Passagen stets frei! Toiletten-Unwahrheiten. Zeitweise Berechtigung des Schmutzes. Tadellose Sauberkeit.

Die Art des Eintretens in eine Gesellschaft läßt oft auf den Grad der Formensicherheit schließen. Ungewandt ist es, dicht an der Thür stehen zu bleiben und von dort aus sich über Wirte und Gäste zu orientiren. Es ist Bürgerpflicht, keine Passage zu versperren, selbstverständlich ist dies auch eine Pflicht des Adels, der ja das Ansehen genießt, im Allgemeinen die Formen in noch höherem Grade zu beherrschen. Wer nicht hören will, muß fühlen; wer trotz dieser Ermahnung auch in Zukunft beim Eintritt in eine Gesellschaft ängstlich und zaghaft dicht an der Innenseite der Thür stehen bleibt, dem wünsche ich praktische Belehrung[219] durch seine Kollision mit der von nachfolgenden Gästen geöffneten Thür. Noch unangenehmer ist für Passanten zuweilen das Versperren der Passage auf der Straße z.B. durch eine Gesellschaft, deren einer Teil sich auf dem Trottoir vor seiner Hausthür unter endlosen lauten Abschiedsworten trennt, aber eben viel zu langsam trennt. Die Grüße an den Onkel Anton und an die Tante Ida, die Wunschesäußerungen – »Lassen Sie Sich's gut bekommen, kommen Sie gut nach Hause, hoffentlich sehen wir uns bald wieder«! – Alles dies ist zu unwichtig, um Verkehrsstörungen zu rechtfertigen.

Der formensichere Gesellschaftsmensch steuert bei seinem Eintritt in eine Gesellschaft direkt auf die Frau des Hauses zu; die Anderen werden zunächst nur, während er langsam aber sicher auf die Frau des Hauses zuschreitet, mit allgemeinen flüchtigen Verbeugungen bedacht: über das nunmehrige Vorstellen und Begrüßen habe ich mich bereits in früheren Plaudereien ausgelassen, besonders in dem Kapitel über »Pedanterieen. – Verbeugungen der Herren. – Fremdes Ehepaar in Gesellschaft.« In Häusern, in denen es besonders vornehm hergeht, und in denen man über eine größere[220] Flucht von Gesellschaftsräumen verfügt, tritt der Hausherr oft schon vor dem eigentlichen Empfangsraum seinen Gästen entgegen, bietet dieser oder jener Dame, die eine besondere Rolle in der Gesellschaft spielt, oder auch einer Dame, die allein ohne männliche Begleitung erscheint, seinen Arm an und führt sie selbst seiner besseren Hälfte zu, in das Prunkgemach hinein, wo die Frau des Hauses präsidirt und die üblichen Begrüßungen austauscht. Die Frau des Hauses spielt die erste Geige. Die Etiketten-Pflicht der Gäste, die Hausherrin am meisten zu ehren, berücksichtigt sogar der eigene Gatte, indem er fremde Gäste unter allen anwesenden Damen seiner Gattin zuerst vorstellt.

