Aufenthalt und Merkwürdiges in Haag

[173] Wir reiseten über Haarlem und Leiden, wo man uns fast alle Augenblicke eine Art von Klingelbeutel vorhielt und für eine verunglückte Frau mit »neegen Kinders« oder für einen andern Unglücklichen unser tätiges Mitleid in Anspruch nahm. An dem Damme Halfweg mußten wir aussteigen, um auf einer andern Treckschuit unsre Reise zu vollenden. Wir kamen wohlbehalten im Haag an und traten im »Maréchal de Turenne«, einem großen Hotel, ab. Hier erfuhren wir, daß der Erbstatthalter von Oranien verreiset wäre.

Haag ist der größte und schönste Flecken in ganz Europa. Er liegt in der Grafschaft Holland, eine halbe Stunde von der Nordsee, eine Stunde von Delft, eine Meile von Leiden und drei Stunden von Rotterdam, in einer anmutigen Gegend, wo man an einer Seite die nahe See, an der andern die üppigsten Blumenwiesen und an der dritten einen angenehmen Wald erblickt. Er ist nicht mit Mauern, sondern nur mit Wassergräben umgeben, welche mit Zugbrücken versehen sind.

Den Anlagen nach ward er von den älteren Beherrschern Hollands zu den beschlossenen Städten gerechnet und mit Stadtrecht und andern Freiheiten versehen. An Größe, Schönheit und Reichtum wetteifert Haag mit den vornehmsten Städten; denn sein Umkreis beträgt zwei Stunden und begreift gegen hundert Gassen und eine Menge mit Bäumen besetzter Kanäle in sich. Außer den sechs öffentlichen Plätzen findet man treffliche Spaziergänge, unter denen besonderes das Vorhout und der Tiergarten über dem Wassergraben berühmt sind. Auch haben die Haagischen Abgeordneten jederzeit den Versammlungen anderer holländischen Städte beigewohnt. Die Reformierten haben hier drei Kirchen, unter denen die 1399 vom bayer'schen Herzog Albrecht gebaute sogenannte Große Kirche, welche mit unzähligen Ritterwappen verzieret ist, den vorzüglichsten Rang einnimmt. Die[174] Franzosen hatten, als ich da war, die Hofkapelle inne, die Deutschen und Engländer aber eine Kirche in Gemeinschaft. Auch die Lutheraner hatten ihre Kirche, die Katholiken aber hielten ihren Gottesdienst bei verschiedenen Gesandten, vorzüglich im spanischen Hofe.

Das vornehmste weltliche Gebäude ist unstreitig der Hof von Holland, die Residenz des Erbstatthalters. Es ist vom Grafen Wilhelm von Holland im Jahr 1249 nach seiner Zurückkunft aus Deutschland erbaut worden. Dieses an drei Seiten mit einem Graben und auf der vierten Seite von einem Viereck begrenzte weitläuftige Gebäude war der Versammlungsplatz für die Stände der Vereinigten Niederlande, Hollands, Ost- und Westfrieslands und der Sitz aller übrigen Kollegien. Auch der Alte Hof, in welchem die verwitweten Prinzessinnen von Oranien zu residieren pflegen, ist ein merkwürdiges Gebäude, an dem ein sehr schöner Garten ist. Vor alten Zeiten soll es der Hof der Herren von Brederode gewesen sein.

Rings um den Haag sind reizende Dörfer, unter welchen besonders Scheveningen sehr besucht wird, welches eine halbe Stunde vom Haag und ganz nahe an der See liegt. Der dahin führende, mit Bäumen besetzte Weg ist mit großen Kosten durch die Dünen oder Sandberge gegraben und unter Leitung eines gewissen Schimmelpfennig mit Backsteinen gepflastert. Auf halbem Wege liegt Zorgvliet, wo der Graf von Portland einen herrlichen Orangeriegarten angelegt hat.

An den andern Seiten des Haags sind die drei Lusthäuser des Königs Wilhelm von England, das Haus zu Rijswijk, in welchem der bekannte Frieden im Jahre 1697 geschlossen wurde, das von der Prinzessin Amalie von Solms gebaute sogenannte Prinzessinhaus, welches sich durch einen großen Saal auszeichnet, worin die Taten ihres Gemahls, des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, von den berühmtesten holländischen Malern dargestellt sind. Nahe dabei liegt das von einem Herrn[175] von St. Anneland erbaute Lusthaus Clingendael, woran ein schöner Garten ist.

Die Besichtigung dieser und anderer Merkwürdigkeiten mußten meinen Herrn für den Verdruß entschädigen, den Zweck seiner Reise ganz verfehlt zu haben, indem er nicht einmal einen Brief abgeben konnte.

Indes blieb diese Reise für meinen Herrn nicht ohne angenehme Rückerinnerung. Er hatte aus seinem Fenster eine gegenüber wohnende, außerordentlich schöne Kaufmannsfrau bemerkt und mit ihr geliebäugelt. Ich erhielt den Auftrag, mich nach ihren Verhältnissen näher zu erkundigen. Ein Geschäft, das nicht rühmlich ist. Doch ich erfuhr, daß sie einen sehr geizigen, eifersüchtigen Mann hätte, von dem sie mit Argusaugen bewacht würde. Mehr bedurfte es nicht, meinen Herrn zu einer Liebesintrige mit ihr zu ermuntern. Er hatte einige Ringe von Werte, die er mir auf seinem Zimmer dem Kaufmann zu verhandeln übertrug, den er überreden wollte, daß wir beide Handelsleute aus Thüringen wären. Kurz vorher, ehe die Läden geschlossen zu werden pflegen, begab sich mein Herr in das Gewölbe des eifersüchtigen Ehemannes. Es dauerte nicht lange, als ich ihn, vom Kaufmanne und seiner Gattin bekomplimentiert, wieder herauskommen und die Straße abwärts gehen, bald darauf aber den Kaufmann gerade auf unser Hotel zukommen sah. Ich hatte, meiner Rolle gemäß, mich in die besten Zivilkleider meines Herrn geworfen, die wir kurz vorher bei einem Juden erhandelt hatten, und eben das Empfangskompliment überdacht, welches ich zu machen hatte, als der Kaufmann an unser Zimmer anklopfte. Ich bat ihn höflichst einzutreten, entschuldigte mich, daß ich ihn zu mir inkommodiert habe, und legte ihm, sobald er auf dem Sofa Platz genommen, die Ringe zur Ansicht vor. Er fand sie schön und frug nach deren Preisen. Eine geraume Zeit ließ ich ihn warten, indem ich verlangte, daß er mir das erste Gebot tun möchte; erst als er darauf bestand, daß ich fordern solle, verstand ich mich dazu,[176] worauf der eigentliche Handel begann, den ich so lang als möglich aufhielt, bis ich sah, daß er ungeduldig wurde. Jetzt schloß ich den Handel ab und nahm sechzig Dukaten in Empfang. Während der Kaufmann aufzählte, trat der Marquerur mit dem bestellten Wein und Konfekt in die Stube. Ungeachtet seines ernstlichsten Protestierens, daß er um diese Zeit keinen Wein zu trinken pflege, ließ ich nicht nach, bis er auf den geschloßnen Handel eine Flasche Wein mit mir ausgestochen hatte, worauf er sich unaufhaltsam von mir empfahl und mir Revanche versprach. Während er Abschied nahm, hatte ich ein weißes Tuch, als verabredetes Zeichen, zum Fenster hinausgehängt und dadurch meinen Herrn zum schnellsten Abschied von seiner Schönen veranlaßt. Als ich den Kaufmann bis an die unterste Stufe der Treppe begleitet hatte, kam mein Herr mit glühendem Gesicht und verbißnem Lächeln uns entgegen. Er suchte den Kaufmann zu bewegen, uns nochmals auf unser Zimmer zu folgen, er schlug es aber schlechterdings ab und bat uns dagegen, morgen auf ein Frühstück bei ihm einzusprechen, welches wir zusagten.

Bei der Ankunft auf unserm Zimmer brach mein Herr in übertriebene Lobeserhebung seiner Huldin aus und schwur, daß er nie einen schnelleren und herrlicheren Sieg errungen habe. Sowie er gesehen hätte, daß der Kaufmann in unser Hotel gegangen wäre, sei er umgekehrt und in den Laden zurückgegangen, wo die schöne Kaufmännin schon auf ihn gewartet und, nachdem sie das Gewölbe geschlossen, ihn in ihr Zimmer geführt und mit Beweisen ihrer Zuneigung beglückt habe. Es wäre nur schade gewesen, daß ich so bald das Zeichen zum Aufbruch ausgehängt und ihn dadurch um einen längern Genuß ihrer Reize gebracht hätte. Zum Beweise seiner Zufriedenheit beschenkte er mich mit vier Dukaten und übertrug mir zugleich, auf den folgenden Mittag alles zu unsrer Rückreise nach Amsterdam in Bereitschaft zu setzen.

Wir hatten einen sehr vergnügten Abend, indem wir uns[177] wechselsweise, bis wir schlafen gingen, unsre gehabten Abenteuer erzählten. Kaum waren wir morgens aufgestanden, so erschien die schöne Kaufmannsfrau am Fenster, um den Morgengruß meines Herrn in Empfang zu nehmen und liebäugelnd zu er widern. Das war eine liebe Not zwischen beiden Verliebten, als ob sie im Entzücken des Anschauens zerschmelzen wollten. Endlich wurde das Gewölbe geöffnet, beide zogen sich von dem Fenster zurück; ich mußte meinen Herrn ankleiden und, sowie ich mich gleichfalls in Glanz geworfen, die Treckschuit bestellen.

