Einzug in die Schule und – neues Unglück

[56] Der Sommer ging zu Ende, ich half einernten, das Feld bestellen und befand mich wieder wohl, als Bostel eines Morgens zu mir sagte: »Die größte Arbeit ist getan, und du kannst nun auch bei Herrn Christlieb (einem getauften Juden) in die Schule gehen.«

Dieses hatte ich mir lange gewünscht, da ich bisher bei Bostels allen Schulunterricht entbehret hatte. Ich besuchte daher nicht nur Herrn Christliebs Religionsvorträge und Schreibestunden, sondern auch den Unterricht eines Kandidaten, welcher Geschichte und Rechenkunst lehrte. Von seinem Vortrage, welcher in plattdeutscher Sprache geschah, mag folgende Einleitung zur Katechismuserklärung[56] eine Vorstellung geben: »Dine Hände, Herr, hebben mi geschapen und gemacket, allent, wat ick umme und umme bin; gedenke doch, dat du mi ut Lerne gemacket hefst, und de werst mi wedder to Lerne macken. – Hefst du mi nick als e Melck gemolken und all e Käse laten runnen? Du hefst mi Hut und Flesch angetogen, met Knocken von andern hefst du mi tosamen gemächet, dat Leuent und Wohltat hefst du an mi getan, und din Upsehend bewahret mien Atem. De Herr is Gott, he heft us gemacket und nit wi selvst. Amen.«

(Hierauf wurden die Hauptstücke vorgenommen und durchgegangen.)

Kaum hatt ich mit einem Schulkameraden, namens Winkelmann aus Zollenspieker, Bekanntschaft gemacht und mich mit ihm einige Wochen geübt, Fraktur und Kanzlei schreiben und Auszüge machen zu lernen, welches ihm schlechterdings nicht gelingen wollte, so traf mich ein neuer Unfall. Das Pferd schlug mich, und zwar so gefährlich, daß ich um das rechte Auge gekommen wäre, wenn es mich einen Fingerbreit tiefer mit dem Hufe getroffen hätte.

Die Kur der Wunde nahm kurze Zeit hinweg und erlaubte mir bald wieder den Schulbesuch, durch den ich, besonders im Rechnen und Schreiben, augenscheinliche Fortschritte machte.

So war der Winter verstrichen, das Frühjahr trat ein und mit ihm die Feldarbeit, welche meinen Schulbesuchen ein Ende machte. Nachdem ich schon einige Schulstunden versäumt hatte, ließ der Lehrer sich erkundigen, warum ich nicht mehr in die Schule käm, worauf mein Pflegevater zur Antwort sagen ließ, vom Schulgehen könnte man nicht leben, nunmehr müßte wieder gearbeitet werden! – Wirklich ließ er mich auch nicht wieder hineingehen, ob ich die Schule gleich frei hatte.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 56-57.
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Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers
Der deutsche Gil Blas. Eingeführt von Goethe. Oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers