VIII. Aus dem Kriegstagebuche meines Vaters.
Erinnerung an den Mainfeldzug. Gefechte bei Wiesenthal, Kissingen, Winkel, Laufach und Aschaffenburg.

[77] General Falkenstein hatte am 7. Juni durch einen Gewaltmarsch Hannover erreicht, die Stadt war vom Feinde verlassen, als der General vor dem Schlosse hielt und die Truppen mit klingendem Spiel an sich vorbeimarschieren ließ. Mein Vater wurde zum Kommandanten von Hannover ernannt und hatte alle Hände voll zu tun, um Einquartierungen zu regeln, die Wachen aufzustellen, nach feindlichem Kriegsmaterial zu suchen und die Stimmung des Volkes zu überwachen. Am 20. wurde er abgelöst, um seiner weiter vorrückenden Brigade nachzukommen, und erhielt den Befehl, mit drei Bataillonen und einer Batterie nach Kassel zu rücken. Dort war er der älteste Offizier und hatte ein buntes Gemisch von allen möglichen Truppen unter sich. Kaum aber war hier einigermaßen alles geordnet, so wurde er nach Göttingen zurückgerufen und erfuhr hier, daß er noch an demselben Abend den Truppen als Reserve zu folgen habe.[77]

Ermüdende Märsche folgten, bis am 1. Juli General von Falkenstein seine drei Divisionen bei Eisenach zusammengezogen hatte, um sich gegen die bayrische Armee und das VI. Bundeskorps zu wenden. Trotz der Überlegenheit seiner Gegner entschied sich der General von Falkenstein für die Offensive, indem er sich wie ein Keil zwischen die beiden noch getrennten feindlichen Armeen schob, mit dem Vorsatz, dieselben einzeln zu schlagen.

Auf der großen Straße über Fulda und Hanau, zwischen dem Vogelsgebirge und dem Spessart, sollte die Mainarmee nun durch einige schwierige, leicht zu verteidigende Engpässe vorwärtsrücken1.

Mein Vater schreibt über diese nun folgenden Gefechtstage: »Am 3. Juli langten wir in Öchsen an, wo ich bei einem armen, aber sehr freundlichen Pastor lag. Mit der Verpflegung sah es da knapp aus, obgleich seine Tochter sich die größte Mühe gab, uns alle satt zu bekommen. Abends hatten die Leute irgendein Instrument aufgefunden, und heiter tanzte die ganze Gesellschaft in der Tenne bis zum Dunkelwerden. In der Nacht trat in mein bescheidenes Schlafzimmer plötzlich General Goeben und eröffnete mir, daß er Befehl erhalten habe, etwa anrückende Kolonnen des Gegners durch einen kurzen Vorstoß zurückzuwerfen und noch am selben Tage nach Fulda weiter vorzugehen.

Meine Brigade sollte als Avantgarde der Division auf Dermbach marschieren. Ich schickte sofort Ordonnanzen mit den erforderlichen Befehlen ab, ließ Generalmarsch schlagen, nahm die beiden, dort im Kantonnement liegenden Bataillone zur Avantgarde und marschierte gegen Oberalba vor. Von den sehr dominierenden Höhen konnte ich das Terrain bis zum Nebelberge übersehen, doch das trübe Wetter ließ nichts Bestimmtes erkennen.

Tags darauf – am 4. Juli – entwickelte sich nun das Gefecht von Dermbach, das die Truppen unserer Division gleichzeitig, doch ohne direkte Verbindung untereinander führten, die Brigade Kummer bei Zehla gegen die Division Zoller, und meine Brigade bei Wiesenthal gegen die[78] Division Hartmann. Der Neubergsrücken trennte unsere beiden Brigaden. Als bei Zehla die ersten Kanonenschüsse fielen, hatte ich Dermbach erreicht und schickte zur Aufklärung des Terrains eine Husareneskadron voraus.

Wiesenthal war von den Bayern besetzt, sie wurden von unseren anrückenden Truppen aus dem verbarrikadierten Dorf verdrängt und wichen bis zu dem vor Roßdorf liegenden bewaldeten Höhenrücken, dem Nebelberge, zurück.

Ich ließ die Batterie Cöster auffahren, deren wirksamem Feuer es gelang, die Bayern von den vorderen Abhängen zu vertreiben, während die Kompagniekolonnen sich in ihrem raschen Vordringen weder durch die Steilheit der zu erklimmenden Abhänge, noch durch den aufgeweichten Boden, noch durch zahlreiche Verluste aufhalten ließen.

Als eine feindliche Abteilung nach der anderen von der bewaldeten Spitze des Nebelberges oder hinter dessen Ausläufer verschwand, erhielt ich den Befehl des Generals Goeben, nicht zu weit vorzugehen. Doch da meine Kompagnien bereits auf der Hälfte des Nebelberges waren, so wollte ich erst die Kuppe nehmen lassen und dann haltmachen. In diesem Sinne schickte ich durch meine beiden Adjutanten Befehle an die kämpfenden Truppen.

Währenddessen debouchierten auf der Chaussee von Roßdorf nördlich des Berges neue feindliche Bataillone, die, hart flankiert von dem Bataillon Rüstow, von diesem mit lebhaftem Schnellfeuer begrüßt wurden. Mein braver Rüstow war trotz vielfacher Vorstellungen zu Pferde geblieben, um besseren Überblick zu behalten. Eine der ersten Kugeln traf seine Säbelscheide und sein Pferd, das durchging, gleich darauf erhielt er einen Schuß in den Unterleib und sank zur Erde. Man trug ihn aus einen Heuhaufen. Aber während ihm noch der Verband angelegt wurde, erreichte ihn die dritte Kugel, das war ein Kopfschuß und der tötete ihn.

Der Kampf auf dem Berge wurde nun sehr heftig, und dabei hörte man ganz deutlich hinter dem Nebelberge Kanonen und Gewehrschüsse. Goeben, der eben angekommen war, erteilte mir nun die gewünschte Erlaubnis, den ganzen Berg zu stürmen, um in das jenseitige Tal hinabzusehen und dann nach den Umständen handeln zu können.

Infolgedessen zog ich meine beiden Reservebataillone in eine gedeckte Stellung, schob meine drei Husareneskadrons vor, ließ Patrouillen nach allen Richtungen abgehen und rief meinen drei Bataillonen, die in erster Linie standen, nicht mehr das gebieterische Halt zu.

Bald ging dann auch die Meldung ein, daß die vordersten Schützengruppen sich hart vor Roßdorf eingenistet hätten, zugleich aber auch der[79] ganz bestimmte Befehl von Goeben, nunmehr jedenfalls das Gefecht abzubrechen. Das hatte nun allerdings seine Schwierigkeiten. Die Truppen waren im heftigen Kampf und eben im Begriff, sich ihre Siegestrophäen in Roßdorf zu holen, wo eine feindliche Batterie sich festgefahren hatte, auch mußten die Toten und Verwundeten noch weggeschafft werden, die zwischen Wiesenthal und dem Nebelberg lagen.

Der Abzug der Truppen konnte daher nur langsam erfolgen und wurde dadurch erschwert, daß die Straßen durch den Transport der Verwundeten oft völlig gesperrt waren. Nach einem entschieden siegreichen Gefecht ohne weiteres wieder zurückzugehen, erzeugt unwillkürlich ein unangenehmes Gefühl, und diese Empfindung wurde dadurch noch gesteigert, daß ich selbst Wiesenthal nicht besetzt halten durfte, trotzdem die ganze Kirche mit Verwundeten angefüllt war. So kam ich denn hungernd und in keiner liebenswürdigen Laune mit meiner Infanterie in Dermbach an und erhielt daselbst von Goeben den Befehl, unverzüglich nach meinem alten Kantonnement zurückzumarschieren. Durch eine Schnitte Kommißbrot und ein Stückchen Speck gestärkt, trat ich bei ununterbrochenem Regen den Rückmarsch an.

Für den nächsten Tag, den 5. Juli, war das Rendezvous der Brigade nach Öchsen bestellt, um von da aus noch einmal die Bayern anzugreifen. Doch nachdem wir dort zwei Stunden gewartet hatten, traf die Meldung ein, daß der Feind schon gestern nach Süden abmarschiert sei, und General Falkenstein, der selbst dort war, befahl nunmehr den sofortigen Abmarsch nach Geisa.

Vorher aber konnten wir noch den versammelten Truppen die eben telegraphisch angelangte frohe Botschaft vom Siege bei Königgrätz mitteilen, die mit unerhörtem Jubel aufgenommen wurde.«

»9. Juli. Da die Rekognoszierungen am Morgen des 5. ergeben hatten, daß der Feind nach dem Werratal abgezogen war, so ließ General Falkenstein den Vormarsch seiner Armee aus Fulda wieder aufnehmen. Unterwegs erhielt Göben auf der Strecke zwischen Waldfenster und Kissingen die Meldung, daß letzteres vom Feinde besetzt sei. Er dirigierte daher die an der Tete marschierende Brigade Kummer rechts über Altershausen nach Garitz und ließ meine Brigade als Gros unmittelbar folgen, hinter ihr Tresckow mit der Reserve. Kummer wurde angewiesen, vom linken Flußufer aus mit dem Feinde ein lebhaftes Feuergefecht zu unterhalten, um dessen Tätigkeit zu fesseln. Den Übergang der Saale sollte er jedoch nicht forcieren, bis meine Brigade den Fluß überschritten und von der anderen, der südlichen Seite her, in die Stadt eingedrungen sein würde.[80]

Meldungen besagten, daß die steinerne Hauptbrücke verbarrikadiert sei, die Nebenbrücken abgebrochen und auf den jenseitigen Straßen Geschütze aufgefahren wären, um den Zugang der Brücke zu bestreichen.«

»10. Juli. Um 7 Uhr früh vereinigte sich die Brigade bei Waldfenster, von Goeben erhielt ich den Befehl, mit meiner Brigade über Garitz vorzugehen, mich als sein rechter Flügel zu betrachten und dann – je nach den Umständen – energisch einzugreifen.

So ließ ich denn das Gelände über Garitz hinaus aufklären, den Altenberg besetzen und die Batterie Coester am Abhang des Berges an einer gut gewählten Stelle auffahren. Ihr Feuer auf die feindlichen Batterien, die sich auf der Straße nach Nüdlingen und an den Abhängen des Sinnbergs postiert hatten, erwies sich als sehr wirksam. Ich ritt selbst mit der Avantgarde auf die Höhe des Altenberges, auch Almberg genannt, um mich besser orientieren zu können. Auf den schönen Spaziergängen in diesem Wäldchen waren aber so viel steinerne Treppen, daß ich bald absteigen mußte. Trotzdem ich nun rasch die Stufen heraufgeklettert war, konnte ich doch keinen Punkt finden, von wo ein allgemeiner Überblick zu erlangen gewesen wäre.

So viel erkannte ich indes bald, daß der Abfall des Berges nach der Stadt zu steil sei, um in dieser Richtung weiter vordringen zu können. Ich gab nun die Weisung, sich mehr südlich zu wenden, um von dort einen Übergang über die Saale zu versuchen.

Der Fluß war durch den Regen stark angeschwollen. Ich erreichte die Saale südlich von Kissingen, dort, wo ihre Ufer mit dichtem Buschwerk bewachsen sind, das dem Feinde unsere Bewegungen entzog. Die Breite des Flusses schloß aber einen Übergang ohne Brücke angesichts der besetzten Höhen aus.

Mittlerweile aber hatte Hauptmann von dem Bussche gefunden, daß die Brücke an der Lindenmühle nicht vollständig zerstört war. Geländer und Streckbalken waren geblieben und nur der Belag entfernt. So gelang es, daß die Leute einzeln, ihren Hauptmann voran, hinüberbalanzierten, sich drüben festsetzten und nach und nach bis an die große Chaussee von Kissingen nach Schweinfurt vorliefen.

Als ich dies glückliche Ereignis sah, sandte ich noch zwei andere Bataillone nach der Brücke, die ich durch Bänke und Tische aus dem nahe gelegenen Schweizerhäuschen etwas gangbarer machen ließ.

Hauptmann von dem Bussche ließ nun drüben auf der erhöhten Straße seine Leute sich in Schützenlinie entwickeln. So bildete er für die nachfolgenden Truppen einen lebendigen Brückenkopf, indem er die bayerische Flanke beschäftigte.[81]

Die anderen Kompagnien folgten auf diesem Flußübergang.

Kissingen, wie es in meiner Aufgabe lag, umfassend anzugreifen, konnte ich nur erreichen, wenn ich mich zur Wegnahme der Bodenlaube entschloß, um mich dort zu formieren und zum Angriff gegen den südlichen Ausgang von Kissingen vorzurücken. Die große Erhebung des Stationsberges, auf dem die Schloßruine Bodenlaube liegt, erschwerte sehr den Truppen das Vorwärtsdrängen. Das weiche Erdreich, der unaufhörliche Wechsel der Böschungen und die üppigen Getreidefelder machten das Ersteigen der Höhen und das Führen des Gefechts nicht nur zu einem Bravourstück, sondern auch zu einer physischen Anstrengung. Unter dem Schutze dichter Tirailleurschwärme rückten die Truppen von hier aus zum Angriffe vor.

Kissingen, das sehr vorteilhaft und kriegsgerecht besetzt war, wurde mit Hartnäckigkeit verteidigt, aber da alles vorwärts drängte, so wurde der Feind immer mehr zurückgeworfen, wodurch auch die Verteidiger der verbarrikadierten steinernen Saalbrücke genötigt wurden, ihren Posten zu verlassen.

Sofort wurden nun von meinen Leuten gleichzeitig diesseits und jenseits der Saale die Barrikaden fortgeräumt und dabei Wagen, Tonnen usw. über das Geländer gestürzt. Nun ging das 53. Regiment über die Brücke vor und trieb auch von dieser Seite den Feind zum Städtchen hinaus.

Etwa eine halbe Stunde hatte ich jetzt die Leute ruhen lassen und dafür gesorgt, daß ihnen bei der großen Hitze Wein und Wasser gereicht wurde, als Goeben mir den Befehl zuschickte, mit meiner Brigade vorzugehen, da der Feind sich auf den Höhen anscheinend festsetzen wollte. Ich ritt nun sofort in die Stadt voraus, um meinen dortigen zweieinhalb Bataillonen die richtige Direktion zu geben, während ich den Oberst Stolz beauftragte, mir unverzüglich zu folgen.

Das I. Bataillon Reg. 55 war im stürmischen Vorwärts dem abziehenden Feinde gefolgt und stand in einzelnen Zügen noch im starken Feuer außerhalb Kissingen den Bayern gegenüber. Die Lipper waren teils mit vorn, teils in Kissingen, und das II. Bataillon Kaweczynski sammelte sich gerade vor dem Kursaal. Als ich zu ihnen heranritt und ihnen – namentlich der 2. Kompagnie – für ihr braves Vorgehen dankte, brach ein stürmischer Jubel unter den Leuten aus, und mit lautem Hurra folgten sie mir, als ich sie zu neuem Kampfe in der befohlenen Richtung vorführte. Das Erstaunen einer englischen Familie über die Begeisterung meiner Soldaten machte mir Spaß. Halb verängstigt, halb neugierig, jedenfalls von ihrem guten Herzen getrieben, kamen die Herrschaften[82] näher, boten der Truppe Erfrischungen an und wollten auch mir ein gefülltes Sektglas reichen. Wenn ich es auch in dem Augenblick nicht annehmen konnte, so labte ich mich doch etwas später daran.