Als ich zurückkam, hatte der Kaufmann uns nochmals zum Frühstück einladen lassen, und wir säumten daher nicht, uns dabei einzufinden. So sorgfältig der Herr Ehegemahl sein reizendes Weibchen im Auge behielt, so konnte er doch nicht verhindern, daß sie jeden günstigen Augenblick benutzte, durch sprechende Mienen meinem Herrn ihre Leidenschaft auszudrücken. Um dem liebenden Pärchen Gelegenheit zu verschaffen, sich zeugenlos zu sprechen, nahm ich den lieben Eheherrn ins Gebet und veranlaßte ihn, mir im Gewölbe einige Waren zu zeigen, um die ich so lange handelte, bis ich glaubte, daß es Zeit sei, ohne zu kompromittieren in das Zimmer zurückzukehren. Um unsre Rückkehr anzudeuten, macht ich vor der Türe solche Kratzfüße gegen den argwöhnischen Eheherrn, wegen des Vortritts, daß bei unserm Eintritt die Zurückgebliebenen in einer so devoten Haltung einander gegenübersaßen, daß ich mich kaum des Lachens erwehren konnte. »Sie haben ja wohl den ganzen Laden ausgekauft?« rief sie mir freundlich entgegen, während ihr Mann mich wieder zum Niedersitzen nötigte. »Ach nein«, antwortete ich, »nur einige Reisebedürfnisse! Ich sah so mancherlei schöne Sachen in Ihrem Laden, daß mir die Wahl schwer wurde.« – »Sie erzeigen«, erwiderte sie, »unserm Laden durch dies Kompliment eine Ehre, für die ich Ihnen ein Gegenkompliment machen muß!« Sie ergriff darauf ein Glas Wein, stieß damit an und sagte: »Auf die Höflichkeit der Herren Thüringer!« –[178] Wollte ihr Mann wohl oder übel, er mußte auf den ausgebrachten Toast mit anklingen und bei dem letzten Glas auf unsern Dank anstoßen, den ich ihm für sein gastfreundschaftliches Frühstück, mein Herr aber insgeheim noch für die Gefälligkeit darbrachte, daß er ihn so lange mit seinem Augapfel allein gelassen hatte.

Beim Abschiede war das listige Weibchen behende genug gewesen, meinem Herrn einen schönen Ring zum Andenken an den Finger zu schieben und dadurch den Profit wieder zurückzugeben, welchen ihr eifersüchtiger Gatte bei dem Ringhandel gemacht hatte. Mein Herr war über den Ausgang dieses Abenteuers so vergnügt, daß er mir nicht nur die vier Dukaten wieder ersetzte, die ich für die erhandelten Sachen ausgegeben hatte, sondern die Sachen obendrein zum Geschenk machte.

Die Stunde der Abfahrt nahte heran, deswegen wurde im Wirtshause bezahlt und unverzüglich nach der Treckschuit gegangen, welche einige Minuten darauf mit uns nach Leiden abfuhr, wo wir übernachteten, aber nicht schlafen konnten, da in einem Teermagazin Feuer ausbrach, welches einen Schaden von mehr als hunderttausend Talern anrichtete, ob es gleich noch zeitig genug gelöscht wurde.

Kaum benetzte der Morgentau die Auen, so gingen wir auf einer Treckschuit wieder nach Haarlem ab, wo wir gegen Mittag eintrafen. Diese große Stadt zählt 9737 Häuser und steht mit Amsterdam und Leiden durch einen Kanal in Handelsverbindung. Sie liegt an dem Flusse Spaaren, nur eine Stunde vom Meere, in einer mit Dörfern besäeten Gegend. Auf Veranlassung Philipps des Zweiten, Königs von Spanien, wurde sie zu einem bischöflichen Sitze unter dem Erzbischofe von Utrecht erhoben. Vermutlich haben die Normänner im neunten Jahrhundert den Grund zu dieser Stadt gelegt, welche mit schönen Marktplätzen, einem prächtigen Rathause und vielen andern öffentlichen Gebäuden gezieret ist. Im Jahre 1347 ward sie ganz in die Asche gelegt, und[179] im Jahre 1572 schüttelten die Einwohner, die zur reformierten Religion übertraten, das spanische Joch ab. Dieses hatte zur Folge, daß sie nach achtmonatlicher Belagerung sich an den Sohn des Herzogs von Alba, Friedrich von Toledo, auf Gnade und Ungnade ergeben mußten, worauf der größte Teil der Bürger gehangen oder ersäuft wurde. In der Folge bemächtigten sich die Generalstaaten wieder dieses Orts, welcher sich rühmt, daß die Buchdruckerkunst von Laurenz Coster, ihrem Mitbürger, erfunden worden wäre.

Unter andern besuchten wir daselbst das außerordentlich schöne Haus und den Garten des Bankier van der Hoop, der, wie man sagte, an die schönen Anlagen seines Gartens über zwei Millionen Gulden gewendet haben solle.

Nach Befriedigung unsrer Neugierde gingen wir wieder zu Schiffe und kamen wohlbehalten gegen Abend wieder in Amsterdam an.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 173-180.
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