»Was zieh' ich bloß an?«

[57] Er: »Diesmal bin ich tatsächlich in der Tinte – was soll ich machen? – Um sechs Uhr zum Tee bei Justizrats und schon um Punkt acht zum Abendbrot bei Ludwig?! Wenn ich am helllichten Tag im Smoking herumlaufe, denken die Leute, ich bin ein Kellner oder Stehgeiger ...!«


»Was zieh' ich bloß an«

Sie: »Wozu hast du dir eigentlich das schöne schwarze Jackett mit der gestreiften Hofe machen lassen – du gehst damit zum ›Jour‹ und von dort gleich zum Essen – ich entschuldige inzwischen telephonisch dein Dreß!«

Ach, wenn nur alle Frauen so rasch den gordischen Knoten durchhauen könnten, denn manchmal ist wirklich selbst der beste Rat vergebens. Da sind zum Beispiel diese Hochzeiten und feierlichen Akte zu früher Mittagsstunde! Soll man einem Menschen von Geschmack und Feingefühl zumuten, bei strahlendem Sonnenschein in Frack und Zylinder der Galakutsche zu entsteigen, um zwischen neugierigen Zaungästen förmlich Spießruten zu laufen?

Habt daher ein Einsehen, schreibt für euch selbst und eure Freunde zum Kirchgang Cutaway und glänzenden »top-hat« vor, sonst kann es passieren, daß – wie vor einigen Jahren bei einer süddeutschen Patrizierhochzeit geschehen – einige Elegants in dunkelblauen Fräcken anmarschieren.

Überhaupt hat die Mode des tief getönten Abendanzugs etwas Faszinierendes an sich; erst in diesen Tagen wieder erregte der smarte Prince of Wales Aufsehen, als er bei einer Hofgesellschaft den flaschengrünen Frack kreierte. Sogar auch das Münchener Odeonkasino und die Ballnächte des Deutschen Theaters der Isarstadt können von einem Kreis tonangebender Viveurs erzählen,[57] die mit zäher Beharrlichkeit ihren feudalen Frack in leuchtendem Bischofslila Abend für Abend anlegten.

So wie für die am Tage festlich begangene Hochzeit der »Weggeschnittene« mit schwarzem Paletot, gegebenenfalls Frack mit schwarzer Weste, obligatorisch ist, gebietet auch die Trauerfeier an der Grabstätte und im Heim strengstes Schwarz für alle Nahestehenden, selbst den blanken Zylinder verdeckt das Florband. Als Pflichtmitläufer darfst du zum dunkelblauen Sakko einen schwarzen Längsbinder nehmen – jedoch Paletot und Hut wiederum: Schwarz!

Hat dich dann dein Instinkt richtig durch Szylla und Charybdis geleitet, obliegt dir schließlich die Verpflichtung, auch daheim Takt und Kultur zu beweisen.

Verschone die Augen deiner Mitmenschen mit dem unerfreulichen Anblick eines in Hemdsärmeln herumstolzierenden Hausherrn. In der heißen Jahreszeit leisten ein mantelartiger Überwurf aus diskret gemustertem Seidenkrepp mit Schalkragen oder das Russenhemd unersetzliche Dienste. Ob am Schreibtisch, bei der Morgengymnastik oder im Kreise der Familie, immer geben die praktischen, leicht waschbaren Kleidungsstücke dem Träger das Gefühl, »angezogen« zu sein. Die so bequemen und vornehmen Rauchjacken aus Flauschstoffen für die Wintermonatehingegen sind wie geschaffen, um geschenkhungrigen Anverwandten die Sorge für den Weihnachtsgabentisch abzunehmen, und schon deshalb allein daseinsberechtigt, weil sie dem pater familias für alle Zeiten den beliebten Ausruf vor dem Kleiderschrank rauben:

»Was zieh' ich zu Haus bloß an?«


»Was zieh' ich bloß an«

Quelle:
Reznicek, Paula von / Reznicek, Burghard von: Der vollendete Adam. Stuttgart 1928, S. 57-59.
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