine Persönlichkeit ausprägt.

Der Onkel, wie ich gewohnt war, ihn zu nennen, er freute sich gern an der Fröhlichkeit der Kinder und der Frische der Jugend. Zwei meiner Cousinen, die einen ganzen Winter mit ihrer Mutter in seinem Hause waren, wurden mir in jener Zeit unzertrennliche Gefährtinnen, und dann schloß ich Freundschaft mit des Großonkels Enkel, der in meinem Alter war.

Schwere Verluste hatte der Großonkel und seine Frau erlitten, als sie zwei erwachsene Söhne hingeben mußten, und der dritte sich, nach einem sehr anstrengenden Ritt im Schleswig-Holsteinschen Kriege, eine lebenslängliche Lähmung zuzog. Von da ab wohnte dieser mit Frau und Sohn bei seinen Eltern. Onkel Fritz in seinem Rollstuhl, am ersten Fenster des Wohnzimmers am Pariser Platz, immer freundlich, immer guter Dinge und für alles interessiert, was ihm erzählt wurde, oder was im bunten Bilde auf dem Platz an ihm vorüberzog, so steht seine liebenswürdige Persönlichkeit treu in meiner Erinnerung.[43]

Ein besonderes Vergnügen war es mir immer, wenn der Großonkel meine Mutter und mich in seinem Wagen mitnahm und mit uns nach Steglitz fuhr, wo in einem schönen Park eine Art Schlößchen lag, das die Familie zeitweise bewohnte. »Die Milchkutsche« wurde scherzend dieser Wagen genannt. Der Onkel fuhr meist selbst den großen Braunen, der oft gar schwer zu ziehen hatte, denn alte Mütterchen mit ihren Körben, denen wir auf der Chaussee begegneten, Schulkinder und Invaliden, die dieselbe Straße zogen, wurden mitgenommen, solange der Platz hinten, wo der Jäger saß, reichte. Ein Hauptspaß aber war es, wenn der Großonkel aus dem Korbe, der vor uns stand, Äpfel und Pfeffernüsse unter die Schuljugend warf, die den »Milchwagen« wie einen Bienenschwarm überfiel, sobald sie seiner ansichtig wurde.

»He kümmt! he kümmt mit die Appels! Vatern Wrangel soll leben!« so schrie, jauchzte und lachte alles durcheinander. Das war für mich immer ein richtiges Vergnügen.

Sein Haus wurde mir jetzt ebenso vertraut, wie das meiner Großeltern. In seinem prunklosen Arbeitszimmer hingen an den Fenstern, der Tür gegenüber, zwei schöne Glasgemälde, sie stellten Petrus mit dem Hahn dar und Petrus auf dem See Genezareth. Auf dem Fensterbrett selbst lag seine Bibel, ein Kreuz mit dem Christuskinde als Beschwerer darauf. Sein gläubiges Gemüt holte sich Kraft und Trost aus dem Gotteswort, und von jenen biblischen Bildern sagte er: »Sie predigen mir!« –

Auf dem einfachen Schreibtisch war die obere Platte mit einer Fülle von werten Andenken und schönen Erinnerungszeichen bedeckt. Mich fesselte besonders ein kleines Kruzifix, das neben der Gewehrpyramide stand mit der Kugel von Soissons.

»Das habe ich von meinem Vater zur Erinnerung bekommen«, sagte er mir, »da bete ich täglich zu meinem Herrgott, daß er mir ein gnädiger Richter sein möge.«

Deutlich stehen mir alle die Zimmer, in denen ich als Kind, als Mädchen und als Frau so oft geweilt habe, vor Augen, mit den unzähligen Dingen, von denen jedes einzelne seine Geschichte zu berichten hatte. Doch es würde ermüden, wollte ich alles aufzählen. Nur ein Wort noch über das Schlafzimmer des Großonkels, das von seinem äußerst schlichten Sinn beredtes Zeugnis gab. Ein weites, fast ödes Gemach, das in seiner Einfachheit einen eigentümlich ergreifenden Eindruck machte. Kein Schmuck, kein Spiegel, nur die nötigsten Möbel. In der Ecke war die schlichte Lagerstatt aufgeschlagen. Darüber ein Christuskopf mit der Dornenkrone, ein Kreuz darunter. Zu Häupten des[44] Bettes hingen die Bilder seiner heimgegangenen Söhne, und auf dem Bettisch lagen zwei abgegriffene Gebetbücher.

