II. Meines ersten musikalischen Werkes Aufführung.

[18] Die Weltgeschichte wird um einen großen historischen Zug reicher werden, wenn ich hier aufzeichne, daß ich in der Schule gar Nichts gelernt habe. In der That, ich brachte bei meinem Abgange vom Gymnasium nicht mehr mit nach Hause, als etwas Christenthum, einige römische Kaisernamen – keinen einzigen deutschen – und einige blaue Flecke auf meiner linken Schulter. Den gelehrten Brocken schien es nicht einmal in meinem Kopfe zu gefallen, denn sie waren, ehe ich's mich versah, wieder in das Meer der Vergessenheit entwischt. Die blauen Flecke hielten sich am längsten. Meine Lehrer wollten nämlich behaupten, in meinem Schachte seien gute Erze verborgen, und es komme nur darauf an, sie auf gehörige Weise zu Tage zu fördern. So machte denn[18] eben noch kurz vor meinem Abgange ein Lehrer einen letzten Versuch, und sondirte tüchtig und beharrlich, wohl eine Viertelstunde lang, mit der Wünschelruthe an mir, die bekanntlich aus einer Haselnußstaude verfertigt wird. Es kam aber eben Nichts heraus als jene blauen Flecke. Ich habe mich recht geärgert über den Aberglauben des Lehrers, der noch an die Kraft der Wünschelruthe glaubte. Mehr noch ärgerte sich mein Vater: das schöne Schulgeld! jammerte er. Das schöne Schulgeld! – Und Nichts dafür gelernt! – Sein einziger Trost war, daß er den größten Theil desselben schuldig geblieben. Die Schuld von Alledem trug aber, die Sache historisch streng genommen, eigentlich weiter Nichts als ein Dudelsack. Den spielte mein Großvater in den abendlichen Dämmerstunden ganz wunderschön, und so fuhr, wie der Schreibeteufel nach Jean Paul in Siebenkäs' Seele, aus jenem Dudelsack der Teufel der Töne in die meinige, und setzte sich fest, und ließ lange Zeit nichts Anderes hinein. Es giebt eine Krankheit im menschlichen Körper, wo aller Nahrungsstoff sich in Zucker verwandelt, so bei mir Alles in Töne – aber leider nicht in zuckersüße, wie die Geschichte meiner ersten Composition und ihrer ersten Aufführung, die ich nun zu beschreiben anfangen will, beweisen wird.[19]

Ich hatte mich durch alle bekannten musikalischen Theorien hindurch gewürgt, von der Erklärung des Geräusches an, das noch kein Ton ist, bis zu den höchsten contrapunktischen Künsteleien, die keine Musik sind. Ich konnte aus jedem Thema wie jener Taschenspieler aus dem einfachen Bogen Papier, im Nu hunderterlei Gestalten formen; die entfernteste Tonart war nicht sicher vor mir, wenn ich hinwollte, ich war mit einem Modulationsblitze dort; alle Geheimnisse und Eigenheiten der verschiedenen Instrumente hatte ich ihren Spielern abgelockt und ausgefragt. Kurz, mein Kopf war ganz voll von Regeln und Dünkel.

Es war nun Zeit, das Zusammengescharrte auszubreiten und anzubringen, und die Welt damit in Erstaunen zu setzen. Eine große Symphonie war das Kleinste, womit ich anfangen konnte. Himmel! wie groß erschien ich mir, als die Blätter mit den vielen Linien übereinander nach und nach alle schwarz wurden von meinen Gedanken! – So ein Werk, wie da entsteht, sagte ich mit stiller Bescheidenheit vor mich hin, ist noch nicht geschaffen worden, so lange die Welt steht, und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, daß in diesem Gedanken eine verzweifelte Zweideutigkeit liege.[20]

Das Feuer- und Meisterwerk war endlich fertig und ich schrieb das bedeutungsvolle Wort »Fine!« hin.