Sobald ich das Bataillon als äußerste rechte Flankendeckung gegen den Stationsberg hatte vorrücken lassen, durchritt ich noch einmal die Stadt, um der anderen Hälfte meiner Brigade die Stellungen anzuweisen. Aus einem Hause wurde dabei auf mich gefeuert, aber die Kugel traf mich nicht. Die Bataillone Rex und Gutzkow warf ich rechts auf die Berge, die Kompagnien Lippe sollten die Verbindung mit der Chaussee halten. So trieb ich denn den Feind ohne große Anstrengung vor mir her und säuberte die Berge bis jenseits Winkels. Goeben erteilte den Befehl, den Feind nicht weiter zu verfolgen, und bestimmte, daß meine Brigade am Sinn- und Schlegelsberge Stellung nehmen solle.

Gegen 7 Uhr abends erhielt ich dort Meldung, daß zahlreiche bayerische Truppen von Nüdlingen im Anmarsch begriffen seien. Ich schickte sogleich dem Regiment 19, das auf Vorposten stand, Unterstützung durch Infanterie, Kavallerie und eine Batterie und ritt auch selbst hin. Als ich ankam, feuerte Batterie Eynatten bereits, und der Feind antwortete. Dem weit überlegenen Gegner war es gelungen, die vordersten Kuppen des Sinnbergs zu ersteigen, und sein aus nächste Entfernung gegebenes Feuer drängte unsere Truppen zurück. Auch meine Batterie geriet in Infanteriefeuer und mußte abfahren. Indes, als jetzt das Bataillon Rex zum Angriff vorging, sicherte sein Schnellfeuer den Abzug der Batterie.

Sobald ich diese gerettet wußte, ritt ich rasch dem Bataillon Rex entgegen und ließ dasselbe auf dem Platz, wo ich es fand, seine Aufstellung nehmen. Mit wahrhaft bewundernswerter Kaltblütigkeit vollzog dieses hervorragend brave Bataillon seinen Auftrag; sein bald beginnendes Schnellfeuer brachte den Feind augenblicklich zum Stutzen. Indes, da sich an allen Waldecken feindliche Kolonnenspitzen zeigten, so mußte ich an entschiedenere Maßregeln denken. Ich ließ daher den mißlichen Stand des Gefechts nach Kissingen an Goeben melden und dabei zum Ausdruck bringen, daß ich kaum glaubte, mit meinen übermüdeten und gelichteten Truppen diesem doppelt überlegenen Feinde standhalten zu können, um so weniger, da der Gegner ganz frische Truppen ins Gefecht führte. Seine Antwort aber lautete: ›Ich verlasse mich darauf, daß Sie sich selbst helfen werden.‹

Unterdessen war ich ins Biwak bei Winkels zurückgeritten, wo mittlerweile auch die Batterie Eynatten angelangt war. Ich ließ diese sofort nördlich der Chaussee und die Batterie Coester südlich der Chaussee auffahren und durch Infanterie decken.[83]

In dieser Stellung erwartete ich nun das allmähliche weitere Zurückweichen meiner noch vorgeschobenen Truppen. Jede anlangende Abteilung wurde sofort nach dem ihr bestimmten Punkt hingeführt und geordnet. Meine braven Füsiliere waren die letzten, die kamen. Immer ruhig kämpfend, zuletzt gegen fünffache Übermacht, hatten sie sich in vollster Ordnung zurückgezogen.

Durch das Feuer meiner 12 Geschütze hielt ich mir den Feind etwas vom Leibe, so daß ich Zeit gewann, das Ganze zu einem allgemeinen Angriff zusammenzustellen.

Nördlich der Chaussee standen zwei Bataillone Reg. 19 in der Angriffskolonne neben Batterie Eynatten; zwei Kompagnien Lippe wurden aufgelöst in den Sinnberg geworfen mit dem III. Bataillon Reg. 19 als Soutien.

Südlich der Chaussee gingen die beiden anderen Kompagnien Lippe als äußerster rechter Flügel in die bewaldeten Höhen, das II. Bataillon Reg. 55 diente ihnen als Soutien, während das I. Bataillon Reg. 55 in der Reserve blieb.

Als ich mich überzeugt hatte, daß die Truppen so geordnet waren, ließ ich ›das Ganze avancieren‹ blasen, und als aus den höchsten Waldspitzen in meinen beiden Flanken dieses schöne Signal mir als Rückantwort entgegentönte, mußten auch die Kolonnen im Zentrum mit schlagenden Tambours antreten. Es machte einen tiefen Eindruck auf mich, wie von diesem Augenblick an sich das Blatt wie mit einem Zauberschlage wandte. Unaufhaltsam trieben wir nun den Feind vor uns her. Als ich nach vorn ritt und eben bei den Schützen des Reg. 19 angelangt war, erhielt mein Fuchs einen Schuß in die Brust. Die brave Isabeau, das frühere Reitpferd meiner Tochter, bäumte, drehte sich rasch auf den Hinterfüßen ein paarmal herum und stürzte dann rückwärts hinunter in die tief eingeschnittene Chaussee.