Einen eisernen Willen hatte der geliebte Großonkel und dabei ein demütig gläubiges Herz. Kühnes Vorwärts- und Draufgehen beseelte ihn, und festes Gottvertrauen machte ihn unerschütterlich ruhig in allen Lebenslagen.

Eine teure Erinnerung bleibt mir immer sein liebes, ernstes Gesicht, wie ich mich seiner aus der Matthäikirche erinnere, wo er selten einen Sonntag zu fehlen pflegte und in gesammelter Andacht den Predigten des Generalsuperintendenten Büchsel zuhörte.

Fast meine ganze Kindheit habe ich in Berlin verlebt, nur zwei Jahre waren wir in Breslau gewesen, als mein Vater dorthin gesandt wurde als Generalstabsoffizier bei der Division. Im Jahre 1856 kehrten wir zurück. Die Schule und die verschiedenen Arbeiten schränkten naturgemäß die Zeit ein, in der ich im Hause des Großonkels sein konnte; Aber er wünschte nun den heranwachsenden Backfisch hin und wieder zu kleinen Mittagessen oder Abendgesellschaften heranzuziehen.

Mein Mutterchen wehrte natürlich ab, doch er wußte sie schließlich umzustimmen, wenn sie erklärte, ich passe da nicht hinein.

»Schadet nichts!« meinte er. »Bringt nur das trautste Marjellchen mit. Sie muß beizeiten lernen, sich mit Anstand zu langweilen.«

Da habe ich denn schon als Vierzehnjährige so manches kleine Fest in dem Hause am Pariser Platz mitgemacht und dabei in zwanglosem Verkehr Persönlichkeiten kennen gelernt, deren Namen in den kommenden Jahren noch eine große Rolle spielten. Vor allem war es der spätere Feldmarschall Graf Moltke, dessen charakteristische Erscheinung und Eigenart schon damals einen gewissen Eindruck auf mich machte, der sich später vertiefte zur Zeit, da ich als junge Frau in seinem Hause verkehrte. Selbstverständlich war der Backfisch bei diesen Festen zum Schweigen verurteilt, bis auf ein paar freundliche Fragen, die diese oder dieser an den jugendlichen Gast richtete, und die ich artig beantworten durfte. So war es denn im Grunde genommen wirklich nur, wie der Großonkel es erzieherisch für mich gut fand, ein »Sich-mit-Anstand-langweilen-Lernen«. Aber trotz der zugegebenen Langeweile wurde doch das Zuhören interessanter Unterhaltung, wenn es nicht gerade über meinen Horizont ging, ein Vergnügen für mich.

Eine kleine Episode, die sich bei einem Diner abspielte, möchte ich noch erzählen, weil sie den lieben Großonkel so gut kennzeichnet.

Ein junger Offizier, der ein Glas Rotwein eingoß, verschüttete dabei einige Tropfen auf das Tischtuch.[45]

Die Großtante war sehr eigen mit ihren Sachen, hielt bei der jungen Welt genau auf die Formen und tadelte streng den Verstoß dagegen, sowie jede Ungeschicklichkeit, die einer von uns sich zuschulden kommen ließ.

»Die Jugend muß von dem Alter erzogen werden«, pflegte sie zu sagen, und so machte sie bei dieser Ungeschicklichkeit des jungen Offiziers auch eine scharfe Bemerkung.

Der arme Missetäter wurde blutrot, denn die ganze Tischgesellschaft hatte die Worte gehört, und wie es in solchen Augenblicken immer zu gehen pflegt, es entstand eine peinliche Pause.

Der Großonkel übersah die Sache sofort und wandte sich an den verlegen dreinschauenden jungen Krieger. »Sagen Sie mal, liebster N.N., kennen Sie eigentlich das Gefecht von Etoges?« erkundigte er sich.

