Sport und Erotik.

[143] Sie meinen ein Paradoxon? Nein, eine Notwendigkeit! Sport ist Körperlichkeit im Exzeß. Eine Betonung des Physischen mit allem Herausheben und Verstärken derartiger Komplexe. Auch Liebe kann Sport sein ... Die Grenzfälle sind kaum zu unterscheiden. Haben Sie nicht auch einmal während oder nach sportlicher Anstrengung die süßen Aufregungen sanfter Erotik verspürt? Leugnen Sie nicht, es ist so!

Der Nervenkitzel des Hart-auf-Hart-Gehens, die Sensation des Tempos, die Turbulenz der ständigen Bewegung schaffen einen Nährboden für das Fluidum der Sensibilität aktiver und passiver Natur.

Mit vitalster Macht springen Augenblicksblitze in Sekunden von Eindrücken auf uns über – aufpeitschend, faszinierend, Wünsche oder Erinnerungen weckend. Die hundertprozentige Vorbedingung für »Liebe auf den ersten Blick« ... Großstadtlärm. Der Schupo hebt den Arm. Um die Ecke saust dröhnend die schwere Rennmaschine. Auf dem Sozius angepreßt das Sportgirl. Der Rock aus seinem Tuch straff gespannt, Konturen zeichnend, weit hoch geschoben. Die langen, schlanken Beine bis zum Unterschenkel »kniefrei« – in zartestem Seidenstrumpf. Oder: silberglitzernder Wasserspiegel. Sonne lastet über den Fluten. Vor der leichten Brise huschen die Segler dahin, an Bord, gegen Bänke und Schlagseite gestemmt, braungebrannte Gestalten in lichtem Dreß. Da – plötzlich – schnellt im Skuller ein weißes Etwas heran, gestählten Armes die langen Riemen durchziehend. Auf dem Rollsitz bei näherem Hinsehen eine rassige Kleine, die pechrabenschwarzen Strähnen im Windzug flatternd. Ganz bei der Sache. Aufleuchtend folgen ihrem Wasserweg begehrliche Augenpaare von hüben und drüben. Schimäre ...

Die Salzflut der See leckt die Körper, streichelt und peitscht sie wie in schärfster Massage. Die ständige Friktion verlockt zu behender Beweglichkeit. Der scharfe Kontrast versengender Sonnenstrahlen treibt Ströme frischen Blutes durch die Adern. Auf Sandbänken Menschenleiber voll Erwartung, voll Sehnsucht nach irgend etwas, was kommt oder kommen wird, heute – morgen oder irgendwann. Bis ein jäher Hechtsprung alle lethargischen Empfindungen unterbricht. Die spielerische Jagd untereinander, ein Zu greifen, Blickefangen – ein Spiel im Wasser – ein Spiel mit dem Feuer!


Sport und Erotik

Über der roten Decke des »En-tout-cas«-Platzes saust der kleine Ball endlos hin und her. Das Weiß der Kleidung hebt die Umrisse, kurz – überkurz das neue Tenniskomplet. Durchsichtig der dünne Sommerstoff. Die harten Schlagbewegungen, die blitzschnellen Wendungen, das momentane Vorlaufen, Springen, Knien und Stoppen finden Ausgleich im konformen Flattern des Rocksaumes. Die atembeklemmende Spannung des Kampfes, die Phasen des Verlaufs machen aber Äußerlichkeiten vergessen, lassen kaum Gewagtes aufkommen. Nur der Neuling verpaßt Entscheidendes im Schlag, wenn sich sein Blick zur Partnerin verirrt – ihn verwirrt ...

Majestätisch starren die Zacken der Bergriesen in das Azurblau. Wie ein Bienenschwarm das Treiben im hochgelegenen Kurort. Von der Promenade bis zum Waldweg, von der Hotelterrasse bis zum Saumpfad. Zu früher Stunde schon im Anstieg die alpinen Jünger. Unter ihnen Edelamateure des Bergsports. Die zarten Finger verlieren Politur, die Knie der Amazonen schrammen sich ab, Absätze sind in Gefahr. Ob enges Kletterhoschen oder anliegendes Cheviotwollkleid – gleich anziehend der Anblick für den Nachsteiger ...

Achtzig Kilometer Tempo – gleichförmig zieht der Sechszylinder summenden Motors seine Bahn. Die Augen des Lenkers verfolgen prüfend den Weg, während im Fond ... Lederhütchen über frechem Jungengesicht, Strickkostüm aus bunter Wolle, derbe Schuhchen und langschenklige Sportstrümpfe. Der wechselnde Luftstoß umspielt den kleinen Ausschnitt, erschwert Verständigung – doch wozu Worte? Der Autosport hat eigene Gesetze!

Zweihundert Kilometer Tempo – der Trumpf des Außergewöhnlichen. Sport der Extravaganz. Die Dame am Steuer von gestern, die Frau von Welt am Knüppel des Flugzeuges oder in der Kabine – von heute. »Vorwärts« heißt die Losung. Bewunderung gebiert Leidenschaft – Liebe. Das Trittbrett zum Junkers kann zum »höchsten'« Erlebnis führen ...

Sport wird zum Fundament fortschrittlicher Annäherung. Reinlich und ehrlich die Impressionen, die Auslösungen der Spannungen, die Lösung der Konflikte. Sie halten es für unmoralisch? Nein, im Gegenteil – unerläßliche Reaktion gegen verlogene Ballsaalromantik, gegen unästhetische Stubenerotik – das Menschengeschlecht auf dem richtigen Wege zur »Kraft und Schönheit«![145]


Sport und Erotik

Quelle:
Reznicek, Paula von: Auferstehung der Dame. Stuttgart 7[o.J.], S. 143-146.
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