Die Diner-Toilette des Herren ist der Frack mit weißer Binde und der Diner-Frack des Offiziers ist der Waffenrock mit Epaulettes. Heil dem Manne, dem man es nicht übel nimmt, wenn er unrasirt, mit ungebügeltem Frackanzug, mit wichsledernen Gummizugstiefeln, mit losen Gummi-Manschetten und festgenähtem Schlips in den vornehmsten Häusern zum Diner erscheint! Er muß so hervorragende Verdienste auf irgend einem Gebiete oder derartig außergewöhnliche Vorzüge des Geistes oder Herzens[221] aufzuweisen haben, daß man die horreurs oder Greuel seines äußeren Menschen mit in den Kauf nimmt. Die genannten Aeußerlichkeiten – von der Unrasirtheit bis zum festgenähten Schlips – sind nämlich Greuel vom Standpunkt des soignirten Etikette-Menschen, und niemals tangiren sie den Staatsanwalt als solchen. Soignirt ist auch ein Modewort und bedeutet »sorgfältig gepflegt«. Aber Patrioten, die der Sprache des Erbfeindes unkundig sind, gebrauchen solche aus dem Französischen stammende Modeworte lieber garnicht, als daß sie dieselben falsch oder mit heimatlicher Provinzial-Zunge aussprechen. Ein durch innere Eigenschaften hervorragender Mensch braucht die Nachsicht, die man seinen etwaigen äußeren Mängeln zu teil werden läßt, nicht auszunutzen; wohl ihm, wenn er auch vor dem Richterstuhl der Etikette besteht! Diejenigen Herren, namentlich jüngeren Alters, die sowohl die pekuniären Mittel als auch den Wunsch haben, den Anforderungen äußerer Vornehmheit möglichst zu genügen, werden durch Bügeleisen oder sonstige Mittel geglättete Kleider, werden an das Hemd festgenähte Manschetten und selbstgebundene. Schlipse und werden – dies[222] wenigstens in Gesellschaft – Lackstiefeln, oder jedenfalls keine wichsledernen Stiefeln tragen. Es ist hier die Rede vom Streben nach möglichster äußerer Vornehmheit – das Wort »äußerer« dick unterstrichen. Es liegt auf der Hand, daß an innerem Anstand der Niedertupfer-Toni, Bergführer in Oberbayern, der in benagelten Schmierstiefeln zur Hochzeit geht, einen belackschuhten Löwen des Salons unter Umständen überragt. Durch eine Anfrage aus dem Leserkreise nahm ich bereits in einer meiner ersten Plaudereien Veranlassung, über feste Manschetten und deren Widersacher, die sogenannten, »losen Röllchen«, zu schreiben. Eine gleich wichtige Sache ist für elegante Herren der selbstgebundene Schlips. Viele werden es für lächerlich halten, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen; doch urteilt man vielleicht milder, wenn man bedenkt, daß der Mode der selbstgebundenen Krawatten ein sittlicher Grundgedanke nicht abzusprechen ist. Eine festgenähte Krawatte sieht doch gebunden oder geknüpft aus und ist es thatsächlich nicht, ist also eine »Vorspiegelung falscher Thatsachen«, ebenso wie der als Knöpfstiefel frisirte Gummizugstiefel, der sogenannte falsche Knöpfstiefel. Wozu Knöpfe[223] ohne Knopflöcher! Der Keim zu Meineiden liegt ja nicht gerade in solchen Toiletten-Unwahrheiten, der Normalmensch wird sie dem lieben Nächsten nie verargen, aber verdient es keineswegs, mitleidig belächelt zu werden, wenn er sich die Zeit dazu nimmt und eben die Mode mitmacht, sich seine Schlipse selbst zu binden. Um zerstreute Interessenten vor unheilvollen Verwechselungen zu bewahren, sei es noch einmal kurz gesagt: Feste Manschetten, lose Schlipse und nicht umgekehrt! Aber wer es umgekehrt macht, der darf und soll auch leben! Genug der Requisiten eines Muster-Elegants! Ich gehe über zum Haupterfordernis äußerer Vornehmheit, zur tadellosen, selbst über den gelindesten Argwohn siegreichen Sauberkeit.

Frischer »Dreck« ziert den Soldaten! So bedauerlich es auch für zartnervige Leser sein mag, der in Offizierskreisen der Linie und Garde übliche Spruch enthält nun einmal diesen Kraftausdruck für das zartere Wort »Schmutz«. Der der Landstraße oder dem Exerzirplatz »entlockte« Schmutz ist für den Soldaten ein äußeres Zeichen seiner Thätigkeit im Dienste des Vaterlandes, er wird sich dadurch ebenso wenig genirt fühlen, wie der Arbeiter, dessen Kleider und[224] Körperteile durch seiner Hände Arbeit schmutzig wurden. Auch bei Ausübung des Sports und im Freien überhaupt, z.B. spazieren gehender Weise, darf man schmutzig werden; auch Kinder dürfen und sollen schmutzig werden, sonst sind es Zierpuppen und keine Kinder! Aber – ob arm oder reich, ob jung oder alt – man darf nicht schmutzig bleiben.