»Zu Befehl, Exzellenz«, lautete die prompte Antwort.

»Na, so ganz genau wohl doch nicht«, meinte der Großonkel, »ich werde Ihnen das mal deutlich machen. Sehen Sie, hier standen wir.«

Sein Finger tauchte dabei in das Rotweinglas und dann wieder auf das Tischtuch. Vier oder fünf rote Flecke hoben sich scharf von dem sauberen Gedeck ab. Noch einmal fuhr sein Finger in das Weinglas, während er fortfuhr: »Da gegenüber standen die Franzosen.« Neue Rotweinflecke bezeichneten den Feind.

Der alte Herr schmunzelte, seine Hand umfaßte den Fuß des Weinglases. »Das Schlimme war nun«, sagte er, und blickte den jungen Offizier mit einem gutmütigen Blinzeln an, »daß wir nicht aneinander herankonnten, denn – sehen Sie mal hier, junger Freund, – uns trennte ein breiter Bach.«

Der Inhalt des Rotweinglases mußte auch zu diesem letzten Bilde herhalten, er ergoß sich, den Bach darstellend, zwischen den roten Flecken, zwischen Freund und Feind.

Mit dem freundlichsten Gesicht wandte sich der Großonkel dann an seine Frau. »Schadet nichts, meine Alte, es wird wieder gewaschen.« –

Im Jahre 1859 wurde mein Vater zum Kommandeur und Führer des kombinierten 21. Infanterieregiments ernannt, das später die Nummer 61 erhielt, und dessen Oberst er das Jahr darauf wurde.

Meine Mutter blieb mit mir noch in Berlin, bis ich zu Ostern 1860 eingesegnet wurde. Das Geschenk des Großonkels an meinem Einsegnungstage ist mein Begleiter durchs Leben geworden, eine Bibel, deren silberner Verschluß seinen Namenszug trägt. Der Spruch, den er mir eingeschrieben hat, lautet: »Den Frommen gibt Gott Güter, die da ewig bleiben.«[46]

Im Frühjahr desselben Jahres kam ich nun mit meiner Mutter nach Stolp in Pommern zu meinem Vater.

Behütet von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter, die in ihrer selbstlosen Hingabe und opferfreudigen Treue noch heute in mir als hehres Vorbild lebt, war meine Kindheit sorglos und froh vergangen. Nun lag das Leben vor mir hell und strahlend, und mit der ganzen Hoffnungsfreudigkeit der Jugend jubelte ich ihm entgegen. Dankbar und froh genoß ich, was mir so unverdient an Freundlichkeit entgegengebracht wurde. Ich wußte wohl, es waren nicht meine braunen Augen, denen das galt, sondern der Stellung meines Vaters. Aber gleichviel, es war doch Freude, so herzliches Entgegenkommen zu erfahren.

In Ermangelung eines Sohnes machte mein Vater die Tochter zu seinem »kleinen Rekruten«, wie er mich nannte. Ich mußte die Infanteriesignale lernen und bekam Reitstunden von ihm auf dem alten braunen Sciold, seinem schleswig-holsteinschen Kriegspferd.

Als das Regiment seine Fahnen erhalten hatte und mein Vater von der feierlichen Fahnenweihe aus Berlin zurückkehrte, fand in unserm Hause eine Nachfeier statt.

Trotzdem ich erst eben das 16. Jahr erreicht hatte, wollte mein Vater mir die Freude gönnen, daß ich mit meiner Mutter bei diesem feierlichen Akt dabeisein sollte, den ich nie vergessen werde.