Glücklicherweise hatte ich noch so viel Zeit, mich vorher herunterzuwerfen, wobei ich mir allerdings die Hüfte und den Arm sehr schmerzhaft verstauchte, so daß ich nicht imstande war, das Ordonnanzpferd sogleich zu besteigen. Da das Vorwärtsrücken der Bataillone unaufhaltsam fortdauerte, so konnte ich mit gutem Gewissen das Kommando auf kurze Zeit dem Oberst Stoltz übertragen, indem ich Befehl gab, den Feind bis Nüdlingen zu treiben und dann die alten Vorpostenstellungen wieder aufnehmen zu lassen.

Unterstützt von meinem Adjutanten, humpelte ich nach dem Biwaksplatz zurück, während die Ordonnanz die blutende Isabeau hinter uns herzog.[84]

Es wurde versucht, dem Fuchs die Kugel herauszuschneiden, da ich mir das treue Tier gern erhalten hätte. Als das aber nicht glückte, ließ ich ihr den Gnadenschuß geben.

Währenddessen war der Feind andauernd weiter zurückgetrieben worden. An dem westlichen Waldrand hatte er freilich versucht, sich nochmals festzusetzen. Da er aber auch hier geworfen wurde, war er ohne weiteres bis Nüdlingen zurückgegangen, und Regiment 19 hatte die Posten am östlichen Waldrande wieder ausgesetzt.

Die Truppen meiner Brigade hatten heute in den beiden, ganz voneinander getrennten Gefechten mit außerordentlicher Tapferkeit gekämpft, dabei aber auch starke Verluste erlitten. Überall waren die Offiziere, die Mannschaften anfeuernd, den anderen voraus gewesen, und trotz aller Opfer, die der Ansturm forderte, waren die Truppen unaufhaltsam mit Hurra vorwärts gedrungen. Auf der Paßhöhe war ihnen der Hauptstoß gelungen, indem sie die bayerische Front durchbrochen und die Fühlung mit den Truppen auf dem Schlegelsberge hergestellt hatten.

Eine Leistung, wie dieser Sturm auf den Sinnberg, mit bunt gemischten und aufs äußerste erschöpften Truppen, war nur durch moralische Kraft zu erreichen gewesen. So tapfer sich die Angreifer verhielten, so zäh hatten sich auch die Verteidiger gezeigt, so daß für unsere, wie für die feindlichen Truppen dieser Kampf um den Sinnberg eine der ruhmvollsten Waffentaten bleiben wird. Am 10. marschierten wir nach Kissingen und rückten dort mit klingendem Spiel ein.«

»13. Juli. In glühender Hitze waren die nächsten Marschtage zurückgelegt worden, zuerst nach Gmünden und dann nach dem Spessart; dabei mußten auf diesem Marsch am 13. Juli äußerst steile Gebirgspfade überwunden werden.

Die Truppen der Division hatten schon genügende Proben von Ausdauer an den Tag gelegt bei den Märschen durch den Thüringer Wald und die Rhön. Aber der eben zurückgelegte durch den Spessart überstieg alle bis dahin ertragenen Strapazen. Die völlige Luftstille und der Mangel an Wasser wirkten erschlaffend, und der sonst so gute Humor der Westfalen war verstummt.

Da jagte eine Armeeordonnanz heran und brachte mir Goebens Befehl, die Waldecke gegen Hein zu eher als der anrückende Feind zu besetzen.

Jetzt war jede Müdigkeit bei den Truppen geschwunden, die Aussicht auf den nahen Kampf hatte sie elektrisiert. Ich erreichte mit der Kavallerie die Waldecke zu rechter Zeit und traf dort Goeben mit seinem[85] Stabe, der mir den Befehl gab, alles selbständig anzuordnen, da meine Brigade hier allein zum Gefecht käme.

Nun rückte ich in vier Kolonnen auf Laufach zu. Ich selbst führte die Abteilung, die längs des hohen Eisenbahndammes marschierte.

Nach kurzem, wirkungslosem Tirailleurfeuer gaben die Hessen Laufach auf, als die Kompagnien mit Hurra vorgingen.

Da der Feind jetzt seinen Abzug fortsetzte, so ließ ich ihn durch eine Abteilung verfolgen und setzte mich in Laufach fest.

Zur Nacht bezogen die Truppen ein Biwak auf einer Wiese am westlichen Ausgange von Laufach. Ich legte mein Hauptquartier in eine hübsche Villa. Der gefällige Wirt verteilte seine ganzen Vorräte an Eßwaren unter meine Leute. Auch in der Küche entstand eine angenehme Lebendigkeit, und gewisse Gerüche entwickelten sich, die für einen ausgehungerten Magen etwas unendlich Verführerisches haben.

Unterdessen setzte ich mich mit einer guten Flasche Rotwein in den Garten und las das Telegraphenbuch durch, das mein Adjutant auf dem Bahnhof mit Beschlag belegt hatte.

Die letzten Botschaften von hier nach Aschaffenburg waren höchst merkwürdig. Eine vom heutigen Tage lautete: ›Von den geschlagenen Preußen sollen sich einige versprengte Abteilungen im Spessart umhertreiben‹ – oder auch – ›Soeben erschienen einige der versprengten Husaren‹ usw.