Der Arbeiter, der auf äußeren Anstand und auf Gesundheit, etwas noch Kostbareres, hält, wird sich nach der Tages-Arbeit, sobald es Feierabend ist, reinigen, er wird seinen Stolz dareinsetzen, sich an arbeitsfreien Tagen in sauberem Zustande zu zeigen. Kinder sollen zu den Mahlzeiten sauber erscheinen, sie sollen in sauberem Zustande zu Bett gehen. Der Gesellschaftsmensch, der lediglich aus Furcht, seinen äußeren Menschen zu verunzieren, jeder körperlichen Anstrengung, jedem Sport im Freien oder Fußtouren usw. abgeneigt ist, ist ein höchst bedauernswertes Individuum; nur soll man gewissen äußeren Verunzierungen bei Gelegenheit mit den mit Recht so beliebten und hierfür geeigneten Mitteln, als da sind »Bürste, Wasser und Seife«, zu Leibe rücken. Sauberkeit, und zwar peinlichste Sauberkeit, ist ein Haupterfordernis[225] äußeren Anstandes. Schmutzige Wäsche und schmutzige Hände – natürlich nicht in den angedeuteten Fällen ihrer vollkommenen, zeitweisen Berechtigung – sind gewiß schrecklich, jedoch das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn, schmutzige Wäsche und schmutzige Hände durch Pretiosen und Geschmeide, wie kostbare Krawatten-Nadeln, Broschen, Manschettenknöpfe, Fingerringe usw. mehr in den Hintergrund der Beachtung seitens Anderer zu rücken. Das gerade Gegenteil wird erreicht. Die Existenz-Berechtigung der Waschfrauen und der Seifensieder ist eine noch größere als die der Juweliere! Uebrigens auch betreffs Sauberkeit sei man strenger im Urteil gegen sich selbst als gegen den Nächsten, bei dem man doch nicht wissen kann, welch' mildernde Umstände zu seinen Gunsten sind. Was man nun erst oder was man schon schmutzig nennt, das ist Sache einer größeren oder geringeren Weitherzigkeit in solchen Dingen. Ein möglichst geringes Maß von Weitherzigkeit, dieser sonst edlen Tugend, empfiehlt sich jedenfalls, wenn es sich um das eigene liebe Ich handelt. Ich sprach oben von dem Erfordernis einer selbst über den gelindesten Argwohn siegreichen Sauberkeit.[226] Sollte jemals Jemand in Gesellschaft oder sogar zu einem Diner mit zweifellos schmutzigen Händen erschienen sein, so geschah dies sicher nur, damit bei Wiederholung eines solchen betrübenden Falles Ben Akiba auch in diesem Punkte Recht hätte mit seinem Ausspruch, daß Alles schon mal dagewesen. Aber ich habe schon in Gesellschaften bei Anderen Hände gesehen – hoffentlich Andere nicht bei mir – deren gründliche Reinigung man wohl für möglich, bei wohlwollender Beurteilung auch für wahrscheinlich, aber durch ihr Aussehen nicht für klar erwiesen halten konnte. Zur Erreichung dieses vollkommenen Zustandes ist für den Gesellschaftsmenschen der Gebrauch einer Negelbürste unbedingt nötig. Eine Entschuldigung für deren Nichtbesitz ist es nicht, daß man sie vor acht Tagen verloren hat; denn eine hierzu vorzüglich geeignete kleine Wurzelbürste kann man schon erschwingen, wenn man einmal, höchstens zweimal, das Geld für Straßenbahn spart. Nicht ganz tadellos saubere Hände fallen entschieden bei einem Gesellschaftsmenschen mit Bügelfalten im Beinkleid und mit Lackstiefeln um so mehr auf. Um Harmonie in seinen äußeren Menschen zu bringen, möge ein[227] solcher Zeitgenosse – nicht etwa seine Lackstiefeln ausziehen, sondern – sich schleunigst die Hände waschen. Wer Toilette-Finessen mitmacht, der soll in womöglich noch höherem Maße dem natürlichsten Erfordernis des äußeren Anstandes, demjenigen peinlichster Sauberkeit, entsprechen. Etwas besonders Unlogisches sind Hände von zweifelhafter Sauberkeit in Handschuhen; die Handschuhe sollen saubere Hände schützen, nicht schmutzige Hände verstecken. Eine Berechtigung. in meinen Etiketten-Plaudereien auch über Sauberkeit zu sprechen, glaube ich dadurch ganz entschieden zu haben, daß ich vorzügliche Menschen – auch von »sogenanntem Namen und Stand« – kennen gelernt habe, die eben nicht tadellos sauber waren. Auch kann das Anempfehlen einer tadellosen Sauberkeit für Mitglieder der sogenannten mittleren oder unteren Gesellschaftsschichten nützlich sein, wenn sie in nahe persönliche Beziehungen zu Höherstehenden treten, die sowohl bei sich selbst als auch bei Anderen in ganz besonderem Maße auf diese Aeußerlichkeit sehen. Oder folgender Fall: Ein Beamter hat für seinen Dienst unter zwei Schreibern einen auszusuchen. Wenn sie ihm sonst gleichwertig erscheinen, was ist da[228] natürlicher, als daß er denjenigen bevorzugt, der ihm einen äußerlich reinlicheren Eindruck macht! Auch dem soignirtesten Gentleman kann es passiren, daß er zum Diner eingeladen, sich kurz vor dem Betreten des Empfangsraumes – sei es beim Oeffnen einer Thür, sei es beim Abstreifen seiner Ueberschuhe – die Hände beschmutzt. Da ist es nun mit Waschgelegenheiten auch bei Gastgebern, die sich und ihren Gästen derartiges leisten könnten, oft recht dürftig bestellt. Der praktische Gesellschaftsmensch, namentlich die Dame, wird bis zum Eintritt in den Empfangsraum die Hände durch Handschuhe schützen, die eventuell schmutzig werden dürfen und die man eben kurz vorher auszieht, bevor man sich in seinem Festtagsglanze präsentirt. Solchen Gastgebern, die hierzu in der Lage sind, und die Wert darauf legen, auch in den scheinbar nebensächlichsten Dingen ihren Gästen jede Annehmlichkeit in möglichst hohem Maße zu bereiten, wäre zu empfehlen, nicht nur für bequeme Waschgelegenheiten, sondern auch für warmes Wasser zum Waschen der Hände zu sorgen. Aber Alles hat seine Grenzen. Wannenbäder z.B. werden wohl sogar in den Palästen der amerikanischen Milliardäre den[229] geladenen Diner-Gästen nicht offerirt; auch den Mitgliedern des deutschen Reichstages hat man ja die Wohlthat von Wannenbädern im Reichstagsgebäude nicht gegönnt, als seiner Zeit ein solcher Antrag eingebracht wurde.[230]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 219-231.
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