Auf dem Tisch, über den die Scharlachdecke mit dem Wrangelschen Wappen gebreitet war, lag die Fahne. Im Halbkreis stand das Offizierkorps um das Kleinod des Regiments. Mein Vater zeigte auf das Wappen in der roten Decke und auf die schwarze Mauer darin mit den drei Zinnen. Tief ernst und in verhaltener Bewegung klang seine Stimme, als er sagte: »Mein Ahnherr stand einst in schwarzer Eisenrüstung vor seinem Landesherrn und schützte ihn mit seinem Schild und wuchtigen Hieben vor dem Ansturm übermächtiger Feinde. Zum Andenken daran wurde unserem Geschlecht die Mauer als Wappenzeichen gegeben. Im Namen der Offiziere unseres Regiments und im Namen unserer Mannschaft spreche ich es jetzt als ein Treugelübde aus, daß wir wie eine Mauer vor diesem Kleinod stehen wollen, Mann für Mann, wenn sie im Kugelregen vor uns flattert. Und sollte aus dieser lebendigen Mauer dabei Stein um Stein bröckeln, und von feindlichen Geschossen getroffen, die Fahnenträger fallen, so werden sich immer neue wackre Fäuste finden, die das Kleinod ergreifen. Fest wie eine Mauer soll die Soldatentreue sich zeigen.«

Mein Vater schlug den ersten Nagel ein in die Fahne, die Offiziere folgten, dann meine Mutter und ich.[47]

Während die Hammerschläge fielen und meines Vaters Worte noch in mir nachklangen, zog flüchtig an mir das Bild vorüber, wie die Knaben mir bei unseren Kinderspielen die Fahne anvertrauten, und wie ich da keinen anderen Gedanken hatte, als in fiebernder Erregung diesen Schatz zu verteidigen. Mir war nun gar feierlich zu Sinn, als ich den Nagel einschlug, es war ein ahnendes Verstehen von der großen Bedeutung des Wortes: »Sei getreu bis in den Tod«. – Zehn Jahre später kam der Tag von Dijon, der verhängnisvolle für die teure Fahne des Regiments. Die Geschichte der Fahne des 2. Bataillons, durch Dichterwort und Künstlerhand verewigt, ist allbekannt.

Im Februar 1863 erhielt das Regiment während der polnischen Insurrektion den Befehl, an die russische Grenze nach Wreschen zu marschieren.

Ich entsinne mich noch sehr gut des Tages, als die Depesche eintraf. Es war einer jener Donnerstagnachmittage, wo die Musik vor unserer Tür spielte und Damen wie Offiziere des Regiments sich bei uns zusammenfanden. Ein kleiner Kreis von ihnen blieb noch zum Abend, wo wir dann weiter musizierten, Scharaden aufführten oder dergleichen harmlos fröhliche Unterhaltungen zu treiben pflegten. An jenem Abend lasen wir mit verteilten Rollen den Zriny von Körner. Mitten in der feierlichen Abschiedsszene von Juranitsch und Helene wurde meinem Vater die Depesche übergeben, die das Regiment an die polnische Grenze rief.

Körner hat es in seinem Zriny gar wohl verstanden, in jungen Herzen eine flammende Begeisterung für Heldensinn und Todestreue zu wecken. Auch unsere Gemüter waren davon bewegt, und als die Depesche eintraf, steigerte sie die kriegerischen Gefühle unserer Offiziere zu dem Gedanken, daß ein richtiger Feldzug vor ihnen läge. Es war eine eigenartige Stimmung, die sich unser an dem Abend bemächtigte. Der Kampfruf im Zriny und der Abschied des Juranitsch vermischte sich mit dem Ruf zum Kampf gegen die Insurgenten und mit dem Abschied, der vor uns lag. Das gab ein wunderliches Zusammenklingen, ein leises Vorspiel von Stunden ernsterer Art, die spätere Jahre brachten.

Der Aufenthalt an der polnischen Grenze verlief sehr harmlos für das Regiment, für mein Leben wurde er bedeutungsvoll.