Eines Tages stand ich mit Partitur und ausgeschriebenen Stimmen vor meinem damaligen Lehrer, dem Dirigenten der Kapelle. Der Mann hatte mich lieb, und ich ihn. Er blätterte ein wenig in der Partitur und lächelte – vor Freude über seinen großen Schüler, raunte mir der Dämon der Eitelkeit heimlich ins Ohr. »Aller Anfang ist schwer und Hören ist die Hauptsache«, sagte der Lehrer; »dein Opus muß aufgeführt werden. Morgen um 9 Uhr ist Probe davon.« Herr im Himmel, was war der Mann gut! Ich hätte mich für ihn in den Donaustrudel gestürzt. Ich war selber ein Strudel voll kochender Liebe und Dankbarkeit; in meinen Armen zuckte es, ihn zu umhalsen, aber das hätte ganz die Ehrfurcht verletzt! »Ach, wie kann ich Ihnen danken, wie kann ich Ihnen danken!« stotterte ich nur, und meine zwei Thierchen (bekanntlich ist nach Oken das Auge ein ganzer Leib, ein ganzes Thier) mögen recht geleuchtet haben, denn er rief mir noch, als ich zur Thür hinausstürzte, herzlich lachend nach, daß ich vor Entzücken nur nicht ganz außer mir kommen möge. Ach, wie kann ich ihm danken, dachte ich mit vollem, drängendem Herzen, als ich über den[21] Saal schoß. Da stieg eben die Treppe herauf, mit den Schulbüchern unter dem Arm, sein dreizehnjähriges Töchterlein, ein lieblich aufblühender Engel. An der mußt du deine Dankbarkeit bethätigen, blitzte es in mir auf, und so hatte ich das süße Geschöpf, das mir ganz friedlich und sorglos entgegentrat, plötzlich mit meinen Armen umrankt, und bedeckte es mit hundert glühenden Küssen. Es können auch noch mehr gewesen sein, denn ich küßte sehr schnell und meine Dankbarkeit wollte gar keine Grenzen finden. In der Hausthür drehte ich den brennenden Kopf, und sah, wie das arme Kind über und über glühend seine zerstreuten Bücher, die ihm bei meinem unvorhergesehenen Ueberfall entwischt waren, langsam und träumerisch zusammensuchte.

Der eben beschriebene Auftritt hatte die Wonne dieser Stunde auf den Culminationspunkt gesteigert und ich flog wie ein Courier, der die Siegesnachricht bringt, durch die Straßen in den blühenden Park hinaus.

Da empfing mich heilige Einsamkeit der in tausend süßen Reizen prangenden Sommernatur, und die wilden Sturmwogen des Entzückens ebneten sich zu stiller Seligkeit. Ich wandelte bewußtlos und doch selig brütend durch das Dunkel der hohen Baumgänge,[22] beim Summen der Käfer und Wehen des Zephirs, an den liebend sich entgegenneigenden Blumenhäuptern, die aus dem Grase hervorlugten, an den plätschernden Cascaden vorbei, einer stillen Bank zu. Und da setzte ich mich, und da saß ich, süß träumend, bis die goldenen Streiflichter der Sonne, die in den Bäumen webten und spielten, erbleichten und der Abend mit seinem Purpurmantel am Horizonte auf- und hinwandelte, und endlich die stille Nacht die Menschen einlud, auszuruhen von den ausgekosteten Freuden und matt gewordenen Schmerzen. Mag ihr das gelingen mit der ganzen Menschheit, – an einem Componisten, dessen Werk den andern Tag aufgeführt werden soll, scheitert ihre narkotische Kraft. Denn im Bett geht seine Lust und Qual erst recht los. Da wird sein Kopf zu einem vollen Orchester; da zwitschern die Violinen, da brummen die Bässe, da schmettern Trompeten, donnern Pauken, das ganze Stück wird abgespielt, und an das Ende hängt sich gleich wieder der Anfang, und so geht es fort, von Wiederholung zu Wiederholung, bis zu physischer Ermattung – bis zu tobendem Kopfschmerz. – Erst gegen Morgen fiel ich in etwas fieberischen Schlaf.

Das war mein heiliger Abend. Der Henker hole das Fest, das darauf folgte![23]

Die Probe war des Morgens um 9 Uhr festgesetzt, nach 7 Uhr war ich schon auf dem Wege nach dem Theater. Ich hatte nur einige Schritte bis dahin, und kam allerdings etwas zu früh. Aber wie unausstehlich langsam ging auch heute die Zeit! Ich nahm die Uhr heraus, blickte auf die nächste Viertelstunde, und folgte dem Rücken des Zeigers, um die Zeit vergehen zu sehen, um mich wirklich zu überzeugen, daß sie noch fortrücke. Aber die Viertelstunde dauerte eine Ewigkeit, und wie viele Ewigkeiten hatte ich noch bis 9 Uhr zu durchlaufen! Das war Nichts. Ich fing an zu gehen, zum Thor hinaus und wieder zurück bis ans Theater. Da ging's schon besser; als ich an die Uhr sah, war wieder eine Viertelstunde weg, und die doch schneller im Laufen als die vorige im Stehen. Nun ging's ans zweite Thor, dann ans dritte und so fort. Ich Thor lief an alle Thore, um die Zeit zu vertreiben, und als ich sie fast bis an das ersehnte Ziel getrieben hatte, fing ich an zu wünschen, sie möchte stille stehen. Denn jetzt erwachte eine unerklärbare Angst in mir, und wuchs und wuchs, daß die Lebenspulse hämmerten und pickten, als wäre der zürnende Meister in der Werkstatt erschienen. Ich ging nicht mehr, ich jagte, und hätte mich wahrscheinlich ganz erhitzt[24] und abgehetzt, wenn nicht zum Glück eben diese Angst ganz gegen meinen Willen und den gewöhnlichen Verlauf meiner Natur mich zum Oeftern zu gewissen Ruhepunkten genöthigt hätte.