Unterdessen hatte sich die Infanterie auf der Wiese schon ziemlich eingerichtet; als dort der Kochkessel brodelte, auch bei uns der Tisch gedeckt war und August mit der dampfenden Suppenschüssel erschien, ließen sich plötzlich nicht bloß Gewehrschüsse, sondern auch Kanonenschüsse hart vor uns bei den Vorposten hören.

Es mochte etwa sechs Uhr sein.

›Lebe wohl, lockende Mahlzeit!‹ Ich schickte Goeben Meldung und warf mich auf das Pferd. So rasch wie möglich ging es zu den Vorposten, indem ich beim Vorbeireiten den Truppen im Biwak den Befehl zugerufen hatte, sich zum sofortigen Aufbruch bereit zu halten.

Die Hessen-Darmstädter Division war bei Wendelstein plötzlich hervorgebrochen, und Oberst von der Goltz, der befohlenermaßen an diesem Knotenpunkt der Chaussee und Eisenbahn auf hohen Dämmen eine gut gedeckte Stellung eingenommen hatte, war nun, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, sofort mit seinem ersten Bataillon nach den, nördlich der Chaussee gelegenen, Höhen geeilt und leitete dort die Verteidigung des Schlüsselpunktes unserer Stellung. So standen die Sachen, als ich dort eintraf. Etwa um sieben Uhr lag der Feind mit unserer[86] ganzen Front im Gefecht, und meine Truppen aus dem Biwak hatten ihre Stellung am Bahnhof eingenommen.

Anfänglich warf sich der Gegner hauptsächlich auf Fronhofen, doch drei Füsilierkompagnien hatten sich da trefflich eingenistet und schlugen ihn mit empfindlichen Verlusten zurück. Der Feind ging nun südlich der Eisenbahn, meist im Walde, gegen meinen linken Flügel vor und beschoß gleichzeitig die von uns besetzte Waldecke heftig mit Granaten.

In diesem unübersichtlichen Terrain war ein Umfassen meiner linken Flanke leicht möglich. Ich schob daher ein ganzes Bataillon in jene Berge, während ich auf der Eisenbahn an dem erwähnten Knotenpunkt zwei Geschütze der Batterie Eynatten auffahren ließ, die mit gutem Erfolg die feindlichen Soutiens beschossen. Dadurch wurde der Gegner auf diesem Punkte in seinem Vorgehen nicht nur gehemmt, sondern auch immer mehr zurückgedrängt, und meine Füsiliere nahmen die verlassenen Stellungen an der Eisenbahn und am Wärterhäuschen ein.

Gegen Fronhofen und gegen meinen rechten Flügel machte der Feind noch zwei oder drei Angriffe, und zwar mit großem Schneid. Die Kolonnen gingen mit klingendem Spiel und schlagenden Tambours, ohne zu stutzen, gegen uns vor, bis unser Schnellfeuer ganze Lücken in ihre Reihen riß und fast alle ihre Offiziere verwundet waren.

Während dieses wogenden Kampfes ging mir die Meldung zu, daß die Truppen in Fronhofen sich meist schon verschossen hätten und um Unterstützung bäten. Sofort ließ ich zwei Kompagnien im Laufschritt nach dem Dorfe vorgehen, da der Feind sich eben zum erneuten Angriff anschickte.

Sie kamen zur rechten Zeit, um mit dem Bajonett den Gegner, der sich in den Häusern festsetzen wollte, anzugreifen, hinauszudrängen und noch etliche Schritt hinter das Dorf zu verfolgen.

Die heldenmütige Verteidigung einer Kegelbahn durch Leutnant Hoffmann vom Regiment 15 möchte ich noch besonders erwähnen. Zweimal daraus durch Übermacht verdrängt, eroberte er sie mit seinem Zuge immer wieder, und als Siegestrophäen lagen am Schlusse des Gefechts die Leichen von sechs feindlichen Offizieren auf diesem beschränkten Kampfplatze.

Zugleich aber hatte der Gegner seine Angriffe auch auf meinen rechten Flügel gerichtet und zeigte dort solche Kräfte, daß ich zur Unterstützung von Goltz noch das Bataillon Böcking, die Batterie Eynatten und die Schwadron Schmidt hinaussandte.

Da die Truppen bisher nichts gegessen hatten und entsetzlich angestrengt waren, es auch bereits zu dunkeln begann, so wollte ich es[87] heute nur zu einer Defensivschlacht mit kurzen Offensivstößen kommen lassen. Diesem zufolge erwartete Goltz in sicherer Stellung den Angriff des Feindes und überschüttete ihn dann so mit Infanterie- und Artilleriefeuer, daß dieser stutzte. Erst dann brach Goltz vor und trieb den Feind bis gegen den Eisenhammer zurück.

Die Sonne war schon untergegangen, als ich dem General Goeben das glückliche Resultat des Kampfes melden lassen konnte. Ich selbst ritt zu den sich sammelnden Truppen, um ihnen einige Worte des Dankes für ihr heutiges Verhalten zuzurufen. Der freudige Jubel, der mir antwortete, wollte gar kein Ende nehmen.