Mein Vater hatte den Wunsch, mich an meinem Geburtstage dort zu haben, und so reiste denn meine Mutter im Juli mit mir nach Wreschen. An die polnische Grenze waren auch die neumärkischen Dragoner geschickt, und ihre Offiziere verkehrten viel mit den Herren vom 61. Regiment. Die hatten dem Freiherrn von Liliencron1, einem der[48] jüngsten Leutnants der Dragoner, einem geborenen Schleswig-Holsteiner, erklärt: »Wenn die kleine Wrangel herkommt, dann fangen Sie sofort Feuer und die Kleine auch, denn wir haben nie ein paar Menschenkinder gesehen, die so zueinander passen, wie Sie beide.«

Der 22jährige Offizier verbat sich aber sehr energisch diese Zumutung, erklärte, daß er noch keine Lust verspüre zu heiraten, daß einzige Kinder, noch dazu wenn sie eine Regimentstochter wären, immer verzogen seien, und er dieser und ihnen beweisen wolle, daß man sich nicht um das Kommandoröschen zu kümmern brauche.

Und dann? Ja dann – kam es ganz anders! Genau so, wie unsere Offiziere es prophezeit hatten, nur daß es noch schneller und stürmischer ging, als sie selbst es wohl geglaubt hatten.

Doch von meinem Leben will ich ja nur so viel bringen, daß das Ganze im Zusammenhang bleibt, und nur da genauer erzählen, wenn es zugleich ein Bild der Zeit und der Verhältnisse gibt. Darum auch von diesen glückseligen zehn Sonnentagen nur ein kurzes Wort. Der Leutnant von Liliencron führte seinen Vorsatz so gewissenhaft durch, daß er schon en Tag darauf nach unserem ersten Zusammensein den einen seiner Burschen auf unserm Hof stationierte, der eilend seinem Herrn Meldung brachte, wenn mein Pferd gesattelt wurde, um dann ebenso geschwind den Schimmel seines Leutnants zu satteln. Da der andere Bursche Posten stand, um auszuspähen, welchen Weg mein Vater und ich eingeschlagen hatten, so trafen wir uns immer »ganz zufällig« und sahen und sprachen uns alle Tage unter dem grünen Waldesdom von Psary.

So verging die Woche, und als am Sonnabendabend der Leutnant von Liliencron den Auftrag erhalten hatte, mit einer Abteilung Dragoner eine Razzia auf Insurgenten zu machen, und ich die ganze Nacht nicht schlief in Sorge um diesen jungen Dragonerleutnant, da mußte ich es mir eingestehen, daß sich, trotz der kurzen Bekanntschaft, zwischen uns ein Band geknüpft hatte, das mich fest gefangen hielt. Aber noch wehrte ich mich, hatte ich doch immer behauptet, ich würde mich nie einem Sturmangriff ergeben, würde lange Zeit zum Bedenken gebrauchen. Wie ich nun aber verängstigt und sorgenvoll – denn mein Vater hatte noch keine Nachricht über das Ergebnis des Nachtritts erhalten – am Sonntagmorgen in der kleinen Wreschener Kirche saß und mit etwas unsicherem Ton »Befiehl du deine Wege« anstimmte, da mischte sich plötzlich in den Gesang dicht neben mir eine andere Stimme, die ich gar gut kannte. Nur für eine kurze Sekunde trafen sich, als ich aufsah, unsere Augen, und doch wußte ein jeder von uns, was wir da dachten – was wir fühlten. Mir aber wurde auch das noch in dem Augenblick klar, daß ich[49] mich für besiegt erklärte. Am andern Tage hielt Leutnant von Liliencron bei meinem Vater um mich an. Die Eltern, die den jugendlichen Freier von Herzen liebgewonnen, hatten nichts dagegen, aber ich sollte nicht im Sturm genommen werden, müßte Liliencron erst näher kennen lernen.

Nun meinte besagter Leutnant freilich in seinem Sinn, daß wir zwei uns bereits bis in die tiefste Seele hineingeblickt hätten, und ich gebe zu, er hatte recht. Aber er wollte doch auch dieses äußere, ihm entgegengeschobene Hindernis überwinden, um rasch zum Ziel zu kommen, und erklärte sich bereit, eine Versetzung in unser Regiment zu beantragen. Da wehrte aber mein Vater ab, verwies ihn auf das Warten und nahm ihm das Versprechen ab, während der drei Tage, die ich noch in Wreschen war, mich nicht zu binden.