Endlich kam der Orchesterdiener und schloß auf. Ich huschte ihm nach, wie ein Dieb, flatterte wie eine lichtscheue Fledermaus in den dunkelsten Winkel der entferntesten Loge, und kauerte mich zusammen. Still und unheimlich war es um mich, ich hörte Nichts als das gewaltige Pochen meines eigenen Herzens. Aber es war keine Angst, wie sie etwa das Kind empfindet, wenn es merkt, daß seine Näschereien entdeckt sind, oder die Angst des Verbrechers, der die fatale Maschine erblickt, die das Buch seines irdischen Lebens auf ewig zuklappen soll – es war eine entzückende, erwartungsvolle Angst, wie sie etwa die Jungfrau empfinden mag, die zum ersten Mal den Ballsaal betritt, und nun zwischen der Hoffnung des Engagirtwerdens und der Furcht des Sitzenbleibens hin- und herschwankt.

Und sie kamen zur Thür herein, die Musiker, nach und nach, alle; die Instrumente wurden gestimmt, Lichter angezündet, die Stimmen – meine Stimmen! – ausgetheilt, der Dirigent trat an das Pult, und mit ihm der stille Augenblick ein, wo das Stimmen[25] aufhört, und der Taktstock sich hebt – und wenn er fällt, geht's los! – und es ging los!

Aber, Herr des Himmels und der Erde, was höre ich! Ist denn das mein schönes Werk? – Da ist ja kein Zug und keine Farbe zu erkennen von dem Bilde, das ich mir gedacht! Da dringen Instrumente pfeifend hervor als grelle Lichter, die sanfte Schatten sein sollten, und Gedanken, die mich in der Partitur anmuthsvoll angelächelt hatten, werden in der Ausführung zu scheußlichen Larven! Mit Einem Worte, es kam Nichts zum Vorschein, als ein wüthendes, schreiendes, quiekendes, tobendes, unsinniges Durcheinander aller Instrumente! Da machte sich jedes auf eigene tolle Weise lustig, unbekümmert ums andere! Und als wäre das Alles noch nicht toll genug, platzte bald auch noch das ganze Orchesterpersonal los in teuflisches Gelächter, und strich und blies mit der angestrengtesten Kraft, um des Machwerkes Schwäche recht herauszuheben und anschaulich zu machen.

Eine fürchterlichere Lage und Seelenstimmung, als die meinige damals war, giebt es gar nicht mehr in der Welt. Ich saß im Fieberwahnsinn in meiner Ecke, es durchrieselte mich heiß und kalt, es durchzuckte mich wie Tod und Verdammniß. – Wäre[26] ein Strom vorbeigerauscht, ich hätte mich mit Wollust hineingestürzt sammt meiner Marter und Schmach. Als der erste Satz des fürchterlichen Werks durchgewürgt war, sah sich der Dirigent nach mir um und rief mehrmals meinen Namen. Wahrscheinlich wollte er mir sagen, daß ich mit dem ersten Satze genug haben werde. Ja, rufe du nur! Ich duckte mich nieder und blieb starr liegen. Das Orchester brach auf und verlor sich lachend und spottend. Der Orchesterdiener löschte die Lichter aus; ich sah, daß er zuschließen würde, aber ich getraute mich nicht aus meinem Schlupfwinkel hervor. Er schloß ab, ich saß gefangen in dem weiten Hause allein! – Nach stundenlangem dumpfen Hinbrüten machte ich mich auf, huschte durch ein Fenster, schlich auf Seitenwegen nach Hause, legte mich zu Bette, und fing an abwechselnd zu klappern und zu brennen. Als ein großer Mann war ich heute früh noch erwacht, jetzt lag ich als der dummste Junge im Bett! Damals beschloß ich, nie wieder eine Note zu schreiben. Ich habe mir aber nicht Wort gehalten, wie gleich die folgende Geschichte zeigen wird.[27]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 18-28.
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