Ist es meine Schuld?

Ist es meine Schuld

[155] Man sagt: »Natürlich die Männer, sie fangen an, sie hören auf, sie spielen mit uns (wir nicht etwa mit ihnen, ausgeschlossen, wir nehmen alles ernst!), wenn sie uns genügend ausgenützt haben, werfen sie uns fort (fortwerfen ist der typische, immer wiederkehrende Ausdruck).« Im umgekehrten Fall haben wir immer recht, wenn sie stumpfsinnig, geistlos, langweilig, ungepflegt sind (das merkt man meistens erst vier Wochen zu spät), ist es Selbsterhaltungstrieb, ihnen »adieu« zu sagen. Nur sie dürfen es nicht zuerst, nie und unter keiner Bedingung. Wenn aber doch, gibt es keine Gnade, kein Verstehen, keine Einkehr, selbst nicht, wenn ein Brief so scharmant, so spöttisch und so wahr und so belehrend geschrieben ist, wie man in den »liaisons dangereuses« von Lenclos lesen kann:

»Alles wird langweilig, mein Engel, das ist ein Naturgesetz: es ist nicht meine Schuld.«

»Wenn mich ein Abenteuer heute langweilt, das mich seit vier tödlich langen Monaten ganz und gar in Anspruch genommen hat, ist es nicht meine Schuld.«

»Wenn ich, zum Beispiel, gerade ebenso leidenschaftlich als du tugendhaft gewesen bin, und damit ist viel gesagt, dann ist nicht zu verwundern, daß eins zur selben Zeit zu Ende ist wie das andere. Es ist nicht meine Schuld.«

»Heute verlangt eine Frau, die ich bis zur Bewußtlosigkeit liebe, ich solle dich opfern. Es ist nicht meine Schuld.«

»Ich sehe ein, daß dies eine gute Gelegenheit ist, über Eidbruch zu schreien: aber wenn die Natur den Männern nur Beständigkeit verliehen hat, während sie den Frauen Hartnäckigkeit gab, ist es nicht meine Schuld.«

»Glaube mir, suche dir einen andern Liebhaber aus, wie ich mir eine andere Geliebte ausgesucht habe. Dieser Rat ist gut, sehr gut; wenn du ihn schlecht findest, ist es nicht meine Schuld.«

»Lebe wohl, mein Engel, ich habe dich mit Vergnügen genommen, ich verlasse dich ohne ich zu dir zurück. Das ist der Lauf der Welt. Es ist nicht meine Schuld.«


Ist es meine Schuld

Quelle:
Reznicek, Paula von: Auferstehung der Dame. Stuttgart 7[o.J.], S. 155-157.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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