Verhältnismäßig hatte die Brigade wenig Verluste gehabt, nur 60 Mann und einen Offiziersaspiranten, während der Feind seine Verluste auf etwa 800 Mann und 30 Offiziere angab.

Es war ganz dunkel, als die Truppen ihren alten Biwakplatz bezogen.

Als alle Truppen ins Lager eingerückt waren, ließ ich vom Musikkorps des Regiments 55 das Lied blasen: ›Nun danket alle Gott‹. Das machte wohl auf den allergrößten Teil der Mannschaften einen recht erhebenden Eindruck. Jeder Laut war bei den ersten Tönen des Liedes verstummt, die todmüden Krieger erhoben sich, zogen ihre Mützen und umstanden in andächtigen Gruppen die hellflackernden Wachtfeuer. Das Ganze erhielt noch eine malerische Beleuchtung durch den eben aufgegangenen Mond.«

»14. Juli. Weiterer Vormarsch der Division Goeben auf Aschaffenburg. Meine Brigade bildete den rechten Flügel, und ich hatte den Befehl, auf der Chaussee längs des rechten Talrandes vorzugehen. Hinter Goldbach, beim Übergang der Chaussee über den Aschaff, stießen wir auf den Feind, der die bebuschten Ufer des Flusses dicht besetzt hatte. Die an der Spitze marschierenden Kompagnien des Regiments 15 nahmen den Übergang und gingen dann in der Richtung nach der Aumühle weiter vor. Ich muß dabei eines recht bezeichnenden Zwischenfalles Erwähnung tun. Meine 55 er fanden an dem Ufer des Aschaffbaches das sorgsam abgelegte Gepäck eines feindlichen Bataillons, und eine Prüfung desselben ergab, daß sich in den Tornistern neue reine Wäsche vorfand. Als nun gerade einige Minuten geruht wurde, erlebte man ein eigentümliches Schauspiel. Plötzlich – allerdings mit Erlaubnis – entkleidete sich mein Bataillon, warf die seit 14 Tagen nicht gewechselte Wäsche weg und zog die feindliche an. Das spielte sich ab, während rings die Granaten und Gewehrkugeln einschlugen. Die sehr aufmerksame gegnerische Artillerie nahm uns stark unter Feuer. Der entscheidende[88] Punkt für die Operationen meiner Brigade war demnächst die feindliche Artillerie am Aumühlenhügel. Sie war durch eine Infanterieabteilung gedeckt, die hinter einer hohen, massiven Mühle lag, um die sich sowohl eine Mauer wie ein Damm zog. Dorthin schickte ich zwei Kompagnien des Regiments 15, die sich vorsichtig an dem bewachsenen Ufer hinschlichen, sich dann eines Gehöftes bemächtigten, das hart an der Mauer lag, und von hier aus die Mühle nahmen. Die feindliche Batterie konnte das Feuer der beiden Kompagnien nicht aushalten und mußte sich unter großen Verlusten zurückziehen. Dadurch erhielt der Oberst Stoltz, der mit zwei Bataillonen weiter nach Aschaffenburg vorgegangen war, freien Spielraum und trieb nunmehr den Feind unaufhaltsam in die Stadt hinein. Am Bahnhof fand noch ein blutiges Ringen statt, in Aschaffenburg selbst aber kein nennenswerter Kampf.

Ich selbst hatte mich hauptsächlich an dem Gefecht an der Mühle beteiligt und ritt, als die Sache mit Erfolg gekrönt war, auf die steile Höhe, um von dort einen Überblick zu gewinnen. Er gab mir die frohe Überzeugung, daß alles im Siegeslauf den Feind vor sich hertrieb.

In demselben Augenblick schlug eine Granate dicht neben uns ein und entzündete beim Krepieren das hohe Kornfeld, so daß wir in wenigen Minuten ein wallendes Feuermeer vor uns hatten. Ich beeilte mich, mit meinen Adjutanten von dem gefährlichen Platze wegzukommen, und ritt mit ihnen dem Bahnhof zu, wo der Kampf eben beendet war, und dann nach der Mainbrücke. Dort fand ich meine 55 er auf der Straße ruhen und wurde von ihnen mit frohem Hurra empfangen.

In dem trefflichen Gasthause zum Adler kehrte ich ein. Es ist doch nicht zu verachten, wenn man sich wieder an einem anständig gedeckten Tische satt essen kann.

Der nächste Tag – ein Sonntag – sollte zum Ausruhen benutzt werden. Vormittags war Militärgottesdienst, und nach demselben nahm ich mit Tresckow das Abendmahl. Dann besuchte ich einige Lazarette und freute mich an der Sorgfalt, mit der die barmherzigen Schwestern unsere Soldaten pflegten.

Um 3 Uhr gab Falkenstein ein großes Diner im Residenzschlosse, zu dem sämtliche Generale und Stabsoffiziere mit ihren Adjutanten Einladungen erhalten hatten. Das war ein Gastmahl, wie es Wallenstein wohl gegeben haben mochte. Im Schloßhofe reiche Kriegstrophäen und viele Gefangene, und oben im Rittersaal die siegreichen Führer beim Trompetenschall und Becherklang.