So blieb ich denn dem Wortlaut nach ungebunden, dem Herzen nach fest gebunden, als ich mit meiner Mutter von Wreschen abreiste. Vom Exerzierplatz kamen die Dragoneroffiziere an unseren die Chaussee dahinfahrenden Wagen herangeritten. Am frühen Morgen, als die paar Dragonertrompeter zu Pferde unter meinem Fenster »Ach, wie ist's möglich dann, daß ich dich lassen kann« bliesen, und der Leutnant von Liliencron daneben hielt, hatten wir uns natürlich kein Wort sagen können. Nun hatte er es doch noch möglich gemacht, daß wir ein jubelndes »Auf Wiedersehen« austauschen konnten.

Unser Regiment kam wenige Tage später im August nach Stettin und im September nach Kolberg. »Der Soldat hat auf Erden kein bleibend Quartier« – das lernten wir in dem Jahre kennen. Im Gasthause in Kolberg wurde meine Verlobung gefeiert, so richtig als Regimentskind, im Kreise der Offiziere, die Regimentsmusik vor der Tür.

Das war freilich erst der zweite Teil des Tages, der erste spielte sich in der Stille zwischen uns beiden ab. Wie oft habe ich noch später an diese weihevollen Stunden gedacht! Wie hat das, was wir damals er hofft, gewollt und erbetet haben, in unserem Leben feste Gestalt gewonnen und hat uns geleuchtet durch gute wie durch schwere Tage.

Der Bräutigam sollte nun auch dem Senior der Familie Wrangel, meinem geliebten Großonkel vorgestellt werden. Wir reisten nach Berlin. Mit Bewunderung, ja mit einer gewissen Begeisterung, hatte mein Bräutigam stets zu dem Feldmarschall aufgesehen und ihn, als er das eine Jahr in Berlin studierte, immer mit tief abgezogenem Hut, halb Front machend, gegrüßt. So erzählte er mir und fragte mich: »Was meinst du, wie wird der alte Herr mich aufnehmen?« Ich war überzeugt, daß das in sehr herzlicher Weise geschehen würde.[50]

In Berlin angekommen, meldete sich mein Bräutigam frühmorgens dienstlich bei dem Feldmarschall, in freudiger und zugleich gespannter Erwartung, wie er dem Verlobten seiner Großnichte begegnen würde.

Ein kurzes: »Ich danke« war die Antwort auf die Meldung des jungen Dragoneroffiziers, der in dienstlich strammer Haltung vor ihm stand. Nun schlug dieser die Hacken zusammen und machte enttäuscht kurz kehrt.

Die Türklinke in der Hand, will er eben hinausgehen, da hört er hinter sich den Ruf: »Mein Sohn!« Er wendet sich um und sieht den alten Herrn mit ausgebreiteten Armen ihm zunicken. Wie er nun auf ihn zu eilt, nimmt der Feldmarschall die Rechte des jungen Offiziers in seine beiden Hände.

»Mein Sohn«, wiederholt er noch einmal mit bewegter Stimme, »du hast dir die Adda geholt, die Wrangel, die ich lieb habe, als wär's mein eigen Kind. Machst du sie glücklich, dann will ich dich auch lieben, wie mein eigen Fleisch und Blut, machst du sie aber unglücklich, dann soll dich der Deiwel holen! Und nun küsse mich und nenne mich du.«

Eine feste Umarmung, ein herzhafter Kuß, und der Feldmarschall hatte den jungen Liliencron als seinen Großneffen aufgenommen.

Bei Tisch passierte es nachher, daß, als der alte Herr meinem Bräutigam eine Frage stellte, dieser noch in dem Gefühl – der junge Leutnant dem Feldmarschall gegenüber – mit einem »Zu Befehl, Exzellenz« antwortete. Da wurde er aber sehr scharf verbessert. »Einmal habe ich Ihm erlaubt, mich du zu nennen und Onkel, wenn Er es aber noch einmal vergißt, dann ist's vorbei. Verstanden?«

1

Der Dichter Detlef Liliencron war sein entfernter Vetter, ihre Großväter waren Brüder gewesen.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 51.
Lizenz:

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