Tags darauf stand ich früh 4 Uhr auf der Chaussee nach Hanau zum Abmarsch bereit. Gegen Abend sollte der Einzug der Truppen in[89] dem vom Feinde verlassenen Frankfurt stattfinden. Eine vorausgeschickte Husarenschwadron mußte sämtliche Stadttore und Eisenbahnhöfe besetzen. Ihr folgte Tresckow mit den Husaren, dem Kürassierregiment und mit der reitenden Batterie. Dann kam ich an der Spitze meiner geschlossenen Brigade. Es war schon vollständiges Zwielicht, als ich das Tor erreichte und nun durch die dichten Volksmassen einzog, die zuerst ein unheimliches Schweigen beobachteten, sich dann aber in einzelnen Rufen Luft machten.

Auf dem Platze vor dem Englischen Hause hielt Falkenstein zu Pferde und ließ sämtliche Truppen an sich vorbeimarschieren. Trotzdem ihm gegenüber ein Hoboistenkorps aufgestellt wurde, das fortwährend blies, war es doch den freudetrunkenen Soldaten gestattet zu singen. Sie brachen bei Falkensteins Anblick jedesmal in begeisterte Zurufe aus.

Bis der Vorbeimarsch endigte, war es dunkel geworden. Falkenstein rief mich heran und ernannte mich zum Kommandanten von Frankfurt. Selbstverständlich trat ich gleich in Tätigkeit und hatte alle Hände voll mit Regelung der Einquartierung zu tun.

Falkenstein hatte der Stadt neben einer Kontribution von 6 Millionen Talern noch die Gestellung von 300 Reitpferden auferlegt, und dabei erhielt ich an Stelle meiner gefallenen Isabeau eine zierliche Stute, die braune Polka.

Am 19. Juli kam die Abberufung des Generals Falkenstein. Als ich von der Pferdebesichtigung in die Stadt zurückkehrte, erfuhr ich diese unerwartete Nachricht, die uns alle tief schmerzte. Falkensteins kühne Kombination, sein rasches, jugendliches Handeln und sein entschiedenes Glück bei gewagten Unternehmungen, sowie seine Fürsorge und sein Wohlwollen, das er Offizieren wie Soldaten stets entgegenbrachte, hatten ihm die Liebe und Verehrung seiner Untertanen in vollem Maße gewonnen. Niemand kann sich erklären, warum man den stets siegreichen Feldherrn im jetzigen Augenblick abberufen könne. Falkenstein sprach lange Zeit mit mir noch über sein Scheiden, das ihm sehr schwer wurde. Er war sehr bewegt beim Weggehen.

Schon abends 7 Uhr fuhr er mit seinem Adjutanten nach Münster ab. Alle Offiziere, die von der Stunde seiner Abreise Kenntnis erhalten hatten, waren auf dem Bahnhof versammelt, um ihm noch ein herzliches Lebewohl zu sagen. Selbst die Soldaten drängten sich in Massen heran und riefen ihm noch einen Scheidegruß nach.«

Ich möchte hier einen Brief meines Mannes folgen lassen, der einen Beweis dafür gibt, wie die Liebe und Hochachtung, die mein Vater für Falkenstein empfand, auf Gegenseitigkeit beruhte.[90]

Mein Mann, der im August in Prag bei dem General Falkenstein2 war, schrieb meinem Vater: »Der alte Herr, der auch gegen mich sehr freundlich war und mich zur Tafel befehlen ließ, sprach mit solchem strahlenden Gesicht von Dir, daß ich ganz stolz auf meinen Schwiegervater war. Es ist wirklich schlimm, ich renommierte schon immer sehr mit Dir, jetzt muß ich nur auf meiner Hut sein, daß mir Falkensteins Ausspruch über Dich nicht ganz zu Kopfe steigt. Er sagte mir: ›Ihrem Schwiegervater ist es gut – sehr gut – ausgezeichnet ergangen. Ich meine nicht nur persönlich, sondern militärisch. Köstliche Siege hat er erfochten bei selbständiger Leitung des Gefechts. Ich habe auch darüber an den König berichtet!‹«

1

Bevor ich Aufzeichnungen aus dem Tagebuch meines Vaters wiedergebe, möchte ich noch ein Wort über die Zusammensetzung der Brigade erwähnen. Adjutant war der Premierleutnant Clemens vom Inf.-Reg. Nr. 53. Zur Brigade gehörten: das 6. Westfälische Inf.-Reg. Nr. 55 mit Oberst Stoltz; das 2. Westfälische Inf.-Reg. Nr. 15 (Prinz Friedrich der Niederlande) mit Oberst Frhr. v.d. Goltz, später im Feldzug 1870 als Kommandeur der 25. Infanteriebrigade bekannt durch seinen selbständigen Entschluß, der am 14. August zur Schlacht von Colombey führte. Ferner der Brigade attachiert: eine gezogene 4-Pfund-Batterie des Westfälischen Feldartillerie-Regts. Nr. 7, Hauptmann Coester, und zwei glatte 12-Pfund-Batterien des Westfälischen Feldartillerie-Regts. Nr. 7, Hauptmann Baron von Eynatten.

2

Falkenstein war inzwischen Militärgouverneur von Böhmen geworden.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 91.
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